Freitag, 30. Mai 2025

... meine liebe Angeklagte

 


Jardin du Luxembourg - Fontaine de Médicis

(...  über Musterschüler, Paris, Psychoanalyse, Chats und Horoskope)


Liebe Marlena
Am Montagmorgen 3 neue Mails in meiner Box zu finden, das ist schon ein Rekord, um nicht zu sagen eine Sensation. Ist es der Frühling? Oder war es deine einsame Stimmung? Oder beides? Was heisst hier Fleissarbeit? Das ist wie die Arbeit eines Musterschülers? Weißt du, was ein Musterschüler ist? Das sind diejenigen Schüler, die alles für ihre Lehrkräfte tun, die immer aufmerksam sind, alle Hausarbeiten bis zum Hintersten und Letzten gemacht haben und an den Lippen der Lehrerin hängen. Sie sind in der Klasse nicht sehr beliebt, ja sie sind geradezu ekelhaft, weil sie den Masstab der Lehrkraft unnötig in die Höhe treiben. Sie sind die, die die Lehrkräfte verwöhnen, so dass diese pädagogischen Menschen schliesslich nicht mehr auszuhalten sind. Kurz und gut: Musterschüler sind einfach unmöglich und asozial!!
In unserer Klasse des Gymnasiums hatten wir einen Musterschüler. Er war so wie ein Musterschüler aussehen muss: Brille, bleiches Milchgesicht, noch ohne Bartwuchs, schlappe Statur und im Turnen eine Null. Er hat immer alles gewusst, was man lernen konnte. Wenn die Mädchen vorbeigingen, hat er weggeschaut. Er war irgendwie saft- und kraftlos. Wir haben ihn nicht geplagt oder gehänselt, aber wir haben ihn eigentlich auch nicht respektiert. Wir haben ihn – mit einem Wort – geschont. Und da ich, und vielleicht 2 oder 3 andere ebenso gut waren in der Klasse, hatten wir die heikle Aufgabe, uns von diesem Niklaus abzugrenzen. Man ist gerne gut in der Klasse, aber man möchte gleichzeitig auch eine soziale Position haben. Und so darf man sich mit den Lehrkräften nicht überidentifizieren. Man muss ab und zu auch einen Streich spielen und zeigen, auf welcher Seite der Front man eigentlich steht. Man darf nicht immer nur Note 6 herumzeigen. Das ist sehr schlecht für das Image als Schüler. Man muss auch mal eine ungenügende Note haben und sie dann allen und deutlich herumzeigen. Da und dort muss mal eine Prüfung in die Hose gehen, weil man am Vorabend absolut keine Zeit hatte, die Lektion zu lernen. Man muss - mit anderen Worten - den Klassenkameraden beweisen, dass es noch andere, noch wichtigere Sachen im Leben gibt als bloss die Schule und die Zensuren (in der Schweiz nennt man die Zensuren „Noten").

In der 5. Klasse gab es an unserer Schule traditionellerweise einen Feiertag in Gedenken an den heiligen Chrysostomos (ich habe Dir gesagt, es war eine katholisches Internat, ehemalige Jesuitenschule, dh. die hellsten Köpfe der Katholiken). Alle Schüler der Klasse hatten ein Gedicht zu rezitiern. Ich aber wurde damit beauftragt, die offizielle Rede als Schüler zu halten. Das Problem war, dass ich damals gar nicht wirklich realisiert hatte, dass dies im Grunde genommen eine Ehre war. Ich war eher verärgert und unwillig, dass ich noch eine Rede schreiben musste, während meine Kollegen bloss ein Gedicht auswendig lernen konnten. Ich hatte keine Ahnung, wie man eine Rede aufbaut. Ich war nicht katholisch und hatte keine Ahnung, was es mit diesem heiligen Chrysostomos auf sich hat. Wie gedenkt man denn einem katholischen Heiligen? Ich hatte wirklich keine Ahnung! Mein Lehrer hat mir sehr wenig geholfen. Ich glaube, er hat versucht, sich respektvoll zurückzuhalten und wollte mich einfach machen lassen. Er hat es wahrscheinlich gut gemeint. Und ich war echt unsicher und habe meine Rede geschrieben, habe sie zuhause vor dem Spiegel immer wieder geübt und an jenem Tag, vor allen Eltern und Schülern, dann auch gehalten. Ich war furchtbar aufgeregt. Ich hatte die ganze Zeit vorher das Gefühl, dass ich demnächst zur Guillotine geführt würde. Alle meine Kollegen schienen vergnügt und lachten und machten ihre Scherze. Und ich sass dabei, niedergedrückt von der schweren Last und Verantwortung der ganzen Welt zusätzlich derjenigen des heiligen Chrysosomos auf meinen Schultern. Ziel wäre gewesen, die Rede frei, dh. auswendig zu halten. Aber irgend einmal wusste ich nicht mehr weiter. Und so habe ich meine Papiere hervorgekramt und dabei erwähnt, dass der Pfarrer dies in der Kirche auch so tue. Mein Lehrer hatte mir vorher unter vier Augen empfohlen, falls ich den Faden verlieren würde, mit einem solchen kleinen Scherz den Faden wieder zu finden. Das war meine erste Rede in meinem frühen Leben. Ich habe sie überlebt, Marlena, die Rede, nein die Guillotine! Und das kommt – weiss Gott – selten vor!

Für das Abitur (in der Schweiz „Matura" = bac.) gab es an der Schule die Tradition, dass die Klasse eine Karte drucken lässt, die man dann verkaufen sollte, um einen finanziellen Zustupf für die Maturareise zu erhalten. Die Klasse hat meinen Entwurf gewählt und so war ich damit beauftragt, die Karte zu gestalten und dann auch drucken zu lassen. Wenn ich die Karte heute anschaue, muss ich sagen, sie war eigentlich sehr mittelmässig. Doch damals wusste ich das nicht so genau. Ich hatte damals zuwenig Erfahrung und hätte mit der Druckerei besser verhandeln sollen, damit sie farblich schöner herauskommt. Ich denke, meine Töchter sind heute besser informiert im gleichen Alter und wüssten sich rundum besser zu helfen.

Ich glaube, die Zeit am Gymnasium war meine glücklichste Zeit der Jugend. Von meinen Eltern her hatte ich absolute Freiheiten. Ich konnte kommen und gehen, wann immer ich wollte. Ich konnte abends oder morgens heimkehren, sie haben sich nie um mich Sorgen gemacht. Und ab und zu musste ich, wie gesagt, über die Fassade klettern. Leider habe ich mit meinen ehemaligen Klassenkameraden heute wenig Kontakt mehr, weil die meisten von ihnen im Wallis leben, und ich nun ja praktisch am anderen Ende der Schweiz. Nur den einen oder anderen sehe ich noch gelegentlich. Ich vermisse das sehr, denn alle sind sie heute in verantwortungsvollen Positionen tätig. Und wenn ich im Wallis leben würde, könnte ich – je nach Bedarf – den einen oder anderen anrufen und um Rat oder Unterstützung bitten. Es wäre absolut kein Problem. Jugendfreundschaften halten länger als alles andere. Hier jedoch, in der Region Basel, habe ich nur Leute, die ich erst später im Leben kennengelernt habe. Ich habe nie mit ihnen vor einer Prüfung gezittert, nie mit ihnen eine Nacht lang gebechert und Lieder gesungen, und nie zusammen um ein Mädchen rivalisiert. Sie sind für mich absolute Nobodies!

Wir waren beim Thema „Musterschüler", wenn ich mich richtig erinnere. Es ist immer gut zu wissen, in welchem Kapitel man sich gerade befindet. Du hast also einen Sonntag wie eine Musterschülerin verbracht und die Hausaufgaben von vorne bis hinten gemacht! Ich gratuliere dir dazu, Marlena! Es ist wahr, manchmal enttäuscht mich ein bisschen, dass deine Mails kurz sind. Und ich frage mich, wie geht das denn zusammen: ich schreibe Romane und du schreibst Stichworte! Das kann doch auf die Länge nicht gut gehen in diesem Ungleichgewicht! Aber ich habe zwei Argumente, die dich vor diesem harten Gericht entlasten, meine liebe Angeklagte. Einmal stelle ich mir vor, dass du in deinem Dreieckleben eben mehr unter einen Hut bringen musst als ich es tue. Du hast deine Anna, du hast den Haushalt und du hast deine Berufsarbeit. Ich dagegen habe nur meine Arbeit und noch etwas Familienzeit, die auch nicht mehr so ausgiebig ist, seit die Töchter gross sind und ihre eigenen Freizeitvorlieben haben. Allerdings arbeite ich ziemlich viel. Oft bin ich morgens um 0700h im Büro und bleibe bis abends 1900h. Wenn ich eine halbe Stunde Mittag abziehe, macht das 11,5 Stunden. Das ist zwar lange, aber es ist natürlich nicht durchgehend so intensiv wie eine Unterrichtsstunde vor einer ganzen Klasse quicklebendiger Schülerinnen und Schüler. Ich stelle mir also vor, dass du deine Zeit besser einteilen musst als ich. Und wenn deine Mails knapp und kurz sind, dann ist es vielleicht deswegen. Kürzlich habe ich mir auch überlegt, dass die Fremdsprache Deutsch ein Grund dazu sein könnte. Du hast einmal erwähnt, dass es dir nicht so leicht fällt, zu schreiben. Vielleicht musst du da und dort ein Wort im Wörterbuch nachschlagen? Es ist möglich, dass ich es unterschätze. Weil du völlig fehlerfreie Briefe schreibst, nehme ich an, dass du fast so rasch schreibst wie ich das tue. Und das ist wahrscheinlich nicht so? Meistens vergesse ich wirklich, dass Deutsch nicht deine Muttersprache ist. Erst jetzt, mit deinen Angaben über das Horoskop, ist es mir wieder in Erinnerung geraten.

Und der zweite mildernde Umstand ist vielleicht auch ein egoistischer. Ich habe erwähnt, dass es wohl eine glückliche Fügung ist, dass du sozusagen am anderen Ende Europas wohnst. Stell dir vor, du würdest in Zürich wohnen und ich hier in Basel. Meine Zensur (dh. Selbstkontrolle) wäre viel strenger und höher. Ich würde mir stets überlegen, ob ich dir sowas erzählen kann oder nicht. Ich würde viel kritischer sein. Gerade weil du so weit weg bist, kann ich dir frisch von der Leber weg schreiben. Du bist für mich – habe ich das nicht schon gesagt, und du hast nicht darauf reagiert? – du bist eine Art Muse. Vielleicht ist das ein merkwürdiges, eine Art himmlisches Wesen. Man könnte auch sagen, du bist mein Dr. Freud. Ich liege hier auf deinem Sofa und erzähle nach der Regel der freien Assoziation, wie das die Psychoanalyse vorschreibt. Und je weniger Dr. Freud sagt und bloss „hmmmm" murmelt, desto mehr kommt der Patient ins Reden. Jeder echte Patient – so die Theorie – entwickelt mit der Zeit eine „Übertragungsneurose", dh. eine Art von Verliebtheit in den Analytiker und begibt sich so in eine kindliche Abhängigkeit. Du bist meine „Frau Dr. Sigmuse Freud", meine Liebe, nur damit du weißt, wo wir stehen! Mit anderen Worten will ich damit sagen: Dir zu schreiben ist auch ein Vergnügen an sich. Natürlich freut mich zu wissen, dass du meine Mails liest und dass du Freude daran hast und dass du auch antwortest und dich von ihnen anregen und stimulieren lässt. Ohne das würde es gar nicht funktionieren. Natürlich ist für mich auch wichtig zu wissen, dass du eine attraktive und intelligente Frau bist, die ich respektieren und hoch schätzen kann. Aber schlussendlich ist es – und der Begriff „Tagebuch" sagt es eigentlich – auch für mich selbst ein Vergnügen, zu schreiben, über mich und das Leben nachzudenken, gewisse Fragen in Worte zu fassen, gewisse Bilder oder Formulierungen zu finden, die ich in meiner Arbeit, in meinen Vorträgen oder in meinen Beratungen wieder brauchen kann. In diesem Sinne ist es ein bisschen mein Tagebuch. Das ist sehr nützlich einerseits und sehr angenehm andererseits. Ich habe schon erwähnt: für mich ist es, als ob ich mich eine halbe Stunde auf die Veranda an die Sonne lege (Ozon hin oder her!), warm emballiert (das süsse Wort hat mich amüsiert), und vor mich hin träume. Das ist sehr entspannend. Es ist ebenso weich und komfortabel wie auf der Coach der Psychoanalyse, und ich kann mich ein bisschen in die Frau Dr. Sigmuse Freud verlieben. Das wäre niemals möglich, wenn du in Zürich leben würdest. Stell dir vor, ich würde mir deinen Zürcherdialekt vorstellen. Schrecklich!!! Ich wüsste ungefähr, in welchem Quartier du wohnst. Undenkbar!!! Ich kennte vielleicht die Schule, wo du unterrichtest. Unmöglich!!! Kurz und gut, ich müsste in meinen Briefen jedes Wort zweimal drehen und überlegen. Es wäre absolut unmöglich. Ich könnte dir blosse Küchenrezepte und Wetterberichte und Fahrpläne schreiben, sonst gar nichts. Aber so fern wie du bist, in Stockholm, das ist unendlich weit, das ist doch fast nicht mehr auf dieser Welt, das ist so unbestimmt und ungenau wie eine helle Nebelwand. Und das eben ist Psychoanalyse. Die Frau Dr. Sigmuse Freud sitzt oben, zu Kopf des Patienten, damit er sie nicht sehen kann. Nur so funktioniert diese geheimnisvolle, jetzt 100 Jahre alte Psychoanalyse.

Mit anderen Worten, wenn wir die Champs Élysées (du weißt, was das Wort bedeutet: die Felder des Elysiums, der Glückseligkeit (war sicherlich früher das Feld der Gefallenen!), eine solch schöne Bezeichnung gibt es nur bei den Franzosen, vielleicht neben der chinesischen Bezeichnung „Platz des himmlischen Friedens", das ist auch schön gesagt, nicht wahr?) besuchen, dann gehst du – wie abgemacht! - auf der linken Strassenseite, und ich auf der rechten, aber, hör zu meine Liebe, aber du kommst von oben herunter vom Arc de Triomphe in Richtung Place de la Concorde, und ich gehe von der Concorde hinauf zum Triumphbogen. Und in der Mitte sehen wir uns von weitem (ca. 10 Fahrspuren oder so) flüchtig und etwas ungenau, zwischen den vielen Leuten hindurch. So wie sich Krebs und Skorpion mit gebührlichem Abstand begegnen, jeder den anderen respektierend angesichts der Zangen, Scheren, Stacheln und Giftreservoirs. Und so funktioniert das auch mit der Psychoanalyse, meine Liebe!

Ich habe – nebenbei – vor einiger Zeit einen kleinen Fotoband über Paris gekauft. Es sind Schwarz-Weiss-Fotos aus dem Jahre 1961, also reine Nostalgie. Das hat mir so gut gefallen, dass ich es auf der Stelle gekauft habe. Natürlich habe ich, wenn ich Bücher kaufe, immer kleine Entschuldigungen¨vor mir selbst. Ich habe mir gedacht, ich würde es meiner Schwägerin Michèle schenken, denn sie hat oft Heimweh nach ihrem Paris, wo sie aufgewachsen ist. Ich könnte es natürlich auch dir schenken, Marlena, denn du hast offensichtlich ab und zu ebenso Heimweh nach Paris. Aber du bist einfach zuuuuuuuu weeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiit weeeeeeeeeeeeg!!!!!

By the way, wenn ich dich aufs linke Seine Ufer einladen könnte, ich glaube, ich würde am liebsten mit dir in den Jardin du Luxembourg gehen. Ich schätze, das ist mein liebster Park in Paris. Zugegeben, er ist ein bisschen sinnlich leicht und verführt zu erotischen Abenteuer. Aber es ist doch ein sehr romantischer Park mit diesem grossen Weiher und den Kastanienbäumen, die schon im späten Sommer leicht rötlich angehaucht sind. Wie heisst es: Hony soit qui mal y pense? Und von Weitem erblickt man die Kuppel des Panthéon.

Du siehst, meine liebe Marlena, ich bin sehr grosszügig. Ich gebe dir die Möglichkeit, kurze Mails zu schreiben, aber ebenso die Möglichkeit, lange Mails zu hacken. Aber – unter uns – ich mag die längeren lieber. Und wenn du siehst, wie ich mich heute, nach deinen drei Mails, ins Zeug lege und abrackere und schreibe und schreibe und schreibe, so merkst du, dass für jedes deiner Worte etwa 10 zurückkommen. Jedes Wort bezahlt sich zehnmal aus. Ist das nicht eine stattliche Rendite? Davon können die modernen share holder nur träumen, von 1000% Gewinn. Das muss doch einfach jede schwedische Muse umwerfen! -- ;-)), wie du zu tippen pflegst --.



Was war unsere Kapitelüberschrift? Richtig, ich bin gerade dabei, dich für unschuldig zu erkläre, auch wenn du gelegentlich sündhaft kurze Mails hintippst, mehr gechattet als wirklich geschrieben, mehr Andeutungen als wirkliche Mitteilungen, eigentlich Gesten statt tatsächliche Handlungen. Übrigens ist Chatten keine Schwäche von mir. Ich habe es eine zeitlang (neue deutsche Rechtschreibung: „eine Zeit lang") versucht, um – sozusagen beruflich - herauszufinden, was junge Leute daran finden. Ich kannte es vorher absolut nicht. Und welche Erfahrungen habe ich gemacht? Nun ja, was soll ich sagen? Es gibt den Sonntag-Nachmittag Chat. Ich nenne das, ironischerweise, den Babystrich. Da sind junge Mädchen am Werk, die sind manchmal süss und manchmal sehr beschränkt. Meist chatten sie über Banalitäten, mindestens soweit ich das mitbekommen habe. Dann gibt es den Montag-Abend-Chat. Der ist überbelegt, weil alle frustriert sind Montag abends und sich gegenseitig etwas streicheln und küssen möchten. Ich habe festgestellt, dass Büroleute im Vorteil sind beim Chatten. Sie sind schneller im Schreiben und wirken damit etwas cleverer und intelligenter, als sie vielleicht wirklich sind. Es gibt dann die Jungen, die in Schweizerdialekt chatten. Das ist modern, meine Töchter schreiben ihre Mails auch in Dialekt. Aber sie chatten nicht im ST, soweit ich weiss. Zwischendurch gibt es einige wenige Personen, die sehr witzig und rasch und clever chatten. Da macht es dann sogar ein bisschen Spass. Aber schnell wollen sich die Leute schliesslich persönlich kennenlernen. Sie schicken Fotos und so weiter. Ich finde, das verdirbt den Reiz. Der Chat ist bloss deswegen reizvoll, weil man sich nicht kennt. Die Fantasien spielen eine grosse Rolle. Das Ganze lebt eigentlich von Fantasien, von frustrierten und von übersteigerten. Es ist ja doch die absolute Verstellung. Männer geben vor, Frauen zu sein, Alte als Junge, Verheiratete als Ledige und alles auch umgekehrt. Man darf und kann fast nichts glauben, denke ich. Und das ist es dann auch. Du wenigstens, liebe Marlena, kannst behaupten, du chattest um Deutsch zu üben. Obwohl das Deutsch-Niveau im ST nicht sonderlich hoch ist, unter uns gesagt. Aber damit hast du zumindest eine gute Begründung. Ich habe absolut keine. Ich darf eigentlich gar nicht chatten. Mailen ok, aber nicht chatten!

Kapitelwechsel

Ich werde also die Krebs-Skorpion Variante in allen Aspekten studieren. Allerdings kann ich nicht auf deine schwedischen Quellen zurückgreifen. Das ist mir dann schon etwas zu umständlich in deiner Muttersprache. In alten Zeiten hat mir eine Freundin einmal ein Buch über die Sternzeichen geschenkt. Das werde ich hervorsuchen, wenn ich es noch finde. Und ich werde dir dann haargenau mitteilen, welches unsere Chancen und unsere Risiken sind, Marlena, welches die erogenen Zonen und die geheimen Träume und die Lieblingssteine und was auch immer, sieh dich also vor! Damit werden wir die Architektur unseres Maus-Freundschaft auf ein solides Fundament stellen. Wenn man üblicherweise sagt: „Der Berg hat eine Maus geboren", so werden wir hier sagen „Die Maus wird einen Berg gebären". Ich sag es dir, Marlena, du wirst noch staunen!

Ich muss jetzt aufhören, meine Liebe, sonst bringe ich Dich arg unter Leistungsdruck. Doch lass dich nicht beeindrucken, Marlena!

Ich umarme dich auch bei kurzen Mails, bei langen drücke ich dich - pardon madame
...

Donnerstag, 29. Mai 2025

Auffahrt - und Banntag

Liebe Malou

Heute haben wir Mittwoch. Das Wetter ist ziemlich freundlich, eigentlich gutes Maiwetter. Und ab Morgen haben wir doch schon Wochenende. Ist es nicht toll, dass er 'aufgefahren' ist? Davon stammt ja doch die 'Auffahrt'. Schade, dass nicht mehr Menschen zu verschiedenen Tagen im Jahr echt aufgefahren sind. Das hätte uns mehr Feiertage gebracht. Es gibt doch schöne Gemälde, die Marias Himmelfahrt zeigen. Die haben mir immer gut gefallen. Und ich hatte den Eindruck, dass die Weltraumfahrt und all die NASA Dinge eigentlich uralt seien. Vor allem mag ich jene Bilder, die noch um die ominöse Wolke, mit der Maria aufsteigt, rund viele Menschen und Figuren zeigen, die die Auffahrt zu einem echten Happening machen.
Und am Freitag sind dann die Büros der Verwaltung offiziell geschlossen. Man darf natürlich arbeiten, aber für das Publikum sind sie geschlossen.
In unserer Gegend finden an Auffahrt in vielen Gemeinden Banntage statt. Da gehen die Bewohner der Gemeinde in einem folkloristischen Zug rund um und schreiten die Gemeindegrenzen ab. Ich glaube, diese Tradition kommt aus einer Zeit, als die Grenzsteine gerne versetzt wurden, um damit die eigenen Äcker zu vergrössern. Heute ist das nicht mehr der Grund. Übrigens hat Liestal seinen Banntag am Montag gehabt, eine Ausnahme, auf die sie sehr stolz sind.

Obwohl ich jetzt ungefähr 25 Jahre hier wohne und arbeite, war ich nie an einem solchen Anlass gewesen, obwohl immer wieder Männer die Bemerkung gemacht haben, sie würden mich einladen. In Liestal muss man dazu eingeladen werden. Und man muss Mann sein. Das weibliche Geschlecht ist nicht zugelassen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie auf eine solche Einladung eingegangen bin. Der Abmarsch der Männer in Viererkolonne, das Knallen mit alten Gewehren, das singen von vaterländischen Liedern: ich hatte mir das nie als sehr erstrebenswert vorgestellt. Doch andererseits gibt es Leute, die behaupten, um in Liestal Kontakte zu schaffen, müsse man am Banntag teilnehmen. Das hingegen kann ich einsehen. Es ist wie im Wallis. Wenn man mal mit jemandem ein Glas zuviel getrunken hat, ist man auf ewig sozusagen miteinander verbunden.

Ich habe beinahe vergessesn, das Ding zu versenden. Man wird hier so leicht abgelenkt.

Ich wünsche dir schöne Auffahrt. Aber bitte, fahr nicht zu hoch ...

MLG

...

Re: Auffahrt ...

 

subject: Gut geschützt




Ach,  mein lieber lustiger Mausfreund!

Da finde ich wieder ein so humoristisches Mail, das mir den Tag verschönert. Na ja, nicht nur humoristisch sondern auch ein wenig lästerlich. Aber wie du ja weisst, vertrage ich ziemlich gut auch Spass über solche Dinge (schon von K daran gewöhnt ;-)

So so, du steckst sie wirklich ins Gefrierfach, deine heissen Briefe.. und nachher legst du sie wohl in die Microwelle? Ich schliesse meine ein, in ein kleines Schmuckkästchen, das ich in meinem Herzen trage. Dort sind sie gut geschützt gegen alle Angriffe der Zeit. Der Inhalt bleibt intakt. Klingt das nicht schön? Eine Liebe die nie verdirbt?

(---)

Ich muss mich jetzt ein wenig hier beschäftigen. Wenn mir Zeit übrig bleibt, schicke ich dir noch ein paar Zeilen.

Bis dahin alles Liebe,
Malou


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Mittwoch, 28. Mai 2025

Rilke

 



Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.

 
Rilke
Aus: Frühe Gedichte



RE: definitiv Mai...

 

Ämne: RE: definitiv Mai...
Datum: den 4 maj 15:00


Lieber ...,
Die Fenster hier sind ganz undurchsichtig von einem heftigen Frühlingsregen. Es ist gut für die Vegetation, aber ich hoffe doch sehr, dass es morgen wieder vorbei ist.
Ich habe auf dich gewartet. Drei ganze Tage fast habe ich das getan. Und wieder merke ich, wie abhängig ich geworden bin von deinen täglichen Mails. Ist das nicht verrückt? Ich meine, schon das fünfte Jahr geht das so.
Zuerst habe ich gedacht, du liegst wieder krank zu Hause. Dann habe ich mir auch vorgestellt, dass der neue "Wurm" eure Computer unbrauchbar gemacht hat. Und schliesslich .. na ja, dein Gähnen sagt mir, dass das nicht der Fall war. Ich meine, dass du mich über einer aufregenden Beschäftigung ganz einfach vergessen hast.
Jetzt trommelt der Regen sogar gegen die Fensterscheiben. Das ist ein Geräusch, das ich eigentlich gern höre. Man fühlt sich so geborgen, wenn man dabei im Trockenen sitzen kann. :-)

Das Buch von dem Norweger hat mich neugierig gemacht. Ich werde sehen, ob ich es hier finden kann. Nicht schlecht diese drei Vorsätze: ein Kuss, ein Bild und Rom. Ich muss mir auch bald ein paar Versprechungen machen. Ich meine irgendetwas vornehmen, damit ich nicht in der Tristesse hier untergehe.

Ich habe noch keinen Lunch gegessen und es ist bereits drei Uhr. Muss also etwas essen, bevor ich weiterschreibe.
Bis später dann vielleicht.
Mit lGuK,
Malou

PS: Ja.. Buch  gefunden ...



Definitiv Mai

 

 .


 ‚Die Windsbraut’ von Kokoschka

Ämne: definitiv Mai

Liebe Malou
Heute habe ich etwas Probleme mit der Arbeit. Also versuche ich, mit einem Mail Anlauf zu nehmen. Manchmal funktioniert das, manchmal auch gar wieder nicht. Die Rezensionen sind ähnliche Treiber. Wenn es gut läuft, bringen sie mich ein wenig in Arbeitseifer. Aber er ist nicht mehr wie früher. Ich weiss nicht, woran das liegt. Früher konnte ich immer noch abends bis spät in die Nacht hinein arbeiten. Das ging immer bestens, weil dann rundum Ruhe herrschte. Aber heute bin ich zu müde dafür. Es ist eigentlich schade.

Über Mittag war im in Basel. Es gab eine kleine Führung im Kunstmuseum. Aber sie war nicht so besonders. nach einer Vierstelstunde fing ich bloss noch an zu gähnen. Es war nicht ausserordentlich, was der Typ dort erzählt hat. Er hat das Bild ‚Die Windsbraut’ von Kokoschka behandelt. Aber er hat vor allem Bezüge gemacht zur altdeutschen Malerei (war offensichtlich eine Absicht Kokoschkas, so zu malen) und zu Alma Mahler, in die er unsterblich verliebt war. Eigentlich sollte er von ihr ein Porträt malen, und dann ist es passiert. Der arme Kerl muss ziemlich gelitten haben.

Aber dafür habe ich ein gutes Jugendbuch gelesen, das mich sehr gepackt hat. Ist übrigens von einem Norweger geschrieben. Er heisst Björn Sortland, und ich behaupte mal, er ist ein überdurchschnittlich guter Schreiber. Mindestens in diesem einen Buch, das ich jetzt kenne. Aber wie er die Sache anpackt, muss ich annehmen, dass er weitere gute Bücher schreiben wird.

Im Buch landet die 13 jährige Therese übrigens mit ihrem geheimen Geliebten in Rom. Na ja, die behinderte Schwester ich auch dabei. Aber immerhin Rom, das ist kein schlechtes Happy End für einen Jugendroman. Ein bisschen überzogen vielleicht. Aber im Roman geht das. Im real Leben wäre es vielleicht eine Idee zu verwegen?

Die Figur schreibt nämlich alles auf, was sie vor dem Weltuntergang noch machen muss. Dazu gehört, einen lieben Kerl zu küssen und einen schönen Ort zu besuchen. Und natürlich ein grosses Kunstwerk anzuschauen. Na ja, man kann die Geschichte nicht nacherzählen. Sie würde etwas fade klingen. Salz und Pfeffer liegen darin, wie er die Geschichte erzählt. Und das eben ist die Kunst.

Im Moment ist das Wetter leicht trüb. Die Tische im Cafè sind zwar mit Tischtüchern bedeckt. Aber ich glaube nicht, dass heute dort Leute sitzen. Du weißt ja jetzt, wie wenig ich sehe und wie viel ich auf meine lebhafte Fantasie angewiesen bin. Alles, was ich im Cafè sehe, das sehe in diesem grünen Blätter Paravent, der vorne dran steht. Vielleicht ist auch besser so, damit ich nicht zu sehr von Betrieb dort abgelenkt werde.

Jetzt versuche ich es mit Arbeit.
Ich wünsche Dir einen guten Tag.
MlGuK
...



Dienstag, 27. Mai 2025

Re: Nicht nur grau

 



(...)

Wie schön, dass du unsere Maladi gegen meine Vermutung verteidigst, sie könnte mich von der Arbeit abhalten. Ach, wie du recht hast, Marlena, und wie dein Denken schöne Wendungen findet, so so dass ich aus meinen Engnissen zwischen Scylla und Charybdis loskomme! ...  Ich danke dir für diesen kleinen Schubser mit dem Ellbogen.  ...
*
Ich habe soeben meinen Brief von gestern nochmals überflogen. Entschuldige die Fehler, über die ich jetzt plötzlich da und dort stolpere. Es ist mir ein bisschen peinlich dir gegenüber, wenn ich daran denke, wie du schreibst. Ich hoffe, es stört dich nicht zu sehr und du verstehst trotzdem, was ich meine.
*
Und du hast gerade noch einmal Recht mit dem Zusammenhang zwischen Stressniveau und Ordnung. Ich versuche auch, immer wieder, auf der Strecke zwischen den beiden Polen Chaos und Ordnung so weit wie möglich rechts einzubiegen. Aber immer kriege ich die Kurve in Gottes Namen nicht. Und diese schlimmen Strassenverhältnisse! Ich weiss, dass du Recht hast, aber manchmal muss man auch ein paar Fehler tun dürfen. Nicht wahr, meine Liebe? Ich gebe mir ja sonst ziemlich Mühe in meinem Leben. Und wir haben hier eine nette junge und sympathische Putzfrau. Wenn sie mein Büro macht, so richtet sie auf dem Pult all die vielen Dinge ein bisschen, legt die Stifte gerade, die Papiere im rechten Winkel, alles ordnet sie auf eine bescheidene und minimale Weise innerhalb der übergeordneten Unordnung. Es ist kein grosser Unterschied, aber es ist ein Unterschied. Und wenn ich am Morgen komme, habe ich den Eindruck, dass ein wohlwollender Engel über mein Pult hinweggeschwebt sei und seine guten Wünsche auf dem Pult hinterlassen habe. Es gibt wirklich ein gutes Gefühl, man würde es nicht denken, und ich sage ihr das auch immer wieder. Dann ist sie stolz und strahlt.
*
Jetzt geht es schon gegen Abend. Und ihr werdet bald vom Zahnarzt heimkehren. Ich bin so gut wie erledigt. Ich habe im Büro nachmittags fast nichts anderes gemacht als Bücher eingeordnet, Möbel herumgeschoben und Bilder neu aufgehängt. Und du hast mir dabei geholfen. Allein schon dieser Gedanke hat mich vergnügt gemacht. Du bist eine liebe Kameradin, Marlena.
Sicher kennst Du diesen Geruch verstaubter Bücher, und die trockene Luft in der Nase. Man fühlt sich ganz schmutzig zum Schluss. Aber mein Büro ist einigermassen bewohnbar geworden. Ich könnte dich heute abend für einen Apero empfangen. Einen schönen und vergnügten natürlich, keinen verdorbenen. Jetzt sieht der hintere Teil meines Büros aus wie eine Bibliothek, sagen wir in einem Tudor-Schloss, nahezu ;-). Nein nicht ganz, aber es sieht ein bisschen schwer aus, mit diesen Gestellen aus Nussbaumholz, die fast bis zur Decke reichen. Vorher hatte ich ein Gestell, jetzt habe ich noch zwei zusätzliche. Im Grunde war vorgesehen, dass ich das alte zurückgebe. Nun habe ich es aber auch behalten. Es sieht jöetzt alles ziemlich aus wie eine Wohnwand in der Stube. Speziell mit dem Schaukelstuhl, der noch in der Ecke steht. Es wirkt sehr intellektuell und man denkt, ich würde jeden Moment die Cognac-Flasche holen, um während des kleinen literarischen Streitgesprächs daran zu nippen. Die paar Bändchen mit den Rilkegedichten stehen oben links an der Rückwand, ein bisschen diskret. Nur, damit du weißt, wo du sie suchen musst, sofern du sie brauchst. Und vorne, zu den Fenstern hin, habe ich alles so belassen wie es war. Dort sind die Möbel leichter und jetzt auch nicht mehr so voller Bücher. Das gibt dem ganzen Raum Luft. Meine Sekretärin auf jeden Fall findet es toll. Und alle Bilder habe ich wieder aufhängen können. Sie sind alle 3 vom selben Maler, einem Lokalmeister aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Habe ich dir nicht eines davon schon mal geschildert?
*

Nicht nur grau!

 den 16 april

Mein lieber Mausfreund!
Wenn ich gewusst hätte, dass du auf ein Mail wartest, dann hätte ich versucht schon gestern etwas mehr zu schreiben.
Ich gratuliere dir zu dem neuen Bücherschrank. Mit etwas mehr Ordnung im Büro sinkt das Stressniveau bedeutend.. so ist es jedenfalls bei mir. Ich versuche im Moment hier zu Hause etwas mehr Ordnung zu schaffen, damit ich dann vielleicht für ein paar Tage in Ruhe verreisen kann oder mich ganz einfach nur zu 100 % nicht beruflich beschäftigen kann.

Wie gewöhnlich habe ich heute Morgen mein Lieblingsprogramm im Radio gehört. Man sprach unter anderem von dieser Jahreszeit, "die fünfte" genannt. Das "schwarze Loch" zwischen Winter und Frühling, wo man zwar schon den kommenden Frühling ahnt, aber ihn nicht so romantisch erlebt wie er meistens geschildert wird, mit Blumen und Vöglein sondern eher mit den Spuren, die Hunde im Winter hinterlassen haben und dergleichen... Dabei zitierte man auch verschiedene Verfasser, die eben diese graue Zeit, die fünfte Jahreszeit, geschildert haben.
Ja, es ist grau draussen. Es ist, als sähe man die Welt durch eine matte Glasscheibe (hoffentlich sind es nicht nur meine noch ungeputzten Fenster ;-)
Aber was macht es mir schon aus. In meinem Leben strahlt die Sonne. Vielleicht bist du es, mein lieber Mausfreund, vielleicht auch nur das Leben selbst. Ganz sicher bin ich, dass deine Gegenwart dabei eine grosse Rolle spielt.
Bitte, lass es nicht unser Mausleben sein, das dich an deiner Arbeit hindert. Gib der schlaflosen Nacht und dem "ein bisschen zu viel" Wein die Schuld, sonst kriege ich ein sehr schlechtes Gewissen. Unsere "Freundschaft" soll immer etwas positives sein, das uns erhöhte Energie gibt die Pflichten des Alltags zu bemeistern. Die Serenität von der du oft sprichst. Ich weiss wie es ist, du darfst nicht glauben dass ich so ganz anders reagiere als du. Manchmal fühle ich mich sogar etwas gelähmt von unserer Maladi, und ich frage mich wie bei Rilke: "Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen.." Auch bei mir, wird es etwas schlimmer, wenn ich Rotwein getrunken habe. Dann sehnsuche ich dich mehr als je.. und mein Verstand steht still.
Du beschreibst es so treffend, unseren Chat neulich. Ich fühlte mich nachher plötzlich irgendwie verlassen. Ich sah sie vor mir, die schön gedeckte Tafel, und musste den Tisch hungrig verlassen.
*
Du schreibst mir so interessant von deinen Examen. Ich hatte es mir irgendwie so vorgestellt. Ich kannte auch solche hochbegabte Studenten, die ein paar Jahre früher fertig waren mit ihren Studien als die anderen. Ich werde dir bald ein wenig von meiner Studienzeit in Uppsala erzählen.
*
Du brauchst nicht in Büchern zu suchen. Ich werde dir das Leben bei uns schildern, die Feste, die wir feiern u.s.w immer zur richtigen Jahreszeit. Was das andere betrifft, werde ich dir ein paar gute Links im Internet geben, wo du dich über Schweden informieren kannst. Gut so?
Ich werde diesen kleinen Brief nun absenden, damit du ihn vielleicht noch bekommst, bevor du dein Büro verlässt.
Wünsche dir noch alles Gute für den Rest des Tages
und viel Vergnügen beim Onkel
Deine Marlena
i.M

PS Schöne Töchter hast du!!

Montag, 26. Mai 2025

Lob an deine Mutter

 Lieber ...,

Ich bin nochmals im Hotmail hängen geblieben. Da gibt es so viel Wunderbares zu lesen. Schau mal hier, dein Lob an deine Mutter, als sie 80 wurde.
Hier dein Mail:

*
Am Samstag hat meine Mutter zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen. Sie ist 80 geworden. Es sind etwa 30 Personen, die kommen. Wir haben ein Essen im Hotel, dann einen kleinen Ausflug
im Autocar zu einem Ausblickspunkt. Dort gibt es offenbar Kaffee mit Kuchen, wie die Deutschen sagen würden. Ich mag solche Familienschläuche nicht sonderlich. Aber bei diesem hohen Geburtstag will ich ein Auge zudrücken. Meine Geschwister haben mich gedrängt, ein paar Worte zu sagen. In einem Kunstbuch habe ich kürzlich von einem amerikanischen Maler gelesen: It is best to think of the faces as mirrors. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre. Das wissen wir seit Jahrhunderten. Aber wenn ein Amerikaner das in so kindlich naiven Worten sagt, dann ist es fast wie eine neue Erkenntnis. So habe ich mir gedacht, dass ich alle die Kinder und Kindeskinder frage, was sie an ihrer Oma oder Mama schätzen. Und das werde ich dann irgendwie vortragen.
Unsere Mama, soviel ist nach den bisherigen Gesprächen klar, ist eine vielgeliebte und hochgeschätzte Oma. Die Kinder mögen sie besonders, weil es bei ihr immer spannend ist. Sie nimmt sich Zeit, macht Anregungen zu Spielen und Beschäftigungen, hat immer Utensilien, Papier und Kleister bereit für Bastelarbeiten, und hat selbst viel Fantasie und Fingerbegabung, um eigene Dinge zu gestalten. Sie macht schöne Zeichnungen im Freundschaftsalbum. Sie kann aus Abfall einen virtuellen Blumenstrauss basteln. Und sie erzählt Geschichten, die sie gleich aus dem vergangenen Tag heraus kondensiert und am nächsten Tag fortsetzt. Es sind ihre daily soapes, wie ich spasseshalber sage.

Ich glaube, mich hat vor allem ihre lebendige und plastische Fantasie beeinflusst, und sie hat mir gezeigt, wie man sie im Leben gebrauchen kann, so dass die Spielräume des Lebens vielfältiger werden. Ich glaube, als ich noch jung war, waren meine Möglichkeiten durch die schwierigen Erlebnisse ziemlich begrenzt. Ich fühlte mich damals auch irgendwie scheu eingeengt Vielleicht ist auch die Thematik meines Studienabschlusses "Spiel und Geschichten" von ihren Anregungen beeinflusst? Man bemerkt solche Dinge ja manchmal erst viel später im Leben.
Auf jeden Fall ist sie eine sehr anregende und intelligente Frau, die mit viel Fingerspitzengefühl und Diskretion ihre Lebenserfahrung entfaltet. S erzählt allen ihren Freundinnen, dass sie sich keine bessere Schwiegermama wünschen könnte. Natürlich hat sie persische Vorstellungen von Schwiegermamas. Die sind ja die Patronne im Haus, und eine Schwiegertochter, die sie traditionellerweise mehr oder weniger selbst ausgewählt hatte, muss sich ihr absolut unterordnen. Daraus entstehen bestimmt auch heute noch viele tragische Situationen im Iran, gerade in dieser heutigen Übergangszeit von geschlossenen zu offenen Gesellschaften, da junge Menschen viel mehr wissen und autonomer werden, als es die Alten je waren.
Mein Schwager T. hat mir erzählt, dass er zu ihr gehen würde, wenn er eine Vertrauensperson suchte, um irgendwelche persönlichen Lebensprobleme diskret besprechen zu können. Und er bewundert an Oma, dass sie sich in ihrem Alter vor einigen Jahren noch einen Computer gekauft hat, um ihre Briefe zu schreiben, was wegen ihrer geschwächten Augen nicht mehr allzu leicht ist.
Ich glaube, die Kinder mögen an ihr vor allem diese grosszügige und akzeptierende Lebendigkeit, diese inspirierende Präsenz und Neugirde, mit der sie Anregungen gibt und die Ideen der jungen Seelen in ihrer ganzen Unvollkommenheit akzeptiert. A. hat zwinkernd gesagt, ein Spaziergang mit Oma und ein Spaziergang mit uns, dazwischen lägen Welten. Und meine kleine Schwester erinnert sich, wie sie ihr in allen Lebenssituationen, da sie zögerte, Mut zugesprochen habe. Du kannst das, habe sie immer wieder gesagt. Es war eigentlich S Idee, an diesem Fest der Mama einige schöne Sachen zu sagen. Und - so denke ich - werde ich es versuchen.
Mama selbst soll gewünscht haben, dass es ein lustiger Anlass wird. Sie habe angeregt, dass man doch Witze erzählen solle. Und so habe ich auch S angeregt, vielleicht einige zu finden. Wir werden sehen, wie es herauskommt.
Ich muss noch meine ältere Schwester und ihren Sohn sprechen, sowie meine zwei bellesoeurs (heisst das so, schreibt man das so??)
*
Und jetzt kommt langsam Müdigkeit auf. Ich werde heimgehen, frühstücken, duschen, und dann - so Gott will - an die Sitzung eilen.

*


Ich bin sehr froh, dass ich diese Zeit in deinem Leben miterlebt habe.
Grüsse dich nochmals lieb.

...
MlGuK
Malou



Re: Lob an ..

Liebe Malou
Ach, das ist aber lieb, dass du mir diese alten Gedanken sendest. Ich hatte es bereits wieder vergessen. Nicht meine Mutter, aber diesen Anlass habe ich mehr oder weniger vergessen. Ist es nicht unheimlich, wie die Zeit geht, oder sagen wir wie WIR vergehen, wie wir in dieses schwarze Loch der Vergessenheit geraten. Es ist unheimlich. Sehr unheimlich!  In einigen Jahren weiss niemand mehr von den Dingen, die wir gewusst und die wir einmal für wichtig gehalten haben. Camus könnte dazu ein paar Dinge sagen. 
(---)

Sonntag, 25. Mai 2025

O süsses Lied

 


Blauer Geiger Marc Chagall

LIEBESLIED

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.


Rilke
(Capri 1907)





Re: Uppsala ... und Zürich

 

ups uppsala

Liebe Marlena 

"Uppsala zum zweiten" ist ein höchst interessanter Brief und ich habe bloss bedauert, dass er so unvermittelt endete. Das klingt ja alles wie aus einem Familienroman des 19. Jahrhunderts, meine Liebe. Diese geheimnisvollen Begegnungen, diese schicksalshaften Wendungen. Diese Art von Lieben, die alles in den Himmel heben oder offenbar die halbe Existenz zerstören können. Es macht alles den Eindruck des Bedeutungsschweren. Natürlich ist es auch Deine Erzählweise, die diesen Eindruck hinterlässt. Und man denkt, solche Erlebnisse sollte man nicht in kurzen Briefen oder leichtlebigen Essays darstellen, sondern es müssten - wie gesagt - dicke Wälzer von Romanen sein. Na ja, meine Liebe, das ist vielleicht ein wenig ironisch gesagt, denn ich selbst liebe es, wenn Du so schreibst, und ich bedaure immer das rasche Ende des Briefes. Ist es denn nicht auch für Dich ein interessantes Erlebnis, diesen Erinnerungen nachzugehen? Noch einmal in sie hineinzugehen, ist doch irgendwie, sie nochmals zu leben, nicht erleben, nicht ganz passiv, sondern aktiv zu leben und sie in der Tiefe auszukosten, oder vielleicht auch auszuleiden. Ist das nicht Proust in Aktion? Ach nein, Proust ist es wohl nicht, denn er ästhetisiert die Erfahrung total.   (...)

Ich kann mich gut an die Anfangsjahre meines Studiums in Zürich erinnern. Zürich war ja 4 Stunden damals mit der Eisenbahn vom Wallis entfernt. Und ich wollte nicht jedes Wochenende heim, um etwas sparsam zu sein. Und all meine Kollegen studierten als gute Katholiken in Freiburg, und bloss einige Fortschrittliche vielleicht noch in Bern. Aber wirklich nur die Verwegensten. Ich sass also ziemlich allein hier in Zürich fest. Und ich erinnere mich, wie ich dort anfangs einsam war in meinen Studentenzimmerchen. Ich hatte so einen Tauchsieder, um mir ein Teelein zu kochen. Und sonst war das Zimmer so unpersönlich und fremd in diesem Studentenhaus des Rotary Club. Anfangs teilte ich ein Doppelzimmer mit einem Auslandschweizer aus Spanien. Aber der (ich erinnere mich nicht einmal mehr seines Namens), er war nie zuhause und viel älter als ich. Ich glaube, er studierte Physik und kam aus Madrid. Und er schaute aus wie ein Spanier, nur ohne den spanischen Charme. So fristete ich dort anfangs ein eher unglückliches Leben und fühlte mich fremd in dieser grossen Stadt. Und unter diesen Architekturstudenten war ich auch nicht echt zuhause, weshalb ich ja auch regelmässig in die Universität hinüber ging, um Vorlesungen zu hören. Ich pendelte sozusagen zwischen Hammer und Amboss. Damals habe ich all jene Studenten aufs Tiefste benieden, die zuhause leben konnten. Es gab viele, die wohnten vielleicht nicht direkt in Zürich, aber doch in der Region und abends eilten sie zum Hauptbahnhof. Und zuhause wartete ein gedeckter Tisch auf sie und eine Familie, und die alten Bekannten der Gymnasialzeit. Gar nicht zu reden von den öden Sonntagen, die ich anfangs in Zürich verlebte! Damals ging ich noch in die Mensa der ETH essen. Dort traf ich ein paar Kollegen, die ich kannte. Meist waren sie viel älter, als ich es war. Und sie diskutierten über Dinge, die mich nicht interessierten. Es war nicht das, was ich mir von einem echten Sonntag wünschte. Ich glaube, dieses soziale Leben anfangs meiner Zeit in Zürich hat mir meinen Studienanfang sehr erschwert. Und ich habe immer gedacht, es wäre ein Glück, dass meine Töchter, wenn sie denn studieren würden, weiter zuhause leben könnten. Vielleicht die ersten paar Semester, bis sie sich etwas in die neue Lebensart eingewöhnt hätten. Später, da bin ich mir sicher, ist es wichtig, dass man auch mal ein richtiges Studentenleben führen soll und einen eigenen Haushalt führt, oder doch so in einer Wohngemeinschaft lebt. Das ist etwas sehr Schönes, wenn man sich voller Leidenschaften dem Leben und der Liebe - will sagen den Studien - hingeben kann, ohne auf die eigene Familie Rücksicht nehmen zu müssen.
*
Ich hatte heute mein persönliches Gespräch mit meinem Chef. Er ist etwas dicker geworden, seit ich ihn letztmals so nah gesehen habe. Er ist ein wacher Geist und es ist interessant, mit ihm zu diskutieren. Doch er denkt natürlich viel weniger psychologisch als ich. Er denkt echt politisch. Und wenn etwas gut ist, hat er es gemacht, und wenn es schlecht ist, haben es seine Mitarbeiter gemacht. So ist er, wie alle Politiker. Wir sind nur dazu da, ihnen die Lorbeeren zu liefern. Doch was soll es? Die Politiker kommen und gehen. Und wir bleiben und überleben sie und machen die Politik. So ungefähr könnte man sagen, wenn es auch nicht allzu sehr stimmt.
Im Mai bin ich 20 Jahre an dieser Stelle. Das ist eine Ewigkeit. Und ich denke, dass es in der Wirtschaft unmöglich wäre, so lange auf ein und demselben Stuhl zu sitzen. Es ist auch nicht gut. Manchmal merke ich, wie ich bequem geworden bin. Manchmal finde ich alles ziemlich langweilig. Manchmal ärgert man sich über all die dummen Neuerungen, die bloss mehr Papierkrieg und sonst gar nicht viel bringen. Aber immerhin.
Ich war damals der jüngste. Und jetzt bin ich ungefähr der dritt- oder viert-älteste. Einer wird im Mai in Pension gehen. Der nächste folgt bald. Und dann komme schon bald ich. Allerdings dauert es bei mir etwas länger.
*
Ich habe eine Kusine, die in der Chemie arbeitet. Sie ist etwa 2 Jahre älter als ich. Und seit ein paar Monaten ist sie in Pension mit voller Rente. Wenn Du dir das Paradies vorstellen willst, so musst Du Dir so etwas Ähnliches ausdenken. Sie reist in der Welt herum, geht gut essen, nimmt Kilo um Kilo zu und pflegt ihr fröhliches Gemüt. Ja, sie hat wirklich das grosse Los erwischt. Vielleicht bedauert sie es in ein paar Jahren, doch heute geniest sie es in vollen Zügen. Immer wieder bekommen wir Postkarten von ihr aus irgend welchen exotischen Ferienregionen. Man kann wirklich nur neidisch werden.
*
Ist es nicht schlimm, wenn man an die Pensionierung denkt. Das ist wirklich sehr schlimm. Lass uns das Leben nehmen, wie es ist. Seien wir froh, dass wir noch ein paar Jahre arbeiten können. Alles andere macht alt.
Ich küsse und grüsse Dich
...

 


Uppsala - zum zweiten

 Ämne: :-)))   ...

Dadurch dass ich zu Hause wohnen konnte, habe ich eigentlich kein typisches Studentenleben gelebt. Du weisst, wenn man mit so 10 anderen Personen in einem Studentenkorridor wohnt und die Küche und den Alltag teilt. Ich wohnte zu Hause und wurde nach wie vor eifersüchtig von meinem Onkel behütet. Irgendwie hatte ich später den Eindruck, dass sie mich brauchten, um überhaupt zusammen leben zu können.

Ich sass also meist an meinem Schreibtisch zu Hause und vertiefte mich in die Bücher. Vor mir an der Wand sehe ich das Foto wo ich als 21-jährige gerade an meinem Schreibtisch eine Arbeit vorbereite.

Wir kamen spät im Herbst nach Uppsala, d.h. das erste Semester, an dem ich teilnehmen wollte, war fast zu Ende. Ich hatte mich angemeldet für Germanistik und mich mit  Kursplänen versehen. Literatur, Sprachgeschichte und natürlich die Sprache selbst, Wortschatz, Aussprache und Grammatik das schwierigste Kapitel für die meisten Studenten. Uppsala hatte damals den Ruf sehr viel zu verlangen und man sagte sogar, dass die Schüler, die dort bei ihrer Übersetzung schon zum dritten Mal durchgefallen waren, an der Hochschule in Stockholm kein Problem damit hatten.
Nun ja, es besteht wohl immer eine gewisse Rivalität zwischen Lehranstalten, aber ich glaube die Uni von Uppsala ist schon immer als Nr 1 betrachtet worden. (Nr 2 Lund). :-)

Ich hatte eine lange Literaturliste, von der ich wählen konnte, eine gewisse Anzahl Seiten zu lesen und ich muss lachen, wenn ich daran denke, was mein erstes Buch war: Buddenbrooks von Thomas Mann. Ich glaube ich wollte so schnell wie möglich die Anzahl Seiten hinter mich bringen. ;-) Es war wirklich kein leichtes Buch. So unendlich Wortreich.. aber doch ziemlich interessant. Dann erinnere ich mich noch an mein erstes ”Ausspracheseminar”. Es wurde von einem jungen deutschen Dozenten geleitet. Ich glaube, ich habe ihn so wie Herrn Grünlich in meinem Buch aufgefasst. Die Gruppe hatte bereits 8 von den 10 Stunden gemacht und er begann also diese meine erste Stunde damit, mir eine Moralpredigt zu halten, wie ich mir das vorstelle, erst nun zu kommen u.s.w. was ich dann ruhig beantwortete mit ”es wird schon gehen”. Ausserdem war seine eigene Aussprache etwas von einem Dialekt gefärbt,  wobei seine ”i” zu sehr wie ein ”e” klangen. Das habe ich ihm aber nicht gesagt. ;-)

Ich will jedoch nichts Schlechtes über ihn sagen, denn es war er, der mich Rilke entdecken liess. Er hatte also auch Literaturvorlesungen. Und ganz anders als später bei einem Dozenten in Französisch, der immer am Ende seiner Vorlesungen herzlich lachte so als wollte er sagen: ”Wie viel Dummes Zeug sich ein Mensch ausdenken kann”, endeten seine Vorlesungen immer damit, dass man glaubte er würde nun anfangen zu weinen. Man hatte oft den Eindruck er trüge die ganze ”Schuld des Deutschen Volkes” auf seinen Schultern.
Er sprach also über Rilke, er schenkte uns ein Kompendium mit Rilkes allerschönsten Gedichten (die ich Dir bereits alle geschickt habe) und so kam es, dass ich das Stundenbuch zu lesen begann. Ich war überwältigt davon. So tiefe und schöne Gedanken in einer solch wunderschönen Sprache hatte ich noch nie gesehen. Irgendwie passte es auch zu meinem Leben oder vielleicht besser gesagt zu meiner Gedankenwelt zu dem Zeitpunkt.
*
Eines Tages kam ein Brief von einem Bekannten unserer Familie. Er war an mich gerichtet.   (...)

*
Ach, ich finde nicht richtig den Faden zurück. Möchte diese Erinnerung von mir abschütteln, bevor ich weiterschreibe.
Hoffentlich sehe ich ein kleines rotes Dreieck vor deinem Namen, wenn ich nun ins Internet gehe..
Alles Liebe
Marlena



Donnerstag, 22. Mai 2025

Anno dazumal

 



Ämne: Rückblick..

Lieber ...,
Hier passiert nicht so viel im Moment (sonst ja eigentlich auch nicht ). Aber da mir im Augenblick nichts anderes einfällt, werde ich versuchen, dir ein wenig von meiner Zeit in Uppsala zu erzählen.

Uppsala ist die Universitätsstadt par préférence und ich hatte das grosse Glück, dass meine Eltern gerade im richtigen Moment dorthin zogen. Ich hatte im Frühjahr das Abitur gemacht und war eigentlich noch nicht ganz sicher, was ich studieren wollte. Ein wenig dachte ich an eine Dolmetscherschule in der Schweiz. Ja, du hast richtig gehört :-) aber da ich mich nun mitten im akademischen Zentrum von Schweden befand, war es natürlich, dass ich dort anfing zu studieren.

Uppsala ist eine kleine gemütliche Stadt ungefähr eine Stunde von Stockholm. Das Zentrum ist ziemlich klein, nur zwei sich kreuzende Strassen und mittendurch fliesst ein kleiner Bach (Fluss?). Es sieht ein wenig altertümlich aus und romantisch. Die dominierenden Gebäude sind der Dom (siehe Bild), die schöne Universität, das grosse Schloss und die Universitätsbibliothek "Carolina Rediviva" wo man die Silberbibel, den "Codex Argenteus" findet (nach dem 30-jährigen Krieg von den grausamen Schweden von Prag als Beute heimgeführt ). Man sagt oft aus Spass: alles Sehenswerte was es bei uns gibt ist gestohlen. ;-)

Wie du schon weißt wohnten wir zuerst in einer Mietwohnung ein paar Kilometer vom Zentrum. Es war bequem, aber auch etwas schwierig, weil wir ja unsere beiden Katzen mitgebracht hatten. Es gab mehrere Hochhäuser ganz in der Nähe, in denen viele Studentenwohnungen eingeräumt waren, aber unser Haus grenzte an ein Villenviertel mit schönen Gärten. So konnte ich von meinem Schreibtisch aus die Natur betrachten und die Jahreszeiten verfolgen.
Wir hatten unsere Freunde in Stockholm mit Umgebung zurückgelassen, aber es dauerte nicht lange, bevor Tante sowohl wie Onkel wieder neue Freunde gefunden hatten und wie es sich eben gehörte, originelle oder vornehme, manchmal sogar beides in derselben Person.

Als "gute" Katholiken gingen wir Sonntags in die Messe, in eine kleine Kapelle, die immer voll besetzt war. Es war wohl mehr ein soziales Verhalten als Religion, obwohl meine Eltern das nie zugegeben hätten. Nach der Messe stand man ziemlich lange vor der Kirche und unterhielt sich mit den anderen Kirchenbesuchern. Ich sehe sie noch vor mir, meine liebe Tante. Gross und elegant, schien sie irgendwie der Mittelpunkt zu sein. Es war fast wie eine grosse Familie. Und natürlich liess mein Onkel seinen Charme auch über die Nonnen fliessen. ;-) Ein paar Patres und Nonnen waren auch immer dabei. Sie wohnten alle im selben Haus und die Nonnen führten den Patern den Haushalt. Ich musste meine Vorstellung von Nonnen damals sehr revidieren. Sie schweben nicht in den Wolken (wie ich geglaubt hatte), sondern stehen alle fest mit den Beinen auf der Erde.

Da ich zu Hause wohnen konnte, war ich nicht so sehr auf die anderen angewiesen. Ich hatte bald ein paar neue Freunde unter den anderen Studenten, aber vor allem in der Gruppe von katholischen Akademikern. Sie waren sehr verschieden. Manche wie ich, manche warm religiös und dann noch die Konvertiten, die mir immer ein wenig überspannt vorkamen, weil sie alles so ernst nahmen. Ich war dann auch Sekretärin in dem katholischen Akademikerverein (AC)und wir arrangierten Vorträge, Veranstaltungen und Feste. Ausserdem hatten wir jeden Sonntagabend "Open House" für die Studenten. Man diskutierte viel über Gott und die Welt (meist über die Welt) und vielleicht kamen einige doch mehr wegen der schönen Mädchen ... Kurz gesagt, wir amüsierten uns köstlich. Und alles unter klerikaler Aufsicht ;-)

Dann hatte ich eine Freundin, die etwas speziell war. Ich glaube, sie war so 26 (ein schrecklich hohes Alter in meinen Augen) und mit einem bedeutend älteren Professor in Geschichte an der Uni verheiratet. Nach den Vorlesungen brachte sie mich ab und zu in ihrem Auto nach Hause und wir wurden gute Freunde. Sie war schön und fröhlich, aber sie kam mir etwas einsam vor und ich glaube, sie muss sich gelangweilt haben. Manchmal war ich zu "Damentreffen" (?) bei ihr eingeladen und ich sag dir, so langweilige Typen wie es da gab, habe ich später im Leben kaum gesehen. Schöner waren die grossen Feste, zu denen sie mich einlud. Sie fanden meist in dem Festsaal einer Studentennation statt mit hunderten von prominenten Gästen. Professoren, Regierungsmitglieder und dergleichen und dann wir junge Studenten, die wohl ihretwegen eingeladen waren. Es war ein komisches Gefühl, mit einem wilden Aussenminister zu tanzen oder sich mit einem Professor, dessen blosser Namen jedem Studenten Schreck einflösste, über Kellereinbrüche zu unterhalten. :-)

Eine andere Freundin war Pianistin und manchmal gingen wir zusammen mit einem jungen werdenden Opernsänger in eine Nation. Sie setzte sich an den Flügel und begleitete ihn, während er Schubertlieder oder irgendeine Arie sang. Ich war das begeisterte Publikum.
Ach, es war wirklich schön.

Und vielleicht muss ich dir auch von Peter erzählen. Er war Mathematikstudent und wohnte bei einer alten (uralten!) Majorin. Er gab oft schöne Feste bei sich zu Hause. Bei solchen Gelegenheiten durfte er ihren grossen schönen Salon verwenden. Die Mädchen beklagten sich, dass sie ihn nie am Telefon erreichen konnten, weil die Majorin immer sagte er sei nicht zu Hause. Aber wenn sie sagten, sie seien Marlena, holte sie ihn sofort ans Telefon. Er bekam ständig Anrufe von Marlena aber nie von mir. :-) Du hattest recht. Ich war ein "Schwiegermuttertraum" ;-)

Damals gab es noch keinen Computer, aber die Schneckenpost funktionierte ausgezeichnet.
Doch darüber ein anderes Mal.
Ich muss zurück in die Gegenwart.
KKK
Marlena

 

 

 

SMS

  





gestern schrieb mir
mein Leben
es hätte lange genug
auf mich gewartet
nun sei es
ohne mich abgefahren


(Isabella Kramer) 


Dienstag, 20. Mai 2025

Buona notte ...

 

den 16 maj  00:24  (Jahr 1)
Buona notte ...


Lieber ...,
Es ist schon wieder spät geworden - wann wird es das nicht bei mir? Ich habe eine CD mit Schubert aufgelegt und so fühle ich mich noch näher bei dir.
Hoffentlich warst du nicht zu sehr enttäuscht von der CD mit Vaya con Dios. Ich höre sie gern, aber nur wenn meine Stimmung dazu passt. Es steht ein wenig über die Gruppe in dem kleinen Folder in der CD und da kannst du sicher auch die Namen der Musiker sehen.
Ach, du machst mir immer so viele Komplimente, dass ich am Ende ganz sicher bin, dass du einmal sehr enttäuscht wärst, denn niemand kann so perfekt sein, wie du mich machen willst :-)

Es ist bald elf Uhr und es beginnt ein wenig zu dämmern. Man merkt, wie die Tage immer länger werden. Im Fernsehen zeigt man jede Woche, wann die Sonne auf- und untergeht in den verschiedenen Teilen von Schweden und letzthin (ich glaube es war am Samstag), sah man, dass die Sonne schon jetzt eine halbe Stunde länger aufbleibt oben in Luleå im Verhältnis zu hier.




Es ist schade, dass wir gerade zu dieser schönen Jahreszeit so wenig Zeit haben, die Natur zu geniessen. Im Moment blüht überall der Flieder. Da erinnern wir uns immer an den Schuster,  der um diese Jahreszeit ein Schild an seine Tür hängte mit den Worten: "Geschlossen zwischen Traubenkirsche und Flieder". Manche Jahre bekommt er nicht viel Urlaub :-)

*
Wie schön du mir von dem Abend bei euch erzählt hast. Es freut mich so sehr, wenn du das tust, denn auf diese Weise lebe ich fast doppelt. Ich habe wirklich manchmal den Eindruck, dass ich zwei parallele Leben lebe. Und so kann man wohl sagen, dass ich nicht die kurze Zeit vergeude, die uns gegeben ist. Manchmal kommen mir auch Bedenken dabei. Denn wenn ich nun schon unfreiwillig gegen den § 5 verstosse so möchte ich wenigstens verhindern dass ich es auch gegen die übrigen tue. Manchmal denke ich wie schön sicher es doch war in diesem Gefängnisturm...und nun sind wir ausgebrochen und stehen auf dem minierten Feld und ich weiss nicht wohin ich treten soll...
*
Es war ein sehr schönes Fest am Freitag Abend. Åke hielt es bei sich zu Hause und er hatte ein wunderbares Mittagessen für 30 Personen gekocht. Ich wurde vor dem Haus abgeholt damit ich ja nicht auf die Idee kommen sollte mein Auto zu nehmen und so konnte ich auch den "välkomstdrink" und später auch den guten Rotwein geniessen. Die Stimmung war zeitweise sehr hoch und wir lachten, dass sich fast das Dach erhob. Man konnte sich setzen wie man wollte und zum Glück kam ich an einen Tisch mit lustigen Leuten, mit denen man sich leicht unterhalten konnte. Neben mir links sass ein seit einigen Jahren pensionierter Kollege. Einer von dieser seltenen Sorte, die noch eine gediegene klassische Bildung besitzen und ausserdem sehr spirituell ist.. Er ist auch sehr vermögen und sehr geizig (eine nicht ungewöhnliche Kombination) :-) Er erzählte, dass er jetzt eine Anstellung als Kirchenältester hätte, worauf ich sagte: "Da stiehlst du sicher aus der Kollekte". Nein, nein, meinte er. Ich werde dir sagen, was ich mache. Ich lege das ganze Geld auf ein Tablett, gehe hinaus, schau zum Himmel hinauf und sage "Herr nimm was du davon haben willst und ich nehme was übrig bleibt" Dann zeigte er wie er das Geld in die Luft wirft. Nun muss man ihn vor sich sehen können, um richtig zu verstehen, wie lustig das aussah. Er stammt von Wallonen und hat grosse braune Augen, die dann vor Unfug leuchten. Ich wollte dir auch von anderen Leuten erzählen, aber das habe ich schon in Gedanken getan und ich möchte mich nicht wiederholen ;-)

Åke hat auch eine schöne Rede an mich und meinen anderen Kollegen (dessen Geburtstag wir eigentlich feierten) gehalten. Er sprach von Dingen die ich fast vergessen hatte und ich fühlte mich sehr geehrt. Ausserdem hat er ein paar schöne Lieder zur Gitarre vorgetragen. Das junge kanadische Mädchen in unserem Arbeitszimmer hatte grosse Torten gebacken zum Kaffee nachher und wir bekamen Blumen und Geschenke. Ach, es war ein schöner Abend. Man sollte öfters feiern, nur leider fehlt uns besonders in den letzten Wochen des Schuljahres eben die Zeit dazu. Hier hört der Unterricht am 9. Juni auf. Danach haben wir noch eine Woche Konferenzen vor den Sommerferien. Und dann kommt eine harte Zeit für Mausfreunde. Ach, chéri, wie soll ich das nur aushalten, so lange von dir entfernt zu sein.

Du hast recht, ich fühle mich irgendwie sehr verwandt mit dir. Unsere Jugend mit einer neuen Mutter als wir Kinder waren, aber auch später im Leben. Du darfst nicht glauben, dass deine Worte nicht zu mir dringen.. Und mit jedem Mail bindest du mich fester an dich. Du vergisst doch nicht "on devient responsable de ce qu'on apprivoise".

(---)

Ich habe noch viele Fragen von dir zu beantworten. Ich werde es nach und nach tun. Hab Geduld mit mir, bitte. Bald habe ich weniger Stress im Beruf und dann werde ich die nötige Ruhe haben, ausführlicher zu schreiben.
Jetzt muss ich dich für heute 
verlassen (schon Morgen?).

Ich wünsche dir einen angenehmen Tag
In Sehnsucht und Maladi
Marlena

Vatikan und Schweizergardisten

 



Es ist natürlich eine merkwürdige Berufung, Gardist zu werden. Und ich glaube, sie haben heute Mühe, noch genügend Rekruten zu finden. Es gibt viele Studenten, die einfach während der Ferien nach Rom reisen, um dort ein bisschen als Gardist in der Hitze herumzustehen und um nach den Mädchen und dem Papa zu schauen ;--).
Der Stato della Città del Vaticano ist der kleinste Staat der Welt. Er ist sogar noch kleiner als die Schweiz. Und die Schweiz ist schon sehr eng, so dass jeder dem anderen ins Gärtchen sehen und auf die Zehen stehen kann. Ich glaube, der Vatikan ist die letzte absolute Monarchie, ein totaler Anachronismus auf dieser Welt. Ein Relikt aus der Zeit des Absolutismus, als es noch Sonnenkönige und solch gloriose Häupter gegeben hatte. Der Papst ist der Souverän und das Oberhaupt der Weltkirche. Er ist Bischof von Rom und oberster Priester, dh Summus Pontifex der universalen Kirche. Er ist im Grunde genommen ein Nachfolger der römischen Kaiser. Und die waren bekanntlich nicht sonderlich geistliche Einrichtungen. Einmal habe ich von einem katholischen Geistlichen eine hübsche Definition des Vatikans respektive der katholischen Kirche gehört. Er hat gesagt, die katholische Kirche sei eine absolute Diktatur gemildert durch die Unfolgsamkeit der kleinen Priester.
Es ist schon sonderbar, dass es heute noch so etwas gibt wie den Vatikan. Ich behaupte immer, es sei die älteste Firma der Welt. Es ist eine riesige und absolut superreiche Organisation, und sie wird von ein paar überalterten, greisen bis senilen Männern geleitet, die zudem oft noch etwas homophil sind. Er ist wirklich komisch, dieser Vatikan, und wenn es ihn nicht gäbe, dann müsste man ihn schnellstens erfinden.
Ich freue mich darauf, ihn wieder zu besuchen. Es gibt soviele schöne Bilder und Dinge zu sehen. Und es wirkt alles so enorm katholisch. Es ist der intimste Punkt dieser grossen Weltkirche. Es ist sozusagen das Schlafzimmer der katholischen Kirche. Es ist das, woher alles kommt, im Guten wie im Schlechten.
Und vor den Eingängen stehen die farbigen Svizzeri, die Gardisten, mit ihren malerischen Uniformen und stehen da so treu und ruhig, wie nur Schweizer dastehen können. Wir werden einen lustigen Witz machen und ihnen zuzwinkern, wenn wir an ihnen vorbeigehen.
Ach, es ist, als wäre ich schon dort.

...





April 2014


Re: kleines Selbstgespräch

 




Ämne: RE: donnerstags.. nochmals
Datum: den 24 juni 


Lieber ...,
Danke für dein schönes langes Mail. Was das Meer bei Sorrento betrifft so kann ich eigentlich nicht verstehen, wie man in solchem Wasser baden kann. Und doch zogen täglich ganze Heere zum Strand hinunter. Und die Felswand, die du erwähnst, hatten wir gerade vor unserem Fenster. Immer so gegen 5 Uhr abends sah man diesen Lemmelzug von Menschen die Treppen hinaufsteigen. 



Wenn man oben war, befand man sich mitten im Zentrum. Und auf der anderen Seite des Hotels hatte man den schönen Blick über das Meer. Aber wie gesagt, der Strand war eine grosse Enttäuschung. Ich konnte für mein Leben nicht begreifen, wie man sich dort niederlassen konnte und schon lange nicht, dass jemand in das unfreundliche, schmutzige Wasser steigen wollte. Ich bin mal dort gewesen, weil Anna gern baden wollte.. aber auch sie fand es ziemlich ungeniesbar.

Die engen kleinen Strassen und Plätze waren abends voll von Leuten, meist englischen Touristen, von denen ich vermutete, dass sie nun gekommen waren um ihre schönen Jugenderlebnisse wieder zu erleben. Ich glaube, dass sie in jungen Jahren, damals als Sorrento und die Amalfiküste der Taumelplatz der europäischen Jet-set war, ihren Sommer dort verbracht haben.
Aber tanzen konnten sie, die alten Eidechsen (Echsen). Am Abend, auf der Terrasse des Foreigners Club, mit Blick über das Meer und den Sternenhimmel, hatte man den Eindruck, dass sie ihre Jahre wie einen schweren Mantel ablegten und wider lebendig wurden.

Schön, dass du etwas an der Wand hast, was dich an mich denken lässt. Aber was sagt deine Familie dazu? Sicher schauen sie auch hinten auf die Karte. Hatte ich genügend neutral geschrieben? :-) Die sich küssenden Elche hast du sicher verstecken müssen. *s*

Ich lebe in einer glücklichen Zeit und ich versuche zu tanken für andere Zeiten. Doch im Moment fühle ich nur wie herrlich es ist frei zu sein. Ich habe eine lange Zeit mit mir selbst gekämpft um schliesslich dann diesen Entschluss zu fassen. Und jetzt bin ich froh und denke, dass ich richtig gewählt habe.

Es hat geregnet auf dem Weg hierher und nur ab und zu brechen plötzlich ein paar helle Strahlen durch die schwarzen Gewitterwolken. Ich glaube, wir werden uns jetzt sofort auf den Heimweg machen. Es war schon ziemlich viel Verkehr auf den Strassen. Der Midsommarverkehr kann gefährlich sein. Und am schlimmsten waren alle diese Schnecken, an denen man schwer vorbeikommt. Ich meine Autos mit Wohnwagen. Auch einige deutschregistrierte Autos habe ich schon gesehen. Vielleicht wollen sie den schwedischen Midsommar hier feiern.

So lasse ich dich  wieder.
LGuKuS,
Malou




Montag, 19. Mai 2025

Kleines Selbstgespräch

 

Liebe Malou
Puh, heute habe ich lange geschlafen. Ich habe mir eine Reserve geschaffen für die nächsten 14 Tage. Ich könnte also gut und gern die nächste Zeit nächtelang an Bars und zwielichtigen Orten herumtreiben, bis mein Schlafreservoir aufgebraucht wäre. Aber das ist doch wohl auch nicht die Lösung.
(---)
Hier ist es kühl, bewölkt und regnerisch. Es ist unfreundlich, die Sonne blinzelt zögerlich und verschämt manchmal kurz zwischen den schweren Wolken hindurch. Es ist - alles in allem - nicht das, was man sich von einem anständigen Juni wünschte. Es ist so windig, wie man sich einen kühlen Vormittag an einem nordischen Meeresstrand vorstellt.

Habe ich Dir schon über meine Erfahrungen mit nordischen Meeresstränden erzählt? Na, so viele sind es auch nicht. Aber doch einige. Die wichtigsten stammen aus meiner Studentenzeit in England. Dort hatten wir den gesamten Strand in Bornemouth zur Verfügung. Und das war auch ziemlich in Ordnung. Mindestens an schönen und warmen Tagen. Es gibt doch da dieses Pier, wo man hinausgehen kann. Draussen ist wohl ein Restaurant und ein kleines Casino vielleicht. Ich war nie wirklich dort draussen, denn ich hatte mir immer gedacht, das würde Geld kosten. Und soviel Geld hatte ich nicht zur Verfügung.
Ich trieb mich also mit meinen Kollegen am Strand herum. Nun muss man wissen, dass die Walliser zu jener Zeit von Meer und Wasser und Strand keine blasse Ahnung hatten. Die meisten waren wohl kaum schwimmen gegangen. Ich hatte einige Erfahrung, von unseren Sommerferien in Italien. Und genau dies war es, was meine Erfahrungen hier in England prägten. Verglichen mit einem schönen italienischen Strand mit wunderbarem hellem Sand und klarem seichtem Wasser war der Strand von Bornemouth die pure Geröllhalde. Statt Sand eine mehr oder weniger steinige Fläche. Statt Sonne wiederkehrende Bewölkung mit Wind, so dass diese weissen Schäumchen auf den Wellen erschienen. Statt hübsche lachende Italienerinnen im Bikini etwas sonderliche und klapperige Engländer auf ihren Campingstühlen, unsorgfältig gekleidet in einem flatternden Hemd, Zeitung vor dem Gesicht, auf dem Arm ein Tatoo, leichter Sonnenbrand auf der Stirn. Und auf der Strandstrasse viele Leute in Kleidern, auch viele Rockers damals mit ihren Höllenmaschinen. Kurz und gut: ein englischer Strand war mit einem italienischen überhaupt nicht zu vergleichen. Er war, im Grunde genommen, die totale Enttäuschung. Und dabei habe ich noch nicht geschildert, wie es war, wenn man vorsichtig über diese spitzen Steine für ein paar Minuten ins trübe kalte Wasser gestiegen ist. Es war die reine Rosskur. Ich meine, wenn man alles in Rechnung stellte, so wurde man eher vom Strand vertrieben, als dass er einen hätte anlocken können mit irgendwelchen südlichen und süssen Versprechungen. Ich erinnere mich, dass für einen oder zwei Tage unser Lehrer zu Besuch kam. Er sass den ganzen Tag auf einem Stühlchen am Strand, las irgend einen Schmöker und rauchte seine Pfeife, um unter den Engländern nicht zu sehr aufzufallen. Nein, um ein paar schöne Tage am Strand zu haben, muss man nicht nach England fahren.
Heute würde ich das vielleicht anders sehen. Heute könnte ich wahrscheinlich auch dem Wasser entlang im Wind wandern und die Aussicht übers Meer geniessen. Vor allem die Weite ist ja immer wieder schön, wie wir sie hier in der Schweiz nicht haben. Diese weite Sicht über das Wasser, die sich irgendwo in der Ferne verliert und an keinem fixen Punkt festmachen lässt, ausser vielleicht in einem glücklichen Moment an einem winzigen Schiff, das irgendwo in der Ferne dahin zu dümpeln scheint, diese Sicht ist wunderbar. Ist es nicht so, dass der weite Raum nicht auch den Eindruck von viel Zeit verschafft? Die räumliche Weite schafft auch eine ruhige Zeit. Vielleicht ist es das, was ich so liebe. Ich mag Aussichtspunkte, von wo man in die Weite sieht. Das gibt eine Art philosophische Position vis-à-vis unserer Welt. Alles erscheint dann irgendwie wohl gefügt und in Ordnung. Ich kann mir schon vorstellen, dass der liebe Gott mit seinem Werk zufrieden war. Er hat es sich ja nicht aus der Nähe angeschaut, sondern aus Distanz, mit einem generösen Überblick. Wenn man sich die Details anschaut, dann könnte man schon das eine oder andere bemäkeln, nicht wahr. Aber der ferne Blick des lieben Gottes verschafft ihm sozusagen ein impressionistisches Bild. Ein Bild nämlich, mit dem ein Kurzsichtiger in die Welt blickt. Es schaut alles hübsch und luftig aus, weil er nicht so genau sehen kann. Die Details würden ihn wohl erschrecken.
Vielleicht ist der liebe Gott wirklich ein bisschen kurzsichtig?

Ach, ich bin irgendwie in eine Thematik geraten, von der ich nicht weiss, was ich Dir damit bieten könnte. Alles ist von unserem momentanen windigen Wetter ausgegangen. Und ich glaube, dass Du diese Art des englischen Wetters sehr gut kennst. Aber Du weißt auch, wie es sich am Mittelmeer anfühlt. Seid Ihr in Sorrent auch schwimmen gegangen? Wenn ich mir das Foto anschaue - es hängt, wie Du weißt, immer noch an meiner Wand -, so habe ich den Eindruck, der Ort sei so alt und schick, dass man gar nicht fürs Bad eingerichtet sei. Der Ort stamme nämlich aus einer Zeit, da man noch nicht im Meer zu baden wagte. Die Gäste, alte zitterige Adelige an eleganten Stöcken und aufgetakelte Jungfrauen wandeln in kleinen Schritten durch die engen Strässchen und promenieren auf der Terasse über dem Meer. Aber niemals würden sie sich auch nur einen Zentimeter ihrer Haut in diesem Meer feucht machen. Niemals! Und die Gefahr kann auch gar nicht aufkommen, denn der Ort ist durch eine Felswand vom Wasser getrennt. Man sieht das Wasser aus der Höhe, und niemals ist es blauer und einladender, als aus dieser Perspektive. Aber die Greisinnen und Greise geraten nicht in Versuchung, denn sie stehen oben am Geländer und lassen sich den Wind durch ihr schütteres Haar streichen.

Vielleicht ist das schon die Ferienstimmung, die mich zu solchen Gedanken treibt?

Ich muss mich aber vorläufig noch hier in unseren Breiten zufrieden geben. Vielleicht fahr ich mal, zwischendurch, für einen Tag ins Wallis. Ich möchte mit meiner neuen Kamera ein paar Bilder schiessen. Vielleicht kann ich dann wieder mal malen. Ich muss unbedingt den Einstieg zurück finden jetzt in die Malerei. Unbedingt! Es ist lustig, wie ich bei solchen Unternehmungen immer wieder im Mittelwallis lande. Ich glaube, dort ist das Wallis am schönsten. Oben, im deutschen Teil, ist es steiler und enger, irgendwie karger und härter, eben so, wie die Oberwalliser sind: etwas holperig und eckig, aber so lieb und loyal wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Im Mittelwallis wird das Tal dann breit und die Bergrücken mild. Und abends, wenn die Hänge über Siders hinauf bis Montana mit den vielen kleinen Lichtlein zu scheinen beginnen, so ist dieser Lichterteppich so wunderschön und zart ungefähr wie jener, den man von Shemiran herunter erblickt, wenn man in der warmen Nachtluft auf der Terasse einer dieser noblen Villas steht und die Millionenstadt Teheran vor sich betrachtet. Aber natürlich ist der Teheraner-Teppich unendlich weit und in einer Ebene unter einem klaren Sternenhimmel ausgerollt, während jener von Montana mehr oder weniger vor uns und genau genommen ziemlich klein an der Alpenwand hängt. Beide Male geht aber der Lichterteppich ziemlich nahtlos in den Sternenhimmel über.

Es ist so kühl heute, dass ich mir eine grosse Portion Tee gebraut habe, um mich ein wenig aufzuwärmen. Hagebuttentee! Kennst Du ihn, Malou. Er wird von Rosenblüten gemacht und schmeckt ein wenig säuerlich. Ich mag die Säure. Bestimmt kennst Du ihn!

Ich glaube, ich muss dieses kleine Geplätscher beenden. Es gibt nicht wirklich ein Thema, schon gar nicht eine Botschaft, wie man immer sagt. Es ist bloss ein kleines Selbstgespräch, irgendwie.
Ich wünsch Dir einen guten Tag
MLGK