Montag, 26. Mai 2025

Lob an deine Mutter

 Lieber ...,

Ich bin nochmals im Hotmail hängen geblieben. Da gibt es so viel Wunderbares zu lesen. Schau mal hier, dein Lob an deine Mutter, als sie 80 wurde.
Hier dein Mail:

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Am Samstag hat meine Mutter zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen. Sie ist 80 geworden. Es sind etwa 30 Personen, die kommen. Wir haben ein Essen im Hotel, dann einen kleinen Ausflug
im Autocar zu einem Ausblickspunkt. Dort gibt es offenbar Kaffee mit Kuchen, wie die Deutschen sagen würden. Ich mag solche Familienschläuche nicht sonderlich. Aber bei diesem hohen Geburtstag will ich ein Auge zudrücken. Meine Geschwister haben mich gedrängt, ein paar Worte zu sagen. In einem Kunstbuch habe ich kürzlich von einem amerikanischen Maler gelesen: It is best to think of the faces as mirrors. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre. Das wissen wir seit Jahrhunderten. Aber wenn ein Amerikaner das in so kindlich naiven Worten sagt, dann ist es fast wie eine neue Erkenntnis. So habe ich mir gedacht, dass ich alle die Kinder und Kindeskinder frage, was sie an ihrer Oma oder Mama schätzen. Und das werde ich dann irgendwie vortragen.
Unsere Mama, soviel ist nach den bisherigen Gesprächen klar, ist eine vielgeliebte und hochgeschätzte Oma. Die Kinder mögen sie besonders, weil es bei ihr immer spannend ist. Sie nimmt sich Zeit, macht Anregungen zu Spielen und Beschäftigungen, hat immer Utensilien, Papier und Kleister bereit für Bastelarbeiten, und hat selbst viel Fantasie und Fingerbegabung, um eigene Dinge zu gestalten. Sie macht schöne Zeichnungen im Freundschaftsalbum. Sie kann aus Abfall einen virtuellen Blumenstrauss basteln. Und sie erzählt Geschichten, die sie gleich aus dem vergangenen Tag heraus kondensiert und am nächsten Tag fortsetzt. Es sind ihre daily soapes, wie ich spasseshalber sage.

Ich glaube, mich hat vor allem ihre lebendige und plastische Fantasie beeinflusst, und sie hat mir gezeigt, wie man sie im Leben gebrauchen kann, so dass die Spielräume des Lebens vielfältiger werden. Ich glaube, als ich noch jung war, waren meine Möglichkeiten durch die schwierigen Erlebnisse ziemlich begrenzt. Ich fühlte mich damals auch irgendwie scheu eingeengt Vielleicht ist auch die Thematik meines Studienabschlusses "Spiel und Geschichten" von ihren Anregungen beeinflusst? Man bemerkt solche Dinge ja manchmal erst viel später im Leben.
Auf jeden Fall ist sie eine sehr anregende und intelligente Frau, die mit viel Fingerspitzengefühl und Diskretion ihre Lebenserfahrung entfaltet. S erzählt allen ihren Freundinnen, dass sie sich keine bessere Schwiegermama wünschen könnte. Natürlich hat sie persische Vorstellungen von Schwiegermamas. Die sind ja die Patronne im Haus, und eine Schwiegertochter, die sie traditionellerweise mehr oder weniger selbst ausgewählt hatte, muss sich ihr absolut unterordnen. Daraus entstehen bestimmt auch heute noch viele tragische Situationen im Iran, gerade in dieser heutigen Übergangszeit von geschlossenen zu offenen Gesellschaften, da junge Menschen viel mehr wissen und autonomer werden, als es die Alten je waren.
Mein Schwager T. hat mir erzählt, dass er zu ihr gehen würde, wenn er eine Vertrauensperson suchte, um irgendwelche persönlichen Lebensprobleme diskret besprechen zu können. Und er bewundert an Oma, dass sie sich in ihrem Alter vor einigen Jahren noch einen Computer gekauft hat, um ihre Briefe zu schreiben, was wegen ihrer geschwächten Augen nicht mehr allzu leicht ist.
Ich glaube, die Kinder mögen an ihr vor allem diese grosszügige und akzeptierende Lebendigkeit, diese inspirierende Präsenz und Neugirde, mit der sie Anregungen gibt und die Ideen der jungen Seelen in ihrer ganzen Unvollkommenheit akzeptiert. A. hat zwinkernd gesagt, ein Spaziergang mit Oma und ein Spaziergang mit uns, dazwischen lägen Welten. Und meine kleine Schwester erinnert sich, wie sie ihr in allen Lebenssituationen, da sie zögerte, Mut zugesprochen habe. Du kannst das, habe sie immer wieder gesagt. Es war eigentlich S Idee, an diesem Fest der Mama einige schöne Sachen zu sagen. Und - so denke ich - werde ich es versuchen.
Mama selbst soll gewünscht haben, dass es ein lustiger Anlass wird. Sie habe angeregt, dass man doch Witze erzählen solle. Und so habe ich auch S angeregt, vielleicht einige zu finden. Wir werden sehen, wie es herauskommt.
Ich muss noch meine ältere Schwester und ihren Sohn sprechen, sowie meine zwei bellesoeurs (heisst das so, schreibt man das so??)
*
Und jetzt kommt langsam Müdigkeit auf. Ich werde heimgehen, frühstücken, duschen, und dann - so Gott will - an die Sitzung eilen.

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Ich bin sehr froh, dass ich diese Zeit in deinem Leben miterlebt habe.
Grüsse dich nochmals lieb.

...
MlGuK
Malou



Re: Lob an ..

Liebe Malou
Ach, das ist aber lieb, dass du mir diese alten Gedanken sendest. Ich hatte es bereits wieder vergessen. Nicht meine Mutter, aber diesen Anlass habe ich mehr oder weniger vergessen. Ist es nicht unheimlich, wie die Zeit geht, oder sagen wir wie WIR vergehen, wie wir in dieses schwarze Loch der Vergessenheit geraten. Es ist unheimlich. Sehr unheimlich!  In einigen Jahren weiss niemand mehr von den Dingen, die wir gewusst und die wir einmal für wichtig gehalten haben. Camus könnte dazu ein paar Dinge sagen. 
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