Ämne: mimo
Datum: den 29 januari
Liebe Marlena
Eigentlich habe ich Dich nicht mit meinem Grossmütterchen verglichen, sondern bin nur auf sie gekommen durch Deine Bemerkung, dass Mahlzeiten, allein eingenommen, irgendwie keine Mahlzeiten sind, sondern blosse Nahrungsaufnahme. Auf jeden Fall war ich erstaunt, wie intensiv mir die Erinnerungen aufgestiegen sind. Und ich glaube, es war zum ersten Mal, dass ich diesen Aspekt des einsamen Todes wirklich bemerkt habe. Es ist nicht gut, allein zu essen, so wie es nicht gut ist, allein zu sterben. S hatte ihren Vater auch nicht mehr gesehen vor seinem Tod. Offenbar hatte er sein nahes Ende gespürt und noch mit seinen Söhnen telefoniert, aber nicht mit seiner Tochter. Und als er schon tot war, hatte ein Onkel Ss, also ein Bruder ihres Vaters angerufen. Er sagte aber nicht, dass er gestorben sei, sondern dass er im Spital liege oder ähnlich. S wusste aber sofort, was damit gemeint war. Offenbar meiden es die Perser, solch traurige Nachrichten zu überbringen. Sie überlassen es der informierten Person, selbst nachzufragen bei jemandem, von dem sie bereit sind, eine solche Nachricht entgegen zu nehmen.
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Aber jetzt bist Du bestens informiert über die Affen. Wir haben demnächst wieder einen Clubanlass, wobei wir uns ein Referat eines bekannten Verhaltensforschers des Zoologischen Gartens anhören werden. Ich habe ihn schon mindestens 2 oder 3mal gehört. Er ist sehr interessant, wenn er über die Gruppe von Gorillas erzählt, die sie im Zoo Basel haben. Er erzählt jedes Mal andere Aspekte und man hat nicht den Eindruck, dasselbe zu hören. Natürlich ist die Thematik interessant im Rahmen der Evolutionstheorie und auch in jener der gegenwärtig stark diskutierten Soziobiologie. Die Gender-Diskussion lebt davon. Und alles macht zur Zeit, wie mir scheint, einen neo-konservativen Bogen. Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebte auf dem falschen Planeten. Vieles, was wir überwunden meinten, erscheint plötzlich wieder und dazu in neuem Licht, was aber immer auch alte Erinnerungen weckt. Der Mainstream ist wirklich ein wilder, mehr oder weniger gedankenloser und unbewusster Strom. Man kann ihm nicht mal böse Absichten unterstellen.
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Wie geht es Dir, Marlena? Du schreibst so lapidar und kurz, dass man daraus eben mehr über die Fernsehprogramme als über Dich selbst hört. Fühlst Du Dich nicht allein oder gar einsam, so zu leben, wie Du heute lebst? Natürlich weiss ich, dass Du mehr Facetten hast, als ich es hier in Deinen Mails lese. Und sicherlich bist Du im Rahmen Deiner Arbeit zwischen vielen Menschen recht gut aufgehoben. Ich selbst mag es nicht, in der Freizeit völlig allein zu sein. Obwohl ich gerne lese und mich mit Dingen beschäftige, die ich nicht direkt mit meiner Familie teilen kann, mag ich es nicht, hinüber in meine Bibliothek zu gehen. Deshalb sitze ich oft abends an unserem grossen Tisch mit meinen Büchern und Zeitungen. Und das gibt Gelegenheit für einen kleinen Schwatz, wenn B. heimkommt, oder bevor S. ins Fitness geht. A propos: ich bin nicht in den Fitnessclub eingetreten. Obwohl ich anfangs ziemlich beeindruckt war, hat sich meine Begeisterung wieder abgekühlt. Vor allem zu bestimmten Zeiten ist dieser Club einfach überfüllt. Und das mag ich nicht. Die gymnastischen Übungen und die Trainingseinheiten kann man eigentlich auch zuhause durchführen. Dazu braucht es nicht unbedingt diese riesigen Maschinen. Und zu alldem spare ich mir die Zeit für den Weg und die Kosten. So habe ich, alles in allem, entschieden, mindestens dreimal wöchentlich eine halbe Stunde zuhause zu trainieren. Ich will ja kein Schwarzenegger werden, sondern bloss meinen Körper einigermassen beieinander behalten. Natürlich braucht das alles mehr Disziplin. Der Fitnessclub ist gut, weil man durch andere Personen animiert wird. Aber das ist auch alles. Bei S. ist es anders. Sie geht in die Kurse, wo sie mit Musik diese Aerobic Übungen machen. Das braucht Instruktion und es braucht die Atmosphäre einer Gruppe.
Ich muss mich jetzt sputen und noch einige Dinge vorbereiten. Für den heutigen Tag wünsche ich Dir die allerschönsten Stunden.
Mit lieben Grüssen
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