Mittwoch, 28. Oktober 2020

Dienstag, 27. Oktober 2020

"on realism and escapism"


Subject: :on realism and escapism
Date: Thu, 27 Apr  14:00:29 


Liebe Marlena

(---)
Du fragst mich, was ich meine, wenn ich sage, du könnest rasch auf Realismus umschalten. Und du weist darauf hin, dass doch unser Chat und unsere Mails auch Realität seien. Ich kann dir natürlich nicht die "Wahrheit" sagen, meine liebe Mauscopine. Ich kann dir nur schildern, wie ich es anschaue. Wahrheit gibt es ja sozusagen nicht. Ich sage immer: "Keiner hat die Wahrheit. Aber jeder hat das Recht, sich auf seine eigene Art zu irren". Ist doch gut gesagt, nicht wahr?

Also: Deine Realität ist dein Leben in Stockholm. Du hast deine Familie, du sorgst für Anna, du machst den Haushalt, deine Einkäufe, spähst auf dem Weg zur Arbeit nach den Geschwindigkeitskontrollen, bereitest deine Lektionen vor, arbeitest in deinem Arbeitszimmer, von wo man auf die Eisbahn sehen kann, wartest auf das Wochenende und auf K. und sein feines Sonntagsessen und so weiter und so fort. Das ist deine Realität.

Unsere Maladi ist natürlich auch Realität, aber eine andere Ebene irgendwie, in sich abgeschlossen, im Gefängnis sozusagen, in den Mauern des Internet. Das gibt ihr schon den Charakter des Spiels (allerdings "Spiel" nach meiner Definition). Aber auch Spiele sind Realitäten. Sie sind irgendwie in sich abgeschlossene soziale Interaktionsformen. Wenn ich Donnerstag abend mit Walter zusammenkomme, ist das auch ein Spiel, das ich mit ihm habe. Es gibt da gewisse Spielregeln und Grenzen, die wir beide einhalten. Man kann nicht sagen, Spiele seien weniger real als das übrige Leben. Schau mal, wie Menschen in Spielen aggressiv werden können, oder gefangen und eifrig sein können, wie sie sich enttäuschen lassen von Spielen. Oft sind Spiele sehr emotionale Realitäten. Spiele haben einen eigenen Ernst. Spiele sind genauso real wie das übrige Leben. Sie sind einfach gekennzeichnet durch einen Spielrahmen und durch eigene Spielregeln. Die Ehe ist eine Spielform des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. Französisch Conversation ist eine Spielform, Französisch zu lernen. Gemeinsam im Cyber-Room mit der Kusine zu essen und zu plaudern, wie du es mir beschrieben hast, wäre eine Spielform des Zusammeseins via Internet. Chatten ist eine Spielform des Dialogs, des rudimentären Dialogs muss man sagen. Telefonieren ist eine Spielform des Kontaktes. Du siehst, so verstehe ich das Wort Spiel. Das ist vielleicht nicht gerade so, wie es hier jedermann verstehen würde.

Wenn ich meiner Sehnsuche nach dir freien Lauf lasse, dann befinde ich mich im Gefängnis. Und das ist nicht real-life. Ach, jetzt haben wir es: Realität ist real-life. Und unsere Sehnsucht ist eben virtual-life. Du spürst zwar die Sehnsucht in deinem Körper, aber sie ist von deinem übrigen Leben getrennt. Sie ist sozusagen durch Spielgrenzen abgetrennt. Wenn das nicht so wäre, würden wir uns - sagen wir - morgen um 1600h in Paris Orly treffen und zusammen nach Ronda fahren, wie das der gute alte Hemingway - der ja sicherlich in Liebesfragen einige Erfahrung hatte - empfohlen hat. Na ja, vielleicht wäre es noch nicht richtig sommerlich warm für Liebesnächte in Ronda, aber immerhin wäre es besser als im ST, diesem harzigen System, das unsere Nerven auf die Probe stellt.

Und jetzt zum Punkt. Ich habe bei dir den Eindruck gehabt, dass du mit tiefen Gefühlen sprechen kannst, wie sehr du mich vermisst, aber kurz nachher auf unseren §5 (never fall in love again) hinweist. Das meine ich, wenn ich sage, du kannst rasch umschalten auf Realismus. §5 ist quasi eine realistische Anweisung. Wenn ich - im Gegensatz zu dir - ich mich der Sehnsucht hingebe, dann denke ich nicht an §5, dann interessiert mich dieser § sowenig wie am Morgen die hungerigen kleinen Vögelchen, die piepsen. Wenn ich mich der Sehnsucht hingebe, dann möchte ich dich sehen, mit dir plaudern und deine Person erleben, sehen wie du bist und wie du das Leben anpackst und die Kaffeetasse zum Mund führst. Das meine ich mit lyrischem Ich. Das sind Gefühle und Stimmungen und Hoffnungen, aber man kann damit nicht unbedingt ein real-life bestreiten. Sie sind einfach zuwenig realistisch. Sie sind zwar real, aber nicht realistisch. Das ist die Unterscheidung, die man machen muss: real sind die Gefühle, aber sie sind nicht immer realistisch. Real meint eine Seinsweise, realistisch meine eine Erkenntnisweise.

Ach, damit stecken wir schon tief im Sumpf der Philosophie. Mit ihr möchte ich dich nicht behelligen, meine Liebe. Das ist nicht nötig. Den Begriff des "lyrischen Ich" habe ich überigens von Kundera. Er spricht davon. Gemeint ist dieser Zustand der Verliebtheit, den wir doch auch von Rilke kennen, der seine Wahrnehmungen mit Sentimentalität durchtränkt und in sich verinnerlicht, um sie dann in schönen Elegien wieder der Welt zu präsentieren. Er ist ein absolut lyrischer Mensch, aber ziemlich lebensuntüchtig, wie man weiss, und auch früh gestorben, und hat oft geklagt über seine Mattigkeit (longueur bei Verlaine, habe ich im Dictionnaire nachgeschaut, zugegeben), seine Ängste und Phobien, seine Isolation, seine Hypochondrie und seine Verlassenheitsgefühle. Rilke war kein besonders gesunder Mensch. Er hat am Leben sehr gelitten. Lyrisches Ich ist also dieser Zustand der Verschmelzung mit den sentimentalisierten Aspekten der Welt, mit der geliebten Person, mit den Dingen, an die einen Begeisterung binden. Das ist dieser jugendliche Höhenflug, den wir kennen, wenn sich junge Menschen verlieben. L'amour est aveugle. Ils vivent d'amour et d'eau fraîche.

*

Du kannst meine Aussage einfach so verstehen: ich finde, du bist ein vielseitiger Mensch, du bist nicht eindimensional, sondern mindestens vierblätterig, wie wir doch schon festgestellt haben. Du bist eine tüchtige Berufsfrau, eine zuverlässige und liebe Mutter und Hausfrau, eine loyale Ehefrau. Und daneben hast du noch diese Maladi, das ist doch wirklich abgehoben von deinem Leben, ein schönes Spiel, sozusagen ein mentales Abenteuer. Andere Leute besuchen romantische Kinofilme um zu weinen, gehen ins Casino ihr Geld verspielen oder vertreiben sich die Zeit mit den 18 Löchern auf dem Golfplatz. Jeder hat seine spielerischen Vorlieben. Und wir haben unsere Maladi.

Du darfst nicht denken, ich nehme das nicht Ernst, weil ich es Spiel nenne. Das habe ich aus meiner Dissertation gelernt. Spiele sind genauso Realität wie das Alltagsleben. In der Tat könnte man sagen, das Alltagsleben sei nur eine Spielform, eben das Alltagsspiel, dem wir im Leben eine gewisse Priorität einräumen. Es ist sozusagen das Metaspiel, die grösste der russischen Puppen, die man so ineinander stecken kann. Unsere maladi bedeutet mir viel und ich möchte nicht darauf verzichten. Und du bist mir wichtig, meine amie souris, fast ein bisschen zu wichtig. Aber es ist ein abgegrenztes Spiel. Es ist eine der kleineren russischen Puppen. Je mehr ich an meine Fantasie des Gefängnisses zurückdenke, desto besser gefällt es mir. Ich finde, es ist gut erfunden: ein bisschen sentimental, ein bisschen lustig, ein bisschen ironisch, ein bisschen mit Bezügen zum Alltag (1. April), ein bisschen erotisch und hat einen gelungenen Schluss: die Pritsche, die reklamieren will, obwohl es nichts zu reklamieren gibt. Das ist sozusagen noch ein moralisches Element eingebaut. Es ist wirklich eine sehr komplexe, kleine Geschichte. Sie sieht harmlos aus, aber es ist fast alles drin, was man sich in unserer maladi denken kann. Wenn wir uns jetzt das Gefängnis noch im Turm vorstellen, dann haben wir Dein Bild auch noch mitverwendet. Wir bauen zusammen den Turm, aber wir sind IM Turm eingeschlossen. Ist das nicht eine wundervolle und geheimnisvolle Fantasie? Wir zwei Turmbauer, wir bauen am Turm, sind aber im selben Turm eingeschlossen und kommen nicht ins real-life hinaus. Wir bauen unser wunderschönes Turmgefängnis von innwendig, ohne auch nur eine Türe zu lassen.

*

Ach, gerade höre ich die CDs mit Barbara, und bei jedem Stück überlege ich, wie es dir gefallen könnte. Manchmal sind die Chansons sehr melancholisch, eben lyrisch auf eine Art. Sie sind voller timbre. Ich muss sie dir wirklich so schnell wie möglich schicken. Jeder Tag ohne sie ist ein verlorener Tag (etwas dramatisch gesagt!). Hast du deine Adresse schon geschickt?

So lass ich dich nun, mein liebes Turmfräulein, meine amie souris, meine Mausbraut, meine Muse, die mit ihren Küssen so geizt.

IM
...



Sonntag, 25. Oktober 2020

Dienstag, 20. Oktober 2020

Herbsttag

 (R)


Liebe Marlena 

 ...
 
Du kennst das schöne Herbstlied oder Herbstgebet von Rilke.


Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Es ist so schön und bekannt, dass man es kaum mehr zitieren darf. Ich habe mir dazu immer die Landschft Rarons vorgestellt, obwohl das Gedicht eigentlich 1902 in Paris entstanden ist. Aber es gibt in Raron und Umgebung alles, was hier beschrieben wird: die Fluren mit dem Wind, die Rebberge mit dem Wein (der zwar im Wallis nicht allzu schwer ist) und vor allem die Allee. Die Alleen sind eine kleine Spezialität im Wallis. Es gibt sie sonst nicht mehr oft in der Schweiz. Hier stammen sie noch aus der Zeit Napoleons, als das Tal als Département Simplon für kurze Zeit zu Frankreich gehörte.
Und wenn Du Marlena einmal einen Herbst im Wallis erleben wirst, dann weißt Du schnell, was es ist, das mich sosehr an diese Landschaft bindet. Man kann es nicht mit Worten beschreiben, aber ich habe all diese Sensationen noch in meinem Körper, zusammen mit der Erinnerung an jene Sehnsüchte, unter denen man als junger Mensch zu schmachten pflegt. Das Wallis ist die Provence der Schweiz. Und eigentlich müsste ich Dir dieses Goldgelb der Lärchen beschreiben, das um diese Zeit unter der warmen Herbstsonne langsam an den Berghängen heranreift. Es ist die Zeit, da man an den Wochenenden unter blauem Himmel an irgend ein hübsches Plätzchen fährt, um eine Raclette zu geniessen. Hat Dir der Visper erklärt, was eine Raclette ist? Du würdest sein Heimweh enorm schüren, wenn Du ihm davon erzählst. Raclette ist eine Käsespeise. Man lässt einen halben Käse am Stück an der Glut eines Holzfeuers schmelzen und streicht nach und nach mit einem grossen Messer die Portionen direkt auf den Teller. Dazu gibt es Pellkartoffeln, Cornichons und natürlich jede Menge weissen Weines. Weil man immer wieder warten muss, bis man die nächste Portion Käse bekommt, gibt es genug Zeit zu plaudern oder die Ameisen, die einen in den Hintern beissen, zu vertreiben.
*
Du schreibst so schön und Deine Übersetzung des poetischen Textes ist gekonnt. Sowas ist wirklich sehr schwer zu übersetzen. Und es gefällt mir sehr, wie Du Deine Ferien und Deine Erinnerungen auskostet, indem Du dieses Buch noch- und nochmal liest und anschaust. Ich würde das ganz ähnlich machen. Nein, dass Kaiser Tiberius von dort aus regiert hat, das wusste ich nicht, vielleicht nicht mehr. Es ist mir wirklich sehr sympathisch, wie Du das machst. Es ist das Bemühen, sozusagen eine Art Zärtlichkeit zum Ferienort zu gewinnen. Das ist schön. Ich finde die moderne Art, Ferien zu machen, absolut barbarisch, wenn man einen Ort überfällt und besetzt und dann wieder geht, ohne ihn wirklich kennengelernt zu haben. Die Deutschen sind ein bisschen so, denn sie wollen überall ihre Würstchen essen und fühlen sich dann sehr deutsch. Ich meine nicht, dass man unbedingt Bücher lesen muss. Das tun ja die wenigsten. Aber dass man das Andere und das Eigene des Ortes, seinen fremden Reiz wirklich erkundet. Und wenn Du mir davon erzählst, kommt bei mir auch die Lust, mich damit zu beschäftigen. Aber ich kann mich nicht mit allem beschäftigen. Ich geniesse es, von Dir zu hören und Deine Begeisterung herauszuspüren.
*
Und dann das schöne Bild von Pissarro ...

...

Blick durchs Fenster

heute
 

Samstag, 17. Oktober 2020

Brig heute und damals

 

                                                    Brig heute...      Foto: Chris


Liebe Marlena
...
Aber das Bänklein auf dem Bahnhof in Brig habe ich gestern besucht. Ich habe mir wirklich einen Tag frei genommen und bin ins Wallis gefahren. Das war erfrischend und eine gute Abwechslung. Ich habe schon um 6h das Haus verlassen und bin um ca. 9h aus dem Bahnhof von Brig getreten und habe mit kritischem Blick den trüben und fürs Wallis untypisch regnerischen Himmel gemustert. Das Glishorn gegenüber lag bis zur Hälfte im Nebel. Vielleicht weißt Du das als Flachländerin nicht so genau. Berge sind wunderbar und fantasietreibend. Sie gestalten als Panoramas wunderbare Helle, aber auch blaudunkle Schatten. Doch bei Regen und Nebel verwandelt sich die Gebirgslandschaft in eine enge Kartonschachtel. Links eine Wand, rechts eine Wand, vorne eine Wand, hinten eine Wand und oben eben ein nebliger, tropfnasser Deckel über den Schädel. Dann ist es ein wenig wie Kaninchenhaltung im Wallis und die Leute kommen sich noch näher, als sie es bei himmelblauem Wetter schon sind.

Kurz und gut: es war ein trüber, durchschnittlicher Freitag und die Menschen eilten in ihren Angelegenheiten dahin, als ob nichts wäre. Ich hatte meine Kamera mitgenommen, aber bei trübem Wetter ist es wirklich nicht leicht, ansprechende Sujets zu finden. Ich bummelte die Bahnhofstrasse hinauf. Vor einigen Jahren gab es ja in Brig eine riesige Überschwemmung, so dass der halbe Fluss die Bahnhofstrasse herunter- gewalzt ist. Nun haben sie viel neu gemacht, die Strasse gepflästert, vom Verkehr mehr oder weniger befreit, die Geschäfte erneuert. Die Katastrophe war ein einziges Wirtschaftsimpulsprogramm für die Oberwalliser Metropole. Und, ich muss sagen, es hat sich zu Brigs Vorteil gewandelt. Ich kann Dir jetzt nicht erzählen, was alles ich vermisst habe, weil es in meiner Erinnerung immer noch vorhanden ist. Es würde kein Ende nehmen. Und es ist immer ein wenig schmerzhaft und auch verletzend festzustellen, dass sie soviel geändert und verändert haben, ohne mich, den Besitzer der Erinnerungen, vorher zu fragen. Sie setzen mich damit ins Unrecht. Das finde ich einfach rüchsichtslos.

... und damals
Ich bin den ganzen Weg hinaufgegangen bis zur Kirche. Die Bahnhofstrasse endet heute im Stadtplatz, was früher eine blosse Kreuzung war. Dort hat das Hotel Couronne heute eine grosse Gartenwirtschaft. Links ist das Café Ganter, dass damls neu eröffnet hatte. Auf der anderen Seite das Londres, mit der etwas düsteren Bar. Das kleine Gärtchen, wo früher im Sommer Tische standen, fehlt. Sogar den Brunnen vor der Sebastianskapelle zur Erinnerung an Chavez, den ersten Überflieger des Simplons, haben sie verschoben. Er steht heute vor dem neuen Geschäft "Zur Stadt Paris", was es damals noch nicht gegeben hatte.

Überigens ist mir dabei in den Sinn gekommen, wie Christoph, ein anderer Schulkollege, beinahe seine Schulmappe verloren und damit seine Schulkarriere riskiert hatte. Es war wohl einer der Abende, da wir kurzentschlossen ein Käsefondue essen wollten. Christoph dachte, er sei sehr erfinderisch, als er seine Mappe - deren physische Belastung er für ein paar Stunden abschütteln wollte - einfach in der Kapelle deponierte. Nun ja, man hätte doch davon ausgehen können, dass sich der heilige Sebastian ein Stündchen Zeit nimmt und ein Auge auf das Ding hält. Aber er tat es nicht. Am nächsten Morgen, als wir übrigen die Sache längst vergessen hatten, meldete Christoph uns den Verlust seiner Mappe. Wenn ich mich richtig erinnere, machte er sich während einiger Tage erhebliche Sorgen, bis das mittlerweile ausserordentlich wertvolle Ding wieder hervorkam. Wahrscheinlich gab ihm dieses glückliche Ereignis soviel Mut und Zuversicht, dass er später in kürzester Zeit Zahnmedizin studiert und abgeschlossen und geheiratet hat und in die Unsichtbarkeit seiner Praxis verschwunden ist.
Und dann bin ich die steilere Burgschaft hinaufgestiegen, eine enge altmodisch gepflästerte Strasse, die einstmals die alte Simplonstrasse war. Der Wegenerplatz, der bei der Katastrophe nicht tangiert war, sieht heute immer noch ziemlich alt und da und dort etwas ungefplegt aus. Ich meine damit natürlich die Häuser rundum, etwa, das Restaurant, wo mein Kollege Werner das Mittagessen einzunehmen pflegte. Doch das Wegenerhaus selbst ist immer noch stattlich und opulent, wie eh und je. Und das Restaurant De la Place, in welches unser künstlerischer Zeichnungslehrer immer gleich auf dem Heimweg von der Schule einbog, um sich für den Rest des Tages eine gute Laune anzutrinken, ist noch immer geöffnet. Nach dem grossen und altehrwürdigen Wegenerplatz kommt ein kleines Plätzchen, fast ein Hof, wo man den Polizeiposten erreichen kann. Er ist noch haargenau wie vor 50 Jahren. Und auch die Vespasienne, das kleine Pissoir, das ich noch nie unter Benutzung gesehen hatte. Ich glaube nicht, dass irgend jemand im Ernst je angenommen hat, man könne dieses komische Ding überhaupt benutzen. Vielleicht von ein paar Trunkebolden mit Überdruck zu fortgeschrittener, nächtlicher Stunde mal abgesehen. Dann kommt rechts das Stockalperschloss, die grosse Sehenswürdigkeit der Stadt. Der Hof hat mich wieder beeindruckt. Er stellt sich dar wie jene Karawanserei in Persien, die heute ein Erstklasshotel beherbergt. Doch das Briger Schloss ist höher gebaut und etwas enger in seinen Ausmassen. Aber es ist ein wunderschöner und imposanter Bau aus der Barockzeit.

Und schliesslich ging ich die letzte Strecke hinauf, vorbei am Marienheim, welches heute restauriert dasteht, vorbei an der Antoniuskapelle, in deren Vorplatz früher eine stattliche Trauerweide gestanden hat. Und dann verzweigt sich der Weg. Geradeaus gingen damals die Mädchen des Pensionates, um in der Klosterkirche der Morgenmesse beizuwohnen. Wir Burschen stiegen links hinauf die letzten Meter zum Kollegium. Heute wird dort oben viel gebaut. Es sieht alles sehr provisorisch und unordentlich aus. Diese Situation habe ich mirnicht allzu genau angeschaut. Das war nichts besonders Schönes. Ich bin dann nach links zur Kirche gegangen, von wo man einen schönen Ausblick auf die Stadt hinunter hat. Man sieht von dort auch das Tal hinunter, zwischen den Türmen des Stockalperschlosses hindurch und direkt auf Visp und die Schlüsselacker, also jenes Rebgelände, welches auf dem Bild, das Du mir gezeigt hast, im Vordergrund liegt.
Ach, es war wirklich ein ganz gewöhnlicher, trüber Wochentag und man sieht dabei, wieviel sich verändert, wenn man selbst nicht ständig zum Rechten sieht.
Ich war auch noch in Visp und in Sion. Aber das waren eher kurze Ausflüge. Vier gute Stunden verbrachte ich in Brig. Und es gab einige Personen, die ich gekannt habe, mindestens vom Sehen her.

In der langen Fahrt hin und zurück habe ich mit schönster Regelmässigkeit gewechselt zwischen einem angenehmen, leicht vibrierten Schlummer und der Biografie von Peter Ustinov (eigentlich Peter Alexander, wenn man es genau nimmt). Ich mag ihn sehr und ich finde ihn einen klugen, sehr generalistischen Mann mit vielen Begabungen und einer fantastischen humanistischen Substanz, ganz abgesehen, dass er auch noch in der Schweiz wohnt und unter seinen Ururgrossvätern auch ein Schweizer figurierte. Aber er war etwas pummelig in seiner Jugend - ach was, ist er heute noch - und war sehr unsportlich, was dann natürlich in einem englischen Internat gewissermassen zum Handicap ausartete. Man sieht es seinem Gesicht heute noch an, dass er irgendwie früher gelitten hatte. Aber er hat sich blendend entwickelt, und heute, mit 80 Jahren, ist er ein echter Lebenskünstler geworden. Er hat einen gewissen englischen Touch, obwohl er originally Russe war, allerdings mit einer wirklich weitverzweigten und quer über Europa zersprenkelten Familie. Wenn man seinen Angaben glauben will, hat er seine Substanz von Mutter, einer Enkelin eines russischen Offiziers aus St. Petersburg. Er hat sie sehr bewundert in ihrem Grossmut und ihrer Lebensübersicht. Der arme Kerl war - nota bene - Einzelkind.
Ustinov also hat mich die ungefähren 6 Stunden beschäftigt, und ich bin ganz begeistert von seiner Lebensklugheit und seiner Schreibweise. Er macht manchmal etwas lange Sätze, was - wenn der Eisenbahnwagen über Weichen rollt - sehr hinderlich sein kann, weil man dann ständig aus den Buchstabengeleisen des Büchleins springt und drei- oder viermal dieselben Formulierungen liest.

Ich wünsche Dir und Euch allen einen schönen Sonntag.
Mit Liebe
...

 

Sonntag, 11. Oktober 2020

Was ist los hier?

 

Foto: Chris

Nie was Neues? 







Samstag, 3. Oktober 2020

Bruegel

 


Liebe Marlena
...
Letzte Woche habe ich einen Bildband über Pieter Bruegel erstanden, du erinnerst dich, den Bauern Bruegel, oder der Drollige Bruegel, wie man ihn heisst, Pieter Bruegel der Ältere. Es gibt ja dann noch den Jüngeren und es gibt noch Jan, den Blumen Bruegel, der etwas feiner gemalt hat und zB auch mit Rubens zusammengearbeitet hat. Ich erinnere mich an ein Bild, das sie zusammen gestaltet haben, ich meine, soweit Rubens seine Bilder überhaupt selbst gemalt hat. Er hatte ja eine wahre Fabrik, sagen wir Manufaktur, das klingt etwas höflicher. Er war ein guter Geschäftsmann gewesen, dieser Rubens. Heute wäre er wahrscheinlich ein grosser Video-Produzent, der mit seiner Arbeit steinreich geworden ist. Er hatte eine Nase für die Moden und Vorlieben seiner Zeit, und er hat sie voll genutzt. Aber zurück zum alten Bruegel. Er hat dieses wunderschöne Bild des Turmes zu Babel gemacht, dieses zugleich schöne wie bedrohliche und unheilversprechende Bild. Wie wäre es jetzt schön, dieses Buch zusammen anzuschauen? Hättest du überhaupt Zeit für solchen Luxus? Bruegel ist wohl mit Bosch der originellste Maler des 15. Jahrhunderts, köstlich und flandrisch und witzig, verspielt und mit einer Bauernschläue, wie nur noch der alte Cato bei den Römern. Nein, Cato war nicht verspielt, der war eher tierisch ernst und stockkonservativ. Bruegels Turm ist ja zur Ikone geworden. Und das ist eine grosse Leistung für eine einzige kleine Existenz im 15. Jahrhundert Flanderns.

 


 

Ich habe immer geliebt, wie die Holländer ihre Maler lieben und mit ihnen leben. Jedes Kind kennt sie. Und es gibt diesen schönen Begriff eines „Jan Steen Haushaltes". Kennst du die Bilder Steens? Er hat viele Interieurs gemalt und immer sehen sie zwar sehr malerisch, aber eigentlich äusserst unordentlich bis chaotisch aus. Mein Büro ist gelegentlich ein Jan Steen Haushalt, echt, es fehlen nur noch ein paar Hühner und in der Ecke eine Stoffdrapierung. Dann wäre ich ein Jan Steen Hausherr (es ärgert mich, mein Computer macht aus Steen immer Stehen. Er ist wirklich dumm und unverbesserlich starrköpfig, sofern er überhaupt einen Kopf hat!).