(R)
Liebe Marlena
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Es ist so schön und bekannt, dass man es kaum mehr zitieren darf. Ich habe mir dazu immer die Landschft Rarons vorgestellt, obwohl das Gedicht eigentlich 1902 in Paris entstanden ist. Aber es gibt in Raron und Umgebung alles, was hier beschrieben wird: die Fluren mit dem Wind, die Rebberge mit dem Wein (der zwar im Wallis nicht allzu schwer ist) und vor allem die Allee. Die Alleen sind eine kleine Spezialität im Wallis. Es gibt sie sonst nicht mehr oft in der Schweiz. Hier stammen sie noch aus der Zeit Napoleons, als das Tal als Département Simplon für kurze Zeit zu Frankreich gehörte.
Und wenn Du Marlena einmal einen Herbst im Wallis erleben wirst, dann weißt Du schnell, was es ist, das mich sosehr an diese Landschaft bindet. Man kann es nicht mit Worten beschreiben, aber ich habe all diese Sensationen noch in meinem Körper, zusammen mit der Erinnerung an jene Sehnsüchte, unter denen man als junger Mensch zu schmachten pflegt. Das Wallis ist die Provence der Schweiz. Und eigentlich müsste ich Dir dieses Goldgelb der Lärchen beschreiben, das um diese Zeit unter der warmen Herbstsonne langsam an den Berghängen heranreift. Es ist die Zeit, da man an den Wochenenden unter blauem Himmel an irgend ein hübsches Plätzchen fährt, um eine Raclette zu geniessen. Hat Dir der Visper erklärt, was eine Raclette ist? Du würdest sein Heimweh enorm schüren, wenn Du ihm davon erzählst. Raclette ist eine Käsespeise. Man lässt einen halben Käse am Stück an der Glut eines Holzfeuers schmelzen und streicht nach und nach mit einem grossen Messer die Portionen direkt auf den Teller. Dazu gibt es Pellkartoffeln, Cornichons und natürlich jede Menge weissen Weines. Weil man immer wieder warten muss, bis man die nächste Portion Käse bekommt, gibt es genug Zeit zu plaudern oder die Ameisen, die einen in den Hintern beissen, zu vertreiben.
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Du schreibst so schön und Deine Übersetzung des poetischen Textes ist gekonnt. Sowas ist wirklich sehr schwer zu übersetzen. Und es gefällt mir sehr, wie Du Deine Ferien und Deine Erinnerungen auskostet, indem Du dieses Buch noch- und nochmal liest und anschaust. Ich würde das ganz ähnlich machen. Nein, dass Kaiser Tiberius von dort aus regiert hat, das wusste ich nicht, vielleicht nicht mehr. Es ist mir wirklich sehr sympathisch, wie Du das machst. Es ist das Bemühen, sozusagen eine Art Zärtlichkeit zum Ferienort zu gewinnen. Das ist schön. Ich finde die moderne Art, Ferien zu machen, absolut barbarisch, wenn man einen Ort überfällt und besetzt und dann wieder geht, ohne ihn wirklich kennengelernt zu haben. Die Deutschen sind ein bisschen so, denn sie wollen überall ihre Würstchen essen und fühlen sich dann sehr deutsch. Ich meine nicht, dass man unbedingt Bücher lesen muss. Das tun ja die wenigsten. Aber dass man das Andere und das Eigene des Ortes, seinen fremden Reiz wirklich erkundet. Und wenn Du mir davon erzählst, kommt bei mir auch die Lust, mich damit zu beschäftigen. Aber ich kann mich nicht mit allem beschäftigen. Ich geniesse es, von Dir zu hören und Deine Begeisterung herauszuspüren.
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Und dann das schöne Bild von Pissarro ...
...

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