Samstag, 17. Oktober 2020

Brig heute und damals

 

                                                    Brig heute...      Foto: Chris


Liebe Marlena
...
Aber das Bänklein auf dem Bahnhof in Brig habe ich gestern besucht. Ich habe mir wirklich einen Tag frei genommen und bin ins Wallis gefahren. Das war erfrischend und eine gute Abwechslung. Ich habe schon um 6h das Haus verlassen und bin um ca. 9h aus dem Bahnhof von Brig getreten und habe mit kritischem Blick den trüben und fürs Wallis untypisch regnerischen Himmel gemustert. Das Glishorn gegenüber lag bis zur Hälfte im Nebel. Vielleicht weißt Du das als Flachländerin nicht so genau. Berge sind wunderbar und fantasietreibend. Sie gestalten als Panoramas wunderbare Helle, aber auch blaudunkle Schatten. Doch bei Regen und Nebel verwandelt sich die Gebirgslandschaft in eine enge Kartonschachtel. Links eine Wand, rechts eine Wand, vorne eine Wand, hinten eine Wand und oben eben ein nebliger, tropfnasser Deckel über den Schädel. Dann ist es ein wenig wie Kaninchenhaltung im Wallis und die Leute kommen sich noch näher, als sie es bei himmelblauem Wetter schon sind.

Kurz und gut: es war ein trüber, durchschnittlicher Freitag und die Menschen eilten in ihren Angelegenheiten dahin, als ob nichts wäre. Ich hatte meine Kamera mitgenommen, aber bei trübem Wetter ist es wirklich nicht leicht, ansprechende Sujets zu finden. Ich bummelte die Bahnhofstrasse hinauf. Vor einigen Jahren gab es ja in Brig eine riesige Überschwemmung, so dass der halbe Fluss die Bahnhofstrasse herunter- gewalzt ist. Nun haben sie viel neu gemacht, die Strasse gepflästert, vom Verkehr mehr oder weniger befreit, die Geschäfte erneuert. Die Katastrophe war ein einziges Wirtschaftsimpulsprogramm für die Oberwalliser Metropole. Und, ich muss sagen, es hat sich zu Brigs Vorteil gewandelt. Ich kann Dir jetzt nicht erzählen, was alles ich vermisst habe, weil es in meiner Erinnerung immer noch vorhanden ist. Es würde kein Ende nehmen. Und es ist immer ein wenig schmerzhaft und auch verletzend festzustellen, dass sie soviel geändert und verändert haben, ohne mich, den Besitzer der Erinnerungen, vorher zu fragen. Sie setzen mich damit ins Unrecht. Das finde ich einfach rüchsichtslos.

... und damals
Ich bin den ganzen Weg hinaufgegangen bis zur Kirche. Die Bahnhofstrasse endet heute im Stadtplatz, was früher eine blosse Kreuzung war. Dort hat das Hotel Couronne heute eine grosse Gartenwirtschaft. Links ist das Café Ganter, dass damls neu eröffnet hatte. Auf der anderen Seite das Londres, mit der etwas düsteren Bar. Das kleine Gärtchen, wo früher im Sommer Tische standen, fehlt. Sogar den Brunnen vor der Sebastianskapelle zur Erinnerung an Chavez, den ersten Überflieger des Simplons, haben sie verschoben. Er steht heute vor dem neuen Geschäft "Zur Stadt Paris", was es damals noch nicht gegeben hatte.

Überigens ist mir dabei in den Sinn gekommen, wie Christoph, ein anderer Schulkollege, beinahe seine Schulmappe verloren und damit seine Schulkarriere riskiert hatte. Es war wohl einer der Abende, da wir kurzentschlossen ein Käsefondue essen wollten. Christoph dachte, er sei sehr erfinderisch, als er seine Mappe - deren physische Belastung er für ein paar Stunden abschütteln wollte - einfach in der Kapelle deponierte. Nun ja, man hätte doch davon ausgehen können, dass sich der heilige Sebastian ein Stündchen Zeit nimmt und ein Auge auf das Ding hält. Aber er tat es nicht. Am nächsten Morgen, als wir übrigen die Sache längst vergessen hatten, meldete Christoph uns den Verlust seiner Mappe. Wenn ich mich richtig erinnere, machte er sich während einiger Tage erhebliche Sorgen, bis das mittlerweile ausserordentlich wertvolle Ding wieder hervorkam. Wahrscheinlich gab ihm dieses glückliche Ereignis soviel Mut und Zuversicht, dass er später in kürzester Zeit Zahnmedizin studiert und abgeschlossen und geheiratet hat und in die Unsichtbarkeit seiner Praxis verschwunden ist.
Und dann bin ich die steilere Burgschaft hinaufgestiegen, eine enge altmodisch gepflästerte Strasse, die einstmals die alte Simplonstrasse war. Der Wegenerplatz, der bei der Katastrophe nicht tangiert war, sieht heute immer noch ziemlich alt und da und dort etwas ungefplegt aus. Ich meine damit natürlich die Häuser rundum, etwa, das Restaurant, wo mein Kollege Werner das Mittagessen einzunehmen pflegte. Doch das Wegenerhaus selbst ist immer noch stattlich und opulent, wie eh und je. Und das Restaurant De la Place, in welches unser künstlerischer Zeichnungslehrer immer gleich auf dem Heimweg von der Schule einbog, um sich für den Rest des Tages eine gute Laune anzutrinken, ist noch immer geöffnet. Nach dem grossen und altehrwürdigen Wegenerplatz kommt ein kleines Plätzchen, fast ein Hof, wo man den Polizeiposten erreichen kann. Er ist noch haargenau wie vor 50 Jahren. Und auch die Vespasienne, das kleine Pissoir, das ich noch nie unter Benutzung gesehen hatte. Ich glaube nicht, dass irgend jemand im Ernst je angenommen hat, man könne dieses komische Ding überhaupt benutzen. Vielleicht von ein paar Trunkebolden mit Überdruck zu fortgeschrittener, nächtlicher Stunde mal abgesehen. Dann kommt rechts das Stockalperschloss, die grosse Sehenswürdigkeit der Stadt. Der Hof hat mich wieder beeindruckt. Er stellt sich dar wie jene Karawanserei in Persien, die heute ein Erstklasshotel beherbergt. Doch das Briger Schloss ist höher gebaut und etwas enger in seinen Ausmassen. Aber es ist ein wunderschöner und imposanter Bau aus der Barockzeit.

Und schliesslich ging ich die letzte Strecke hinauf, vorbei am Marienheim, welches heute restauriert dasteht, vorbei an der Antoniuskapelle, in deren Vorplatz früher eine stattliche Trauerweide gestanden hat. Und dann verzweigt sich der Weg. Geradeaus gingen damals die Mädchen des Pensionates, um in der Klosterkirche der Morgenmesse beizuwohnen. Wir Burschen stiegen links hinauf die letzten Meter zum Kollegium. Heute wird dort oben viel gebaut. Es sieht alles sehr provisorisch und unordentlich aus. Diese Situation habe ich mirnicht allzu genau angeschaut. Das war nichts besonders Schönes. Ich bin dann nach links zur Kirche gegangen, von wo man einen schönen Ausblick auf die Stadt hinunter hat. Man sieht von dort auch das Tal hinunter, zwischen den Türmen des Stockalperschlosses hindurch und direkt auf Visp und die Schlüsselacker, also jenes Rebgelände, welches auf dem Bild, das Du mir gezeigt hast, im Vordergrund liegt.
Ach, es war wirklich ein ganz gewöhnlicher, trüber Wochentag und man sieht dabei, wieviel sich verändert, wenn man selbst nicht ständig zum Rechten sieht.
Ich war auch noch in Visp und in Sion. Aber das waren eher kurze Ausflüge. Vier gute Stunden verbrachte ich in Brig. Und es gab einige Personen, die ich gekannt habe, mindestens vom Sehen her.

In der langen Fahrt hin und zurück habe ich mit schönster Regelmässigkeit gewechselt zwischen einem angenehmen, leicht vibrierten Schlummer und der Biografie von Peter Ustinov (eigentlich Peter Alexander, wenn man es genau nimmt). Ich mag ihn sehr und ich finde ihn einen klugen, sehr generalistischen Mann mit vielen Begabungen und einer fantastischen humanistischen Substanz, ganz abgesehen, dass er auch noch in der Schweiz wohnt und unter seinen Ururgrossvätern auch ein Schweizer figurierte. Aber er war etwas pummelig in seiner Jugend - ach was, ist er heute noch - und war sehr unsportlich, was dann natürlich in einem englischen Internat gewissermassen zum Handicap ausartete. Man sieht es seinem Gesicht heute noch an, dass er irgendwie früher gelitten hatte. Aber er hat sich blendend entwickelt, und heute, mit 80 Jahren, ist er ein echter Lebenskünstler geworden. Er hat einen gewissen englischen Touch, obwohl er originally Russe war, allerdings mit einer wirklich weitverzweigten und quer über Europa zersprenkelten Familie. Wenn man seinen Angaben glauben will, hat er seine Substanz von Mutter, einer Enkelin eines russischen Offiziers aus St. Petersburg. Er hat sie sehr bewundert in ihrem Grossmut und ihrer Lebensübersicht. Der arme Kerl war - nota bene - Einzelkind.
Ustinov also hat mich die ungefähren 6 Stunden beschäftigt, und ich bin ganz begeistert von seiner Lebensklugheit und seiner Schreibweise. Er macht manchmal etwas lange Sätze, was - wenn der Eisenbahnwagen über Weichen rollt - sehr hinderlich sein kann, weil man dann ständig aus den Buchstabengeleisen des Büchleins springt und drei- oder viermal dieselben Formulierungen liest.

Ich wünsche Dir und Euch allen einen schönen Sonntag.
Mit Liebe
...

 

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