Samstag, 30. April 2011
Valborg 2006
Liebster Mausfreund,
Sorry! Schon so lange her, aber ich war verreist. Anna feiert dieses
Jahr Valborg bei einer Freundin in Göteborg und weil das graue
regnerische Wetter nur müde macht, hatte ich eine Einladung nach
Stockholm angenommen.
Wie du weisst wird Valborg hier sehr gross gefeiert. Junge Leute
sehen es als einen Anlass sich zu betrinken, ältere gehen meist zu
einem der grossen Feuer mit denen der Winter endgültig verjagt wird.
Abschließend gibt es dann meistens ein festliches Essen im Familien-
und Freundenkreis.
Dieser Valborgsmässoafton war etwas besonders da unser König
gleichzeitig seinen 60. Geburtstag feierte mit allem was dazu gehört.
Und natürlich beeinflusste diese Tatsache auch die Konversation bei
Tisch. Du kannst dir ja vorstellen was passiert wenn eingefleischte
Republikaner, der eine zugleich Anhänger der kommunistischen
Partei, an einem solchen Tag mit Royalisten zu Tisch sitzen. Auf jede
Frage leierte dieser ehemalige Politiker einen Abschnitt seines
Parteiprogrammes herunter. Und DG und Charlotta verfechteten,
er mit Wut und sie (eine Studienrätin in Geschichte) mit Humor und
Intelligenz meine eigenen Ansichten. ;-) Natürlich habe ich selbst an
der Diskussion teilgenommen. Sie war doch ziemlich anregend und
adrenalinspendend. :-)
Ich weiss nicht, manchmal, auch mitten in der Hitze kann ich sowas
"von aussen" betrachten und darüber lachen. Und ich Frage mich,
welche Erlebnisse in ihrem Leben sie zu ihren Ansichten geführt
haben.
Ich erinnere mich dabei an meine Kindheit und die hitzigen
politischen Diskussionen die manchmal zwischen den Männern
entstehen konnten wenn wir ein grösseres Fest hatten. Wie
Kampfhähne standen sie einander gegenüber und ihre Aggressivität
flößte mir Angst ein.
OK. Das Essen war prima und als Nachtisch gab es natürlich, dem
Tag zu Ehren, ein Hofdessert. ;-))
Und jetzt bin ich zurück im stillen grauen Alltag.
G hat angerufen. Genau wie meine anderen Bekannten fühlt sie sich
wohl etwas vernachlässigt durch meine Stille. Doch ich habe ihr von
meinem Eremitleben erzählt und sie schien etwas erleichtert.
---
Du nimmst deine Sprachstudien ernst, sehe ich. Fast beneide ich dich
um deinen Fleiß. Ich selbst bin etwas faul im Moment. Begnüge mich
mit den Briefen von meinen Römer Bekannten, die mir meist auf
Italienisch schreiben. Und ich staune, wie gut ich alles sogar ohne
Wörterbuch verstehen kann. Doch sprechen ist eine andere Sache.
Das werde ich wohl nie lernen. Wozu auch?
Ich habe Möglichkeit dies jetzt abzuschicken. Will dich auch nicht
länger warten lassen. :-)
So grüsse ich dich lieb..
mit SHK
Malou
Sorry! Schon so lange her, aber ich war verreist. Anna feiert dieses
Jahr Valborg bei einer Freundin in Göteborg und weil das graue
regnerische Wetter nur müde macht, hatte ich eine Einladung nach
Stockholm angenommen.
Wie du weisst wird Valborg hier sehr gross gefeiert. Junge Leute
sehen es als einen Anlass sich zu betrinken, ältere gehen meist zu
einem der grossen Feuer mit denen der Winter endgültig verjagt wird.
Abschließend gibt es dann meistens ein festliches Essen im Familien-
und Freundenkreis.
Dieser Valborgsmässoafton war etwas besonders da unser König
gleichzeitig seinen 60. Geburtstag feierte mit allem was dazu gehört.
Und natürlich beeinflusste diese Tatsache auch die Konversation bei
Tisch. Du kannst dir ja vorstellen was passiert wenn eingefleischte
Republikaner, der eine zugleich Anhänger der kommunistischen
Partei, an einem solchen Tag mit Royalisten zu Tisch sitzen. Auf jede
Frage leierte dieser ehemalige Politiker einen Abschnitt seines
Parteiprogrammes herunter. Und DG und Charlotta verfechteten,
er mit Wut und sie (eine Studienrätin in Geschichte) mit Humor und
Intelligenz meine eigenen Ansichten. ;-) Natürlich habe ich selbst an
der Diskussion teilgenommen. Sie war doch ziemlich anregend und
adrenalinspendend. :-)
Ich weiss nicht, manchmal, auch mitten in der Hitze kann ich sowas
"von aussen" betrachten und darüber lachen. Und ich Frage mich,
welche Erlebnisse in ihrem Leben sie zu ihren Ansichten geführt
haben.
Ich erinnere mich dabei an meine Kindheit und die hitzigen
politischen Diskussionen die manchmal zwischen den Männern
entstehen konnten wenn wir ein grösseres Fest hatten. Wie
Kampfhähne standen sie einander gegenüber und ihre Aggressivität
flößte mir Angst ein.
OK. Das Essen war prima und als Nachtisch gab es natürlich, dem
Tag zu Ehren, ein Hofdessert. ;-))
Und jetzt bin ich zurück im stillen grauen Alltag.
G hat angerufen. Genau wie meine anderen Bekannten fühlt sie sich
wohl etwas vernachlässigt durch meine Stille. Doch ich habe ihr von
meinem Eremitleben erzählt und sie schien etwas erleichtert.
---
Du nimmst deine Sprachstudien ernst, sehe ich. Fast beneide ich dich
um deinen Fleiß. Ich selbst bin etwas faul im Moment. Begnüge mich
mit den Briefen von meinen Römer Bekannten, die mir meist auf
Italienisch schreiben. Und ich staune, wie gut ich alles sogar ohne
Wörterbuch verstehen kann. Doch sprechen ist eine andere Sache.
Das werde ich wohl nie lernen. Wozu auch?
Ich habe Möglichkeit dies jetzt abzuschicken. Will dich auch nicht
länger warten lassen. :-)
So grüsse ich dich lieb..
mit SHK
Malou
Freitag, 29. April 2011
Santificazione di Papa Woytila
Roma è tutta in festa per l'evento della santificazione di Papa Woytila. Le sue foto sono esposte dappertutto, e in giro, tanti turisti. Il giorno della beatificazione (1 maggio) sarà meglio non uscire di casa!
VERSO PIAZZA DELLA ROVERE
April 2005
Donnerstag, 28. April 2011
Basler Buchmesse (2) Ustinov
...
Ich habe ein paar Bücher gekauft. Aber im Grossen und Ganzen habe ich versucht, mich zurückzuhalten. Jäggi, die grosse Buchnandlung Basels, hatte eine grosse Abteilung mit sogenannten Hörbüchern, also mit CDs. Ich habe eine gekauft von Ustinov. Er ist letztes Mal gestorben. Ich habe ihn immer sehr gemocht und geschätzt. Ich glaube, er war ein äusserst vielseitiger Mensch und geschäftlich wohl ausserordentlich erfolgreich. Und dazu hatte er am Genfersee in der Schweiz gelebt, das habe ich ihm immer gugute gehalten, wo er doch in England aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Kurz und gut: auf dieser CD spricht Sir Peter Ustinov über Vorurteile. Er spricht in seinem gebrochenen Deutsch (ich glaube, sein Vater war deutscher Muttersprache gewesen). Und er spricht, wie ich meine, sehr intelligent und menschlich. Er kommt für mich als Humorist in die Nähe von Chaplin. Der hatte neben bei gesagt auch am Genfersee, ein bisschen weiter oben, gelebt. Ustinow war als Schauspieler kein schöner Mensch. Er wirkte immer etwas ungelenk und hatte schon in jüngeren Jahren ein Bäuchlein. Ich erinnere mich an ein Foto, wo er neben Sophia Loren steht. Neben der eleganten, gazellenhaften Loren wirkt der gute Ustinov wie der Dorftrottel. So war er für komische Rollen prädestiniert. Hat er nicht in einem grossen Film Nero gespielt. Ich denke, diese Rolle passte gut zu ihm, ich meine zu seiner körperlichen Konstitution. In späteren Jahren, als er dann älter wurde, hat er ziemlich gut ausgesehen. Er war ein würdiger älterer Herr mit einem guten Humor, verspielt und voller Lebensweisheit. Er konnte ohne Ende lustige Anekdoten erzählen und hatte dabei, das war sofort deutlich, einen exzellenten Sinn für die Pointe.
Kurz und gut: ich habe jetzt die persönliche Stimme Ustinovs zuhause, und darüber bin ich ganz glücklich.
MLG
Ich habe ein paar Bücher gekauft. Aber im Grossen und Ganzen habe ich versucht, mich zurückzuhalten. Jäggi, die grosse Buchnandlung Basels, hatte eine grosse Abteilung mit sogenannten Hörbüchern, also mit CDs. Ich habe eine gekauft von Ustinov. Er ist letztes Mal gestorben. Ich habe ihn immer sehr gemocht und geschätzt. Ich glaube, er war ein äusserst vielseitiger Mensch und geschäftlich wohl ausserordentlich erfolgreich. Und dazu hatte er am Genfersee in der Schweiz gelebt, das habe ich ihm immer gugute gehalten, wo er doch in England aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Kurz und gut: auf dieser CD spricht Sir Peter Ustinov über Vorurteile. Er spricht in seinem gebrochenen Deutsch (ich glaube, sein Vater war deutscher Muttersprache gewesen). Und er spricht, wie ich meine, sehr intelligent und menschlich. Er kommt für mich als Humorist in die Nähe von Chaplin. Der hatte neben bei gesagt auch am Genfersee, ein bisschen weiter oben, gelebt. Ustinow war als Schauspieler kein schöner Mensch. Er wirkte immer etwas ungelenk und hatte schon in jüngeren Jahren ein Bäuchlein. Ich erinnere mich an ein Foto, wo er neben Sophia Loren steht. Neben der eleganten, gazellenhaften Loren wirkt der gute Ustinov wie der Dorftrottel. So war er für komische Rollen prädestiniert. Hat er nicht in einem grossen Film Nero gespielt. Ich denke, diese Rolle passte gut zu ihm, ich meine zu seiner körperlichen Konstitution. In späteren Jahren, als er dann älter wurde, hat er ziemlich gut ausgesehen. Er war ein würdiger älterer Herr mit einem guten Humor, verspielt und voller Lebensweisheit. Er konnte ohne Ende lustige Anekdoten erzählen und hatte dabei, das war sofort deutlich, einen exzellenten Sinn für die Pointe.
Kurz und gut: ich habe jetzt die persönliche Stimme Ustinovs zuhause, und darüber bin ich ganz glücklich.
MLG
Basler Buchmesse..
date 9 May 2005 06:21
subject Re: Siehst du..
Liebe Malou
Es ist kaum zu glauben, dass diese Frei- und Feiertage schon vorbei sind. Es ist wie damals, als wir noch zur Schule gingen. Wir hatten uns so sehr auf die paar freien Tage gefreut, dass wir nicht daran glaubten, dass wir je zum Normalleben zurückkehren mussten. Wir genossen die freie Zeit, trödelten dahin, verschleuderten unsere wertvolle Lebenszeit an Nichtigkeiten, und plötzlich war wieder Montagmorgen und der Lehrer sass im alten Ernst vor uns und versuchte zu überzeugen, dass wir alle zur alten Arbeitshaltung zurückkehren sollten. Der Rektor hatte sogar oft den Spruch auf den Lippen: Es ist nichts schwerer zu ertragen als ein paar freie Tage. Und wie er damit recht hatte! Und wie es zutrifft!
---
Ach, was kann ich dir erzählen von diesem langen Wochenende? Vielleicht von der Basler Buchmesse? Gerade höre ich, dass sie einen Rekordbesuch hatten. Es waren 405 Verlage, die ausgestellt haben, und es waren 40300 Besucher während der 3 Tage. Und dabei hatten gleichzeitig in Solothurn die Literaturtage stattgefunden. Darüber ist man zufrieden im dritten Jahr dieser Veranstaltung. Ich kann bestätigen, dass diese Messe ganz in Ordnung war. Ich war am Samstag schon um 930h, als geöffnet wurde, vor dem Eingang. Damals gab es noch nicht zuviele Leute, und man konnte bequem in den einzelnen Ständen herumwühlen und sich einen Überblick verschaffen. Nach und nach zogen die Zuschauer an. Und gegen Mittag war es schon ziemlich warm unter den grossen Leuchtern. Man hatte drei oder vier verschiedene Publikumsforen oder Arenen eingerichtet, in den ständig Diskussionen oder Lesungen stattfanden. Einige kleine Verlage waren so verwegen, ihre Autorinnen und Autoren direkt am Stand lesen zu lassen. Doch das waren veritable Spiessrutenläufe. Es gab dann einige Agenten, die im Publikum Zettel verteilten über die Autorin, die gerade in Aktion war. Aber manchmal hörte man absolut nichts, denn die armen Leute mussten ohne Mikrophon auskommen. Bei irgend einem deutschen Esoterik-Verlag geriet ich an eine Blondine. Sie war recht hübsch und, wie man sehen konnte, las aus einem ihrer Manuskripte. Kein Mensch hörte zu. Man konnte auch nichts hören, weil sie eine fast tonlose Stimme hatte. Ich ging in ihre Nähe, versuchte, in einigen Büchern zu blättern, um gleichzeitig zu hören, worüber sie überhaupt las. Es war ein Text über eine Relaxation-Methode. Für mich hörte es sich an wie autogenes Training. Sie las weiter ähnlich, wie wenn man am Fernseher den Ton ausgeschaltet hätte. Und inzwischen hatte sie auch bemerkt, dass sie einen Hörer gewonnen hatte. Zwischen ihren Blicken auf das Manuskript schaute sie mich immer wieder, und wie mir schien, ziemlich verzweifelt an. Ich glaube, sie war froh, dass sich einer genähert hatte, und dass nicht alle Leute einfach achtlos vorbeigingen, während sie las. Sie war eine ganz hübsche Blondine, hatte halblanges, volles und goldenglänzendes Haar und ein Gesicht mit Sommersprossen. Sie war gut geschminkt. Allerdings trug sie einen wollenen Pullover unter ihrer Jacke, ich glaube, es war eine Wildlederjacke. Diese Wolle sah etwas robust und provinziell aus. Aber sonst war sie ganz ok und sie umklammerte mich mit ihren schönen, grossen blauen Augen um mich in der Nähe zu behalten, und um nicht wieder wie Demosthenes mit den Steinen im Mund hinaus ins rauschende Meer zu reden. Und ich fügte mich ihrem Hilferuf und blieb einen Moment, blieb solange, bis ein paar neue Leute stehen blieben, um dann diskret zu verschwinden. Ja, sie las über autogene Entspannungsübungen. Und sie las so, als ob sie annahm, ich würde das alles zum ersten Mal hören. Nein, sagte ich leise und ebenso tonlos wie sie sprach, nein Helga, sagte ich, das kenne ich nachgerade schon sehr mehr als genug. Nein Helga, ich kenne das alles zur Genüge. - - Ich glaube, dass sie Helga heissten müsste. Denn sie sah in ihrer Blondheit und ihrer gewissen Bodenständigkeit eben aus wie eine Helga. Oder hätte vielleicht Margot besser gepasst?
...
subject Re: Siehst du..
Liebe Malou
Es ist kaum zu glauben, dass diese Frei- und Feiertage schon vorbei sind. Es ist wie damals, als wir noch zur Schule gingen. Wir hatten uns so sehr auf die paar freien Tage gefreut, dass wir nicht daran glaubten, dass wir je zum Normalleben zurückkehren mussten. Wir genossen die freie Zeit, trödelten dahin, verschleuderten unsere wertvolle Lebenszeit an Nichtigkeiten, und plötzlich war wieder Montagmorgen und der Lehrer sass im alten Ernst vor uns und versuchte zu überzeugen, dass wir alle zur alten Arbeitshaltung zurückkehren sollten. Der Rektor hatte sogar oft den Spruch auf den Lippen: Es ist nichts schwerer zu ertragen als ein paar freie Tage. Und wie er damit recht hatte! Und wie es zutrifft!
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Ach, was kann ich dir erzählen von diesem langen Wochenende? Vielleicht von der Basler Buchmesse? Gerade höre ich, dass sie einen Rekordbesuch hatten. Es waren 405 Verlage, die ausgestellt haben, und es waren 40300 Besucher während der 3 Tage. Und dabei hatten gleichzeitig in Solothurn die Literaturtage stattgefunden. Darüber ist man zufrieden im dritten Jahr dieser Veranstaltung. Ich kann bestätigen, dass diese Messe ganz in Ordnung war. Ich war am Samstag schon um 930h, als geöffnet wurde, vor dem Eingang. Damals gab es noch nicht zuviele Leute, und man konnte bequem in den einzelnen Ständen herumwühlen und sich einen Überblick verschaffen. Nach und nach zogen die Zuschauer an. Und gegen Mittag war es schon ziemlich warm unter den grossen Leuchtern. Man hatte drei oder vier verschiedene Publikumsforen oder Arenen eingerichtet, in den ständig Diskussionen oder Lesungen stattfanden. Einige kleine Verlage waren so verwegen, ihre Autorinnen und Autoren direkt am Stand lesen zu lassen. Doch das waren veritable Spiessrutenläufe. Es gab dann einige Agenten, die im Publikum Zettel verteilten über die Autorin, die gerade in Aktion war. Aber manchmal hörte man absolut nichts, denn die armen Leute mussten ohne Mikrophon auskommen. Bei irgend einem deutschen Esoterik-Verlag geriet ich an eine Blondine. Sie war recht hübsch und, wie man sehen konnte, las aus einem ihrer Manuskripte. Kein Mensch hörte zu. Man konnte auch nichts hören, weil sie eine fast tonlose Stimme hatte. Ich ging in ihre Nähe, versuchte, in einigen Büchern zu blättern, um gleichzeitig zu hören, worüber sie überhaupt las. Es war ein Text über eine Relaxation-Methode. Für mich hörte es sich an wie autogenes Training. Sie las weiter ähnlich, wie wenn man am Fernseher den Ton ausgeschaltet hätte. Und inzwischen hatte sie auch bemerkt, dass sie einen Hörer gewonnen hatte. Zwischen ihren Blicken auf das Manuskript schaute sie mich immer wieder, und wie mir schien, ziemlich verzweifelt an. Ich glaube, sie war froh, dass sich einer genähert hatte, und dass nicht alle Leute einfach achtlos vorbeigingen, während sie las. Sie war eine ganz hübsche Blondine, hatte halblanges, volles und goldenglänzendes Haar und ein Gesicht mit Sommersprossen. Sie war gut geschminkt. Allerdings trug sie einen wollenen Pullover unter ihrer Jacke, ich glaube, es war eine Wildlederjacke. Diese Wolle sah etwas robust und provinziell aus. Aber sonst war sie ganz ok und sie umklammerte mich mit ihren schönen, grossen blauen Augen um mich in der Nähe zu behalten, und um nicht wieder wie Demosthenes mit den Steinen im Mund hinaus ins rauschende Meer zu reden. Und ich fügte mich ihrem Hilferuf und blieb einen Moment, blieb solange, bis ein paar neue Leute stehen blieben, um dann diskret zu verschwinden. Ja, sie las über autogene Entspannungsübungen. Und sie las so, als ob sie annahm, ich würde das alles zum ersten Mal hören. Nein, sagte ich leise und ebenso tonlos wie sie sprach, nein Helga, sagte ich, das kenne ich nachgerade schon sehr mehr als genug. Nein Helga, ich kenne das alles zur Genüge. - - Ich glaube, dass sie Helga heissten müsste. Denn sie sah in ihrer Blondheit und ihrer gewissen Bodenständigkeit eben aus wie eine Helga. Oder hätte vielleicht Margot besser gepasst?
...
Mittwoch, 27. April 2011
Richtung Stockholm..
Ämne: Re: Sempé
Datum: den 19 augusti 2002 13:57
Lieber ...,
Endlich funktioniert es wieder mit dem Internet. Bin gerade nach Hause gekommen. Erhitzt, müde und huuungriiig!!!
Aber bald wieder bei dir.
Bis dahin liebe Grüsse
Marlena
---
Ämne: Neue Welt..
Datum: den 19 augusti 2002 16:57
Lieber ...,
Ach, wie lange ist es her dass ich zum schreiben komme. Und du hast mir inzwischen so schöne Mails geschickt. Ich habe mich sehr gefreut und oft musste ich lachen über deine lustigen Kommentare. Wenn du mich zum lachen bringst liebe ich dich vielleicht am meisten.. ;-)
Also: Am Donnerstag nach der Arbeit haben Anna und ich uns ins Auto gesetzt Richtung Stockholm. Es war kochend heiss im Auto denn ich habe keine AC und wir fuhren meist mit offenem Fenster. Ich hatte die Karte zu Hause vergessen aber es war fast die ganze Strecke Autobahn und nachdem ich sie verlassen hatte kannte ich noch den Weg von früher.
Zuerst haben wir die Schlüssel zu Tante A's Villa abgeholt bei B (einem ihrer Söhne, der in der Nähe wohnt). Sie haben eine schöne Wohnung im 5. Stock. Eine junge Frau öffnete die Tür und sah uns ziemlich erstaunt an. Sie hatte keine Ahnung wer wir waren und was uns zu ihr führte. Anna meinte später sie hätte uns wohl für Jehowas Zeugen gehalten.. Nun ja, dann kam auch gleich B., ein gut gewachsener braungebrannter Mann, den ich wohl fast 20 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. Und im Hintergrund schlichen die beiden Söhne herum (15 und 19 Jahre alt) der spätere in Annas Alter.
Sie wollten unbedingt dass wir bleiben sollten aber wir haben gemeint wir müssten uns erst ein wenig frisch machen nach der langen Reise und so beschlossen wir später noch einmal vorbeizukommen. Ich wollte ihnen etwas Zeit lassen denn ich sah dass sie sich gerade zu Tisch setzten wollten um zu Abend zu essen.
So sind wir gegen 21.00 Uhr nochmals dort erschienen und haben zusammen Kaffee getrunken. Wir haben uns nett unterhalten und Anna hat zum ersten mal ihre "klein-Kusinen" kennengelernt. Ich denke sie haben sich gefunden.
Man hat sich viel zu sagen nach so langer Zeit und B. (mein Cousin) wollte auch ein wenig mehr erfahren über seine verstorbene Mutter, Dinge aus ihrer Jugend, die er sie gern hätte fragen wollen.. Und dann haben wir uns den Blick von ihrem grossen eingebauten Balkon angesehen. Es war unglaublich schön. Vor uns lag der Mälarsee und am nächtlichen Himmel stand ein ganz grosser roter Halbmond. Er zeigte mir auch wo der Badestrand lag, wo wir als Kinder immer baden gingen. Auch hatte er die schönen Bilder gesehen die ich seinem Bruder geschickt hatte.
Am nächsten Morgen kamen alle Autos bei uns vorbei und wir fuhren zusammen nach B. zur Beerdigung. Ich kenne den Friedhof seit früher. Habe mal Tante A. hingebracht als sie das Grab ihres Mannes besuchen wollte. Es ist, glaube ich, der schönste Friedhof den ich kenne. Die Gräber liegen an einem Hang von lauter Bäumen beschattet. Neben A's Grab ein wunderschöner Apfelbaum mit herrlich leuchtenden Früchten. Man glaubt fast im Garten Eden zu sein. Und dann waren wir in der 800 Jahre alten kleinen Kirche und alles war so schön und Stimmungsvoll wie es sich die Söhne erwünscht hatten.
Und so habe ich viele Verwandte wiedergesehen nach langer Zeit, den "Klan" wie sie sich aus Spass nennen und ihre schönen Frauen und Kinder. Auch die Frau meines Onkels war dort. Ich hätte sie fast nicht erkannt so alt kam sie mir vor.
Nach vielen Verabschiedungen und Versicherungen dass wir uns von nun an alle öfters treffen müssen sind wir dann wieder Richtung heimwärts gefahren. Zum Glück gab es keine Polizeikontrollen in Sicht denn manchmal habe ich die Grenze mit 30 Km überschritten. Da hätte ich den Führerschein verloren und das Leben wäre ziemlich schwer geworden.
Als wir gegen Abend nach Hause kamen hat K schon mit einem herrlichen Lachsessen auf uns gewartet und ich habe ihm gleich Bilder zeigen können die ich mit der Digitalkamera gemacht hatte.
Am Abend waren wir noch schwer beschäftigt mit dem packen von Annas Sachen. Wir mussten die hinteren Sitze in Ks Auto herunterfällen damit das Fahrrad Platz haben sollte. Und deshalb hat K gemeint, wir sollten allein fahren und ich sollte erst am Sonntag nach Hause kommen. Es war eine ganz gute Idee denn ich brauchte noch Zeit in Linköping um einiges zu besorgen. Anna hatte schon am Samstagabend ihre erste Sitzung und war auch am Sonntag von 9.00 bis 21.00 Uhr mit einem vollen Programm beschäftigt. Auch heute hat sie ein volles Program mit dem Verein für weibliche Studenten die diese Ausbildung gewählt haben.
Und morgen kommt dann die "Nullung", eine von den meisten Studenten gefürchtete Begebenheit wo sie als Universitätsstudent aufgenommen werden.
Ich bin am Sonntag dann noch zu IKEA und Coop gefahren (wo eben sonntags geöffnet ist) um u.a. Kochtopf, Bratpfanne, Wasserkocher (wie du mir geraten hattest)und noch so einiges zu kaufen was wir vergessen hatten oder sonst nur brauchten. Erst gegen Abend bin ich ziemlich müde nach dem heissen Tag wieder nach Hause gekommen.
Diesmal habe ich den Weg in der schräg hereinfallenden Abendsonne gesehen und habe ihn fast nicht erkannt so anders hat es ausgesehen. Es ist ein nicht allzu breiter Weg mit sehr viel Kurven wunderschön fürs Auge. Besonders jetzt wo die Felder in verschiedenen braungelben Nuancen leuchten. Und man ist richtig erstaunt wie dünn besiedelt Schweden ist. Ab und zu geht der Weg durch kleine Orschaften sonst sieht man nur vereinzelte kleine Häuser mit schönen Gärten. Es gibt einen schnelleren Weg aber dieser gefällt mir bedeutend besser und ich geniesse mit den Augen.
Hier herrscht immer noch Hochsommerwärme. Von einem Ort rapportierte man 39 Grad.. Was ist eigentlich los mit der Welt?
Und der arme Papst.. ich frage mich ob er mitkriegt was er um sich sieht. Aber die Polen lieben ihn und man sagt er sei ein sehr guter und einflussreicher Papst (gewesen). Nicht nur Gerechtigkeit sondern auch Barmherzigkeit braucht es auf der Erde.
Der Artikel über Naipaul könnte schon stimmen. Aber man darf nicht vergessen dass der Mann sehr schüchtern ist. Und seine Rauheit hat wohl auch was damit zu tun. Anna hat ziemlich oft laut gelacht über den Herrn Biswas. Er ist nämlich auf eine sehr realistische Art zeitweise sehr unsympatisch. Möchtest du nicht doch einen Verusch machen es zu lesen? Und die Art wie er sich ausdrückt.. er weiss was in dem Gedächtnis des Zuhörers hängenbleibt. Ich fand ihn sehr sympatisch in dem Dokumentarfilm den man in Anschluss an den Nobelpreis zeigte. Irgendwie bilde ich mir ein den "richtigen Menschen" hinter der Fassade entdeckt zu haben. Sowas ist immer ein bisschen gefährlich. Lachst du nun wieder?? :-)
Nun werde ich gleich eine Weile nach Sempé suchen hier im Internet. Da du ihn genannt hast interessiert er mich sehr.
Du siehst ich war ziemlich im RL die letzten Tage aber heute bin ich zum ersten mal allein. Ich kann es eigentlich noch nicht verstehen. Nichts muss ich zu einem bestimmten Zeitpunkt tun. Und doch glaube ich es ist nützlich sich ein wenig Routinen zu schaffen damit das Leben kein Chaos wird. Ausserdem habe ich ja die Arbeit die mich zu einer gewissen Ordnung zwingt.
Ich lasse dich nun obwohl es noch so vieles gibt in deinen Mails was ich kommentieren möchte. Deinen Kommentar zum Frosch fand ich super und Anna und ich haben sehr darüber geschmunzelt. Du bist einmalig mein lieber Mausfreund.
Alles gute noch wünscht dir
Marlena
Dienstag, 26. April 2011
über meine Posen
date 31 March 2005 07:43
subject Re: ...
Liebe Malou
Hier ist das Wetter nun ziemlich mild geworden. Gestern hatte B.
Geburtstag. Aber unser Essen machen wir erst am Samstag. Sie hatte
keine Zeit, war mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich hatte ihr telefoniert
und meine Glückwünsche per Distanz geschickt. So beschäftigt sind
die jungen Leute heute schon. Na ja, manchmal denke ich, es ist
auch ein bisschen Pose.
Aber schliesslich haben wir damals auch von Posen gelebt. Ich weiss
noch, wie wichtig das richtige Jacket war. Ich hatte ein dunkelgrünes
Jacket, grober Stoff und hinten in der Mitte einen Schlitz. Der
Schlitz war total wichtig. Ohne Schlitz wäre das Jacket wertlos
gewesen. Nur mit einem solchen Schlitz konnte man sich auf der Strasse
zeigen.
Später durfte ich mir mal eine Skijacke kaufen. Du kannst dir
vorstellen, dass in einem Ort wie Visp, wo der Winter mindestens das
halbe Jahr besetzt, dass dort oben in den Bergen eine Winterjacke so
wichtig war wie ein gesundes Herz. Die Jacke habe ich heute noch
zuhause. Sie ist immer noch brauchbar und ganz passabel: bordeaurot,
lang, mit einem Gürtel und einer im Kragen eingerollte Kaputze. Dieser
Gürtel war damals der Clou. Während jahrelang ein solcher Gürtel
absolut out und altmodisch war, kam er damals plötzlich wieder in
Mode. Ausserdem konnte man die Jacke natürlich auch ohne Gürtel
anziehen, respektive den Gürtel einfach nicht spannen und binden. Ich
erinnere mich ziemlich genau an die Zeit, als ich die Jacke neu
erworben hatte. Sie war so leicht und zugleich so angenehm warm, wie
du es dir niemals vorstellen kannst. Es war wohl der Anfang der
Kunststoff-Bekleidung, wie sie heute ziemlich üblich ist. Und dazu
wirkte ich so smart und gutaussehend, wie vielleicht Alain Delon nicht
in seinen besten Zeiten.
Kurz und gut: in einer solchen Jacke fühlst du dich als anderer
Mensch. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, an irgendwelchen Anlässen und
Gelegenheiten in Visp oder Brig teilzunehmen. Und immer hatte ich
dieses schwebende Glücksgefühl, wie es sonst nur Engel im Tiefflug
haben können.
Ach, unsere Posen damals, du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig
solch kleine Dinge waren. Sie waren sozusagen die Halme unserer
Vorstellung. Und in einer solch kleinen und engen Arena, wie sie das
Oberwallis darstellt, war man sich stets bewusst, dass die ganze Welt
zuschaut. Man hatte wirklich das geheime Gefühl, alle Visper, ja gar
alle Oberwalliser schauten zu und können sehen, was hier losgeht. Ist
das nicht merkwürdig? Dies war eines der ersten Gefühle, die ich in
Zürich beim Studium loswerden musste. Dort schaute kein Mensch mehr
zu. Niemand kannte dich. . All die vielen Menschen waren mit sich und
ihren eigenen Dingen beschäftigt. Niemand nahm Anstoss. Niemand hatte
ein Wort, nicht mal einen Blick für dich. Es war am Anfang so ähnlich
wie Isolationshaft, wenn ich es mir überlege.
Na, unsere Posen, das waren natürlich auch die Sprüche im
Freundeskreis. Wir Visper waren eine besondere Clique in Brig. Man
kannte die Visper. Während die Schüler von Brig und Umgebung abends
nicht mehr aus dem Haus durften, weil dies die Schule so vorschrieb,
gab es das in Visp natürlich nicht. Die Lehrer hatten die Gewohnheit,
wenn sie abends durch die Stadt gingen, sich nach Schülern umzusehen.
Und wenn sie fündig wurden, so konnte dieser Schüler, der sich nicht
an die Regeln gehalten hatte, nächstentags in der Schule etwas hören.
Meist war es so, dass er am nächsten Morgen in der Schule ganz einfach
aufgerufen wurde, die Lektion der letzten Stunde vorzutragen, was ihm
dann eine Note eintrug. Das konnte sehr unangenehm sein, wann man sich
nicht gut vorbereitet hatte. Aber wir Visper lebten ganz in diesem
Milieu, entgingen aber dieser dummen Kontrolle. Wir waren sozusagen
die Freien, neben den Sklaven aus Brig und Glis und Naters. Und vor
allem neben den Internen, die in der Schule lebten. Sie waren in der
Tat die Untersklaven, bedauernswerte und gebeutelte Menschen.
Da erinnere ich mich noch an eine andere lustige Begebenheit aus der
Schulzeit. Als AC, der neue Rektor "an die Macht gekommen war",
verfügte er, dass die Mützen, die wir alle beim Eintritt in die Schule
kaufen mussten, auch wirklich getragen werden sollten. Die Mützen
waren wirklicher Studenten-Wichs aus dunkelblauem Samtstoff mit einem
steifen Schirm. Doch weil sie niemand trug und alle bloss in der Mappe
aufbewahrten, sahen die meisten ganz heruntergekommen und zerbrochen
aus. Natürlich galt es als chick, eine solch abgewetzte und gebrochene
Mütze zu haben. Wer ein neues Ding mit sich führte, gab sich als
Anfänger zu erkennen. Nun ja, damals also erliess A.C., der neue
Rektor, den Befehl, dass alle Schüler auf dem Schulweg diese Mütze
tragen sollten. Und, nicht ohne Pointe, beinhaltete dieser Befehl auch
den Zusatz, dass man die Lehrer der Schule zu grüssen hatte, indem man
die Mütze vom Kopf nahm. Voilà. Ich fand das in meinem damaligen
Alter äusserst läppisch. Erstens konnte diese unmögliche Mütze die
schöne Frisur verderben. Und zweitens grüsst man in der Regel mit
einer Mütze nicht, indem man sie abnimmt, sondern indem man Hand
anlegt, ähnlich wie im Militär. Ich war also nicht begeistert von Cs
Befehl, und meine Kameraden nicht minder. Eines Tages, als wir auf dem
Weg vom Bahnhof in die Schule waren und angeregt diskutierten, stiess
mich W in die Seite und machte mich darauf aufmerksam, dass der
Rektor, der irgendwo in der Nähe war, mich gerufen hätte. Ich war ein
bisschen irritiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb
gerade ich aus dieser grossen Zahl von Studenten, die alle auf dem Weg
zur Schule waren - die etwas oberhalb der Stadt liegt - , weshalb er
gerade von mir etwas wollte. Und wirklich. Als ich ihn erreichte,
fragte er mich, weshalb ich ihn nicht gegrüsst hätte. Stell dir vor.
So etwas konnte ich nun wirklich nicht begreifen. Ich hatte ihn bloss
nicht gesehen. Und ich hatte natürlich auch nicht sonderlich genau um
mich geschaut. Doch dies alles kam mir ein bisschen vor die Geschichte
von Willhelm Tell, wenn du weisst, was ich meine.
Nun ja, AC hat mir dies nicht übel genommen. Er hat mit im Unterricht
immer respektiert und hat auch anerkannt, dass ich damals den Maler
der Kunstkarte als einziger der Klasse herausfinden konnte. Ich
glaube, er hatte immer die Idee, ich wäre besonders begabt. Und er hat
mich auch, so kommt mir wieder in den Sinn, bei einer kleinen
Entlöhnung als Aufsicht für das Morgenstudium eingesetzt. Dazu eignete
ich mich, weil ich nicht katholisch war und nicht an den bezeichneten
Tagen die Messe besuchen musste. So konnte ich dieses Amt übernehmen,
welches darin bestand, in einem grossen Schulzimmer, wo die Schüler
bis zum Beginn des Unterrichtes nochmals ihre Lektionen repetieren
konnten, in diesem Schulzimmer also für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Du siehst, Marlena, manchmal schadet es nicht, wenn man die Könige
nicht grüsst!!
Soviel über meine Posen.
MlG
...
subject Re: ...
Liebe Malou
Hier ist das Wetter nun ziemlich mild geworden. Gestern hatte B.
Geburtstag. Aber unser Essen machen wir erst am Samstag. Sie hatte
keine Zeit, war mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich hatte ihr telefoniert
und meine Glückwünsche per Distanz geschickt. So beschäftigt sind
die jungen Leute heute schon. Na ja, manchmal denke ich, es ist
auch ein bisschen Pose.
Aber schliesslich haben wir damals auch von Posen gelebt. Ich weiss
noch, wie wichtig das richtige Jacket war. Ich hatte ein dunkelgrünes
Jacket, grober Stoff und hinten in der Mitte einen Schlitz. Der
Schlitz war total wichtig. Ohne Schlitz wäre das Jacket wertlos
gewesen. Nur mit einem solchen Schlitz konnte man sich auf der Strasse
zeigen.
Später durfte ich mir mal eine Skijacke kaufen. Du kannst dir
vorstellen, dass in einem Ort wie Visp, wo der Winter mindestens das
halbe Jahr besetzt, dass dort oben in den Bergen eine Winterjacke so
wichtig war wie ein gesundes Herz. Die Jacke habe ich heute noch
zuhause. Sie ist immer noch brauchbar und ganz passabel: bordeaurot,
lang, mit einem Gürtel und einer im Kragen eingerollte Kaputze. Dieser
Gürtel war damals der Clou. Während jahrelang ein solcher Gürtel
absolut out und altmodisch war, kam er damals plötzlich wieder in
Mode. Ausserdem konnte man die Jacke natürlich auch ohne Gürtel
anziehen, respektive den Gürtel einfach nicht spannen und binden. Ich
erinnere mich ziemlich genau an die Zeit, als ich die Jacke neu
erworben hatte. Sie war so leicht und zugleich so angenehm warm, wie
du es dir niemals vorstellen kannst. Es war wohl der Anfang der
Kunststoff-Bekleidung, wie sie heute ziemlich üblich ist. Und dazu
wirkte ich so smart und gutaussehend, wie vielleicht Alain Delon nicht
in seinen besten Zeiten.
Kurz und gut: in einer solchen Jacke fühlst du dich als anderer
Mensch. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, an irgendwelchen Anlässen und
Gelegenheiten in Visp oder Brig teilzunehmen. Und immer hatte ich
dieses schwebende Glücksgefühl, wie es sonst nur Engel im Tiefflug
haben können.
Ach, unsere Posen damals, du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig
solch kleine Dinge waren. Sie waren sozusagen die Halme unserer
Vorstellung. Und in einer solch kleinen und engen Arena, wie sie das
Oberwallis darstellt, war man sich stets bewusst, dass die ganze Welt
zuschaut. Man hatte wirklich das geheime Gefühl, alle Visper, ja gar
alle Oberwalliser schauten zu und können sehen, was hier losgeht. Ist
das nicht merkwürdig? Dies war eines der ersten Gefühle, die ich in
Zürich beim Studium loswerden musste. Dort schaute kein Mensch mehr
zu. Niemand kannte dich. . All die vielen Menschen waren mit sich und
ihren eigenen Dingen beschäftigt. Niemand nahm Anstoss. Niemand hatte
ein Wort, nicht mal einen Blick für dich. Es war am Anfang so ähnlich
wie Isolationshaft, wenn ich es mir überlege.
Na, unsere Posen, das waren natürlich auch die Sprüche im
Freundeskreis. Wir Visper waren eine besondere Clique in Brig. Man
kannte die Visper. Während die Schüler von Brig und Umgebung abends
nicht mehr aus dem Haus durften, weil dies die Schule so vorschrieb,
gab es das in Visp natürlich nicht. Die Lehrer hatten die Gewohnheit,
wenn sie abends durch die Stadt gingen, sich nach Schülern umzusehen.
Und wenn sie fündig wurden, so konnte dieser Schüler, der sich nicht
an die Regeln gehalten hatte, nächstentags in der Schule etwas hören.
Meist war es so, dass er am nächsten Morgen in der Schule ganz einfach
aufgerufen wurde, die Lektion der letzten Stunde vorzutragen, was ihm
dann eine Note eintrug. Das konnte sehr unangenehm sein, wann man sich
nicht gut vorbereitet hatte. Aber wir Visper lebten ganz in diesem
Milieu, entgingen aber dieser dummen Kontrolle. Wir waren sozusagen
die Freien, neben den Sklaven aus Brig und Glis und Naters. Und vor
allem neben den Internen, die in der Schule lebten. Sie waren in der
Tat die Untersklaven, bedauernswerte und gebeutelte Menschen.
Da erinnere ich mich noch an eine andere lustige Begebenheit aus der
Schulzeit. Als AC, der neue Rektor "an die Macht gekommen war",
verfügte er, dass die Mützen, die wir alle beim Eintritt in die Schule
kaufen mussten, auch wirklich getragen werden sollten. Die Mützen
waren wirklicher Studenten-Wichs aus dunkelblauem Samtstoff mit einem
steifen Schirm. Doch weil sie niemand trug und alle bloss in der Mappe
aufbewahrten, sahen die meisten ganz heruntergekommen und zerbrochen
aus. Natürlich galt es als chick, eine solch abgewetzte und gebrochene
Mütze zu haben. Wer ein neues Ding mit sich führte, gab sich als
Anfänger zu erkennen. Nun ja, damals also erliess A.C., der neue
Rektor, den Befehl, dass alle Schüler auf dem Schulweg diese Mütze
tragen sollten. Und, nicht ohne Pointe, beinhaltete dieser Befehl auch
den Zusatz, dass man die Lehrer der Schule zu grüssen hatte, indem man
die Mütze vom Kopf nahm. Voilà. Ich fand das in meinem damaligen
Alter äusserst läppisch. Erstens konnte diese unmögliche Mütze die
schöne Frisur verderben. Und zweitens grüsst man in der Regel mit
einer Mütze nicht, indem man sie abnimmt, sondern indem man Hand
anlegt, ähnlich wie im Militär. Ich war also nicht begeistert von Cs
Befehl, und meine Kameraden nicht minder. Eines Tages, als wir auf dem
Weg vom Bahnhof in die Schule waren und angeregt diskutierten, stiess
mich W in die Seite und machte mich darauf aufmerksam, dass der
Rektor, der irgendwo in der Nähe war, mich gerufen hätte. Ich war ein
bisschen irritiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb
gerade ich aus dieser grossen Zahl von Studenten, die alle auf dem Weg
zur Schule waren - die etwas oberhalb der Stadt liegt - , weshalb er
gerade von mir etwas wollte. Und wirklich. Als ich ihn erreichte,
fragte er mich, weshalb ich ihn nicht gegrüsst hätte. Stell dir vor.
So etwas konnte ich nun wirklich nicht begreifen. Ich hatte ihn bloss
nicht gesehen. Und ich hatte natürlich auch nicht sonderlich genau um
mich geschaut. Doch dies alles kam mir ein bisschen vor die Geschichte
von Willhelm Tell, wenn du weisst, was ich meine.
Nun ja, AC hat mir dies nicht übel genommen. Er hat mit im Unterricht
immer respektiert und hat auch anerkannt, dass ich damals den Maler
der Kunstkarte als einziger der Klasse herausfinden konnte. Ich
glaube, er hatte immer die Idee, ich wäre besonders begabt. Und er hat
mich auch, so kommt mir wieder in den Sinn, bei einer kleinen
Entlöhnung als Aufsicht für das Morgenstudium eingesetzt. Dazu eignete
ich mich, weil ich nicht katholisch war und nicht an den bezeichneten
Tagen die Messe besuchen musste. So konnte ich dieses Amt übernehmen,
welches darin bestand, in einem grossen Schulzimmer, wo die Schüler
bis zum Beginn des Unterrichtes nochmals ihre Lektionen repetieren
konnten, in diesem Schulzimmer also für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Du siehst, Marlena, manchmal schadet es nicht, wenn man die Könige
nicht grüsst!!
Soviel über meine Posen.
MlG
...
schon vorbei?
date 29 March 2005 07:38
subject Re: ...
Liebe Malou
Ist es wahr, dass diese Ostertage schon vorbei sind. Ist es wirklich
möglich, dass Zeit so schnell vergeht. Wie viele Tagen hatten wir denn
frei? Weshalb ist Ostern in diesen modernen Zeiten so kurz geworden.
Man sollte doch denken, dass der Osterhase einige Zeit braucht, um
seine Dinge zu verstecken. Und vorher, um sie zu färben. Irgend etwas
stimmt nicht mehr, an den Zeitverhältnissen!
Ich glaube, ich habe viel geschlafen über Ostern. Ich habe Ostern
vielleicht sogar verschlafen? Na ja, das weiss ich nicht so genau. Da
waren einige schöne Träume darunter, aber im übrigen ist alles sehr
schnell dahingegangen.
Und jetzt fängt alles wieder von vorne an? Und wir haben dazu noch
eine Stunde verloren! Vom Samstag auf den Sonntag haben sie uns die
geleihte Stunde wieder unter dem Kopfkissen weggeklaut. In welchen
Verhältnissen leben wir?
Schluss mit dem Klagelied! Ich habe stattdessen an Ostern
Löwenzahnsalat gegessen. Und habe dabei an deine Brennesselsuppe
gedacht. Sagt man nicht, dass solche Gerichte die Säfte wieder etwas
in Fahrt bringen? Löwenzahn ist zwar zur Zeit noch überhaupt nicht
bitter. Aber die Bitterkeit, so sagt man, sei besonders gesund. Und
ich mag sie, die leichte Bitterkeit, wie sie das Leben ja auch an sich
hat.
---
Und jetzt sitze ich wieder in meiner Klause und schaue auf den
Platz hinunter. Er ist zwar noch menschenleer. Aber
gegenüber, die Drogerie, ist schon geöffnet. Sie haben jetzt wieder
das Verkaufsgestell draussen stehen, wo man Blumen- und Gemüsesamen
auswählen kann. Das ist jetzt die richtige Zeit. Aber sonst schaut es
nicht aus, als ob viele Leute schon arbeiten würden. Und in der Tat
haben unsere Kinder noch Ferien. Und viele Leute sind vielleicht noch
in den Osterferien. Dieses Jahr, so hört man, sollen viele nochmals in
die Skiferien gefahren sein. Soviel Schnee wie 05 hatte es lange nicht
mehr. Und die andern weilen im Tessin, trinken auf der grossen Piazza
in Ascona Kaffee und fühlen sich wie in Italien.
---
Und wie waren eure Ostern?
MLG
...
subject Re: ...
Liebe Malou
Ist es wahr, dass diese Ostertage schon vorbei sind. Ist es wirklich
möglich, dass Zeit so schnell vergeht. Wie viele Tagen hatten wir denn
frei? Weshalb ist Ostern in diesen modernen Zeiten so kurz geworden.
Man sollte doch denken, dass der Osterhase einige Zeit braucht, um
seine Dinge zu verstecken. Und vorher, um sie zu färben. Irgend etwas
stimmt nicht mehr, an den Zeitverhältnissen!
Ich glaube, ich habe viel geschlafen über Ostern. Ich habe Ostern
vielleicht sogar verschlafen? Na ja, das weiss ich nicht so genau. Da
waren einige schöne Träume darunter, aber im übrigen ist alles sehr
schnell dahingegangen.
Und jetzt fängt alles wieder von vorne an? Und wir haben dazu noch
eine Stunde verloren! Vom Samstag auf den Sonntag haben sie uns die
geleihte Stunde wieder unter dem Kopfkissen weggeklaut. In welchen
Verhältnissen leben wir?
Schluss mit dem Klagelied! Ich habe stattdessen an Ostern
Löwenzahnsalat gegessen. Und habe dabei an deine Brennesselsuppe
gedacht. Sagt man nicht, dass solche Gerichte die Säfte wieder etwas
in Fahrt bringen? Löwenzahn ist zwar zur Zeit noch überhaupt nicht
bitter. Aber die Bitterkeit, so sagt man, sei besonders gesund. Und
ich mag sie, die leichte Bitterkeit, wie sie das Leben ja auch an sich
hat.
---
Und jetzt sitze ich wieder in meiner Klause und schaue auf den
Platz hinunter. Er ist zwar noch menschenleer. Aber
gegenüber, die Drogerie, ist schon geöffnet. Sie haben jetzt wieder
das Verkaufsgestell draussen stehen, wo man Blumen- und Gemüsesamen
auswählen kann. Das ist jetzt die richtige Zeit. Aber sonst schaut es
nicht aus, als ob viele Leute schon arbeiten würden. Und in der Tat
haben unsere Kinder noch Ferien. Und viele Leute sind vielleicht noch
in den Osterferien. Dieses Jahr, so hört man, sollen viele nochmals in
die Skiferien gefahren sein. Soviel Schnee wie 05 hatte es lange nicht
mehr. Und die andern weilen im Tessin, trinken auf der grossen Piazza
in Ascona Kaffee und fühlen sich wie in Italien.
---
Und wie waren eure Ostern?
MLG
...
Montag, 25. April 2011
Ostermontag
Ämne: RE: Oster.. MON.. tag
Datum: den 12 april 2004 16:29
Liebe Malou
...
Wir hatten eher stille Ostern. Ich habe viel geschlafen und meine Ohrenschmerzen gepflegt. Am frühen Abend hatten wir ein gemeinsames Essen mit einem grossen Tisch, den S bereitet hat. Am Vorabend hatte ich ein bisschen mitgeholfen bei den Eiern. Na ja, ich habe sie schliesslich bloss aus dem kochendheissen Zwiebelschalensud gefischt, sie unter kaltem Wasser abgeschreckt, um sie zuletzt mit Fett etwas einzureiben. Und dazu habe ich den Herd geputzt. Ehrenwort! Dieser rote Sud war ziemlich penetrant. Neben Zwiebelschalen waren offenbar Schalen der roten Bete drin. Und dazu Salz. Die Eier sind den auch sehr schön geworden. S hat frische Pflanzenblätter mit alten Nylonstrümpfen auf der Schale fixiert und die Eier so in den Sud gelegt. Jetzt gibt es auf den rotbraunen Einer gelbe Pflanzenmuster, die ganz natürlich und hübsch organisch aussehen. Macht ihr das auch so?
---
Übrigens habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass die Sache mit dem Osterhasen eine protestantische Erfindung sei. Und die Eier sind nicht in erster Linie Fruchtbarkeitssymbol, wie man es immer behauptet hatte. Die Eier gab es um Ostern bloss deswegen, weil nach der Fastenzeit so viele Eier zur Verfügung standen. Und weil um Ostern ein Zinstag war wie jener an Martini im Herbst, und oft mit Materialien bezahlt wurde, kam es, dass man oft Eier dazu benutzte. Früher wurden nur die gesegneten Eier gefärbt. Die rote Färbung diente eben gerade dazu, sie von den übrigen Eiern zu unterscheiden. Gesegnete Eier galten als Glücksbringer. Sie wurden verschenkt oder irgendwo auch auf dem Dachboden aufgestellt zum Schutze des Hauses. Wie es zum Osterhasen kam, ist nicht ganz klar. Es gibt Vermutungen, dass es ein Brauch war, ein Osterbrot in Form eines Lammes zu backen. Und weil offenbar die Ohren zu lange und die Beine zu kurz schienen, sei man mit der Zeit auf den Hasen gekommen. Klingt ein bisschen fade, nicht wahr? Bestimmt gab es im Frühjahr auch viele junge Hasen. Und so sei es gekommen, dass man die farbigen Eier vor allem in protestantischen Gebieten dem Hasen zugeschrieben hat. Dabei ist aber jetzt doch merkwürdige, dass der protestantische Norden, Skandinavien eben, den Hasen nicht kennt. Vielleicht habt ihr auch nicht zu viele wild lebende Hasen? Oder doch?
Macht ihr auch das Spiel, indem ihr mit den Eiern gegeneinander schlagt. Ich glaube, das gibt es überall. Letzthin habe ich eine griechische Familie im Fernsehen gesehen, die das ebenso gemacht hat. Sie hatten auch nur rote Eier.
Morgen beginnt die Arbeit wieder. Ich könnte mir noch ein paar Tage frei nehmen. Aber es macht keinen Sinn, zuhause herumzusitzen und zu lesen. Ich habe einige Arbeiten, die ich bis Ende Monat gemacht haben muss. Und so will ich lieber zeitig dran gehen. Ich mag es nicht, zum Schluss unter Zeitdruck zu sein, wenn es an allen Ecken brennt.
Wenn ich heute zum Fenster hinaus auf den Platz hinunter schaue, so finde ich ihn mehr oder weniger menschenleer. Die Tische und Stühle des Cafès stehen zwar draussen unter dem Schirm. Aber der Betrieb ist an Ostermontag geschlossen. Und gegenüber in der Drogerie haben sie die Sonnenstoren (die Markisen, wie das so schön heisst) heruntergelassen, als ob es schon Sommer wäre. Davor treiben die drei Bäume in einem zarten Grün. In ein oder zwei Wochen werde ich nicht mehr hindurch auf das Strassencafé sehen können. Dann wird es hinter dem Blättervorhang verschwinden, mindestens zum grossen Teil. Ich glaube, wenn ich mal in Pension sein werde, dann werde ich mich nach diesem Blick zurücksehnen. Ich habe mal eine Zeichnung davon gemacht. Aber ich weiss nicht, ob ich sie auch wirklich aufbewahrt habe.
Und jetzt muss ich noch ein bisschen hinter meine Dinge. Und abends will ich noch rasch bei meinen Eltern vorbei. Du hast bestimmt noch ein paar Tage Ferien, nicht wahr?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
MalGuhsK
Datum: den 12 april 2004 16:29
Liebe Malou
...
Wir hatten eher stille Ostern. Ich habe viel geschlafen und meine Ohrenschmerzen gepflegt. Am frühen Abend hatten wir ein gemeinsames Essen mit einem grossen Tisch, den S bereitet hat. Am Vorabend hatte ich ein bisschen mitgeholfen bei den Eiern. Na ja, ich habe sie schliesslich bloss aus dem kochendheissen Zwiebelschalensud gefischt, sie unter kaltem Wasser abgeschreckt, um sie zuletzt mit Fett etwas einzureiben. Und dazu habe ich den Herd geputzt. Ehrenwort! Dieser rote Sud war ziemlich penetrant. Neben Zwiebelschalen waren offenbar Schalen der roten Bete drin. Und dazu Salz. Die Eier sind den auch sehr schön geworden. S hat frische Pflanzenblätter mit alten Nylonstrümpfen auf der Schale fixiert und die Eier so in den Sud gelegt. Jetzt gibt es auf den rotbraunen Einer gelbe Pflanzenmuster, die ganz natürlich und hübsch organisch aussehen. Macht ihr das auch so?
---
Übrigens habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass die Sache mit dem Osterhasen eine protestantische Erfindung sei. Und die Eier sind nicht in erster Linie Fruchtbarkeitssymbol, wie man es immer behauptet hatte. Die Eier gab es um Ostern bloss deswegen, weil nach der Fastenzeit so viele Eier zur Verfügung standen. Und weil um Ostern ein Zinstag war wie jener an Martini im Herbst, und oft mit Materialien bezahlt wurde, kam es, dass man oft Eier dazu benutzte. Früher wurden nur die gesegneten Eier gefärbt. Die rote Färbung diente eben gerade dazu, sie von den übrigen Eiern zu unterscheiden. Gesegnete Eier galten als Glücksbringer. Sie wurden verschenkt oder irgendwo auch auf dem Dachboden aufgestellt zum Schutze des Hauses. Wie es zum Osterhasen kam, ist nicht ganz klar. Es gibt Vermutungen, dass es ein Brauch war, ein Osterbrot in Form eines Lammes zu backen. Und weil offenbar die Ohren zu lange und die Beine zu kurz schienen, sei man mit der Zeit auf den Hasen gekommen. Klingt ein bisschen fade, nicht wahr? Bestimmt gab es im Frühjahr auch viele junge Hasen. Und so sei es gekommen, dass man die farbigen Eier vor allem in protestantischen Gebieten dem Hasen zugeschrieben hat. Dabei ist aber jetzt doch merkwürdige, dass der protestantische Norden, Skandinavien eben, den Hasen nicht kennt. Vielleicht habt ihr auch nicht zu viele wild lebende Hasen? Oder doch?
Macht ihr auch das Spiel, indem ihr mit den Eiern gegeneinander schlagt. Ich glaube, das gibt es überall. Letzthin habe ich eine griechische Familie im Fernsehen gesehen, die das ebenso gemacht hat. Sie hatten auch nur rote Eier.
Morgen beginnt die Arbeit wieder. Ich könnte mir noch ein paar Tage frei nehmen. Aber es macht keinen Sinn, zuhause herumzusitzen und zu lesen. Ich habe einige Arbeiten, die ich bis Ende Monat gemacht haben muss. Und so will ich lieber zeitig dran gehen. Ich mag es nicht, zum Schluss unter Zeitdruck zu sein, wenn es an allen Ecken brennt.
Wenn ich heute zum Fenster hinaus auf den Platz hinunter schaue, so finde ich ihn mehr oder weniger menschenleer. Die Tische und Stühle des Cafès stehen zwar draussen unter dem Schirm. Aber der Betrieb ist an Ostermontag geschlossen. Und gegenüber in der Drogerie haben sie die Sonnenstoren (die Markisen, wie das so schön heisst) heruntergelassen, als ob es schon Sommer wäre. Davor treiben die drei Bäume in einem zarten Grün. In ein oder zwei Wochen werde ich nicht mehr hindurch auf das Strassencafé sehen können. Dann wird es hinter dem Blättervorhang verschwinden, mindestens zum grossen Teil. Ich glaube, wenn ich mal in Pension sein werde, dann werde ich mich nach diesem Blick zurücksehnen. Ich habe mal eine Zeichnung davon gemacht. Aber ich weiss nicht, ob ich sie auch wirklich aufbewahrt habe.
Und jetzt muss ich noch ein bisschen hinter meine Dinge. Und abends will ich noch rasch bei meinen Eltern vorbei. Du hast bestimmt noch ein paar Tage Ferien, nicht wahr?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
MalGuhsK
Sonntag, 24. April 2011
Samstag, 23. April 2011
Ostersamstag
Ämne: Ostersamstag
Datum: den 10 april 2004 10:31Lieber ...,
Nein doch, ich leide keine Not. Auch bei uns ist das Haus voll von Schokolade und anderen Süssigkeiten zu Ostern. Ich hoffe nur, dass bald ein paar Osterhexen (zu Hexen verkleidete Kinder) kommen, damit ich die Bonbons loswerde, bevor ich sie alle aufesse. Die Kinder überreichen Zeichnungen mit Osterwünschen und erwarten sich dafür Belohnung in Form von süssen kleinen Ostereiern und anderen ähnlichen Dingen.
Weisst du, dass nur 16 % der Schweden zu Ostern in die Kirche gehen? Einige wissen nicht warum man Ostern feiert. Was sind wir für ein Land geworden?
Ich muss wieder weg. Schreibe mehr sobald ich dazu komme.
Mit lieben Gs und Ks,
Malou
Freitag, 22. April 2011
Re: Schöne Ostern
den 22 april
Re: Schöne Ostern
Mein lieber Mausfreund!
Ja, ich habe noch einmal reingeschaut und deinen lieben kleinen extra Brief gefunden. Er hat mich sehr stark berührt.. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass du mir noch etwas schreiben würdest.. und auch ich wollte dir so gern noch ein Mail schicken aber konnte leider nicht mehr. Es fällt mir immer schwer von dir zu gehen wenn wir gechattet haben.
Nun bist du vielleicht an deinem Ziel angekommen und verbringst schöne ruhige Stunden in netter Gesellschaft. Es gibt eigentlich nichts schöneres als das. Dann ist das Leben so wie es immer sein sollte.:-)
Wir fahren erst morgen weg und kommen wohl spät am Montag Abend nach Hause und am Dienstag geht es wieder los. Sicher werde ich dann extra viel arbeiten müssen da ich wahrscheinlich am 1. Mai für eine Woche verreise. Ich werde dich sehr vermissen.
Nun wünsche ich dir noch ein paar richtig schöne angenehme Ferientage im Tessin.
i.M.
Marlena
Donnerstag, 21. April 2011
Karfreitag
Schöne Ostern
Liebe Marlena
Vielleicht schaust du noch einmal rasch rein. Und da möchte ich dich mit einem kleinen Gruss überraschen. Er ist ein absolutes suplément, eigentlich bin ich schon weg.
Heute ist Karfreitag. Das ist das Ende der Fastenzeit und das Ende unserer Melodramatik! Ab Ostern fangen wir ein neues Leben an, froh und sachlich und ohne zu Leiden. Wir dürfen einfach nicht MEHR wollen, als wir haben. Es ist doch so schön genug. Ein wichtiger Teil des Lebensglückes besteht darin, sich bescheiden zu können. Davon bin ich ziemlich überzeugt, auch wenn es nicht immer gelingt.
Du siehst, ich bin an der Programmatik. Ohne gleich alle §§§ umzuformulieren. Sie sind immer noch gut und wir lassen sie gelten. Wenn du einverstanden bist.
Wir fahren morgen früh ins Tessin. Das ist schon südlich der Alpen und in seiner Vegetation ganz anders. Dort blüht es schon überall und es hat Palmen und schöne Blumen und unendlich viele Deutsche.
...
Es war schön, unser Karfreitagschat, es waren tolle 50 Minuten. Ich hab es genau gemessen. Und es war ruhig und ohne Hast, nur die paar Minuten, die es bei dir nicht ordentlich gelaufen ist. Es war lieb von dir, um 12 rasch hereinzukommen, oder war es 11h? Ich wollte soeben mein Mail abschicken und habe gedacht, dass du auf irgend ein Zeichen wartest. Ich versuche mir euch immer so vorzustellen im Haus in der Nähe des Waldes, wo die Hasen und die Elche einander gute Nacht sagen. Du sollst nicht denken, ich wolle dich irgendwie für mich allein. So selbstbezogen und gierig bin ich glaube ich nicht. Ich kann sehr gut akzeptieren, dass du in erster Linie für deine Familie da bist. Und dass du Rücksicht nehmen musst mit dem PC und dass du noch 100 Dinge tun musst, die man als Hausfrau und Mutter und Berufsfrau einfach tun muss. Und dass du dir die Zeit zum Schreiben vom Schlaf stehlen musst, macht mich nicht glücklich.
Ich möchte einfach viel mehr von dir hören. Du hast das Gefühl, ich weiss schon viel. Aber die Crux mit dem Wissen ist die: je mehr du weißt desto mehr möchtest du noch dazu wissen. Deshalb doch sind die Unwissenden die glücklichsten Menschen.
Vielleicht bin ich auch bloss sehr ungeduldig? Dann verzeih mir. Nimm es einfach als meine Sympathie für dich und für euch alle und als mein Interesse. Ich habe schon soviele Fragen gestellt und soviele Themen angeschnitten, die irgendwo verschwunden sind. Du hättest vielleicht Jahre, das alles zu beantworten. Wahrscheinlich verursache ich das Problem, weil ich einfach zuviel und zu schnell will. Dann gib mir gerade noch einmal die Absolution.
*
Und wie gesagt, das wird jetzt alles gut. X nimmt es nach Ostern ganz langsam und ist glücklich über jede Zeile, die er von Marlena erhält, ohne soviel zu erwarten. Jede Zeile ist ein Geschenk. Jedes Wort ist mehr als kein Wort. Und manchmal sendet sie ja sogar noch Bilder, und die sind bekanntlich "mehr als tausend Worte", wie wir im Deutschen sagen.
*
Ach, Marlena, wenn ich da auch manchmal ein bisschen jammere, es ist eine schöne und aufregende Sache, unsere maladi. Und wenn du versprichst, du wollest helfen, daraus eine ruhige Sache zu machen, so weiss ich gar nicht, ob ich das überhaupt so will. Wahrscheinlich habe ich zwischendurch ganz gerne ein bisschen Aufregung und Sensation.
Ich wünsche euch dreien wirlich ganz schöne und warme und fruchtbare Ostern
Und dir Marlena, ein besonders prächtiges Osterei.
Wir hören uns wieder nach Ostern.
... i.M.
Liebe Marlena
Vielleicht schaust du noch einmal rasch rein. Und da möchte ich dich mit einem kleinen Gruss überraschen. Er ist ein absolutes suplément, eigentlich bin ich schon weg.
Heute ist Karfreitag. Das ist das Ende der Fastenzeit und das Ende unserer Melodramatik! Ab Ostern fangen wir ein neues Leben an, froh und sachlich und ohne zu Leiden. Wir dürfen einfach nicht MEHR wollen, als wir haben. Es ist doch so schön genug. Ein wichtiger Teil des Lebensglückes besteht darin, sich bescheiden zu können. Davon bin ich ziemlich überzeugt, auch wenn es nicht immer gelingt.
Du siehst, ich bin an der Programmatik. Ohne gleich alle §§§ umzuformulieren. Sie sind immer noch gut und wir lassen sie gelten. Wenn du einverstanden bist.
Wir fahren morgen früh ins Tessin. Das ist schon südlich der Alpen und in seiner Vegetation ganz anders. Dort blüht es schon überall und es hat Palmen und schöne Blumen und unendlich viele Deutsche.
...
Es war schön, unser Karfreitagschat, es waren tolle 50 Minuten. Ich hab es genau gemessen. Und es war ruhig und ohne Hast, nur die paar Minuten, die es bei dir nicht ordentlich gelaufen ist. Es war lieb von dir, um 12 rasch hereinzukommen, oder war es 11h? Ich wollte soeben mein Mail abschicken und habe gedacht, dass du auf irgend ein Zeichen wartest. Ich versuche mir euch immer so vorzustellen im Haus in der Nähe des Waldes, wo die Hasen und die Elche einander gute Nacht sagen. Du sollst nicht denken, ich wolle dich irgendwie für mich allein. So selbstbezogen und gierig bin ich glaube ich nicht. Ich kann sehr gut akzeptieren, dass du in erster Linie für deine Familie da bist. Und dass du Rücksicht nehmen musst mit dem PC und dass du noch 100 Dinge tun musst, die man als Hausfrau und Mutter und Berufsfrau einfach tun muss. Und dass du dir die Zeit zum Schreiben vom Schlaf stehlen musst, macht mich nicht glücklich.
Ich möchte einfach viel mehr von dir hören. Du hast das Gefühl, ich weiss schon viel. Aber die Crux mit dem Wissen ist die: je mehr du weißt desto mehr möchtest du noch dazu wissen. Deshalb doch sind die Unwissenden die glücklichsten Menschen.
Vielleicht bin ich auch bloss sehr ungeduldig? Dann verzeih mir. Nimm es einfach als meine Sympathie für dich und für euch alle und als mein Interesse. Ich habe schon soviele Fragen gestellt und soviele Themen angeschnitten, die irgendwo verschwunden sind. Du hättest vielleicht Jahre, das alles zu beantworten. Wahrscheinlich verursache ich das Problem, weil ich einfach zuviel und zu schnell will. Dann gib mir gerade noch einmal die Absolution.
*
Und wie gesagt, das wird jetzt alles gut. X nimmt es nach Ostern ganz langsam und ist glücklich über jede Zeile, die er von Marlena erhält, ohne soviel zu erwarten. Jede Zeile ist ein Geschenk. Jedes Wort ist mehr als kein Wort. Und manchmal sendet sie ja sogar noch Bilder, und die sind bekanntlich "mehr als tausend Worte", wie wir im Deutschen sagen.
*
Ach, Marlena, wenn ich da auch manchmal ein bisschen jammere, es ist eine schöne und aufregende Sache, unsere maladi. Und wenn du versprichst, du wollest helfen, daraus eine ruhige Sache zu machen, so weiss ich gar nicht, ob ich das überhaupt so will. Wahrscheinlich habe ich zwischendurch ganz gerne ein bisschen Aufregung und Sensation.
Ich wünsche euch dreien wirlich ganz schöne und warme und fruchtbare Ostern
Und dir Marlena, ein besonders prächtiges Osterei.
Wir hören uns wieder nach Ostern.
... i.M.
Gründonnerstag
Meister des Hausbuches
Die Fußwaschung der Apostel.
Liebe Marlena
...
Bei uns nennt sich der kommende Freitag Karfreitag. Das ist sozusagen die Quadratur des Trauertages, früher ohne Kino, ohne Musik, ohne Krimis am Fernsehen, ohne Liebe, ohne Freuden, ohne Farben. Bloss die katholischen Bauern haben jeweils an diesem Tag die Jauche ausgeführt, wie mein Vater zu wiederholen pflegte.
Mittwoch, 20. April 2011
Osterninsicht.. Ja...
Ämne: osterninsicht
Datum: den 7 april 2004 07:34
Liebe Malou
Ach, es ist kalt und unfreundlich, wie man es dem April nachsagt. Die ganze Stadt wirkt ziemlich trüb. Und nur die Bäume mit ihrem vorsichtig keimenden Grün deuten an, dass wir andere Zeiten erwarten können. Und von den Tauben ist nichts zu sehen, weit und breit. Wahrscheinlich liegen sie im Gartenhäuschen und drehen sich auf die andere Seite.
Heute habe ich erst um 8.00h angefangen. Ich weiss nicht weshalb, aber irgendwie hatte mein Wecker Mitleid mit mir und liess mich liegen. Vielleicht habe ich ihn ja auch kurz nach 6 wieder abgestellt, um mir zu überlegen, wie man das eigentlich schafft, um diese Zeit aus den warmen Federn zu steigen. Ich meine, da ist wirklich etwas mentale Kraft erforderlich, nicht wahr? Automatisch geht so was nicht. Ausgenommen vielleicht, du erwartest heute dein erstes Rendez-vous oder die Verleihung des Nobelpreises. Und das ist, wir wissen es, nicht jeden Tag zu erwarten. So bin ich erst durch die Helligkeit um halb Acht aufgewacht und habe mit Chronos, dem Gott der Zeit, gefeilscht, ob jetzt vielleicht 6.30h oder vielleicht gar schon 7.00h sein könnte. Unten hörte ich S, die sich zu in der Küche zu schaffen machte. Und da wusste ich, dass es kaum 6.30h sein konnte.
Ich erinnerte mich der Zeit im Gymnasium. Damals war ich oft um 6.00h aufgestanden, um noch meine Lateinwörter zu lernen. In meiner Erinnerung waren es meist Lateinwörter, kein anderes Fach. Wir mussten sie zu Hunderten memorieren und manchmal hatten sie alle denselben oder einen verflucht ähnlichen Klang. Und ich trage immer noch im Gedächtnis, wie ich in jenen frühen Morgenstunden sogar im warmen Badezimmer herumhing, auf dem Badewannenrand oder dem WC-Deckel, um die Wörter vor mir herzusagen. Aber ausser der Tatsache, dass ich müde war, war es kein schlechtes Gefühl. Eigentlich das Gegenteil: zu sehen, wie du diese Wörter besser und immer besser beherrschen konntest, das war ziemlich gut und gab Schwung für den neuen Tag. Und ich wusste, dass ich für diese Aufgabe abends viel mehr Zeit benötigt hätte. Ach, ich hänge wieder an diesen alten Tagen!
Magst Du bei den Schokoladenosterhasen auch am liebsten die Ohren? Da ist am meisten Material dran, nicht wahr? Und bei den Eiern das Gelb, natürlich!
Ich wünsche Dir einen feinen Tag.
Mit lGuK
...
Ämne: RE: osterninsicht.. Ja...
Datum: den 7 april 2004 10:05
Lieber Mausfreund,
Ja, Ostern ist tatsächlich in Sicht... oder fast hier. Die Sonne lässt sich nicht erblicken, aber trotzdem ist irgendwie schönes Osterwetter. 4 Grad, sehe ich hier gerade. Klingt nicht besonders warm aber wenn es nicht stürmt ist es doch angenehm draussen zu sein.
Unter dem Kirschbaum leuchten die ersten Frühlingsblümlein - blau und gelb. Ich liebe diese Jahreszeit. Sie ist wie eine neue Liebe, voll von Hoffnungen und noch ohne Enttäuschungen.. ;-)
Gut, dass du ausgeschlafen hast. Man braucht diesen letzten Schlaf am morgen besonders glaube ich. Es ist die Traumphase, in der man seine Seele reinigt oder zumindest etwas aufräumt. So sagt man jedenfalls.
Ich werde in ein paar Stunden zu Anna runter fahren und sie abholen. Wir werden ihre Blumen mit nach Hause nehmen und ich will dort auch ein wenig saubermachen. Gehört sich ja für eine Mutter, oder?
K wird mir sein Auto leihen, weil mein Golf scheinbar bald einen kaputten Auspuff hat. Man hört es schon, dass da bald was passieren wird. Sein Auto ist angenehmer zu fahren. Er wird derweilen ein gutes Essen für uns machen und uns damit empfangen, wenn wir hier so gegen 18.00 Uhr aufkreuzen werden.
Ich habe bei mir oben endlich wieder mal meine Papiere angegriffen. Du weisst wie es ist, wenn sich ein paar halbmeterhohe Stapel in -zig kleine aufteilen und jede Fläche im Raum damit bedeckt ist. Und endlich habe ich es etwas leichter mich von alten Dingen zu befreien. Brauch nicht mehr zu denken "das kann ich sicher später mal brauchen". Ich glaube an Feng Shui. Zwar macht man in letzter Zeit Geschäfte mit diesen Ideen, aber ich habe immer schon gewusst, dass Ordnung um mich herum auch Ordnung und Zufriedenheit in meinem Inneren erzeugt.
Ach, ..., ich hab doch garkeine Osterhasen aus Schokolade. Bei uns gibt es nicht den Osterhasen. D.h. man kann schon solche Dinge in Geschäften finden aber wir haben Eier, und Bonbons in Eierform und dann haben wir die Hexen, die nach Blåkulla reiten auf einem Besenstiel.
Ich habe einen Lammbraten gekauft und K hat Lachs und einen grossen Osterschinken gekauft. Es wird gutes Osteressen geben und Anna wird sicher gleich wieder ihre verlorenen Kilos zunehmen.
Nun muss ich hier weitermachen. Noch staubsaugen bevor ich dann nach Lunch runterfahre.
Wenn ich dazu komme kriegst du noch ein kleines Mail aus Linköping.
Ich grüsse dich lieb
mit einem zärtlichen Kuss,
Malou
Datum: den 7 april 2004 07:34
Liebe Malou
Ach, es ist kalt und unfreundlich, wie man es dem April nachsagt. Die ganze Stadt wirkt ziemlich trüb. Und nur die Bäume mit ihrem vorsichtig keimenden Grün deuten an, dass wir andere Zeiten erwarten können. Und von den Tauben ist nichts zu sehen, weit und breit. Wahrscheinlich liegen sie im Gartenhäuschen und drehen sich auf die andere Seite.
Heute habe ich erst um 8.00h angefangen. Ich weiss nicht weshalb, aber irgendwie hatte mein Wecker Mitleid mit mir und liess mich liegen. Vielleicht habe ich ihn ja auch kurz nach 6 wieder abgestellt, um mir zu überlegen, wie man das eigentlich schafft, um diese Zeit aus den warmen Federn zu steigen. Ich meine, da ist wirklich etwas mentale Kraft erforderlich, nicht wahr? Automatisch geht so was nicht. Ausgenommen vielleicht, du erwartest heute dein erstes Rendez-vous oder die Verleihung des Nobelpreises. Und das ist, wir wissen es, nicht jeden Tag zu erwarten. So bin ich erst durch die Helligkeit um halb Acht aufgewacht und habe mit Chronos, dem Gott der Zeit, gefeilscht, ob jetzt vielleicht 6.30h oder vielleicht gar schon 7.00h sein könnte. Unten hörte ich S, die sich zu in der Küche zu schaffen machte. Und da wusste ich, dass es kaum 6.30h sein konnte.
Ich erinnerte mich der Zeit im Gymnasium. Damals war ich oft um 6.00h aufgestanden, um noch meine Lateinwörter zu lernen. In meiner Erinnerung waren es meist Lateinwörter, kein anderes Fach. Wir mussten sie zu Hunderten memorieren und manchmal hatten sie alle denselben oder einen verflucht ähnlichen Klang. Und ich trage immer noch im Gedächtnis, wie ich in jenen frühen Morgenstunden sogar im warmen Badezimmer herumhing, auf dem Badewannenrand oder dem WC-Deckel, um die Wörter vor mir herzusagen. Aber ausser der Tatsache, dass ich müde war, war es kein schlechtes Gefühl. Eigentlich das Gegenteil: zu sehen, wie du diese Wörter besser und immer besser beherrschen konntest, das war ziemlich gut und gab Schwung für den neuen Tag. Und ich wusste, dass ich für diese Aufgabe abends viel mehr Zeit benötigt hätte. Ach, ich hänge wieder an diesen alten Tagen!
Magst Du bei den Schokoladenosterhasen auch am liebsten die Ohren? Da ist am meisten Material dran, nicht wahr? Und bei den Eiern das Gelb, natürlich!
Ich wünsche Dir einen feinen Tag.
Mit lGuK
...
Ämne: RE: osterninsicht.. Ja...
Datum: den 7 april 2004 10:05
Lieber Mausfreund,
Ja, Ostern ist tatsächlich in Sicht... oder fast hier. Die Sonne lässt sich nicht erblicken, aber trotzdem ist irgendwie schönes Osterwetter. 4 Grad, sehe ich hier gerade. Klingt nicht besonders warm aber wenn es nicht stürmt ist es doch angenehm draussen zu sein.
Unter dem Kirschbaum leuchten die ersten Frühlingsblümlein - blau und gelb. Ich liebe diese Jahreszeit. Sie ist wie eine neue Liebe, voll von Hoffnungen und noch ohne Enttäuschungen.. ;-)
Gut, dass du ausgeschlafen hast. Man braucht diesen letzten Schlaf am morgen besonders glaube ich. Es ist die Traumphase, in der man seine Seele reinigt oder zumindest etwas aufräumt. So sagt man jedenfalls.
Ich werde in ein paar Stunden zu Anna runter fahren und sie abholen. Wir werden ihre Blumen mit nach Hause nehmen und ich will dort auch ein wenig saubermachen. Gehört sich ja für eine Mutter, oder?
K wird mir sein Auto leihen, weil mein Golf scheinbar bald einen kaputten Auspuff hat. Man hört es schon, dass da bald was passieren wird. Sein Auto ist angenehmer zu fahren. Er wird derweilen ein gutes Essen für uns machen und uns damit empfangen, wenn wir hier so gegen 18.00 Uhr aufkreuzen werden.
Ich habe bei mir oben endlich wieder mal meine Papiere angegriffen. Du weisst wie es ist, wenn sich ein paar halbmeterhohe Stapel in -zig kleine aufteilen und jede Fläche im Raum damit bedeckt ist. Und endlich habe ich es etwas leichter mich von alten Dingen zu befreien. Brauch nicht mehr zu denken "das kann ich sicher später mal brauchen". Ich glaube an Feng Shui. Zwar macht man in letzter Zeit Geschäfte mit diesen Ideen, aber ich habe immer schon gewusst, dass Ordnung um mich herum auch Ordnung und Zufriedenheit in meinem Inneren erzeugt.
Ach, ..., ich hab doch garkeine Osterhasen aus Schokolade. Bei uns gibt es nicht den Osterhasen. D.h. man kann schon solche Dinge in Geschäften finden aber wir haben Eier, und Bonbons in Eierform und dann haben wir die Hexen, die nach Blåkulla reiten auf einem Besenstiel.
Ich habe einen Lammbraten gekauft und K hat Lachs und einen grossen Osterschinken gekauft. Es wird gutes Osteressen geben und Anna wird sicher gleich wieder ihre verlorenen Kilos zunehmen.
Nun muss ich hier weitermachen. Noch staubsaugen bevor ich dann nach Lunch runterfahre.
Wenn ich dazu komme kriegst du noch ein kleines Mail aus Linköping.
Ich grüsse dich lieb
mit einem zärtlichen Kuss,
Malou
Dienstag, 19. April 2011
Bald Ostern
date 21 March 2005 12:46
subject Verwöhnt.. :-)
Lieber ...,
Die Woche hat mit einem herrlichen Frühlingswetter begonnen. Anna ist
diese Woche zu Hause und ich lasse mich von ihr mit gutem Essen
verwöhnen. Sie liebt es neue spannende Rezepte auszuprobieren.. aber
noch lieber erfindet sie selbst immer Neue. Vielleicht hat sie das K
abgeguckt. Gerade im Moment probiert sie die neue Wookpfanne aus, die
schon eine längere Zeit hier unangewendet herumsteht. Es duftet schon
herrlich.. du weisst Knoblauch und Zwiebeln, Kraut, Bohnen und was
weiss ich noch. Dazu werden wir wohl ein paar "Red hot chorizo" essen.
Sicher nicht gut für die Figur, aber ach so gut für den Gaumen.
Wir waren schon einkaufen heute morgen und nach dem Lunch werden wir
in den Wald fahren um Birkenreisig zu holen. Ach ein wenig
Heidelbeerreisig mit dem sich so schöne Tischdekorationen arrangieren
lassen. Dann werde ich die Jagd aufnehmen auf "tomtar" (von
Weihnachten) die noch hier und da zurückgeblieben sind. ;-)
In der Politik ist es jetzt ziemlich spannend hier bei uns. Es tut
sich viel und eine Menge Skandale von verschiedener Art haben die
Anhänger der Regierungspartei um 5 % sinken lassen. Die
Sozialdemokraten benehmen sich wirklich wie ein ehemaliger Adel, dem
alle mögliche Privilegien erlaubt sind.
ABB hat irgendein Übereinkommen gemacht, das sie zwar viel kostet,
aber doch dann hoffentlich ein wenig Ruhe lässt. Unser kleiner braucht
das doch. :-)
Ich habe mich sehr über deine Mails gefreut und ich verspreche dir,
dass auch ich mehr schreiben werde. Die Lust ist immer da, aber
manchmal nicht die Zeit oder die ungestörte Ruhe.
K arbeitet noch bis Donnerstag und hat dann die Woche nach Ostern
frei. Komisch, dass jetzt schon Ostern ist. Normalerweise haben wir
doch um Ostern schon unsere obligatorische Brennesselnsuppe auf dem
Tisch. Ich kann mir garnicht vorstellen dass man schon jetzt
Brennesseln in der Natur finden kann.
Nun ruft Anna zu Tisch.
Ich wünsche auch dir einen guten Start in die neue Woche. Schön, dass
ihr den alten Freund besucht habt. Sicher hat er sich sehr darüber
gefreut.. und ihr auch.
Ich wünsche dir auch einen interessanten Besuch bei dem IT-betrieb.
Mit lieben GUK,
Malou
Samstag, 16. April 2011
Frühling..
25 February 2008 21:48
subject Frühling.. jetzt schon
Mein lieber Mausfreund,
Ich freue mich, ich staune, ich lache, ich schmunzle.. und um ganz
ehrlich zu sein.. ich maladiere auch ein wenig, wenn ich dein schönes
langes Mail lese. Und ich wünsche ich könnte jetzt wie damals hier in
Ruhe sitzen und meine Gedanken so spontan wie einst auf den PC
bringen. Aber es sind andere Zeiten.
Ich werde dir morgen ausführlicher schreiben. Möchte dir nur kurz zu
der site mit der Amsel sagen:
HAN bedeutet ER und HON bedeutet SIE.
Hane = Männchen
Hona = Weibchen
das hattest du sicher schon verstanden aber "året runt" bedeutet
"rund um das Jahr", also bei uns ist die Amsel das ganze Jahr.
Ja, schön singt die Amsel sogar virtuell. :-)
Klar kenne ich das Lied, das du nennst. Ich habe es vorige Woche mit
den Alten gesungen. "Alla fåglar kommit re'n.." Es passt gut zu dieser Zeit.
Wir haben jetzt dasselbe Wetter wie sonst Anfang April und wir ängstigen
uns alle, dass nochmals Kälte kommen könnte, die alles was schon blüht
und sprießt zerstören würde.
Morgen fahre ich wahrscheinlich nach K. Aber ich
schreibe dir sobald ich dazu komme.
Bis dahin alles Liebe und Gute
mit Gs und Ks
Malou
Freitag, 15. April 2011
Visp im Wallis

(R)
Du bist also in Visp gewesen? Ich bin wirklich erstaunt, was du mir hier alles zeigst, Marlena. Visp ist eigentlich ein nicht zu grosser Ort. Aber wenn Schnee liegt, dann schaut es ganz sauber und ziemlich angenehm aus. In einem Bild siehst du weit hinauf ins Tal. Dort hinten, in der Ferne, am Fusse des schneebedeckten Berges, dort bin ich zur Schule gegangen. Und etwas rechts oben an den Hängen sind wir an den freien Mittwoch Nachmittagen Skilaufen gewesen, bei eben diesem Schönwetterhimmel, den du auf dem Foto siehst. Ich habe übrigens ein ganz ähnliches Foto in meinem Büro hängen, das ich einmal aus der Zeitung ausgeschnitten habe. Allerdings ist mein Heimweh heute nicht mehr so stark, und etwas allgemeinerer Art. Ich wünschte nicht mehr, in Visp zu leben. Ich glaube, es würde mich dort rasch und stark langweilen. Aber in einem allgemeineren Sinn zieht es mich ins Wallis, wegen der Landschaft allgemein, wegen der Leute, und wegen des Weines. Du siehst im Vordergrund die Rebberge von Visp. Dort wächst zwar kein Spitzenwein, aber immerhin Wein.
Du bist lieb, mir einen solchen heimatlichen Anblick zu ermöglichen. Die Wehmut, die mit diesen Bildern aufsteigt, hängt weniger an den Bildern selbst, als vielmehr an den Erinnerungen der Jugend, den Jugenderlebnissen, dem offenen jugendlichen Lebensgefühl, die so intensiv, überwältigend, weit und lang andauernd sind. Die engen und unangenehmen Erfahrungen, die Ängste und Sorgen, sie sind weggeschmolzen wie Schnee vom letzten Jahr. Wenn ich ab und zu in diesen Teil des Wallis zurückkehre, dann bin ich beleidigt, weil man überall neue Gebäude, Strassen und Mauern gebaut hat, ohne mich zu fragen. Ich fühle mich verletzt, weil man meinen Erinnerungen unrecht gibt. Wo ich doch felsenfest überzeugt bin, dass es anders gewesen war und immer noch anders sein müsste. An jeder Ecke beweist mir die Realität, dass ich mich irre, dass ich falsch habe. Und das schon in der Tatsache, dass alles viel kleiner ist, als ich es mir in der Erinnerung vorgestellt habe. Ach, ich kann die alten Leute verstehen, die unter uns leben, aber sich kaum mehr zuhause fühlen, weil sich in den 70 oder 80 Jahren ihres Lebens wirklich alles verändert hat. Gefühle sind sehr konservativ. Gefühle sind geradezu reaktionär.
Es ist wie in deiner wunderschönen Geschichte, wo die Schwarzen auf ihre Seelen warten. Die Seelen sind immer etwas hinterher, brauchen Zeit und trödeln in der Gegend herum. Ich habe diese Geschichte schon gehört oder darüber gelesen, aber ich habe sie mittlerweile wieder vergessen. Sie ist in der Tat gut, und als Psychologe sollte man sie nicht vergessen. Ich danke Dir dafür. Wenn man, auf dem Bild mit Blick ins Tal, wenn man hinten beim Schneeberg nach links weiter das Tal hinauffährt, so kommt man schliesslich in ein wunderschönes Hochtal. Es ist als Gebiet für den Langlauf (nordisches Skilaufen) bekannt und hat viele Loipen. Dort oben leben die Menschen ausschliesslich in Holzhäusern, die aus festen und dicken Stämmen gebaut sind. Und in alten Häusern gibt es unter der Decke der Stube einen kleinen Holzladen, den man öffnen kann und der ins Freie geht. Die Leute haben ihn geöffnet, wenn ein Familienmitglied gestorben ist. Dieser kleine Laden wird deshalb „Seelen-Laden" genannt. Er dient dazu, die Seele der Verstorbenen entwischen und zum Himmel aufsteigen zu lassen.
Donnerstag, 14. April 2011
Frühlingsboten..
... Zeit der Leberblümchen
den 13 april 2000 23:53
Ich suche vergebens nach einem schönen Wort das "LIEBE" ersetzen
könnte. Warum nicht "maladi"? Niemand würde je verstehen um was
es geht und ausserdem ist es inhaltlich verwandt mit "maladie" Es ist
eine Zusammenschmelzung von unseren Namen. ... Maladi ist ein
schönes Wort, klingt wie Musik und passt gut zu unseren Gefühlen.
Sollen wir unsere LIEBE mit einem Glas Champagner taufen? Oder
hast du Einwendungen gegen diesen Namen, Chéri?"
----------
den 13 april 2000 23:53
Ich suche vergebens nach einem schönen Wort das "LIEBE" ersetzen
könnte. Warum nicht "maladi"? Niemand würde je verstehen um was
es geht und ausserdem ist es inhaltlich verwandt mit "maladie" Es ist
eine Zusammenschmelzung von unseren Namen. ... Maladi ist ein
schönes Wort, klingt wie Musik und passt gut zu unseren Gefühlen.
Sollen wir unsere LIEBE mit einem Glas Champagner taufen? Oder
hast du Einwendungen gegen diesen Namen, Chéri?"
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den 14 april 2000 17:37
Liebe Marlena
Maladi finde ich absolut super. Wir sollten dieses schöne Wort wirklich begiessen bis es pudelnass ist, wie bei einer grossen Schiffstaufe. Man muss gar nicht viel erklären zu diesem Wort. Wir zwei wissen alles, was drin steckt. Es ist grandios, ich gratuliere der Patin, die den Namen gefunden hat. Er wird uns wie Honig auf der Zunge liegen. Maladi wird wie ein Turm vor unseren Augen aufragen. Und sie wird sich als fröhliche Melodie durch unsere Jahre ziehen. Ich finde, wir sind wirklich ein fantastisches Team, Marlena, und eine solche Maladi, wie wir sie hier pflegen und geniessen, wird es auf dieser Welt keine zweite geben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und dazu hat Maladi eine Affinität zum Französischen, das ist auch sehr gut getroffen. Und die Silben machen, wie du zeigst, einen Sinn. Ach, es ist praktisch ein Zauberwort. Und dass auch ein Hauch von maladie drin ist, eine kleine melancholische Note, finde ich besonders reizend, bricht die Farbe um eine Nuance. Ich kann uns nur zu diesem Kunstwerk beglückwünschen. Und wenn ich irgendwann und irgendwo auf dieser Welt über Ostern ein Weinglas in der Hand haben werde, so werde ich mit dir anstossen. Du wirst es hören am schönen hellen Klang der Gläser. Ich bin sicher, du wirst es hören. Und natürlich werde ich auch meinerseits genau in die Lüfte horchen, ob ich irgendwann einen solchen kleinen Kristallkuss höre. Und ich werde dir später die Uhrzeit sagen.
Mittwoch, 13. April 2011
über unsere Mailerei (2)
...
Und dann bleibt noch die Unterscheidung von Geschichten und Spiel. Ich habe sie in meiner Diss nicht als Gegensatz gesehen, sondern als Ergänzung. Aber sie laufen nach einem ähnlichen Schema wie virtual- und real-life.
Geschichten sind verbale Gebilde. Mit Geschichten meine ich auch Erzählungen, Gesagtes allgemein. Wir erzählen uns gegenseitig unsere Geschichten, aus dem Leben, aus unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart. Unsere maladi läuft nur im Medium von Geschichten. Es gibt nichts ausserhalb. Alles, was wir tun, sind Wörter hin und her schicken. Und alles, was wir sagen wollen, müssen wir mit Worten sagen. Und alles, was wir tun wollten, müssen wir ersatzweise mit Worten ausdrücken. Es gibt nichts ausserhalb dieses Textes. Er ist das ganze Kunstwerk. Es ist wie wenn ein Bildhauer eine Skulptur macht. Es nützt nichts, wenn er behauptet, die Skulptur sei absolut wundervoll und preisverdächtig. Die Skulptur muss für sich allein sprechen mit ihren eigenen Qualitäten. Man kann sie nicht durch zusätzliches darüber Sprechen verändern oder verbessern oder so.
Wir, liebe Marlena, wir lieben uns mit Worten, wir küssen uns mit Worten (nein, ich glaube, du hast noch nicht geküsst, du bist sehr zurückhaltend in diesen Dingen), wir berühren uns mit Worten. Worte sind alles was wir haben. Unsere maladi geht nicht über Worte hinaus.
Und Worte sind eben immer auch unzuverlässig. Worte können Irrtümer mit sich herumtragen und Worte können lügen und Worte können einen falschen Eindruck erwecken. Die blossen Wörter machen eben dieses virtual-life möglich. Sie können reine Fiktion sein. Du könntest dich sehr täuschen in mir. Ich könnte dir Dinge erzählen, die nicht von mir sind, sondern von einem Bekannten. Ich könnte dir sein Familienfoto geschickt haben. Ich könnte dir die schönsten Liebesgeschichten aus Büchern abgschrieben haben, weil ich möchte, dass wir uns lieben. Aber in Wirklichkeit bin ich vielleicht ein Clochard unter der mittleren Brücke Basels und habe jeden Tag meinen Stress, bis ich meine Flasche Rotwein habe. Das alles, um nicht zu sagen ich sei eigentlich ein Junky, ein fantasievoller, zugegeben.
Im virtual-life könnte immer alles auch anders sein. Virtual-life ist gemacht, ist ein Kunstprodukt. Und die Realität ist ohnehin sekundär. Die interessiert eigentlich nicht sonderlich. Ich glaube, die Jugend kann mit diesen fliessenden Grenzen zwischen real- und virtual-life besser umgehen. Für sie ist real nicht von so hoher Priorität wie für uns ältere Semester.
Und um zu verifizieren, wie weit Geschichten wahr oder real sind, brauche ich das Spiel. Das Spiel ist die Lebenspraxis, also im Gegensatz zu den Worten die Taten, das was man tut, ein geregeltes Vorgehen.
Ein Beispiel: wenn jemand nichts sagt, dann kann ich auf der Ebene der Worte nicht wissen, will er nichts sagen oder kann er nichts sagen. Wenn ich ihn aber sehe, im Spiel der jetztigen Situation, dann weiss ich sofort, wo er steht, ob er nicht will oder ob er nicht kann. Mit der Lebenspraxis kann man verifizieren, ob das, was Menschen mit Worten sagen, auch wirklich zutrifft, oder ob sie nur flunkern und bluffen und wortscheissen. Das heisst, ich brauche das Wort "Spiel" in einer umfassenderen Bedeutung. Ich meine nicht Spiel als blosses Spiel, dh. kein Ernst. Spiele haben einen eigenen Ernst. Es gibt die Theorie von Wittgenstein über das Sprachspiel, das in der neueren Philosophie eine grosse Bedeutung erworben hat. Das Sprachspiel war einmal Ausgangspunkt meiner Dissertation.
*
So siehst du, meine Mausgeliebte. Wenn ich die Idee hatte, mit dir nach Rom zu reisen, dann habe ich nicht an eine kurze Liebesgeschichte gedacht. Ich bin ja auch nicht einfach ein durchschnittlicher Mensch mit gewöhnlichen Absichten und Ideen. Ich möchte schon etwas Besonderes im Leben. Und meine Vorstellung war, dich einmal zu sehen, deine Stimme zu hören, deine Gesten einzuatmen, deine Mienen zu entschlüsseln, dein Ja-Sagen Ja sein zu lassen. Eigentlich, um dich in deinen Briefen besser zu verstehen und um meine Vorsellungen zu verbessern und zu vervollständigen. Dahinter ist eben mein Wahn, real sei besser als virtual. Ich bin eben so konservativ.
Ich habe ja auch einen anderen Weg versucht. Ich habe gedacht, wenn wir uns nicht allein sehen können, so können wir vielleicht unsere Familien in Kontakt bringen, eine Freundschaft zwischen den beiden Familien arrangieren. Aber da bin ich bei dir gar nicht auf offene Ohren gestossen. Vielleicht wäre es auch nicht so leicht, das gebe ich gerne zu. Vielleicht sind wir wirklich im Stadium 2 der maladi schon zu weit, um so etwas noch wagen zu können.
*
Ich sitze hier schon bei meinem vierten Kaffee. Nur um dir zu zeigen, wie ernst ich hier arbeite. Sigmund Freud spricht doch von Trauerarbeit. Ich glaube, dass es auch die Liebesarbeit gibt. Ich glaube, dass Liebe eine Anstrengung ist. Sie ist nicht einfach da und verzaubert alles. Man muss manchmal ziemlich hart für sie arbeiten, das glaube ich. Und ich kann sehen, dass du das ganz ähnlich siehst. Wie du dich kümmerst, wie du dich um mich sorgst, wie du kleine Mitteilungen hinterlässt, wie du dich zeitlich anpasst, damit ich vielleicht noch vor Arbeitsende ein Mail habe, ich sehe doch, wie du dich hingibst und wie du lange Mails schreibst als an sich "schreibfauler" Mensch. Und all das neben deinen anderen vielen Pflichten, die du "um die Ohren hast", wie wir hier sagen. Du bist eine Frau, die sich kümmert um die Mitmenschen, um die Pflichten, um die ganze Situation. Ich muss dir sagen, ich bin sehr berührt, das alles zu sehen. Und wenn ich nicht davon spreche, heisst es nicht, dass ich es nicht merke. Es berührt mich immer wieder und ich bin stets von Neuem hingerissen von deiner zarten und feinen Art, wie du die Dinge in Ordnung hälst. Und du hälst deinen Kopf aufrecht. Das mag ich ganz besonders.
*
Das ist mein Mail von heute morgen. Vielleicht ist es ein bisschen schwer verdaulich für ein gewöhnliches Frühstück. Aber das wird sich geben Marlena. Ich wollte dir einfach sagen, dass ich dich liebe, so wie man eben in einer Mausfreundschaft lieben kann. Mehr kann man es wahrscheinlich nicht. Und ich wollte dir sagen, dass ich deinen Charakter schätze, die Art, wie du aufrecht bist. Das ist wunderschön, ich sage es dir. Ich hoffe, dass der Chat von Gestern eine ähnlich frohe Stimmung bei dir gemacht hat. Es war ja das erste mal, dass das System einigermassen vorwärts gelaufen ist. Es war nicht schlecht, und ich habe es genossen, mit dir zu argumentieren und zu reden und zu plaudern. Ich hoffe, meine Art strengt dich nicht zu sehr an. Ich weiss, dass du geduldig bist. Aber es könnte ja auch zuviel sein. Manchmal denke ich, vielleicht belaste ich dich mehr als dass ich dir Energien schenken kann. Das möchte ich wirklich nicht. Ich möchte, dass wir beide Gewinner sind. Ich möchte, dass wir beide soviel Freude haben wie ich sie habe und fühle. Ich möchte, dass du dir deinen Teil nimmst, der dir zusteht, oder dass du ihn geschenkt bekommst oder ich ihn dir geben kann, wie auch immer. Ich kann nicht ausstehen, wenn die Freuden einseitig sind. Ich bin eigentlich sehr süchtig nach Harmonie und Übereinstimmung. Und vergiss nicht, Marlena, wir sind erst am Anfang. Wir haben noch viel Zeit. Wir werden Jubiläen feiern und auf Dezenien anstossen, vielleicht auf ein oder zwei Jahrhunderte wenn es hochkommt ;-))
Kannst du dir das wirklich vorstellen, dass hier in der Schweiz einer sitzt, dem deine Worte tief gehen, dass er ein bisschen aus dem alltäglichen Geleise geraten ist, dass er plötzlich von anderen Dingen denkt, dass er bis abends 21h im Büro sitzen bleibt und alle denken, er spinnt, soviel zu arbeiten, und dass er ganz vergnügt herumgeht und die Leute sich kopfschüttelnd fragen, woher er denn sein Glück schöpft? Kannst du dir das vorstellen?
Und du, meine liebste Mausgeliebte, erzähle mir endlich von Verlaine und von deiner Zeit in Uppsala. Ich warte mit Sehnsucht darauf. Und erzähl mir nicht soviel von der Liebe, die macht mich nur zu verrückt!
i.M.
...
(beim 5. Kaffee jetzt angelangt! Bald beginnt das Herz zu flattern. Es ist gut, wenn man den Kaffe die Schuld geben kann. Obwohl es da noch ein paar andere durchaus valable Optionen gäbe.)
PS: Es war ja gestern aufregend. Ich habe mich schon geärgert, dass wir uns verpasst hätten. Und dann ist es doch noch geglückt. Es war sehr schön und es war lange, bis sie dich zuhause aus dem PC-Raum gezerrt haben.
Und dann bleibt noch die Unterscheidung von Geschichten und Spiel. Ich habe sie in meiner Diss nicht als Gegensatz gesehen, sondern als Ergänzung. Aber sie laufen nach einem ähnlichen Schema wie virtual- und real-life.
Geschichten sind verbale Gebilde. Mit Geschichten meine ich auch Erzählungen, Gesagtes allgemein. Wir erzählen uns gegenseitig unsere Geschichten, aus dem Leben, aus unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart. Unsere maladi läuft nur im Medium von Geschichten. Es gibt nichts ausserhalb. Alles, was wir tun, sind Wörter hin und her schicken. Und alles, was wir sagen wollen, müssen wir mit Worten sagen. Und alles, was wir tun wollten, müssen wir ersatzweise mit Worten ausdrücken. Es gibt nichts ausserhalb dieses Textes. Er ist das ganze Kunstwerk. Es ist wie wenn ein Bildhauer eine Skulptur macht. Es nützt nichts, wenn er behauptet, die Skulptur sei absolut wundervoll und preisverdächtig. Die Skulptur muss für sich allein sprechen mit ihren eigenen Qualitäten. Man kann sie nicht durch zusätzliches darüber Sprechen verändern oder verbessern oder so.
Wir, liebe Marlena, wir lieben uns mit Worten, wir küssen uns mit Worten (nein, ich glaube, du hast noch nicht geküsst, du bist sehr zurückhaltend in diesen Dingen), wir berühren uns mit Worten. Worte sind alles was wir haben. Unsere maladi geht nicht über Worte hinaus.
Und Worte sind eben immer auch unzuverlässig. Worte können Irrtümer mit sich herumtragen und Worte können lügen und Worte können einen falschen Eindruck erwecken. Die blossen Wörter machen eben dieses virtual-life möglich. Sie können reine Fiktion sein. Du könntest dich sehr täuschen in mir. Ich könnte dir Dinge erzählen, die nicht von mir sind, sondern von einem Bekannten. Ich könnte dir sein Familienfoto geschickt haben. Ich könnte dir die schönsten Liebesgeschichten aus Büchern abgschrieben haben, weil ich möchte, dass wir uns lieben. Aber in Wirklichkeit bin ich vielleicht ein Clochard unter der mittleren Brücke Basels und habe jeden Tag meinen Stress, bis ich meine Flasche Rotwein habe. Das alles, um nicht zu sagen ich sei eigentlich ein Junky, ein fantasievoller, zugegeben.
Im virtual-life könnte immer alles auch anders sein. Virtual-life ist gemacht, ist ein Kunstprodukt. Und die Realität ist ohnehin sekundär. Die interessiert eigentlich nicht sonderlich. Ich glaube, die Jugend kann mit diesen fliessenden Grenzen zwischen real- und virtual-life besser umgehen. Für sie ist real nicht von so hoher Priorität wie für uns ältere Semester.
Und um zu verifizieren, wie weit Geschichten wahr oder real sind, brauche ich das Spiel. Das Spiel ist die Lebenspraxis, also im Gegensatz zu den Worten die Taten, das was man tut, ein geregeltes Vorgehen.
Ein Beispiel: wenn jemand nichts sagt, dann kann ich auf der Ebene der Worte nicht wissen, will er nichts sagen oder kann er nichts sagen. Wenn ich ihn aber sehe, im Spiel der jetztigen Situation, dann weiss ich sofort, wo er steht, ob er nicht will oder ob er nicht kann. Mit der Lebenspraxis kann man verifizieren, ob das, was Menschen mit Worten sagen, auch wirklich zutrifft, oder ob sie nur flunkern und bluffen und wortscheissen. Das heisst, ich brauche das Wort "Spiel" in einer umfassenderen Bedeutung. Ich meine nicht Spiel als blosses Spiel, dh. kein Ernst. Spiele haben einen eigenen Ernst. Es gibt die Theorie von Wittgenstein über das Sprachspiel, das in der neueren Philosophie eine grosse Bedeutung erworben hat. Das Sprachspiel war einmal Ausgangspunkt meiner Dissertation.
*
So siehst du, meine Mausgeliebte. Wenn ich die Idee hatte, mit dir nach Rom zu reisen, dann habe ich nicht an eine kurze Liebesgeschichte gedacht. Ich bin ja auch nicht einfach ein durchschnittlicher Mensch mit gewöhnlichen Absichten und Ideen. Ich möchte schon etwas Besonderes im Leben. Und meine Vorstellung war, dich einmal zu sehen, deine Stimme zu hören, deine Gesten einzuatmen, deine Mienen zu entschlüsseln, dein Ja-Sagen Ja sein zu lassen. Eigentlich, um dich in deinen Briefen besser zu verstehen und um meine Vorsellungen zu verbessern und zu vervollständigen. Dahinter ist eben mein Wahn, real sei besser als virtual. Ich bin eben so konservativ.
Ich habe ja auch einen anderen Weg versucht. Ich habe gedacht, wenn wir uns nicht allein sehen können, so können wir vielleicht unsere Familien in Kontakt bringen, eine Freundschaft zwischen den beiden Familien arrangieren. Aber da bin ich bei dir gar nicht auf offene Ohren gestossen. Vielleicht wäre es auch nicht so leicht, das gebe ich gerne zu. Vielleicht sind wir wirklich im Stadium 2 der maladi schon zu weit, um so etwas noch wagen zu können.
*
Ich sitze hier schon bei meinem vierten Kaffee. Nur um dir zu zeigen, wie ernst ich hier arbeite. Sigmund Freud spricht doch von Trauerarbeit. Ich glaube, dass es auch die Liebesarbeit gibt. Ich glaube, dass Liebe eine Anstrengung ist. Sie ist nicht einfach da und verzaubert alles. Man muss manchmal ziemlich hart für sie arbeiten, das glaube ich. Und ich kann sehen, dass du das ganz ähnlich siehst. Wie du dich kümmerst, wie du dich um mich sorgst, wie du kleine Mitteilungen hinterlässt, wie du dich zeitlich anpasst, damit ich vielleicht noch vor Arbeitsende ein Mail habe, ich sehe doch, wie du dich hingibst und wie du lange Mails schreibst als an sich "schreibfauler" Mensch. Und all das neben deinen anderen vielen Pflichten, die du "um die Ohren hast", wie wir hier sagen. Du bist eine Frau, die sich kümmert um die Mitmenschen, um die Pflichten, um die ganze Situation. Ich muss dir sagen, ich bin sehr berührt, das alles zu sehen. Und wenn ich nicht davon spreche, heisst es nicht, dass ich es nicht merke. Es berührt mich immer wieder und ich bin stets von Neuem hingerissen von deiner zarten und feinen Art, wie du die Dinge in Ordnung hälst. Und du hälst deinen Kopf aufrecht. Das mag ich ganz besonders.
*
Das ist mein Mail von heute morgen. Vielleicht ist es ein bisschen schwer verdaulich für ein gewöhnliches Frühstück. Aber das wird sich geben Marlena. Ich wollte dir einfach sagen, dass ich dich liebe, so wie man eben in einer Mausfreundschaft lieben kann. Mehr kann man es wahrscheinlich nicht. Und ich wollte dir sagen, dass ich deinen Charakter schätze, die Art, wie du aufrecht bist. Das ist wunderschön, ich sage es dir. Ich hoffe, dass der Chat von Gestern eine ähnlich frohe Stimmung bei dir gemacht hat. Es war ja das erste mal, dass das System einigermassen vorwärts gelaufen ist. Es war nicht schlecht, und ich habe es genossen, mit dir zu argumentieren und zu reden und zu plaudern. Ich hoffe, meine Art strengt dich nicht zu sehr an. Ich weiss, dass du geduldig bist. Aber es könnte ja auch zuviel sein. Manchmal denke ich, vielleicht belaste ich dich mehr als dass ich dir Energien schenken kann. Das möchte ich wirklich nicht. Ich möchte, dass wir beide Gewinner sind. Ich möchte, dass wir beide soviel Freude haben wie ich sie habe und fühle. Ich möchte, dass du dir deinen Teil nimmst, der dir zusteht, oder dass du ihn geschenkt bekommst oder ich ihn dir geben kann, wie auch immer. Ich kann nicht ausstehen, wenn die Freuden einseitig sind. Ich bin eigentlich sehr süchtig nach Harmonie und Übereinstimmung. Und vergiss nicht, Marlena, wir sind erst am Anfang. Wir haben noch viel Zeit. Wir werden Jubiläen feiern und auf Dezenien anstossen, vielleicht auf ein oder zwei Jahrhunderte wenn es hochkommt ;-))
Kannst du dir das wirklich vorstellen, dass hier in der Schweiz einer sitzt, dem deine Worte tief gehen, dass er ein bisschen aus dem alltäglichen Geleise geraten ist, dass er plötzlich von anderen Dingen denkt, dass er bis abends 21h im Büro sitzen bleibt und alle denken, er spinnt, soviel zu arbeiten, und dass er ganz vergnügt herumgeht und die Leute sich kopfschüttelnd fragen, woher er denn sein Glück schöpft? Kannst du dir das vorstellen?
Und du, meine liebste Mausgeliebte, erzähle mir endlich von Verlaine und von deiner Zeit in Uppsala. Ich warte mit Sehnsucht darauf. Und erzähl mir nicht soviel von der Liebe, die macht mich nur zu verrückt!
i.M.
...
(beim 5. Kaffee jetzt angelangt! Bald beginnt das Herz zu flattern. Es ist gut, wenn man den Kaffe die Schuld geben kann. Obwohl es da noch ein paar andere durchaus valable Optionen gäbe.)
PS: Es war ja gestern aufregend. Ich habe mich schon geärgert, dass wir uns verpasst hätten. Und dann ist es doch noch geglückt. Es war sehr schön und es war lange, bis sie dich zuhause aus dem PC-Raum gezerrt haben.
stilles Leben
den 6 oktober 2002 23:21
Herbstlich..
Lieber ...,
Zuerst möchte ich dir nocheinmal danken für den schönen Bericht von dieser Expo. Ich denke wenn man deine Worte publiziert hätte wäre die ganze Bevölkerung hingewandert so verlockend hast du es beschrieben.
Nun hast du wieder einen unvergesslichen Tag in dir gespeichert.
Ich weiss gar nicht mehr was in der letzten Woche passiert ist so eintönig und monoton läuft das Leben hier. Eben das mit dem Schweizer Mädchen war ein Moment der im Gedächtnis hängengeblieben ist aber sonst..
Das Wochenende war ruhig und erholsam. Anna war zu Hause und die häusliche Atmophäre war nicht weit von dem was man sich unter dem Begriff "harmonische Familie" vorstellt. Jeder war eigentlich mit seinen eigenen Anliegen beschäftigt und doch spürte man dass es eine gute Zusammengehörigkeit gab. Und dann am Sonntag Nachmittag kommt die Aufbruchstunde. Wir essen etwas früher als normal damit A und K so um 17.00 Uhr fahren können. Es wird nämlich ziemlich früh dunkel und die Wege von Linköping zu K sind nicht die besten. Man muss auch aufpassen wegen Elchen und Rehen.
Kennst du etwas, was Tove Jansson geschrieben hat? Ach, sicher wirst du sie kennen. Ihre Bücher gehörten zu unseren absoluten Favoriten als Anna klein war. Besonders erinnere ich mich an "Vem ska trösta knyttet?" das wir so gut wie auswendig konnten. Und heute habe ich im Radio wieder einmal das schöne Herbstlied gehört dessen Text auch Tove Jansson geschrieben hat. Ich habe ihn wörtlich übersetzt (sollte man ja eigentlich nicht tun mit Poesi) und habe ihn in Fotofolder gelegt. Es ist ein so schönes trauriges Lied von Vergänglichkeit... Vielleicht kennst du es, oder?
Was soll ich dir noch erzählen? Ach ja, der arme D. hat einen wahren Sturm im Lande entfacht mit einer Sportrezension. Er war in jungen Jahren einer der besten Fussballspieler und auch Eishockeyspieler und schreibt obwohl er nun Kulturchef ist ab und zu auch Sportartikel. Und jetzt hat er eine Mannschaft aus dem Süden Schwedens "Skånejävlar" genannt. (Skåneteufel). Man muss dabei wissen dass djävul ein sehr hartes Schimpfwort ist im schwedischen aber natürlich kommt es auch immer drauf an in welchem Zusammenhang man ein Wort verwendet. Jedenfalls hätte er es nicht tun sollen, denn er wurde von überall her angegriffen und sogar angemeldet wegen "hets mot folkgrupp" (klingt ja fast deutsch, oder?) Und der arme Kerl musste sich öffentlich verteidigen und was ich dir eben sagen wollte, am Ende seines Artikels zitierte er Updike und nennt Journalisten "ein träg- (oder zäh-?)bewegliches Reptilgeschlecht".
Er ist wahrhaftig ein grosser Fan von diesem Updike.
*
Und nun zu meinen "Mailbrüdern in der Schweiz" wie du sie nennst. Wie du ganz richtig sagst fehlt mir die Zeit und vor allem auch die Lust mich öfters mit virtuellen Personen zu unterhalten. Der vermögende Züricher hat mich mal Anfang 1999 im ST angesprochen (fast ein Jahr bevor ich Harro entdeckte) und ich erinnere mich noch dass unser Thema damals katholische Messen und gregorianischer Kirchengesang waren. Ich habe eine zeitlang mit ihm gemailt. Es war interessant zu sehen wie ein Mensch mit unbegrenzten Möglichkeiten sein Leben gestaltet.
Jetzt habe ich lange nicht mehr geschrieben. Ich finde es besser dass er seine Zeit und sein Interesse seiner Frau (die mich auch "kennt") und seinen zwei kleinen Söhnchen widmet.
Und der andere, ein Junggeselle mit einem hektischen öffentlichen Leben und vielen schönen Freizeitaktivitäten.. Sportwagen, Motorrad.. und ständig auf der Jagd nach.. nein doch, na ja vielleicht auch schönen Frauen, aber besonders nach neuen aufsehenerregenden Projekten, du weisst solche wie wir sie beide hassen.
Natürlich muss ich schmunzeln wenn ich sehe was für prominente Leute dein virtual life bevölkern. Hatte auch garnichts anderes erwartet. Deine Vorliebe für den Adel kenne ich seit langem. ;-) Und wie man einen verborgenen Aetna entdeckt? Nein, darüber möchte ich vielleicht lieber nichts wissen..
Übrigens ist es in der Politik hier genauso gekommen wie ich es erwartet hatte. Die Grünen haben nachgegeben und unterstützen nun S und V (die Linken). Also kann Persson weiterregieren. Und zu den ersten neuen Dingen die er beschlossen hat gehört ein Strafzoll für Autos in Stockholms Innenstadt. Das hatte er vor der Wahl heilig geschworen nie einzuführen. Politik ist Politik.
Was Håkan Nesser betrifft ist er sehr sympatisch. Ich glaube nicht dass du dich genieren müsstest was zu fragen. Aber ich glaube er hat es im Moment nicht leicht. Sein gerade erschienener letzter Roman "Liebe Agnes", ein Briefroman, wird in allen Zeitungen gross als "skräp-roman" bezeichnet.
skräp = Schund, Quatsch, Müll, dummes Zeug sind einige von den Bedeutungen des Wortes, die in meinem Wörterbuch stehen. Ich frage mich nur wie er sich dabei fühlen muss.
Und sag bitte nicht mehr dass ich "ein trübes Wasser" bin. Wenn es möglich wäre würde ich dir gern den Schlüssel zu meinem Inneren geben. Du könntest dir alles in meinem Leben ansehen, meine innersten Gedanken lesen... Wenn ich von gewissen Dingen nicht schreibe ist es meistens weil ich denke dass sie dich nicht besonders interessieren können. Wenn du etwas wissen willst kannst du immer Fragen stellen.
Gute Nacht, mein lieber Mausfreund. Ich wünsche dir einen schönen ruhigen Tag,
HS
Marlena
Dienstag, 12. April 2011
über unsere Mailerei
den 19 april 2000 08:28
Vom verlorenen slûzzelin
Liebste Marlena
Zuerst mal wollte ich gestern sagen, unsere Mausfreundschaft kann uns auf TRAB halten. Das war ein Tippfehler.
Du siehst, ich sitze schon wieder vor dem PC. Und du könntest denken, dass ich hier übernachtet habe. Das habe ich nicht, meine Liebe, aber viel hat nicht gefehlt.
Ich bin heute in der Früh rasch aus dem Haus, denn ich wollte dir schnell was schreiben an diesem etwas kühlen und feuchten Morgen. Gestern am Chat hat du gesagt, dass du traurig wirst. Das hat mich beunruhigt. Ich selbst habe den Chat sehr gut gefunden und war ziemlich vergnügt nachher. Ich hatte den Eindruck, ich habe dich richtig gefühlt in diesem Chat, vielleicht mehr als ich dich je gefühlt habe. Wir haben uns fast ein bisschen gestritten, oder sagen wir, wir haben hart argumentiert. Und ich fand es grandios wie du gekämpft hast, meine Liebe. Du hast gekämpft für die lange Mausfreundschaft und gegen das kurze Abenteuer, sozusagen. Es gäbe dazu viel zu sagen. Aber im Moment ist es nicht mein Thema.
Also, ich habe dich gefühlt, habe deinen Widerstand bemerkt und deine Argumentationen wirken lassen. Es war sehr gut, und dazwischen sind wir in der kühlen Abendluft Arm in Arm gewandert und haben die Situation genossen.
Wenn ich den §xy attackiere, weil ich dich in WIRKLICHKEIT sehen und sprechen möchte, musst du nicht glauben, ich sei unzufrieden mit der heutigen Situation. Ich bin sehr zufrieden und sie hält mich wirklich in Atem und ich finde sie sensationell aufregend. Ich habe so etwas im Leben nie erwartet. Es hat mich gepackt wie ein kleiner Sturm, ein Sturm und ein Drang. Und ich hätte mir im Leben nicht geträumt, dass es eine Person wie Marlena gibt, mit der eine solche maladi möglich ist. Nun ja, ich hatte damals natürlich absolut keine Vorstellung, was eine maladi sein könnte.
Es war also ein guter Chat für mich, und ich hoffe, er war für dich zum Schluss auch gut. Sonst hätte ich dich nur zu gerne getröstet und dich gepflegt, so wie du es neulich mit mir getan hast. Ich möchte nicht, dass du aus unserer maladi unglücklich wirst. Ein bisschen Schmerz lässt sich ja noch ertragen, aber doch nicht Unglück. Das würde sich nicht bezahlen. Das Leben ist zu kurz und zu klein, um unglücklich zu sein. Das bezahlt sich nicht aus. Leiden kann man meinetwegen später im Fegefeuer, wie die Katholiken sagen, aber doch nicht im Leben.
Du weißt, dass ich manchmal ein bisschen grüblerisch bin. Ich benenne das natürlich mit dem schönen Wort philosophisch. Aber für meine Mitmenschen ist es vielleicht manchmal ein bisschen verbohrte Denkerei, ein bisschen egozentrisch oder weiss der Kuckuck was. Ich bin wirklich daran, wie du sagst, irgendwie die Abhandlung zu schreiben.
Wir haben nun ja schon verschiedene Begriffe über unsere Mailerei im Gespräch. Du sprichst oft von real-life und von Mausfreundschaft. Letztere ist dann also virtual-life, wenn man den Gegensatz benennen will. Ich habe gesprochen von Spiel und Geschichten. Und schliesslich ist mir noch meine etwas sophistische Unterscheidung zwischen Roman und Fabel in den Sinn gekommen. Lass mich mit diesen Begriffen etwas nachdenken über unsere Mausfreundschaft, wie ich es heute nacht im Bett gemacht habe.
Unsere maladi ist also virtual-life. Sie ist ein konstruktivistisches Unternehmen, wo viele unserer Vorstellungen und Fantasien mitspielen, die vielleicht mit der Realität nicht immer viel zu tun haben. Das eben ist platonisch. Das ist schön, das ist ideal, das ist überweltlich, das ist ewig. Und ich glaube wirklich, dass in der platonischen Welt die Sehnsüchte so heiss werden können wie nie anderswo. Du hast es selbst gesagt. Meine platonische Marlena ist die allerbeste und die allerschönste und die allerintelligenteste Frau der Welt. Das ist einfach so, da gibt es nichts zu rütteln. Sie hat absolut keine Konkurrenz. Und das treibt dann auch die Sehnsucht in die Höhe.
Ich glaube überigens, dass Rilkes Gedichte auch in solchen Arten von maladis entstanden sind. Solche Sehnsucht und solche Liebesgedichte, formal so hochgeschraubt und veredelt, das kann man nicht in einer normalen alltäglichen Liebe machen, die abends miteinander ins Bett geht. Wenn man miteinander ins Bett geht, ist die Spannung morgens nicht mehr so hoch. Man fühlt vielleicht Glück, Zufriedenheit, Harmonie, aber diese Spannung, dieser Dorn im Fleisch, der ist nicht mehr da, der den Geist so in die Atmosphäre treibt.
Ich hatte noch einen komischen Gedanken, vor dem ich etwas zögere, ihn dir mitzuteilen. Aber wir haben doch versprochen, sehr offen miteinander zu sein. Darum will ich dir ihn sagen. Ich habe gedacht, ST ist für uns ein bisschen wie der Sex in der Beziehung. Da ist mehr Körperlichkeit drin, da ist mehr Dialog, da muss man direkt miteinander kommunizieren, wie bei der Sexualität, wo man sich gegenseitig körperlich bewundert und verehrt und in Liebe einlullt und mit Küssen erforscht. Und manchmal läuft es auch nicht so gut im Sex, wie im ST auch.
*
Aber dann sind wir auf der anderen Seite weltliche Geschöpfe, also Wesen aus dem real-life. Und alle unsere Fantasien und Vorstellungen sind gesättigt mit real-life. Meine Vorstellungen von Liebe kommen aus dieser Welt. Und sie sind verknüpft mit körperlichem Kontakt, mit Berührung, mit Worten und mit Gesten. Ich bin ja doch schliesslich nicht im Kloster aufgewachsen. Und so treibt es mich dazu, meine maladi nach diesen alten Mustern zu machen und ich möchte küssen und umarmen und Arm in Arm gehen und dich hören und sehen und du weißt schon, wie ich das meine.
*
Das ist also ungefähr diese Unterscheidung nach Descartes in res cogitans und res extensa. Und eine Analogie finde ich in der Unterscheidung zwischen Fabel und Roman. Die Fabel ist Idealität, sie ist im ewigen Präsens geschrieben und je mehr man sie liest, desto wahrer wird sie. Sie hat Anspruch auf Ewigkeit. Und der Roman hat eine Zeit, hat eine Entwicklung, ist im Imperfekt geschrieben, zieht sich im Konkreten dahin, und ermüdet sich, nutzt sich ab. Man kann Romane nicht immer wieder lesen. Einmal sind sie ausgeschöpft. Die Fabeln sind kaum je ausgeschöpft.
*
So haben wir uns für die Fabel entschieden. Nun, vielleicht müssen wir sagen, wir hatten keine andere Wahl. Es blieb für uns nur noch die Fabel übrig. Und wenn man eine Fabel hat, soll man nicht ständig zum Roman hinüberschielen und denken, der Roman wäre doch besser gewesen. Eine gute Fabel ist fantastisch, und es gibt nichts besseres also so eine ewige Fabel.
*
Montag, 11. April 2011
Zeitgeist der 68iger Jahre
...
Irgend einmal - nach 2 Semestern und einem Praktikum in einem
grossen Zürcher Büro - bin ich von dem Architektur-Studium
abgekommen. Die Ausbildung war mir einfach viel zu technisch.
Und die ETH war mir eine zu trockene Anstalt. Natürlich mag
da auch der Zeitgeist mitgewirkt haben. Ein Umbruch lag in der
Luft. Die Studenten an der Uni haben viel diskutiert. In den Zürcher
Strassen gab es Demos. Die gesellschaftliche Situation wurde immer
heisser. Studienrichtungen wie Psychologie, Sozialpsychologie,
Philosophie und Soziologie waren enorm populär. Alles, was in der
Gesellschft und in der Welt draussen geschah, wurde unter dem Aspekt
dieser Sozialwissenschaften erklärt. Wenn man in diesen Fächern studierte,
fühlte man sich im Zentrum des Hurrikans.
Und dabei war es ursprünglich mal Prof. Staiger gewesen, der mich an
die Uni gelockt hatte. Noch zu meiner ETH Zeit ging ich jeweils
montags 10-12h hinüber in seine Vorlesung. Er las anfangs gerade über
Rilke, und da fühlte ich mich in diesem fremden Zürich beinahe ins
Wallis zurückversetzt. Ich hatte an der ETH von 8-10 Vorlesung in
perspektivischem Zeichnen, allerdings konstruiertes Zeichnen, so wie
die Architekten das tun. Gegen 10h gab Prof Hess jeweils eine Übung,
die man dann bis 17h abends abzuliefern hatte. Ich ging also, mit
dieser Übung im Hinterkopf, hinüber in die Universität, die gleich
über die Strasse liegt, in die grosse helle Aula voller entspannter
und vergnügter junger Studentinnen und Studenten, mit einigen älteren
Fachhöhrern - wie sie damals genannt wurden - und liess mich von
Staiger in höhere Gefilde versetzen. Staiger war damals so etwas wie
der deutsche Literaturpapst. Er hat irgendwie eine eigene Schule der
Literaturinterpretation begründet. Aber er war eigentlich ein
Idealist, ein spezialist für deutsche Klassik.
1968 hat Staiger den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Die Feier
fand im Schauspielhaus statt. Und dort schimpfte Staiger in seiner
Dankesrede über die moderne Literatur, die sich mit Bordellen und
Kloaken und Trinkern etc beschäftige. Seine Worte kulminierten in der
rhetorischen Frage, in welchen Kreisen sich die Künstler denn
aufhalten würden! Das war ein Skandal. Frisch, Dürrenmatt, Loetscher -
alles was Rang und Namen hatte protestierte. Ein Jahr später erhielt
Varlin den Kunstpreis der Stadt Zürich. Und an seiner Stelle hat 1969
Dürrenmatt die Rede gehalten. Sie führt den Titel "Varlin schweigt".
Und es ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit Staiger. Dürrenmatt
war ein guter Redner. Er konnte markante Gedankengänge finden, die
ebenso kritisch wie komisch wirkten. Und seine Sprache klang mit dem
berndeutsch eingefärbten Deutsch fast unbeholfen, aber auch sehr
treffend. Er hatte stets die Lacher auf seiner Seite.
Ich habe Dürrenmatts Rede gerade vor ein paar Wochen unter meinen
Papieren wieder gefunden und nach so langer Zeit nochmals gelesen. Sie
war in der Tat eine würdige Antwort auf die idealistisch-klassische
Position Emil Staigers. Eigentlich hätte ich schon seit Jahren
Staigers Rede gerne gefunden und gelesen. ich hatte davon immer nur in
der Zeitung gelesen. Aber das ist mir bisher - auch nicht im Netz -
nicht gelungen.
Irgend einmal - nach 2 Semestern und einem Praktikum in einem
grossen Zürcher Büro - bin ich von dem Architektur-Studium
abgekommen. Die Ausbildung war mir einfach viel zu technisch.
Und die ETH war mir eine zu trockene Anstalt. Natürlich mag
da auch der Zeitgeist mitgewirkt haben. Ein Umbruch lag in der
Luft. Die Studenten an der Uni haben viel diskutiert. In den Zürcher
Strassen gab es Demos. Die gesellschaftliche Situation wurde immer
heisser. Studienrichtungen wie Psychologie, Sozialpsychologie,
Philosophie und Soziologie waren enorm populär. Alles, was in der
Gesellschft und in der Welt draussen geschah, wurde unter dem Aspekt
dieser Sozialwissenschaften erklärt. Wenn man in diesen Fächern studierte,
fühlte man sich im Zentrum des Hurrikans.
Und dabei war es ursprünglich mal Prof. Staiger gewesen, der mich an
die Uni gelockt hatte. Noch zu meiner ETH Zeit ging ich jeweils
montags 10-12h hinüber in seine Vorlesung. Er las anfangs gerade über
Rilke, und da fühlte ich mich in diesem fremden Zürich beinahe ins
Wallis zurückversetzt. Ich hatte an der ETH von 8-10 Vorlesung in
perspektivischem Zeichnen, allerdings konstruiertes Zeichnen, so wie
die Architekten das tun. Gegen 10h gab Prof Hess jeweils eine Übung,
die man dann bis 17h abends abzuliefern hatte. Ich ging also, mit
dieser Übung im Hinterkopf, hinüber in die Universität, die gleich
über die Strasse liegt, in die grosse helle Aula voller entspannter
und vergnügter junger Studentinnen und Studenten, mit einigen älteren
Fachhöhrern - wie sie damals genannt wurden - und liess mich von
Staiger in höhere Gefilde versetzen. Staiger war damals so etwas wie
der deutsche Literaturpapst. Er hat irgendwie eine eigene Schule der
Literaturinterpretation begründet. Aber er war eigentlich ein
Idealist, ein spezialist für deutsche Klassik.
1968 hat Staiger den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Die Feier
fand im Schauspielhaus statt. Und dort schimpfte Staiger in seiner
Dankesrede über die moderne Literatur, die sich mit Bordellen und
Kloaken und Trinkern etc beschäftige. Seine Worte kulminierten in der
rhetorischen Frage, in welchen Kreisen sich die Künstler denn
aufhalten würden! Das war ein Skandal. Frisch, Dürrenmatt, Loetscher -
alles was Rang und Namen hatte protestierte. Ein Jahr später erhielt
Varlin den Kunstpreis der Stadt Zürich. Und an seiner Stelle hat 1969
Dürrenmatt die Rede gehalten. Sie führt den Titel "Varlin schweigt".
Und es ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit Staiger. Dürrenmatt
war ein guter Redner. Er konnte markante Gedankengänge finden, die
ebenso kritisch wie komisch wirkten. Und seine Sprache klang mit dem
berndeutsch eingefärbten Deutsch fast unbeholfen, aber auch sehr
treffend. Er hatte stets die Lacher auf seiner Seite.
Ich habe Dürrenmatts Rede gerade vor ein paar Wochen unter meinen
Papieren wieder gefunden und nach so langer Zeit nochmals gelesen. Sie
war in der Tat eine würdige Antwort auf die idealistisch-klassische
Position Emil Staigers. Eigentlich hätte ich schon seit Jahren
Staigers Rede gerne gefunden und gelesen. ich hatte davon immer nur in
der Zeitung gelesen. Aber das ist mir bisher - auch nicht im Netz -
nicht gelungen.
11/4-2011
Nicht alle Schmerzen sind heilbar
Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.
Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.
Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.
Ricarda Huch
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.
Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.
Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.
Ricarda Huch
Samstag, 9. April 2011
das Bild Bruegels
Das Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht eines der schönsten Bilder europäischer Kultur? Ich glaube, Bosch hat auch irgendwo so ein Riesending gemalt. Und es ist ästhetisch in diesem Zweifel zwischen Optimismus und Pessimismus. Ist es eine Ruine oder bloss eine Baustelle? Wird noch gebaut oder wird schon abgebrochen? Geht's hinauf in den Himmel oder geht's doch eher zur Hölle? -- Manchmal, wenn ich Zeit habe, zeichne ich gelegentlich Cartoons. Und eine meiner Ideen war es vor einiger Zeit, diesen Turm Bruegels zu zeichnen, den fast jeder kennt, und dahinter ein riesiges Hochhaus, das noch um Einiges höher ist und weit über die Wolken hinausragt, auf dem die Reklame leuchtet: CONSULTING. Das finde ich einen guten Einfall, und du? Ich habe das Bild damals einem Freund geschenkt. Er ist Professor an der Universität Zürich und hat ein eigenes Institut zur Integration der Fakultäten und fachlichen Perspektiven. Er war begeistert und hat meine Zeichnung auf einen Regenschirm kopieren lassen, um sie jetzt den Leuten zu verteilen. Ich muss zwar sagen, dass die Zeichnung auf dem Schirm wirklich nicht mehr gut aussieht. Aber seine Begeisterung hat mich doch gefreut.
Der Turm Bruegels ist schon ein Renaissance-Turm, gross und die Welt sprengend. Eine wahre Attacke gegen Gott, gotteslästerlich, wie die Aufklärung auch, in ihren letzten Konsequenzen. Die mittelalterlichen Türme der Gotik sind dagegen bescheiden und brav, sehr menschlich und subaltern, runde Türmchen meist, die den Anschein des endlosen gottergebenen Zerfalls haben. Sie sehen in unseren modernen Augen ziemlich romantisch aus. Die Türme der Renaissance dagegen sind wie Capes Canaverals, hybride Installationen, die die Welt aus den Angeln zu werfen gedenken. Eigentlich sind sie skandalös. Aber schön! Ich liebe das Bild sehr, denn es gibt den Eindruck einer göttlichen Übersicht. Vom Himmel schauen wir hinunter auf diese Welt (dieser Gesichtspunkt ist vielleicht noch mittelalterlich und traditionell). So muss die Sache für den lieben Gott ausgesehen haben, als der Montag morgens das Fenster öffnete, um sein Bettzeug zu durchlüften und sein Nachthemd auszuschütteln. Wahrscheinlich ist er ziemlich heftig erschrocken, eine solchen Backsteinhaufen vor seinem Schlafzimmerfenster vorzufinden. „Skandalös", muss er in den langen Bart gemurmelt haben, und irritiert nach Petrus geleutet haben. Die babylonische Sprachverwirrung kann man durchaus als Rache Gottes gegen die menschliche Hybris verstehen. Aus Sicht des Allmächtigen ist wirklich nicht einzusehen, warum die kleinen Dinger, die Menschen, jetzt plötzlich in den Himmel klettern sollten?
...
28. Februar 2000
Freitag, 8. April 2011
Mein mid-night-blues ... (5) Fragen
....
Machst du auch gerne was mit deinen Händen, Marlena. Wo liegen deine Stärken, neben den Sprachen? Hast du eine schöne Handschrift? Magst du dich, wenn du in den Spiegel schaust? Hast du das Gefühl, dein Leben sei erfolgreich? Was war dein grösster Erfolg im Leben? Wenn du drei Wünsche hättest, was würdest du dir wünschen? Du bist eine schöne Frau, glaubst du, du wärst unglücklicher gewesen, wenn du hässlicher - sagen wir weniger schön - gewesen wärest? Was denkst du, dass die Menschen an dir am meisten mögen. Und was mag Anna am meisten an dir? Fühlst du dich ihr gegenüber wie Mutter Tochter oder eher wie Schwester zu Schwester? Würdest du dein Leben für deine Tochter hingeben?
Du siehst, ich hätte soviele Fragen. Wir könnten ganze Nächte diskutieren, wie wir das als Studenten gemacht haben, und dazu geraucht und getrunken und gelacht.
Ich habe eine Frage an dich als Frau. Sie ist mir erst kürzlich irgendwie aufgetaucht. Vielleicht auch angesichts meiner Tochter und ihrem Freund, den sie jetzt schon ein paar Monate hat. Hat man als Frau bei den Männern oft das Gefühl, da wirke eine Kraft (ich meine die Sexualität), die völlig unpersönlich ist. Wenn man es bös sagen will, könnte man sagen, eine Kraft, die "tierisch" wirkt. Oder man kann sagen, der Mann ist nicht immer Herr seiner Kräfte? Hast du diese Erfahrung gemacht? Ich hatte irgendwie den Gedanken, dass Frauen die Männer in gewisser Weise auch, vielleicht nicht immer, aber doch ab und zu, als unheimlich erleben müssen. Wir versuchen gerade unserer Tochter zu erklären, dass die Frau es ist, die nein sagen können muss. Die Frau muss oft die Grenzen setzen. Findest du das auch? Wie erklärst du es Anna?
Entschuldige, wenn ich dich mit sovielen Fragen überfalle. Es ist wohl die Müdigkeit, die jetzt langsam kommt und meine Zensur fällt völlig weg. Das, so haben wir gesagt, lässt den §5 verschwinden.
Bei mir ist es im Moment gerade die Diskussionslust. Ich könnte wirklich mit dir in einem ungarischen Jazzkeller sitzen, wo du deine einzige Zigarette in diesem Jahr rauchst, und über Gott und die Welt diskutieren. Das würde ich fürs Leben gern machen mit dir.
Machen wir ja auch, sozusagen, hier, mit unserer Mauserei. Nicht wahr?.
Ich mag dich, mein liebes Turmfräulein. Du hast etwas Schönes an dir. Und ich weiss auch, dass dieses Schöne mit der Entfernung zwischen uns zusammenhängt.
Zum Schluss kurz eine lustige Sache. Wir haben ein befreundetes Paar. Ich habe sie mal erwähnt, ich weiss nicht mehr, in welchem Zusammenhang. Sie sieht aus wie Schneewittchen, hat langes schwarzes Haar und einen hellen Teint und eine sehr schlanke Figur. Sie ist eine sehr schöne Frau. Ihr Mann ist ein erfolgreicher Direktor seiner eigenen Firma, aber er ist nicht so gewandt wie sie. Er ist etwas holperig, fast linkisch, und wenn wir bei Tisch zusammen sitzen, hat er mit der Zeit oft Mühe, nicht einzuschlafen. Und wenn es gegen Mitternacht geht, rafft er sich nochmals auf, dann hat er meist schon ein paar Gläser gehabt, und dann beginnt er eine Liebesrede an seine Frau. Das ist süss, kann ich dir sagen. Ich habe es schon zweimal erlebt. Und ich glaube, er macht es immer wieder, ohne es bewusst zu machen. Seine Frau schmunzelt und lässt ihn machen. So verschieden sie sind, sie verstehen sich recht gut.
Das war es, meine Allerliebste Mausfreundin.
Ich habe praktisch den ganzen Abend mit dir verbracht, wenn ich es mir überlege. Und das war schön, obwohl wir nicht miteinander chatten konnten. Und dazu habe ich noch einiges erledigt. Jetzt ist 0130. Ich muss schleunigst heim und in die Klappe.
Kuss
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