den 19 april 2000 08:28
Vom verlorenen slûzzelin
Liebste Marlena
Zuerst mal wollte ich gestern sagen, unsere Mausfreundschaft kann uns auf TRAB halten. Das war ein Tippfehler.
Du siehst, ich sitze schon wieder vor dem PC. Und du könntest denken, dass ich hier übernachtet habe. Das habe ich nicht, meine Liebe, aber viel hat nicht gefehlt.
Ich bin heute in der Früh rasch aus dem Haus, denn ich wollte dir schnell was schreiben an diesem etwas kühlen und feuchten Morgen. Gestern am Chat hat du gesagt, dass du traurig wirst. Das hat mich beunruhigt. Ich selbst habe den Chat sehr gut gefunden und war ziemlich vergnügt nachher. Ich hatte den Eindruck, ich habe dich richtig gefühlt in diesem Chat, vielleicht mehr als ich dich je gefühlt habe. Wir haben uns fast ein bisschen gestritten, oder sagen wir, wir haben hart argumentiert. Und ich fand es grandios wie du gekämpft hast, meine Liebe. Du hast gekämpft für die lange Mausfreundschaft und gegen das kurze Abenteuer, sozusagen. Es gäbe dazu viel zu sagen. Aber im Moment ist es nicht mein Thema.
Also, ich habe dich gefühlt, habe deinen Widerstand bemerkt und deine Argumentationen wirken lassen. Es war sehr gut, und dazwischen sind wir in der kühlen Abendluft Arm in Arm gewandert und haben die Situation genossen.
Wenn ich den §xy attackiere, weil ich dich in WIRKLICHKEIT sehen und sprechen möchte, musst du nicht glauben, ich sei unzufrieden mit der heutigen Situation. Ich bin sehr zufrieden und sie hält mich wirklich in Atem und ich finde sie sensationell aufregend. Ich habe so etwas im Leben nie erwartet. Es hat mich gepackt wie ein kleiner Sturm, ein Sturm und ein Drang. Und ich hätte mir im Leben nicht geträumt, dass es eine Person wie Marlena gibt, mit der eine solche maladi möglich ist. Nun ja, ich hatte damals natürlich absolut keine Vorstellung, was eine maladi sein könnte.
Es war also ein guter Chat für mich, und ich hoffe, er war für dich zum Schluss auch gut. Sonst hätte ich dich nur zu gerne getröstet und dich gepflegt, so wie du es neulich mit mir getan hast. Ich möchte nicht, dass du aus unserer maladi unglücklich wirst. Ein bisschen Schmerz lässt sich ja noch ertragen, aber doch nicht Unglück. Das würde sich nicht bezahlen. Das Leben ist zu kurz und zu klein, um unglücklich zu sein. Das bezahlt sich nicht aus. Leiden kann man meinetwegen später im Fegefeuer, wie die Katholiken sagen, aber doch nicht im Leben.
Du weißt, dass ich manchmal ein bisschen grüblerisch bin. Ich benenne das natürlich mit dem schönen Wort philosophisch. Aber für meine Mitmenschen ist es vielleicht manchmal ein bisschen verbohrte Denkerei, ein bisschen egozentrisch oder weiss der Kuckuck was. Ich bin wirklich daran, wie du sagst, irgendwie die Abhandlung zu schreiben.
Wir haben nun ja schon verschiedene Begriffe über unsere Mailerei im Gespräch. Du sprichst oft von real-life und von Mausfreundschaft. Letztere ist dann also virtual-life, wenn man den Gegensatz benennen will. Ich habe gesprochen von Spiel und Geschichten. Und schliesslich ist mir noch meine etwas sophistische Unterscheidung zwischen Roman und Fabel in den Sinn gekommen. Lass mich mit diesen Begriffen etwas nachdenken über unsere Mausfreundschaft, wie ich es heute nacht im Bett gemacht habe.
Unsere maladi ist also virtual-life. Sie ist ein konstruktivistisches Unternehmen, wo viele unserer Vorstellungen und Fantasien mitspielen, die vielleicht mit der Realität nicht immer viel zu tun haben. Das eben ist platonisch. Das ist schön, das ist ideal, das ist überweltlich, das ist ewig. Und ich glaube wirklich, dass in der platonischen Welt die Sehnsüchte so heiss werden können wie nie anderswo. Du hast es selbst gesagt. Meine platonische Marlena ist die allerbeste und die allerschönste und die allerintelligenteste Frau der Welt. Das ist einfach so, da gibt es nichts zu rütteln. Sie hat absolut keine Konkurrenz. Und das treibt dann auch die Sehnsucht in die Höhe.
Ich glaube überigens, dass Rilkes Gedichte auch in solchen Arten von maladis entstanden sind. Solche Sehnsucht und solche Liebesgedichte, formal so hochgeschraubt und veredelt, das kann man nicht in einer normalen alltäglichen Liebe machen, die abends miteinander ins Bett geht. Wenn man miteinander ins Bett geht, ist die Spannung morgens nicht mehr so hoch. Man fühlt vielleicht Glück, Zufriedenheit, Harmonie, aber diese Spannung, dieser Dorn im Fleisch, der ist nicht mehr da, der den Geist so in die Atmosphäre treibt.
Ich hatte noch einen komischen Gedanken, vor dem ich etwas zögere, ihn dir mitzuteilen. Aber wir haben doch versprochen, sehr offen miteinander zu sein. Darum will ich dir ihn sagen. Ich habe gedacht, ST ist für uns ein bisschen wie der Sex in der Beziehung. Da ist mehr Körperlichkeit drin, da ist mehr Dialog, da muss man direkt miteinander kommunizieren, wie bei der Sexualität, wo man sich gegenseitig körperlich bewundert und verehrt und in Liebe einlullt und mit Küssen erforscht. Und manchmal läuft es auch nicht so gut im Sex, wie im ST auch.
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Aber dann sind wir auf der anderen Seite weltliche Geschöpfe, also Wesen aus dem real-life. Und alle unsere Fantasien und Vorstellungen sind gesättigt mit real-life. Meine Vorstellungen von Liebe kommen aus dieser Welt. Und sie sind verknüpft mit körperlichem Kontakt, mit Berührung, mit Worten und mit Gesten. Ich bin ja doch schliesslich nicht im Kloster aufgewachsen. Und so treibt es mich dazu, meine maladi nach diesen alten Mustern zu machen und ich möchte küssen und umarmen und Arm in Arm gehen und dich hören und sehen und du weißt schon, wie ich das meine.
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Das ist also ungefähr diese Unterscheidung nach Descartes in res cogitans und res extensa. Und eine Analogie finde ich in der Unterscheidung zwischen Fabel und Roman. Die Fabel ist Idealität, sie ist im ewigen Präsens geschrieben und je mehr man sie liest, desto wahrer wird sie. Sie hat Anspruch auf Ewigkeit. Und der Roman hat eine Zeit, hat eine Entwicklung, ist im Imperfekt geschrieben, zieht sich im Konkreten dahin, und ermüdet sich, nutzt sich ab. Man kann Romane nicht immer wieder lesen. Einmal sind sie ausgeschöpft. Die Fabeln sind kaum je ausgeschöpft.
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So haben wir uns für die Fabel entschieden. Nun, vielleicht müssen wir sagen, wir hatten keine andere Wahl. Es blieb für uns nur noch die Fabel übrig. Und wenn man eine Fabel hat, soll man nicht ständig zum Roman hinüberschielen und denken, der Roman wäre doch besser gewesen. Eine gute Fabel ist fantastisch, und es gibt nichts besseres also so eine ewige Fabel.
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