Mittwoch, 6. April 2011

im Steinzeitalter der Computertechnik

den 4 april 2000 12:31
an Frau J...

Liebe Marlena
Habe ich mich bei dir auch wirklich bedankt für die schönen Bilder von Lenzburg? Ich war 8 Jahre alt, als wir von dort wegzogen. Und anfangs hatte ich unheimliches Heimweh zurück. Im Wallis, eingesperrt in den Bergen, fühlte ich mich gar nicht wohl. Und oft trieb ich mich als Junge zusammen mit meinem Bruder auf dem Bahnhof herum, oder schaute hinüber nach den Zügen, die von Brig den Talhängen entlang in Richtung Bern dahinfuhren. Das Schloss Lenzburg ist eine der schönsten und besterhaltenen Burgen der Schweiz und mein Onkel könnte stundenlang darüber sprechen, wer alle die Besitzer waren und was man von ihnen weiss und gehört hat.
Liebe Marlena, deine zwei Mails von gestern sind so sehr voller Gefühle, dass ich ein bisschen - wie soll ich sagen - dass ich dich umarmen müsste. Vieles geht mir dabei durch den Kopf, um nicht Herz zu sagen.

Erstens: Das eine ist ganz praktisch. Und ich wollte es dir früher schon sagen.  Du weißt, dass ich hier in meinem Büro auf einen kleinen Laptop einhämmere. Er steht auf einen Boy (so ein kleines fahrbares Ding mit Rädern, du weißt) ziemlich quer in meinem Büro. Mein Freund hat mir dieses kleine Kistchen als Laptop ausgeleiht, es ist ein älteres Modell. Ich weiss fast gar nichts darüber. Im Büro haben wir im Moment noch das System Apple. Da kenne ich mich ein bisschen aus in den wichtigsten Funktionen. Aber dieses hier ist das andere System, wie heisst es noch, Windows und so weiter? nun ja, einfach die andere Seite in diesem kalten Krieg. Du weißt schon. Wenn ich ein Mail abschicke, ziehe ich vorher mein Telefonkabel heraus und stecke die kleine Verbindung zum Laptop ein. Es geht unendlich lange, bis die Verbindung klappt. Und das Maschinchen rattert vor sich hin und legt sich ins Zeug. Manchmal habe ich Mitleid, dass ich etwas viel von dem alten Ding verlange. Meine Mails sind nun ja nicht gerade reduzierte Portionen für Pensionisten, oder? (klappt deine Patrone jetzt, und hast du eine "Familien-spar-packung gekauft??) Du siehst, ich finde mich hier praktisch im Steinzeitalter der Computertechnik. Manchmal habe ich den Eindruck, ich fahre auf hoher See bloss mit einem kleinen Gummiboot. Und ich bin echt erstaunt, dass meine Signale bis Stockholm reichen. Hätte ich diesem Kistchen ursprünglich gar nicht zugetraut. Aber das ist ja nun nicht nur die Leistung des PC. Und dieses eben wollte ich dir lange schon sagen. Wenn du einmal einen Tag, zwei Tage, drei Tage -oder mehr kein Mail von mir hast, dann ist hier bloss etwas faul mit meinem Schlauchbötchen. Dann ist irgendwie die Luft raus. Kürzlich habe ich bloss mal kurz in unkonzentrierter Weise - eigentlich habe ich nur meine Lesebrille nicht auf der Nase gehabt - habe ich ein Codewort gelöscht, so dass ich keine Telefonverbindung schalten konnte. Mit Hilfe eines Anrufes an meinen Freund konnte ich das Problem rasch lösen. Aber es gibt ja in dieser kleinorganisierten elektronischen Welt soviele Möglichkeiten von Pech und Pannen, dass man nie weiss, wie nahe vom Abgrund man sich bewegt, ob man sich vielleicht schon im Sturzflug befindet, und es einfach noch nicht weiss. Du verstehtst, was ich meine? Wenn du keine Nachricht hast, dann hat das bestimmt nichts mit dir zu tun, höchstwahrscheinlich auch nicht mit mir. Dann ist es mein kleines Schlauchboot, definitiv. Und dann lehnst du dich, Marlena, im Stuhl zurück, legst die Beine hoch, drehst eine schöne Musik an und träumst ein bisschen vor dich hin und stellst dir vor, wie ich jetzt in der Gegend herumsause, um mein Maschinchen wieder flott zu kriegen. Vielleicht könnte ich dir von der Bibliothek eine kleine Message durchkabeln? Aber ich bin - ehrlich gesagt - manchmal schon etwas unbeholfen.   Im Prinzip ist es ja nicht unmöglich, dich über einen anderen PC zu erreichen. Ich hoffe einfach, dass ich es dann auch zeitlich und technisch schaffe. Ich glaube, du verstehtst was ich dir sagen will?

Zweitens:Anfangs habe ich mich manchmal geärgert, dass deine Mails gelegentlich kurz waren. Ich hätte gerne mehr von dir gehört. Ich wollte gerne wissen, was du denkst und zu sagen hast, wie es dir geht und was dich bewegt. Und das war es dann vielleicht auch, was mich besonders zur Länge getrieben hat.
Doch ich habe dazugelernt, meine Liebe, es ist nie zu spät. Gestern kam ein kleines Mail von dir. Und ich wusste, dass du einen harten Tag hast und und dass du all deine Gedanken auf deine Arbeit konzentrieren musst. Und so fand ich grosse Freude an deinem kleinen Mail, und es gab mir den Eindruck, es sei wie ein kurzes Winken und zartes ein Lächeln (vielleicht sogar ein clin d'oeuil (schreibt sich das so?)) von der netten Nachbarin, und ich dachte, es wäre ein luftiger Kuss über den Gartenzaun hinweg gehaucht. Das erfrischt und gibt mir den ganzen Tag ein gewisses Ambiente, das ich nicht beschreiben kann. Es setzt einen Horizont von positiven Ahnungen, die zwar sehr unbestimmt und doch sehr schön sind. Es ist klein, doch es hat grosse Wirkung, wie viele Seiten der Gefühle.
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Drittens: Paris-Wien-Rom, klar, decided! Du kannst nur noch über die Reihenfolge verhandeln. Und wer wo die Führung übernimmt. Alles andere ist abgemacht. Wollen wir das auch gleich in §§§ giessen?
Es gibt Sehnsuchtsorte. Elias Canetti betrieb einen Kult mit den Städten, die er aufsuchen wollte. Je heiliger ihm eine Stadt war, desto länger schob er den Besuch hinaus.
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