Freitag, 29. Mai 2026

Die schönste Stadt, die ich kenne: Isfahan

 

Liebe Marlena

Ich wollte dir heute abend ein bisschen von Persien erzählen. Langsam muss ich mich ja doch geistig darauf vorbereiten.
Es ist so merkwürdig. Als wir vor ein paar Jahren via Amsterdam mit der Dutch Airline flogen, war alles bestens. Du steigst ein und es ist wie ein Flug von Zürich nach Istambul oder so. Natürlich hats ein bisschen viele Männer mit schwarzem Haar und dunkeln Schnäuzen. Klar, hat es vielleicht eine überdurchschnittlich hohen Prozentsatz an ausdrucksstarken Frauen mit grossen schönen Augen, eleganter Kleidung und dunkelm Teint. Aber sonst ist nichts anders. Die blonden Stewardesses der holländischen Fluggesellschaft heben sich stark davon ab. Aber je näher man im Flug Teheran kommt, desto häufiger verschwindet eine Dame nach der anderen im WC und kommt mit dunkler Kleidung und einem schwarzen Kopftuch wieder heraus. Es wird dunkler und dunkler im Flugzeug. Das ist sehr merkwürdig. Und du merkst sozusagen kilometerweise, wie du dich Teheran näherst. Der Flughafen dann middle-east-chaos, eine Hitze, ein Durcheinander, riesige Schlangen, die überhaupt nicht vorwärts kommen, von Kundenfreundlichkeit der Beamten keine Rede, ich meine, sie sind höflich, aber es ist nichts organisiert. Man hat den Eindruck, sie tun ihre Arbeit heute zum ersten Mal. Und womöglich wollen sie noch alles anschauen und kehren das unterste zuoberst. Sie fühlen sich auch nicht verpflichtet, das alles wieder einzuräumen. Das überlassen sie in nobler Zurückhaltung dir selbst. Man könnte kochen. Man hat den Eindruck, sie haben keine Ahnung von der Welt, absolut keine. Sie fühlen sich hier im Nabel und wohl auf dem Schoss Allahs.

Aber ich wollte dir über Isfahan erzählen. Es ist die schönste Stadt, die ich übrhaupt kenne. Sie übertrifft vielleicht sogar Rom, oder Paris. Nun ja, es ist keine Schwester von ihnen, höchstens eine Kusine zweiten Grades. Isfahan liegt auf halbem Wege von Teheran an den Persischen Golf in einem fruchtbaren Tal der Bakhtiari-Berge. Es ist also von Bergzügen eingefasst, und die Stadt liegt selbst am Hang. Und wenn man abends mit dem Auto hinauffährt, und herunterschaut, dann hat man eine schöne Aussicht auf den Fluss, auf die alten Brücken, und auf die alte Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Isfahan liegt 1575 m. über Meer. Stell dir vor, das ist sehr hoch. Es hat mehr als 2 Mio Einwohner. Man lebt hier vor allem von Obst- und Getreideanbau, und vor allem von Kunsthandwerk. Die ganze Stadt ist voll von diesen Werkstätten, wo sie Metalle bearbeiten, Malen, Modellieren usw. Überall kann man stehen bleiben und zuschauen, wie sie vorgehen. In früher Zeit gab es rund um Isfahan auch Seiden- und Baumwollproduktion. Es gab viele Maulbeerbäume für die Seidenraupen. Und es gab riesige Taubenschläge, gross wie mittelalterliche Türme, um den Mist für die Bäume zu bekommen.
Seit alters gibt es in Isfahan ein Judenviertel Ums Jahr 1000 hatte Isfahan 12 bronzebeschlagene Tore in seinen Stadtmauern, so gross, dass selbst Elefanten durchmarschieren konnten.
Um 1051 übernahmen die Seldjuken die Stadt und machten sie zur Hauptstadt. Das ergab eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. "Wohlhabend, schön und sauber" wurde Isfahan damals beschrieben. Und es gibt heute noch viele Gebäude aus dieser Zeit, viele Minarette, Moscheen und Grabbauten. Es gibt Karawansereien mit Leutturm. Wie am Meer, so hatte man auch hier in der Nacht ein Licht auf einem hohen Turm, damit die Karawanen den Weg in der Nacht finden würden.
1388 war der Mongolensturm. Man sagt sie hätten zerstört und soviele geköpft, dass sie die Köpfe so hoch wie Minarette aufschichten konnten.
Zu beginn des 16. Jhrhunderts kamen die Safawiden (1501 - 1722) Das war die Glanzzeit der Stadt, es war auch die Zeit des Grossen Shah Abbas. Er machte Isfahan zur Hauptstadt Persiens und er holte Handwerker und Künstler von überall her. Es gibt noch heute eine grosse christliche Gemeinde vonArmeniern, die er damals als gute Handwerker geholt hatte. Sie haben eine eigene christliche Kirche und feiern Weihnachten usw. Der Städtebau hatte ein hohes Niveau, es gab Medressen (Schulen) 200 Badehäuser, Karawansereien.
Aus einer solche Karawanserei wurde dann das heutige mondäne Schah Abbas Hotel. Ich glaube, sie haben es nach der Revolution umbenannt. Es ist ein wundervolles Hotel, mit einem riesigen Hof im Innern, begrünt mit Bäumen und Wasserspielen und abends alles beleuchtet, und rundum sind all die Zimmer des Hotells, sie gehen alle auf diesen Hof. Und am Ende, im Diwan, gibt es vielleicht einen Spieler, der Musik macht, und auf jeden Fall servierensie dort einen Tee aus dem Samovar. Es ist mild und friedlich und eine Atmosphäre wie 1001 Nacht. Damals jedenfalls waren die Frauen frei und und offen, manchmal mehr als hier.
Es gibt in Isfahan eine Reihe bekannter Bauwerke aus dem Mittelalter, die sehr schön sind. Es gibt das Pavillon Hasht Behescht (der 8 Paradiese), wenn ich mich richtig erinnere, war es ein Harem. Und als wir mit einem Führer durch die Räume des 8-eckigen luftigen Hauses gingen, wagte ich die Frage an den Führer: weshalb denn acht, die Woche hat doch nur 7 Tage. Er meine, ein Wohnteil sei eben Reserve gewesen, oder für die Lieblingsfrau. Es gibt den Chehel-Sotun, den grossen Palast der 40 Säulen. Er hat zwar nur 20, und sie sind etwa 3 Stockwerke hohe Holzsäulen, auf schön gemeisselten Löwen stehend, aber durch das Wasser vor dem Bauwerk ergeben sich mit der Spiegelung eben 40 Säulen. Und die Reflexion des Lichts über das Wasser in die unterseite der Decke des Hohen Raumes macht eine spezielle Astmosphäre. Die Wände sind voller kleiner Spiegel, damit auch von dort das Licht zurückgeworfen werde. Und es gibt dann natürlich den Maydan-e Imam, den grossen Platz, der zur königlichenAnlage gehört hatte. Er ist 150 m breit und 500m lang. Wenn du ihn im Internet findest, schau ihn an, Marlena, er ist wunderbar. Rundum gehen doppelstöckige Arkaden und schliessen ihn ein. In denArkaden gibt es Läden und vor allem Schatten. Im Norden ist dann direkt der Bazar. Ich liebe die orientalischen Bazars. Erstens ist es dort einigermassen kühl. Zweitens ist es dunkel, und das ist entspannend für die Augen. Drittens bilden die runden Öffnungen oben blendendhelle Lichtsäulen, die irgendwo hineinfallen und an denen du sehen kannst, wie spät es ungefähr sein muss. Sie bringen das Licht ins dunkel. Und oft haben die Händler noch ihre Lampen angezündet. Aber es ist alles in allem eine heimelige Welt. Wenn man bedenkt, dass es Leute gibt, die ihr ganzes Leben in diesen Räumen verbringen. Tag für Tag sind sie dort und kennen ihre Nachbarn und haben mit ihnen Krach, oder trinken Tee zusammen. Es wird hier auch kaum gestohlen. Ausser, wenn dich beim Feilschen übers Ohr hauen, dann kann es sein. Aber das gilt ja nicht als Diebstahl, das ist Geschäftskunst. Darin sind die Perser Weltmeister. Im Bazar könnte ich tagelang herumlungern und mir die Sachen anschauen. Man kann sich auch leicht verirren in diesen vielen Gängen. Aber in Isfahan ist er nichtallzu gross. Man findet schon wieder hinaus.

Und dann gibt es zur rechten Seite des Platzes die Hohe Pforte Ali-Qapu. Das ist ein 5-geschossiges Hus mit einer riesigen Terasse. Von dort hat man einen königlichenBlick über den Platz. Es ist sozusagen die Ehrentribüne. Das Gebäude stammt aus dem 15. Jh. Und es gibt darin Musikzimmer, die speziell gebaut sind, um die Akustik zu verbessern. In Form von Musikinstrumenten sind in die Wände Vertiefungen eingelassen. Das soll den Ton verändern. Von der Terasse sieht man auch gut, dass die Arkadenbauten reine Show-Architektur ist. Es ist eigentlich nur eine Wand, aber vom Platz aus sieht es so aus, als ob es ein Gebäude wäre. Echt persisch, auch dies, sie haben einen Sinn für Show und für Bluff.
Und am Ende des Platzes die Grosse Moschee. Sie ist nach Mekka gerichtet und daher vom Platz 45° abgewinkelt. Das macht architektonisch eine ausgezeichnete und belebende Wirkung. Auf der anderen Seite, vis a vis der Terasse, ist dann noch eine kleinere, eine private Moschee ohne Minarett. Man sagt, sie wäre für die Frauen des Königs gewesen, und unter dem Platz hätte ein unterirdischer Gang dort hinüber geführt, damit das königliche Harem nicht vor aller Augen in die Mosche hatte pilgern müssen.
Schön in Isfahan ist, dass es noch viele Bauten gibt, die im alten Stil geblieben sind. Der ganze Bazar ist auch ursprünglich. Es gibt Werkstätten, die sehen so altertümlich aus, das würden wir uns nie vorstellen. Und Isfahan ist klein. Es ist alles gut zu Fuss erreichbar. Und trotzdem führen sie dich überall hin mit dem Auto und mit der Air Condition.
Es gibt dann noch 3 wunderbare Mittelalterliche Brücken, die fast wie eine Art von Terrassen ausgebaut sind. Abends ist dort voll von Leuten, denn direkt am Wasser ist es ein bisschen kühler. Und in den unteren Nischen der Brücke kann man Tee trinken oder Eis kaufen.
Ach, ich glaube, du musst das mit Bildern aus dem Internet anschauen, Marlena, ich kann es dir nicht so gut beschreiben. Es ist dort alles wirklich märchenhaft. Und wenn man privat wohnt, dann verwöhnen einen die Leute nach Noten. Sie schenken dir ihr letztes Hemd. Und wenn du müde und durstig von einer Besichtigung heimkommst, haben sie die Wassermelone bereit, die schön blutrote, ein bisschen gekühlt. Das ist der Himmel auf Erden. Das ist noch fast besser als ein langer Zungenkuss.
Soweit Isfahan. Ich werde es Marc und Kathrin, meinem Patenkind, dem Sohn meiner Schwester zeigen.
Und jetzt bin ich müde und muss rasch vorwärts machen. Ich küsse dich zum Abschied dieses Tages und wünsche dir eine schöne Nacht, die einte und schönste von den 1000, in denen Sheherazade um ihr Leben erzählt hat. Doch was hat sie uns gezeigt: Geschichten können heilen. Deshalb schon muss man erzählen.
Mit einer Umarmung und mit Liebe
Dein ...



Isfahan bilder    und

Isfahan: The City That Doesn't Look Real Until You See It

  https://www.youtube.com/watch?v=4VAtTgiPJYU




Donnerstag, 28. Mai 2026

Kleine Kostprobe - Thema Gewalt

 

Lieber ...
Schon wieder dieser wild herumflatternde Engel, der dich
bei der Arbeit stört. Sorry! Ich möchte das doch wirklich nicht.
Aber es ist ein grosses Abtenteur in dieses  "... temps perdu"
hinunterzusteigen. Und ich glaube, genau wie Prousts Roman
immer noch die Menschen fesselt, so würde sie auch diese
etwas modernere "Recherche .. " interessieren können.
Ich finde so viel Schönes bei diesem Vorhaben.
Um das Datum eines Mails zu sehen, muss ich es jeweils
öffnen.. und dabei bleibe ich manchmal etwas hängen und
geniesse.. ja das ist das richtige Wort. Es tut richtig gut das
wieder zu lesen. Hätte ich nicht gedacht. Hier nochmals eine
kleine kostprobe, diesmal von dir:

"Manchmal halte ich mich auch in diesen meinen besten Jahren
noch für ziemlich dumm. Ich meine, einfach ungeschickt, unvoll-
kommen, anfängerhaft! Das ist ja kein besonders gutes Gefühl,
aber ich glaube, das geht allen Menschen, die mit sich ehrlich
sind, mehr oder weniger so. So wünsche ich Dir zur neuen Runde
der Klugheit alles Gute, meine liebe Marlena, und ich hoffe, dass
wir mit maximal einem Streit pro Jahr im Durchschnitt durch-
kommen. Das ist nicht zuviel und belebt die Gefühle. Du wirst
lachen auf den Stochzähnen, nehme ich an, denn ich erinnere
mich, wie Du einmal ungläubig reagiert hast, als ich gesagt hatte,
wie harmoniebedürftig ich eigentlich sei. Und das ist wirklich so.
Ich streite sehr ungern, obwohl ich mich dann doch sehr leicht
hineinsteigere, und ich es nicht bei der nüchternen, kleinen
Aggression belasse, die eigentlich sehr wohl genügen würden.

Apropos Streit. Ich lese gerade ein Büchlein für Jugendliche
über Gewalt. Der Autor macht eine scharfe Trennung zwischen
Aggression und Gewalt. Das ist zwar nicht ganz neu für mich,
in dieser Klarheit aber eben doch bemerkenswert. Aggression
bezeichnet er für das Bemühen, die eigenen Grenzen zu vertei-
digen. Es geht also um mich und um sog. Ich-Botschaften. Ich
versuche zu sagen, weshalb ich ein Verhalten des anderen nicht
akzeptieren kann, weshalb es mich ärgert, weshalb ich mich
verteidige. Dabei kann ich auch laut und eben aggressiv werden.
Aber ich brauche den anderen deswegen nicht anzugreifen. Ein
Angriff würde in den meisten Fällen eine Eskalation bringen.
Das wäre Gegengewalt auf Gewalt. Aber Aggression ist legitim
und wichtig, um die eigene Souveränität zu bewahren. Einziges
Problem liegt darin, dass viele Leute Aggression schon wieder
als Gewalt betrachten, und darauf hilflos reagieren.

Du siehst, ich bin immer noch beim Thema Gewalt. Ich muss den
Artikel dieses Wochenende schreiben. Aber weil ich gestern noch
ca. 40 Bücher zu rezensieren geholt habe und weil darunter dieses
kleine Aufklärungsbuch über Gewalt war, so bin ich immer noch
daran, zu lesen und Material zu sammeln."
*
Grüsse dich nochmals lieb

...




Sonntag, 24. Mai 2026

Pfingstrosen

 


Siehst Du, wie die Pfingstrosen blühen? Es sind von allen Blumen die ersten, die ich in meiner Jugend irgendwie bemerkt habe. Vielleicht mal von den Hortensien abgesehen, die ich seit der Beerdigung meiner Mutter irgendwie kannte. Pfingstrosen haben Ameisen, deshalb vielleicht habe ich sie mir gemerkt.



Und ich erinnere mich an ein Bild Manets mit schönen Pfingstrosen. Sie sind schön, wenn sie blosse Knospen bilden und sie sind schön, wenn sie in barocker Fülle sich offen den warmen Pfingsttemperaturen hingeben. Siehst Du Malou, ich bin ja wirklich nicht gerade ein guter Blumenkenner. Aber zu den Pfingstrosen habe ich ein kameradschaftliches Verhältnis gefunden. Und ich frage mich, weshalb wir in unserem Garten keine Pfingstrosen haben.

Ich wünsche Dir schöne Pfingsten.
MlGuK

...



Freitag, 22. Mai 2026

Ein grosser Gewinn ...


Alain de Botton

Liebe Malou 

"Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die Kräfte des Geistes". Du kannst dreimal raten, wer sowas sagt.

Natürlich Proust, der alte Maso. Und doch hat es was an sich. Der Kummer und die Sorgen lassen dich fragen, geben dir Probleme auf, während man im Glück still vor sich hin lebt und alles einfach nimmt, wie es ist. Im Kummer lebt man in Gegensatz zu dem was ist. 

Dieses Büchlein über Proust "How Proust Can Change Your Life" ist ganz amusant und gewandt geschrieben. Ich habe von dem Autor bisher noch nichts gehört. Auf dem Deckeltext heisst es: Alain de Botton, 1969 in der Schweiz geboren, hat ...

 Sein Büchlein basiert auf einem frechen und verblüffend simplen Einfall: Man nehme das monumentalste Werk der literarischen Moderne, Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" und destilliere daraus ein witziges, kurzes und lebenspraktisches Ratgeberbuch für den postmodernen Zeitgenossen.                        

De Botton nähert sich Proust auf direkte, unkonventionelle Weise, ohne Literaturtheorie. Im Rückgriff auf die Texte und auf Momente im Leben Prousts erläutert er in klassischer Ratgebermanier, wie man sich Zeit nimmt, wie man erfolgreich leidet, wie man seinen Gefühlen Ausdruck verleiht und wie man in der Liebe glücklich wird.

Und wenn ich das alles gut gelesen habe, dann werde ich Proustianer sein, so ein melodramatisches Muttersöhnchen, das kaum aus dem Bett kommt, an Verstopfungen und Übelkeiten leidet und sich an seinen körperlichen Leiden hintersinnt. Ich glaube, Proust ist die bürgerliche Dekadenz.  Ob sein Kummer und seine Depressionen wirklich die Geisteskräfte stärken, das bleibe dahingestellt, aber alles in allem hat er nicht ein nachahmenswertes Leben geführt. Das hat er sicherlich nicht.

Ich glaube, de Bottons Buch kann die Lektüre Prousts gut ersetzen. Und was hat man davon? Stundenlange Lektüre in detaillierten und umständlichen Schilderungen der Erinnerungen, das hat man sich erspart. Man spart sich dabei Tage und Wochen. Und das ist in der heutigen, eiligen Zeit doch ein grosser Gewinn. Wo sonst kommt man so leicht und so billig zu Zeit?

(---)





"Ein süsses und klares Destillat" - de Botton über Proust




Proust, für dich gestorben

Von Allain de Botton wird auf dem Schutzumschlag von "How Proust Can Change Your Life" gesagt, dass er in London und Washington lebe, doch sein Name und seine Leidenschaft für Kodifizierungen haben einen starken gallischen Anstrich. Sein sonderbares, humorvolles, didaktisches und blendendes Buch hat zwar den Untertitel Not a Novel, enthält jedoch mehr menschlich Interessantes und mehr phantasievolles Spiel als die meisten erzählerischen Texte. Der diskursive Fluss, der in so lehrreiche Kapitel unterteilt ist wie "Wie man das Leben heute liebt", "Wie man erfolgreich leidet" und "Wie man richtig liest", erhellt die Lektionen eines anderen, sehr langen Romans, nämlich von marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
De Botton hat sich offenkundig sehr ausgiebig mit diesem bedeutenden Werk befasst und sich darüber hinaus mit vielen winzigen, Proust betreffenden Details vertraut gemacht. So erfahren wir beispielsweise, dass Proust in Paris die Telefonnummer 29 205 hatte, dass er häufig ein Trinkgeld von nicht fünfzehn oder zwanzig Prozent gab, sondern von zweihundert Prozent der Restaurantrechnung, dass seine Haut so empfindlich war, dass er keine Seife benutzen konnte; er wusch sich mit "fein gewebten, feuchten Handtüchern und tupft sich damit mit frischem Leinen trocken (ein normaler Waschvorgang erfordert etwa 20 Handtücher, die auf Prousts ausdrückliche Anweisung in die einzige Pariser Wäscherei gebracht werden, die hautfreundliches Waschpulver benutzt, die Blanchisserie Lavigne, wo auch Jean Cocteau waschen lässt)", dass er ein äusserst enges Verhältnis zu seiner Mutter hatte und ihr, noch als er schon über dreissig war, ausführliche Berichte über seinen Schlaf, sein Pipi und seine Verdauungstätigkeit erstattete, dass er unablässig fror und häufig bei einer Abendeinladung seinen Pelzmantel anbehielt.
Wir erfahren auch eine Menge über Prousts Verwandte: Sein Vater, Dr. Adrian Proust, schrieb vierunddreissig Bücher, einschliesslich einiger bekannter Handbücher über Hygiene und körperliche Ertüchtigung; Marcels jüngerer Bruder, Dr.Robert Proust Autor von Chirurgie der weiblichen Geschlechtsorgane, wurde dermassen gerühmt für seine Prostatektomien, dass sie unter Kollegen "Proustatektomien" genannt wurden, und er war überdies so widerstandskräftig, dass er überlebte, als er von einem fünf Tonnen schweren Kohlewagen überrollt wurde.
Solche Details werden nicht grundlos aufgeführt. Nachdem de Botton Marcels grotesk extreme Emfpindlichkeit geschildert hat, stellt er die Behauptung auf, dass "das Fühlen und Empfinden (wobei das Fühlen fast immer mit Schmerz verbunden ist) auch etwas mit der Aneignung von Wissen zu tun hat". Proust formuliert es so: "Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die Kräfte des Geistes." Der Maler Elstir im Roman kleidet das Prinzip folgendermassen in Worte:

"Man kann die Wahrheit nicht fertig übernehmen, man muss sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen und niemand uns ersparen kann."
De Botton analysiert fünf proustsche Gestalten, die ohne Erfolg leiden und die falschen Lösungen aus ihrem Ungemach ableiten, was ihre Leiden nur noch verlängert.
Die Kapitel "wie man Freundschaften pflegt" und "Wie man ein Buch aus der Hand legt" zeigen anhand von Abschnitten aus Prousts Roman und aus seinem Leben, wie eine realistische und sogar eine Zynische Einschätzung vom Wert der Freundschaft mit einer übertriebenen Bezeignung von Herzlichkeit und Schmeichelei einhergehen kann (sein Freunde prägten den Begriff proustifizieren, wenn wir unter uns eine etwas zu gesuchte Höflichkeit beschreiben wollten, die man gemeinhin als geziertes Getue bezeichnet hätte") und wie auch die leidenschaftlichste Verehrung eines Autors, so wie die Verehrung, die Proust für John Ruskin empfand, schicklicherweise vor der Idolatrie Halt macht, etwa in dem Moment, da Proust zu dem Schluss kam, dass Ruskin "albern, manisch, nötigend, häufig falsch und lächerlich" war.
De Botton schreibt wie jemand, der selbst der Idolatrie nur knapp entgangen ist; in trockenem Ton schildert er eine Pilgerfahrt in das trübselige Dorf Illiers, das heute - eine Huldigung an Prousts verzaubertes fiktionales Dorf - auf Wegweisern und Schildern "Illiers-Combray" heisst.
Madeleines verkaufen sich hier sehr gut, und von dem Haus von Prousts Tante Amiot (im Roman Tante Léonie) heisst es "In ihrer ausgesuchten Scheusslichkeit vermitteln die beengten Räumlichkeiten auf nahezu greifbare Art und Weise die stickige Atmosphäre eines geschmacklos eingerichteten, kleinbürgerlichen Provinzhauses der Jahrhundertwende." Eine "einsame, merkwürdig fettig anmutende Madeleine" erweist sich nach genauerer Inspektion als Plastiknachbildung.

De Botton, von Geburt Schweizer, scheibt auf Englisch, aber mit dem Witz und der Nüchternheit eines Franzosen.
Sein zweites Buch, The Romantik Movement, war eine Art Ratgeber-Roman, der in Gestalt einer Anleitung zur Selbsthilfe, veranschaulicht durch eine in London spielende Affäre, die Ernüchterungen in Liebesdingen analysierte.
Bottons Neigung zu aphoristischen Gesetzen menschlichen Verhaltens zieht ihn verständlicherweise zu Proust hin, da solche Gesetze auch Prousts Ziel sind. Dieser Sohn und Bruder von Aerzten schrieb einen Roman voller genauer diagnostischer Betrachtungen, einen Roman, der insgesamt in der Schilderung unfreiwilliger Erinnerungen und in der Wiedergewinnung der Vergangenheit ein Heilmittel gegen die Universalkrankheit, nämlich die Zeit, darstellt. Aus den letzten Seiten des letzten Bandes, Die wieder gefundene Zeit, taucht der Leser mit dem Gefühl auf, dass er siegreich eine Theapie durchgemacht hat. Von einem extrem zarten un neurasthenischen Mann als ein Akt der persönlichen Rettung geschrieben, verkörpert das Werk sein Heilmittel - die Entdeckung seiner Botschaft als Schriftsteller. De Botton stellt den traurigen Zustand seines Helden in der Zeit vor dieser Entdeckung lebhaft dar. Proust selbst beschrieb sich im Alter von dreissig Jahren so: "...ohne Vergnügungen, Ziele, Tätigkeiten, ohne jeden Ehrgeiz, mein abgelebtes Dasein betrauernd und betrübt über den Kummer, den ich meinen Eltern bereite, empfinde ich nur sehr wenig Freude." Kafka und Joyce, diese beiden anderen epischen Komödianten des Modernismus, hatten wenigstens einen kreis von Freunden und Kritikern, die ihr Genie erkannten, während selbst diejenigen, die Proust am nächsten standen, in ihm einen unverbesserlichen Snob und Dilettanten sahen und von der Schönheit, dem Sog und der satirischen kraft seines Meisterwerks überrascht waren.
Wenn de Botton in seiner amüsanten, aber mit unbewegter Miene inszenierten pädagogischen Geckenhaftigkeit die heilenden, Rat vermittelnden Aspekte Prousts hervorhebt, erweist er uns den Dienst, dass er Proust für uns noch einmal liest und uns aus dem weiten heiligen See ein süsses und klares Destillat reicht.

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Donnerstag, 21. Mai 2026

Nochmals Mr. Blix

 (R) 


Liebe Marlena 
---
Gestern habe ich nochmals Mr. Blix im Fernsehen

gesehen. Er scheint ein mutiger Mann und es gefällt
mir, wenn er den Amis ein bisschen auf die Zehen tritt.
Er wird im Juni in Pension gehen, hat er offenbar
irgendwo geäussert, und hat die Absicht, sich in sein
Ferienhäuschen zurückzuziehen. Der Glückliche! Er
hatte wirklich eine Herkules-Mission zum Schluss
seiner Karriere. Und er hat als David zwischen den
übermächtigen und arroganten Goliaths sein Bestes
daraus gemacht. Jetzt geht er bald in sein Refugium.
















Ich stelle mir sein Ferienhäuschen vor an einem
menschenscheuen schwedischen See mit tintiger
Wasserfläche, umgeben von schwarzen Wäldern
voller neugieriger Grizzlis. Und über dem Eingang
des einfachen Blockhauses,...  die Jagdtrophäe,
das stattliche Riesengeweih eines Elchs, das in der
Hütte die bösen Geister fernhält. Mr Blix wird nicht
daran glauben, aber er weiss, ein solches Geweih
wirkt auch bei Ungläubigen. Er wird die Zeit der
bösen Geister definitiv hinter sich haben.
*

Ich bin unterbrochen worden. Und mittlerweile ist
es schon bald 11.00h. Ich will also, wie versprochen,
diesen Text in die Mühle geben, ...
Mit einem lieben Gruss zum schönen Tag.



Re:  Nochmals ...

Lieber ...,
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Schade, dass du unterbrochen wurdest. Müsstest eigentlich ein Schild an die Tür hängen:

Marlena-time, bitte nicht stören!

 












Ich glaube nicht, dass sich Mr Blix ein Elchgeweih aufhängen wird. Für uns sind Elche etwas ziemlich alltägliches und wir verstehen nicht die Deutschen, die ganz verrückt sind nach diesen Tieren. Sogar unsere Verkehrsschilder mit Elchen drauf stehlen sie.
Aber sicher hat Blix ein schönes Sommerhäuschen irgendwo an einem See oder an der Küste. "Il faut cultiver notre jardin!" Wie recht er hatte, Voltaire. Das ist eine Beschäftigung, die einem im hohen Alter noch Freude machen kann.

Dienstag, 19. Mai 2026

Re: Verhandlungsgeschick

 

Lieber ...,


Marlena




In einem orientalischen Bazaar - Verhandlungsgeschick - Diplomatie

 Forts. Hans Blix

...
Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen. Wir gehen herum, halten krampfhaft unsere Börse und nehmen die Fröhlichkeit und Nettigkeit des Verkäufers als reinen perfiden Hinterhalt. Aber er meint sein Lächeln nicht als Trick, er will durchaus freundlich sein, er will dich gewinnen und seine Regeln des Handelns erlauben ihm dies alles. Dass man die Artikel in seinem Laden mit einem Preisschild bezeichnen könnte, fände er einigermassen dumm. Das würde ihm die ganze Freude des Verkaufes nehmen, und er hätte keine Möglichkeit, bei einer ärmeren Frau sein Mitleid fliessen zu lassen, bei einem Reichen den Betrag wieder hereinzuholen, also eine Art von kleiner Gerechtigkeit spielen zu lassen. Auch solche Händler haben, wie ich immer wieder festgestellt habe, ein grosses Ehrgefühl. Das Ziel des Verkaufes ist vielleicht, beide, Händler und Käufer glücklich zu machen. Und wenn das manchmal auf der zweiten Seite nicht zu lange andauert, liegt es meist an der Dummheit des Käufers. Im orientalischen Markt gehen Käufer und Verkäufer davon aus, dass beide wissen, was sie wollen. Der Käufer hat die Ware geprüft - dazu dient nicht zuletzt die Zeit, die er beim Feilschen einsetzt - weiss, wieviel Interesse er dafür hat, ob und wie dringend er das Ding braucht. Zur gleichen Zeit prüft der Verkäufer den Käufer, versucht herauszufinden, wie gross sein Interesse ist und wie viel Ressourcen er zur Verfügung hat. Im Spiel des Feilschens werden diese zwei Positionen zwischen zwei Menschen, das heisst eben Personen mit all ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten von den schauspielerischen bis zu jenen Zufälligkeiten des Momentes ausgespielt, um einen Konsens in der Mitte zu suchen. Doch die Mitte ist eben nicht allein von anonymen Marktgesetzen vorbestimmt, sondern ist ein Resultat des Horizontkreises, den die beiden Akteure des Marktes ziehen. Darin ist viel Menschliches und einer guten Feilscherei zuzuschauen, das ist soviel wie ein kleines Kunststück geniessen. Meine Schwiegermutter ist darin eine Künstlerin. Und sie versteht es, ihre Feilschereien immer sehr lustig zu machen. Vielleicht ist das eine Strategie, das Herz des Gegenübers aufzuweichen? Auf jeden Fall ist Lachen, wie wir alle wissen, gesund. Es handelt sich also nicht bloss um Kauf und Verkauf, sondern ebenso um eine kleine Therapie, um eine soziale Unterhaltung, um einen Wettbewerb, ein Spiel, um eine moralische Auseinandersetzung, kurz und gut: um die Begegnung zweier Menschen. Doch davon haben wir Westler kaum mehr Ahnung. Der orientalische Markt erfordert Intelligenz, der westliche vielleicht bloss Geld.

Doch wir waren bei Blix. Auf diesem Eis also bewegt sich der gute schwedische Diplomat. Doch als Diplomat wird er sich in solchen Dingen auskennen. Die grösste Schwierigkeit dabei ist ja doch wohl das dauernde, primitive Säbelrasseln der Amerikaner, das wir alle kaum mehr zu ertragen vermögen.
*
Heute ist einigermassen mildes Wetter mit einem hellen, leicht bewölkten Himmel. Ich habe viel zu tun heute Samstag. Und nachmittags möchte ich noch rasch nach Basel. Ich glaube, es gibt Ausverkauf und ich will mal sehen, ob ich mit meinen Möglichkeiten des Feilschens etwas erreiche.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüssen
...



Eine gewissenhafte Figur

 

Hans Blix, bioaktuell med dokumentären ”Blix not bombs”

Liebe Marlena

Merci für den Artikel über Hans Blix. Lange hatte ich nicht gewusst, dass er Schwede sei. Und im Fernsehen, wenn immer ich diesen Mann mit seinem Hut und seiner durch und durch soliden, bürgerlichen Erscheinung gesehen habe, fand ich ihn lustig. Das hing auch an seinem Namen. Es klingt alles so gewöhnlich, sieht so gewöhnlich aus, und dabei geht es hier um nichts weniger als um Krieg und Frieden. Diesen Zusammenhang habe ich immer ziemlich krass gefunden. Doch wahrscheinlich müssen wir von Glück reden, dass wir eine solch unscheinbare, aber gewissenhafte Figur haben, die in diesen sensiblen Bereich zwischen den Kanonen arbeitet. Es gibt ja zwei Typen von Menschen: es gibt die Blender, die grossartig erscheinen und die Welt mit eloquenten Worten für sich einnehmen. Und es gibt die bescheidenen Typen, die sich zurückhalten, die dann aber im Hintergrund Grosses leisten. Ich glaube, Blix ist von der zweiten Sorte. Und wir hoffen alle, dass er seine Arbeit für uns alle gut macht und sich von den Iraqis nicht an der Nase herumführen lässt.

Ich kenne diese Menschen aus dem Mittleren Osten ein bisschen. Sie haben in ihrem taktischen Verhandlungsgeschick einfach ein breiteres Register, als wir Westler es tun. Das hängt meiner Meinung nicht zuletzt damit zusammen, dass sie über eine andere, integralere Logik verfügen. Wir Menschen aus dem Westen sind ja doch sehr beeinflusst und geprägt von der naturwissenschaftlichen Logik, von klaren und distinkten Ideen und der Unterscheidung wahr und falsch. Das alles haben die Orientalen viel weniger. Während wir sozusagen in grossen, autobahnähnlichen mainstreamartigen Bahnen denken, denken sie in kleinen Pfaden und Abkürzungen und Umwegen quer durch das Gelände und Gebüsch. So erreichen sie ihren Punkt schneller als wir den unseren. Wir haben immer wieder den Eindruck, sie würden uns hintergehen.

Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen.  Wir ...


(jan. 2003)

Sonntag, 17. Mai 2026

Der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf

 



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Diesen Artikel aus NZZ Online, der Website der Neuen Zürcher Zeitung,
sendet Ihnen ...er.priv@gmail.com
mit der Mitteilung:
schönen Gruss
...
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Die Leere zwischen den Dingen

Strahlend und strömend - der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf


Die letzten Fotografien zeigen ihn meist im Schlafrock. Ein schmaler Herr mit schwarzer Mütze, der sich in seinem Sessel durch einen Bildband blättert. Zwischen all den Decken und Kissen ist das hagere Gesicht kaum zu sehen, nur das Licht gibt Nase und Stirn ein wenig Kontur. Ein Schmerzensmann, ein Asket, so scheint es, der erlebt, von was die Gedichte sprechen: «Viel ist nicht / von mir übrig . . . / Ich habe kein Gefühl mehr für mein Ich, mein Gewicht / Ich verliere den Halt, ich schwebe hinaus / Ich werde allmählich unsichtbar.»
Auch wenn er über die Kunst des Verschwindens schrieb, hielt sich der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf stets an die Wahrnehmung und an das Körperliche des Lebens, an jenen «Sinnengenuss», der für ihn zu jeder echten Literatur gehörte. Die Fülle der «Farben und Formen» war ihm Fluchtpunkt seines Schreibens, sie machte es ihm erst möglich, das Gedicht als «Magie und Beschwörung» zu verstehen, als einen Weg, das Sichtbare nach und nach zu übersteigen. «Du siehst, und sehend spürst du / wie sich alles zu Asche verwandelt / wie der Blick sich verwandelt / und aufhört zu sein / gleichwohl aber bleibt -», heisst es in einem der späten Werke.


DIE ERFAHRUNG DER SCHWEBE
Die Texte dieses grossen Dichters, die Gedichte ebenso wie die Essays, die Briefe oder die schmalen Prosastücke, entwickeln sich allesamt jenseits eines Denkens in blossen Gegensätzen. Dem «sterilen Reich» aus Licht und Schatten, Gut und Böse, Wirklichkeit und Traum hält Gunnar Ekelöf die Erfahrung der Schwebe vor, tastet sich vorwärts an Fluchtlinien und Konturen oder gibt sich in den Zwischenräumen der Wörter zu erkennen. Hier entpuppt sich das feste Ich als Chimäre und die Wirklichkeit als etwas durchweg Flüssiges. Diese «dritte Seite des Lebens» ist keineswegs mit naivem Einheitsdenken oder einer Art Natürlichkeit zu verwechseln. Vielmehr hat der ungerade, «einsame Mensch» die dualistische Welt des Rationalismus bereits durchwandert und setzt bewusst auf das Unbestimmte, Unvermessene, «jenseits aller Wahrheiten und Lügen».
So anspruchsvoll diese philosophischen Überlegungen auch klingen mögen - Gunnar Ekelöfs Gedichte sind doch angenehm frei von allen überdehnten Begriffen. In seinen leicht gebauten Versen versetzt er die Sprache in jene Schwingung, die er selbst einmal als «Radioaktivität» bezeichnet hat, als eine Strahlung, die sich erst nach Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden abschwächt: «Diese Radiowellen hat das Gedicht weniger durch den Inhalt erhalten als durch das Spannungsverhältnis zwischen den Wörtern, die den Inhalt ausmachen, durch die Fähigkeit des Dichters, die Wörter und Bedeutungen in ein solches Reibungs- und Nuancierungsverhältnis zueinander zu setzen, dass die Leere weiter nachbebt, lebt, ausschlägt, ‹sendet›, eine Art von magnetischem Gewebe aus unsichtbaren Fäden, Kraftlinien, die sich gegenseitig anziehen oder abstossen.»
Die Leere zwischen den Dingen, seinen «Singsang vom anderen» hat Gunnar Ekelöf immer wieder in grossen Meeresbildern oder Ausflügen in karge Landschaften ausgebreitet. Am Grunde vieler Gedichte wird die schwedische Natur mit ihrer stets gleichen Folge von Hochwäldern und Tundra erahnbar. Und so wie dort die monotone Dünung der Telegrafenmasten im Vorbeifahren sinkt und steigt, sinkt und steigt, so schneiden auch die Verse den Strom des Lebens immer wieder in handliche Augenblicksbilder. Doch nicht nur in seiner Heimat konnte der 1907 geborene Ekelöf die Bekanntschaft mit den elementaren Formen der Landschaft machen. Schon in jungen Jahren nimmt ihn die Mutter mit auf Reisen, wie überhaupt das Leben jener Zeit einer unruhigen Wanderschaft gleicht: 1911 geht es nach Deutschland und in die Schweiz, einige Jahre später sind die beiden in Frankreich unterwegs.


IM KINDERHEIM
Dazwischen liegt der Tod des Vaters, der seinen Beruf als Bankier wegen einer «geheimen Krankheit» vorzeitig aufgeben musste. In der äusserst detailgenauen Prosaskizze «Eine Photographie» beschreibt ihn Ekelöf als «lebenden Leichnam», der in seinem Sessel zwischen Stapeln von Polstern und Decken vegetiert. Ebenso prägend für Ekelöf dürften die Aufenthalte in Heimen gewesen sein, auch wenn sie im Rückblick zunächst ihre hellen Seiten offenbaren: «Ich meinerseits wurde häufig in Kinderheime verschickt, wo es mir rein materiell nie schlecht erging. Im übrigen ist es durchaus so, dass die Kindheit, selbst die schutzloseste und schmerzlichste, stets genügend lichte Erinnerungen aufweist, denn man braucht ja so wenig: eine sonnige Lichtung, unbekannte Blumen und Tiere, das Land, das Vergnügen am Badestrand können die Fremdheit rasch überdecken.» Die nächtliche Einsamkeit mit mancherlei angsteinflössenden Bildern lässt sich gleichwohl nicht verleugnen, ebenso wenig die bohrende Seh!
nsucht nach Briefen oder einem Lebenszeichen.
Trotz diesem «Kindheitstrauma», wie Ekelöf es in einer autobiografischen Notiz nicht ohne Koketterie nennt, findet er seinen eigenen Weg, der ihn zunächst nach London und Uppsala führt. Die Studien in Orientalistik und Persisch bricht er bald schon wieder ab, beschäftigt sich aber weiterhin mit östlichen Weisheitslehren und islamischer Dichtung. Überhaupt sind es die Erfahrungsweisen der Mystik, die ihn nachhaltig beeindrucken. Dazu kommen die somnambulen Nachtbilder der Romantik und jener Surrealismus, den er während seiner Zeit in Paris Ende der zwanziger Jahre kennen lernt. Mit dem geplanten Musikstudium will es nicht recht klappen - «ich hatte das Pech, in eine Wohnung mit papierenen Wänden zu geraten, in der ich der Nachbarn wegen nicht wagte, ein Instrument zu spielen». Auch verliert er seinen Anteil des familiären Vermögens im Wirrwarr der Weltwirtschaftskrise. Unterkriegen lässt sich Ekelöf freilich nicht. Zurück in Schweden, gründet er eine avantgardistische Zeitsch!
rift und arbeitet an den eigenen Gedichten. Sein lyrischer Erstling «spät auf erden» erscheint 1932.
Als Dichter ist Gunnar Ekelöf erst recht spät bei uns angekommen. Hans Magnus Enzensberger hatte einige Gedichte in sein «Museum der modernen Poesie» aufgenommen, ehe Nelly Sachs 1962 unter dem schlichten Titel «Poesie» eine kleine Auswahl bei Suhrkamp herausbrachte. Seit 1991 arbeitet man beim Kleinheinrich-Verlag in Münster an einer bibliophilen Werkausgabe, deren Übertragungen von Klaus-Jürgen Liedtke besorgt werden, einige wenige auch in Zusammenarbeit mit Manfred Peter Hein. Bisweilen hat Liedtke die Ruppigkeit der Verse im Deutschen allzu sehr abgemildert, seine Übersetzungen überzeugen aber dank der grossen rhythmischen Kraft. Mit dem Erscheinen der letzten beiden Bände ist die Edition nun vollständig.
Von Beginn an als zweisprachige Leseausgabe konzipiert, lässt sich über Auswahl und Anordnung naturgemäss streiten. Vielleicht hätte man auf das eine oder andere von Ekelöfs Nonsens- Gedichten verzichten können, vielleicht der berühmten «Mölna-Elegie» mit ihren vielen Flüsterstimmen ein wenig mehr Platz einräumen müssen. Auf jeden Fall hätte eine Ausweitung des Kommentarteils nicht geschadet. Die bei aller Kürze doch kundigen Nachworte des Ekelöf-Forschers Anders Olsson sind einzig um eine Handvoll Anmerkungen ergänzt, die meist noch vom Dichter selbst stammen. Bei einem derart belesenen Autor wie Gunnar Ekelöf, der sich auch in den Sprachwelten von Comics bestens auskannte, reicht das nicht immer aus.
Umso raffinierter scheint die Gesamtstruktur der sieben Bände, die sich vom grossen Spätwerk, der mystisch durchströmten «Akrit»-Trilogie, hin zu den ersten Lyrikbüchern zieht. Dazu gibt es einen eigenen Band mit Essays, Skizzen und Briefen, der zeigt, wie genau Gunnar Ekelöf auch das Prosafach beherrschte, die Kunst vor allem, Gedanken über das eigene Schreiben in kleine Szenen und Schilderungen einzulagern. So kann man sich als Leser zurückarbeiten zu den Anfängen des Werks - dem Spiegelpoeten Ekelöf hätte diese Verkehrung der gewohnten Ordnung gewiss gefallen. Am Ende der Ausgabe stehen die Texte aus dem Nachlass und jene Gelegenheitsgedichte, die Ekelöf in Zeitschriften oder Tageszeitungen veröffentlichte; sie sicherten ihm lange Zeit gemeinsam mit Rezensionen und Stipendien ein Auskommen.
Es ist ein weiter Weg, der nach mehr als einem Dutzend Gedichtbänden im reifen Triptychon des Akrit-Zyklus mündet. Gleichwohl werden schon früh einige bleibende Motive in den Windungen der Ekelöfschen Verse erkennbar. In seinem Début «spät auf erden» versucht sich der Dichter noch als lyrischer Wanderer, der die «buchstabennissen zwischen den zähnen knackt». Fast im gleichen Atemzug sieht er sich aber als «blinder Sänger», der zwischen allerlei Erinnerungen jene «grosse Gebärerin Nacht» erwähnt, die im Spätwerk so strahlende Bedeutung gewinnen wird. Hier entwirft Ekelöf das Bild einer gütigen, allmächtigen weiblichen Gestalt, die einmal als Jungfrau, einmal als Mutter erscheint. Ihre Anrufung verspricht die ersehnte Einheit der «dritten Seite des Lebens», eine mystische unio. Die Suche nach «Nicht-Begierde», nach einem «anderen Licht» ist nicht in einem weltfremden Jenseits angesiedelt. Mit Paradoxien, Fragen und überaus sinnlichen Bildern beschwören Ekelöfs Gedichte ein ums!
andere Mal das, was er «Lebensekstase» nennt: «In meine Seele / grubst Du die Spuren / kleiner Füsse, kleiner Zehen / wie in den feuchten Sand / eines Strands.»


HÖLLENBILDER UND MEERESSTÜCKE
Zu den motivischen Spuren, die sich schon in den frühen Gedichtsammlungen entdecken lassen, gehören neben zahllosen Höllenbildern vor allem die Augen, das genaue Sehen, das nach und nach in den gnostischen Blick übergeht. «Gib mir die Augen der Sepien / die sanften nach innen blickenden / als hörten sie Musik», heisst es 1941 in einem der vielen Meeresstücke dieser Zeit, die einen schön schwingenden Freivers kultivieren. So ist der Lyrikband «Fährgesang» tatsächlich die Überfahrt in die Welt einer anderen poetischen Wahrnehmung, in die des «einsamen Menschen». Dort angekommen, versucht sich Ekelöf auch in der leichteren Kunst von Unfug-Gedichten, wobei er seine poetische Linie nie aus den Augen verliert: «Wenn man es soweit gebracht hat wie ich in der Sinnlosigkeit / wird jedes Wort erneut interessant: / Fundstücke im Erdreich / die man mit archäologischem Spaten wendet.»
Als man Gunnar Ekelöf 1966, zwei Jahre vor seinem Tod, den Literaturpreis des Nordischen Rates verlieh, konnte er wegen Krankheit schon nicht mehr anreisen. In einer verlesenen Dankesrede lässt er seine späten Werke vor den Augen und Ohren der Zuhörer noch einmal aufleben - doch der resignative Grundton dieser Zeilen ist überdeutlich. Die Strahlung seiner Verse indes wird noch lange spürbar sein, sie mag nun Radiowellen gleichen oder der Strömung eines Ozeanriesen, der weit draussen vorüberzieht: «Und wir wissen nichts von ihm / ehe die Bugwelle uns am Ufer erreicht, / erst die eine, und noch eine und immer mehr / die anbranden, sich brechen, bis alles geglättet ist / wieder wie vorher. - Und doch ist alles verändert.»


Gunnar Ekelöf: Färjesng/Fährgesang. Gedichte 1932 bis 1951. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 317 S., Fr. 54.25.
Gunnar Ekelöf: En trasig liten ask av trä / Ein zerbrochenes Kästchen aus Holz. Gedichte aus dem Nachlass. Verstreute Gedichte. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 293 S., Fr. 54.25.

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Warum nicht?

(R)

 


Lieber ,,,

(---) 

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich habe eine wunderschöne persönliche Reiseschilderung über Rom gefunden mit dem Titel "Du und ich in Rom", von Sigge Hommerberg geschrieben. Es ist ein Buch für Leute, die eine Romreise planen, die gerade dort gewesen sind, oder die sich dorthin sehnen. Vielleicht gehöre ich in alle drei Kategorien. Einmal möchte ich dorthin fahren, mit dir bin ich (leider nur in Gedanken) dort gewesen, und schliesslich meine lebenslängliche Sehnsucht nach dieser Stadt.
Sigge Holmberg besitzt gute kunsthistorische und auch archeologische Kenntnisse. Ausserdem ist er sehr gastronomisch interessiert. Das Buch gibt praktische Tips nicht zuletzt über Essen und Wein. Zwanzig Spaziergänge unter Führung mit Kartenskizzen zu jedem Kapitel. Und schliesslich ein kleines Nachschlagewerk über andere Sehenswürdigkeiten und die Adressen zu den beliebtesten Restaurants und Trattorien des Schriftstellers.

Was sagst du dazu? Ich wünsche das Buch wäre in andere Sprachen übersetzt. Muss mal bei google nachsehen, ob es so ist. Und weisst du, das "DU" in dem Titel des Buches bist immer noch du, chéri. Klar musst du nochmals dorthin. Hast doch den Vatikan verpasst. Ich würde so gern auf Entdeckungsfahrt gehen mit dir in dieser romantischen Stadt. Deine vorige Reise war doch nur eine Rekognozierungsreise, um die Zeit dann später besser ausnützen zu können. ;-)

Ich schicke dir ein kleines Bild mit aus dem Buch, ein Aquarell von Franz Roesler, vor mehr als hundert Jahren gemalt. Es zeigt die Via dei Cappelari (Strasse der Hutmacher). Und es sagt, so ungefähr sieht es heute noch aus. Sogar die Wäsche hängt noch dort. ;-)

Ich sehe gerade, dass du mir einen Artikel geschickt hast. Bin neugierig darauf. Ja, Gunnar Ekelöf ist einer unserer grossen Dichter.
So lasse dich einen Moment.
Wünsche dir einen schönen Tag noch,
MlGuK

Malou



 

Donnerstag, 14. Mai 2026

Subject: §5 - Müssen wir das wirklich?

Liebe Marlena 

(---)

Ich habe mir die halbe Nacht überlegt, ob wir deinen §5 wirklich und unausweichlich in unseren Kontrakt aufnehmen müssen. Müssen wir das wirklich? Du hast gesagt "nicht verlieben". Wenn du darauf bestehtst, Marlena, nehmen wir den §5 auf. Wir müssen, wenn es so weitergeht, bald einen Juristen in unseren Club aufnehmen. Nein, das ist noch zu früh. Ich wollte dir nur zu bedenken geben, dass es natürlich verschiedene Arten von Liebe gibt. Und vielleicht ist es ja auch so, dass bei vielen Menschen eine grosse Tendenz besteht, immer wieder in die eine grosse Liebe zurückzukehren, oder hinzugehen. Wie heisst es doch, es gibt ein französisches Sprichwort: Man kehrt immer wieder zur ersten Liebe zurück (vielleicht kennst du den französischen Wortlaut?). Das ist, so glaube ich, sehr wahr. Das ist im Grunde auch, was die Psychoanalyse behauptet, obwohl ich dieser heute nicht mehr ganz alles glaube. ...

Was ich also sagen wollte, es gibt doch verschiedene Arten von Liebe, was wir in unserem §5 berücksichtigen sollten. Es gibt ja auch die Schwesternliebe, die Elternliebe, die Hassliebe, die blinde Liebe, die Menschenliebe, die platonische Liebe undsoweiterundsofort. Also, meine Liebe, wir haben doch da eine gewisse Auswahl in der Formulierung unseres §5, nicht wahr. Das Problem ist vielleicht, dass das Wort immer das gleiche ist. Die Liebe ist ja doch eine grosse christliche Mission. Das muss man auch sagen. Ich schlage vor, wir formulieren deinen §§-Antrag vorläufig und provisorisch: never fall in love again. Klingt echt hart!

(...)

Vielleicht noch zur Repetition vor dem Schlafengehen?

§1 Es gibt im Internet eine sogenannte "Maus-Freundschaft".
§2 ...dass unser Kontakt uns beide von innen erleuchtet, so dass wir, du in Stockholm und ich in Basel, für unsere Lieben der Familie und unsere Leute der Umgebung eine geheinmisvolle Serenität ausstrahlen können.
§3 Es darf nie etwas Negatives für unsere Nahestehenden bedeuten.
§4 En cas de guerre sonnez deux fois.
§5 Never fall in love again.

Ich will dir dann mal über meine wirklich erste Liebe erzählen. Das war in der 1. Klasse der Grundschule und sie hatte ein hübsches Haarschwänzchen. Und über meinen Französisch-Professor am Gymnasium, der daherkam wie ein Maffia-Boss, über den wollte ich dir auch berichten. Er ist mir heute Nacht in den Sinn gekommen. Echt hektisch, nicht wahr?




Mittwoch, 13. Mai 2026

Re: Warnung vor dem Hund

Ämne: Re: Warnung vor dem Hund
Datum: den 18 januari  (Jahr 2)

Mon cher ami

Mille fois merci de m'avoir avertie du grand danger qui me menaçait. Je serais probablement devenue infidèle à mes amours comme Rilke, Rimbaud, Verlaine etc. et même à mon dernier grand amour. ;-) Bien sûr j'ai entendu parler de Heidegger. J'avais des camarades à l'université qui étudiaient la philosophie. Mais je ne savais pas à quel point ses textes étaient difficiles à comprendre. Il me semble aussi qu'ils sont faits pour être discutés "en fumant des gauloises" comme tu dis. ;-) Ils nous font penser et chercher en nous-mêmes la solution des questions de vie. J'ai découvert l'existentialisme surtout à travers les textes de Sartre et de Camus. Ce Camus que nous estimons tous les deux pour son humanisme. J'aime ces mots: "Je continue à croire que ce monde n'a pas de sens supérieur. Mais je sais que quelque chose en lui a du sens, et c'est l'homme, parce qu'il est le seul être à exiger d'en avoir".
Je dois donc chercher un sens dans la vie pour rester humaine.
Oh là là, quels mots!! ;-)

*

Ach, mein Schatz, (bist du das noch?) du hast mir einen so wunderbaren Brief geschrieben und am liebsten hätte ich ihn umgehend beantwortet. Aber gestern entdeckte plötzlich K dass er den grossen Koffer, den er mitgenommen hatte am besten durch einen kleineren ersetzen sollte, den er mitnehmen kann im Flugzeug um nicht zu lange bei der Bagage-auslieferung warten zu müssen (Annas Theorie: Die Herren brauchen Platz für ihre Kisten mit Whisky) und so ist er am Nachmittag nach Hause gekommen und wir haben zusammen noch zu Abend gegessen. Ich hatte Rentierfleisch gemacht. Es wird immer beliebter, jetzt wo man nicht mehr so gern Rindfleisch kaufen will. Ich finde es wichtig (jedenfalls bei uns), die Mahlzeiten zusammen zu essen. Dann erst habe ich das Gefühl, dass wir wirklich eine Familie sind. Es ist gut finde ich, dass du B auch am Tisch haben willst. Du weißt, wie gefährlich es sein kann, wenn ein Mädchen zu intensiv Diät hält. Ich habe schon Fälle gehabt, die dann im Krankenhaus lagen, weil sie gar nichts mehr hinuntergebracht haben. Unsere Victoria war ja auch ziemlich schlimm daran eine Zeitlang.
*
K ist also schon unterwegs nach London mit ein paar Kollegen. Er träumt davon, im Hyde Park die Frühlingsblumen zu sehen, wie das vorige Mal, als er auch im Januar dort war. Aber ich denke, es ist noch ziemlich kalt dort dieses Jahr. Dann geht er natürlich auch zum Speakers Corner wo er letztes Mal einen Mann sprechen hörte über das Thema "Die Frau zurück an den Ofen" und der damit die umstehenden weiblichen Personen zum Wahnsinn trieb aber auch zu Gelächter, denn er besass sehr viel Humor . Und dabei denke ich natürlich auch an meinen Schatz, der doch seine grosse Liebe gerade dort zum ersten Mal gesehen hat, war es nicht so?

So, ich muss leider nun wieder los zur Arbeit. Es ist schön so eine Weile mitten am Tag mit Dir zu verbringen und ich hoffe, dass ich bald wieder ein kleines rotes Dreieck vor deinem Namen sehe.
Mit vielen lieben Grüssen
auch K und S

Marlena

PS: Danke für den Text von H. den du mir gezeigt hast. Er hat mich wirklich abgeschreckt. ;-)


 

Dienstag, 12. Mai 2026

Warnung vor ... Heideggers Buch "Sein und Zeit"

 

Ämne: Warnung vor dem Hund
Datum: den 17 januari 13:57


Liebe Marlena
Manchmal findet man an der Gartentüre von Villen und schönen Einfamilienhäusern die Anschrift "Warnung vor dem Hunde". Und davor möchte ich Dich wirklich nun auch warnen. Wenn Du in Aussicht stellst, dass Du Heideggers "Sein und Zeit" lesen willst, so kann ich Dich nur warnen. Bist Du denn lebensmüde? Willst Du Dich für den Rest Deiner Tage unglücklich machen? Hast Du zuviel Zeit? Willst Du Rilke verlassen? Oder vielleicht sogar Verlaine untreu werden?
Ach, Marlena, Heidegger ist eine Nummer für sich. Und wenn Du noch nie etwas von ihm gehört hast, dann behüte Dich Gott.
Heidegger ist wohl der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts. Und er war Deutscher. Er war auch etwas von den Nationalsozialisten eingenommen. Auf jeden Fall war er während jener schicksalsschweren Zeit Rektor der Universität Freiburg. Und man hat ihm später vorgeworfen, nationalsozialistisch gefühlt und wohl auch agiert zu haben. Seine Philosophie hat, wie auch die Nietzsches, irgendwie eine Nähe zum unheilvollen Denken der Nazis.
Heidegger gilt als Neubegründer der Existentialphilosophie, die er mit Hilfe der Methode Husserls, der Phänomenologie, entwickelt hat. Sartre ist schwer beeinflusst von Heidegger, der Existentialismus als ganzes. Staiger, der grosse Kenner Rilkes, jener Literaturprofessor in Zürich, den ich noch erlebt habe, ist ein Heidegger Schüler. Es gibt sie auch in der Psychologie und Psychiatrie die Nachfahren Heideggers. Binswanger beispielsweise war durchdrungen vom Denken Heideggers. Mein Psychiatrieprofessor Condrau war es. Mein Psychologieprofessor und Doktorvater von Uslar war ein dezidierter Nachfahre Heideggers. Und er hat alle die geistigen Brüder und Schwestern Heideggers sehr geschätzt, Gadamer und Löwith und sich selbst vor allem. Die gescheite Hanna Arendt war eine zeitlang die Geliebte Heideggers.
Und Heidegger war wirklich irgendwie ein bisschen ein Blut und Boden Typ und hat im Schwarzwald seine Klause gehabt, wo er sich zurückziehen konnte. Er schrieb manchmal in sehr archaisierenden Formulierungen und die letzten Schriften erinnern eher an Hölderlin denn an etwas anderes.
Heidegger war für uns junge Studenten ein gefundenes Fressen. Etwas dunkel, aber mit einem neuen und umfassenden Ansatz, also irgendwie radikal die menschliche Existenz denkend, das hat uns wirklich eingewickelt. Stundenlang haben wir über seine Gedanken und die charakteristische Sprache diskutiert und dabei Gauloises geraucht, wie die Besenbinder.
Ach Marlena, überlege es Dir, ob Du Heidegger lesen willst. Es ist nicht ...




Freitag, 8. Mai 2026

Monsieur Germain an Albert Camus


Louis Germain

...
Hier der Brief von Herr Louis Germain, Lehrer an der Ecole normale von Algier, an Camus. Allerdings ist es nicht ein direkter Antwortbrief auf den vorher zitierten Brief., denn dieser Brief ist mehr als 2 Jahre später datiert.


Algier, am 30. April 1959

Mein lieber Kleiner,
 von Deiner Hand adressiert, ist das Buch Camus, das sein Autor, Monsieur J.-Cl. Brisville, mir freundlicherweise gewidmet hat, wohlbehalten bei mir eingetroffen. 
Ich finde keinen Ausdruck für die Freude, die Du mir mit Deiner reizenden Geste und der Art, Dich zu bedanken, gemacht hast. Wenn es möglich wäre, würde ich den grossen Jungen, der Du geworden, und der für mich immer "mein kleiner Camus" bleiben wird, fest an mich drücken.
Ich habe dieses Werk noch nicht gelesen, abgesehen von den ersten Seiten. Wer ist Camus? Ich habe den Eindruck, dass jene, die versuchen, Deine Persönlichkeit zu ergründen, es nicht ganz schaffen. Du hast immer eine instinktive Scham gehabt, Deine Natur, Deine Gefühle zu zeigen. Es gelingt Dir um so besser, als Du einfach, direkt bist. Und obendrein gut! Diesen Eindruck hast du in der Schule auf mich gemacht. Der Pädagoge, der seinen Beruf gewissenhaft ausüben will, lässt keine Gelegenheit aus, seine Schüler, seine Kinder kennenzulernen, und sie bietet sich ständig. Eine Antwort, eine Geste, eine Haltung sind äusserst aufschlussreich. Ich glaube also, den netten kleinen Kerl, der Du warst, gut zu kennen, und das Kind enthält im Keim oft den Mann, der es werden wird. Deine Freude an der Schule war überall spürbar. Dein Gesicht verriet Optimismus. Und wenn ich Dich beobachtete, habe ich nie etwas von der wirklichen Situation Deiner Familie geahnt. Ich habe erst einen Einblick bekommen, als Deine Mama mich wegen Deiner Bewerbung um das Stipendium aufgesucht hat. Aber bis anhin kam mir Deine Situation nicht anders vor als die Deiner Kameraden. Du hattest immer, was Du brauchtest. Wie Dein Bruder warst Du nett angezogen. Ich glaube, ich kann kein schöneres Lob Deiner Mutter sagen.
Im auf Monsieurs Brisville Buch zurückzukommen, es enthält einen umfangreichen Bildteil. Und ich war sehr gerührt, auf einem Bild Deinen armen Vater kennenzulernen, den ich immer als "meinen Kameraden" betrachtet habe. Monsieur Brisville war so freundlich, mich zu zitieren: ich werde ihm dafür danken.
Ich habe die ständig anwachsende Liste der Werke gesehen, die über Dich verfasst werden oder Dich erwähnen. Und ich kann mit sehr grosser Genugtuung feststellen, dass Dein Ruhm (es ist die volle Wahrheit) Dir nicht zu Kopf gestiegen ist. Du bist Camus geblieben: Bravo.
Ich habe mit Interesse das viele Hin und Her um das Stück verfolgt, das Du bearbeitet und auch inszeniert hast: Die Besessenen. Ich liebe Dich zu sehr, um Dir nicht den grössten Erfolg zu wünschen, den Du verdienst. Malraux will Dir auch ein Theater zur Verfügung stellen. Ich weiss, es ist eine Leidenschaft bei Dir. Aber... wirst Du es schaffen, all diese Tätigkeiten gleichzeitig zu einem guten Ende zu führen? Ich fürchte, dass Du mit Deinen Kräften Raubbau treibst. Und, erlaube Deinem alten Freund die Bemerkung, Du hast eine nette Gattin und zwei Kinder, die ihren Ehemann und Vater brauchen. Dazu möchte ich Dir erzählen, was unser Direktor an der École normale uns manchmal sagte. Er war sehr, sehr streng zu uns, weswegen wir nicht sehen und fühlen konnten, dass er uns wirklich liebte. "Die Natur führt ein grosses Buch, in das sie minuziös alle Exzesse einträgt, die ihr euch leistet." Ich gebe zu, dass dieser weise Rat mich viele Male rechtzeitig zurückgehalten hat, wenn ich im Begriff war, ihn zu vergessen. Also, sieh zu, dass Deine Seite im Grossen Buch der Natur weiss bleibt.
Andrée erinnert mich daran, dass wir Dich im Fernsehen in einer Literatursendung über Die Besessenen gesehen und gehört haben. Es war bewegend, Dich auf die Fragen antworten zu sehen. Und gegen meinen Willen machte ich die schelmische Bemerkung, dass Du nicht ahntest, dass ich Dich sah und hörte. Das hat Deine Abwesenheit von Algier etwas wiedergutgemacht. Wir haben Dich schon recht lange nicht gesehen..
Bevor ich schliesse, möchte ich Dir sagen, welches Unbehagen ich als nichtkirchlicher Lehrer angesichts der bedrohlichen Pläne empfinde, die gegen unsere Schule geschmiedet werden. Ich glaube, ich habe während all meiner Berufsjahre das Heiligste im Kinde respektiert: das Recht, seine Wahrheit zu suchen. Ich habe euch alle geliebt und glaube mein Möglichstes getan zu haben, nicht meine Ideen zu äussern und so eure junge Intelligenz zu belasten. Wenn von Gott die Rede war (er steht auf dem Lehrplan), sagte ich, dass manche an ihn glaubten, andere nicht, und dass jeder im Vollbesitze seiner Rechte machte, was er wollte. Ebenso beschränkte ich mich beim Thema Religionen darauf, die anzugeben, die es gab und denen angehörte, wem es gefiel. Ehrlich gesagt fügte ich hinzu, dass es Menschen gab, die keine Religion ausübten. Ich weiss, das missfällt jenen, die aus den Lehrern Handelsvertreter für Religion machen möchten und zwar, um genauer zu sein, für katholische Religion. An der Ecole normale von Algier (damals im Parc de Galland untergebracht) waren mein Vater und seine Kameraden verpflichtet, jeden Sonntag zur Messe und zum Abendmahl zu gehen. Wütend über diesen Zwang, legte er die "heilige" Hostie in ein Messbuch, das er zuklappte! Der Direktor der Ecole wurde davon in Kenntnis gesetzt und hat nicht gezögert, meinen Vater von der Schule zu verweisen. Genau das wollen die Anhänger der "freien" Schule (frei...so zu denken wie sie). Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Abgeordnetenkammer fürchte ich, dass der Anschlag Erfolg hat. Das Canard Enchaîné hat gemeldet, in einem Departement finde der Unterricht in hundert Klassen der nichtkirchlichen Schule unter dem Kruzifix an der Wand statt. Ich sehe darin einen schändlichen Anschlag auf das Gewissen der Kinder. Wie wird es vielleicht in einiger Zeit sein? Diese Gedanken machen mich tief traurig.
Mein lieber Kleiner, ich komme ans Ende meiner 4. Seite: bitte entschuldige, dass ich Dir Deine Zeit raube. Hier geht es allen gut. Christian, mein Schwiegersohn, beginnt morgen seinen 27. Monat Militärdienst!
Du sollst wissen, dass ich, auch wenn ich nicht schreibe, oft an Euch alle denke.
Madame Germain und ich umarmen Euch vier ganz fest.
Mit herzlichem Gruss
Germain Louis

*
Liebste Marlena, es ist wunderschön zu wissen, dass du dich auch für diese Dinge interessierst. Und es inspiriert mich und beflügelt mich, diesen Dingen nachzugehen und sie mir etwas genauer anzuschauen. Wir könnten feine Gespräche darüber haben.
Und jetzt bin ich todmüde und schicke dieses Mail. Du musst es nicht gleich alles durchlesen, wenn du keine Zeit hast. Eile ist hier nicht nötig. Aber das wirst du nun ja erst am Ende lesen, kannst es also nicht wissen, bevor du es wirklich gelesen hast.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit, meine Liebe
...


Der Brief von Albert Camus

 



in English:

Dear Monsieur Germain,
I let the commotion around me these days subside a bit before speaking to you from the bottom of my heart. I have just been given far too great an honour, one I neither sought nor solicited.
But when I heard the news, my first thought, after my mother, was of you. Without you, without the affectionate hand you extended to the small poor child that I was, without your teaching and example, none of all this would have happened.
I don’t make too much of this sort of honour. But at least it gives me the opportunity to tell you what you have been and still are for me, and to assure you that your efforts, your work, and the generous heart you put into it still live in one of your little schoolboys who, despite the years, has never stopped being your grateful pupil. I embrace you with all my heart.
Albert Camus


et en français  

Cher Monsieur Germain,

J’ai laissé s’éteindre un peu le bruit qui m’a entouré tous ces jours-ci avant de venir vous parler un peu de tout mon cœur. On vient de me faire un bien trop grand honneur, que je n’ai ni recherché ni sollicité. Mais quand j’ai appris la nouvelle, ma première pensée, après ma mère, a été pour vous. Sans vous, sans cette main affectueuse que vous avez tendue au petit enfant pauvre que j’étais, sans votre enseignement, et votre exemple, rien de tout cela ne serait arrivé. Je ne me fais pas un monde de cette sorte d’honneur mais celui-là est du moins une occasion pour vous dire ce que vous avez été, et êtes toujours pour moi, et pour vous assurer que vos efforts, votre travail et le cœur généreux que vous y mettiez sont toujours vivants chez un de vos petits écoliers qui, malgré l’âge, n’a pas cessé d’être votre reconnaissant élève.

Je vous embrasse, de toutes mes forces.

Albert Camus 

 

Montag, 4. Mai 2026

Frage - ein Brief


Liebe Marlena
Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben. Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne zitiere ich ihn, um zu zeigen, wie sehr Lehrer das Leben ihrer jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunft-Arbeit. Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig die Bedeutung der Schule darstellt.

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19. November 1957
Lieber Herr G.
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um mich war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine viel zu grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke, nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen.
Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen die Arbeit und Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie von ganzem Herzen.

Signatur

Samstag, 2. Mai 2026

Interessantes Thema?

 

Liebe Marlena

...

Ich war rasch im Städtli, wie wir sagen, und dabei habe ich meinen Chef getroffen. Wir begegnen uns wie eher flüchtig Bekannte. Er grüsst freundlich, nicht mehr, ich auch, nicht mehr. Wir hatten beide einen grossen Hut auf, er einen schnittigen und geformten, ich so eher eine existenzialistische Filzbeule. Aber wir haben beide den Hut nicht abgenommen beim Gruss. Ich habe wenigstens die Hand gehoben, weil ich dachte, ich müsste doch irgendwie ... die Kopfbedeckung lüften. So einen lauen Hitlergruss habe ich gemacht. Nein, es ist nicht die richtige Bezeichnung, aber Du weißt jetzt vielleicht, was ich meine. Er hat sein schnittiges Möbel auf dem Kopf nicht bewegt. Und ich habe mir gedacht, wie man denn einen solchen Hut tragen kann, wenn man nicht mit ihm umzugehen weiss.

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Doch das ist kein interessantes Thema.

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Re:

Lieber ... ,