Freitag, 1. Mai 2026

Varlin

  


Liebe Marlena

Gestern Abend habe ich im Fernsehen einen Film über Varlin gesehen. Das ist einer meiner lieben Maler, ein Schweizer aus Zürich. Ich habe Dir schon mal von meinem Varlin erzählt. Er hatte mit bürgerlichem Namen eigentlich Willy Guggenheim geheissen. Doch sein Händler hat ihm geraten, sich ein Pseudonym zuzulegen, denn Guggenheim werde zu sehr mit Geld und amerikanischem Judentum in Verbindung gebracht. Das war ein schöner Film. Ich habe erstmals seine Tochter Patricia gesehen, die er noch oft gemalt hatte als kleines, rundliches Monster, einmal hoch zu Ross auf einem weissen Karussel-Pferd thronend. Sie ist eine bescheidene Frau, gleicht ihrer Mutter, und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Nachlass ihres Vaters zu verwalten. Deshalb hat sie Kunstgeschichte studiert.
Aber dieser Varlin war bis etwa 60 jährig fast ohne finanzielle Mittel. Er hat in seinen letzten Jahren Erfolg gehabt und viele Berühmtheiten porträtiert. Aber das war wirklich erst, als er nicht mehr jung war. Und doch hat er sein Leben lang hart an seinen Bildern gearbeitet, immer wieder. Es war eine Art Sisyphus-Arbeit. Und er hat diese Vergeblichkeit auch irgendwie in den Bildern zum Ausdruck gebracht. Er war einer der letzten romantischen Künstlernaturen in der Schweiz. Die heutigen Maler sind nicht mehr romantisch. Sie machen ihre Bilder wie business. Er hat noch seine ganze Existenz hineingeworfen.
Ich hätte immer gerne ein Bild von Varlin gehabt. Aber damals, vor etwa 30 Jahren, als in Aarau die grosse Ausstellung war, da hatte ich bloss meinen ersten Lohn. Und ein Bild wäre etwa drei Monatssaläre gewesen. Das konnte ich damals nun doch nicht. Schade.
Varlin hat ja mit ungefähr 60 eine Frau aus den Bergen geheiratet, die junge Franca aus Bondo im Bergell. Und schliesslich ist er mit ihr dort hinauf gegangen und ist dort oben, abseits von Zürich und der Welt, gestorben. Die grossen wie Dürrenmatt, Frisch oder Loetscher haben ihn dort oben besucht. Seine Tochter hat im Film erzählt, dass er das Leben im Dorf sehr genossen habe, obwohl es ihm keiner zugetraut hätte, denn nach Berlin, nach Paris und nach Zürich war Bondo wohl ein absolut verlorenes Nest.
Und sie hat noch etwas sehr schönes über ihren Vater gesagt. Sie meinte, sie hätte ihn nie als alten Vater erlebt. Er war um die 60, als sie geboren wurde. Aber er habe mit ihr gespielt und Blödsinn gemacht, wie alle anderen Väter. Und er habe später, als er krank war, nie etwas davon gezeigt. Irgendwie war er ein Lebenskünstler. Hat sich sein Leben lang darum bemüht, gute Bilder zu machen. Und war lange Zeit der einzige, der sie als gut befunden hat. Nein, nicht einmal das. Er konnte auf kleinste Kritiken reagieren und seine Bilder wieder ändern. Er hat auf Unsicherheit gebaut, hat Loetscher im Film gesagt.

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Re:

Lieber ...,
Ich habe ein wenig im Internet herumgesucht und schau hier, was ich gefunden habe. Von diesem Film hast du mir doch gerade erzählt, oder?
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Varlin

Varlin, der Clown, Varlin, der zornige Kerl, Varlin der Querschläger. Varlin, der Vagabund, der es mit knapp zwanzig Jahren nicht mehr aushält in der Schweiz, der nach Berlin und Paris geht, um Maler zu werden, später dann lange Jahre in Zürich lebt und arbeitet, ohne sich zugehörig zu fühlen. Varlin, der im Alter erst zur Ruhe und aus den finanziellen Nöten kommt. In VARLIN porträtiert Friedrich Kappeler, der sich mit Dokumentarfilmen wie «Der schöne Augenblick», «Adolf Dietrich, Kunstmaler» und «Gerhard Meier Die Ballade vom Schreiben» den Ruf eines begnadeten Dokumentar-Porträtisten holte, den Schweizer Maler, dessen Bilder von zurückgehaltener Energie bisweilen zu zerplatzen scheinen. Die gutbürgerlich geprägte Schweizer Kunstszene kann zu Lebzeiten des Künstlers mit dem figurativ malenden Juden, der zudem noch freche Sprüche klopft, nicht viel anfangen. Freunde findet er vor allem unter Aussenseitern und Schriftstellern. In den Nachkriegsjahren macht sich Varlin, stets malend, auf ausgedehnte Reisen. Der Zürcher Szene immer überdrüssiger werdend, wird nach seiner Heirat mit Franca Giovanoli das Dorf Bondo im bündnerischen Bergell zum bevorzugten Wohnsitz. Hier schafft Varlin von 1963-1977 sein qualitativ und quantitativ herausragendes Spätwerk.

In seinem Film VARLIN lässt Regisseur Friedrich Kappeler den 1900 geborenen und 1977 verstorbenen Maler in Begegnungen mit dessen Bekannten und Verwandten, in seinen Bildern und Schriften wieder zu Wort kommen. Und was man da nebst bekannten Werken wie «Die Heilsarmee» und den Porträts von Hulda Zumsteg, Max Frisch, Hugo Loetscher oder Friedrich Dürrenmatt entdeckt, ist ein Mann voller Widersprüche. Ein mutiger und scharf denkender Künstler einerseits, ein unsicherer und verletzlicher Gefühlsmensch andererseits ein Maler, der mit Pinsel und Farbe die Pracht von Alltagsgegenständen, aber auch die Brüchigkeit der menschlichen Existenz einfing.

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In Dürrenmatts unmittelbarer künstlerischer Nähe gab es eine prominente Inspirationsfigur, die ihn in seinen eigenen dunklen Visionen bestärkte: der Künstlerfreund Varlin, dessen böse Bilder und Abbilder der Gesellschaft (so z. B. "Die Völlerei" und "Die Heilsarmee") zweifelsfrei ihre - schwarzen - Spuren in Dürrenmatts Malerei hinterliessen.


 
Die Völlerei

 
Dürrenmatt lernte Willy Guggenheim, genannt Varlin, 1961 in der Zürcher "Kronenhalle" kennen und blieb ihm bis zu dessen Tod 1977 freundschaftlich verbunden. Künstlerisch verkörperte Varlin für ihn den Typus des hartnäckig um und mit Realität ringenden figurativen Malers, der die Welt so (finster) sah, wie er sie porträtierte. Nicht weniger wichtig war für Dürrenmatt die Art und Weise der materiellen Realisation der Varlinschen Porträts und Geschichten auf dem Bildträger: wilde, zuweilen pastos-zerklüftete, zuweilen weiche, flächige Bildhäute; beschränkte Tonvariationen, dominiert von Schwarz, das seinen Schatten auch auf alle anderen Farben wirft - alles in allem die totale Absage an jegliche Ästhetik und Vollkommenheit.

Varlins Malerbrief aus Neapel aus dem Jahr 1963 beginnt mit einer Hymne auf die Farbe Schwarz als Zeichen für moderne, ungeschminkte Wirklichkeit:

"Schwarz, diese noble Farbe, die schon seit Plato Erkennen und Vergessen bedeutet, wurde von den modernen Malern in Reaktion auf sinnlich verlogene bourgeoise Farbensymphonien zur führenden Farbe erhoben. Ganz Kühne vermischen auf unpräparierten Kohlensäcken mit der Farbe noch Schutt und Dreck. Wundert man sich da, dass ausländische Maler im patinalosen Zürich nur zum Inkasso erscheinen und nach ein paar Gesprächen in der "Kronenhalle" sofort wieder verschwinden?"

 

 

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