Ämne: Rückblick..
Lieber ...,
Hier passiert nicht so viel im Moment (sonst ja eigentlich auch nicht ). Aber da mir im Augenblick nichts anderes einfällt, werde ich versuchen, dir ein wenig von meiner Zeit in Uppsala zu erzählen.
Uppsala ist die Universitätsstadt par préférence und ich hatte das grosse Glück, dass meine Eltern gerade im richtigen Moment dorthin zogen. Ich hatte im Frühjahr das Abitur gemacht und war eigentlich noch nicht ganz sicher, was ich studieren wollte. Ein wenig dachte ich an eine Dolmetscherschule in der Schweiz. Ja, du hast richtig gehört :-) Aber da ich mich nun mitten im akademischen Zentrum von Schweden befand, war es natürlich, dass ich dort anfing zu studieren.
Uppsala ist eine kleine gemütliche Stadt ungefähr eine Stunde von Stockholm. Das Zentrum ist ziemlich klein, nur zwei sich kreuzende Strassen und mittendurch fliesst ein kleiner Bach (Fluss?). Es sieht ein wenig altertümlich aus und romantisch. Die dominierenden Gebäude sind der Dom (siehe Bild), die schöne Universität, das grosse Schloss und die Universitätsbibliothek "Carolina Rediviva" wo man die Silberbibel, den "Codex Argenteus" findet (nach dem 30-jährigen Krieg von den grausamen Schweden von Prag als Beute heimgeführt ). Man sagt oft aus Spass: Alles Sehenswerte, was es bei uns gibt, ist gestohlen. ;-)
Wie du schon weißt wohnten wir zuerst in einer Mietwohnung ein paar Kilometer vom Zentrum. Es war bequem, aber auch etwas schwierig, weil wir ja unsere beiden Katzen mitgebracht hatten. Es gab mehrere Hochhäuser ganz in der Nähe, in denen viele Studentenwohnungen eingeräumt waren, aber unser Haus grenzte an ein Villenviertel mit schönen Gärten. So konnte ich von meinem Schreibtisch aus die Natur betrachten und die Jahreszeiten verfolgen.Wir hatten unsere Freunde in Stockholm mit Umgebung zurückgelassen, aber es dauerte nicht lange, bevor Tante sowohl wie Onkel (meine Eltern) wieder neue Freunde gefunden hatten, und wie es sich eben gehörte, originelle oder vornehme, manchmal sogar beides in derselben Person.
Als "gute" Katholiken gingen wir Sonntags in die Messe, in eine kleine Kapelle, die immer voll besetzt war. Es war wohl mehr ein soziales Verhalten als Religion, obwohl meine Eltern das nie zugegeben hätten. Nach der Messe stand man ziemlich lange vor der Kirche und unterhielt sich mit den anderen Kirchenbesuchern. Ich sehe sie noch vor mir, meine liebe Tante. Gross und elegant schien sie irgendwie der Mittelpunkt zu sein. Es war fast wie eine grosse Familie. Und natürlich liess mein Onkel seinen Charme auch über die Nonnen fliessen. ;-) Ein paar Patres und Nonnen waren auch immer dabei. Sie wohnten alle im selben Haus und die Nonnen führten den Patern den Haushalt. Ich musste meine Vorstellung von Nonnen damals sehr revidieren. Sie schweben nicht in den Wolken (wie ich geglaubt hatte), sondern stehen alle fest mit den Beinen auf der Erde.
Dadurch dass ich zu Hause wohnen konnte, war ich nicht so sehr auf die anderen angewiesen. Ich hatte bald ein paar neue Freunde unter den anderen Studenten, aber vor allem in der Gruppe von katholischen Akademikern. Sie waren sehr verschieden. Manche wie ich, manche warm religiös und dann noch die Konvertiten, die mir immer ein wenig überspannt vorkamen, weil sie alles so ernst nahmen. Ich war dann auch Sekretärin im katholischen Akademikerverein (AC) und wir arrangierten Vorträge, Veranstaltungen und Feste. Ausserdem hatten wir jeden Sonntagabend "Open House" für die Studenten. Man diskutierte viel über Gott und die Welt (meist über die Welt) und vielleicht kamen einige doch mehr wegen der schönen Mädchen ... Kurz gesagt, wir amüsierten uns köstlich. Und alles unter klerikaler Aufsicht ;-)
Dann hatte ich eine Freundin, die etwas speziell war. Ich glaube, sie war so 26 (ein schrecklich hohes Alter in meinen Augen) und mit einem bedeutend älteren Professor in Geschichte an der Uni verheiratet. Nach den Vorlesungen brachte sie mich ab und zu in ihrem Auto nach Hause und wir wurden gute Freunde. Sie war schön und fröhlich, aber sie kam mir etwas einsam vor und ich glaube, sie muss sich gelangweilt haben. Manchmal war ich zu "Damentreffen" (?) bei ihr eingeladen und ich sag dir, so langweilige Typen wie es da gab, habe ich später im Leben kaum gesehen. Schöner waren die grossen Feste, zu denen sie mich einlud. Sie fanden meist in dem Festsaal einer Studentennation statt mit hunderten von prominenten Gästen. Professoren, Regierungsmitglieder und dergleichen und dann wir junge Studenten, die wohl ihretwegen eingeladen waren. Es war ein komisches Gefühl, mit einem wilden Aussenminister zu tanzen oder sich mit einem Professor, dessen blosser Namen jedem Studenten Schreck einflösste, über Kellereinbrüche zu unterhalten. :-)
Eine andere Freundin war Pianistin und manchmal gingen wir zusammen mit einem jungen werdenden Opernsänger in eine Nation. Sie setzte sich an den Flügel und begleitete ihn, während er Schubertlieder oder irgendeine Arie sang. Ich war das begeisterte Publikum.
Ach, es war wirklich schön.
Und vielleicht muss ich dir auch von Peter erzählen. Er war Mathematikstudent und wohnte bei einer alten (uralten!) Majorin. Er gab oft schöne Feste bei sich zu Hause. Bei solchen Gelegenheiten durfte er ihren grossen schönen Salon verwenden. Die Mädchen beklagten sich, dass sie ihn nie am Telefon erreichen konnten, weil die Majorin immer sagte, er sei nicht zu Hause. Aber wenn sie sagten, sie seien Marlena, holte sie ihn sofort ans Telefon. Er bekam ständig Anrufe von Marlena, aber nie von mir. :-) Du hattest recht. Ich war ein "Schwiegermuttertraum" ;-)
Damals gab es noch keinen Computer, aber die Schneckenpost funktionierte ausgezeichnet.
Doch darüber ein anderes Mal.
Ich muss zurück in die Gegenwart.
KKK
Marlena
PS Danke für das gute Frühstück.. ich habe es sehr genossen.

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