Ämne: Gloomy Sunday evening
Am Samstag bin ich nach L. gefahren, um Anna dort abzuholen. Ich liebe diese 1½ Stunden im Auto, wo ich mir selbst nicht entkommen kann. Und mein Wohlbefinden steigt mit der Entfernung von zu Hause... Ich geniesse den Anblick der wunderschönen Landschaft und denke: solange ich sehen kann, wird es immer wieder Stunden von Glück geben in meinem Leben. Nach einer halben Stunde komme ich zu der Stelle mit den Wildgehegen rechts und links. Hirsche und Rehe in grossen Mengen weiden dort. Immer wieder tauchen kleine Häuschen auf am Strassenrand mit schönen Gärten und ab und zu ein kleiner See, der bis zur Strasse geht. Und dann später kommt die "Slalomstrecke" und der Rennfahrer in mir erwacht. Kurve auf Kurve und keine gerade Strecke dazwischen. Aber ich muss mich zurückhalten, denn vielleicht hat einer, der mir entgegenkommt, denselben Gedanken wie ich.
Diesmal parke ich direkt vor der Haustür bei Anna, denn ich habe einen Staubsauger mitgebracht und werde ein bisschen staubsaugen bis Anna kommt. Sie haben einen gemeinsamen, aber der lärmt wie ein Düsenflugzeug und hat längst seine eigentliche Aufgabe vergessen. Ich bin etwas früher von zu Hause losgefahren, weil ich dir von dort aus schreiben wollte. Aber dann zeigte sich, dass der Server nicht funktionierte (kein Internetanschluss) und so habe ich mich eben ein wenig nützlich gemacht. Ich war ganz überrascht davon, wie schön sie es hat in ihrem Zimmer. Richtig gemütlich sah es aus.
Dann, als Anna nach Hause kam von ihrer Prüfung, haben wir nur schnell alles eingepackt und uns sofort auf den Heimweg gemacht. Zuerst habe ich noch Äpfel und Pflaumen hingestellt und das russische Mädchen begrüßt, das in dem Korridor wohnt. Sie ist sehr hübsch und scheint nett zu sein. Anna findet es komisch, dass die anderen so selten mit ihr sprechen und sich auf schwedisch unterhalten, wenn sie dabei ist.
Am Abend haben wir gut gegessen (Lachs) und ein wenig Fernsehen geschaut. Es gab eine interessante Reportage von der Buchmesse in Göteborg, ein intellektueller Treffpunkt, der einmal jährlich stattfindet. Ich habe dabei an dich gedacht und wie es dir gefallen hätte. Viele berühmte Schriftsteller sind anwesend und lassen sich interviewen. Das grosse "dragplåster" (Publikumsmagnet) diesmal war Chomsky, der Amerikaner mit den "eigenen" Ansichten, ich denke du wirst ihn kennen. Und man hat von vielen neuen Büchern gesprochen u.a. von einem mit dem Titel "Die Tyrannei des Augenblicks" von dem norwegischen Sozialanthropologen Thomas Hylland Eriksen. Ich glaube du solltest es lesen.
Es gab ein Buch über den "richtigen" Vater von Pippi Langstrumpf, d.h. den Mann, den Astrid Lindgren als Vorbild hatte. Er hat Anfang des vorigen Jahrhunderts eine farbige Frau geheiratet (eine Sensation zu der Zeit) und er hat auch Gold gefunden (heute die grösste Goldgrube der Welt).
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Ich wünsche dir einen guten Start in die nächste Woche. Schick mir bald wieder ein wenig seelische Nahrung. :-)
Mit einem lieben Gruss
Marlena
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