Date: Sat, 12 Aug 16:32
Liebe Marlena
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Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch B hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es S immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Engehlab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht soserh auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert u nd geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
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