Sonntag, 25. Januar 2026

„der diskrete Charme der Bourgeoisie"

 Gedanken über.. (2)


Es gibt doch zur Zeit diese Evolutionsbiologie oder auch Sozialbiologie, die so populär ist und mit deren Erkenntnissen man die Evolution und den Darwinismus zu stützen meint. Letzten Samstag waren wir in Basel zum Essen eingeladen, und am Tisch hat sich ein Gespräch über diese Themen ergeben. Unter anderem stand eine Erkenntnis der Evolutionsbiologen zur Diskussion, wonach Frauen in den empfänglichen Tagen mehr auf physisch virile Männer (ich nehme an: athletische Figur, männliches Gehabe, starker Haarwuchs, tiefe Stimme etc.) ansprechen, während sie in den übrigen Tagen mehr jene Männer mögen, die Stabilität und Zuverlässigkeit versprechen (ich nehme an: materielle Sicherheit, guter Job, freundliches und rücksichtsvolles Wesen, Verständnis). Und dazu haben wir Hühnchen gegessen mit Kartoffeln und Spinat, dies nach einem Broccoli-Auflauf als Voressen und einem Cinzano als Apero. Allerdings, das muss auch gesagt sein, haben sich eher die Männer an der Diskussion und am Hühnchen beteiligt als die Frauen. Für die Frauen scheinen diese evolutionsbiologischen Überlegungen und das fette Poulet sehr weit hergeholt zu sein.

Es ist lustig, zu essen und zu diskutieren. Das mag ich sehr, in einer Runde von anregenden und interessanten Leuten. Das ist leider nicht immer der Fall, manchmal gibt es so langweiligen small-talk, dass man lieber zuhause bleiben würde. Aber wenn es funkt, komme ich richtig in Schuss, und wenn dazu noch eine Flasche trinkbaren Bourgogne oder Bordeaux auf dem Tisch steht, ist der Abend so gut wie gerettet. Das war samstags der Fall. Das ist „der diskrete Charme der Bourgeoisie", wie jener französische Spielfilm damals so schön geheissen hatte. Du siehst, Marlena, wir sind so arrivierte und gesetzte Männer geworden, die nach einem guten Essen leicht die Revolution ausrufen, um sie dann aber, wenn die Müdigkeit des vollen Magens auftaucht, leicht wieder fahren lassen. Die jungen Leute werden uns belächeln.
...

Samstag, 24. Januar 2026

Zukunft ... und Vergangenheit

 

"... Dann jeweils bleibt mir der Atem weg und ich weiss nicht mehr, was ich denken soll."

Ämne: Ich werde es schaffen..

Liebster Mausfreund,
Denke nicht, chéri! Streich mir nur lieb über das Haar und sag: Sei nicht traurig, alles geht vorüber.. Das ist was du tun kannst. Und du tust es ja auch. Schreibst mir deine schönen Mails die mich den Alltag vergessen lassen. Mir ist schon in den Sinn gekommen dass ich vielleicht nicht die richtigen Valeure der Wörter "Elend" und "miserabel" kenne. Bei uns sind das alltägliche Wörter, die jeder ab und zu verwendet. Gib mir ein paar andere.. :-)
Natürlich bist du ein Künstler. Das weiss ich doch! Ich meine nur dass es schade ist, dass es nicht auch alle anderen wissen. Und doch liebe ich es, dieses kleine Geheimnis zu haben. Zu wissen wie und wer du bist. Das macht mich stolz und reich.
So, jetzt aber genug mit Lob sonst wirst du zu eingebildet. ;-)
Aber natürlich werde ich deinen Brief noch ein paar mal durchlesen und geniessen. Und das schöne Bügelbild werde ich mir so aufhängen dass ich es immer beim Bügeln sehen kann und ich werde mich dabei so energisch und glücklich fühlen wie die Frau auf dem Bild.
Anna hat es auch sehr gefallen und sie hat sich gewundert wie du so gut wissen kannst wie ich aussehe. Zum Glück hat sie dabei gelacht. ;-)
*
Gestern Abend kam ich absolut nicht in diese Mailbox und so konnte ich mir vorstellen dass dort ein schönes Mail auf mich wartete. Und als ich sie dann heute Morgen leer fand habe ich nur festgestellt dass Vorfreude eigentlich auch Freude ist und dass Angst vor "Elend" auch schon ein bisschen Elend ist. So leben wir eben ständig in Gedanken an die Zukunft und Erinnerungen an die Vergangenheit.
*
Gibst du mir auch einen Schluck von deinem Espresso? Oder komme ich schon zu spät? Schreib mir ein paar Zeilen, Schatz, wenn du dazu kommt.. auch wenn du nicht dazu kommst. Ich sehnsuche deine Worte..
In Maladi
Marlena

Donnerstag, 22. Januar 2026

Re: Mon amour

 

Subject: Re: mon amour
Date: Sun, 20 Aug 10:39


Liebste Marlena
Dein schöner französischer Brief beginnt so: et tu m'as sauvé la soirée avec ta belle lettre ... Ist das wirklich Dein Anfang, oder fehlt noch ein Stück? Falls ein Stück fehlt, kannst Du mir den Rest noch schicken? Falls nichts fehlt, bewundere ich Deine unkonventionelle Art zu schreiben. Es ist dann wie ins Wasser springen. Unmittelbar ist man mitten drin, ohne Vorwarnung und Einleitung. Es ist wirklich etwas peinlich, dass ich devenu voleur bin. Ich würde das sonst auch keinem Menschen verraten. Und stell Dir vor, sie hätten mich erwischt. Ich nehme an, sie lassen auch bei solch kleinen Sachen die Polizei kommen. Es ist wirklich nicht auszudenken.
Und Du mein Liebes denkst, ich hätte das für und wegen Dir gemacht!! Nun ja, im weiteren Sinne hat es sicherlich mit Dir zu tun, wie Du richtig interpretierst. Aber wir sollten deshalb nicht gleich eine Karriere à la Bonni and Clyde wählen. Das denn doch lieber nicht.
Hast Du etwas von Kaas gefunden? Ist sie denn in Schweden nicht bekannt? Mein kleiner Bruder hat mir vor Jahren einige Kasetten kopiert mit Chansons von ihr. Aber ich habe nie so richtig Feuer gefangen, obwohl ich sehr wohl hörte, dass sie Qualität hat. Sie ist eine andere Zeit als Barbara, sie hat auch mehr Variationen zur Verfügung. Und sie ist weniger morbid als die schwarze Barbara. Heute, da Du mein Ohr fürs Französische wieder geöffnet hast, finde ich sie echt gut und geniesse sie.

Dass ich mit meinem Brief Deinen Abend gerettet hätte, hat mich gefreut, aber auch erstaunt. Ich war wirklich in einer Verlegenheit und hatte am Schluss meines Mails den Eindruck, ich sei nicht wirklich voran gekommen. Ich war so hart an einer Argumentiererei vorbeigeraten und ich wusste nicht, ob ich das Ding, dh. das Mail, überhaupt abschicken sollte. Und jetzt findest Du den Brief schön! Die Welt hat doch manchmal noch Überraschungen bereit!

Du schlägst vor, die Iran-Erfahrungen erst schmelzen zu lassen, bevor wir mit Rom anfangen. Ein sehr weiser Vorschlag, meine Liebe. Hast Du denn noch irgend was zu schmelzen? Du hast mir nie erzählt, was Du denn aus den Büchern erfahren hast, was Dich am meisten beeindruckt hat und wo weiter? Du hast nur die maman bozorgh erwähnt, und damit gezeigt, dass Du einen guten Blick für die strategischen Momente hast.
Wir sind hier immer noch beschäftigt mit meiner Tasche, die uns fehlt. Die Swissair sucht und sucht, hat aber noch nichts gefunden. Und wir machen uns daran, eine Liste des Inhaltes zu erstellen. Und je mehr mir in den Sinn kommt, desto mehr ärgert mich der Verlust. Es war unter anderem ein wunderbarer russischer Samovar drin, meine Reisekamera mit Filmen, einige Bücher, mein französisches Buch der Proverbes, Kleider, Süssigkeiten, Necessaire. Es kommt mir nur so allmählich in den Sinn.
Und dazu gab es noch eine weitere Erfahrung zu schmelzen. Als wir in Basel ankamen, war A mit unserem Auto da, um uns abzuholen. Sie hatte ja ihre Ferien mit drei Mädchen in Spanien und Portugal verbracht, war dann noch ins Tessin gereist, aber insgesamt war sie früher zurück als wir. Und das erste, was sie uns nach den Begrüssungsküssen auf dem Flughafen erzählte, war die Frage, ob sie die schlechte Nachricht gleich jetzt oder erst zuhause erzählen sollte. Ihr waren Haus- und Autoschlüssel inklusive Autopapiere gestohlen worden. Sie war am Vorabend mit dem Auto in Basel, in ihrem bevorzugten Dancing. Und dort war ihr die ganze Tasche mit Inhalt gestohlen worden. Ich war wirklich sehr verärgert und konnte nicht glauben, dass meine Tochter so dumm sei, sich all diese Dinge gleichzeitig klauen zu lassen. Sie wollte es so darstellen, dass sie eben Pech gehabt hätte. Und ich war damit nicht einverstanden undd wollte es eher als ein Versagen ihrerseits sehen. Es ist ein Dancing für Junge und man kann die Tasche nicht einfach irgendwo hinlegen. Und man kann schon gar nicht all diese Dinge in der Tasche mitführen, wenn man dorthin geht. Dann lässt man besser die Fahrzeugpapiere im Auto oder gar zuhause. Kurz und gut, die Luft war ziemlich dick zu Anfang. Und A war alles sehr unangenehm und sie versuchte auf verschiedenste Arten, die Sache wieder einigermassen in Ordnung zu bringen. Sie hatte eigentlich nach dem Diebstahl recht gut reagiert. Sie wusste, der Dieb hat Auto- und Hausschlüssel, hat aufgrund der Papiere auch die Adresse. Sie hat sofort die Polizei benachrichtigt, ist mit der Freundin heimgefahren. Sie wollte, dass die Polizei sie heimbringe, weil ein Taxi zu teuer wäre. Und sie hatte Angst, dass der Dieb in der Zwischenzeit noch unser Haus ausrauben würde. Aber die Polizei fuhr nicht und das Taxi war ihr zu teuer. So ist sie mit dem Zug gefahren (abwohl auch das Abonnement weg war). Zuerst suchte sie einen Hausschlüssel, und zwar bei der Frau, die während der Ferien unseren Garten gespritzt hatte. Sie weckte also Vanessa, deren Tochter und ihre alte Freundin. Aber da war kein Schlüssel. Dann holte sie sich bei der Freundin, die mit ihr war, eine Leiter, um durch irgend ein Fenster einsteigen zu können. Aber da war kein Fenster offen. So musste sie sich entschliessen, eine Scheibe einzuschlagen. Und ich muss ihr als Vater zugestehen, dass sie das richtige Fenster gewählt hat. Dann hatte sie endlich wieder einen Autoschlüssel und kehrte sofort zurück nach Basel, um das Auto zu holen. Na ja, ich glaube, sie hatte eine echt turbulente Nacht. Aber sie hat ziemlich gut reagiert.
Und schliesslich, liebe Marlena, das ist der clou de l`histoire, schliesslich haben wir 3 Tage später ein Telefon bekommen, dass das Abonnement (darauf steht auch ihre Adresse) gefunden worden sei. Wir gingen hin, und es stellte sich heraus, dass auch die Tasche dort war, und die beiden Schlüssel waren immer noch in der Tasche. Aber niemand hatte natürlich gewusst, dass diese Tasche und das Abo zusammengehörten. Zum Schluss fehlten also nur noch der Fahrzeugausweis und ihr Fahrausweis. Und das kleine Abo war der Schlüssel zur ganzen Lösung gewesen. Das war doch noch einigermassen zu verkraften, denn wir mussten jetzt nicht alle Schlösser wechseln an Haus und Auto. Es zeigte sich, dass der Dieb nur an Bargeld interessiert gewesen war. Und es ist wie so oft: der Schaden, den er anrichtet, ist bei weitem grösser als seine Beute, die er sich holt. So ist die Sache noch einigermassen glimpflich ausgegangen. Und ich bin sicher, es war eine gute Erfahrung für A. Sie wird nächstes Mal besser acht geben. Gestern abend war sie mit B und mit Dominique, einer Freundin, wieder mit dem Auto unterwegs. Ich habe lange gezögert, bis ich meine Bewilligung gegeben hatte. Ich habe zusätzlich noch mehr Zögern gespielt. Aber ich denke, sie hat ihre Lektion gelernt.
*
Und, meine liebe Marlena, am meisten berührt an Deinem Mail hat mich die Episode, wo du aus Deiner Kindheit erzählst. Ich habe das Mädchen gesehen, das Oh mein Papa singt, von "diese wunderschene Mann..." oder so ähnlich. Das ist wirklich sehr rührend. Ich hätte euch beide am liebsten umarmt, d.h. die kleine Marlena und die grosse Marlena. Haben sie Dir früher, als Mädchen, auch Marlena gesagt oder hattest Du einen Kosenamen? Ich glaube, Du hast früh in Deinem Leben gelernt zu sehnsuchen!
*
Und schliesslich machst Du Nachforschungen und kommst zum Schluss: Et alors j'ai enfin compris que NOUS NOUS AIMONS tous les deux. Ach, Marlena, Du brauchst aber ziemlich lange, bis Du selbst geschmolzen bist !! ;--). Und vergiss nicht, mein Schatz, man muss das immer wieder erneuern, man muss dafür etwas tun. Und wir tun es mit Worten, mindestens vorläufig.
Ich wünsche Dir noch einen schönen und erholsamen Sonntag. Die zweite Woche wird bestimmt nicht mehr so streng sein. Das wünsche ich Dir auch.
KKK


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Dienstag, 20. Januar 2026

Nochmals Mr. Blix

(R) 


Liebe Marlena 
---
Gestern habe ich nochmals Mr. Blix im Fernsehen

gesehen. Er scheint ein mutiger Mann und es gefällt
mir, wenn er den Amis ein bisschen auf die Zehen tritt.
Er wird im Juni in Pension gehen, hat er offenbar
irgendwo geäussert, und hat die Absicht, sich in sein
Ferienhäuschen zurückzuziehen. Der Glückliche! Er
hatte wirklich eine Herkules-Mission zum Schluss
seiner Karriere. Und er hat als David zwischen den
übermächtigen und arroganten Goliaths sein Bestes
daraus gemacht. Jetzt geht er bald in sein Refugium.
















Ich stelle mir sein Ferienhäuschen vor an einem
menschenscheuen schwedischen See mit tintiger
Wasserfläche, umgeben von schwarzen Wäldern
voller neugieriger Grizzlis. Und über dem Eingang
des einfachen Blockhauses,...  die Jagdtrophäe,
das stattliche Riesengeweih eines Elchs, das in der
Hütte die bösen Geister fernhält. Mr Blix wird nicht
daran glauben, aber er weiss, ein solches Geweih
wirkt auch bei Ungläubigen. Er wird die Zeit der
bösen Geister definitiv hinter sich haben.
*

Ich bin unterbrochen worden. Und mittlerweile ist
es schon bald 11.00h. Ich will also, wie versprochen,
diesen Text in die Mühle geben, ...
Mit einem lieben Gruss zum schönen Tag.



Re:  Nochmals ...

Lieber ...,
---
Schade, dass du unterbrochen wurdest. Müsstest eigentlich ein Schild an die Tür hängen: Marlena-time, bitte nicht stören!

 











Ich glaube nicht, dass sich Blix ein Elchgeweih aufhängen wird. Für uns sind Elche etwas ziemlich alltägliches und wir verstehen nicht die Deutschen, die ganz verrückt sind nach diesen Tieren. Sogar unsere Verkehrsschilder mit Elchen drauf stehlen sie.
Aber sicher hat Blix ein schönes Sommerhäuschen irgendwo an einem See oder an der Küste. "Il faut cultiver notre jardin!" Wie recht er hatte, Voltaire. Das ist eine Beschäftigung, die einem im hohen Alter noch Freude machen kann.

Auch ein Schicksal

 

(R)

Foto: Chris



Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.

Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht' und säuselt' da herum.

Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.

Ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heiß geliebte Pflanze.



Wilhelm Busch




.

Sonntag, 18. Januar 2026

Karisierende Katzen?


Liebe Malou
---
Im Moment sehe ich auf dem Balkon gegenüber, bei der Drogerie, zwei schwarze Katzen sitzen. Ich glaube, sie karisieren. So hatte man damals im Wallis gesagt. Das heisst, sie sind daran, sich zu verlieben, oder sie tun es schon jetzt. Ist denn jetzt die Zeit für die Katzen? Und die Jungen kommen dann im März. Und es ist merkwürdig, wie gelangweilt die beiden ausschauen. Sie drehen den Kopf nach allen Seiten, um zu zeigen, dass das Gegenüber nicht wichtig sei. Ach nein, ich glaube nicht, dass Katzen so denken. Unmöglich. Wahrscheinlich sind sie bloss unschlüssig, wo und wie sie es treiben sollen, hier vor allen Leuten oder vielleicht lieber hinter der Mauer, wo sich die Mäuse darüber ergötzen?

Re:

Ach, deine Gedanken über die Katzen ;-))) Sie verraten einiges über dich, mein lieber Mausfreund. Ich persönlich glaube ihr Uninteresse an einander kommt davon, dass sie ganz einfach Geschwister sind. Und wenn sie sich suchend umgucken, na ja, dann ist es vielleicht um zu sehen bei wem man dann im März seine Serenade vortragen könnte. Wenn du wüsstest wie oft ich sowas gehört habe in meiner Kindheit. Manchmal war es ein ganzer Chor. Und dann sind sich die Rivalen in die Haare geflogen und es gab ein rieisges Geschrei sodass man im Nachthemd hinaus musste um die Liebeskranken wegzujagen. ;-)





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Katzen und F. Glauser




Liebe Malou
Du entdeckst hinter meiner Beobachtung der beiden Katzen meine Gedanken? Ich habe geschmunzelt bei dieser Bemerkung. Allerdings muss ich Dir erzählen, dass ich nicht alles geschrieben habe, was zu sehen war. Auf einmal, als die Katzen eine Weile so teilnahmlos dagesessen haben, ist die eine auf die andere zugegangen. Ich habe gedacht, sie würde nun schnuppern und ihrer Kollegin etwas positive Aufmerksamkeit schenken. Aber die andere hat völlig entnervt reagiert und hat versucht, ihr mit der Tatze eins runterzuwischen.
Kurz und gut, meine Beschreibung war nur zur Hälfte wahr. Der Rest war gänzlich anders. Ich hatte aber keine Zeit mehr, das alles in meine Beschreibung reinzunehmen. So habe ich es eben bei der Romanze bleiben lassen. In Wirklichkeit war es ein handfester Streit um Platzvorteile und um die Frage, wer denn wen in welcher Situation belästigen darf.
So siehst Du, meine Gedanken sind doch etwas komplexer, als Du annehmen willst.
Und dazu habe ich noch eine weitere Unklarheit. Im März kommen doch die jungen Katzen, und nicht die Serenaden? Bin ich falsch informiert über den Nachwuchs? Auf jeden Fall kommen die Jungen nicht gleichzeitig mit den Serenaden, soviel ist klar. Ich selbst habe in meinem Leben nicht oft karisierende Katzen gehört. Sie haben mich immer ein bisschen beunruhigt, denn sie klangen wie jammernde Kinder. Dieses Jammern hatte etwas Unheilvolles in seinem Klang, dachte ich immer. Aber Katzen, die streiten, habe ich sehr wohl gehört. Ich erinnere mich an Ferien in Italien, als die Katzen in der Nacht um den Eingang in die Hotelküche gestritten haben. Ich glaube, es war so, dass ein Teil der Küche im Freien eines Hinterhofes war. Und weil man dort wohl täglich Fische und andere geschmackvolle Frittures gemacht hat, sind die Katzen nachts ihrer Nase gefolgt und haben dort unten einen ordentlichen Krawall veranstaltet. Ich hatte mit meinem Bruder das Zimmer geteilt und wir hatten überlegt, was wir nun denn aus dem 2. oder vielleicht sogar 3. Stock hinunterwerfen könnten, um sie zu vertreiben. Aber, wenn ich mich recht erinnere, gab es in diesem Hotelzimmer überhaupt nichts Entbehrliches, was man so in nützlicher Weise hätte los werden können. Nichts, nicht mal eine zweite Seife war dort!!

Ja, habe ich gewusst, dass F. Glauser eine zeitlang in Liestal gelebt hat. Er kam von der Strafanstalt Witzwil im Kanton Bern hier zu einem Gärtner und beschreibt, wie er gleich am ersten Tag im Regen Himbeeren pflücken musste. Er war in der Tat ein armer und einsamer Typ, war sogar einige Zeit in der Fremdenlegion gewesen, obwohl man ihn früher einmal aus der Schweizer Armee ausgemustert hatte, weil er als Korporal nicht fähig war. Die Biographie, die ich lese, ist ziemlich detailliert und hält sich an all die Briefe, die Glauser geschrieben hat. Und auch in seinen Werken, gibt es Figuren die jenen der Realität nachgebildet sind. Auch solche Passagen zitiert der Autor der Biographie, um das Bild Glausers aus seinen Werken her noch zu beleuchten. Man kann so feststellen, dass gewisse Szenen und Vorgänge, die Glauser in den Romanen beschreibt, ziemlich genau so sich in seinem wirklichen Leben abgespielt hatten.
In seiner Liestaler Zeit beschreibt Glauser die Arbeit, seine gesundheitlichen Probleme und seine sonntäglichen Besuche in Basel. Er hatte dort einige Bekannte durchaus aus guter Gesellschaft, die er sonntags besuchte. Eine Frau muss er dabei geliebt haben: Beatrice Gutekunst. Es war bestimmt eine platonische Sache und es ist nicht klar, ob die Sympathien beidseits lagen. Auf jeden Fall hat Glauser diese Sache in seinen Briefen angedeutet und ein bisschen sentimental darauf hingewiesen, wie ergötzlich eine solche Beziehung sei. Na ja, er war sonst wirklich sehr allein und hat jede Nettigkeit in sich aufgesaugt. In Liestal hat er offenbar auch wieder in der Apotheke unten beim Amtshaus Heroin geklaut. Das war seine Spezialität und bestimmt einer der wichtigsten Gründe für sein ruheloses Leben ausserhalb bürgerlichen Rahmens. Sein Vater war eine hochgestellte Person, war Professor, Schulleiter und irgendwie Konsul in Mannheim. Er hat sich immer wieder um seinen Sohn Sorgen gemacht und gehofft, dass er sich bessern könne. Er hat ihn aber auch den Fürsorgebehörden der Schweiz ausgeliefert, weil er sah, dass ihm die Besserung nicht wirklich gelingen kann.

Aber irgendwie habe ich nicht wirklich Mitleid, mit dem armen Kerl. Ich merke, wie ich mich hinter dem klinischen Blick verschanze und überlege, weshalb Glauser immer wieder in dieselben Situationen gerät. Er war in dieser Hinsicht sehr unbelehrbar, während er doch andererseits feine Wahrnehmungen und Erkenntnisse machen konnte. Er erinnert mich an Hodler (weshalb eigentlich? Hodler war zu seiner Zeit bekannt und bestimmt nicht mehr ganz arm. Na ja, vielleicht waren sie ungefähr Zeitgenossen, und auch Hodler lebte einen guten Teil seines Lebens in der welschen Schweiz) Übrigens war Glauser an vielen Orten in der Schweiz, und wenn ich seine Biographie lese, erinnere ich mich an Städtchen und Dörfchen, wo ich einst gewesen war. Etwa Baumes im Berner Jura, wo wir im Militär oft waren. Dort war Glauser eine zeitlang auf einer Krankenstation. In der kantonalen Psychiatrischen Klinik Herisau war er zuletzt interniert und ist, so glaube ich, auch dort gestorben. Dort hatte ich eines meiner klinischen Praktika absolviert. Und an jene grosse Klinik denke ich heute noch gerne zurück, obwohl sie eine kantonale Insitution war, und diese alten Kliniken oft sehr düster und gefängnisartig wirken. Aber die Klinik Herisau lag ausserhalb des Ortes auf einem grünen Hügel mitten in einer wunderschönen Landschaft. Wir waren mehrere Praktikanten, Mädchen und Burschen, und wir hatten ein schönes Leben. Abends kochten wir gemeinsam Teigwaren und assen dann rund um einen tiefen Clubtisch, der mit tausend Dingen unordentlich und zigeunerhaft übersäht war. Eines Sonntag kam S zu Besuch, statt dass ich zurück nach Zürich fuhr. Ich erinnere mich, wie die Frau am Eingang mir Komplimente machte für meine elegante und hübsche Freundin. Wahrscheinlich hatte sie mich auch eher als Zigeuner angeschaut vorher. Und dann kam uns mein Onkel abholen, mit seinem überaus gepflegten Volvo, und wir hatten ein Wochenende am Bodensee.

Ach Du siehst, die alten Erinnerungen kommen. Ich muss sie abbrechen.
Mit lieben Gs und Ks




Freitag, 16. Januar 2026

Wetter in Göteborg -

snö och tö
"Obwohl es den Verkehr beeinträchtigt,
sind die Einwohner Göteborgs
vor allem froh und erstaunt."


12/1

15/1





Donnerstag, 15. Januar 2026

Sinnliche Prosa

 

Corot  Forum Romanum



Liebe Marlena
 ...
Ich habe gestern in Basel ein Büchlein einer russischen Schriftstellerin gefunden. Wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich zugegriffen habe, weil mir der Einband besonders gut gefallen hat. Es ist eine Romansicht von Corot. Romantisch also, die Ansicht über das Forum Romanum hinweg zu den barocken Kuppeln und warmroten Fassaden im Abendlicht.
Die Schriftstellerin heisst Viktorija Tokarewa und ist offenbar schon über 60 Jahre alt. Auf dem Umschlag hinten ist ein Foto zu sehen, etwas unscharf, aber doch nicht ohne Ausdruck. Sie hat grosse, schöne Augen und ein freundliches Lächeln. Wirkt sehr feminin, aber Du solltest jetzt nicht annehmen, ich hätte das Buch wegen dieses Teils des Umschlages genommen. Es war wirklich mehr wegen Corot und der Assoziation "Rom". Und in der FAZ wird offenbar über sie geschrieben "Die sinnliche Prosa der Tokarewa hat viel von den physiologischen Skizzen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung zu Cechov wird sichtbar: in Ironie und Skepsis ebenso wie im Denkhorizont. Gute Aussichten für eine russische - und wieder europäische - Literatur nach dem sozialistischen Realismus". Ich kann Dir noch nicht genau erklären, wie sie die vier Geschichten inszeniert. Doch man fühlt sich unversehens mitten drin. Und sie findet wunderschöne und erfrischend originelle Vergleiche: "gegen Mittag legte sich Dämmerung auf die Erde wie frühes Alter", "Tamara war wie ein doppelter Heizkörper: breit, heiss und stickig wie eine überfüllte Strassenbahn im Sommer", "Tamara sprach über Menschen wie über Cocktails", "das ganze Leben eine nicht enden wollende Dienstreise", "das zum Klumpen geronnene Entsetzen".
Ach, alle drei Zeilen findet man solch kleine Bilder, und meist sind sie neu und gut, plastisch und entlarven sozusagen das Leben. Ich will Dir jetzt nicht die erste Geschichte nacherzählen. Aber ich war doch erstaunt, wie sehr sie mich fesseln konnte. Du siehst, meine Lektüren sind nicht sehr geplant. Sie sind abhängig von schönen Einbänden und Sonderangeboten im meinem Buchladen. Aber das hat immerhin den Vorteil, dass ich gelegentlich auf schöne Ueberraschungen treffe. Ich habe so schon etliche Schriftsteller kennengelernt, die ich als gross bezeichnen muss. Aber niemand in meiner Umgebung kennt sie. Sie sind sozusagen meine Geheimtipps. Geheimtipps, die ich aber niemandem weitergeben kann. Meine Umgebung zuhause oder im Büro liest nicht so viel. Und wenn, dann wollen sie wohl ihre Trouvaillen selber machen.

.... 

(weiter morgen)

Kleine handliche Theorie

Lieber ...,
Eigentlich hätte ich doch jetzt Zeit, alle meine Post zu beantworten und ich verstehe nicht, warum ich es so hinausschiebe. Dabei kommt mir wieder deine "kleine handliche Theorie" in den Sinn. Schau mal hier, wie du es einmal erklärt hast. Genau so ist es doch. 

Liebe Malou
Ach nein, das kann ich jetzt gar nicht akzeptieren. Es ist doch nicht so, dass man nichts zu schreiben hat, wenn nichts passiert. Im Gegenteil, je weniger passiert, desto mehr läuft im Kopf. So muss es doch sein. Es ist doch alles eine Frage des Kopfes. Das solltest Du doch weiss Gott wissen.... Es ist eher eine Frage der eigenen Aktivität. Wenn man viel zu tun hat, ist man im Schuss. Man ist auf ‚aktiv’ eingestellt, und wenn man dann eine freie Minute hat, dann ist man eben aktiv und schreibt. Hingegen in jenen entspannten Momenten, da man am liebsten auf dem Sofa herumliegt, den Kater am Bauch krault, oder die Wölklein am Himmel zählt, in jenen Momenten ist der Schalter auf passiv. Und es ist undenkbar, auch nur eine Zeile zu schreiben, obwohl man eigentlich im Moment viel Zeit hätte. Ich glaube, bei mir funktioniert das System so. Und das ist auch die Erklärung, weshalb ich früher als Schüler an jenen wundervollen katholischen Feiertagen nichts für die Schule gearbeitet hatte, obwohl ich mir es vorgenommen hatte. Ich wollte mich jeweils erst entspannen. Und als ich dann entspannt war, hatte ich keine Energie mehr, um wirklich was anzupacken.
Die Moral davon ist, dass man eigentlich die Aktivität, die man aus der vergangenen Woche noch hat, benutzen sollte, um etwas zu tun. Und dann sollte man erst entspannen. Der Freitagabend wäre dann die produktivste Zeit, theoretisch, für private Unternehmungen. Oder in der Ferienzeit wären es die ersten paar Tage, wenn der eigene Motor noch auf 150 dreht
Ich war oft erstaunt, wie knapp Deine Mails ausgefallen waren immer dann, wenn ich mir ein besonders ausführliches gewünscht und ausgerechnet hatte, weil ich dachte, Du hättest viel Zeit. Und so war ich zum Schluss gekommen, dass meine quere Theorie eigentlich auch für Deine Verhältnisse gilt. Es gibt nichts Praktischeres, als eine kleine handliche Theorie, nicht wahr?

(---)

Ich wünsche Dir einen schönen Tag
mlguk
...



Montag, 12. Januar 2026

Gedanken über das Beten

 (R)


Lieber ...,

Du sprichst von Beten in deinem Mail und ich bin nicht sicher, ob du das ernstlich meinst oder ob du nur Spass machst. Betest du wirklich?

RE:

Liebe Marlena
Ja, es hilft auch bei jenen, die nicht daran glauben. Wir haben die Resultate zwar noch nicht bekommen, aber wir beten immer noch. Und wenn ich sage "beten", dann meine ich irgendwie eine wohlwollende Gedankenflut in die richtige Richtung. Ich glaube auch nicht, dass der liebe Gott durch unsere Gebete wie mit einer Feder im Nacken gekitzelt wird und dann aufmerkt. Und bei Allah glaube ich es noch weniger. Na ja, vielleicht würde, von der feinen Feder gekitzelt, der liebe Gott aufschrecken und auch Allah wecken, der im Nebenzimmer vor sich hindösen scheint, und gemeinsam würden sie sozusagen den Wind in die richtige Richtung lenken. Das wäre natürlich schon möglich. Doch sooooo glaube ich nicht dran. Aber natürlich weiss ich auf eine Art, dass meine Gedanken irgend etwas in der Welt verändern, wenigstens doch an mir selbst. Es gibt diesen englischen Forscher Sheldrake, der sich mit Phänomenen dieser Art auseinandersetzt. Ich habe mal ein Buch über ihn gelesen. Muss ein lustig-komischer Kerl sein. Wenn ich also "beten" sage, so meine ich eine Art Fürbitte, wie die Katholiken das doch stark haben. Und auf irgend eine geheimnisvolle Weise nehme ich an, dass meine Gedanken ein bisschen etwas erleichtern können. Oder vielleicht können sie es auch nicht. Das spielt eigentlich keine Rolle. Vielleicht könnte ich sagen, ich wünsche es mir einfach. Es ist ein Wunsch in die frische Luft hinaus. So etwa! Ein Wunsch wie ein Ruf in die Berge hinein, in der Hoffnung, es kommt ein Echo zurück. Manchmal kommt auch keines. Ob die Götter wegen meiner Wünsche auch noch Wolken verschieben und an den langen Fäden des Schicksals herumzerren, das überlasse ich ihnen. Das weiss ich nicht, denn sie haben es mir ja nie verraten. Aber wenn sie es denn nicht tun, so ist es doch für viele Menschen eine tröstliche Vorstellung.
Gerade gestern habe ich gehört, dass in Spanisch Schutzengel Angelo della guardia oder so heisst. Eigentlich also Wachengel. Über diese Idee haben wir doch sicherlich auch schon diskutiert. Es ist eine schöne Vorstellung, einen Schutzengel zu haben. Und ich erinnere mich an die kleine Anekdote, die meine Mutter erzählt hat. Als die kleinste Schwester noch sehr klein war, wurde sie im Kinderbett und angesichts der Engelchen ermahnt, ruhig zu bleiben und zu schlafen. Sie hat sich beschwert und ihrer Ungeduld heftig Ausdruck gegeben und gesagt, sie könne dieses nächtliche Geflatter der Engel rund um ihr Bett ohnehin nicht ertragen.

Liebe Marlena, ich muss kurz bleiben. In einigen Minuten fahre ich ab zu einem Termin an der örtlichen Schule hier. Und da darf ich nicht zu spät sein. Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...
 


Freitag, 9. Januar 2026

Gedanken über den europäischen Roman

Meine liebe Marlena

Nun ja, ich habe auch nicht gedacht, dass du den Text über den europäischen Roman unbedingt lesen musst. Oder doch zumindest nicht so kurzfristig. Aber es betrifft eigentlich auch den französischen Roman, und ich fand diesen Teil des Buches ziemlich interessant. Eine solch kurze Zusammenfassung der Entwicklung des Romans findet man wohl nicht allzu oft.

Interessant finde ich, was er „die zweite Halbzeit" des Romans nennt, also jene Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert, seitdem das Wort des Autors hinter das Schreiben zurückgetreten ist. Das bringt ja dann diese dicken Schwarten und ungeheurer langen und ausgefeilten Romane des 19. Jahrhunderts zum Vorschein, die später so stark psychologisieren und „introspizieren". Meine Frau mag sie. Sie liest gerne Henry James. Für mich sind diese Werke an sich bewundernswürdig, aber ich habe weder Zeit noch Geduld, sie wirklich zu lesen. Zu einer Verfilmung würde ich mich vielleicht noch überreden lassen. Diese Romane sind zu einer Zeit entstanden, als die Leute wirklich noch Zeit zum Lesen hatten. Und der bürgerliche Roman hat ja dann auch die bürgerliche Ehe und die Liebesheirat propagiert. Vorher war – und bei den Adeligen ganz besonders – die Liebe keine Bedingung für eine Heirat. Das waren eher Vernunftehen zur Sicherung des Familienbesitzes und ihrer Privilegien. Kennen wir doch noch aus den Königshäusern!!

Kundera hat dann eine sehr musikalische Konzeption des Romans entwickelt, den sogenannten polyphonen Roman, den er der Symphonie abgeschaut hat (von seiner Ausbildung her war er Musiker, nicht Schriftsteller; er lebt heute in Frankreich). Es gibt in seinen Romanen verschiedene „Sätze", dh etwa Geschichten, die zusammengestellt sind. Sie kreisen um dasselbe Them, haben langsame oder schnellere Tempi, zeigen eine unterschiedliche Erzählstruktur, erzeugen also gemeinsam eine Polyphonie, eine Vielstimmigkeit, die ein Thema in verschiedenen Farben und Konstellationen aufleuchten lässt. Für mich selbst war erfrischend, dass er die Geschichten ziemlich äusserlich erzählt, als aussenstehender mitdenkender Beobachter, und dass er nicht primär das Innenleben und die Psychologie der Figuren in den Vordergrund stellt. Das fand ich – für mich – sensationell, eine echte Erholung, weil wir Psychologen doch immer an Innerlichkeiten, Gefühlen, Gedanken, Motiven und Hemmungen hängen. Das Individuum von aussen zu betrachten, sozusagen wie ein rationales Tier, ist für mich eine erfrischende Sicht.

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https://www.tabletmag.com/sections/arts-letters/articles/in-memory-of-milan-kundera

Donnerstag, 8. Januar 2026

Wer weiss was morgen ist ...

 (R)


Liebe Marlena
Vielleicht kennst Du dieses Foto: "James Dean on Times Square". Es stammt von 1955. Das ist auch das Jahr des Todes von James Byron Dean, als er an einem Septemberabend mit seinem Porsche Speedstar auf der Highway 466 mit einem Ford Sedan zusammenprallte. Das Ereignis erinnert ein bisschen an Camus.
Nun habe ich persönlich mit James Dean eigentlich ganz und gar nichts am Hut. Ich habe nie ganz begriffen, weshalb man ihn hochstilisiert hat, wo er doch bloss 173 gross und Brillenträger war. Wahrscheinlich war er wirklich sehr kurzsichtig, und schaute deshalb in die Welt mit einer Mischung aus jugendlichem Missmut und Aufsässigkeit. Aber wird man damit schon zum Giganten, zum Rebellen? Tatsache ist, dass Dean zum Vorläufer unserer Jugendbewegung gemacht worden ist, zum 68er avant la lettre. In seinem dunkeln Mantel schleicht er hier über den leeren Times Square. Und die späteren Generationen finden in dieser Zufälligkeit eine jugendliche Gebärdensprache, einen baudelairschen Helden, der die ganze juvenile Ungeduld und Aggressivität, diese moderne Mischung aus Nervosität und Schüchternheit in die Welt schreit.
Auf dem Foto sieht er unscheinbar aus. Es ist regnerisch und unklar. Bei seinem dunkeln Mantel hat er den Kragen hochgeschlagen. Eine Chesterfield steckt zwischen seinen Lippen. Weshalb eigentlich Chesterfield? Es muss Morgen sein, denn der Times Square ist mehr oder weniger leer. Und wir alle wissen, dass die New Yorker ungefähr viertel vor zehn für ihren ersten Starbucks Kaffee anstehen. Und hier hat der junge Kerl schon eine Zigarette im Mund! Hinten erscheint die grosse Reklamewand, das Markenzeichen des Times Square. Sie verschwindet im Grau des Nebels und des Regens. Und die Eisengitter rechts, die den Verkehr regeln, entsprechen mit den provisorischen Abschrankungen links. Es sieht alles nach purer Zufälligkeit aus. Und im grauen Asphalt reflektiert sich der missmutige Jüngling, der zum Vorreiter der Teenager werden soll. Es gibt ein ähnliches Foto von Cartier-Bresson, das Giacometti in Paris zeigt. Doch mindestens war damals Giacometti ein bekannter Mann. Hier ist aber auf dem morgendlichen Broadway nur ein kleiner Narziss unterwwegs, der noch selbst kaum weiss, wer er ist. Und vielleicht ist er zu diesen nassen Morgenstunden auch noch nicht ganz wach. Er hat Theater und kleine Rollen im Fernsehen gespielt. Berühmt wird er im Kino werden. Ein Film ist bereits abgedreht: "Rebel without cause". Das ist sozusagen sein ästhetisches Programm. Im Kino Astor, das man auf dem Foto linkerhand sieht, wird seine Uraufführung stattfinden.
Alles kann zum Mythos werden. Auch ein junger, zerknitterter Mann auf dem morgendlichen Broadway, der sich irgendwo einen faden und überzuckerten Kaffee sucht. Ein Mythos ist eine Botschaft. James Dean wurde zum Mythos gemacht, das den Nerv der Zeit traf. Eine Botschaft des jugendlichen Aufbegehrens. Es blieb ihm, dem jungen Narziss, erspart, alt, hässlich und ungeschickt zu werden. "Lebe schnell, sterbe jung und habe einen schönen Leichnahm", soll er oft aus dem Film "Knock on Any Door" zitiert haben. Es ist wie eine Regieanweisung für seine Selbststilisierung.
Offenbar war er eitel, was man doch von einem Rebell nicht direkt erwartet. Einmal, so wird erzählt, soll er versucht haben, als Fotopose Michelangelos David einzunehmen. Ein David des 20. Jahrhunderts? Auf jeden Fall waren bisher Brando und Presley die noch etwas unentschiedenen Idole. Und jetzt wird es Dean, der Jugend nicht als Unreife, sondern als eigentlichen und wahren Seinszustand deklariert. James Dean ist der Anfang des Teenager Kultes. Und dabei war er zum Zeitpunkt dieses Fotos längst ein purer Twen. Dazu war er längst tot. Aber Tote, so weiss man, leben eben etwas länger!
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Gruss

...



Mittwoch, 7. Januar 2026

Besser spät ...

 

Ämne: Besser spät..
Datum: den 9 januari 01:03

Lieber ...,
Eigentlich ist es schon zu spät und ich zu müde um ein anständiges Mail zu senden. Aber vielleicht findest du doch ein unanständiges besser als gar keines. ;-))

Zuerst muss ich doch protestieren gegen das "junge Ding". So nennt man doch nicht eine Frau am Rande ihres "besten Alters".. ;-) Aber ich glaube ich kenne mich ziemlich gut aus was "Lehrkräfte in fortgeschrittenem Alter" betrifft. Als ich nämlich an diese Schule kam, war ich noch sehr jung. Ich denke die meisten von den Kollegen, die hier arbeiteten waren bedeutend älter als wir jungen Eindringliche. Zuerst standen sie wohl (so wie wir sie sahen) unserer Elterngeneration näher. Aber dann mit der Zeit wurden wir alle immer mehr gleichaltrig. Man vergass den Altersunterschied. Und dann sah man sie langsam alt werden. Man sah wie sie langsamer wurden, vergesslicher und etwas rigider. Es gab Leute, die nicht mehr gut hörten und deswegen von Schülern und sogar von neuen jungen Kollegen, die nicht besser wussten, als etwas "dumm" betrachtet wurden, obwohl sie Giganten waren im vergleich zu diesen, ich meine was ihr Können (ihr Niveau) betraf. Leider gibt es bei uns nicht die Möglichkeit, von der du erzählt hast. Und die Aufgaben, vor die man sie stellte, wurden immer schwieriger. Das ganze begann damals, als man die etwas weniger theoretischen zweijährigen Linien des Gymnasiums zu dreijährigen machte und ganz einfach mit den anderen zusammenschlug. Besonders für Lehrer in Mathematik und Sprachen bedeutete das eine grosse Umstellung.
Ach, ich langweile dich schon. Sorry!


*


Heute ist die Schauspielerin Ingrid Thulin gestorben. Sie war eine von den Favoriten Ingmar Bergmans und hat in vielen seiner berühmtesten Filme gespielt. Sie war mit Harry Schein verheiratet, der einst ein sehr naher Freund von Olof Palme war. Man sagt, sie wären seit 30 Jahren verheiratet gewesen, aber sie hat die meiste Zeit in Italien gelebt und er in Stockholm. Eine perfekte Ehe, wie mir scheint.. ;-) Ach nein, ich persönlich glaube eher an eine tragische Ehe und es wundert mich nur, dass sie an ihm festgehalten hat. Aber das bleibt ihr Geheimnis.

...

Freitag, 2. Januar 2026

Weisst du ...

 Datum: den 2 januari 18:32

Lieber ...,
Weisst du, dass wir nun unser fünftes Jahr zusammen beginnen? Und ich glaube fest, dass du dazu beitragen wirst, es zu einem frohen, glücklichen und vielleicht sogar gesunden Jahr zu machen.
Wie schön du über den Dirigenten Muti schreibst. Leider habe ich das Interview verpasst. Es muss etwas ganz besonderes gewesen sein, wenn du so beeindruckt warst davon. Es ist auch gut für ein Land ein Event zu haben, was die ganze Welt für einen Augenblick die Blicke auf sie richten lässt. Du weisst, die Wiener träumen immer noch nostalgisch von alten kaiserlichen Zeiten und sie versuchen, ihre Traditionen weiterzuführen. Das finde ich sehr schön. Und wir haben unsere Silvia, wie du sagst, und nicht zu vergessen unsere Victoria, die Kronprinzessin. Aber vor allem haben wir unser Nobelfest. Darauf bin ich besonders stolz.
*
Natürlich hast du Recht. Der grosse schwarze Vogel ist eine Amsel oder eine Schwarzdrossel, wie es in meinem Lexikon steht. Ich habe aus Versehen Kohlmeise geschrieben, weil der Vogel bei uns Koltrast heisst. Kohlmeisen sind doch die kleinen bunten Vöglein, von denen es eine Menge an unserem Futterkasten zu sehen gibt, und die sich immer in unserem Nistkasten niederlassen. Ach, wie lieb von dir, dass du dich anstrengst, meinetwegen in dem schwarzen Ding eine Kohlmeise zu sehen. Ich liebe dich dafür.

Vor mir steht ein Bild von meinem letzten Lieblingskater Hansi. Wenn ich ihn anschaue, spüre ich immer noch die Liebe, die mich mit diesem kleinen Kerlchen verband. Er war ein äusserst intelligentes Tier und er konnte apportieren wie ein Hund. Er sieht so lebendig aus auf dem Bild, dass ich ihn streicheln möchte. Vielleicht sollte ich mir doch wieder ein Tier besorgen.

Hier ist es kalt. Am Vormittag hatten wir -18 Grad. Es soll ein bisschen wärmer werden, aber zum Glück nicht so warm, dass der herrliche Schnee wegschmilzt.
Ich habe ein Mail von der kleinen Schweizerin bekommen, die nun wieder zu Hause in der Schweiz ist. Auch sie hat sich riesig gefreut über die Schneeflocken am Weihnachtsabend. Sie schreibt mir auf schwedisch und sie tut es gut, wenn man bedenkt, dass sie nur ein Jahr hier gelebt hat.

Es ist herrlich, so frei zu sein. Ich geniesse die Tage sehr. Anna hängt meistens über ihren Büchern, aber bei den Mahlzeiten sind wir alle versammelt wie früher. Und wie immer essen wir bei Kerzenlicht und klassischer Musik. Es gehört irgendwie dazu und es macht jede Mahlzeit zu einem kleinen Fest.
Anna hatte übrigens am Silvesterabend ein ganz wunderbares Dessert gemacht. Eine herrliche Crème aus Himbeeren mit Vanilleeis und Mango. Es war wie ein Traum.

Hier neben mir steht mein schönes grünes Sofa. Ich habe es, als ich hierher zog gekauft. Es war der höchste Luxus damals und immer noch finde ich es sehr schön. Die übrigen Möbel, wie z.B. Bücherschränke, Schreibtisch und dergleichen habe ich eigentlich nur gekauft als zufällige Möbel, die hinhalten sollten, bis K mit unserer früheren Einrichtung hier einziehen würde. Damals, als ich wegzog, habe ich das Auto behalten und K hat dafür meine Wohnung und die Möbel übernommen. Es gab in den vergangenen Jahren die Möglichkeit für ihn hier eine Anstellung zu finden, aber er hatte sehr gute Kollegen und Freunde dort und ich glaube wir haben einen richtigen Beschluss gefasst. Ich bin sogar sicher.
*
Es riecht gut von unten. K ist in der Küche beschäftigt. Ich hätte mir früher kaum vorstellen können, dass er einmal ein so vortrefflicher Koch werden sollte. Schade, dass sein Vater nicht mehr lebt. Sein Stolz wäre bis in den Himmel gewachsen. :-) . Als er vor vielen Jahren einmal eine Reise in das ”heilige Land” machte, ich glaube er war schon über 80 Jahre alt, fragten ihn ein paar ältere Damen in der Reisegesellschaft ob er möglicherweise mit K verwandt sein könne (der Name ist sehr ungewöhnlich) und ich kann mir meinen lieben Schwiegervater vorstellen, wie er den Damen stolz erklärte, dass dieser berühmte K sein Sohn sei.

Siehst du, hier ist nichts neues passiert, von dem ich dir berichten könnte, aber es ist doch ein Mail geworden.
(---)
Ja, ich erinnere mich manchmal an die Episode mit deinem Auto.. und wenn ich über etwas losfluchen will, kann es vorkommen dass ich mich besinne und stattdessen deine Methode verwende. Jedenfalls wird es nicht schlimmer davon und der liebe Herrgott ist sicher dankbar ...

Ich muss wohl nun zu einem Ende kommen... am zweiten Tag des neuen Jahres..

So grüsse ich dich lieb und wünsche dir und deinen lieben alles Gute,
mit S+K,
Malou



Donnerstag, 1. Januar 2026

RE: neues Jahr


Ämne: RE: here again ...
Datum: den 2 januari 


Liebe Malou
Ach, solch ein schönes und langes Neujahrsmail! Ich bin sicher, das wird ein bestes Jahr werden. Besser kann es gar nicht beginnen.
Ich meinerseits muss mit einer Entschuldigung anfangen. Ich hatte gestern eigentlich ein Mail begonnen. Aber dann wurde ich schliesslich gegen Abend von S entführt, um meine Eltern zu besuchen. Und so ist es dann eben liegengeblieben. Tut mir leid.
Ich schicke Dir hier den Anfang dazu:
“““
Auch ich wünsche Dir und Deinen Lieben ein gutes neues Jahr. Wir sind schon 4 Schritte in diesem 21. Jahrhundert. Ist es nicht verrückt? Noch sind wir ganz gemütlich im 20. herumgehängt. Und wenn wir was davon erzählen, dann stammt das alles bloss aus dem „letzten Jahrhundert“. Ich habe immer noch die leere Millenium-Bier-Dose auf meinem Schrank stehen, die ich damals auf dem Kurfürstendamm in Berlin getrunken habe.

Wir haben keine wilden Dinge getrieben an diesem Silvester. Es war ein Abend wie sonst. Das ist eigentlich nicht sehr nach Ss Geschmack. Dafür nach meinem. Die Töchter waren unterwegs. A ist mit ihrem Freund nach Davos gefahren, und S. hat ihr - beim 2-Minuten-Halt in Liestal - ein paar Dinge zum Futtern und Feiern mitgegeben. B war an einer grossen Party in der Nähe Zürichs, wo sie mit ihrer Tanz-Gruppe auftrat. Um 1 Uhr war ich im Bett.




Und am späteren Vormittag habe ich das Neujahrskonzert der Wiener Symphoniker gesehen. Das ist zu einer Tradition geworden. Doch noch mehr als das Konzert selbst hat mich der Vorspann und das Interview mit Riccardo Muti, dem Dirigenten beeindruckt. Er ist ein sympathischer und intelligenter Kerl. Eigentlich weise, müsste man sagen. Stammt ursprünglich von Neapel, wie ich hörte. Muti hat über die Musik und seine Arbeit gesprochen, und es war in der Tat hochinteressant. Ich glaube, Musik macht Menschen intelligent. Und macht sie auch ausgeglichen, macht Menschen echt menschlich. Das Gespräch hat mir so gut getan, wie man es von einer Predigt in der Kirche erwarten dürfte. Aber das Gespräch war ganz profan, obwohl Muti auch über den Tod und die Art gesprochen hat, wie Italiener mit dem lieben Gott disputieren. Das war im Zusammenhang mit der Interpretation von Verdis Requiem, in welchem offenbar die italienische Volksseele herrscht. Und dazu hat er seinen grossen Respekt vor der Familie Strauss ausgedrückt, deren Musik die geniale Gratwanderung von Leichtigkeit und Tiefe zugleich glücke.

““

Und jetzt habe ich eben gerade Dein strahlendes Mail gelesen, geschrieben weit nach Mitternacht. Du bist wirklich lieb, Marlena, und ich danke Dir herzlich dafür.  (---)
Wie Du jetzt weißt, habe ich mir auch das Wiener Konzert angehört. Ich habe den Fernseher schon um 09.00h eingestellt. Das war zu früh, und ich sass im Bademantel in der Stube herum, habe am Orangensaft geschlürft und ein bisschen Pastete gegessen. Dann haben sie eben dieses Interview mit Ricardo Muti gezeigt, das mich sosehr berührt hat. Na ja, wahrscheinlich war auch die Tatsache, dass er ein schöner und vitaler Mann ist sehr beeindruckend. Doch was er gesagt hat, hat mir so gut gefallen, dass ich ganz begeistert war. Und das passiert nicht zu oft. Und so habe ich dann das Konzert, das Strauss Vater zum Thema hatte, sehr gut gefallen. Ich finde es grossartig, wie die Österreicher diesen Moment nutzen, um sich in der ganzen Welt berühmt und beliebt zu machen. Sie tun das sehr geschickt und sympathisch. Und ich finde, die Schweizer könnten nur davon lernen. Die Schweden brauchen das nicht, denn ihr habt ja nun Eure Silvia ;--)

Und dann habt Ihr jenen Film gesehen, den man überall an Silvester zeigt. Ja, ich habe ihn schon x-mal gesehen, aber dieses Jahr nicht. Ich mag ihn sehr. Wir nennen ihn „the same procedure as last year…“, aber vielleicht ist das nicht der echte Titel. Ich hatte auch mal einen Film über die Entstehung dieses kleinen Werkes gesehen. Es war ja ursprünglich ein Theaterstück und wurde von einem Engländer sozusagen im Einmannbetrieb in England aufgeführt. Ich glaube, er hatte sogar die Rechte dafür gekauft. Und nun hat man das kleine Kammerstücklein fürs Fernsehen entdeckt. Na ja, was heisst ‚nun’? Es sind schon einige Jahre her. Es ist für mich ein Paradestück: sparsam in den Personen, Einheit von Ort, Zeit und Handlung, Fantasie treibend, mit kleinen lustigen Gags und kleinen erotischen Anspielungen. Das ist perfekt gemacht. Ich wäre gern der Autor eines solchen Stückes. Und schliesslich wirkt es wie eine Fabel. Je mehr man das Stück hört und sieht, desto mehr gewinnt es.

Und in diesem Zusammenhang muss ich Dir sagen, wie sehr ich geschmunzelt habe ob Deinen Worten, meine Mails würden durch Alkohol etwas Besonderes gewinnen. Ach, Malou, ich könnte aus der Beziehung zum Wein eine ganze Philosophie entwickeln. Ich habe damals im Wallis wirklich einen soliden Grundkurs im Umgang mit diesen Getränken erhalten. Ich bin noch heute erstaunt, wie tolerant meine Eltern gewesen sind, die doch sicherlich einiges mitbekommen haben. Sie selbst haben immer sehr wenig getrunken. Aber wenn ich heute zurückdenke, finde ich, der Alkohol hat, neben den vielen negativen Seiten, etwas sehr Verbindendes im Wallis. Für ein paar Stunden, wenn man zusammen bei einer Flasche sitzt, wird die Welt weit und leicht und man fühlt sich mit allen und allem verbunden. Es ist ein bisschen wie das, was man von der heilenden Wirkung des Carnevals sagt. Für einen Moment ist die Welt auf den Kopf gestellt und erlaubt einen freien Blick und ein Moment der Wahrheit. Doch hier im Raume Basel hat der Alkohol nicht dieselbe Wirkung. Die Menschen hier sind sehr streng und verachten jemanden, der im Rausch über die Stränge schlägt. So habe mich eigentlich sehr vom Alkohol zurückgezogen. Aber ich bin nicht geheilt, das kann ich Dir sagen, Malou. Ich könnte immer noch an einem trüben Sonntagnachmittag gerne ein Glas Malvoisie trinken, um dann ganz heiter und weitsichtig und menschenfreundlich zu werden. In solchen Momenten geht dann das Schreiben ganz leicht. In einem solchen Moment ist alles lebendig und in Harmonie. Aber ich weiss schon, dass ich im Rufe stehe, bei meinem Schreiben ‚drogué’ zu sein. (Gibt es dieses Wort?). Es gefällt mir auch, das zu hören, und es erinnert mich an Rimbaud, von dem Du auch viel hältst.

Und mit deinen Rezepten gegen die Melancholie bist Du so lieb und fleissig, dass ich ganz gerührt bin. Ach, Du sprichst wie jemand, der sich darin auskennt. Und man könnte soviel dagegen tun: Arbeiten, Alkohol, Liebe, Schokolade, Licht, Sonne, Gericomplex !!!. Ach Malou, ich glaube, ich will meine Melancholien nicht ausrotten, ich will sie nur ein bisschen in die Kontrolle bekommen. Und ich weiss, wenn sie kommt, was ich tun könnte. Aber ich will nichts dagegen tun!! Das ist das Problem!! Sie ist wie eine Geliebte, der du nicht widerstehen kannst. Sie ist vielleicht so ähnlich wie der Alkohol. Sie ist schön, anregend, aber sie passt nicht in ein Leben mit Arbeit und Terminen. So sieht das Problem aus. Aber ich danke Dir für die guten Tipps. Ich werde mir hier eine kleine Hausapotheke aufstellen und sie mit all den Dingen füllen, die Du mir empfohlen hast: Arbeit gibt’s ohnehin rundum; eine Flasche guten Whisky, Liebe (à la distance) kein Mangel, Gericomplex klar. Vielleicht mit Sonne und Licht muss ich noch eine Lösung finden? Ich sitze ein bisschen zuviel hier in meinem Büro auf der Schattenseite. Darauf werde ich achten. Da haben mich auch schon andere aufmerksam gemacht.

Ja, die Knallerei gegen die bösen Geister an Silvester, das habe ich nie wirklich geschätzt. Und ich sehe in diesen Feuerwerken vor allem das Spiel von Männern, die wieder kleine Jungs sein möchten. Und dann gibt es natürlich auch kleine Jungs, die das gerne tun. Und dann wird es doch leicht gefährlich. Ich mag Knallereien nicht. Hab ich Dir mal erzählt, wie ich meine Zeiten im Militär überlebt habe? Ich hatte damals 4 Kanonen mit Männern und Fahrzeugen zu dirigieren. Aber ich war ein Dirigent, der während des Konzerts davonlief ;--)) Ich ertrug diese Knallerei nicht allzu lange und wurde ganz nervös und ungeduldig. Und so habe ich meine Unteroffiziere beauftragt, das ganze in die Hand zu nehmen, die Schiessübungen zu leiten, und ich habe mit meinem Chauffeur das Weite gesucht. Wir suchten uns in der Umgebung ein Restaurant oder wir gingen im Wald spazieren. Das war ganz gemütlich, wenn nicht im Hintergrund die Vorstellung gedroht hätte, irgend ein hoher General könnte plötzlich auftauchen und feststellen, dass ich nicht auf dem Schiessplatz sei und dass das doch alles sehr gefährlich werden könnte. Das hätte bestimmt unangenehme Konsequenzen gehabt. Aber ich bin ihnen nie in die Falle gegangen. Es ist wie überall: Hauptsache, nicht erwischt zu werden.

Aber diese Tradition gegen die Geister ist doch interessant. Ich wollte ohnehin gerne wieder mal eine kleine Kolumne für die Zeitung hier schreiben, und hatte mir gedacht, dass das ein Thema zu aktuellem Anlass wäre. Es gibt da verschiedene Gedanken, die ich miteinander verbinden könnte. Es gibt diese wunderhübsche Anekdote über Niels Bohr, den dänischen Physiker. Habe ich Dir bestimmt schon erzählt. Zur Frage, ob er an die Wirkung des Hufeisens über dem Eingang in sein Wochenendhaus glaube, sagte Bohr, nein, er glaube absolut nicht daran, aber es gebe Leute, die behaupten, so was wirke auch bei Menschen, die nicht daran glaubten. Sehr gut gedacht, nicht wahr? Besonders gut für ein Naturwissenschafter!
Dann habe ich die hübsche Erinnerung an unseren alten PW, diesen Audi, dessen Zündschlüssel zu klemmen pflegte, und dem ich dann jeweils gut zureden musste, damit er sich erweichen liess, wieder zu funktionieren. Man kann daran zeigen, dass wir- sofern wir das wollen - sogar in der Lage sind, das Herz eines Autos zu erweichen. Sodann gibt es im Mittelmeerraum und im Orient diese Vorstellungen über „den bösen Blick“. Sie verstehen - z.B. im Iran - darunter fast eine materielle Substanz, so etwas wie negative Strahlung, eine Art Gift. Und dagegen gibt es verschiedene Techniken und Strategien. Wir Westler lächeln natürlich über solche Dinge. Aber diese Vorstellungen scheinen doch seit alters sehr verbreitet, und wohl auch wirksam. Und schliesslich habe ich kürzlich einen hübschen Essay (so würde man das wohl nennen?) von Kafka gelesen mit dem Titel „das Schweigen der Sirenen“. Er sinniert über die Überlieferung, dass Odysseus sich mit Wachs in den Ohren an den Schiffsmast ketten liess, um der verführerischen Gefahr und dem Gesang der Sirenen zu entgehen. Kafka meinte, dass die weit stärkere Waffe der Sirenen ihr Schweigen gewesen sein könnte, dem nun wirklich nicht beizukommen gewesen wäre, weil doch jedermann auf die Gefährlichkeit ihres Gesanges hielt. Doch Odysseus hörte ihr Schweigen nicht und vertraute seiner getroffenen Massnahme. Er hat sich  gerettet, indem er sozusagen an seinen Glauben glaubte und an der dazu gehörigen (aber eben erfundenen) Gefahr festhielt. Und das gerade war wirksam.

*
Deine Kohlmeise gefällt mir. Sie sieht zwar im Bild aus wie eine Amsel (so dunkel), aber das macht vielleicht das Licht. Die Vögel bei Euch oben müssen sich in der Tat wunderliche Dinge ausdenken, um überleben zu können. Und so schliessen sie sich den Menschen näher an als bei uns vielleicht. So hast Du praktisch eine Nachfolge für den verstorbenen Wellensittich?

Jetzt will ich Dir meine Zeilen senden, um der Gefahr zu entgehen, sie wieder hier liegen zu lassen.
Ich wünsche Dir mit Deiner Familie ein herrliches und frohes, gesundes und glückliches Jahr. Und ich hoffe, dass wir zusammen mit unserer Mailerei dazu einen kleinen Beitrag leisten können.
Mit G&K
...



Ein neues Jahr ...

Ämne: Spät am 1. Januar

Lieber ...,
Der erste Tag des neuen Jahres ist fast zu Ende. Es war ein schöner ruhiger Tag und ich weiss nicht, was ich damit gemacht habe. Er ist auch ohne meine Hilfe vorübergegangen. ;-) Ach ja, ich habe mir ein wenig das Konzert aus Wien angesehen und später ein Programm über ein  Neujahrsprogramm, das wir uns, wenn möglich, jedes Jahr ansehen.  Die Gräfin und der Diener (übersetzt aus dem Schwedischen). Zu meinem Erstaunen habe ich erfahren, dass die Version, die wir immer sehen, in der Schweiz gemacht ist. Es gibt eine mit denselben Schauspielern, die in Deutschland verfilmt wurde. Sicher kennst du das Programm auch. Es war interessant zu hören, wie es entstanden ist. In zwölf Ländern wird es an jedem Silvesterabend gezeigt. Nur die Norweger zeigen es am 23. Dezember. Na ja, sie sind ja Norweger.. ;-)
*
Unsere Neujahrsfeier war sehr schön. Um 19.00 Uhr abends war alles vorbereitet. Der Tisch gedeckt, die Drinks bereit, die Vorspeise schon auf den Tellern und die Hauptspeise fertig für den Ofen. Am Eingang leuchteten Marshaller um die Gäste willkommen zu heissen. Und unsere Gäste, es waren ja nur die Nachbarn, hatten ihre allerbeste Laune mitgebracht. Kerstin kam in einem schimmernden schwarzen Oberteil und einem Rock aus Silber. Sie war hochelegant und sie meinte, unsere Neujahrsfeier wäre das einzige Fest, wo man sich heutzutage noch so elegant kleiden kann. Sie hat von ihrer Mutter Unmengen von wunderschönen Abendkleidern geerbt, die sie heutzutage selten tragen kann.





Zu Mitternacht, nach dem Champagner, hat S  seine Raketen abgeschossen. Er hatte schon am Tag seine Rampen draussen auf dem Feld im Schnee aufgebaut. Es war sehr kalt und ich habe mich damit begnügt, das ganze durchs Fenster zu betrachten. Die anderen sind tapfer in die kalte Nacht hinausgegangen und haben somit auch die Raketen gehört. Man schiesst sie ja eigentlich ab, um die bösen Geister zu verjagen und deswegen soll es schon ein bisschen knallen. Wie jedes Jahr, konnte man heute in der Zeitung lesen, von Leuten, die sich Finger, Hände und sogar das Gesicht weggesprengt haben. Ich muss zugeben, dass ich auch immer etwas ängstlich bin, wenn S diese Dinger anzündet.
(---)
”Ja, meine vielen Freundinnen!" ... "Ach, ich könnte einige hübsche Geschichten erzählen.” hast du geschrieben.
Weisst du, mein lieber Mausfreund, ich bin nicht sicher, ob ich diese Geschichten hören möchte. Vielleicht über ehemalige Freundinnen.. aber wirklich nicht über aktuelle. Lass mich in dem schönen Gedanken verharren, dass ich einmalig für dich bin, so wie du es auch für mich bist... Trotz meiner vielen Freunde.. ;-))

Ich weiss nicht, wie man Melancholie vertreiben kann. Arbeiten ist immer ein gutes Rezept gegen düstere Gedanken. Alkohol hilft vielleicht gegen momentanen Stress, aber nichts, was ich dir empfehlen möchte, obwohl es deinen Mails etwas besonderes verleiht.. Liebe und Schokolade sind sicher wirksame Mittel.. Aber Liebe kann das ganze noch verschlimmern. Nein, ich weiss wirklich nicht, was ich dir empfehlen könnte. Licht und Sonne! Ja, das ist es, was dir fehlt glaube ich. Sie belebt uns und gibt uns neue Energie. Und vielleicht solltest du doch die ”Gericomplex” probieren, obwohl du dich gegen den Namen sträubst. ;-))

Nein, ich glaube eigentlich nicht, dass ich für Melancholie veranlagt bin. Diesen Herbst habe ich zwar bemerkt, wie sehr mich ein sonniger Tag beleben kann.. Aber meistens, wenn mein Leben etwas in Moll geht, weiss ich genau, was der Anlass dazu ist. Es sind Schwierigkeiten im täglichen Leben, Relationen, die nicht richtig funktionieren.
Natürlich ist das Altern auch für mich keine problemfreie Sache, wie du zu glauben scheinst. Ich sehe öfters Leute, die noch vor ein paar Jahren Kraft und Energie ausstrahlten und die sich nun mühevoll durch die Gegend schleppen. Fast täglich begegne ich solchen Menschen und ich denke ”das ist ein Schicksal, das auch mich erwartet”. Und viele sterben auch vorzeitig. Kurz vor Weihnachten ist eine Kollegin von mir, die nur ein paar Jahre älter war, an Krebs gestorben. Und eine andere Kollegin, die kaum 40 ist, hat neulich ihren Mann verloren. Auch er ist an Krebs gestorben.
Ach, ich wollte dir doch nicht ein so düsteres Mail schreiben am ersten Tag des Jahres. Aber das Leben ist wie es ist. Es kümmert sich wenig darum, was wir denken.
Jetzt kommt Anna herauf. Sie hat sich mit K einen Krimi angesehen. Es ist schön, die Familie um sich zu haben.. d.h., wenn du auch dabei bist.. und das bist du. :-)

Heute morgen sass die kleine Kohlmeise wieder bei ihren Äpfeln. Sie ist fast schon ein Haustier geworden. Ich habe sie wieder fotografiert mit der schönen weissen Landschaft im Hintergrund.



Es ist spät. Ich bin erst heute früh um vier Uhr zu Bett gegangen und sollte wohl nicht länger aufbleiben.
Ich sende dir liebe Grüsse und wünsche dir alles Gute für das neue Jahr.
S+K,
Malou