Donnerstag, 8. Januar 2026

Wer weiss was morgen ist ...

 (R)


Liebe Marlena
Vielleicht kennst Du dieses Foto: "James Dean on Times Square". Es stammt von 1955. Das ist auch das Jahr des Todes von James Byron Dean, als er an einem Septemberabend mit seinem Porsche Speedstar auf der Highway 466 mit einem Ford Sedan zusammenprallte. Das Ereignis erinnert ein bisschen an Camus.
Nun habe ich persönlich mit James Dean eigentlich ganz und gar nichts am Hut. Ich habe nie ganz begriffen, weshalb man ihn hochstilisiert hat, wo er doch bloss 173 gross und Brillenträger war. Wahrscheinlich war er wirklich sehr kurzsichtig, und schaute deshalb in die Welt mit einer Mischung aus jugendlichem Missmut und Aufsässigkeit. Aber wird man damit schon zum Giganten, zum Rebellen? Tatsache ist, dass Dean zum Vorläufer unserer Jugendbewegung gemacht worden ist, zum 68er avant la lettre. In seinem dunkeln Mantel schleicht er hier über den leeren Times Square. Und die späteren Generationen finden in dieser Zufälligkeit eine jugendliche Gebärdensprache, einen baudelairschen Helden, der die ganze juvenile Ungeduld und Aggressivität, diese moderne Mischung aus Nervosität und Schüchternheit in die Welt schreit.
Auf dem Foto sieht er unscheinbar aus. Es ist regnerisch und unklar. Bei seinem dunkeln Mantel hat er den Kragen hochgeschlagen. Eine Chesterfield steckt zwischen seinen Lippen. Weshalb eigentlich Chesterfield? Es muss Morgen sein, denn der Times Square ist mehr oder weniger leer. Und wir alle wissen, dass die New Yorker ungefähr viertel vor zehn für ihren ersten Starbucks Kaffee anstehen. Und hier hat der junge Kerl schon eine Zigarette im Mund! Hinten erscheint die grosse Reklamewand, das Markenzeichen des Times Square. Sie verschwindet im Grau des Nebels und des Regens. Und die Eisengitter rechts, die den Verkehr regeln, entsprechen mit den provisorischen Abschrankungen links. Es sieht alles nach purer Zufälligkeit aus. Und im grauen Asphalt reflektiert sich der missmutige Jüngling, der zum Vorreiter der Teenager werden soll. Es gibt ein ähnliches Foto von Cartier-Bresson, das Giacometti in Paris zeigt. Doch mindestens war damals Giacometti ein bekannter Mann. Hier ist aber auf dem morgendlichen Broadway nur ein kleiner Narziss unterwwegs, der noch selbst kaum weiss, wer er ist. Und vielleicht ist er zu diesen nassen Morgenstunden auch noch nicht ganz wach. Er hat Theater und kleine Rollen im Fernsehen gespielt. Berühmt wird er im Kino werden. Ein Film ist bereits abgedreht: "Rebel without cause". Das ist sozusagen sein ästhetisches Programm. Im Kino Astor, das man auf dem Foto linkerhand sieht, wird seine Uraufführung stattfinden.
Alles kann zum Mythos werden. Auch ein junger, zerknitterter Mann auf dem morgendlichen Broadway, der sich irgendwo einen faden und überzuckerten Kaffee sucht. Ein Mythos ist eine Botschaft. James Dean wurde zum Mythos gemacht, das den Nerv der Zeit traf. Eine Botschaft des jugendlichen Aufbegehrens. Es blieb ihm, dem jungen Narziss, erspart, alt, hässlich und ungeschickt zu werden. "Lebe schnell, sterbe jung und habe einen schönen Leichnahm", soll er oft aus dem Film "Knock on Any Door" zitiert haben. Es ist wie eine Regieanweisung für seine Selbststilisierung.
Offenbar war er eitel, was man doch von einem Rebell nicht direkt erwartet. Einmal, so wird erzählt, soll er versucht haben, als Fotopose Michelangelos David einzunehmen. Ein David des 20. Jahrhunderts? Auf jeden Fall waren bisher Brando und Presley die noch etwas unentschiedenen Idole. Und jetzt wird es Dean, der Jugend nicht als Unreife, sondern als eigentlichen und wahren Seinszustand deklariert. James Dean ist der Anfang des Teenager Kultes. Und dabei war er zum Zeitpunkt dieses Fotos längst ein purer Twen. Dazu war er längst tot. Aber Tote, so weiss man, leben eben etwas länger!
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Gruss

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