Samstag, 28. Juni 2014

das Leben - eine merkwürdige Konstruktion


Ämne: .. und jetzt Samstag, sieh Dich vor !

Liebe Malou
Ach, wie kommst Du auf das wunderhübsche Wort „herumstrolchen“. Ich glaube zwar nicht, dass Du als Mädchen wirklich in Stockholm herumgestrolcht seiest. Aber die Vorstellung ist wunderbar. Sie erinnert an die Bemerkung, die Du vor ewig langer Zeit über Deine Mutter gemacht hattest, sie sei sonntags über die Gartenzäune mit Verzögerung in die Kirche gelangt.
Leider habe ich nicht den Eindruck, ich könne diese Gefühle der Melancholie gut beschreiben. Aber natürlich ist mir einigermassen klar geworden, dass sie mit dem Wallis fast nichts zu tun haben. Es ist eine Frage der Biographie und des Verhältnisses, welches man zu sich selbst in früheren Jahren hat. Wenn sich im Leben viel verändert hat - eine Bedingung, die ein Umzug einigermassen erfüllt, mindestens bei damaligen Lebensverhältnissen erfüllte - dann erinnert man sich sozusagen an jenes Selbst wie an eine einigermassen fremde Person, vielleicht wie an einen Zwillingsbruder? Und man sehnt sich nach ihm zurück umso mehr, als er sozusagen in der Zwischenzeit dahingegangen ist.
Und natürlich sehnt man sich nicht bloss nach dem Zwillingsbruder zurück, sondern man möchte wieder mit ihm verschmelzen. Man möchte - vielleicht bloss zeitweise und ein bisschen - wieder jener werden, der man damals war. Und ich habe mich im Verdacht, Malou - unter uns gesagt - dass ich mich vor allem nach dem Jugendalter sehne. Es gab doch dieses Studentenlied: gaudeamus igitur, juvenes dum sumus = darum lasst uns Freude haben, solange wir jung (Jünglinge) sind.
Aber wenn man wirklich die Wahl hätte, so würde man - wie Frisch in seinem Stück „Biographie“ argumentiert - so würde man das niemals wirklich wollen.
Ist das Leben nicht eine merkwürdige Konstruktion. Ich bin erstaunt, wie organisch sie ist, wie wenig technisch. Sie ist wie ein Kunstwerk, in dem sich die Motive und Tonlagen immer wiederholen. Ich bin schon bald mit dem letzten Akt beschäftigt.

Aber Du hast mir auch gezeigt, wie man die Jugenderlebnisse als Bereicherung und Energievorräte ausschöpfen kann. Man soll nicht deren Vergangenheit beweinen, sondern ihre Vergangenheit ist gerade das grosses und schöpferisches Potential, das sich heute entfaltet. Das ist sozusagen ein nützlicher Proustismus, den ich in den letzten Jahren entdeckt habe.

Finde ich eine hübsche Vorstellung, das Kleid des Schwiegerpapas immer noch in der Wohnung hängen zu sehen. Ich habe ein Brillengestell meines Schwiegerpapas, und ich denke oft an ihn. Er war ein Aristokrat und ein sehr diskreter Mann, völlig anders als mein eigener Vater, der ein technischer Mensch und in menschlichen Dingen oft ein bisschen naiv ist. Und dieser Schwiegervater hat ja ein riesiges Gut bebaut, kannte alles über Pflanzen und Tiere und hat sich immer nur Dinge von höchster Qualität gekauft. Deshalb ist diese Lesebrille so dauerhaft, dass man sie immer noch sehr gut brauchen kann. Und nicht zuletzt deshalb muss sein Töchterchen, wenn sie einkaufen geht, einen vollen Geldbeutel mitnehmen.

Diese Buchstaben zum Schluss des Mails, ach, ich wollte sehen, wie lange wir brauchen, bis Du danach fragst. Es sind irgendwelche Abkürzungen, wie Du Dir vorstellen kannst. Weißt Du, beim Malen habe ich gelernt, dass man nicht naiv malen sollte. Naiv heisst, jedes Detail getreu und penibel genau ausformen. Das nimmt den Betrachter für dumm. Man muss Andeutungen machen, damit die Fantasie des Zuschauers zum Blühen kommt. Es gibt doch nichts Schöneres als Blüten. Besonders jene der Fantasie.
Deshalb, meine liebe Malou, geniesse die Zeit, die Dir durch die Finger rinnt.
MlGuKuaawddw
...

Auch die Greco ist in die Jahre gekommen, nicht wahr?

Freitag, 27. Juni 2014

Re: Wallis

Lieber ...,

Ach, ein so wunderbares langes Mail, voll von Nostalgie. Aber es gelingt dir gut, diese gemischten Gefühle zu beschreiben, die man hat, wenn man mit Plätzen aus der Vergangenheit konfrontiert wird.
Ich spüre etwas ähnliches, wenn ich nach Stockholm komme. Die Gegend wiederzusehen, wo man als Kind herumgestrolcht ist, gibt einem ein bittersüsses Gefühl. Auch wenn ich nach einem Jahr das Haus in Norrland wiedersehe, fühle ich etwas, was sich nicht richtig beschreiben lässt. Es ist als wären alle Personen, mit denen man schöne sonnige Sommer dort verbracht hat, noch irgendwie gegenwärtig. Besonders die Nähe meines verstorbenen Schwiegervaters fühle ich stark. Vielleicht sind wir etwas verrückt, aber an der Wand in der grossen Bauernküche, hängt noch sein Sonntagsanzug. Den muss er haben. Ich denke, Ks Schwestern müssen sich wohl etwas wundern wenn sie uns besuchen, aber sie sagen nichts.

Dieses Jahr werden wir zum ersten Mal allein dorthin fahren. Früher hatten wir Ks Vater, der schon immer sehnsüchtig auf unsere Ankunft wartete und dann später hatten wir ja immer Anna dabei. Jetzt wird es ein "ménage à deux". Ich werde mir ein paar gute Bücher mitnehmen. Hoffentlich wird es ein schöner warmer Sommer. Dann kann ich unten am Fluss sitzen und lesen.



(---)

Jetzt muss ich dich aber doch fragen. Was bedeuten deine Abkürzungen am Ende des Mails?

So grüsse ich dich lieb und hoffe, dass du mich nicht wieder auf Diät setzt.
Mit lGuKuawdw,
Malou

Besuch im Wallis, ein kompliziertes Unternehmen




                                                                          Brig                     Foto: Chris 
    
Liebe Malou
Nein, ich bin noch nicht im Wallis und ich habe die kleine Ausfahrt
auch noch nicht geplant. Wenn ich schon fahre, möchte ich schönes
Wetter. Ich finde, das Wallis ist bei schlechtem Wetter wie eine
Dampfkammer. Ich glaube nicht, dass ich diese Enge, die durch eine
tiefe und dichte Bewölkung entsteht, noch lange aushalten würde. Es
gibt zwar im Sommer schöne Situationen, wenn die Nebelschwaden
bis tief herunter hängen. Das kann sehr malerisch sein. Aber natürlich
nicht für einen Touristen wie mich, der einmal im Jahr daherkommt
und alles von der Sonnenseite her sehen möchte.
Nein, das Wallis ist eine Sonnenregion, und so sollte man sie auch
sehen und fotographieren. Was mich noch zögern lässt ist die Frage,
ob ich mit dem Auto oder mit der Eisenbahn losfahren soll. Mit dem
Auto ist es aufwendig. Es ist eine gute 3-Stunden-Fahrt via Bern und
Lausanne. Aber mit dem Auto hätte ich im Wallis die Möglichkeit, in
die Seitentäler hinein zu gehen, kleine Dörfer zu besuchen und die
besten Photo-Punkte aufzusuchen. In der Eisenbahn fährt man ja
eigentlich nur im Eiltempo durch.
Und so würde ich wohl oder übel schliesslich in Brig landen, die
Bahnhofstrasse hinauf schlendern, vielleicht auch noch die
Burgschaft, dieses alte Pflaster unter die Füsse nehmen, auf dem
wir so viele male auf und heruntergerannt waren, und ein paar
Blicke vom alten Kollegium und vom Pensionat, der damaligen
Mädchenschule, nehmen. Ach, ich weiss schon heute, wie sich
das im Herzen anfühlt. Es ist so ähnlich, wie wenn du dich an
einer alten Wunde kratzest. Irgendwie tut es wohl, aber die Wunde
schmerzt auch wieder. Und wenn du dann abends wieder
abreist, hängst du irgendwie in der Luft und bist mehr oder weniger
enttäuscht über all die Dinge und Menschen, die nicht mehr sind. Ich
weiss nicht, ob ich mir soviel Melancholie leisten kann?
Mit dem Auto wäre ich natürlich freier und würde vielleicht eine
kleine Fahrt bis hinauf ins schöne Goms machen. Das ist ein einmalig
schönes Hochtal mit wunderbaren kleinen Dörfern, die noch das alte
Bild erhalten haben mit den Holzbauten. Ich würde vielleicht in der
Nähe Visps hinüber gehen nach Baltschieder, wo am warmen
Sonnenhang praktisch eine neue Ortschaft entstanden ist. Oder ich
würde in Raron aussteigen und hinauf zur Kirche wandern, wo ich
schon in jungen Jahren gerne war, um über das Tal hinweg zu blicken
bis hinunter zum Pfinwald.
Es wäre alles ein bisschen so, wie wenn Du nach vielen Jahren das
Elternhaus wieder besuchst. Du kommst in die alte Stube, alles steht
da wie in einem Traum, du siehst, dass in der Küche noch dieselbe
Ordnung mit denselben Küchengeräten herrscht, und auch in
Deinem Zimmer ist das meiste so geblieben, wie es war. Es ist alles
noch so, wie es damals war, und trotzdem ist es nicht mehr so. Die
Bedeutungen haben sich verändert. Es ist nicht mehr deine Umwelt.
Aber sie hat immer noch deinen Geruch. Mindestens glaubst du, ihn
zu riechen. Ach, es ist wirklich ein merkwürdig melancholisches
Gefühl. Und vor allem denkst du ständig, du würdest irgendwelche
bekannte Menschen treffen. In Brig auf der Strasse, die alten Figuren,
die damals das Zentrum bevölkert haben. Aber nein, keinen einzigen
kennst du. Das macht so ein Gefühl der Irrealität. Du fühlst dich wie
in einem Film, der dir vorspiegelt, du wärst zuhause. Aber all die
Leute, die herumgehen, sind bloss Statisten für deine alte Heimat.
Dabei sind viele von jenen Menschen, die damals bedeutsam waren,
gestorben. Und die Kollegen aus der Schule sind beschäftigt und
kommen nicht auf die Idee, an einem gewöhnlichen Nachmittag die
Bahnhofstrasse auf und ab zu flanieren, um sich alles ganz genau
anzugucken.
Und dann kommen all die Häuser dazu, die neu gebaut worden sind.
Du vermisst die alten Bauten, mit denen du immer noch gerechnet
hast. Und du kannst das alles einfach nicht in solch kurzer Zeit
nachvollziehen, all diese Aenderungen, die gemacht worden sind,
ohne dich (!) anzufragen, ob es auch recht sei. Dies ist die Verletzung,
glaube ich, die man erlebt. Es ist vieles in d e i n e r Landschaft
verändert worden, ohne dass man dich vorher gefragt hätte.


Ach Du siehst, Malou, ein Besuch im Wallis ist ein kompliziertes
Unternehmen. Es ist ähnlich wie die Renovation eines alten Hauses.
Eine solche geht selten ohne Komplikationen ab. Und auch wenn man
sanft renovieren möchte, kommt man oft nicht drum herum, das eine
oder andere herauszureissen und völlig zu ersetzen. Und das Haus ist
nachher nicht mehr, wie es vorher war. Vielleicht ist das die
Anstrengung, die mich erwartet, wenn ich ins Wallis reise. Alle
denken, er macht sich einen schönen, sonnigen Tag. Und dabei
habe ich einen harten Arbeitstag mit Entbehrungen und Schmerzen
und Renovationsarbeiten, so dass der Staub nur so quillt. Da könnte
ich doch hier in der Region Basel bleiben und gemütlich über die
Jurahöhen wandern und in irgend einem Landgasthof einen kalten
Teller essen und ein Bier trinken. Etwa auf der Obetsmatt, wo ich als
Kind in den Ferien hier noch den bekannten Maler Fritz Pümpin des
Baselbietes gesehen hatte.
---
Ach Malou, vielleicht merkst Du, dass ich eigentlich Selbstgespräche
führe. Und es ist dabei schon eine kleine Not, das muss ich zugeben.
Es ist das Gefühl der Not, dass man all diese Gefühle und Situationen
nicht ausdrücken kann. Man kann ihnen keine Form geben. Es
schwebt alles in der eigenen Seele, ungesagt, unbearbeitet.

bloss Kommentator sozusagen


Ämne: RE: Montag 
Datum: den 28 juni 19:14

Liebe Malou
Es ist 20.00h und ich bin noch im Büro. War heute den ganzen Tag unterwegs. Wir hatten eine Sitzung im Club, um das kommende Treffen mit den Leuten aus Tschechien vorzubereiten. Zum Zeitpunkt, da sie im August kommen werden, bin ich allerdings in den Ferien. Ich war also bloss Dreinreder an der Sitzung, Kommentator sozusagen. Aber ein paar Ideen habe ich schon beigesteuert. Zum Beispiel habe ich Th. als Fremdenführer vorgeschlagen. Er wird mir das noch jahrelang vorhalten, darauf kannst Du Gift nehmen. Und ich habe den Treffpunkt mit den ankommenden Gästen, die per PW kommen, ausserhalb der Stadt festgelegt. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als 10 oder 12 Stunden Autofahrt und zum Schluss musst du im Zentrum einer dir unbekannten Stadt einen bestimmten Punkt finden. Das nervt doch enorm! Sie werden sie also in einem Autobahnrestaurant ausserhalb Basels treffen, das sie nicht verpassen können.
Aber sonst habe ich nicht viel gesagt. Da gibt es Leute, die reden viel zu gerne. Es ist wirklich erstaunlich. Und eigentlich sagen sie nicht viel Neues, sie wiederholen sich. Es ist, als wollten sie einfach einen grossen Raum besetzen. Und der Raum ist die Zeit. Ich finde, die sind wirklich unproduktiv. Man sagt, ein Chef brauche ungefähr die Hälfte seiner Energie, um sich als Chef zu präsentieren. Ich sage Dir Malou, es ist nicht die Hälfte, es ist 90%. Ach, was bin ich doch ein bescheidener Chef! Ich weiss nicht, ob meine Leute wissen, was sie an mir haben. Manchmal sage und bestimme ich vielleicht sogar zuwenig.
Zum Schluss haben wir ein kleines Lunch-Sandwich verdrückt, und ich musste schon weiter. Nachmittags Sitzung auf unserem Büro in Binningen. Wir haben alle schon ziemlich Ferienstimmung. Und das tut gut. Alle arbeiten noch, aber die Last ist weg. Das ist wunderschön, und alle wirken etwas glücklicher und zufriedener.
Und natürlich tut das Wetter seinen Teil dazu. Es ist heute ziemlich warm geworden, und man munkelt, dass das jetzt der Sommer sei, der endlich angekommen ist. Und damit sind wir alle einig.

Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mlgukuawdw
...

Donnerstag, 26. Juni 2014

Re: Kartoffeln, Ferien etc.

Lieber ...,

Die Herren sind gerade ausgefahren um einzukaufen und ich muss die Gelegenheit wahrnehmen, dir ein paar Zeilen zu schreiben. Der Morgen war etwas grau und ich habe mir keine Eile gemacht. Aber jetzt scheint die Sonmne wieder herrlich und lockt mich hinaus.

Meine Flügel hast du also auch gesehen. Auf die bin ich besonders stolz. :-) Und wie du sehen kannst sind sie immer noch schön weiss. Meine Gedanken haben immer schon Flügel gehabt und du weisst auch, dass sie täglich zu dir fliegen.

Um noch was zu dem Thema Neid zu sagen. Damals, als ich so sehr von dem Neid meiner Kollegen betroffen wurde, gab es noch keine individuellen Löhne in unserem Beruf. Man wurde automatisch befördert. Aber heutzutage sind die Löhne individuell. Und ich muss sagen, dass die wunderbare Stimmung mit grosser Offenenheit, die es einmal zwischen Lehrerkollegen gab, nun gänzlich verschwunden ist. Alle bewachen einander, und wenn jemand etwas mehr bekommt wird er gleich von den anderen benieden und schlecht behandelt. Und die Klugscheisser, wie du sie nennst, diese verbalen Wunder, die es wissen die neusten Worte zu gebrauchen um ihre Vortrefflichkeit zu zeigen, profitieren sehr davon. Aber das kennst du ja auch ohne mich.

Ach, meine Kartoffeln.. ich habe sie ja eigentlich nicht in die Erde gesteckt um irgendwas zu ernten. Nur weil eben nichts dort stand und weil es schon spät war. Ich glaube es verbessert die Qualität der Erde. Die Pflanzen sehen gut aus aber ich habe eben die Kartoffeln zu nahe nebeneinander gesetzt. Du bist goldig, wie du mir das Kartoffelnpflanzen beibringen willst.

So ich muss jetzt Schluss machen. Bald bin ich nicht mehr allein.
Ich wünsche auch dir einen sonnigen Tag.
MitlGuK,
Malou

Wann wir in den Norden fahren ist noch nicht bestimmt. Irgendwann wenn die Lust aufkommt und wir genug haben von hier. Anna kommt ja dieses Jahr nicht mit.



Mittwoch, 25. Juni 2014

Kartoffeln, Ferien und Homepage


Liebe Malou
Nun, wegen der Kartoffeln, die wachsen, kannst Du Dich nicht brüsten. Die wachsen ganz von alleine. Aber wenn Du sie gut feucht behälst, wird es schon ein paar Kartoffeln geben. Man muss sie jetzt anhäufeln, wie wir sagen, das heisst, Du rechst die Erde von beiden Seiten (wenn Du sie in Reihen gepflanzt hast) in Richtung der Pflanzenstengel, so dass sie tiefer in der Erde stehen. Dann machen sie mehr Kartoffeln. Sie mögen Trockenheit nicht. Ach, Du wirst das alles kennen.

Man sieht es ganz deutlich. Dein Leben wird sehr luftig und ‚rosig’ sein! Und dass Du gleich noch Flügelein angepasst bekommen hast, wird Dich absolut mobil machen. Da kannst Du Deinen geheimen Träumen hinterher flattern. Das muss ein wunderbares Gefühl sein. Habe ich Dir schon gesagt, wie ich Dich beneide? Und wenn man sich erinnert, was Du über den Neid und seine negativen Folgen gesagt hast, muss ich mich in Zukunft sehr in acht nehmen.

Ich habe heute den ersten Ferientag, das heisst Schulferientag. Jetzt läuft nicht mehr viel Aktuelles in unseren Büros. Nur die letzten, die alle Termine und Abmachungen verpasst haben, kommen noch in Windeseile und wollen noch dies oder jenes. Es gibt nicht wenige solche Lehrer. Aber wir haben jetzt mehr Geduld. Und deshalb lassen wir sie nicht einfach stehen, sondern helfen ihnen wo wir können und so gut wir das vermögen. Das ist eine sehr angenehme Atmosphäre. Alles ist ruhig und natürlich, wie es eigentlich während des ganzen Jahres sein sollte, und wie es früher wohl auch mehrheitlich gewesen war. Da wird die Arbeit angenehm und lustvoll.

Wir sind an unserer Homepage. Kannst Du Dich erinnern, als Du mir praktisch ein fixfertiges perfektes Exemplar organisieren wolltest. Das war vielleicht vor 2 Jahren. Und erst jetzt sind wir soweit. Einer meiner Leute hat sich dem Thema angenommen. Es braucht ziemlich viel Arbeit im Hintergrund. Man muss die Informationen, die man hat, organisieren und als eine Art von Spielanlage anordnen. Ich bin mit den Zeichnungen beauftragt. Und ich hoffe, dass ich ein paar originelle Ideen haben werde, damit das nicht zu gewöhnlich wird wie die übrigen HPs vom Staat. Und jetzt, während der Ferien, kann ich mir ein bisschen Zeit nehmen dafür. Das ist ganz hübsch, denn gute Ideen gewinnt man nicht unbedingt im eigenen Büro am eigenen Pult. Gute Ideen gewinnt man in anregender Umgebung. So werde ich mir auch die Freiheit nehmen, ein bisschen auswärts zu sein und meine Ideen spielen zu lassen.
(---)
Und jetzt muss ich los. Ich wünsche Dir eine gute Zeit. Wann fahrt ihr in den Norden?
MlGuK

und das Bild




Subject: Es gibt Augenblicke,

... wenn man wunschlos glücklich ist. Vielleicht sehen sie so aus?

MlGuKuMuHuS
Malou

Glück, Neid und Fernsehen


" Probleme wirken stabilisierend. Nur die absolut wunschlos Glücklichen leben in einer diffizilen und jederzeit gefährdeten Balance."

Re:
Datum: den 27 juni  16:08

Lieber ...,

Wie gut, dass ich nicht zu den "absolut wunschlos glücklichen" gehöre. Ich glaube, das werde ich nie sein. Immer gibt es eine geheime Sehnsucht irgendwohin.. manchmal frage ich mich nach was eigentlich. Ein heimlicher Traum, der vor mir schwebt.

Ich bin eine kleine Weile allein. Habe Anna zum Zug gebracht und die beiden Herren sind schon eine Stunde vorher ausgefahren. K wollte weiter südlich irgendwohin, wo man frischen Vätternfisch kaufen kann. Die Gegend ist so wunderschön dort unten, so bis 100 km von hier und ich wäre gern mitgefahren. Aber ich musste eben Anna dann zum Zug bringen. Und ausserdem schätze ich auch diesen kleinen Augenblick mit dir.

Was du sagst von einer "ménage à trois" ist ganz richtig. Man hat dauernd einen Blitzableiter dabei.. oder wie es heisst. Sogar ein kleines Vögelchen kann im Notfall als "numéro trois" dienen.
Es ist eben so, wenn die Kinder plötzlich ausgeflogen sind, dass es etwa zu still wird für meinen Geschmack. K macht es weniger aus. Er ist gern stundenlang in seine Lektüre vertieft. Ich muss mich erst etwas darin üben, aber vorläufig warten noch so viele andere Aufgaben auf mich hier im Haus. Wo immer ich hinschaue, sehe ich Dinge die jahrzehntelang vergessen waren. Es ist die reinste Entdeckungsreise, und das im eigenen Haus. ;-)

Schön, was du über deine Stelle erzählst. Ja, der Neid! An dem kommt man nicht vorbei. Ich habe es auch manchmal im Beruf erfahren, und wenn ich irgendwelche Feinde habe, so sind sie es aus purem Neid geworden. Wie damals, als ein Inspektor allen Chefs und höchsten Schulbehörden erzählte, was für eine ausserordentlich gute Lehrkraft sie an der Schule an mir hätten. Man kam sogar und gratulierte mir und ich wusste nicht zu was. Und dann war es eine zeitlang aus mit dem guten Verhältnis zu meinen nächsten Kollegen. Nur Åke hat sich ganz uneigennützig immer mit mir gefreut. Einige von den neidischen Leuten habe ich "wiedergewonnen" aber es gibt auch eine Frau, die mir sowas nie verzeihen kann. Doch ich traure nicht um ihre Freundschaft.

Hast du das Spiel gestern gesehen? War doch sehr gute Unterhaltung. Vielleicht hast du auch den einen schwedischen Coach gesehen. Ich meine den dicken, der so lustig herumspringt etwas unbeholfen und hinkend, wenn die Schweden ein Tor geschossen haben. Auch gestern sass er am Rand der Arena und sah besorgt aus. Was ich dir sagen wollte ist, dass ich mich mal vor vielen Jahren mit ihm unterhalten habe. Er war von der Schule an einem Studientag eingeladen worden, um einen Vortrag über Trainingsmethoden im Sport zu sprechen und in der Kaffepause habe ich mich mit ihm über das Schulwesen unterhalten und wir waren uns sehr einig in vielen Dingen. Damals gab es so viele wahnsinnige Ideen in der Pädagogik hier und man war froh, wenn man einen Menschen mit vernünftigen Ansichten fand.

Heute scheint die Sonne endlich wieder aber die Luft ist sehr feucht nach dem vielen Regen. Ich habe vor einer Weile den Rasen gemäht. Meine Kartoffelpflanzen sind in die Höhe geschossen. Wenn ich Glück habe, werden sie sogar Kartoffeln geben. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

So, nun lasse ich dich wieder. Ich hoffe, dass du nun auch die lockeren Tage geniesst und wünsche dir ebenso schönes Wetter wie hier.

Mit leben Gs und Ks,
Malou
Ach ja, Anna hat mir eine schöne Karte gegeben, die genau zeigt wie ich mir mein künftiges Leben vorstelle. ;-)) Ich schicke sie separat.


Dienstag, 24. Juni 2014

Re: kleines Selbstgespräch




Ämne: RE: donnerstags.. nochmals
Datum: den 24 juni 12:59


Lieber ...,
Danke für dein schönes langes Mail. Was das Meer bei Sorrento betrifft so kann ich eigentlich nicht verstehen, wie man in solchem Wasser baden kann. Und doch zogen täglich ganze Heere zum Strand hinunter. Und die Felswand, die du erwähnst, hatten wir gerade vor unserem Fenster. Immer so gegen 5 Uhr abends sah man diesen Lemmelzug von Menschen die Treppen hinaufsteigen. 



Wenn man oben war, befand man sich mitten im Zentrum. Und auf der anderen Seite des Hotels hatte man den schönen Blick über das Meer. Aber wie gesagt, der Strand war eine grosse Enttäuschung. Ich konnte für mein Leben nicht begreifen, wie man sich dort niederlassen konnte und schon lange nicht, dass jemand in das unfreundliche, schmutzige Wasser steigen wollte. Ich bin mal dort gewesen, weil Anna gern baden wollte.. aber auch sie fand es ziemlich ungeniesbar.

Die engen kleinen Strassen und Plätze waren abends voll von Leuten, meist englischen Touristen, von denen ich vermutete, dass sie nun gekommen waren um ihre schönen Jugenderlebnisse wieder zu erleben. Ich glaube, dass sie in jungen Jahren, damals als Sorrento und die Amalfiküste der Taumelplatz der europäischen Jet-set war, ihren Sommer dort verbracht haben.
Aber tanzen konnten sie, die alten Eidechsen (Echsen). Am Abend, auf der Terrasse des Foreigners Club, mit Blick über das Meer und den Sternenhimmel, hatte man den Eindruck, dass sie ihre Jahre wie einen schweren Mantel ablegten und wider lebendig wurden.

Schön, dass du etwas an der Wand hast, was dich an mich denken lässt. Aber was sagt deine Familie dazu? Sicher schauen sie auch hinten auf die Karte. Hatte ich genügend neutral geschrieben? :-) Die sich küssenden Elche hast du sicher verstecken müssen. *s*

Ich lebe in einer glücklichen Zeit und ich versuche zu tanken für andere Zeiten. Doch im Moment fühle ich nur wie herrlich es ist frei zu sein. Ich habe eine lange Zeit mit mir selbst gekämpft um schliesslich dann diesen Entschluss zu fassen. Und jetzt bin ich froh und denke, dass ich richtig gewählt habe.

Es hat geregnet auf dem Weg hierher und nur ab und zu brechen plötzlich ein paar helle Strahlen durch die schwarzen Gewitterwolken. Ich glaube, wir werden uns jetzt sofort auf den Heimweg machen. Es war schon ziemlich viel Verkehr auf den Strassen. Det Midsommarverkehr kann gefährlich sein. Und am schlimmsten waren alle diese Schnecken, an denen man schwer vorbeikommt. Ich meine Autos mit Wohnwagen. Auch einige deutschregistrierte Autos habe ich schon gesehen. Vielleicht wollen sie den schwedischen Midsommar hier feiern.

So lasse ich dich nun wieder.
LGuKuS,
Malou

kleines Selbstgespräch


Liebe Malou
Puh, heute habe ich lange geschlafen. Ich habe mir eine Reserve geschaffen für die nächsten 14 Tage. Ich könnte also gut und gern die nächste Zeit nächtelang an Bars und zwielichtigen Orten herumtreiben, bis mein Schlafreservoir aufgebraucht wäre. Aber das ist doch wohl auch nicht die Lösung.

(---)
Hier ist es kühl, bewölkt und regnerisch. Es ist unfreundlich, die Sonne blinzelt zögerlich und verschämt manchmal kurz zwischen den schweren Wolken hindurch. Es ist - alles in allem - nicht das, was man sich von einem anständigen Juni wünschte. Es ist so windig, wie man sich einen kühlen Vormittag an einem nordischen Meeresstrand vorstellt.

Habe ich Dir schon über meine Erfahrungen mit nordischen Meeresstränden erzählt? Na, so viele sind es auch nicht. Aber doch einige. Die wichtigsten stammen aus meiner Studentenzeit in England. Dort hatten wir den gesamten Strand in Bornemouth zur Verfügung. Und das war auch ziemlich in Ordnung. Mindestens an schönen und warmen Tagen. Es gibt doch da dieses Pier, wo man hinausgehen kann. Draussen ist wohl ein Restaurant und ein kleines Casino vielleicht. Ich war nie wirklich dort draussen, denn ich hatte mir immer gedacht, das würde Geld kosten. Und soviel Geld hatte ich nicht zur Verfügung.
Ich trieb mich also mit meinen Kollegen am Strand herum. Nun muss man wissen, dass die Walliser zu jener Zeit von Meer und Wasser und Strand keine blasse Ahnung hatten. Die meisten waren wohl kaum schwimmen gegangen. Ich hatte einige Erfahrung, von unseren Sommerferien in Italien. Und genau dies war es, was meine Erfahrungen hier in England prägten. Verglichen mit einem schönen italienischen Strand mit wunderbarem hellem Sand und klarem seichtem Wasser war der Strand von Bornemouth die pure Geröllhalde. Statt Sand eine mehr oder weniger steinige Fläche. Statt Sonne wiederkehrende Bewölkung mit Wind, so dass diese weissen Schäumchen auf den Wellen erschienen. Statt hübsche lachende Italienerinnen im Bikini etwas sonderliche und klapperige Engländer auf ihren Campingstühlen, unsorgfältig gekleidet in einem flatternden Hemd, Zeitung vor dem Gesicht, auf dem Arm ein Tatoo, leichter Sonnenbrand auf der Stirn. Und auf der Strandstrasse viele Leute in Kleidern, auch viele Rockers damals mit ihren Höllenmaschinen. Kurz und gut: ein englischer Strand war mit einem italienischen überhaupt nicht zu vergleichen. Er war, im Grunde genommen, die totale Enttäuschung. Und dabei habe ich noch nicht geschildert, wie es war, wenn man vorsichtig über diese spitzen Steine für ein paar Minuten ins trübe kalte Wasser gestiegen ist. Es war die reine Rosskur. Ich meine, wenn man alles in Rechnung stellte, so wurde man eher vom Strand vertrieben, als dass er einen hätte anlocken können mit irgendwelchen südlichen und süssen Versprechungen. Ich erinnere mich, dass für einen oder zwei Tage unser Lehrer zu Besuch kam. Er sass den ganzen Tag auf einem Stühlchen am Strand, las irgend einen Schmöker und rauchte seine Pfeife, um unter den Engländern nicht zu sehr aufzufallen. Nein, um ein paar schöne Tage am Strand zu haben, muss man nicht nach England fahren.
Heute würde ich das vielleicht anders sehen. Heute könnte ich wahrscheinlich auch dem Wasser entlang im Wind wandern und die Aussicht übers Meer geniessen. Vor allem die Weite ist ja immer wieder schön, wie wir sie hier in der Schweiz nicht haben. Diese weite Sicht über das Wasser, die sich irgendwo in der Ferne verliert und an keinem fixen Punkt festmachen lässt, ausser vielleicht in einem glücklichen Moment an einem winzigen Schiff, das irgendwo in der Ferne dahin zu dümpeln scheint, diese Sicht ist wunderbar. Ist es nicht so, dass der weite Raum nicht auch den Eindruck von viel Zeit verschafft? Die räumliche Weite schafft auch eine ruhige Zeit. Vielleicht ist es das, was ich so liebe. Ich mag Aussichtspunkte, von wo man in die Weite sieht. Das gibt eine Art philosophische Position vis-à-vis unserer Welt. Alles erscheint dann irgendwie wohl gefügt und in Ordnung. Ich kann mir schon vorstellen, dass der liebe Gott mit seinem Werk zufrieden war. Er hat es sich ja nicht aus der Nähe angeschaut, sondern aus Distanz, mit einem generösen Überblick. Wenn man sich die Details anschaut, dann könnte man schon das eine oder andere bemäkeln, nicht wahr. Aber der ferne Blick des lieben Gottes verschafft ihm sozusagen ein impressionistisches Bild. Ein Bild nämlich, mit dem ein Kurzsichtiger in die Welt blickt. Es schaut alles hübsch und luftig aus, weil er nicht so genau sehen kann. Die Details würden ihn wohl erschrecken.
Vielleicht ist der liebe Gott wirklich ein bisschen kurzsichtig?

Ach, ich bin irgendwie in eine Thematik geraten, von der ich nicht weiss, was ich Dir damit bieten könnte. Alles ist von unserem momentanen windigen Wetter ausgegangen. Und ich glaube, dass Du diese Art des englischen Wetters sehr gut kennst. Aber Du weißt auch, wie es sich am Mittelmeer anfühlt. Seid Ihr in Sorrent auch schwimmen gegangen? Wenn ich mir das Foto anschaue - es hängt, wie Du weißt, immer noch an meiner Wand -, so habe ich den Eindruck, der Ort sei so alt und schick, dass man gar nicht fürs Bad eingerichtet sei. Der Ort stamme nämlich aus einer Zeit, da man noch nicht im Meer zu baden wagte. Die Gäste, alte zitterige Adelige an eleganten Stöcken und aufgetakelte Jungfrauen wandeln in kleinen Schritten durch die engen Strässchen und promenieren auf der Terasse über dem Meer. Aber niemals würden sie sich auch nur einen Zentimeter ihrer Haut in diesem Meer feucht machen. Niemals! Und die Gefahr kann auch gar nicht aufkommen, denn der Ort ist durch eine Felswand vom Wasser getrennt. Man sieht das Wasser aus der Höhe, und niemals ist es blauer und einladender, als aus dieser Perspektive. Aber die Greisinnen und Greise geraten nicht in Versuchung, denn sie stehen oben am Geländer und lassen sich den Wind durch ihr schütteres Haar streichen.

Vielleicht ist das schon die Ferienstimmung, die mich zu solchen Gedanken treibt?

Ich muss mich aber vorläufig noch hier in unseren Breiten zufrieden geben. Vielleicht fahr ich mal, zwischendurch, für einen Tag ins Wallis. Ich möchte mit meiner neuen Kamera ein paar Bilder schiessen. Vielleicht kann ich dann wieder mal malen. Ich muss unbedingt den Einstieg zurück finden jetzt in die Malerei. Unbedingt! Es ist lustig, wie ich bei solchen Unternehmungen immer wieder im Mittelwallis lande. Ich glaube, dort ist das Wallis am schönsten. Oben, im deutschen Teil, ist es steiler und enger, irgendwie karger und härter, eben so, wie die Oberwalliser sind: etwas holperig und eckig, aber so lieb und loyal wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Im Mittelwallis wird das Tal dann breit und die Bergrücken mild. Und abends, wenn die Hänge über Siders hinauf bis Montana mit den vielen kleinen Lichtlein zu scheinen beginnen, so ist dieser Lichterteppich so wunderschön und zart ungefähr wie jener, den man von Shemiran herunter erblickt, wenn man in der warmen Nachtluft auf der Terasse einer dieser noblen Villas steht und die Millionenstadt Teheran vor sich betrachtet. Aber natürlich ist der Teheraner-Teppich unendlich weit und in einer Ebene unter einem klaren Sternenhimmel ausgerollt, während jener von Montana mehr oder weniger vor uns und genau genommen ziemlich klein an der Alpenwand hängt. Beide Male geht aber der Lichterteppich ziemlich nahtlos in den Sternenhimmel über.

Es ist so kühl heute, dass ich mir eine grosse Portion Tee gebraut habe, um mich ein wenig aufzuwärmen. Hagebuttentee! Kennst Du ihn, Malou. Er wird von Rosenblüten gemacht und schmeckt ein wenig säuerlich. Ich mag die Säure. Bestimmt kennst Du ihn!

Ich glaube, ich muss dieses kleine Geplätscher beenden. Es gibt nicht wirklich ein Thema, schon gar nicht eine Botschaft, wie man immer sagt. Es ist bloss ein kleines Selbstgespräch, irgendwie.
Ich wünsch Dir einen guten Tag
MLGK

Psychoanalytisches littering


Ämne: RE: mittwochs
Datum: den 23 juni  13:49

Liebe Malou
Bestimmt hast du in der Zwischenzeit ein Mail erhalten. Oder etwa nicht? Ich war nicht im Büro gestern. Und heute muss ich etwas aufarbeiten.
Bei Euch klingt es wie im Vorzimmer des Himmels. Deine ehemaligen Schüler schiessen Tore, die die Welt auf den Kopf stellen. Und mit freimaurerischen Gästen macht ihr Permafest. Das hört sich alles etwas apokalytpisch an!!
Bei uns geht es demgegenüber ziemlich viel ruhiger zu und her. Ich versuche langsam, mein Büro etwas aufzuräumen, zu testen, ob ich wieder Holz finde auf dem untersten Untergrund. Diese Arbeiten kennst Du ja. Sie haben etwas Erleichterndes in sich. Man kann an all diesen Spuren die vergangenen Arbeiten noch einmal durchleben, sie durchleiden. Es ist sozusagen Psychoanalyse am Rande des Papierkorbes. Gestern hörte ich ein neues Wort: littering. Das ist dasjenige, was Leute tun, die überall ihren Dreck fallen lassen. So könnte ich sagen, ich mache psychoanalytisches littering. Das klingt doch wirklich nach einer ausgewachsenen psychiatrischen Krankheit, nicht wahr?
Willst Du vielleicht noch die neuesten Wettermeldungen von Zentraleuropa? Na ja, wenn ich zum Fenster hinaus schaue, ist es blendend hell. Aber das hängt eher daran, dass die Putzfrau momentan die Vorhänge wäscht und die Scheiben geputzt hat. Die Helligkeit schlägt ohne Scheu und Bremse durch und blendet. Aber draussen ist es nicht sonderlich licht. Der Himmel ist bedeckt. Es tropft alle paar Minuten wieder und die Luft ist feucht, so dass man bei einer mittelgrossen Papierbeige (littering) bereits ins Schwitzen gerät.
Die Schweden haben sich exzellent gehalten an diesen Fussballmeisterschaften. Ich glaube, es hilft wirklich, dass Du ihnen - die Daumen drückst. Ich habe das auf meiner Seite nicht getan. Deshalb wohl sind die Schweizer heute schon draussen und auf Heimreise.


MLGUK
...

PS: nochmals, zur Klärung: ich habe doch heute morgen ein Mail geschickt, oder nicht?
Wenn nicht, dann hätte ich es irgendwo zwischengelagert?


Montag, 23. Juni 2014

Over and over again..


Ämne: Over and over again..
Datum: den 23 juni 2004 10:35


Lieber ...,

Kein mail von dir schon 2 Tage lang. Das ist eine Ewigkeit. Am liebsten würde ich warten bis du von dir hören lässt und erst dann schreiben. Aber ich muss jetzt die Gelegenheit ausnützen wenn ich ungestört an den PC herankomme.

Seit gestern ist Folke (Ks Freund) hier und das Leben ist ein Fest ohne Pausen. Klingt schön, oder? Die Unterhaltung ist intreressant und angeregt, das Essen ist delikat und nichts auf der Welt treibt einen irgendwohin. Gestern Abend haben wir natürlich auch das spannende Fussballspiel Schweden-Dänemark gesehen. D.h. Folke ist nach dem ersten Tor eingeschlafen und in der letzten Minute des Spiels, also bei 2-2 aufgewacht. Er war müde von der Reise und vielleicht hat auch der gute Wein dazu beigetragen. Der Spieler, der in der letzten Spielminute zu 2-2 ausgeglichen hat, ist übrigens ein früherer Schüler von mir und stammt aus dem Nachbarort.

Jetzt sind F und K ausgefahren und ich beschäftige mich mit Ameisenjagd, Blumenpflanzen und noch etwas anderer Gartenarbeit. Im Moment scheint die Sonne noch, aber es ziehen immer mehr dicke Wolken über den Himmel.

Folke hat auch schon den "Da Vinci Code" gelesen, und fand das Buch ausgezeichnet. Er gehört nicht zu denen, die sich schnell begeistern lassen von einem Buch. Vielleicht war er auch ein Bisschen extra interessiert, weil er selbst einer Männergesellschaft angehört, nämlich den Freimaurern.

Ich lebe in einer perfekten Zeit. Ab und zu vergesse ich, dass ich nun bald ganz frei bin, das Leben zu geniessen. Und wenn ich mich dann erinnere, dann fühle ich mich wie eine Champagnerflasche, die man geschüttelt hat. Du weisst wie ich meine.

Klein Olle singt laut. Wenn man ihn hört, meint man einen ganzen Schwarm von Vögeln zu hören. Er singt mehrstimmig, eine Mischung von verschiedenen Vogellauten, die er wohl in dem Geschäft gelernt hat.

Ich werde wieder mal "l'Express" abonnieren. Will mich auch in Zukunft à-jour halten. Nur ist eben viel dort aus einer französischen Perspektive geschrieben, was nicht immer mit meinen Ideen zusammenfällt. Aber es ist eine gute Zeitschrift.

Und du mein lieber Mausfreund? Wo bist du? Krank? Voll beschäftigt? Schreibmüde???

Ach, lass von dir hören. Du weisst, dass ich süchtig bin.

Ich wünsche dir alles Gute, was immer du tust..
Mit lieben Grüssen und Ks,
Malou

Sonntag, 22. Juni 2014

Re: Samstag


Ämne: RE: Samstag 

Liebe Malou
Ja, ich fühle mich manchmal, als ob ich die Müdigkeit erfunden hätte. Und jeder Erfinder ist überzeugt von seiner Erfindung und verliebt in sie, manchmal sogar fanatisch verknallt. Na ja, ich bin ganz einfach ein wenig nachsichtiger geworden und wenn dieser nebelig blaue Dunst aufsteigt, gebe ich ihm eben nach und ziehe mich auf meinen Schaukelstuhl zurück. Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht mein hübsches Sofa aus meinem privaten Büro hier nach L zügeln sollte. Aber auf einem Sofa zu schlafen, auf dem mehrheitlich fremde Leute sitzen und mit ihren Hintern herumrutschen, dieser Gedanke war dann doch nicht allzu einladend. So schlummere ich eben auf meinem harten holzigen Schaukelstuhl. Und dazu höre ich gerne Chopin. Das ist so romantisch und luftig leicht, gerade ideal für einen kleinen Sommernachtstraum.

Die Sache mit der Inspektion ist gut abgelaufen. Ich war im Vorfeld etwas nervös. Aber das hing vor allem damit zusammen, dass sich die Politiker bei meinem Kollegen in Basel angemeldet hatten. Die früheren Kontrollen kamen immer direkt zu mir. Es waren in den letzten 20 Jahren etwa 5 oder 6 gewesen. Dieses mal „unter“-liefen sie mich sozusagen. So hatte ich diesmal nicht viel damit zu tun. Und wenn man nichts zu tun hat, wird man gerne nervös. Aber mein Kollege in Basel ist sehr tüchtig und hat sich viel Mühe gegeben. Ich war bloss irgendwie nervös, dass wir durch irgend eine dumme Kleinigkeit oder Zufälligkeit unseren guten Ruf verlieren könnten. Manchmal braucht es nicht viel, und man ist im öffentlichen Gespräch. Und weil wir Teil der öffentlichen Verwaltung sind, hat jeder Bürger die Überzeugung, er bezahle uns mit seinem eigenen Geld (was ja gewissermassen zutrifft). Mit einem guten Ruf dagegen ist alles viel einfacher. Wir sind ziemlich hoch angesehen, habe ich den Eindruck. Die Richter urteilen in Rekursfällen am Gericht bisher immer nach unseren Urteilen und Vorschlägen. Nur in der Direktion bemerke ich manchmal ein bisschen den Neid meiner Chefkollegen, weil uns in den letzten Jahren zusätzliche Stellen zugesprochen wurden und mein Dienst an der Direktionssitzung immer wieder als Vorzeige-Dienststelle behandelt wird. Ich glaube zwar nicht, dass es irgend einen Grund gibt, uns höher oder besser einzuschätzen als all die anderen Dienststellen unserer Direktion. Aber solange das geschieht, möchte ich niemanden in seiner Ansicht enttäuschen. Ich will eine Politik der Diskretion. Das mögen die Leute und die Oeffentlichkeit heute zwar ein bisschen weniger als früher. Heute wünscht man sich grosse Worte und laute Diktion, damit die Medien was zu berichten haben. Ich bin mit meiner Diskretion sehr gut gefahren, und sie passt schliesslich auch ausgezeichnet zu einer seriösen Psychologie.

Du scheinst Deine Zeit zu geniessen. Nun ja, das ist doch eigentlich eine ménage à trois, nennt man das nicht so? In der Ausbildung in Familientherapie wurde ausführlich darüber diskutiert, welchen Vorteil eine ‚Gruppe zu dritt’ gegenüber einem Zweierteam hat, wie es die Ehe darstellt. Ein Paar ist nun einmal nicht stabil. Ein Dreieck dagegen ist sehr stabil. Deshalb führen die meisten Paare ein drittes Element in ihre Ehe ein: ein Kind, die Arbeit, einen Hund, Schulden, Trunksucht oder irgend ein anderes Problem. Probleme wirken stabilisierend. Nur die absolut wunschlos Glücklichen leben in einer diffizilen und jederzeit gefährdeten Balance.

So soll ich heute den Schweden den Daumen halten? Ich habe gestern ein bisschen den Griechen zugeschaut. Die Franzosen waren die reine Enttäuschung. Auf den deutschen Fernsehsendern ist man ganz begeistert von den Griechen, weil diese mit Otto Renagel (heisst er so?) einen deutschen Trainer haben. So können die armen und enttäuschten Deutschen noch ein bisschen der Illusion nachleben, bei dieser Meisterschaft immer noch dabei zu sein. Aber die Griechen waren gut. Als Laie stellt man das leicht fest am Eindruck, es wären irgendwie einfach mehr Weisse als Blaue auf dem Feld. Wo immer irgend etwas los war mit diesem mysteriösen Silberball, es waren mehr Weisse dabei. War der Schiedsrichter wieder dieser Schwede?

Und das Wetter? Es ist warm geworden und der Himmel ziemlich blau. Ich glaube, jetzt können wir mit dem Sommer beginnen. Es war wirklich falsch, dies schon vor Deinem Geburtstag zu erwarten. Ich wünsche Dir alles Gute, Du Sommerkind! Und ich hoffe, dass Du in Deinem zweiten (eigentlich ist es schon das dritte?) Leben sehr glücklich und zufrieden sein wirst.

Mlguhk

Samstag, 21. Juni 2014

Midsommartag


Ämne: Samstag 
Juni 2004

Lieber ...,
Heute ist der Midsommartag, ein roter Tag im Kalender. Und in der Nacht zwischen gestern und heute feiert man überall auf traditionelle Art. Leider wird auch sehr viel getrunken und hier im Nachbarort haben jugendliche einen 17-jährigen erschlagen. Es ist schrecklich!

Wir wollten wie gewöhnlich so um drei Uhr zum Freilichtsmuseum gehen um dort Kaffee zu trinken und eine Stunde später unsere Vokstänzer zu sehen. Ein wenig fühlt man sich fast verpflichtet das zu tun, weil unsere befreundeten Nachbarn dort mittanzen. Aber als wir losfahren wollten kam ein richtiger Wolkenbruch und es goss wie aus Eimern. So sind wir erst losgefahren als der Regen aufgehört hatte und haben uns zu den wenigen gesellt, die nicht vor dem Regen geflohen waren. Meist alte Pensionisten aber auch Leute, die sozusagen die Träger der Kultur hier sind. Ein paar Politiker, Akademiker u.s.w. nicht zu vergessen die Einwanderer, die neugierig sind auf die Traditionen ihrer neuen Heimat. Auf die kann man immer rechnen.

Am Abend haben wir natürlich, nach einem wunderbaren Essen, Fussball gesehen. Wirt haben den Griechen die Daumen gehalten. Ist das schlimm? Und heute Abend spielen die Schweden gegen die Holländer. Leider sind die Holländer bedeutend besser als unsere Mannschaft, aber wir werden natürlich wie richtige Patrioten den Schweden die Daumen halten.

K und F sind gerade ausgefahren. Nach A. runter glaube ich. Das Wetter ist auch heute ziemlich schlecht, obwohl sich der Himmel im Moment ein wenig aufhellt. Anna und ich werden jetzt gleich Prousts Madeleines backen. Anna lobt sie so sehr, dass ich mal probieren muss. Und die Geburtstagstorte nehmen wir wohl erst als Nachspeise heute Abend.

Ich liebe es Gäste im Haus zu haben und F und K haben unendlich viel zu besprechen. Es macht Spass ihnen dabei zuzuhören. Ich habe doch F schon damals in Uppsala kennen gelernt. Er wohnte im selben Studentenkorridor wie K. Das Haus wurde KP genannt. KP steht für Klosettpalast. Den Namen hat es bekommen, weil dort erstmals Toiletten mit Wasserspülung eingeführt wurden. Und bei der Einweihung hat man in allen Klos gespült. (Sagt man so?) Von Ks Fenster aus sah man hinunter auf den Linnégarten. Sicher kennst du Carl von Linné, unseren grossen Botaniker. Ach weisst du, ich glaube ich habe dir das schon mal erzählt, aber das ist sicher lange her. Jedenfalls liegt das Haus direkt im Zentrum und ist jetzt in ein Hotel verwandelt. F hat mal dort übernachtet und sagt, dass man die Zimmer immer noch erkennen kann.



Du willst das Wallis besuchen? Muss schön sein für dich alle die alten Plätze wiederzusehen. Wann fährst du?
Du scheinst etwas müde zu sein. ... Aber ich weiss wie es ist, wenn die grosse Anspannung nachlässt.. Dann kommt die Müdigkeit, die man irgendwie zurückgehalten hat.

Ich habe einen wunderbaren Strauss hereingeholt mit allen Blumen, die ich im Garten finden konnte. Verschiedene Sorten von Rosen, Margueriten, sibirischer Mohn, duftende kleine Nelken, Leutnantsherzen u.a.m. Der Strauss schmückt unseren Esstisch und ersetzt den Maibaum, den wir sonst manchmal haben. Es ist wirklich die allerschönste Jahreszeit und sogar hier im Süden sind die Nächte hell.

So, nun werde ich mich in die Küche begeben. Anna wartet schon.

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir ein schönes Wochenende.
Mit lieben Gs und Ks,
Malou


Freitag, 20. Juni 2014

Midsommarafton

20/6


Midsommar

.

 bei Tag


 und bei Nacht






Glad midsommar!

Mittwoch, 18. Juni 2014

Kunst des Lebens

...
Ich wollte was anderes sagen. Ich hatte doch einen Satz von Dir in Erinnerung. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!" Die Melancholie des Abschieds, der immer schon stattfindet, die mit diesem Seufzer aufsteigt (ich hatte dort "Säufzer" geschrieben, entschuldige, war falsch, kommt nicht von saufzen) ist das, was uns zur Kunst des Lebens führt, zum savoir vivre. Ohne das Bewusstsein der Kürze des Leben kommt man nicht zur Überzeugung, das Leben intensivieren zu müssen. Unser biologisches Leben ist so kurz, freilich mit den ca. 80 Jahren Lebenserwartung länger denn je, aber immer noch so kurz, dass man sich überlegt, wie man mehr daraus machen kann. Es ist wie ein Acker, den man nicht der Natur zu überlassen bereit ist, weil er dann einfach zu wenig Früchte erbringen würde. Man fängt also an zu denken und kommt zur agri-cultura. Und hier, bei unserem Leben, kommt man zur vita-cultura, zur ars vivendi. Das Leben ist wie ein Kelim. All meine Träume und meine Hoffnungen und meine Gefühle und meine Erkenntnisse muss ich zwischen die beiden Enden stopfen, so dass es insgesamt eine sehr intensive und farbenstarke Musterung ergibt. Und solche Musterungen geometrischen Figuren, die wir auf den Teppichen und Kelims finden, sind in ihrer Regelmässigkeit und Regelhaftigkeit Behauptungen zur Ewigkeit. Gerade die Regelhaftigkeit weist über den Teppich hinaus, transzendiert das kleine Stück geflochtenen Stoffes und verweist auf Höheres, eben auf soetwas wie Ewigkeit. Da sind wir wieder bei unserem Platon angelangt.
Die Kürze des Lebens legt uns nahe, dieses unser Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten, es nicht der Natur oder irgendwelchen äusseren Einflüssen zu überlassen, sondern selbstmächtig selbst zu entscheiden. Das ist der Aufstand der Kultur gegen die Natur in uns Menschen. Es geht darum, sich selbst zu stärken, sich zu Gestalten, den Härtegrad des eigenen Selbst zu erhöhen, das relative Gewicht zu verbessern, um in der Welt der Schmerzen, der Schicksale und der Unruhe besser bestehen zu können. Das ist Seneca mit seiner Stoa. (Es gibt ein gutes Buch über Seneca von einem Skandinavier, ist er ein Däne? Er heisst Sörensen oder so, allerdings nicht wirklich mit einem "ö" geschrieben, sondern irgendwie mit o und /. Ach was habt ihr dort im Norden oben auch für Buchstaben!!!) Die Lebenskunst führt zur Gelassenheit. Das ist offensichtlich ein Programm gerade für südliche Menschen, die im eigenen Naturel wenig Gelassenheit haben, die aufbrausen, die leicht kochen und explodieren und sich verausgaben. Das ist eine Philosophie des Iberers Seneca, mit der südlichen Natur fertig zu werden.
Erst wenn wir unser Ende im Geiste akzeptieren, können wir unser Leben geniessen als ars vivendi. Erst die Begrenztheit, die etwas durch und durch Menschliches ist, bringt uns die Lebenskunst. Ewig zu leben bringt keine Kunst. Ewig zu leben ist die reine Monotonie, unerträglich lange und langweilig. Das wäre Leben im Überfluss. Das knappe Leben macht Leben wertvoll, bringt uns dazu, Leben zu veredeln, noch mehr daraus zu machen, zu vertiefen,zu intensivieren, wo man nicht extensivieren kann. Es ist doch erstaunlich, wie kranke Menschen, zB. Aidskranke, oder alte Menschen, im Bewusstsein ihres Endes das Leben geniessen können. Sie sind sehr wählerisch, sie sind sich ihrer sehr bewusst, sie finden jeden gelebten Tag so köstlich und grossartig, wie wir ihn normalen Lebenden niemals finden würden. Das Leben auf dem Hintergrund des Nicht-Lebens zeigt das Juwel. Es ist diese alte Figur - Grund Beziehung, die als Gesetz der Wahrnehmung immer wieder auftaucht. Das lässt sich vielleicht auch dort sehen, wo man im Fernsehverhalten die kannibalische Sucht der Menschen erkennt, sich am Unglück anderer Menschen zu weiden. Sie bauen sich selbst am Unglück anderer Menschen auf, am liebsten unbekannter Menschen. Das ist sozusagen die hintere Seite des Darwinismus.
Liebe Marlena, das war jetzt vielleicht nicht sonderlich klar geschrieben und gut überlegt und sehr verständlich. War sozusagen Tagebuch pure, eigene Ideen skizziert, mehr für mich selbst als für irgend jemanden anders geschrieben. Vielleicht werden meine Gedanken damit klarer? Hoffentlich verwirren sie dich nicht allzu sehr! Du bist ein feiner Mensch und ich möchte zu dir Sorge tragen, meine Mausfreundin.

VITA BREVIS - ARS AETERNA, oder so ähnlich, heisst es. Hast du für dein Studium auch Latein studieren müssen? Ich glaube bei uns ist Latein Bedingung für ein Sprachstudium. Ich mag es gerne, Latein. Es ist so altertümlich und weltfremd wie nur etwas. Es ist geradezu eine platonische Sprache. Als ich meiner Tochter damals vorgeschlagen hatte, in der Schule Latein zu wählen, hat sie gesagt, "Latein, das ist wie Baden im Toten Meer". Und wie sie recht hat, meine Tochter! Und trotzdem!

Schreib, wenn du Zeit findest, Marlena, schreib. Aber vernachlässige deine Anna nicht. Hast du nicht ein Foto, wo man dich mit Anna sieht? Ich weiss ich weiss, ich bin dir auch Fotos schuldig. Aber momentan kann ich dir das nicht zuschicken mit meinem kleinen Labtop. Im Sommer oder Herbst sollen wir im Büro neue PCs bekommen mit Internet-Zugang. Vielleicht schaffe ich es dann. Wenn du vorher was bekommen willst, musst du mir deine Postadresse geben. Dann schick ich konventionell mit Flaschenpost.
Mit einem lieben Gruss

Dienstag, 17. Juni 2014

Wellensittiche und Traumjob


Liebe Marlena
Ach meine liebe Mausfreundin, das war nun ja ein wirklich langes Mail, wie du sie sonst selten schreibst. Bei einem Schüler würde man sagen, eine richtige und lange Fleissarbeit. Vielleicht hat dir das Thema, die Tiere, den "Ärmel hereingenommen" (ist eine Ausdrucksweise und meint, du willst nicht eigentlich, aber es packt dich und zieht dir den Ärmel wie in eine Maschine hinein, brutales Bild, nicht wahr?) Oder vielleicht hattest du ganz einfach mehr Zeit als üblich. Wer weiss das so genau? Aber als Naturfreundin, die du bist, magst du natürlich Tiere. Und dass in deiner Stube Goethe und Göta herumzwitschern (oder einstmals haben?), ist echt toll!! Das ist Germanophilie, oder wie könnte man es sonst nennen?
Da kommt mir in den Sinn, dass ich mal eine Kindergeschichte zeichnen und schreiben wollte über einen Wellensittich. Wellensittich vor allem, weil sie so zierlich und dekorativ sind, und viele Kinder sie als einziges Haustier haben können. Ich hab das als Projekt immer noch in meinem Kopf. Die Idee der Story ist folgende: einem Mädchen entfliegt der Wellensittich namens Undula oder Idi Amin oder wie auch immer. Das Mächen geht ins Dorf, um den Sittich zu suchen. Es ist unser Dorf. Das ist ein altes schönes Dorf und bei dieser Gelegenheit kann man im Bilderbuch die alten romantischen Ortsbilder zeigen. Das wäre mal schon was. Zweitens könnte man einige Sachen über Wellensittiche erklären, die den Kindern, und vor allem auch den Wellensittichen, nützlich wären. Man könnte nebenbei erzählen, wie sie leben, dass sie nicht gerne allein leben, dass sie gerne ein Bad nehmen und so weiter und so fort. Und schliesslich hätte ich - auch nebenbei - einige Personen im Dorf in die Geschichte hineinspielen lassen können, etwa Ursi und Leo, der Biologieprofessor und unsere Freunde, mit denen wir ab und zu ein Glas guten Elsässer Wein trinken. Oder Kari, den ehemaligen Gemeindeangestellten, der uns früher im Herbst immer das Holz gesägt hat, mit seiner eingebundenen Hand. Er hatte an irgend einer Hochzeit irgend einen Knallkörper in der Hand, als dieser losging, was ihm die Hand offensichtlich zerrissen hatte. Seither läuft er mit einem Verband herum wie heute auch der ehemalige Wiener Bürgermeister Zilk (oder so ähnlich). Oder Mjriam, die jetzt allein in ihrem Haus lebt, weil ihr Mann mit einer jungen Freundin auf und davon ist. Ich hätte die Dorffeuerwehr und den Rondo-Chor auftreten lassen können und den türkischen Wirt auf der Strasse die Tische und Bänke aufstellen lassen, damit das Dorf wieder mal ein richtiges Fest feiern kann. Das alles, natürlich, nachdem der Wellensittich Undula oder so gefunden und wieder eingefangen worden wäre. Und das hätte den Leuten im Dorf sicherlich sehr gut gefallen.
Du musst wissen, dass wir hier in der Nähe Basels in einem kleinen Dorf leben. Es hat nur etwa 1500 Einwohner und noch etwa 3 oder 4 Bauern mit insgesamt vielleicht 5 Kühen und 6 oder 7 Pferden. Es ist also der Rest eines Bauerndorfes. Das Besondere am Dorf ist, dass es eine schöne alte Dorfstrasse mit drei Dorfbrunnen gibt, beidseitig eingesäumt von den ursprünglichen Bauernhäusern, die aber heute meist neu ausgebaut und von zugezogenen Kaufmännischen Angestellten, Büromenschen, Stadtleuten, Professoren und Immobilienspekulanten bewohnt sind, die in der Stadt arbeiten. Die meisten Bauern sind ausgestorben. Und die Tage des Miststockes, der noch mitten im Dorf steht, sind gezählt.
Das ist ein Projekt in meinem Kopf. Vielleicht habe ich mal die Zeit, dieses Bilderbuch zu machen. Meine Töchter sind nun ja schon so gross, dass ich ihnen keine Bilderbücher mehr machen kann. Vielleicht für die Enkelkinder dann? Es ist wirklich hart, ein Leben zu führen, wo man ständig zuwenig Zeit hat. Man fühlt sich irgendwie als Sklave der Umstände. Die Zeit ist der natürlichste Reichtum, den es gibt. Und wenn man zuwenig davon hat, dann ist man sich irgendwie arm und gehetzt und ausgetrocknet. So fühle ich mich manchmal. Das ist der Grund, warum ich abends nicht ins Bett komme. Ich brauche nach der Arbeit etwas Ruhe, ein Schläfchen nach einer Tasse Tee. Und dann um 21h oder 22h kommen meine Lebensgeister wieder. Und um Mitternacht bin ich meist so im Schuss und wach und voller Ideen, dass ich überhaupt nicht ans Bett denken kann. Ich habe das Gefühl, den ganzen Tag nichts erlebt zu haben ausser Akten und Protokolle und Papiere, also muss ich das Leben abends nachholen. Und so wird es 01h oder 02h, bis ich in die Klappe komme. Das ist der Grund, warum es keine Mühe macht, meine Töchter von irgendwelchen Parties oder Einladungen abzuholen. Ich bin ein Nachtmensch. Ich könnte gut als Nachtportier in einem Hotel arbeiten. Wäre für mich der Traumjob. Ich würde ganze Bibliotheken lesen. Und es sollte nur kein Gast auftauchen mit irgend einem Problemchen, etwa nicht schlafen zu können, oder die Air Condition abzustellen oder anzustellen oder um Ohrenpfropfen vielleicht Kondome nachzufragen oder weiss Gott was Hotelgäste nach Mitternacht noch alles wünschen können, es sollte mich ja keiner stören wollen!! Das könnte ich absolut nicht vertragen. Ich würde ihn zum Teufel jagen. Ich wäre Nachtportier, aber keiner sollte mich in der Nacht je stören dürfen. Das wäre mein Traumjob. Nachtportier einer Tagesschule oder so, die nur tagsüber offen ist. Das wäre mein absoluter Traumjob.
Ich weiss nicht mehr, wie ich beim Traumjob gelandet bin, wo ich doch eigentlich bei den Wellensittichen angefangen habe. Ich verliere mich wirklich in meinen Assoziationen, meine liebe Marlena, und ich hoffe, du vergibst mir. Das muss eine Mausfreundin einfach vergeben. Dazu ist sie sozusagen da. Unter Mäusen ist man grosszügig, nicht wahr.

Ich wollte was anderes sagen. Ich hatte doch ...

Montag, 16. Juni 2014

Tschechien, Schweiz und ...


Subject: Tschechien, Schweiz und ein paar andere Sachen
Date: Mon, 08 May 2000 14:29:18 GMT

Am 22. November 1990, kurz vor seinem Tod, ehrte Friedrich Dürrenmatt den Freund und Kollegen Vaclav Havel mit einer offiziellen Rede. Darin konfrontierte er das verklärte Selbstbild der Schweiz mit ihrer tatsächlichen Identitätskrise und konkreten politischen Missständen.

Vielleicht ist die Rede eher für die Schweizer als für die übrigen Europäer gedacht. Dürrenmatt redet gerne zum Fenster hinaus zu den Schweizern. Ich habe sie dir abgeschrieben, liebe Marlena, weil sie Tschechien betrifft und weil sie die Schweiz betrifft. Du suchst doch Texte über die Schweiz?

*

Sehr geehrter Herr Staatspräsident

Lieber Vaclav Havel

An der Protestveranstaltung, die 1968 im Basler Stadttheater gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei stattfand, nahm auch ich teil und schloss meine Ansprache mit den Worten: "In der Tschechoslowakei verlor die menschliche Freiheit in ihrem Kampf um eine gerechtere Welt eine Schlacht, doch nicht den Krieg. Der Krieg gegen die Dogmatiker der Gewalt geht weiter, mögen sie nun die Maske des Kommunismus, des Ultrakommunismus oder jene der Demokratie tragen. Wie dieser Kampf im Notfall in einem technisch entwickelten Land zu führen ist, wo es kein Ausweichen in den Dschungel gibt, zeigt uns das tschechoslowakische Volk, das, um zu überleben, seine Armee nicht einsetzt und nicht Nibelungen spielt und dennoch durch seinen gewaltlosen Widerstand ein Machtsystem erschüttert, tödlicher vielleicht, als wir zu ahnen vermögen." Mehr als zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. In Vietnam verloren die Vereinigten Staaten nicht nur den Krieg, auch die Ehre. Die Macht der Dogmatiker in Osteuropa ist zusammengebrochen, die waffenstarrenden Militärblöcke beider Seiten sind nutzlos geworden, ihr gegenseitiges Feindbild ist verlorengegangen, die beiden Supermächte werden in steigendem Masse nicht miteinander, sondern mit sich selber konfrontiert, der gewaltlose Widerstand fand in Ihnen, lieber Havel, seinen Repräsentanten, die Tschechoslowakei ihren Staatspräsidenten. Sie empfingen hier den Gottlieb-Duttweiler-Preis, den Preis eines Mannes, der in der Schweiz ebenso populär wie umstritten war, der sein Grossunternehmen in eine Genossenschaft umwandelte und eine Partei gründete, die zu den wenigen Parteien zählt, die in der Schweiz noch zur Opposition gezählt werden können, wobei wir freilich vorsichtig sein müssen, gibt es doch hierzulande sogar eine Autopartei, die im Auto das heilige Symbol der Freiheit sieht und sich als Oppositionspartei betrachtet. Sie, lieber Havel, haben den Preis, wie es in der Begründung heisst, dafür erhalten, weil Ihr Name für Zivilcourage, Ehrlichkeit und Toleranz gegenüber anderen Auffassungen steht, für die unerlässliche Grundlage einer freien Entfaltung des Individuums in einem demokratischen Staat. Ein schöner Preis, ein schweizerischer Preis, aber irgendwie unumkehrbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie einem schweizerischen Dienstverweigerer einen Vaclav-Havel-Preis verleihen würden für Zivilcourage, Ehrlichkeit und - nun stutz' ich schon - inwiefern waren Sie dem Regime gegenüber, gegen das Sie protestierten, tolerant? Wohl nur, indem Sie die Möglichkeit, sich ins Ausland abzusetzen, ablehnten und die Strafe auf sich nahmen und ins Gefängnis gingen. Dadurch erreichten Sie den Sturz eines Regimes, während unsere Dienstverweigerer... - wir Schweizer sind nun einmal ein kriegerisches Volk, das seit fast zweihundert Jahren nie angegriffen wurde, aber sich verteidigen würde, würde es angegriffen, und zum Beweis, dass es sich verteidigen würde, wirft es diejenigen ins Gefängnis, welche die Zivilcourage und die Ehrlichkeit haben zu erklären, sich unter keinen Umständen verteidigen zu wollen, würden sie angegriffen. Eine Milderung findet nur statt, ist nach der Meinung des Militärgerichts eine religiöse Neigung im Spiel, aber ist die Überzeugung gar politisch - wie es Ihre war, lieber Havel -, dann fällt in der Schweiz auf den politischen Dienstverweigerer die ganze Strenge des Gerichts, wie es auf Sie in der Tschechoslowakei fiel. So sind denn unsere Dienstverweigerer die schweizerischen Dissidenten. Sie erreichten bisher nichts. Nun, ich will als Schweizer militärisch nicht auftrumpfen, die Hussitenkriege unter dem blinden Feldherrn Ziska brachten Europa ins Schlottern, zugegeben, aber schon mehr als hundert Jahre bevor Hus in Gottlieben eingekerkert und in Konstnz verbrannt wurde, besiegte der Aargauer Rudolf von Habsburg am 28. August 1278 bei Dürnkrut auf dem Marchfeld mit seinen Schweizern König Ottokar II. von Böhmen, das 1526 für fast vierhundert Jahre endgültig unter die Herrschaft der Habsburger fiel, der erfogreichsten Auslandschweizerfamilie, gegen deren Rückkehr ins Heimatland uns siegreich gewehrt hatten - man denke nur an Morgarten und Sempach. Leitete der Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft 1789 die Entstehung der neuen Eidgenossenschaft ein, so ging aus dem Ersten Weltkrieg 1918 die moderne Tschechoslowakei hervor. Beide Staaten sind Resultate einer Niederlage. Wir der eigenen, die Tschechoslowakei jener von Österreich-Ungarn. Dann kam Hitler. Im Berner Münster fand ein Dankgottesdienst statt, als die Grossmächte 1938 die Tschechoslowakei im Stich liessen. Diese wehrte sich nicht, das Sudetenland wurde besetzt und wenig später die Tschechei in ein Protektorat und die Slowakei in einen Vasallenstaat verwandelt. Die Frage stellt sich, ob die Schweiz sich in gleicher Lage gewehrt hätte. Die Frage ist unbeantwortbar. Sie kam nie in diese Lage. Sie war für die Tschechen katastrophal, man denke nur an Lidice - sie mussten für Hitler arbeiten, und die Juden wurden vergast. Wir wurden nicht angegriffen, mussten jedoch auch für Hitler arbeiten, und die Juden, die wir an der Grenze zurückwiesen, wurden auch vergast. Nach dem Krieg fiel die Tschechoslowakei Stalin zum Opfer und der Politik seiner Nachfolger, nach der DDR und Ungarn wurde auch in diesem Land der Versuch, den Kommunismus menschlich zu gestalten und zu reformieren, gewaltsam verhindert. Sie, Vaclav Havel, schrieben darüber in Ihrem Essay "Ereignis und Totalität": "In den fünfziger Jahren gab es in unserem Land riesige Konzentrationslager und darin Zehntausende unschuldiger Menschen. Auf den Baustellen der Jugend drängten sich dabei Zehntausende von Begeisterten des Neuen Glaubens und sangen Aufbaulieder. Es wurde gefoltert und hingerichtet, dramatisch über die Grenze geflohen, konspiriert - und zugleich Feiergedichte auf den Haupt-Diktator geschrieben. Der Präsident der Republik unterschrieb die Todesurteile seiner nächsten Freunde, doch war es eigenartigerweise möglich, ihm hin und wieder auf der Strasse zu begegnen. Der Gesang der Idealisten und Fanatiker, das Toben der politischen Verbrecher und Leiden der Helden gehört seit Menschengedenken zur Geschichte. Die fünfziger Jahre waren zwar eine böse Zeit, doch solche hat es in der Menschheitsgeschichte häufig gegeben. Immer noch konnte man sie diesen Zeiten zuordnen oder zumindest mit ihnen vergleichen; immer noch erinnerte sie irgendwie an Geschichte. Ich würde nicht wagen zu behaupten, in dieser Zeit sei nichts geschehen oder sie habe das Ereignis nicht gekannt. Das grundlegende programmatische Dokument der politischen Macht, die nach der sowjetischen Invasion im Jahre 1968 in die Tschechoslowakei installiert wurde, hiess Belehrung aus den Krisenjahren. Darin war etwas Symbolisches: diese Macht hat sich wirklich belehrt. Sie hat gemerkt, wohin es führen kann, wenn der Pluralität der Ansichten und Interessen das Tor auch nur einen Spaltbreit geöffnet wird: zur Bedrohung ihres totalitären Wesens selbst. So belehrt, verzichtete sie auf alles ausser der Erhaltung ihrer selbst: alle Mechanismen der direkten und indirekten Manipulation des Lebens begannen in einer Art Eigendynamik sich in bisher ungekannte Formen auszuwachsen; nichts durfte mehr dem Zufall überlassen bleiben. Die letzten neunzehn Jahre in der Teschechoslowakei können fast als Schulbeispiel für ein ausgereiftes oder spättotalitäres System dienen: revolutionöres Ethos und Terror wurden abgelöst von dumpfer Unbeweglichkeit, alibistischer Vorsicht, bürokratischer Anonymität und geistlosem Stereotyp. Deren einziger Sinn darin bestent, immer vollkommener zu dem zu werden, was sie sind. Der Gesang der Begeisterten und das Klagen der Gefolterten sind verklungen; die Rechtlosigkeit hat sich Seidenhandschuhe angezogen und ist aus den berüchtigten Folterkammern umgezogen in die gepolsterten Büros der Bürokraten. Den Präsidenten der Republik kann man höchstens einmal hinter den Panzerglasscheiben seines Autors erblicken, wenn er, umgeben von einem Polizeikonvoi, zum Flugplatz rast, um Oberst Ghadafi willkommen zu heissen. Das spättotalitäre System stützt sich so auf raffinierte, komplexe und mächtige Manipulationsinstrumente, dass es Mörder und Ermordete nicht nötig hat. Um so weniger benötigt es eifernde Erbauer von Utopien, die mit ihren Träumen von einer besseren Zukunft Unruhe stiften. Der Begriff "real existierender Sozialismus", den sich diese Ära für sich selbst ausgedacht hat, deutet an, für wen darin kein Platz ist: für Träumer." Und wenn Sie Vaclav Havel, nun als Staatspräsident, in Ihrer Neujahrsansprache 1990 auf den Inhalt Ihrer Träume näher eingingen und ausführten: "Vielleicht werden Sie fragen, von welcher Republik ich träume. Ich antworte Ihnen: von einer selbständigen, freien, demorkatischen, wirtschaftlich prosperierenden und zugleich sozial gerechten Republik, kurz gesagt von einer menschlichen Republik, die dem Menschen dient und deshalb die Hoffnung hat, dass der Mensch auch ihr dienen wird. Von einer Republik allseitig gebildeter Menschen, weil ohne sie keines unserer Probleme gelöst werden kann, sei es menschlich, ökonomisch, ökologisch, sozial oder politisch", so träumen viele Schweizer, dass sie in einer solchen Republik leben, gewissermassen im Traum, den Sie, Vaclav Havel, träumen. Doch die Wirklichkeit, in der die Schweizer träumen, ist anders. Als Dramatiker, lieber Vaclav Havel, haben Sie die Wirklichkeit, in der Sie gelebt haben, bevor der politische Dogmatismus zusammenbrach, in Bühnenstücken dargestellt, die viele Kritiker zum absurden Theater zählen. Für mich sind diese Stücke nicht absurd, nicht sinnlos, sondern tragische Grotesken, ist doch das Groteske der Ausdruck der Paradoxie, der Widersinnigkeit, die entsteht, wenn eine an und für sich vernünftige Idee, wie sie der Kommunismus darstellt - lässt sich eine gerechtere Gesellschaftsordnung denken -, in die Wirklichkeit verpflanzt wird - auch das Urchristentum war schliesslich kommunistisch, und was ist aus dem Christentum geworden; Durch den Menschen wird alles paradox, verwandelt sich der Sinn in Widersinn, Gerechtigkeit in Ungerechtigkeit, Freiheit in Unfreiheit, weil der Mensch selber ein Paradoxon ist, eine irrationale Rationalität. So lässt sich Ihren tragischen Grotesken auch die Schweiz als Groteske gegenüberstellen: als ein Gefängnis, als ein freilich ziemlich anderes, als es die Gefängnisse waren, in die Sie geworfen wurden, lieber Havel, als ein Gefängnis, wohinein sich die Schweizer geflüchtet haben. Weil alles ausserhalb des Gefängnisses übereinander herfiel und weil sie nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden, fühlen sich die Schweizer frei, freier als alle andern Menschen, frei als Gefangene im Gefängnis ihrer Neutralität. Es gibt nur eine Schwierigkeit für dieses Gefängnis, nämlich die, zu beweisen, dass es kein Gefängnis ist, sondern ein Hort der Freiheit, ist doch von aussen gesehen ein Gefängnis ein Gefängnis und seine Insassen Gefangene, und wer gefangen ist, ist nicht frei: Als frei gelten für die Aussenwelt nur die Wärter, denn wären diese nicht frei, wären sie ja Gefangene. Um diesen Widerspruch zu lösen, führten die Gefangenen die allgemeine Wärterpflicht ein: Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit. Der Schweizer hat damit den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig frei, Gefangener und Wärter ist. Das Gefängnis braucht keine Mauern, weil seine Gefangenen Wärter sind und sich selber bewachen, und weil die Wärter freie Menschen sind, machen sie auch unter sich und mit der ganzen Welt Geschäfte, und wie! und weil sie wiederum Gefangene sind, können sie nicht der UNO beitreten, und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bereitet ihnen Sorgen. Wer dialektisch lebt, kommt in psychologische Schwierigkeiten. Weil auch die Wärter Gefangene sind, kann unter ihnen der Verdacht aufkommen, sie seien Gefangene und nicht Wärter oder gar frei, weshalb die Gefängnisverwaltung Akten von jedem anlegen liess, von dem sie vermutete, er fühle sich gefangen und nicht frei, und weil sie das bei vielen vermutete, legte sie einen Aktenberg an, der sich, je weiter man forschte, als ein ganzes Aktengebirge erwies, hinter jedem Aktenberg tauchte ein neuer auf. Aber weil das Aktengebirge nur im Fall verwendet werden sollte, wenn das Gefängnis angegriffen würde, und da es nie angegriffen wurde, fühlten sich die Wärter, als sie von den Akten erfuhren, die über sie erstellt worden waren plötzlich als Gefangene und nicht frei, sie fühlten sich so, wie die Gefängnisverwaltung nicht wollte, dass sie sich fühlten. Um sich aber wieder frei fühlen zu können und als Wärter und nicht gefangen, verlangten die Gefangenen von der Gefängnisverwaltung Aufschluss darüber, wer die Akten angelegt hatte. Aber da das Aktengebirge so gewaltig ist, kam die Gefängnisverwaltung zum Entschluss, dass es sich selber angelegt hatte. Wo alle verantwortlich sind, ist niemand verantwortlich. Die Furcht, im Gefängnis nicht sicher zu sein, hat das Aktengebirge hervorgebracht. Die Furcht ist nicht unbegründet. Wer möchte in einem Gefängnis, worin man frei ist, nicht Gefangener sein, und so ist das Gefängnis eine Weltattraktion geworden, viele versuchen Gefangene zu werden, was sie dürfen, wenn sie über die nötigen Mittel verfügen, die Freiheit ist schliesslich etwas Kostbares, während die Unbemittelten womöglich im Gefängnis jene Sicherheit suchen könnten, die nur den freien Gefangenen zusteht, und wieder werden viele zurückgewiesen. Die Gefängnisverwaltung ist nicht zu beneiden. Einerseits gibt es zuwenig freie Gefangene, um das Gefängnis sauberzuhalten, die Luxuszellen, die Korridore, ja um die Gitter zu putzen, so dass von aussen solche ins Gefängnis gelassen werden müssen, die, bloss um Geld zu verdienen, das Gefängnis renovieren, restaurieren, umbauen und in Gang halten, auf die wiederum jene Gefangenen, die zwar auch Geld verdienen, aber frei sind, wie auf Gefangene hinunterblicken, die nicht frei sind. Andererseits mus jedes Gefängnis etwas bewachen, aber wenn die Gefangenen als Wärter sich selber bewachen, geht der Verdacht um, dass die Wärter noch etwas anderes bewachen als sich selber, weshalb die Meinung immer stärker wird, der eigentliche Sinn des Gefängnisses liege nicht darin, die Freiheit der Gefangenen, sondern das Bankgeheimnis zu bewachen. Wie es auch sei, das Gefängnis prosperiert, und seine Geschäfte sind mit den Geschäften ausserhalb seiner derart verfilzt, dass nach und nach Zweifel aufkommen, ob das Gefängnis überhaupt noch existiert, es ist ein Phantomgefängnis geworden. Um seine und damit ihre Realität zu beweisen, gibt die Gefängnisverwaltung für die Wärter, die ihre eigenen Gefangenen sind, Milliarden von Schweizerfranken für immer modernere Waffen aus, die wieder veralten und wieder neue nötig machen, ohngeachtet der Wahrscheinlichkeit, dass ein Krieg den Untergang dessen bedeuten würde, was sie zu verteidigen sucht. Sie leistet sich die Utopie, die Strategie der Nibelungen gewähre in einer technischen Welt der wachsenden Katastrophenanfälligkeit eine absolute Sicherheit, statt zur Einsicht zu gelangen, gerade das Gefängnis Schweiz könne sich die Kühnheit leisten, seine Wärter abzuschaffen im Vertrauen darauf, seine Gefangenen seien nicht Gefangene, sondern frei, was freilich bedeuten würde, dass die Schweiz kein Gefängnis mehr wäre, sondern ein Teil Europas, eine seiner Regionen, wie ja überhaupt Europa trotz des Schocks der deutschen Vereinigung in seine Regionen zu zerfallen beginnt. So ist denn das Gefängnis in Verruf geraten. Es zweifelt an sich selber. Die Gefängnisverwaltung, die alles gesetzlich zu regeln versucht, Behauptet, das Gefängnis befinde sich in keine Krise, die Gefangenen seien frei, insofern sie echte gefängnisverwaltungstreue Gefangene seien, während viele Gefangene der Meinung sind, das Gefängnis befinde sich in einer Krise, weil die Gefangenen nicht frei seien, sondern Gefangene, eine interne Gefängnisdiskussion, die nur Verwirrung stiftet, weil die Gefängnisverwaltung sich anschickt, die angebliche Gefängnisgründung vor siebenhundert Jahren zu feiern, wenn auch damals das Gefängnis kein Gefängnis war, sondern ein gefürchtetes Raubnest. Nun wissen wir nicht, was wir feiern sollen, das Gefängnis oder die Freiheit. Feiern wir das Gefängnis, fühlen sich die Gefange3nen gefangen und feiern wir die Freiheit, so wird das Gefängnis überflüssig. Weil wir aber nicht ohne Gefängnis zu leben wagen, werden wir wieder einmal unsere Unabhängigkeit feie3rn, denn im unabhängigen Gefängnis unserer Neutralität ist es von aussen für niemand auszumachen, ob wir gefangen oder frei sind. Kriege und Okkupationen können überstanden werden, wenn auch unter grossen Opfern, die ich keinem wünsche, aber Ihr Land, und nicht zuletzt Sie, lieber Havel, haben es bewiesen, während wir Schweizer mit einem Widerstand, der nicht geprüft wurde, nichts bewiesen haben und beweisen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, lieber Havel, das mich befiel, als ich an dieser Rede schrieb, und das mich nun befällt, während ich sie halte. Es ist viel Verlegenhe3it in diesem Gefühl, denn allzuleicht können Sie nun als Beweis missbraucht werden, dass unsere westliche Welt in Ordnung sei, dass es nichts Grösseres gebe als die Freiheit. Man unterschlägt allzugern, was Sie in Ihrem Essay "Versuch, in der Wahrheit zu leben" geschrieben haben: "Es sieht nicht so aus, als ob die traditionellen parlamentarischen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich grundsätzlich der "Eigenbewegung" der technischen Zivilisation, der Industrie- und Konsumgesellschaft widersetzen könnte. Auch sie befinden sich in ihrem Schlepptau und sind ihr gegenüber ratlos. Nur ist die Art, wie sie den Menschen manipulieren, unendlich feiner und raffinierter als die brutale Art des posttotalitären Systems. Aber dieser ganze statische Komplex der erstarrten, konzeptionslosen und politisch nur noch zweckbedingt handelnden politischen Massenparteien, die von professionellen Apparaten beherrscht werden und den Bürger von jeglicher konkreter und persönlicher Verantwortung entbinden, diese ganzen komplizierten Strukturen der versteckt manipulierenden und expansiven Zentren der Kumulation des Kapitals, dieses allgegenwärtige Diktat des Konsums, der Produktion, der Werbung, des Kommerzes, der Konsumkultur, diese ganze Informationsflut - all dies, schon so oft analysiert und beschrieben, kann man wahrhaftig nur schwer als eine Perspektive, als einen Weg betrachten, auf dem der Mensch wieder zu sich selbst findet." Es tut gut, sich diese Sätze über unsere westliche Freiheit genau einzuprägen, um so mehr, als sie aus dem Kerker des dogmatischen realexistierenden Sozialismus kommen. Gewiss, wir rühmen uns unserer direkten Demokratie, gewiss, wir haben die Alters- und Hinterbliebenenversicherung und sogar das Frauenstimmrecht zur Verwunderung der Welt doch noch eingeführt, und privat sind wir versichert gegen Tod, Krankheit, Unfall, Einbruch und Brand: wohl dem, dessen Haus abbrennt. Die Politik hat sich auch bei uns aus der Ideologie in die Wirtschaft verzogen, ihre Fragen sind wirtschaftliche Fragen. Wo darf der Staat eingreifen, wo nicht, wo subventionieren, wo nicht, was besteuern, w3as nicht? Die Löhne, die Freizeit werden durch Verhandlungen bestimmt. Der Friede droht gefährlicher zu werden als der Krieg. Ein grausamer, aber kein zynischer Satz. Unsere Strassen sind Schlachtfelder, unsere Atmosphäre den Giftgasen ausgesetzt, unsere Ozeane Ölpfützen, unsere Äcker von Pestiziden verseucht, die Dritte Welt geplündert, schlimmer noch als einst das Morgenland von den Kreuzrittern, kein Wunder, dass es uns jetzt erpresst. Nicht der Krieg, der Friede ist der Vater aller Dinge, der Krieg entsteht aus dem nicht bewältigten Frieden. Der Friede ist das Problem, das wir zu lösen haben. Der friede hat die fatale Eigenschaft, dass er den Krieg integriert. Die Antriebskraft der freien Marktwirtschaft ist der Konkurrenzkampf, der Wirtschaftskrieg, der Krieg um Absatzmärkte. Die Menschheit explodiert wie das Weltall, worin wir leben, wir wissen nicht, wie es sein wird, wenn zehn Milliarden Menschen die Erde bewohnen. Die freie Marktwirtschaft funktioniert unter dem Primat der Freiheit, vielleicht wird dann die Planwirtschaft unter dem Primat der Gerechtigkeit funktionieren. Vielleicht kam das Experiment Marxismus zu früh. Was kann der Einzelne tun? Was also nun? Fragen auch Sie, Vaclav Havel. Der Einzelne ist ein existentieller Begriff, der Staat, die Institutionen, die Wirtschaftsformen allgemeine Begriffe. Die Politik hat mit dem Allgemeinen, nicht mit dem Existentiellen zu tun, aber muss sich an den Einzelnen wenden, um wirksam zu werden. Der Mensch ist mehr irrational als rational, seine Emotionen wirken auf ihn stärker als seine Ratio. Das nützt die Politik aus. Nur so ist der Siegeszug der Ideologien in unserem Jahrhundert zu erklären, das Appellieren an die Vernunft ist wirkungslos, besonders wenn eine totalitäre Ideologie die Maske der Vernunft trägt. Der Einzelne muss zwischen dem Menschenunmöglichen und dem Menschenmöglichen unterscheiden. Die Gesellschaft kann nie gerecht, frei, sozial sein, sondern nur gerechter, freier, sozialer werden. Was der Einzelne fordern darf und nicht nur darf, sondern auch muss, ist das, was Sie gefordert haben, Vaclav Havel, die Menschenrechte, das tägliche Brot für jeden, die Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Transparenz, die Abschaffung der Folter usw., all das sind keine Utopien, sondern Selbstverständlichkeiten, Attribute des Menschen, Zeichen seiner Würde, Rechte, die den Einzelnen nicht vergewaltigen, sondern sein zusammenleben mit den andern Einzelnen ermöglichen, Rechte als Ausdruck der Toleranz, Verkehrsregeln, um es grob zu sagen. Allein die Menschenrechte sind existentielle Rechte, jede ideologische Revolution zielt auf deren Abschaffung und fordert einen neuen Menschen. Wer hat ihn nicht schon gefordert.

Lieber Vaclav Havel, Ihre Aufgabe als Staatspräsident fällt mit der Aufgabe Vaclav Havels als Dissident zusammen. Sehr geehrter Herr Staatspräsident, Sie sind hier unter Schweizern, Schweizer haben Sie begrüsst, der schweizerische Bundespräsident hat Sie empfangen, ein schweizerischer Alt-Bundesrat die Laudatio gehalten, und ich, ein Schweizer, habe auch geredet, denn man redet viel in der Schweiz. Was sind wir Schweizer für Menschen? Vom Schicksal verschont zu werden ist weder Schande noch Ruhm, aber es ist ein Menetekel. Platon erzählt gegen Ende seiner Politeia, dass nach dem Tode die Seele eines jeden das Los zu einem neuen Leben wählen müsse: "Zufällig aber habe die Seele des Odysseus das allerletzte Los erhalten und sei nun herangetreten, um zu wählen. Da sie aber in Erinnerung an ihre früheren Mühsale allen Ehrgeiz aufgegeben hatte, sei sie lange Zeit herumgegangen und habe das Leben eines zurückgezogenen, geruhsamen Mannes gesucht und gerade noch irgendwo eines gefunden, das die anderen unbeachtet hatten liegen lassen. Und als sie dies entdeckt hatte, habe sie gesagt, sie würde ebenso gehandelt haben, wenn sie das erste Los bekommen hätte, und habe es mit Freude gewählt. "Ich bin sicher, Odysseus wählte das Los, ein Schweizer zu sein"