Dienstag, 17. Juni 2014
Wellensittiche und Traumjob
Liebe Marlena
Ach meine liebe Mausfreundin, das war nun ja ein wirklich langes Mail, wie du sie sonst selten schreibst. Bei einem Schüler würde man sagen, eine richtige und lange Fleissarbeit. Vielleicht hat dir das Thema, die Tiere, den "Ärmel hereingenommen" (ist eine Ausdrucksweise und meint, du willst nicht eigentlich, aber es packt dich und zieht dir den Ärmel wie in eine Maschine hinein, brutales Bild, nicht wahr?) Oder vielleicht hattest du ganz einfach mehr Zeit als üblich. Wer weiss das so genau? Aber als Naturfreundin, die du bist, magst du natürlich Tiere. Und dass in deiner Stube Goethe und Göta herumzwitschern (oder einstmals haben?), ist echt toll!! Das ist Germanophilie, oder wie könnte man es sonst nennen?
Da kommt mir in den Sinn, dass ich mal eine Kindergeschichte zeichnen und schreiben wollte über einen Wellensittich. Wellensittich vor allem, weil sie so zierlich und dekorativ sind, und viele Kinder sie als einziges Haustier haben können. Ich hab das als Projekt immer noch in meinem Kopf. Die Idee der Story ist folgende: einem Mädchen entfliegt der Wellensittich namens Undula oder Idi Amin oder wie auch immer. Das Mächen geht ins Dorf, um den Sittich zu suchen. Es ist unser Dorf. Das ist ein altes schönes Dorf und bei dieser Gelegenheit kann man im Bilderbuch die alten romantischen Ortsbilder zeigen. Das wäre mal schon was. Zweitens könnte man einige Sachen über Wellensittiche erklären, die den Kindern, und vor allem auch den Wellensittichen, nützlich wären. Man könnte nebenbei erzählen, wie sie leben, dass sie nicht gerne allein leben, dass sie gerne ein Bad nehmen und so weiter und so fort. Und schliesslich hätte ich - auch nebenbei - einige Personen im Dorf in die Geschichte hineinspielen lassen können, etwa Ursi und Leo, der Biologieprofessor und unsere Freunde, mit denen wir ab und zu ein Glas guten Elsässer Wein trinken. Oder Kari, den ehemaligen Gemeindeangestellten, der uns früher im Herbst immer das Holz gesägt hat, mit seiner eingebundenen Hand. Er hatte an irgend einer Hochzeit irgend einen Knallkörper in der Hand, als dieser losging, was ihm die Hand offensichtlich zerrissen hatte. Seither läuft er mit einem Verband herum wie heute auch der ehemalige Wiener Bürgermeister Zilk (oder so ähnlich). Oder Mjriam, die jetzt allein in ihrem Haus lebt, weil ihr Mann mit einer jungen Freundin auf und davon ist. Ich hätte die Dorffeuerwehr und den Rondo-Chor auftreten lassen können und den türkischen Wirt auf der Strasse die Tische und Bänke aufstellen lassen, damit das Dorf wieder mal ein richtiges Fest feiern kann. Das alles, natürlich, nachdem der Wellensittich Undula oder so gefunden und wieder eingefangen worden wäre. Und das hätte den Leuten im Dorf sicherlich sehr gut gefallen.
Du musst wissen, dass wir hier in der Nähe Basels in einem kleinen Dorf leben. Es hat nur etwa 1500 Einwohner und noch etwa 3 oder 4 Bauern mit insgesamt vielleicht 5 Kühen und 6 oder 7 Pferden. Es ist also der Rest eines Bauerndorfes. Das Besondere am Dorf ist, dass es eine schöne alte Dorfstrasse mit drei Dorfbrunnen gibt, beidseitig eingesäumt von den ursprünglichen Bauernhäusern, die aber heute meist neu ausgebaut und von zugezogenen Kaufmännischen Angestellten, Büromenschen, Stadtleuten, Professoren und Immobilienspekulanten bewohnt sind, die in der Stadt arbeiten. Die meisten Bauern sind ausgestorben. Und die Tage des Miststockes, der noch mitten im Dorf steht, sind gezählt.
Das ist ein Projekt in meinem Kopf. Vielleicht habe ich mal die Zeit, dieses Bilderbuch zu machen. Meine Töchter sind nun ja schon so gross, dass ich ihnen keine Bilderbücher mehr machen kann. Vielleicht für die Enkelkinder dann? Es ist wirklich hart, ein Leben zu führen, wo man ständig zuwenig Zeit hat. Man fühlt sich irgendwie als Sklave der Umstände. Die Zeit ist der natürlichste Reichtum, den es gibt. Und wenn man zuwenig davon hat, dann ist man sich irgendwie arm und gehetzt und ausgetrocknet. So fühle ich mich manchmal. Das ist der Grund, warum ich abends nicht ins Bett komme. Ich brauche nach der Arbeit etwas Ruhe, ein Schläfchen nach einer Tasse Tee. Und dann um 21h oder 22h kommen meine Lebensgeister wieder. Und um Mitternacht bin ich meist so im Schuss und wach und voller Ideen, dass ich überhaupt nicht ans Bett denken kann. Ich habe das Gefühl, den ganzen Tag nichts erlebt zu haben ausser Akten und Protokolle und Papiere, also muss ich das Leben abends nachholen. Und so wird es 01h oder 02h, bis ich in die Klappe komme. Das ist der Grund, warum es keine Mühe macht, meine Töchter von irgendwelchen Parties oder Einladungen abzuholen. Ich bin ein Nachtmensch. Ich könnte gut als Nachtportier in einem Hotel arbeiten. Wäre für mich der Traumjob. Ich würde ganze Bibliotheken lesen. Und es sollte nur kein Gast auftauchen mit irgend einem Problemchen, etwa nicht schlafen zu können, oder die Air Condition abzustellen oder anzustellen oder um Ohrenpfropfen vielleicht Kondome nachzufragen oder weiss Gott was Hotelgäste nach Mitternacht noch alles wünschen können, es sollte mich ja keiner stören wollen!! Das könnte ich absolut nicht vertragen. Ich würde ihn zum Teufel jagen. Ich wäre Nachtportier, aber keiner sollte mich in der Nacht je stören dürfen. Das wäre mein Traumjob. Nachtportier einer Tagesschule oder so, die nur tagsüber offen ist. Das wäre mein absoluter Traumjob.
Ich weiss nicht mehr, wie ich beim Traumjob gelandet bin, wo ich doch eigentlich bei den Wellensittichen angefangen habe. Ich verliere mich wirklich in meinen Assoziationen, meine liebe Marlena, und ich hoffe, du vergibst mir. Das muss eine Mausfreundin einfach vergeben. Dazu ist sie sozusagen da. Unter Mäusen ist man grosszügig, nicht wahr.
Ich wollte was anderes sagen. Ich hatte doch ...
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