Samstag, 28. Juni 2014
das Leben - eine merkwürdige Konstruktion
Ämne: .. und jetzt Samstag, sieh Dich vor !
Liebe Malou
Ach, wie kommst Du auf das wunderhübsche Wort „herumstrolchen“. Ich glaube zwar nicht, dass Du als Mädchen wirklich in Stockholm herumgestrolcht seiest. Aber die Vorstellung ist wunderbar. Sie erinnert an die Bemerkung, die Du vor ewig langer Zeit über Deine Mutter gemacht hattest, sie sei sonntags über die Gartenzäune mit Verzögerung in die Kirche gelangt.
Leider habe ich nicht den Eindruck, ich könne diese Gefühle der Melancholie gut beschreiben. Aber natürlich ist mir einigermassen klar geworden, dass sie mit dem Wallis fast nichts zu tun haben. Es ist eine Frage der Biographie und des Verhältnisses, welches man zu sich selbst in früheren Jahren hat. Wenn sich im Leben viel verändert hat - eine Bedingung, die ein Umzug einigermassen erfüllt, mindestens bei damaligen Lebensverhältnissen erfüllte - dann erinnert man sich sozusagen an jenes Selbst wie an eine einigermassen fremde Person, vielleicht wie an einen Zwillingsbruder? Und man sehnt sich nach ihm zurück umso mehr, als er sozusagen in der Zwischenzeit dahingegangen ist.
Und natürlich sehnt man sich nicht bloss nach dem Zwillingsbruder zurück, sondern man möchte wieder mit ihm verschmelzen. Man möchte - vielleicht bloss zeitweise und ein bisschen - wieder jener werden, der man damals war. Und ich habe mich im Verdacht, Malou - unter uns gesagt - dass ich mich vor allem nach dem Jugendalter sehne. Es gab doch dieses Studentenlied: gaudeamus igitur, juvenes dum sumus = darum lasst uns Freude haben, solange wir jung (Jünglinge) sind.
Aber wenn man wirklich die Wahl hätte, so würde man - wie Frisch in seinem Stück „Biographie“ argumentiert - so würde man das niemals wirklich wollen.
Ist das Leben nicht eine merkwürdige Konstruktion. Ich bin erstaunt, wie organisch sie ist, wie wenig technisch. Sie ist wie ein Kunstwerk, in dem sich die Motive und Tonlagen immer wiederholen. Ich bin schon bald mit dem letzten Akt beschäftigt.
Aber Du hast mir auch gezeigt, wie man die Jugenderlebnisse als Bereicherung und Energievorräte ausschöpfen kann. Man soll nicht deren Vergangenheit beweinen, sondern ihre Vergangenheit ist gerade das grosses und schöpferisches Potential, das sich heute entfaltet. Das ist sozusagen ein nützlicher Proustismus, den ich in den letzten Jahren entdeckt habe.
Finde ich eine hübsche Vorstellung, das Kleid des Schwiegerpapas immer noch in der Wohnung hängen zu sehen. Ich habe ein Brillengestell meines Schwiegerpapas, und ich denke oft an ihn. Er war ein Aristokrat und ein sehr diskreter Mann, völlig anders als mein eigener Vater, der ein technischer Mensch und in menschlichen Dingen oft ein bisschen naiv ist. Und dieser Schwiegervater hat ja ein riesiges Gut bebaut, kannte alles über Pflanzen und Tiere und hat sich immer nur Dinge von höchster Qualität gekauft. Deshalb ist diese Lesebrille so dauerhaft, dass man sie immer noch sehr gut brauchen kann. Und nicht zuletzt deshalb muss sein Töchterchen, wenn sie einkaufen geht, einen vollen Geldbeutel mitnehmen.
Diese Buchstaben zum Schluss des Mails, ach, ich wollte sehen, wie lange wir brauchen, bis Du danach fragst. Es sind irgendwelche Abkürzungen, wie Du Dir vorstellen kannst. Weißt Du, beim Malen habe ich gelernt, dass man nicht naiv malen sollte. Naiv heisst, jedes Detail getreu und penibel genau ausformen. Das nimmt den Betrachter für dumm. Man muss Andeutungen machen, damit die Fantasie des Zuschauers zum Blühen kommt. Es gibt doch nichts Schöneres als Blüten. Besonders jene der Fantasie.
Deshalb, meine liebe Malou, geniesse die Zeit, die Dir durch die Finger rinnt.
MlGuKuaawddw
...
Auch die Greco ist in die Jahre gekommen, nicht wahr?
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...wundervoll geschrieben, ich versinke gerade darin!!!
AntwortenLöschenAlles Liebe dir
von mir!!!
Malou, kannst du mir bitte nochmal aufschreiben wie der Pragführer hieß? Oder das Buch über Prag? Ich würde es mir auch gern bestellen, DANKE!!!
AntwortenLöschenHerzlichst
Edith
Danke für Deine lieben Worte, Edith.
LöschenDeine Frage beantworte ich per mail, ja?
Liebe Grüsse
Malou