Sonntag, 1. Juni 2014
meine Entscheidung
den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so
(5)
Siehst Du, Marlena, ich habe noch mit niemandem in meinem Leben über meinen Vater gesprochen. Er war wirklich nie ein Thema für mich. Er ist ein technischer Mensch. Und ich habe einige Zeit gebraucht, zu entscheiden, selbst keinen technischen Beruf zu erlernen. In der Mittelschule haben alle rund herum geglaubt, ich würde an die Technische Hochschule in Zürich gehen, weil ich in den mathematischen Fächern offenbar brillierte. Und ich ging dann ja auch an die ETH. Wenn Du mal in Zürich bist, zeige ich Dir die ETH, Marlena. Das alte Gebäude, wo ich damals Architektur studierte, ist von Semper gebaut worden. Er war um die Jahrhundertwende der grosse Architekt, hat in Leipzig die Oper gebaut und in Wien das Burgtheater, wenn ich nicht irre. Es ist wirklich ein monumentaler Bau, die ETH, und wenn Du durch den Haupteingang gehst, fühlst du dich richtig geknebelt. Ich erinnere mich, dass mein Mathematiklehrer am Gymnasium mir gratuliert hatte, dass ich an der ETH studieren würde. Er meinte, es sei eine besondere Ehre, an der Schule, an der Einstein seine Ausbildung genossen hatte, studieren zu können. Ach Marlena, es war sehr dunkel, in diesen Hallen der ETH! Nicht überall, aber in den grossen Hallen war es düster und dunkel. Die Architurstudenten waren zwar ein lustiges Völklein, mit vielen hübschen Frauen aus dem Tessin und einige aus Island, wie ich mich erinnere. Aber die Atmosphäre war nicht meine Sache. Ich liebte es, in freien Minuten in die Universität zu gehen, die gleich nebenan liegt. Dort gab es den sog. Lichthof, eine grosse zentrale mit Glas überdachte Halle, wo Palmen in Töpfen und viele Tische und Stühle aufgestellt waren. Dort hatte man seine Dates, spielte Karten, ass den Mittagsimbiss, äugte nach Schönheiten, schlürfte den Morgenkaffee, die Cola vor dem Seminar. Das war eine aufgeklärte Atmosphäre! Das war die sonnige Riviera, während die ETH sozusagen den düsteren deutschen Wald repräsentierte.
Die Entscheidung, an die Universität zu wechseln, war nicht leicht. Das war sozusagen auch die Emanzipation von den Vorstellungen meiner Familie, besonders meines Vaters. Ich glaube, er weiss heute noch nicht, was Psychologie eigentlich ist. Ich erinnre mich, als ich im Gymnasium zum ersten Mal Philosophieunterricht hatte. Ich habe mir ausführliche Notitzen gemacht. Und mein Vater hat sich dafür interessiert, gefragt, ob er das auch lesen könne. Ich war sehr erstaunt, dass er sich für Philosophie interessiert. Aber er hat sich nie darüber geäussert. Er hat die Technik für sein Gebiet gehalten, und er hat allen gezeigt, dass er davon was versteht und nicht die anderen. Er hat sich lustig gemacht, wenn ich Watt mit Volt verwechselt habe, oder irgendwelche andere Dinge. In der Technik, da wollte er der Platzhirsch sein. Und so musste ich sozusagen auswandern ins Gebiet der Philosophie und der Humanities. Ich glaube, das war mein Glück. In einem technischen Beruf wäre ich wirklich ausgedorrt. ...
*
Ach Marlena, ich weiss nicht, was ...
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen