Sonntag, 1. Juni 2014

merkwürdig


den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so 
(6)


Ach Marlena, ich weiss nicht, was los ist. Ich habe heute Beichtlaune. Es ist wirklich merkwürdig und interessant zugleich. Ich glaube, auch Du bist ein Glücksfall für mich. Es ist wirklich gut, gelegentlich Dinge zu denken und zu sagen, die man während der letzten 40 Jahre nie gesagt oder kaum gedacht hat. Du bist meine Tagebuch-Fee sozusagen. Ich schreibe das alles für Dich, aber ich weiss, dass ich es auch für mich niederschreibe. Es ist nicht Therapie, aber es ist doch eine Art von Meditation. Das ist schön. Dafür danke ich Dir Marlena. Obwohl ich manchmal gegenüber S ein schlechtes Gewissen habe. Aber es ist eigentlich nicht gegen S. Es ist eine andere Dimension. Und das ist ziemlich gut so.

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Ich glaube, ich muss noch meinen Koffer zu Ende packen. Es liegt noch viel herum in unserer grossen Stube. Und es ist lustig. Am liebsten würde ich immer Bücher einpacken. Ich finde, wenn man wegreist, sind Bücher irgendwie ein Trost. Und ich könnte, wenn ich wollte und dürfte, eine ganze Menge einpacken. Ich würde sie mitnehmen, obwohl ich weiss, dass ich absolut keine Zeit habe zum Lesen. Aber ich habe das Gefühl, Bücher seien eine Art von Freunden. Es ist vielleicht lächerlich, aber irgendwie, im Tiefsten, habe ich dieses Gefühl. Ich werde mir Mühe geben und nach Persien nur ein Buch von di Creszenzo. Er hat über die Vorsokratiker geschrieben. Er hat Philosophie studiert und war bei IBM Direktor. Und meine sizilianische Bekannte denkt, ich gleiche ihm ein bisschen, wenn ich den Bart wachsen lasse. Aber sie meint das wohl eher als Kompliment denn als Realität, wie es die Sizilianer gerne tun. Sie sind in diesen Dingen ähnlich wie die Perser. Ich glaube, di Creszenzo würde Dir auch gefallen, Marlena. Bestimmt mehr als die Männer von Schwanitz!

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Jetzt gehe ich packen. Ich bin mitten im Plaudern und kann kaum aufhören. Es ist schade, dass ich aus Persien nicht schreiben kann. Ich würde mehr sehen und erleben, wenn ich es niederschreiben könnte. Ich weiss noch nicht, ob ich Zeit für ein Tagebuch habe. Ich weiss nur, dass ich einmal zum Zahnarzt gehen muss. Er ist 10x billiger als in der Schweiz. Und keineswegs schlechter. Mindestens handwerklich sind sie sehr geschickt. Vielleicht sind sie technisch nicht immer auf dem allerbesten Stand. Aber handwerklich sind sie wirklich geschickt, die Perser.

Wir haben diesen Sommer eine Familie in Isfahan kennengelernt. Der Sohn ist um die 30 Jahre alt, sieht blendend aus wie ein amerikanischer Schauspieler, etwa John Travolta in jungen Jahren. Er möchte fürs Leben gerne auswandern. Er denkt an Canada. Ich habe Paul im Club gefragt. Er ist schon über 65 und möchte seine Praxis verkaufen. Vielleicht können wir arrangieren, dass der Isfahani nach Basel kommt und hier eine Zahnarztpraxis führen kann. Das wäre gut. Er ist wirklich ein tüchtiger und vifer Kerl. Ich glaube, solche Menschen könnten wir in der Schweiz gut gebrauchen. Seine Familie in Isfahan ist sehr reich. Sein Vater ist in meinem Alter und wirklich ein bewundernswerter Typ. Er hat eine gute positive Einstellung, ist reich, und doch irgendwie sehr menschlich geblieben. Das bewundere ich. Und das sage ich, liebe Marlena, nicht allzu schnell. Ich würde seinem Sohn gerne helfen, wenn ich kann. Aber ich bin sicher. Sobald er in Basel ist, drückt ihn das Heimweh. Die Perser hängen sehr an ihren Leuten, an ihren Gewohnheiten und an ihren schönen Städten, wie Isfahan eine davon ist.

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Ich muss stoppen.

Vielleicht kann ich morgen noch ein kurzes Mail schreiben.

Wenn nicht, wünsche ich Dir eine schöne Zeit. Ich hoffe doch sehr, dass Du mir täglich ein Mail schreibst in diesen 14 Tagen. Weshalb solltest Du jetzt eine Ausnahme machen?

Gruss und Kusss
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