Sonntag, 22. Juni 2014

Re: Samstag


Ämne: RE: Samstag 

Liebe Malou
Ja, ich fühle mich manchmal, als ob ich die Müdigkeit erfunden hätte. Und jeder Erfinder ist überzeugt von seiner Erfindung und verliebt in sie, manchmal sogar fanatisch verknallt. Na ja, ich bin ganz einfach ein wenig nachsichtiger geworden und wenn dieser nebelig blaue Dunst aufsteigt, gebe ich ihm eben nach und ziehe mich auf meinen Schaukelstuhl zurück. Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht mein hübsches Sofa aus meinem privaten Büro hier nach L zügeln sollte. Aber auf einem Sofa zu schlafen, auf dem mehrheitlich fremde Leute sitzen und mit ihren Hintern herumrutschen, dieser Gedanke war dann doch nicht allzu einladend. So schlummere ich eben auf meinem harten holzigen Schaukelstuhl. Und dazu höre ich gerne Chopin. Das ist so romantisch und luftig leicht, gerade ideal für einen kleinen Sommernachtstraum.

Die Sache mit der Inspektion ist gut abgelaufen. Ich war im Vorfeld etwas nervös. Aber das hing vor allem damit zusammen, dass sich die Politiker bei meinem Kollegen in Basel angemeldet hatten. Die früheren Kontrollen kamen immer direkt zu mir. Es waren in den letzten 20 Jahren etwa 5 oder 6 gewesen. Dieses mal „unter“-liefen sie mich sozusagen. So hatte ich diesmal nicht viel damit zu tun. Und wenn man nichts zu tun hat, wird man gerne nervös. Aber mein Kollege in Basel ist sehr tüchtig und hat sich viel Mühe gegeben. Ich war bloss irgendwie nervös, dass wir durch irgend eine dumme Kleinigkeit oder Zufälligkeit unseren guten Ruf verlieren könnten. Manchmal braucht es nicht viel, und man ist im öffentlichen Gespräch. Und weil wir Teil der öffentlichen Verwaltung sind, hat jeder Bürger die Überzeugung, er bezahle uns mit seinem eigenen Geld (was ja gewissermassen zutrifft). Mit einem guten Ruf dagegen ist alles viel einfacher. Wir sind ziemlich hoch angesehen, habe ich den Eindruck. Die Richter urteilen in Rekursfällen am Gericht bisher immer nach unseren Urteilen und Vorschlägen. Nur in der Direktion bemerke ich manchmal ein bisschen den Neid meiner Chefkollegen, weil uns in den letzten Jahren zusätzliche Stellen zugesprochen wurden und mein Dienst an der Direktionssitzung immer wieder als Vorzeige-Dienststelle behandelt wird. Ich glaube zwar nicht, dass es irgend einen Grund gibt, uns höher oder besser einzuschätzen als all die anderen Dienststellen unserer Direktion. Aber solange das geschieht, möchte ich niemanden in seiner Ansicht enttäuschen. Ich will eine Politik der Diskretion. Das mögen die Leute und die Oeffentlichkeit heute zwar ein bisschen weniger als früher. Heute wünscht man sich grosse Worte und laute Diktion, damit die Medien was zu berichten haben. Ich bin mit meiner Diskretion sehr gut gefahren, und sie passt schliesslich auch ausgezeichnet zu einer seriösen Psychologie.

Du scheinst Deine Zeit zu geniessen. Nun ja, das ist doch eigentlich eine ménage à trois, nennt man das nicht so? In der Ausbildung in Familientherapie wurde ausführlich darüber diskutiert, welchen Vorteil eine ‚Gruppe zu dritt’ gegenüber einem Zweierteam hat, wie es die Ehe darstellt. Ein Paar ist nun einmal nicht stabil. Ein Dreieck dagegen ist sehr stabil. Deshalb führen die meisten Paare ein drittes Element in ihre Ehe ein: ein Kind, die Arbeit, einen Hund, Schulden, Trunksucht oder irgend ein anderes Problem. Probleme wirken stabilisierend. Nur die absolut wunschlos Glücklichen leben in einer diffizilen und jederzeit gefährdeten Balance.

So soll ich heute den Schweden den Daumen halten? Ich habe gestern ein bisschen den Griechen zugeschaut. Die Franzosen waren die reine Enttäuschung. Auf den deutschen Fernsehsendern ist man ganz begeistert von den Griechen, weil diese mit Otto Renagel (heisst er so?) einen deutschen Trainer haben. So können die armen und enttäuschten Deutschen noch ein bisschen der Illusion nachleben, bei dieser Meisterschaft immer noch dabei zu sein. Aber die Griechen waren gut. Als Laie stellt man das leicht fest am Eindruck, es wären irgendwie einfach mehr Weisse als Blaue auf dem Feld. Wo immer irgend etwas los war mit diesem mysteriösen Silberball, es waren mehr Weisse dabei. War der Schiedsrichter wieder dieser Schwede?

Und das Wetter? Es ist warm geworden und der Himmel ziemlich blau. Ich glaube, jetzt können wir mit dem Sommer beginnen. Es war wirklich falsch, dies schon vor Deinem Geburtstag zu erwarten. Ich wünsche Dir alles Gute, Du Sommerkind! Und ich hoffe, dass Du in Deinem zweiten (eigentlich ist es schon das dritte?) Leben sehr glücklich und zufrieden sein wirst.

Mlguhk

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