Sonntag, 30. September 2012

Re: Bei dir ..



Ämne: Re: Bei dir..
Datum: den 29 augusti 2003 04:20

Liebe Marlena
jetzt ist mir gerade das ganze Mail abgestuerzt. Oder hast Du es bekommen. Auf jeden Fall kam die Meldung, das Mail sei an Deine Adresse gegangen.
Ich repetiere rasch.
Dein Rilke Zitat hat mich beruehrt. Er gefaellt mir eigentlich besser als Rumi. Er sagt ebenso tiefsinnige Gedanken, und er sagt sie schoener. Na ja, vielleicht entdecke ich bei Rumi auch noch was.
Ich war heute ueber Mittag am Broadway im Strand Buchladen und habe mir ein Buch ueber Balthus angeschaut. Er hatte lange in Sierre gelebt, und P hat als Architekt ein kleines Museum oberhalb Sieders gestaltet. Und darin gab es ein Bild von Rilke. Als ich es sah, bist Du mir in den Sinn gekommen. Stell Dir vor, mitten in dieser etwas unordentlichen und ueberall mit Buechern ueberstellten kleinen Halle warst Du ploetzlich da. Dein Zitat hat mich ein bisschen im Bauch gekitzelt, eine Art Wehmut kam hoch.

Es ist lieb, was Du schreibst und wie Du mit dabei bist in NY. Du hast von allen meinen Bekannten und Verwandten und Allerliebsten am meisten mitbekommen. Und es war schoen, es Dir zu schildern. Es war fuer mich sehr gut, die Tage mit Dir ein bisschen zu verarbeiten. Und spaeter vielleicht, in zwei oder drei Jahren, werden wir sagen: "weisst du noch damals, als wir zusammen in NY waren ....". siehst Du, sowas hatte ich mir eigentlich mit Rom vorgestellt. Eine aussergewoehnliche Zeit, in der man gemeinsam eine Stadt erobert, und sich auch noch kennenlernt. Na ja, das sind tempi passati. Wir koennen das mal in Hamburg machen. Ist Hamburg eine aufregende Stadt?

Heute haben wir eine Uebung gemacht, bei der man sich mit einer bewunderten Person identifiziert hat, um Eigenschaften oder Faehigkeiten als Geschenke zu bekommen. Der Aufbau dieser Uebung ist ziemlich logisch und plausibel. Und es wirkt, da bin ich sicher. Vor allem wirkt es, weil alles in diesem Zustand der Trance geschieht. Normalerweise wuerde man eine Person bewundern, irgendwelche Eigenschaften nachzuahmen versuchen und sich dabei Muehe geben, und es vielleicht nicht so erreichen. Hier geschieht es leichter. Es ist wie ein posthypnotischer Auftrag, den man sich selbst gibt. Du hast das sicherlich schon gesehen bei Hypnosen, bei denen die Leute spaeter etwas gemacht haben, wozu sie in der Hypnose beauftragt worden waren, ohne dies aber zu wissen. Wenn man sie fragt, wissen sie nicht, weshalb sie dies oder jenes tun. Aber sie haben einen Drang, es zu tun. Ich glaube, hier funktioniert es ganz aehnlich.

Ich habe Varlin als mein Modell gewaehlt. Du weisst, dass er ein guter und scharfaeugiger Portraetist war. Aber er war auch ein guter Schreiber und hat sehr pointierte Essays geschrieben, nicht haeufig, aber gelegentlich. Ich will nun sehen, was er mir davon vermachen wird. Am liebsten haette ich seine Originalitaet und seine Radikalitaet. Hast Du gewusst, dass Varlin mit buergerlichem Namen Guggenheim hiess. Er hatte ihn abgelegt, weil man ihm sagte, das klinge zu juedisch und zu wenig kuenstlerisch. Willy Gueggenheim, so hiess er. Na ja, Willy finde ich auch nicht besonders. Ich haette auch zu Varlin gegriffen. Ich weiss nicht mehr, woher der Name stammt. Er hat ihn irgendwo gefunden.

Liebe Marlena, ich schliesse hier mal ab, bevor die ganze Sache nochmals in die Tiefe stuerzt.
ich wuensche Dir einen schoenen Freitag und wenn, dann auch gleich ein schoenes Wochenende.
Mit lieben Gruessen und Kuessen
...


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Ämne: Gute Nacht!
Datum: den 29 augusti 2003 20:55

Liebster Mausfreund,
Danke für dein wunderschönes Mail von heute Nacht. Ich komme im Moment nicht an den PC aber ich wünsche dir eine schöne Zeit, diese letzten Tage in NY. Nütze sie gut aus und pass gut auf dich auf.. :-)
Mit lieben Grüssen,
Marlena

Freitag, 28. September 2012

Rumi ...


Ämne: Re: Rumi ...
Datum: den 28 augusti 2003 15:21

Liebe Marlena
Ja, irgendwie habe ich gewusst, welches Rumis Motivation war, solche Gedichte zu schreiben. Aber gleich noch diese Bilder zu sehen, das finde ich doch ein bisschen zu fleischig, wo er doch eigentlich so aetherisch schreibt.
Gestern oder so sah ich in der UBahn einen orientalischen HOmo. Ich glaube, sie sind noch viel entbrennbarer als die unseren, viel mehr hingebungsbereit. Aber das ist nicht so sehr meine Sache. Ich mag die Girls viel lieber.

Gestern habe ich mich verlaufen auf dem Heimweg. In der Tat bin ich an unserer Hausnummer vorbeigeschlendert. Und dann bin ich am Park angelangt, wo ich schon morgens war. Dort gibt es im Park einen kleinen Unterpark, ein Gehege, wo die Hundebesitzer ihren Liebling morgens um 9 Uhr austoben lassen koennen. Das geniessen die Vierbeiner offensichtlich. In uebermuetigen Gruppen tollen sie herum und beissen sich zum Spass in den Hintern. Und die Meister sitxen auf den Baenken und lutschen an ihrem Starbucks Becher. Und ueber der ganzen Szenerie liegt eine feine Staubwolke, denn der Hunderasen ist eigentlich eine kleine Staubwueste. Auf jeden Fall hatte ich mich gefragt, ob Hunde eigentlich auch Asthma kriegen koennten. Und gleichnebenan gibt es noch ein kleineres Gehege. Das ist gedacht fuer die Huendchen, die man nach ihrem Tod ins Fotoalbum kleben kann. Ich meine, auf den Baenken sitzen etwas feinere Damen, die ihre Fingernaegel behandeln. Und ihere Huendchen sind klein. Aber sie gehen los wie Raketen. Sogar die vielen Hoernchen, die rundum die Staemme auf und abgehen, schauen interessiert zu und denken sich ihre Sache ueber diese Marsmenschen.

Auf Coney Island hatte ich bedauert, dass ich nicht meine grosse Kamera mithatte. Ich habe sie in der schweiz gelassen. Es haette dort viele nostalgische Sujets gegeben, von verlortterten Gebaeuden, heruntergekommenen Buden, lotterigen Anlagen. Diese rostige Welt waere doch eine perfekte Kulisse fuer ein Modejournal mit eleganten Kleidern! Die Fahrt zurueck war ein bisschen lang. Es gab im Wagen zwei Familien mit kleinen Buben. Und auch fuer sie war es etwas zu lange. So sind sie unruhig geworden, haben gelaermt und sind herumgeturnt. Das mich ich als alter Herr - zum Teufel - nicht mehr. Ich habe versucht, mich in den Touristenfuehrer zu vertiefen.

Ich habe mich ein bisschen verschlafen und bin erstmals mit dem Wecker aufgewacht. Benno hatte mir eine Notiz gemacht, dass es ev. fuer die Dusche kein Warmwasser mehr gebe. Ich habe ihm in zittriger Schrift zurueckgeschrieben : zur Hoelle mit der Dusche. Aber jetzt muss ich dann doch duschen. Im Moment sind noch meine Eier am Kochen. Ich habe heute morgen kein Brot mehr. So esse ich die Dinger allein. Das haelt dann hin bis um 3h. Den Kaffee habe ich schon hinter mir. Er geht beim Schreiben hinunter, fast ohne dass ich es merken. Das ist der Stil Boells. Weisst Du das? Er hat immer eine Thermosflasche voller Kaffee gebraucht beim Schreiben. Und natuerlich hat er geraucht wie ein Kamin. Daran ist er dann auch gestorben.

Heute ist schon der zweitletxte Tag des Kurses. Es geht wirklich schnell. Na ja, es sind eigentlich nur 6 Stunden je. Aber es war gut, auch wenn das Englische manchmal ein bisschen schwierig war. Ich glaube, in Deutsch fuehlte ich mich sicherer. Und natuerlich ist es auch gut, wenn man gewisse Redewendungen und Formulierungen aufnehmen kann. Das kann ich nun weniger, weil ich nicht daran denke, in Englisch zu arbeiten.

Ich danke Dir fuer die Rumi Gedichte. Ich glaube, ich muss sie in der Schweiz mal aussortieren. Und die Fotos lasse ich wohl besser bei Seite. Ich hatte mir unter Rumis Beziehung eine Maennerfreundschaft vorgestellt, wie es sie im Orient sicherlich gibt. Die braucht aber nicht wirklich homo zu sein. Na ja, vielleicht ist schon homoerotisches dabei. Aber ich glaube, orientalische Maenner koennen sich sehr nah sein, und es muss nicht homo sein. Das gleiche bei den Frauen. Es duenkt mich, diese Homosexualisierung ist ein westliches Phaenomen.

Ich wuensche Dir einen schoenen Tag, der ja nun schon zur Haelfte vorbei ist.
Liebe Gruesse und Kuesse
...

Donnerstag, 27. September 2012

Ich habe das Password


Ämne: Ich habe das Password
Datum: den 28 augusti 2003 09:29

Liebster Mausfreund,
Wieder ein so schönes Mail von dir. Wie du weisst, finde ich deine Mails früh am Morgon und dann habe ich es oft schon eilig zu Arbeit. So auch heute. Aber damit du schon beim Aufwachen etwas von mir findest, schicke ich dir Gedichte von Rumi auf deutsch. Sie sind schön und eines davon wollte ich besonders für dich reservieren.
Wenn du die Bilder betrachtest kannst du noch besser verstehen warum er gerade in NY geschätzt ist. So viel ich verstehe war Rumi verliebt in einen Derwisch und seine Gedichte sind aus dieser Liebe entsprungen.
Viel Spass beim lesen und ansehen. Und ich wünsche dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
Marlena

PS Ich komme später nochmals vorbei. In vier Stunden ungefähr..

Re: OK - nochmals..


Ämne: Re: OK - nochmals..
Datum: den 28 augusti 2003 04:21

Liebe Marlena
Ach, ist das so? Ich hatte einfach Deine Stimme vermisst. Das ist alles. Es ist schoen von Dir zu hoeren und natuerlich bin ich im Moment ein bisschen "egoman" und erzaehle nur von mir. Du bist eben auch eine feine Zuhoererin. Ich meine, neben der Tatsache, dass Du eine Verkaeuferin bist, auf hohem Nieveau, um genau zu sein!

Ja, die Archetypen sind nicht ganz so einfach zu verstehen. Man muss sie vielleicht ein paarmal in Gedanken durchspielen. Und auf keinen Fall ist ein Typ besser als der andere. Und auf keinen Fall kannst Du mir den Magician ganz ueberlassen. Das kann ich nicht akzeptieren. In der Klasse bist Du bestimmt eine Queen. Schon allein deshalb lernst Du die Namen auswendig. Damit hast Du einen Respektvorsprung. Ich habe den Lehrern immer gesagt, sie sollen vor den Schuelern im Klassenzimmer sein. Das ist ihr Territorium. Und das muss man als erster in Besitz nehmen. Und dann natuerlich die Plaetze verteilen und fuer Ordnung sorgen. Ich sehe es irgendwie so: Die Queen sorgt fuer Stabilitaet durch ihren Segen, den sie verteilt; der Magician bringt das irgendwie durcheinander, indem er Leute und Verhaeltnisse in Bewegung bringt. Der Warrior kaempft fuer ein Ziel und nimmt Territorium in Besitz, setzt Grenzen: und der Lover ueberwindet die Grenzen, indem er Beziehungen setzt. Rachel, das ist die Frau des Kursleiters, hat heute diese vier Typen lustig durchgespielt, indem sie viermal ein Buch vorgestellt hat, jedesmal aus der anderen Position. Man muss diese Typen auch nicht so exakt nehmen. Sie sind Landkarten, nicht Landschaft.

Heute habe ich ueber Mittag einen kleinen Spaziergang gemacht. Wenn wir so lange sitzen, brauche ich das. Und da bin ich an ein Blumengeschaeft geraten, das bestimmt jenes der Miss Dalloway ist. Ich konnte schwoeren! Aber als ich dann hineinschaute, und mich der Verkaeufer mit grossen und etwas misstrauischen Augen angesehen hat, da habe ich diese weisshaarige Dame nicht gefunden, die Miss Dallowaz bedient hat. Und auch der Laden sah nicht gleich aus. Im Film gab es doch in der Mitte des Ladens viele Pflanzen und Blumen, so dass man rundum gehen und auswaehlen konnte.
Das NLP Institut ist hier gleich am University Place. Und dabei handelt es sich um die NY University. Es gibt - so glaube ich - noch zwei weitere Universitaeten in NY. Und heute ueber mittag ist mir aufgefallen, dass es hier auch eine Konzentration an Antiquitaetenlaeden gibt. Das macht eine gewisse Athosphaere in dieser Ecke. Ich will nicht sagen, sie sei entglisch. Aber es ist so etwas aehnlich , ein Gemisch wie englisch und vielleicht hollaendisch?

Stell Dir vor, ich glaube, ich koennte hier leben. Na ja, ich moechte dann natuerlich schon im East Village leben, nicht irgendwo weit draussen in New Jersey oder Queens. Schon Brooklyn finde ich etwas abseits. Und Harlem habe ich gar nicht gesehen. Es heisst, man sollte dort vorsichtig sein. Aber hier, im Zentrum zu leben, das ist eigentlich ganz angenehm. Nur vielleicht im Winter kann es sehr kalt sein, hat mir B. erzaehlt. Er ist jetzt 12 Jahre hier. Und anfangs konnte er kaum aus dem Haus im Winter. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass ab und zu ein kalter Wind durch die geraden Strassen fegt, dass es sehr unangenehm werden kann. Man hoert doch ab und zu in der Zeitung, dass es in NY geschneit hat und alles zusammengebrochen sei.

Jetzt ist unsere Nachbarin im Bett. Auf jeden Fall brennt das Licht in der Kueche nicht mehr. Sie ist alt, vielleicht 80, und sie ist nicht besonders freundlich. Ich begruesse sie im Gang, wenn sie ihre Tuere offen hat, freundlich mit : good evening madam. Und sie sagt bloss: hey. Na ja, sie weiss auch, dass sie von mir nichts hat in ihrem Leben. Manchmal lauft der TV laut. Und die Tuere in den Gang, den alle im Haus begehen, ist weit offen. Es ist wirklich eine lustige Atmosphaere.

Und jetzt kommt langsam meine Muedigkeit auf. Ich danke Dir, meine Liebst, fuer dieses "ok - nochmals". Du bist einfach ein Schatz, und ich bin der Lover.
Mit lieben Gruessen und Kuessen
...

Jetzt sitze ich hier und habe mir einen Kaffee gemacht, obwohl es eigentlich fuer ein Aufputschmittel dieser Art zu spaet ist. Aber ich habe nur ein bisschen Zucker hineingetan, keine Milch. Ich habe gehoert, Kaffee ohne Milch putscht nicht auf. Hast Du das auch gehoert? Meine Gastgeber gehen immer mittwochws Sushi essen. Letzte Woche hatte ich sie dazu eingeladen. Es hat gut geschmeckt, aber auch alles ein bisschen aehnlich an dieser einen einzigen Sauce. Und so wollte ich dieses Mal nicht mehr mitgehen. Ueberigens beneide ich Dich, Marlena, um Deinen Kaviar auf dem Eiersandwich. Das klingt wirklich nach koeniglicher Mahlzeit. Dass meine Broetchen bis Mittag ein bisschen welk werden, stoert micht nicht. Es fuehlt sich dann an im Mund wie normales Brot. Ich bin wirklich ganz vernarrt in diese Eiersandwiches. Und was die Folgen sein koennten, auf die Du hingewiesen hast, das weiss ich nicht. Aber jeden Tag zwei Eier, das ist schon eine geballte Ladung. Zuhause mache ich das kaum.

Ich war heute abend nach dem Kurs auf Coney Island. Das ist die Beach vor Brooklyn. Man kann mit der U-Bahn direkt bis dorthin fahren. Es dauert eine gute halbe Stunde. Erst geht es unter dem Boden, dann ueber die riesige Brooklyn-Bridge, und allmaehlich wird die Bahn zum normalen Vorortszug. Coney Island ist ein bisschen heruntergekommen. Sicherlich war das um 1900 auf der Hoehe der Zeit. Es gibt noch ein paar Karussels, Schaukeln, Riesenrad und solche Dinge. Irgendwo konnte man sogar auf einen Menschen schiessen. Er hatte dafuer einen Helm auf und eine spezielle Kleidung, und er hat fuerchterlich geschwitzt darunter, wie ich sehen konnte. Sowas Geschmackloses findet man wohl nur in Amerika. Und dann gibt es eine lange Beach und einen Holzsteg die ganze Laenge, wo man spazxieren kann, wo sogar die New Yorker Polizei mit dem Streifenwagen kursiert. Es ist nicht besonders sauber, und es hat jede Menge dieser Buden, wo man Burgers, Suesses oder Salziges kaufen kann. Und rund um die Abfallkoerbe flattern riesige Moeven, die ziemlich scharfe Schnaebel zu haben scheinen. Sie sind mindestens doppelt so gross wie die Moeven bei uns. Vielleicht habt ihr in Skandinavien am Meer auch solche XL-Groessen? Sie koennen unmoeglich mehr "Emma" heissen.

Der Kurs geht schon langsam seinem Ende entgegen. Heute, wie gesagt, hatten wir Rachel. Sie ist eine lustige Person, viel aktiver und lebendiger als ihr Mann. Sie ist wirklich ein Magician, macht manchmal Witze und reagiert sehr schnell. Sie spricht auch viel schneller, was mir manchmal etwas Muehe macht. Bei Steve ging immer alles sehr langsam und er hat die Dinge zwei- oder gar dreimal gesagt. Wir haben ueberigens Schmerzbehandlung gemacht. Ich weiss nicht, wieviel ich Dir erzaehlen soll, ...  Aber was ich hier von beiden Kursleitern gehoert habe, machen sie gute Resultate bei Schmerzen, bei denen man keine somatische Ursache findet. Das ist viel haeufiger, als man denkt. Und als Rachel im Kurs gefragt hatte, wer denn regelmaessig mit irgendwelchen Schmerzen geplagt sei, hat mindestens ein Drittel der Leute die Hand gehoben. Die meisten gaben Kopfweh an, aber auch sonst Schmerzen irgendwo im Koerper, postoperative Schmerzen.
Es gibt ja schon im Alltag spezielle Arten, wie man mit Schmerz umgehen kann. Ich erinnere mich, wie ich beim Zahnarzt in frueheren Jahren mir immer irgendwelche pricklichen Situationen mit Maedchen vorgestellt habe, um dem Schmerz auszuweichen. Das ist eigentlich Ablenkung. Man kann auch das schmerzhafte Glied durch psychische Vorstellungen abkuehlen. In einem kalten Koerperteil fuehlt man bekanntlich wenig. Allerdings muss man, wenn ich das Vorgehen richtig verstanden habe, zuerst pruefen, ob der Schmerz nicht ein Zeichen oder Signal des Koerpers ist fuer irgend etwas. Das fragt man hier die Person in Trance, und man nimmt an, dass das Unbewusste das weiss. Wenn der Schmerz ein Signal fuer irgend eine psychologische Problematik dahinter ist, dann ist das Vorgehen etwas anders. Dann sollte man nicht den Schmerz entfernen, sondern durch Reorganisation des Selbst integrieren. Das sind dann sozusagen Systemschmerzen. Aber offenbar gibt es oft auch Schmerzen, deren Ursprung man ueberhaupt nicht kennt und nicht erklaehren kann. Und sie sind bestimmt nicht selten.

Ich habe hier zwei Buecher geunfen von Rumi. Du erinnerst Dich, wir haben mal von den Sufis gesprochen und er islamischen Mystik. Im Kurs wird Rumi ab und zu zitiert. Eigentlich haette ich Lust, die Buecher zu kaufen. Aber das sind Gedichte, und sie sind natuerlich ins Englische uebersetzt. Ich weiss noch nicht, ob ich zugreifen soll. In Deutsch habe ich noch nie etwas von ihm gesehen, habe allerdings auch nicht danach gesucht. Offenbar ist Rumi in Amerika ziemlich populaer. Na ja, vielleicht nicht gerade bei Bush und seinen Co-Boys!!


Dienstag, 25. September 2012

OK - nochmals


Ämne: OK - nochmals..
Datum: den 27 augusti 2003 18:58

Lieber ...,
Du wartest auf ein zweites mail von mir? Aber ich hatte es doch schon gestern abgeschickt.. 2 am selben Tag ist doch wirklich keine Vernachlässigung..
Und du fragst warum dich niemand liebt, du Schlauer. Sei vorsichtig! Liebe ist ein zerbrechliches Ding. So schön und zart und kann leicht kaputtgehen. Wie ein Krug. Wenn er zerbricht kann man ihn zwar reparieren so dass er von aussen gesehen ganz neu aussieht. Aber der Klang wird nie derselbe.
Das klingt vielleicht etwas dramatisch. Aber es ist meine Auffassung von der Liebe.

Als ich Psychologie studierte hatten wir ganz andere Typen. Und ich war sehr hart in der Beurteilung meiner selbst. Wir studierten u.a. Sjöbrings Persönlichkeitstypen. Und schliesslich kam ich zu dem Schluss, (oh Schreck!) dass ich mich eigentlich als Verkäuferin eignen würde.. oder einen ähnlichen Beruf in dem man schnelle spontane Kontakte hat mit anderen Menschen, wo man seinen Charme spielen lässt, aber die man dann schnell wieder vergessen kann. Du siehst, eigentlich nicht besonders geeignet für meinen jetzigen Beruf. Na ja, so dachte ich damals.. aber ich glaube ich kannte meine Schwächen ziemlich gut.

Queen, dachte ich zuerst für mich. Aber es darf nicht so weit gehen dass man irgendwie servil ist.. und dann das zweite.. wie das nun hiess... aber dabei dachte ich, dass ich zwar Grenzen setzen kann aber trotzdem immer bereit bin sie zu überschreiten wenn mir mein gesunder Verstand das bietet. Warrier? Jadoch, ich kann wirklich meine Meinung verfechten und besonders wenn ich sehe dass man jemanden ungerecht oder schlecht behandelt. Dann kann ich diese Person wie eine Furie verteidigen.. *lacht*

Das künstlerische habe ich gleich für dich reserviert... ein klein wenig auch für mich. Und das letzte? Du müsstest mir erst erklären was man damit meint. In der Liebe bin ich monogam und total hingebungsvoll. Ich bin blind für alles andere. Bis eben.. ;-))

Ha, wie lustig eigentlich einen Moment so "egotrippad" (weiss nicht auf deutsch) zu sein. Vielleicht ist es auch der Sinn eures Kurses, dass man sich an seine eigene Vortrefflichkeit erinnert.. *s* Tut doch ganz gut, oder?

*
Ich habe meinen langen schweren Tag hinter mir, aber alles ist gut gelaufen. Jetzt geniesse ich, das ich es hinter mir habe und bin ganz froh, dass ich so effektiv war. Wenn es gut ist bin ich ein ausgezeichneter Dompteur. Es gibt andere Tage.
*
Spüre, dass ich hungrig bin. So werde ich mir eine Kleinigkeit zu essen machen. Habe heute in der Kantine gegessen und mich gut unterhalten mit einem jüngeren Kollegen, den ich bisher kaum gekannt habe. Er hat mir imponiert, weil er dieselben klugen Ansichten wie ich hatte. ;-)

Ich komme vielleicht später nochmals vorbei. Bis dahin alles Gute,
mit einem lieben Gruss,
Marlena

Montag, 24. September 2012

Amerika gibt es doch


Ämne: Amerika gibt es doch
Datum: den 27 augusti 2003 13:33

Liebe Marlena

Heute bin ich etwas spaeter dran. Die Eier sind schon gekocht. Jetzt kommt der Kaffee dran. Hast Du die Archetypes studiert und herausgefunden, in welchem Zustand Du am meisten bist? Bei mir ist es ohnehin klar, dass ich in die Ecke des Magician und Healers abgerutscht bin. Und ein Lover bin ich auch noch, kein schlechter zumal. King bin ich manchmal im Buero, wenn ich das Gefuehl habe, ich muesse Chef sein. Und Warrier bin ich in den Diskussionen, ein bisschen wenig im Alltagsleben vielleicht. Ich habe von diesen 4 Archetypen nie gehoert.

Gestern abend war hier in der Strasse ein ziemlicher Laerm. Ich glaube, sie hatten ein Fest. Fuer einen Moment hatte ich mir ueberlegt, nochmals aufzustehen und eine Runde zu machen, um mir das alles mal anzuschauen. Aber dann fuehlte ich mich doch muede und blieb.Aber heute bin ich dann erst vor 7h aufgewacht. Normalerweise war es ziemlich genau 6h. Und heute finde ich nicht mal ein Mail in meinem Briefkasten. Niemand liebt mich? Was habe ich bloss getan, dass mich niemand liebt?

Ch hat gestern ein wunderbares Essen gemacht. Es gab einen Fleischbraten gefuellt mit Feigen, dazu Gemuese. Das schmeckt wunderbar. Werde ich S. auch empfehlen. Dieses Schweinefleisch zusammen mit dem suessen Geschmack der Feigen ist wunderbar. Normalerweise benutzen wir Pflaumen in Enten oder anderem Gefluegel. Aber dies hier war wirklich sehr vorzueglich. Es ist lange her, seit ich abends soviel gegessen habe. Vielleicht hatte ich darum etwas Muehe mit dem Einschlafen. Waehrend Ch kochte, hatte mir B gezeigt, welche Arbeiten er bisher gemacht hatte. Er ist von Beruf eine Mischung aus Musiker und Computer-Spezialist. Er kann Websites machen. Aber er kann auch drei Blasinstrumente spielen. So hat er schon bei verschiedenen CD Produktionen mitgemacht, hat die Musik arrangiert, hat hier in seiner kleinen Stube den Gesang der Saengerin aufgenommen und dazugetan auf einer zweiten Spur. Er ist ein Music Freak. Heute hat er einen kleinen Auftrag und muss um 11 Uhr aufgestanden sein, hatte er mir gesagt. Aber sonst sind seit dem 11. September die Geschaefte sehr schlecht. Sie kommen jetzt bloss langsam wieder.

Seine Eltern in der Schweiz machen sich Sorgen um die beiden. Ich hatte sie in meinem Mail beruhigt. Und offenbar hat ihnen gefallen, was ich geschrieben habe. Auf jeden Fall haben sie B. davon erzaehlt, und er hat es vorgestern erwaehnt. Aber er hatte sich auch gefragt, was ich bloss geschrieben habe. Na ja, ich habe ein paar huebsche Sachen und Gedanken herausgepickt, die ich gesehen oder mir selbst gemacht habe. Das genuegt. Sie muessen sich wirklich keine Sorgen machen um die beiden hier. Sie leben gut, obwohl sie nicht viel haben.

Heute ist das Wetter feucht. Jetzt nach dem Kaffee bin ich ziemlich heiss. Ich muss noch mein Sandwich machen und dann unter die Dusche.
Ich wuensche Dir einen schoenen Tag, respektive einen guten Rest davon. Ihr habt ja wohl schon Mittag dort drueben.
Liebe Gruesse und Kuesse
...

archetypische Energieformen

rendez-vous-making und Totenkopf

Ämne: Re: Amerika gibt es wahrscheinlich doch
Datum: den 27 augusti 2003 00:55


Liebe Marlena
Ja, Du bist eine alte Fuechsin. Das sieht man daran, dass Du die Namen der Schueler memorierst. Ein Anfaenger kaeme wohl kaum auf die Idee, und haette den Kopf voll von anderen Dingen. Aber genau das ist wichtig, wenn man Koenigin im Klassenzimmer sein und bleiben will.
Wir haben heute im Kurs von archetypischen Energieformen gesprochen. Und ich fand das eine gute Landkarte, die ich mir merken will. Vielleicht kannst Du auch davon profitieren?
Diese Archetypen sind sozusagen Energieformen, Modi des alltaeglichen Bewusstseins, Zustaende irgendwie. Jeder von uns hat alle 4 Moeglichkeiten, aber er braucht sie unterschiedlich oft und unterschiedlich intensiv. Sie sind:

The King/Queen
gives blessings, gives everybody a place in the world.
Recognizes what contributions you have made.
Responsible for Ceremonies, Rituals: We have come here today to recognize ...
Dark side: tyranny

The Warrier
Coming to terms with: fighting for values, defendig yourself, observing boundaries. There is a battle to be fought.
Dark side: rage, invasion

Magician/Healer
Transforming-reframing-healing, appreciation for the aesthetic, enchantement with life, stories.
Dark Side: Self-Deception

Lover
Extraordinary passionate movement towards love, connections with people
Dark side: addiction

Du hast immer beschrieben, wie Du nur in der Liebe lebst. Aber Du bist sicherlich auch oft im Zustand der Queen. Na ja, es ist nicht unbedingt gemeint, dass diese Typen rein gelebt werden, sondern dass jeder Mensch seine individuellen Mischungen hat. Ich liebe die Vorstellung des Magicians. Ich glaube, das ist meine intensivste Existenzform. Aber im Buero sollte ich mehr den Koenig spielen. Den finde ich leider etwas langweilig. Aber das Gefuehl ist nicht schlecht, die Uebersicht zu behalten und jedem Mitarbeiter seine Rolle zu geben. Ich glaube, ich muss noch ein bisschen Lernen, das zu geniessen. King zu sein ist doch fuer die meisten Menschen ein allerliebstes Ziel. Fuer mich war es niemals ein starker Wunsch, ein Chef zu sein. Das war auch mein Problem anfangs an dieser Stelle: ich war Chef und wollte es nicht zeigen. Aber im Grunde erwarten die Mitarbeiter vom Chef, dass er Chef ist. Ich habe schon ein paar Jahre gebraucht, dass zu begreifen. Na ja, ich bin eben ein Kind der 68er Jahre, und die waren total gegen Chefs. Heute geht das Pendel ja auf die gegenueberliegende Seite. Ich staune, wie die Jungen wieder machomaessig sind und auch, wie sie Cheffunktionen akzeptieren. Wir haetten das damals nie gemacht.
In der Uebung, in der ich mich als "Opfer" zur Verfuegung gestellt hatte, kam mir ploetzlich die Erinnerung an meinen Professor in Zuerich, bei dem ich meine Disseration geschrieben hatte. Er war sozusagen mein intellektueller Chef, aber er war sehr tolerant, sehr unterstuetzend, er gab mir nette feed backs auf meinen Schreibstil, auf meine Zeichnung, auf meine Themenwahl usw. Er war eigentlich ein lieber Kerl. Und eine zeitlang spaeter habe ich ihn eher ein bisschen verachtet, dass er nicht strenger gewesen war. Aber heute denke ich, er war sehr gut und hat uns vorwaerts gebracht.

Weisst Du, in diesem Trance-Kurs kann man erleben, dass Lernen ganz leicht geschieht. Natuerlich lernt man hier nicht Schulstoff, obwohl zwischendurch auch kleine theoretischere Dinge vorkommen, wie zB. diese Archetypen. Aber im Grunde geht es darum, sich selbst und seine eigenen Moeglichkeiten zu entdecken. Irgendwelche alten Schmerzerfahrungen zu akzeptieren und integrieren. Vielleicht auch, eine Lebensstrategie zu finden. Es ist wirklich wohltuend. Und was ich an dieser Form so schaetze ist die Tatsache, dass keiner der Leute von seinen Problemen sprechen muss. Normalerweise hat man in den psychologischen Beratungen und den Ausbildungssitzungen diese endlosen Gespraeche und Diskussionen ueber Probleme und Niederlagen. Das bringt nicht viel. Man muss gewisse Dinge im Leben akzeptieren und dann geht es weiter. Es ist eigentlich Lebenswissen. Und ich glaube, man koennte das gut entwickeln zu einer Lebensberatung.

Und mittlerweile habe ich auch meine Aerztin erwischt. Wir treffen uns Donnerstag. Du wirst nicht glauben wo! In der Reception des Hyatt Hotels! Ich fand, das sei zentral. Und wenn immer ich mich verspaeten sollte, hat sie einen weichen Sitz. Ich glaube, sie moechte nach dem Essen gerne ins Theater. Heute hat mir der Kursleiter ein Buero angegeben, wo man Tickets mit 50% Rabatt erhaelt. Ich werde sehen. Sie hatte mir damals schon erzaehlt, dass sie Musicals liebe. Das ist ja nicht so sehr meine Sache. Aber vielleicht kann sie mich einfuehren, so wie ich sie in die MET eingefuehrt habe. So ein Rendez vous ist ein bisschen wie damals, als wir 20 waren. Jedes Date oeffnet eine neue Welt. Natuerlich hat man, wenn man jung ist, diffuse Ahnungen, was dahinter noch alles kommen koennte. Das erinnert mich an die Zeit in England. Dort haben wir den Grundkurs in Rendez-vous-making gemacht. Und die kleinen Englaenderinnen waren so unkompliziert und so hoeflich zugleich. Sie waren wirklich ideale Lernpartnerinnen. Ausgenommen vielleicht die Tatsache, dass sie immer sehr viel make-up aufhatten. Ich erinnere mich meines Hemdkragens am naechsten Morgen, den ich vor meiner Landlady zu verstecken suchte. Darueber bin ich nun ja hinweg. Aber es ist hier in NY - wie soll ich sagen - eine kleine Madeleine ...

Meine Kollegin aus Genf wohnt auf Staten Island. Sie hat mir die Gegend beschrieben und wenn man dort weitergeht, kommt man an den Strand. Es ist eine sehr schoene und wohl auch teure Wohngegend, gerade visavis Manhattan. Die Freiheitsstatue steht dazwischen. Da habe ich gedacht, dass ich vielleicht morgen mit der Kollegin hinueberfahre und sie auf dem Heimweg begleite, und dann weiter fahre bis an den Strand. Urspruenglich hatte ich mir vorgenommen, nur Manhattan anzuschauen. Aber ich glaube, ich habe hier vieles gesehen. Und es waere sicherlich schoen, nochmals mit der Ferry hinueber zu fahren.

Und noch was Lustiges, Marlena (ich wollte Dich schon Madeleine nennen!!!!), ich habe im Shop der Library eine Shakespeare-Ausgabe gesehen. Vielleicht denkst Du jetzt, ich sei auf den Klassiker verrueckt geworden und wolle dieses 5 kg Werk heimschleppen. Das ist es nicht. Auf dem Buch liegt ein Totenkopf. Er ist made in China. Und seit bald 5 Tagen zoegere ich hin und her, ob ich sowas als Souvenir kaufen soll. Ich wollte immer einen Totenkopf in meiner Bibliothek. Und dieser sieht ziemlich echt aus. Auf der anderen Seite wieder denke ich, ein Plastik-Totenkopf ist auch etwas merkwuerdig. Vielleicht koennte man doch irgendwo einen echten finden. Einen echten neben einen "made in China": da ist klar, welchem ich den Vorzug gaebe. Allerdings wuerde ich wohl den echten nicht mit dem Unterkiefer bekommen. Das waere ein Manko. Ich meine, ich koennte - nach meinem 10. Whisky oder so - nicht mal mit ihm diskutieren, weil ihm die untere Haelfte des Mundes fehlte. Er waere sprachlos. Und was zum Teufel soll ich mit einem sprachlosen Totenkopf. Ich werde bis zum letzten Moment warten bis zum Entscheid. Ich muss ja auch an meine Familie denken. Sollte ich sie mit sowas schockieren?

Du siehst, Madeleine, ich habe viele Fragen zu loesen. Gott sei dank, kann ich sie mit Dir diskutieren, sonst kaeme ich da niemals durch.

Ich kuesse Dich
...

Sonntag, 23. September 2012

1. Kurstag




Ämne:  1. Kurstag
Datum: den 25 augusti 2003 01:10

Liebe Marlena
Ja, die Karolina Klueft, ich kenne sie zwar nicht, aber ich glaube, ich habe schon von ihr gehoert. Schoen, wie Du fuer sie Wind machst. Das finde ich echt patriotisch. Wenn ich den Namen hoere, dann stelle ich mir unter einer schwedischen Karolina ein engelhaftes, engelblondes beinahe fliegendes Wesen vor, fuer das es natuerlich keine Sache ist, im Weitsprung noch im letzten Versuch die Hoffnungen der Franzosen zunichte zu machen. Ich finde es immer schoen, wenn Leute von kleinen Nationen gewinnen. Small ist einfach beautiful, nicht wahr.

Ja, heute hat er Kurs angefangen. Wir sind ein internationales Gemisch. Da gibt es eine Tuerkin aus Istambul, sehr gut gekleidet und chique, ein Franzose, der aber in den Staaten lebt, ein Brite, der in London bei einer schweizerischen Bank arbeitet, eine Mexikanerin, die Taenzerin ist und voller Energie dasitzt, eine Venezuelanerin und daneben noch einige Amerikanerinnen und Amerikaner. Einer hat mir schon vorgerechnet, wie seine Vorfahren vor 400 Jahren aus der Schweiz ausgewandert sind. Er heisst Rosenthal. Und die andere Seite seien Russen. Nun habe ich in der Schweiz noch nie einen Rosenthal getroffen. Na ja, vielleicht eben, weil sie ausgewandert sind. Aber vielleicht denkt er auch, die Schweiz sei das suedlichste Bundesland hinter Bayern. Er lebt in Florida. Ich glaube, ich muss ihn naeher kennenlernen, ich wuerde gerne mal nach Florida. Dort haben sie keine Jahreszeiten, die Armen, und wissen nicht, was Schnee ist, die Alleraermsten. Der Brite spricht neben seinem feinen Akzent auch Deutsch und Franzoesisch. Das habe ich bisher nirgendwo gesehen bei einem Briten. Er ist ein bisschen scheu, auch das echt britisch. Die Amerikanerinnen scheinen mir die komischsten Wesen im Kurs. Die eine ist etwas unfoermig, dick aufgepudert. Die zweite wirkt asketisch tantenhaft. Und die dritte ist auch ziemlich rund und schaut grimmig in die Welt. Ich weiss nicht, was die Amis mit ihren Frauen machen. All die anderen, die ich aufgezaehlt habe, sind gut doppelt so sympathisch, wenn man sowas ueberhaupt quantitativ fassen kann. Unter den Maennern sind mindestens drei, vielleicht vier Juden. Einer traegt diese kleine Kappe und einer ist ein bisschen vorlaut, aber nicht ohne Witz. Kurz und gut, ich bin hier in eine echt internationale Sauce geraten. Und ich werde versuchen, das Beste draus zu machen, und natuerlich das Ansehen der Schweiz zu mehren, wie Du das ja mit Deiner Carolina auch tust. Ein bisschen Chauvinismus ist doch ganz gut, nicht wahr?

Heute habe ich nach dem Kurs noch rasch eingekauft. Ich habe meinen Gastgebern alle Knaeckebrote und den Kaffee aufgebraucht. So dachte ich, ich muesste Nachschub holen. Das ging ueberraschend gut. Ich habe sogar dieselben Wasa Brote gefunden. Und den Kaffee fuellt man in einen Sack und malt ihn dann an der Maschine. Ich glaube, das gibt es in der Schweiz nicht mehr. Bei uns kauft man bloss noch vakuumverpakten Kaffee. Nur an der Kasse hatte ich ein Foul begangen. Es gab zwei Kassen, und davor eine Schwarze, die wartete. Ich dachte, sie stehe vor der linken Kasse, und sobald die rechte frei war, ging ich hin. Aber Olala. Sie meinte, da gaebe es eine Queu (wie schreibt man das wieder?). Das hat mich doch sehr an England erinnert. Und dann habe ich gewartet, und ein Maedchen hat mir ueberholt, weil ich das System immer noch nicht begriff. Dann hat sie ihr Vater zurueckgepfiffen und mich vorgelassen. Das erinnert mich wirklich an England. Das hatte man uns vor unserem Ferienkurs in Bournemouth sehr eingeschaerft, wie man Schlange stehen soll. Sogar wenn man einziger ist, der wartet, soll man eine Schlange machen. Ich finde das ja auch eine sehr gute und faire Sache. In der Schweiz hat sich diese Gewohnheit etwas abgeschwaecht. Man wartet in Traubenform, also das Darwin-Prinzip. Und das gibt immer ein bisschen ein Gerangel. Und dabei sind die huebschen Frauen schwer im Vorteil. Das ist unfair, wo sie doch schon sonst ueberall Vorteile haben.

Und jetzt sitzte ich vor meinem Columbianischen Kaffee, nachdem jene Aerztin mir versichert hatte, Kolumbien exportiere erstklassigen Kaffee und erstklassige Drogen. Die Drogen versuche ich spaeter mal.
Gerade sind meine Gastgeber heimgekehrt. Wir hatten uns in Flushing Meadows verpasst. Aber das macht nichts. Es gab dort fuer meinen Geschmack zuviele Leute und Kinder. Und es war sehr heiss. Als ich wieder im eiskalten Kuehlschrank der Untergrund sass, war ich ganz erschoepft. Aber auf dem Rueckweg musste ich nicht mehr auf die Stationen achten, um nicht die meine zu verpassen, so konnte ich ein bisschen doesen. Neben mir sass eine suedamerikanische Familie mit einem suessen Maedchen. Die Mutter und ihre Schwester waren sehr breit. Es ist erstaunlich, zu was sich eine solch suesse Kreatur spaeter entwickeln kann. Na ja, die Suedamerikaner neigen etwas zur Korpulenz, zumal sie alle etwas klein sind.

Und jetzt wuensche ich Dir eine schoene Woche. Bei uns ist jetzt erst Sonntag Abend. Ich weiss noch nicht, was ich heute abend tun soll. Vielleicht gehe ich hier nach St. Marks, da ist viel los. Aber es ist eher fuer junge Leute, die sich kennen und treffen, nicht fuer alte Intellektuelle, die bloss zuschauen.
Ich wuensche dir eine gute Zeit
Mit lieben Kruessen
...

Samstag, 22. September 2012

Re: 5. Avenue

Ämne: Sonntag abend..
Datum: den 24 augusti 2003 22:33

Lieber ...,
Es ist Sonntagabend und ich bin wieder allein. Habe gerade nochmals deine beiden letzten Mails durchgelesen und genossen. Du bist im Moment ganz unwiderstehlich. Nie habe ich dich so frei und unbeschwert erlebt. Und natürlich musste ich auch lachen. Sehe dich vor mir "cool und gelangweilt" in einem dieser riesigen Fauteuils eines Hotel-Lobbys, wo du dann noch dazu einschläfst..
Aber du musst ziemlich gepflegt ausgesehen haben denke ich, sonst hätte man vielleicht doch reagiert.

Ach .., du schilderst Dinge, wie sonst niemand das tun kann und somit lässt du mich doppelt leben. Das habe ich heute wieder gemerkt, als ich im Wald Preiselbeeren pflücken war. Ich liebe es  im Wald zu sein. Es riecht so herrlich und die Luft ist erfrischend. Man spürt fast wie wohltuend sie ist. Und dort, umgeben von Preiselbeerkraut mit herrlich rot leuchtenden Beeren (man möchte fast glauben jemand hätte sie auf Hochglanz poliert) dachte ich plötzlich wie komisch es ist so ganz in der Natur zu sein und sich gleichzeitig in einer grossen Weltstadt zu befinden. Du machst mir das möglich, mein Liebling, und ich bin dir unendlich dankbar dafür.



Ach, ich habe doch nichts dagegen, dass du dir ein wenig Gesellschaft leistest dort in der Fremde. Aber ich bin eben ein bisschen eifersüchtig auf diese Person, die das Vergnügen hatte von dir in einem Museum unterhalten zu werden. Deine Definition von Impressionismus und Expressionismus finde ich übirgens sehr gut. Es ist wirklich so, wie du sagst. Ich werde nie meinen ersten Kontakt mit den Impressionisten vergessen. Es war im Jeu de Paume in Paris. Ich war 19 Jahre alt und hatte nicht allzugrosse Erfahrung von Kunst. Und dann stand ich da plötzlich vor einem Bild von Monet und war wie verhext davon. Wie du so richtig sagst: das Bild "zieht dich in sich hinein" und ich musste mich mit Gewalt losreissen. So war es damals. Auch dieses "der Expressionismus springt dich an" finde ich gut formuliert. Wir könnten uns lange darüber unterhalten. Schau mal hier, was Monet einmal gesagt hat:
"Everyone discusses (my work) and pretends to understand, as if it were necessary to understand, when it is simply necessary to love."
*
Heute bin ich früh aufgestanden und habe in Ruhe meinen Morgenkaffee getrunken. Und dann habe ich dein schönes Mail gefunden. Ich war so erschöpft von deinen Strapatzen, dass ich nochmals unter die Decke geschlüpft bin um mich nach dieser Körperanstregung auszuruhen. ;-)
Dann später habe ich das Gras gemäht hinter dem Haus. Noch gegen Mittag war es ganz feucht von Tau aber ich habe mich durchgequält. War ganz zufrieden mit meiner Heldentat. *s* Und ich habe auch den ganzen Tag hindurch (mit so 4 Stunden Intervallen) die dramatischen Sportsendungen von den Weltmeisterschaften in Paris angeschaut. Immerzu, wenn unsere kleine Caroline Klüft wieder dran war. Sie ist Weltmeisterin in 7-kampf geworden, obwohl sie kaum 20 Jahre alt ist und ich glaube sie ist auch der Liebling der ganzen Welt geworden mit ihrem natürlichen Charme und ihrer Freude. Sicher wirst du ihr Bild auf allen Zeitungen sehen können. Besonders der Weitsprung war äusserst dramatisch, weil sie die ersten zwei Sprünge über das Brett getreten war und hätte sie das beim letzten Sprung auch getan wäre sie rausgefallen. Ich glaube die ganze Sportwelt hat den Atem angehalten in diesem Augenblick. Die Franzosen waren wohl zuerst nicht besonders froh über ihre Erfolge, weil eine Französin klare Favoritin zur Goldmedaille war aber Karolina hat mit ihrem fröhlichen Charme auch ihre Herzen gewonnen. Tja, du siehst was du verpasst hast.. ;-))
*
Ich muss noch etwas vorbereiten für morgen. So lasse ich dich nun und wünsche dir einen interessanten ersten Kurstag.
Bleib mir treu im Herzen, mein lieber Mausfreund.
Je t'embrasse,
Marlena
...

Freitag, 21. September 2012

5. Avenue


Ämne:  5. Avenue
Datum: den 24 augusti 2003 03:39


Liebe Marlena
Heute habe ich mir die 5. Avenue drangenommen und von der 42. Strasse bis hinauf zum Central Park mit eigener Zunge gewischt. Es war warm. Aber es herrschte auch irgendwie Wochenendstimmung. Die Leute waren besser gekleidet als an Wochentagen. Und die Laeden voll. Ich habe mir ein kleines Kitsch-Souvenir gekauft. Aber ich bin nicht soweit gegangen, jenes zu waehlen in der Glaskugel, das, wenn du schuettelst, Schnee aufwirbelt. Die 5. Avenue ist eine der schickeren Strassen. Es gibt viele Kleiderlaeden, und ich bin sogar - was ich sonst kaum in meinem Leben tue - hineingegangen und habe geschaut, was es so gibt. Es gibt jede Menge Jeans. Und jene, die schon 5 Jahre alt und verbraucht aussehen, die sind die teuersten. Frueher, zu unserer Jugendzeit, hatte man gesagt, man soll die neuen Jeans anziehen und damit in die Badewanne mit Kaltwasser steigen, um sie schliesslich am Koerper wieder trocknen zu lassen. So wuerden sie am besten sitzen, behaupteten Kenner der Materie. Aber was damals "sitzen" hiess, ist wohl heute ziemlich locker.
In einem italienischen Lokal habe ich eine Pizza gegessen, die echt gut war. Na ja, vielleicht hat mein Hunger noch einiges dazu getan. Aber ich hatte wirklich den Eindruck, sie sei ausgezeichnet. Und fuer diese Gegend auch nicht teuer. Wenn ich nochmals in diese Gegend komme, werde ich noch eine versuchen. Sie haben verschiedene Sorten, mit Spinat, Broccoli, Tomate, Pilzen. Und irgendwie schaffen sie es, dass diese Zutaten obendrauf ganz frisch wirken, nicht wirklich ausgebacken und trocken. Das macht es saftig und locker. Also, einfach exzellent. Man koennte dazu "Santa Lucia ... " singen.
Als ich dann um 6 p.m. ungefaehr wieder bei der Central Station war, war ich totmuede. So bin ich in die Empfangshalle des grossen Hyatt Hotells und habe mich in einen dieser weichen Plueschsessel fallen lassen. Man muss einfach etwas cool und gelangweilt in die Welt schauen, dann kann man sowas tun. Ich habe sogar die Fuesse auf das kleine Tischchen gelegt, um echt amerikanisch und etwas ungehalten auszuschauen, eben wie jemand, den man viel zu lange warten laesst. Ich glaube, ich habe ein kleines Nickerchen gemacht in allerbester Atmosphaere. Und dann habe ich eine Ecke der Halle gezeichnet und mein Tagebuch etwas nachgefuehrt. Unterdessen hatte sich rund um mich eine Runde von Schwarzen niedergelassen, die sich fuer den Ausgang verabredet hatten. Sie waren alle nett angezogen und in bester und irgendwie hungriger Stimmung. Ich glaube, man sollte sich diese Hotel-Lobbies einfach im Hinterkopf merken. Man kann dort sehr gut Treffpunkte abmachen, denn sie sind 1. eindeutig, 2. vor allfaelligem Regen geschuetzt, 3. ohne Konsumzwang, 4. gute Adressen, 5. huebsch zurecht gemacht und gepflegt sowie 6. eben fuer solche Dinge wie Treffen und Verabredungen gemacht. Wenn wir uns mal irgendwie und irgendwo im Leben treffen sollten, dann - meine liebe marlena - wird es in einer Hotel-Lobbz sein, darauf kannst Du Gift nehmen. Es ist einfach kein Vergleich zu einer windigen Strassenecke. Und ich bin ueberzeugt, die Hotels haben absolut nichts dagegen. Sie wuerden sich eher Sorgen machen, wenn ihre Lobbies leer blieben.
Als ich dann wieder etwas Kraft in den Beinen hatte, bin ich noch nach Osten zur UNO gepilgert. Das war ich S. schuldig. Schliesslich hatte sie mal bei dieser Bude gearbeitet, und ebenso ihr Vater. Ich glaube, es war damals im Iran ein erstklassiger Arbeitgeber. S. hatte fuer ihr Alter einen riesigen Lohn. Und eine Rente in Dollars, wie das mein Schwiegervater hatte, und die Schwiegermutter heute noch geniest, das ist bei den Inflationsraten des Rials ein Geschenk des Himmels. Doch das UNO Gebaeude lag im Wochenend-Schlaf. Keine Fahnen, ausser die blaue Unoflagge. Vielleicht haben sie die Fahnen auch zur Trauer zurueckgenommen. Das weiss ich nicht. Das lustigste war, dass ein Bettler, ein Penner, ein homeless - wie sie hier sagen - mit einem Waegelchen und einem riesigen schwarzen Plastiksack ueber die Strasse kam. Du lachst, aber er sah wirklich aus wie Kofi Annan, wenn er morgens noch ungewaschen und ungekaemmt aus dem Bett steigt. Ich musste lachen, als ich den Kerl sah.

Und so habe ich auch meinen 5. Tag hinter mir. Die Zeit fliegt . Aber ich merke auch, dass ich etwas schneller muede werde als am Anfang. Deshalb ist es gut, wenn der Kurs beginnt. So kann ich mich richtig ausruhen. Das hoert sich vielleicht komisch an. Aber Trance-Kurse sind die einzigen, die ich kenne, die so entspannend und beruhigend sind. Deshalb bin ich ja schliesslich - unter anderem - nach N.Y. gejetet. Ich bin gespannt, welche Art von Leuten sich im Kurs zeigen werden. ich weiss nur von der Kollegin aus Genf, die kommen wird. Wir haben uns geschworen, wir wuerden Europa bis auf den letzten Tropfen Blut verteidigen. Und das tun wir fur Euch dort drueben, hinter dem Ozean.
Ich wuensche Dir ein gutes Wochenende. Es freut mich zu hoeren, dass Du wieder im Element bist und das Du es geniesst. So soll Arbeit sein: Spass machen. Na ja, zumindest mehrheitlich.
Mit lieben Gruessen und so
...

Re: Jalouse


Ämne: Re: Jalouse..
Datum: den 23 augusti 2003 14:39

Ma chere jalouse
ja, es ist schoen zu reisen und neue Dinge zu sehen. Aber ich merke schon, dass ich gleichzeitig anfange zu schaetzen, was ich zuhause habe: die Familie, eine gute Frau, meine Zeitungen, einen vernuenftigen Kaffee, die Buecher, die Stadt Basel, der Club ... na ja, alles so, was zum normalen Alltag gehoert.

Man macht auch irgendwie viel leichter Kontakt in der Fremde. Einfach zwei ein bisschen ratlose Touristen in einer Millionenstadt von Einheimischen, das verbindet. Es ist dann ganz einfach, ein Gespraech zu beginnen und man gelangt sehr schnell bis zur persoenlichen und familiaeren Situation. Es ist noch fast so, wie es war, als wir 20 waren. Man ist irgendwie befluegelt von all den Eindruecken und neuen Situationen, dass man "ueber den eigenen Schatten springt" (eigentlich eine sehr schoene, deutsche Redeweise!). Siehst Du, ich fange sogar an das Deutsch zu geniessen. Ich kann mich erinnern an jene Zeit, als ich als Gymnasiast in England war. Ich glaube, das waren 2 oder 3 Monate. Ich hatte mir dort meine erste Pfeife gekauft, habe mich auf Tennisplaetzen herumgetrieben, einfach, weil ich diese spezielle Atmosphaere mochte und habe mir die Weltwoche gekauft (eine Wochenzeitung aus der Schweiz; A. hat jetzt angefangen, sie zu lesen, wie ich kuerzlich feststellte). Nie in meinem Leben habe ich mit soviel Interesse und mit Genuss Zeitung gelesen.

Im Moment ist kurz nach 7 Uhr samstag Morgen. Ich glaube nicht, dass die New Yorker schon auf sind. Es ist hier alles noch still. Die Nachbarin hat noch kein Licht in der Kueche. Und hier, wo ich zum naechsten Haus hinueber sehe, ist auch keine Seele auszumachen. Ich habe mir, wie jeden Morgen, zwei Eier gekocht. Etwa 4 Minuten plus/minus 5. Darauf streiche ich mir dann etwas Butter und streue Salz. Das schmeckt perfekt und ist leicht zu machen. Und nachher braue ich mir einen Kaffee. B. hat diesen Kaffeekocher aus Metall, wo man unten Wasser und oben, ueber dem Filter, den Kaffee hineinschuettet und dann verschraubt. Das ist immer noch eines der besten Systeme, wenn man nicht zuhause an die eigene Maschine herankommt. Das ist mein daily breakfast und es gibt einen guten Boden im Magen. Damit kann ich dann aushalten bis 3 p.m., wenn es sein muss.

Times Square ist wirklich wie ein elektrisierter Ort. Diese Lichtreklamen, die ich sonst nirgendwo in solch grosser Konzentration gesehen habe, machen, dass sich diese Kulisse rundum in Bewegung haelt. Und weil die Strassenkreuzung in X-Form verlaeuft, ist gleichzeitig viel Verkehr auf dem Platz. Besonders abends mit den Schlusslichtern der Fahrzeuge wird das deutlich. Es gibt dort ein Hotel Marriot oder aehnlich genannt. Die haben im 48. Stock ein Restaurant. Ich bin mit dem Expresslift hochgeduest und habe mir die Aussicht auf Manhattan kurz angeschaut. Aber die Sonne war schon vorbei. So wirkte alles etwas blass und dunstig. Man sollte bei klarem Sonnenschein dort oben einen dry Martini trinken. Aber das Liftszstem des Hochhauses ist phaenomenal. Du kannst Dir das Haus vorstellen wie eine hohe Kartonschachtel. Mitten drin steht ein Rohr. Dieses traegt die Lifts. Aber sie sind wie ein Kranz ausserhalb des Rohrs, gut sichtbar, angebracht. Sie sind wie kleine Kaeseglocken, die im Eiltempo hoch- und herunterfahren. Und wenn man im Lift steht, faehrt man an den Stockwerken vorbei, die wie Galerien nach innen offen oder verglast sind. Da gab es etwa im 12. Stock ein Fitnesscenter. Irgendwo ein Restaurant und so weiter. Und du faehrst wie in einer Rakete daran vorbei in die Hoehe und kannst alles sehen. Das Konzept ist wirklich gut ausgedacht.

Wo ich hier wohne, ist ein spezielles Quartier. Es wirkt geradezu doerflich, und heisst ja auch East Village. Frueher muessen hier Deutsche und Hollaender gesiedelt haben, wenn man die Haeuser beurteilt. Die Strasse ist gesaeumt mit Baeumen. Und es gibt viele kleine Laeden und Restraurants. Abends ist hier ein Ameisenhaufen, vielleicht eine Strasse weiter noch mehr als hier. Meine Gastgeber gehen jeden Abend in die Bar. Es gibt offenbar um 5p.m. eine sogenannte happy hour. Dann sind die Preise auf 50% reduziert. Das ist natuerlich raffinierte Geschaeftspolitik. Viele werden haengen bleiben bis morgens um 3. Aber meine Leute gehen um 10 p.m. und kommen dann erst nach Mitternacht wieder heim. Sowas kann ich mir natuerlich nicht erlauben. Aber es ist fuer mich auch nicht so attraktiv. Die Bar ist wirklich kuehl, sogar windig wuerde man sagen. Und die Musik ist laut. Es ist lustig, wenn man Leute kennt und diskutieren kann. Aber man muss dabei natuerlich ziemlich schreien.
Habe ich Dir erzaehlt, dass die Amis hier ein merkwuerdiges System haben. Man darf beispielsweise nicht Alkohol trinken auf der Strasse. Und man darf nicht rauchen in einer Bar. Wenn Du also europaeisch deinen Suenden nachkommen willst, dann musst du staendig pendeln zwischen Rauchen und Trinken. Das macht Dich atemlos. Noch schlimmer, wenn Du draussen auf dem Gehsteig an einem Tisch des Restaurants sitzt. Was tust du jetzt? Rauchen oder trinken oder beides, oder vielleicht keines? Die Behoerden haben in ihrer unerforschlichen Weisheit beschlossen, dass man in einem solchen Fall wohl trinken (obwohl draussen), aber nicht rauchen (obwohl nicht drinnen) darf. Man kann echt in Not kommen in diesem Land der unbegrenzten Moeglichkeiten!

Der Amerikaner, den ich gestern mit Frau und Tochter im Metropolitan Museum getroffen hatte, klang sehr patriotisch. Er hatte eine Idee von Amerika als einer Art Weltdoktor, der unseren Planeten von allen Geschwueren und Krankheiten zu heilen hat. Zu hohen Kosten, notabene. Es klang irgendwie alles mit karitativem Unterton. Es ist vielleicht so, wie die Katholiken frueher die Welt missioniert haben, um das Seelenheil der Menschen zu retten. Die Amis denken, sie bringen uns wirklich nur Gutes. In einem einzigen Punkt waren wir uns sehr einig. In der Tatsache naemlich, dass ein guter Staat einen grossen Mittelstand braucht. Wenn es nur Arme und nur Reiche gibt, laeuft es auf einen Krieg zwischen den beiden Klassen hinaus. Aber der Mittelstand ist das tragende Element des buergerlichen Staates. Damit hat er mich mit einer sehr schweizerischen Idee getroffen.
Er hat mir auch einiges von Frank Loyid Wright erzaehlt. Offenbar ist in der Naehe seines Wohnortes (ich erinnere mich nicht mehr, woher er kam) dieses beruehmte Haus on the waterfall von Wright. Er war ein bisschen irritiert, dass ich das Haus schon kannte. In meinen Architekturjahren hatte ich natuerlich einige Bilder davon gesehen. Und im Metropolitan Museum gab es einen Raum, der von Wright eingerichtet worden war. Deshalb sage ich, dass dieses Museum fuer uns Europaer etwas unordentlich wirkt: es gibt neben Rubens-Bilder einen Wohnraum eines beinahe zeitgenoessischen Architekten. Es gab auch viele Moebel und Dinge, die wir eher in einem Voelkerkundemuseum unterbringen wuerden. Es gab zahlreiche alte Ruestungen aus dem Mittelalter, Objekte fuer Rituale in fremden Kulturen.,und daneben Statuen von Rodin. Die beruehmten "Buerger von Calais", die auch in Basel im Hof des Kunstmuseums stehen, standen auch hier mit ihren tragischen Gesten. Wer hat da wohl von wem geklaut :--)? Ich habe keine Ahnung, wieviele Kopien es davon gibt. Wahrscheinlich schon einige. Es gab einige schoene Bilder von Pisarro. Dabei habe ich an Dich gedacht. Es gibt nicht viele Personen, die ich kenne, und die gleichzeitig Pisarro kennen. Wir sind sozusagen seine gemeinsamen Bekannten. Weisst Du, was an Pisarro besonders ist? Seine Palette ist so unaggressiv, so milde und ein klein bisschen mystisch. Er wirkt durch seine Bilder wie ein aelterer, abgeklaerter Herr., der der Welt Frieden und Ruhe bringen moechte. Und das war er auch unter den Impressionisten. Er hatte in seiner Diskretheit einen grossen Einfluss auf viele seiner Malerkollegen. Ich glaube, er hat Monet zum Impressionismus bewegt. Und das ist doch eine kunsthistorische Tat, die man nicht unterschaetzen darf. Ich fuele mich ihm ein bisschen verwandt. Und dann gab es noch zwei oder drei Sisleys. Sie sind immer schoen und harmonisch. Er steht Pisarro sehr nahe. Seine Palette ist ein bisschen heller und unbeschwerter. Wir haben gelacht bei einer kleinen Skulptur von Degas. Sie stellte eine Frau dar, die sich einen Fuss waescht. Na ja, irgendwie hat es gewirkt, als ob sie sich an der Fusssohle kratzen muss. Dabei ist sie auf einem Bein frei gestanden, hat mit dem anderen Arm ausbalanciert. Es war eine lustige Pose, aber sehr gut erfasst. Der nach innen gewoelbte Ruecken mit den hervorstehenden Schulterblaettern, das Rueckgrat, das in einem leichten Bogen zum Po fuehrte, dort aber eine eine verstaerkte Kruemmung die eine Anstrengung signalisierte, weil die Figur ja mit dem Arm ihren Fuss zu erreichen hatte, so dass das Becken rechts etwas hervorstand, und dann die Gewichtsverteilung auf bloss einem Bein, das war alles meisterhaft. Es sah so leicht und ein bisschen komisch aus, aber es war genial, denn die Pose war ungeheuer schwierig zu modellieren. Degas war ein Meister der Damentoilette. Man koennte denken, er waere als Kind der Chefin eines Beauty-Salons aufgewachsen. Aber man sieht auch, dass die Frauen, die er sich vornimmt, nicht von hoher sozialer Klasse sind, manchmal eher einfache und etwas einfaeltige Geschoepfe.

Soweit meine Impressionen. Nebenbei: ich hatte versucht, meiner Begleiterin die Begriffe Impressionismus und Expressionismus zu erklaeren. Soll ich Dir sagen, wie ich es versucht habe? Na ja, ich kann das nur, soweit ich es selbst begreife. Dem Impressionismus liegt ein sinnliches Konzept der Wahrnehmung zugrunde. Ich habe kuerzlich einen Artikel (NZZ) gelesen ueber die physioligische Forschung von Helmholtz in Deutschland und das Wahrnehmungsverstaendnis der Impressionisten. Also: Impressionismus ist sinnlich, Expressionismus ist gedanklich. Oder wenn man vor dem Bild steht: ein impressionistisches Bild zieht dich als Betrachter in sich hinein, ein expressionistisches Bild springt dich an.

Soweit meine meine Impressionen.
Ich gehe jetzt duschen und dann nichts wie los.
Und wuensche Dir ein schoenes Wochenende.
Mit Gs und Ks a la carte

Jalouse


Ämne: Jalouse..
Datum: den 23 augusti 2003 11:38


Lieber ..,
Endlich Wochenende. Die Sonne scheint und ich bin mit dem Leben ganz zufrieden. Vielleicht abgesehen davon, dass mein geliebter Mausfreund mir von seinen Flirts erzählt..
Es ist richtig schön wieder in Gang zu sein. Ich glaube du hast ganz Recht in deiner Schilderung des "nach dem Berufsleben". Aber ich denke, vielleicht werde ich mich dann retten indem ich anfange zu reisen. Spiele mit dem Gedanken mich für einige Zeit (ein paar Wochen) hier und da einzukvartieren. Wien, Paris.. und zuguterletzt natürlich Rom, die Stadt in die ich mich mein Leben lang gesehnt habe.
*
Du hast es schön und interessant dort drüben. Das freut mich sehr. Und ich lese mit grossem Interesse deine Erlebnisse.
Muss mich leider etwas kurz fassen. Vielleicht komme ich später heute nochmals an den PC.

Mit einem "à la carte". Wie? Nun ja, das gibt sich ganz von selbst. Es ist nicht begrenzt.
Ach, mein lieber Mausfreund, was tun wir da wieder gegen unsere §§§.

Aber zum Teufel damit..
G+K
Marlena

Im Metropolitan Museum


Ämne: Im Metropolitan
Datum: den 23 augusti 2003 02:12



Liebe Marlena
Also ich bitte Dich! Du offerierst mir einen Kuss mit Sortenwahl. Aber ich weiss nicht, welche Sorten Deine Firma fuehrt. Du musst so etwas wie ein Menue zusammenstellen, damit ich a la carte vorgehen kann. Du weisst schon, wie ich meine!

Heute war ich also im Metropolitan Museum. Dazu habe ich sogar mein Jacket mitgenommen. Ich dachte, es wuerde heute regnen und die AC sei bestimmt ziemlich kalt. Zuerst bin ich noch rasch beim NLP Institut vorbeigegangen, damit ich dann am Sonntag, dem ersten Kurstag, morgens nicht lange suchen muss. Doch die Arbeit beginnt jeweils erst um 10 a.m. In der Untergrund habe ich dann eine Kolumbanerin getroffen, die auch sehr eifrig in den Plaenen und Reisefuehrer geblaettert hat. So haben wir ein Team/Work gemacht. Sie wollte eigentlich nur in den Central Park. Ich habe sie dann zur Met ueberredet. So haben wir die amerikanischen Impressionisten angeschaut. Aber ich war ein bisschen enttaeuscht: es gab nicht so viele. Ich hatte mal in einer Ausstellung in Lugano mehr davon gesehen. Aber es war ganz passabel. Und sie hatten viele und ausgezeichnete Stuecke von Courbet. Und von Degas gab es jede Menge Skulpturen mit Frauen, die sich waschen, kaemmen, buersten und schaben. Man koennte damit ein halbe Badeanstalt fuellen. Meine Begleiterin liebte van Gogh. So sind wir auch ein bisschen dem armen Vincent. Es gibt dieses Bild einer aelteren Dame aus Arles. Na ja, ich glaube, es gibt mehrere Versionen. Aber eins war da. Kuerzlich hatte ich in Basel bei Beyeler ein anderes davon gesehen. Es ist ein schoenes und eindrueckliches Bild. Aber an der Vorliebe fuer van Gogh konnte ich sehen, dass sie nicht soviel von Bildern weiss und kennt. Aber sonst war es sehr unterhaltsam, wieder mal mit jemandem zu plaudern und zu scherzen. Die letzten zwei Tage war ich mehr oder weniger allein unterwegs. Sie ist Aerztin und gerade daran, ihre Spezialisierung zu machen. Sie will sich fuer Augenaerztin entscheiden, wie schon ihr Vater und ihr Bruder es sind. Und so hat sie natuerlich auf meinen Wunsch gleich eine Nachkontrolle an meinen Augen gemacht. Ich glaube, sie war zufrieden mit der Heilung meiner Wunden. Es ist lustig: sie ist 30, sieht aber aus wie 20. Anfangs hatte ich ein bisschen Bedenken, weil ich dachte, ich koenne doch nicht mit einem solch jungen Ding herumziehen. Wir haben festgestellt, dass ich so alt bin wie ihr Vater, und haben uns sozusagen fuer ein Vater-Tochter-Verhaeltnis entschieden. Ich habe einiges erzaehlt von den vielen Dingen, die ich in den letzten 20 Jahren ueber Malerei und Maler gelesen und gelernt hatte. Und sogar mein Jacket konnten wir gebrauchen, weil sie in dem sibirischen Klima mit der Zeit etwas froestelte. Ich habe, wie es sich gehoert, in diesen nordischen Winden tapfer ausgehalten. Sie musste dann gehen, weil ihre Freundin - bei der sie wohnt - anrief und schon von der Arbeit heimgekehrt war.
Ich hatte noch ein laengeres Gespraech mit einem Amerikaner, einem pensionierten Lehrer der High School (Erdkunde) Er wusste, wo die Schweiz liegt und konstatierte mit Bewunderung, dass wir ueberall Seen haetten. Na ja, ich habe ihm nicht widersprochen. Er empfahl mir, auf das Dach des Museums zu gehen, um den Blick ueber den Central Park und die Skyline zu geniessen. Das habe ich dann auch noch getan. Wir haben uns sogar ein bisschen in die Politik vorgewagt. Ich sprach von einem gewissen Misstrauen der Europaer gegen[ber der amerikansichen Politik. Aber er begriff nicht, was ich meinte. Er stellte fest, dass die Europaer endlich ihre Hausaufgaben machen sollten. Die Amerikaner schickten soviel Geld in die Turkei, nach Israel. Also sollten wir doch dort endlich fuer Frieden sorgen! Gut, dass bald danach seine Tochter und seine Frau aufgestanden sind, um ihm zu bedeuten, dass sie sich nun genuegend ausgeruht hatten.
Das war mein Programm. Jetzt gehe ich bald ins Bett. Meine Gastgeber sind fuers Wochenende weg. Ich huete sozusagen. Ich koennte mit der alten Dame aus Puerto Rico nebenan eine wilde Party machen!
Ich wuensche Dir ein feines Wochenende.
Mit lieben Gruessen und ... Du weisst schon, a la carte
...
Heute bin ich etwas frueher nach Hause gekehrt, denn gestern war es spaet geworden, und meine Knie waren etwas weich. Ich habe am Union Square eine Serie Fruehstueckseier gekauft, nachdem ich hier meinen Gastgebern alle weggegessen hatte. Und jetzt bin ich, nach einer erfrischenden Dusche, hier am PC.


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Donnerstag, 20. September 2012

Mittwoch, 19. September 2012

New York - 3. Tag


Ämne: Re: 3. Tag
Datum: den 22 augusti 2003 07:40

Liebe Marlena
Heute hatte ich mir Midtown vorgenommen. Ich bin zu Fuss bis hinauf zur Grand General Station gepilgert. Auf dem Weg gab es einige Kleinigkeiten wie das Flatironhaus, das man immer wieder abgebildet sieht, den Washington Square Park, wo der alte George auf einem Gaul sitzt und locker-laessig die rechte Hand ausstreckt, um den nachkommenden Generationen den Weg zu weisen. Er macht es - das wollen wir nicht unterschlagen - ein wenig Marc Aurel auf dem Kapitol in Rom nach. Der Union Square scheint das Billighotel der Stadt. Es gibt auf den langen Bankreihen jede Menge Penner, die noch nicht alle so frue Tagwache haben. Oft haben sie ihre ganze Habe in Plastiksaecken rund um die Beine stationiert, was wahrscheinlich auch hilft, das Terrain abzustecken. Aber Penner, die wirklich was auf sich geben, schlafen nicht hier, sondern in der Park Avenue. Die hat ein anderes Niveau. Der kleine Gramercz Park war mit einem eisernen Gelaender umgeben und noch geschlossen. Offenbar koennen die Anlieger mit einem Schluessel eintreten. Zwei Damen haben dort ihren Morgenkaffee getrunken. Und rundum haben die Hoernchen gespielt und sind uebermuetig herumgetollt. Es ist lustig, sie ziehen den Schwanz steif hinter sich her wie eine Schleppe, die sie knapp ueber den ungeschnittenen Rasen schweben lassen. Sie sehen eigentlich aus wie unsere Eichhoernchen. Nur die Schwaenze sind ein bisschen schlanker und ihre Farbe geht ins Grau. Am Rande des Madison Square Garden haben zwei Fensterputzer die hohen Scheiben im ersten Stock gereinigt. Das sah aus wie eine zirkusnummer. Die Stangen aus Aluminium haben sich gebogen, und immer mussten sie diese ueberlangen Dinger herunterkippen, um sie im Wasser zu spuelen. Die Grand Central Station habe ich mir ausgiebig angeschaut. Dort kommen die Vorortszuege zusammen und auch die Busse von Newark kommen hier an. Es gibt Laeden mit allen Koestlichkeiten, Kioske, Restaurants, Bars, Schuputzer und Refreshment Rooms. Auch die Polizei ist praesent, immer mindestens zu zweit, eine Patrouille mit Hund. Ich habe mir verkniffen, hier eine NY Times zu kaufen. Ich wollte mich nicht fuer Stunden beschaeftigen und damit ablenken. Dann bin ich nochmals in die Public Library, die ganz in der Naehe ist, und habe mich im Lesesaal fuer eine halbe Stunde abgekuehlt. Sie sind grosszuegig hier, machen nur eine Eingangskontrolle. Aber dann lassen sie dich gehen, wohin du willst. Nur, wenn du den Lesesaal verlaesst, schaut einer in die Tasche, ob Du den Schwarten Krieg und Frieden nicht doch mit eingepackt hast. Hinter der Bibliothek, die ueberigens gleich neben dem Eingang eine Statue von Sokrates zeigt, wie er im Nacken einer Sphynx sitzt und etwas ratlos ins Wasser des kleinen Brunnens vor sich stiert. BUT ABOVE ALL TRUTH BEARETH AWAY THE VICTORY. Der schoene Spruch stammt natuerlich noch aus der Gutenberg/Galaxy, aus jenen alten Zeiten, als Schriftliches sich noch als Wahrheitsquelle herausgestellt hatte. Das ist heute vorbei. Aber der etwas pathetische Spruch ist ganz schoen. Die Astors werden irgendwo in der Bibliothek verdankt. Offenbar haben sie viel Geld gestiftet. Der erste Astor ist aus Deutschland eingewandert, hatte zwar nicht als Tellerwaescher, sondern als Verkaeufer in einem Pelzgeschaeft gearbeitet und nach wenigen Jahren selbst ein Geschaeft gefuehrt, mit dem er dann zu seinen Millionen gekommen sein soll.
Auf dem Platz hinter der Bibliothek ist ein Konqert im Gange. Das gilt den vielen Bueroangestellten, die hier ihren Picknik nehmen und sich die blassen Wangen sonnen. Ich setze mich in den Schatten und zeichne ein bisschen, bis mich die Lust auf einen Kaffee zum Buchhaendler gegenueber lockt. Meist haben sie in einer Ecke des Ladens ein kleines Kaffee, wie das ja auch der Jaggy in Basel gemacht hat. Ich lese das Gratisblatt, das dort aufliegt, und schnuppere in einer Biografie ueber Susan Sontag. Sie habe an der Sorbonne Vorlesungen bei Simone de Beauvoir besucht. Spaeter wurde sie von einem Professor eingeladen, eine Vorlesung ueber Fotographie mitzuverfolgen. Doch das war wieder in Amerika. Sie ist ja wirklich ihr ganzes langes Leben von Europa beeinflusst geblieben und ihm treu geblieben. Ich erinnere mich, wie heftig sie sich gegen den Irak Krieg gewehrt hatte.
Im Trump Tower bin ich dann spaeter wieder in einen tiefen Sessel gesunken und habe mich eine gute halbe Stunde mit diversen Kleinigkeiten beschaeftigt. Das Trump Gebaeude ist luxurioes, mit goldenen Einfassungen ueberall und mit rotem Marmor. Eine Wand herunter rinnt ueber 3 Stoecke eine Wasserflaeche, die, weil einige Steine etwas hervorgesetzt sind, unruhig spritzt und nicht aufhoert, zu rauschen. Auch hier habe ich eine kleine Zeichnung gemacht. Das ist die einfachste Art, sich umzuschauen.
Kurz und gut, es war ein harter Tag und NY ist - unter uns gesagt - ein hartes Pflaster. Ich habe bestimmt 20 bis 30 km gemacht. Manchmal vergesse ich beinahe, dass es noch eine Subway gibt.
Morgen wird es regnen, wurde mir gesagt, und deshalb gehe ich in die Met. Sie liegt am Rande des Central Parks. Der wirkt ueberigens so lebendig und natuerlich, weil er rundum von den riesigen Haeusern so bedraengt ist. Die Luftaufnahmen zeigen das noch markanter.
Abends dann ein koreanisches Essen hier bei meinen Landlords. Hat gut geschmeckt. Eine nette Japanerin war dazu geladen, mit der ich mich sehr gut unterhalten habe. Sie hatte ein gutes Verstaendnis und hat jeweils blitzschnell verstanden. Das mag ich sehr. Sie ist Kunstschmiedin von Beruf und entwirft selbst Schmuck. Der hat mir nicht so sehr zugesagt, aber Schmuck ist ohnehin nicht meine Sache.
Ich wuensche Dir noch einen guten Abschluss der ersten Woche
und kuesse Dich aus den Fernen Landen.
Mit lieben Gruessen
...

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Schon dunkel ..



Ämne: Schon dunkel..
Datum: den 21 augusti 2003 21:46

Liebster Mausfreund,
Ich bin immer erstaunt, wenn ein Mail von dir in der Inbox liegt. Hatte geglaubt, dass ich lange ganz ohne Lebenszeichen von dir auskommen müsste. Und so freue ich mich riesig wenn ich deinen Namen sehe.
So viele neue Eindrücke kann man wohl garnicht auf einmal schmelzen. Wie war es übrigens in Chinatown? Und wo hast du den Fisch gegessen? War es so gut wie du gehofft hattest?

Hier gibt es viel Ärger und ich bin froh, dass du meine Gedanken ein wenig davon ablenkst. Und daneben habe ich so viel, was ich tun sollte. Auto zur Kontrolle (hab noch nicht einmal Zeit gebucht) dann der Ventilator (hab noch nicht angerufen und bestellt), am Montag wieder ein Termin beim Arzt.. Und viel Berufliches mit mehreren neuen Klassen, was immer etwas extra Energie verlangt. So bin ich abends meistens sehr müde.

Ich denke du liest die NZZ auch dort in Amerika und weisst was in der Welt passiert. Es ist schrecklich mit dem Attentat auf das Gebäude der Vereinten Nationen in Bagdad.

Hier sind nun bald die Euro-wahlen und die Diskussionen werden immer hitziger. Die Nein-sager sind immer noch in starker majorität aber die anderen gewinnen zur Zeit etwas Terrain. Nun ja, wir werden sehen. Wie man bettet so liegt man. Das Volk wird mit dem Wahlausgang leben müssen, wie es auch wird.
Und wir haben gerade Sauerheringspremiäre gehabt. Eine Surströmmingsakademie untersucht im Moment die verschiedenen Fabrikate des Jahres und man stellt fest, dass die günstigen Voraussetzungen in diesem Jahr eine ungewöhnlich hohe Qualität bei allen Sorten mit sich gebracht haben. Wie bei den Krebsen ist es bequem nicht selbst herausfinden zu müssen welche am besten schmecken, obwohl man sich nicht immer 100%-ig auf die Expertise verlassen muss.

Man merkt, dass der Sommer zu Ende geht. Es ist schon dunkel draussen und doch erst halbzehn Uhr. Tagsüber ist es noch sehr warm aber auch ziemlich windig. Mit anderen Worten herrlich frisch. Gut dass die grosse Hitzewelle vorüber ist, denn es wäre unmöglich bei solchen Temperaturen zu arbeiten.

Ich habe heute eine neue grosse Französischklasse zum ersten mal gehabt. Ich hatte zwei schwarze Schüler, die beide ausgezeichnet gut französisch sprachen und sicher den Kurs in kürzerer Zeit machen können. Und ich hatte ein gutes Gefühl nach der Stunde. Wie ein Pianist der ein neues Klavier getestet hat, das schöne Töne hervorbringt und auf dem es sich gut spielen lässt.

Ich habe eigentlich noch Arbeit für morgen. Aber ich werde früh aufstehen und damit beginnen.
Jetzt grüsse ich dich lieb und sage dir gute Nach. So viele Küsse kann ich doch garnicht annehmen. Deshalb gebe ich dir ein paar zurück. Komm... lass mich.. Ich wünsche du wärest hier..
S+U
Marlena

New York - 2. Tag


Ämne:  2. Tag
Datum: den 21 augusti 2003 03:02



Liebe Marlena
Doch, heute war ich in China Town, und auch in Little Italy und im Greenwich Village. Das sind die alten Quartiere, die manchmal fast deutsch oder hollaendisch wirken. Es sind diese grossen Backsteingebaeude mit den Metallleitern zur Seite. Daraus lassen sich natuerlich im Greenwich Village schoene Gallerien machen.
Ich war auch in einem Kaufhaus und habe das Angebot studiert. Sie arrangieren die Fruechte schoen, so dass einem das Wasser im Mund zusammenlaeuft. Bestimmt polieren sie jeden Apfel einzeln. Und die Tomaten tuermen sie neben den Orangeen, so dass man meint, es waeren Kaki. Bei den Gebaecken haben sie viel Undefinierbares. Und die Zuckerbeeren sind gleich neben den gedoerrten Fruechten, als ob das beides Fruechte waeren. Die Torten sind zum Weinen kitschig mit der gruenen oder blauen Dekoration. Am besten haben mir zwei Kuechengeraete gefallen: das eine ein Alleskoenner (Zapfenzieher, Zange fuer Drehverschluss und Zapfen) in exotischen Farben. Daneben eine Klemme fuer die Zahnpastatube, damit alles nach Vorne an die Front gedrueckt wird.
In eine Privatbibliothek haben sie mich nicht eingelassen. Darum bin ich dann nachmittags in die New York Public Library. Sie ist natuerlich riesig und hat viele kleine Unterbibliotheken, sog. Collections. Sie sind schon aufgemacht und mit noblen Moebeln umgeben. Und der Lesesaal ist gross, mit hohen Fenstern und Tischlampen mit goldenen Messingschirmen. Viele Arbeitsplaetze sind mit PC eingerichtet. Und natuerlich kontrollieren sie beim Eingang, ob du irgendwelche Bombem mitbringst. Doch die Schwarze hat nur halbherzig in meine Tasche geleuchtet.
Nachmittags bin ich ins Guggenheim und in den Central Parc gegangen. Und anschliessend bin ich beim Metropolitan Museum vorbeigegangen. Aber ich hatte zuwenig Geld im Sack und zuwenig Zeit im Nachmittag, um dort hineinzugehen. Vielleicht gehe ich spaeter mal.
Heute abend gehen wir also Fisch essen. Ich hoffe, es schmeckt. Ich habe mich deswegen fast den ganzen Tag zurueckgehalten.
Und Du bist bei der Arbeit. Das Feld hinter Eurem Haus sieht doch gar nicht so schlecht aus. Ich finde, es wirkt ziemlich malerisch. Das darf man doch den beiden Bruedern zugutehalten.
Ich schreibe Dir morgen mehr. Heute warten sie auf mich.
Liebe Gruesse und Kuesse
...

Dienstag, 18. September 2012

Down Town heute

(ungekürzt)
Ämne: Down Town heute
Datum: den 20 augusti 2003 06:05


Liebe Marlena
Na ja, wenn Odysseus einen Labtop gehabt haette, waere die Geschichte nicht halb so melodramatisch herausgekommen. Stelle Dir vor, wie die arme Penelope ihre Freier hingehalten hat, und das, obwohl sie nicht wusste, ob und wann er kommt. Es ist die ewige Geschichte der Hausfrau, die mit dem Nachtessen auf den Mann wartet, der einfach nicht von der Arbeit loskommt. Mit Labtop wuerde sie vielleicht doch herausbekommen, dass er drueben mit Circe in der Bar sitzt.
Ja, wir haben hier 6 Stunden Differenz. Aber mein Jetlag war eigentlich kaum spuerbar. Man hatte mir gesagt, ich solle viel trinken. Und das tue ich unablaessig, wenn ich hier bei meinen Bekannten bin. Und man soll am ersten Tag erst um Mitternacht ins Bett. Auch das habe ich getan. Wir haben gestern noch einen Spaziergang hier im East Village gemacht und die Bar besucht, die sie jeden Abend besuchen. Sie kennen dort viele Leute und bekommen die meisten Drinks gratis serviert, so dass sie bloss noch ein Trinkgeld bezahlen. Ich habe bis 24h durchgestanden, obwohl von der Air Condition her eine herbe Brise wehte. Und nachher hatte ich dann davon auch etwas Kopfweh. Aber die Muedigkeit war staerker.
Heute habe ich Down Town besucht. Das ist das Geldzentrum mit der Wallstreet, dem Ground Zero, dem Finance Center, also eigentlich der unterste Zipfel der Insel. Man sieht von dort schoen auf die Freiheitsstatue, die nicht muede wird, ihr Corne mit Softice hoch zu halten. Ich bin mit der Ferry nach Staten Island hinueber gefahren, um von dort eine schoene Sicht auf Manhattan zu haben. Es war so, wie man es auf den Fotos sieht. Sie brauchen kaum zu retouchieren - es sieht bei Sonnenuntergang einfach grandios aus. Und als guter Katholik habe ich auch die Trinity Church besucht, die gleich neben Ground Zero liegt. Sie ist ein neugotisches Kirchlein, wo wir Europaer sofort uns zuhause fuehlen. Und auch das Kirchlein ist wunderbar airconditioned. Und hinten, neben der Sakristei, gibt es auch Erfrischungsraeume fuer uns Glaeubige. Ich habe mich ins Gaestebuch eingeschrieben. Hinten, in der letzten Rubrik, wo man eine Mitteilung eintragen konnte, kam ich ein bisschen in Verlegenheit. Und so dachte ich, es wuerde einen sehr guten Eindruck machen, wenn ein Schweizer aus der Schweiz "God save America" hinschreibt. Ich hoffe, die Amis werden mir das nicht vergessen!
Es ist ziemlich warm in der Stadt, weil auch die Luft feucht ist. Wenn ich Schweiss im Ruecken spuere, dann suche ich eine von diesen riesigen Buchhandlungen. Sie sind nicht so kalt conditioned wie andere Raeumlichkeiten, wahrscheinlich, weil sonst die Buecher schimmeln wuerden. Bei angenehmer Fruelingstemperatur lese ich dann ein oder zwei Kapitel aus Tolstois Krieg und Frieden. Dann bin ich wieder auf Normaltemperatur. Es ist wirklich sehr angenehm. Und sie haben riesige Ledersessel, dass man sich wie zuhause fuehlt.
Im Finance Center habe ich einen Kaffee getrunken. Es gibt dort einen schoenen Wintergarten mit 16 Palmen. Der Starbucks Kaffe wurde mir in einem XL/Becher gereicht, gut ein Viertel Liter. Und dann stuelpen sie ueber den Becher so einen Deckel, damit man wie ein Baby daran saugen kann. In der Schweiz nennen wir sowas Schoppen. Ich musste das Gebraeu allerdings in einem kleinen Laboratorium gleich neben der Theke noch nachkorrigieren. Dazu habe ich reichlich Zucker und Milch beigegeben.
Es gibt viele schoene Frauen in NY. Der Grossteil sind Latinas, also wohl von Mittel/ und Suedamerika. Die Amerikanerinnen selbst sind nicht so besonders, meist unelegant und etwas massig. Aber ein paar sind dann, um den Duchschnitt zu heben, wirklich Klasse. Ich war abends noch rasch in den Central Park gefahren. Dort hat ein Zeichner mit Kohle eine junge Frau portraetiert. Und natuerlich hat sich hinter seinem Ruecken eine Traube gebildet. Ich glaube, es waren zwei Schwedinnen, die neben mir standen. Sie waren jung, huebsch und und unschuldig, also suess. Der Zeichner hat ueberigens seine Kohle mit dem Pinsel aufgetragen. Ich glaube, er mischt Kohlestaub mit einer Fluessigkeit, vielleicht Terpentin. Und dann kann er damit arbeiten wie mit Schuhwichse. Er hat das Gesicht gut getroffen, nach meinem Geschmack einfach zu sehr sich mit kleinen Nuancen und Details beschaeftigt. Aber die Leute moegen es ja, wenn das Bild fotoaehnlich rauskommt.
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, heute auch ab und zu ein bisschen zu zeichnen, oder skizzieren. Aber es gab soviel zu sehen, ich habe das schlicht vergessen. Und beim Sitzen war ich - wie gesagt - mit der Ueberdosis Kaffee beschaeftigt.
Morgen will ich die Villages besuchen: Greenwich Village, Eastern Village, SoHo. Das ist alles hier in der Naehe und bildet den mittleren Teil Manhattans. Hier gibt es keine hohen Gebaeude, sondern oft noch die alte Grundstruktur, also Backsteingebaeude mit diesen Eisentreppen und Feuerleitern, wie man sie in den Filmen sieht. Ueberigens erinnert mich die Strasse, in der ich wohne, an jene, die man gleich anfangs im Film Mrs Dalloway sieht. Und mein Gastgeber hat mir erzaehlt, dass diese 9th Street oft gesperrt bleibt, weil man Filme dreht. Die Polizei habe eine eigene Abteilung, die damit beschaeftigt ist.
*
Und Du bist buehnenhungrig, "schulgeil" wuerden wir hier - etwas grob - vielleicht sagen. Das zu hoeren hat mir gefallen. Das zeigt Deine Energie. Das ist "die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter", wuerde Handke es formulieren. Aber es ist doch gut, dass Du etwas zu tun hast, was Dich in Schuss haelt, nicht wahr? Du bist ja doch eine Vollblutlehrerin. Ich glaube, Du gehst in Deinem Beruf sehr gut auf. Und das weisst Du auch, obwohl es - wie in jedem Job - einiges zu beklagen und zu bemaengeln gibt.
*
So ist das doch ein ziemlich ausfuehrliches Mail geworden. Das hatte ich eigentlich nicht geplant. Aber meine Gastgeber sind auf Tour. Sie treffen sich mit ihren Freunden in den Bars. Und so sitze ich hier allein in Bs. Arbeitszimmer und trinke das Reservoir an Wasser im Kuehlschrank leer.
*
Ich wuensche Dir einen allerbesten Arbeitsanfang und eine gute Zeit.

Mit allerliebsten Gruessen aus der Ferne
...






Montag, 17. September 2012

19 augusti 09:07

Ämne: Re: still from far away..
Datum: den 19 augusti 2003 09:07


Lieber ...,
Ich bin ganz ohne Hoffnungen an den PC gegangen und war erstaunt und erfreut zwei mails von dir zu finden. Ach, du bist wirklich lieb. Wie wäre es gewesen wenn Odysseus einen Laptop mitgehabt hätte? ;-)
Es ist schön zu hören, dass du gut angekommen bist und schon deine ersten Eindrücke bekommen hast. Ja, genau das hat mich in Singers Buch überrascht. Wie diese riesige Weltstadt eigentlich ein mehrmillionendorf ist. Und nun verstehst du auch was ich meine, wenn ich sage dass man den Patriotismus etwas übertreiben oder lass mich sagen erlernen muss. Aus so vielen Nationen ein "wir" zu schaffen verlangt schon etwas Mühe.
---
Ich bin heute wie ein nervöses Pferd, das bald auf die Rennbahn muss. Oder eine Schauspielerin, die auf die Bühne soll. Aber ich weiss, dass dieses Gefühl sofort verschwindet wenn ich dann vor den Schülern stehe. Wenn ich schon von Bühne spreche, so habe ich gestern Moulin Rouge gesehen. Die Handlung war sehr banal und voraussehbar.. La Traviata oder die Kameliendame.. aber trotzdem hat es eine Dimension gehabt, die den Film sehenswert macht. Dann schaue ich mir noch einmal "Chocolat" an. Ein ganz anderer Film, mit viel Wärme und Charme. Kennst du den? Wie du siehst versuche ich so gut wie möglich meine Gedanken abzuleiten.
*
Und heute geht der Kurs wohl los bei dir? Aber im Moment schläfst du sicher noch, denn du liegst wohl zeitlich ungefähr 6 Stunden nach, oder?

Ich wünsche dir alles Gute und Schöne,
Mit lieben Grüssen
Marlena

Re: From far away..


den 19 augusti 2003 00:02
Re: From far away..


Meine liebe Penelope
Ich bin gut angekommen nach einem endlos langen Flug. Ich sass neben einem Schweiyer Studenten aus Berkely. Es war gany interessant, mit ihm yu diskutieren. (wo du ein y liest, sollte ein z sein und umgekehrt ).
Jetzt bin ich schon bei meinen Bekannten yuhause und wir lernen uns kennen. Er gleicht seiner Mutter sehr.
Es scheint mir, dass es eine lustige Woche geben wird.
Dein Mail konnte ich noch nicht wirklich lesen. Aber ich werde es demnaechst nachholen.
Mit einem lieben Gruss aus der neuen Welt\
...

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Ämne: Re: still from far away..
Datum: den 19 augusti 2003 00:19


Liebe Marlena
Manhattan ist eigentlich wie ein Dorf. Es ist alles viel uebersichtlicher, als ich es mir vorgestellt habe. Die Strassen gerade, durchgehend nummeriert, man kann fast nicht verloren gehen. Fast ein bisschen fantasielos.
Aber die Leute, die man hier sieht, kommen aus der ganzen Welt. Das ist schoen anzuschauen. Manchmal gibt es Exemplare darunter, dass man nur staunt Auf dem Flughafen habe ich eine Schwarze gesehen, eine solche Schwarze hast Du bestimmt noch nie gesehen. Man koennte sie in einem Circus auftreten lassen.
Jetzt muss ich mir langsam ueberlegen, was ich morgen tun soll. Und heute abend / so wurde mir gesagt / soll ich nicht zu frueh ins Bett, damit das Jet Lag nicht einschlaegt. Ich werde sehen, was ich tun kann.
Mit noch einem lieben Gruss
...

From far away ..


Ämne: From far away..
Datum: den 18 augusti 2003 17:18


Liebster Mausfreund,
Hier sitze ich und fühle mich irgendwie ganz verlassen und du scheinst mir so undendlich weit weg. Eigentlich ist das komisch, denn wenn du in der Schweiz bist, bist du doch genau so unnahbar.

Wenn du dieses Mail kriegst, bist du schon am anderen Ende der Welt und beginnst deine Verwandlung (Mutation, wie du sie nennst). Ach, du bist lustig. Aber ich glaube wirklich, dass diese Reise dich verändern wird. Du hast so viele Auffassungen (ich wollte fast sagen Vorurteile) über Amerika und nun kannst du sie mit der Realität konfrontieren. Nein doch, sei mir nicht böse. Vorurteile ist nicht das perfekte Wort dafür.. aber Meinungen, die man sich irgendeinmal, durch eine persönliche Erfahrung, zugeeignet hat.. und die dann, vielleicht mit Unrecht, hängengeblieben ist. Ich sage vielleicht. Es geht mir auch so. Ich sehe die Amis als meist sehr liebe und freundliche aber naive Menschen. Mit dem Verstand weiss ich natürlich, dass das nicht allen dort gelten kann und trotzdem denke ich es immer wieder gefühlsmässig. Nur weil ich in meiner Jugend in Paris mit naiven Amerikanern in Kontakt gekommen bin.
*
Heute bereiten sich alle auf den Empfang der neuen Schüler vor und auf die ersten Unterrichtsstunden. Auch ich sollte das tun, aber wie immer schiebe ich das ganze aufs längste vor mir hin. Keine noch so unangenehme Aktivität scheint mir im Moment weniger sympathisch. So sollte ich wohl eigentlich die Gelegenheit ausnützen und etwas tun vor dem ich mich sonst drücke. Aber zuerst muss ich eine Weile mit dir sprechen.
Sag, wie ist es von dort drüben auf Europa zurückzublicken? Siehst du es leuchten wie ein kleines Juwel am anderen Ende des Ozeans? Sogar wenn ich im Sommer die 1.000 Kilometer von hier entfern bin, sehe ich mein Leben hier mit anderen Augen. Ich bin fest überzeugt davon, dass du dir die nötige Energie holen wirst für deine kommenden Berufsjahre. Ach, wie bin ich neugierig auf deine Erlebnisse "over there".
*
Heute sehne ich mich dauernd nach etwas Süssem. Orangenmarmelade oder Schokolade. Vielleicht hilft es mir über die schlimmen Abstinenzsymptome hinweg.

Doch ich höre am besten jetzt auf. Du kannst doch nicht deine kostbare Zeit am PC verschwenden, das verstehe ich sehr gut. Ich hoffe, dass du viele interessante Erlebnisse haben wirst und ich freue mich schon auf den Tag, wenn du mir davon erzählst. Es scheint eine Ewigkeit bis dahin...

So grüsse ich dich lieb und wünsche dir eine schöne Zeit,
Marlena
PS: Schick mir nur ein paar Zeilen, damit ich sehe, dass es dir gut geht.

Samstag, 15. September 2012

Re: Vielleicht doch...



den 17 augusti 2003 14:44
Re: Vielleicht doch..

Liebe Marlena
Na klar, habe ich noch dies und jenes vergessen im Büro. Vor allem muss ich noch die Adresse des Institutes in meine private Mailbox kopieren. Weshalb das so ist, erzähle ich Dir später.
Ich habe heute morgen nur Zwetschgen gegessen. Du weisst, was das ist. Das sind Pflaumen, blau, mit einem weisslichen Staub, wenn sie frisch geerntet sind. Wenn man sie dann abwischt, werden sie dunkelblau. Ich esse die Dinger verrückt gerne. Aber wenn man sie in leeren Magen gibt ... Du weisst schon. Ich Moment bin ich unter Druck.
*
Euer Krebsfest klingt kulinarisch wirklich vorzüglich. Ich weiss gar nicht, wie man im Sommer soviel essen kann bei dieser Wärme. Aber es gelingt, bei uns Südstaatlern ein bisschen Neid zu provozieren !! Es klingt alles wirklich lecker.
*
Es ist wieder heiss heute hier. Wir fahren um 16h nach Lenzburg. S. hat uns Scampi versprochen. Und zum Dessert dann ein Zwetschgen-Mousse. Das ist gut bei dieser Temperatur. Ich habe meinem Onkelchen vor 14 Tagen ein Buch über Marokko mitgebracht. Er ist sehr interessiert daran und liest unablässig drin. Ich glaube, das belebt seine Phantasie.
*
Und ich habe beschlossen, mich neu zu erfinden. Wie Du sagst, tut man das jeden Tag. Aber mit meiner Pilgerreise nach NY soll es einen kleinen Mutationssprung geben. Ich meine einen Sprung von der Grössenordnung zwischen Schimpanse und Mensch ;--)) Klingt ein bisschen zu nitzscheanisch, nicht wahr? Aber im Ernst, ich möchte doch versuchen, in diesen 14 Tagen Energie zu schöpfen, die für die letzten paar Jahre im Job hinhalten. Und das Buch gibt gute Anregungen.
*
Vielleicht komme ich auch mal dazu, Dir ein Mail zu schreiben, vielleicht. Erwarte nicht zuviel, meine Liebe, denn NY scheint eine hochelektrische Stadt. Und wenn man in diesen Strom hineingerät, dann sitzt man nicht mehr still. Nur noch in diesen Bars mit dem Neonlicht, wie man sie auf den Bildern sieht.
*
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
Halt mir den Daumen und die Treue, meine liebe Marlena.
See you
kisses
...



Ämne: Telegramm
Datum: den 17 augusti 2003 19:17
 

 
John William Waterhouse - Ulysses and the Sirens


Lieber ...,
Wenn du dich nun auf deine Odyssee begibst,
bitte nimm dich in acht vor den Sirenen.
Deine Penelope

Freitag, 14. September 2012

Vielleicht doch... ?



Ämne: Vielleicht doch..
Datum: den 17 augusti 2003 13:27


Lieber ...,
Vielleicht huschst du doch noch einmal ins Büro, weil du etwas vergessen hast. Deshalb schicke ich dir noch ein paar Zeilen.
Ja, es war schön gestern. D.h. die Krebse und die Vorspeise mit Pfifferlingen gefüllte Teigwaren, haben ganz vortrefflich geschmeckt. Der Apéritif, das deutsche Bier und der Wein ebenso. Und nachher gab es dann noch eine Nachspeise aus Eiskugeln, Melone und Kirschpuré. Und wie üblich, bei uns in Schweden, auch wenn es schon spät am Abend ist, gab es einen Kaffee und dazu ein herrliches Tortenähnliches Gebäck. Und wir sind gut nach Hause gekommen. Sind ja immerhin fast 30 Meter zu gehen.. ;-)
*
Die Sonne scheint, aber was ist schon ein sonniger Tag ohne meinen lieben Mausfreund. Ich vermisse dich schon jetzt. Du musst es fühlen.

So grüsse ich dich nochmals lieb und hoffe, dass du wirklich noch mal ins Büro musst vor deiner Abreise.
Ich freue mich auf den Bericht über deine Pilgerfahrt.
S+K und auch M,
Marlena