Samstag, 1. September 2012

Pippilotta und all das ... Kinderliteratur


Pippilotta und all das ...

Liebe Marlena
Gerade studiere ich an meinem Artikel über die Erziehung herum. Und wieder kommt mir das Bild in den Sinn, wo du in der Dunkelheit neben Anna liegst, neben der kleinen Anna, und ihr Geschichten erzählst, die du gleich selbst erfindest. Das ist ein so schönes Bild. Meine Mutter hat meinen jüngern Geschwistern auch Geschichten erfunden. Sie war und ist ein echter Lindgren Typ, meine Mutter. Und ich erinnere mich, sie hat in ihren Geschichten Ereignisse des Tages miteingeflochten, um sie mit meiner Schwester am Abend vor dem Schlafen zu verarbeiten. Aber die Geschichten, so wie du, noch in der Dunkelheit zu erzählen, das ist noch mehr, das nämlich bringt Licht ins Dunkle. Stell dir vor, wenn dir jemand im Dunkeln eine Geschichte erzählst, fängst du an, zu imaginieren, und dann kann es nicht mehr dunkel sein. Es ist einfach nicht mehr möglich, dunkel zu sein. Kinder haben vielleicht Angst vor der Dunkelheit, weil sie noch nicht viele Geschichten in sich und assimiliert haben. Wenn sie das einmal haben, haben sie nicht mehr Angst vor der Dunkelheit. Geschichten sind das beste Medikament, gegen Dunkelheit. Ich werde in meinem Artikel von meiner schwedischen Freundin erzählen, die ihrer Tochter in der Dunkelheit geschichten erzählt hat. Und das werde ich in der Zeitung veröffentlichen, sieh dich vor Marlena.
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Ich habe vor einiger Zeit ein gutes schwedisches Buch rezensiert. Es ist geschrieben von Vivi Edström, eine emeritierte Professorin für Literatur, speziell Kinderliteratur, an der Universität Stockholm. Das Buch ist 1992 in Schweden erschienen, wurde von der Schwedischen Akademie als herausragende Monographie und von der Carlo-Collodi-Stifung, Italien, mit dem internationalen Rolando-Anzilotti-Preis ausgezeichnet. Es ist wirklich ein gutes Buch und analyisert das ganze literarische Werk Lindgrens. Für meine heutigen Überlegungen ist vor allem die Figur Pippilotta wichtig. Vielleicht weisst du, Marlena, dass eine international bekannte Schweizer Künstlerin, die sich auf Video spezialisiert hat, sich Pippilotti nennt. Sie ist komisch und hat einen guten Sinn für Alltagskomik. Sie ist wirklich eine Pippi.
Pippi Langstrumpf, wie sie im Deutschen heisst, ist eine wichtige Kinderfigur, die m.e. immer noch sehr aktuell ist. Ich kenne im Moment nichts aktuelleres. Frühere weltbekannte Figuren waren Kästners Emil, oder Twains Tom Sawyer. Beides sind einmal Buben. Pippi ist aber ein Mädchen. Das ist wichtig. Und was für ein Mädchen ist sie. Sie träumt eigentlich von einer Seeräuberkarriere, und ist nur zufällig in die Stadt und die Zivilistion geraten. Eigentlich sucht sie die Freiheit und die weite Welt. Das ist top modern. Sie denkt weltweit. Sie ist ohne Eltern, dh. ohne Erziehung, subersiv, macht all das, was andere nicht dürfen. Vor allem kontrastiert sie sich gegenüber den hochanständigen Annika und Thomasse. Und wie sie aussieht, unsere Pippi: Sommersprossen und rote Haare, als Eigenschaften, für die sich bisher jedes Mädchen geschämt hätte. Sie aber findet sich bezaubernd, und ist sehr zufrieden mit sich selbst. Pippi ist expansiv, kreativ, testet alle Grenzen und ist zum Risiko bereit. Das sind geradezu männliche Eigenschaften, wenn man in alten Kategorien denkt. Pippi ist nicht eine Figur, sondern sie verbindet viele Figuren, sie spielt viele Rollen. Sie ist ein Experiment-Ich, wie Kundera sagt. Das ist sehr modern, das ist essayistisch, wie die modernen Bastelexistenzen. Und aus diesen verschiedenen Positionen liest und deutet Pippi die Welt auf ihre eigene Art und Weise. Sie ist eine Wilde mit grossen Gesten in einer statischen und eng geordneten Welt. Das Leben ist für sie eine Bühne, sie macht Showeinlagen, sie zeigt, dass das Leben Spiel ist, und sie mag gar nicht, in den Zirkus gehen. Und sie ist sogar eine mythische Figur mit einer übernatürlichen Stärke. Sie kann ihr Pferd herumtragen. Sie will auch nicht erwachsen werden. Das ist ein interessanter Punkt. Weshalb sollte sie auch erwachsen werden. Sie hat alle nötigen Grundlgen, um in der Welt zu bestehen. Erwachsen sein würden ihr keine Vorzüge mehr bieten.
Ich glaube, man kann heutigen Eltern immer noch empfehlen, den Kindern Pippi zu erzählen, vorzulesen und so fort. Es ist die Figur, die die Kinder in die Postmoderne hinüberbegleitet. Es ist m.E. immer noch die modernste Figur in der Kinderliteratur.
Dagegen war Kästners Emil ein braver Junge, ein Muttersöhnchen gewissermassen, wie Kästner selbst. Er achtete ängstlich auf das Geld und wie er seiner Mutter immer wieder beistehen könnte. Emil ist mutig, er hat einen fairen Charakter, er ist tüchtig, in der Schule der Klassenprimus, in der Freizeit hilfreich für seine Mutter. Aber er ist kleinbürgerlich, er hat nicht wirklich grosse Vorstellungen der Welt. Er sieht mehr Gefahren als Möglichkeiten in der weiten Welt. Und er grenzt sich ab gegenüber der Welt der Erwachsenen. Nur in seiner Verstrickung mit der Mutter kommt er mit den Erwachsenen, vor allem in ihren materiellen Nöten, in Kontakt. Emil ist die Figur einer Gesellschaft knapper materieller Ressourcen, eine Figur der Kriegsgenerationen. Pippi dagegen ist die Figur einer reichen Gesellschaft, die Möglichkeiten hat, die wählen kann, die sich Fantasien leisten kann. Tom Sawyer scheint mir in gewisser Weise der amerikanische Bruder von Emil. Er ist aber ein wenig weniger bürgerlich, hat einen grösseren Aktionsradius als Emil, der wirklich mit seinem Mütterchen eingeschlossen ist in ein Kleinstadtklima. Und als er einmal nach Berlin fährt, bricht gleich das grosse Abenteuer über ihn herein. Er weiss sich zwar zu helfen, in der Solidarität der Kinder untereinander. Aber er ist kein Stadtmensch.
Ach, das ist vielleicht ein bisschen langweilig für dich, Marlena. Aber ich habe doch versprochen, ich wollte das mal mit dir diskutieren. Und jetzt, da ich es erzähle, wird mir vielleicht einiges klarer.
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Ich habe mich gefragt, warum du sowenig Lust hast, mitzuschreiben. Du sagst, du kannst nicht schreiben, dh. es kommt dir nicht. Ich kann mich erinnern, dass du mehrere Male geklagt hast, dass du nicht mit mir am ST sprechen kannst, denn dann könntest du nachher auch schreiben. Ist es so, dass du eine konkrete Person gegenüber haben musst, um schreiben zu können. Du brauchst sozusagen einen sinnlichen Bezug. Du musst den anderen riechen, damit du schreiben kannst, damit dir die Ideen kommen. Und du hast bestätigt, dass du scheibfaul bist und dass Leute ein Jahr auf deinen Brief warten müssen. Angesichts dieser schwerkranken Diagnose kann ich mich nun allerdings nicht beklagen. Du schreibst auch viel klarer als ich. Du weißt genauer, was du sagen willst, habe ich oft den Eindruck? Also, ich finde, wir müssen das Zusammen machen. Du hilfst mir und ich helfe dir. Das wäre echt schön.
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Du wolltest keinen Kommentar geben über unser Foto der I.......rs. Nun, ich weiss, du bist sehr diplomatisch. Aber du hast dann doch etwas gesagt. Nur über mich hast du absolut nichts gesagt. Welchen Eindruck hast du denn bei mir. Ich bin dort ja noch jung. Das war vielleicht vor 10 Jahren. Ich weiss es nicht einmal mehr genau. Die Zeit geht so schnell. Also, wenn du kannst, bitte, sag doch was Nettes über mich. Oder bin ich dir dort so unsympathisch???
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Jetzt möchte ich wirklich wissen, ob du mir nicht doch ein kleines Mail geschickt hast. Du hast doch versprochen, mein Hotmail-Adresse zu ändern. Na also, und du darfst sogar meinen Namen auswählen. Sowas überlasse ich meinen Geliebten, nur ihnen. Sonst würde ich das schon selbst machen.
Ich wünsche dir einen schönen Abend. Hast du den Tag gut überstanden? Bist du irgendwo in einer Lektion eingeschlafen, wie es den Schülern gelegentlich passiert, wenn sie die ganze Nacht Feste gefeiert hatten?
Ich liebe dich, blutrote Marlena, und ich weiss, dass ich es nicht sagen sollte.
G+K+S+M
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