Datum: den 28 augusti 2003 04:21
Liebe Marlena
Ach, ist das so? Ich hatte einfach Deine Stimme vermisst. Das ist alles. Es ist schoen von Dir zu hoeren und natuerlich bin ich im Moment ein bisschen "egoman" und erzaehle nur von mir. Du bist eben auch eine feine Zuhoererin. Ich meine, neben der Tatsache, dass Du eine Verkaeuferin bist, auf hohem Nieveau, um genau zu sein!
Ja, die Archetypen sind nicht ganz so einfach zu verstehen. Man muss sie vielleicht ein paarmal in Gedanken durchspielen. Und auf keinen Fall ist ein Typ besser als der andere. Und auf keinen Fall kannst Du mir den Magician ganz ueberlassen. Das kann ich nicht akzeptieren. In der Klasse bist Du bestimmt eine Queen. Schon allein deshalb lernst Du die Namen auswendig. Damit hast Du einen Respektvorsprung. Ich habe den Lehrern immer gesagt, sie sollen vor den Schuelern im Klassenzimmer sein. Das ist ihr Territorium. Und das muss man als erster in Besitz nehmen. Und dann natuerlich die Plaetze verteilen und fuer Ordnung sorgen. Ich sehe es irgendwie so: Die Queen sorgt fuer Stabilitaet durch ihren Segen, den sie verteilt; der Magician bringt das irgendwie durcheinander, indem er Leute und Verhaeltnisse in Bewegung bringt. Der Warrior kaempft fuer ein Ziel und nimmt Territorium in Besitz, setzt Grenzen: und der Lover ueberwindet die Grenzen, indem er Beziehungen setzt. Rachel, das ist die Frau des Kursleiters, hat heute diese vier Typen lustig durchgespielt, indem sie viermal ein Buch vorgestellt hat, jedesmal aus der anderen Position. Man muss diese Typen auch nicht so exakt nehmen. Sie sind Landkarten, nicht Landschaft.
Heute habe ich ueber Mittag einen kleinen Spaziergang gemacht. Wenn wir so lange sitzen, brauche ich das. Und da bin ich an ein Blumengeschaeft geraten, das bestimmt jenes der Miss Dalloway ist. Ich konnte schwoeren! Aber als ich dann hineinschaute, und mich der Verkaeufer mit grossen und etwas misstrauischen Augen angesehen hat, da habe ich diese weisshaarige Dame nicht gefunden, die Miss Dallowaz bedient hat. Und auch der Laden sah nicht gleich aus. Im Film gab es doch in der Mitte des Ladens viele Pflanzen und Blumen, so dass man rundum gehen und auswaehlen konnte.
Das NLP Institut ist hier gleich am University Place. Und dabei handelt es sich um die NY University. Es gibt - so glaube ich - noch zwei weitere Universitaeten in NY. Und heute ueber mittag ist mir aufgefallen, dass es hier auch eine Konzentration an Antiquitaetenlaeden gibt. Das macht eine gewisse Athosphaere in dieser Ecke. Ich will nicht sagen, sie sei entglisch. Aber es ist so etwas aehnlich , ein Gemisch wie englisch und vielleicht hollaendisch?
Stell Dir vor, ich glaube, ich koennte hier leben. Na ja, ich moechte dann natuerlich schon im East Village leben, nicht irgendwo weit draussen in New Jersey oder Queens. Schon Brooklyn finde ich etwas abseits. Und Harlem habe ich gar nicht gesehen. Es heisst, man sollte dort vorsichtig sein. Aber hier, im Zentrum zu leben, das ist eigentlich ganz angenehm. Nur vielleicht im Winter kann es sehr kalt sein, hat mir B. erzaehlt. Er ist jetzt 12 Jahre hier. Und anfangs konnte er kaum aus dem Haus im Winter. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass ab und zu ein kalter Wind durch die geraden Strassen fegt, dass es sehr unangenehm werden kann. Man hoert doch ab und zu in der Zeitung, dass es in NY geschneit hat und alles zusammengebrochen sei.
Jetzt ist unsere Nachbarin im Bett. Auf jeden Fall brennt das Licht in der Kueche nicht mehr. Sie ist alt, vielleicht 80, und sie ist nicht besonders freundlich. Ich begruesse sie im Gang, wenn sie ihre Tuere offen hat, freundlich mit : good evening madam. Und sie sagt bloss: hey. Na ja, sie weiss auch, dass sie von mir nichts hat in ihrem Leben. Manchmal lauft der TV laut. Und die Tuere in den Gang, den alle im Haus begehen, ist weit offen. Es ist wirklich eine lustige Atmosphaere.
Und jetzt kommt langsam meine Muedigkeit auf. Ich danke Dir, meine Liebst, fuer dieses "ok - nochmals". Du bist einfach ein Schatz, und ich bin der Lover.
Mit lieben Gruessen und Kuessen
...
Jetzt sitze ich hier und habe mir einen Kaffee gemacht, obwohl es eigentlich fuer ein Aufputschmittel dieser Art zu spaet ist. Aber ich habe nur ein bisschen Zucker hineingetan, keine Milch. Ich habe gehoert, Kaffee ohne Milch putscht nicht auf. Hast Du das auch gehoert? Meine Gastgeber gehen immer mittwochws Sushi essen. Letzte Woche hatte ich sie dazu eingeladen. Es hat gut geschmeckt, aber auch alles ein bisschen aehnlich an dieser einen einzigen Sauce. Und so wollte ich dieses Mal nicht mehr mitgehen. Ueberigens beneide ich Dich, Marlena, um Deinen Kaviar auf dem Eiersandwich. Das klingt wirklich nach koeniglicher Mahlzeit. Dass meine Broetchen bis Mittag ein bisschen welk werden, stoert micht nicht. Es fuehlt sich dann an im Mund wie normales Brot. Ich bin wirklich ganz vernarrt in diese Eiersandwiches. Und was die Folgen sein koennten, auf die Du hingewiesen hast, das weiss ich nicht. Aber jeden Tag zwei Eier, das ist schon eine geballte Ladung. Zuhause mache ich das kaum.
Ich war heute abend nach dem Kurs auf Coney Island. Das ist die Beach vor Brooklyn. Man kann mit der U-Bahn direkt bis dorthin fahren. Es dauert eine gute halbe Stunde. Erst geht es unter dem Boden, dann ueber die riesige Brooklyn-Bridge, und allmaehlich wird die Bahn zum normalen Vorortszug. Coney Island ist ein bisschen heruntergekommen. Sicherlich war das um 1900 auf der Hoehe der Zeit. Es gibt noch ein paar Karussels, Schaukeln, Riesenrad und solche Dinge. Irgendwo konnte man sogar auf einen Menschen schiessen. Er hatte dafuer einen Helm auf und eine spezielle Kleidung, und er hat fuerchterlich geschwitzt darunter, wie ich sehen konnte. Sowas Geschmackloses findet man wohl nur in Amerika. Und dann gibt es eine lange Beach und einen Holzsteg die ganze Laenge, wo man spazxieren kann, wo sogar die New Yorker Polizei mit dem Streifenwagen kursiert. Es ist nicht besonders sauber, und es hat jede Menge dieser Buden, wo man Burgers, Suesses oder Salziges kaufen kann. Und rund um die Abfallkoerbe flattern riesige Moeven, die ziemlich scharfe Schnaebel zu haben scheinen. Sie sind mindestens doppelt so gross wie die Moeven bei uns. Vielleicht habt ihr in Skandinavien am Meer auch solche XL-Groessen? Sie koennen unmoeglich mehr "Emma" heissen.
Der Kurs geht schon langsam seinem Ende entgegen. Heute, wie gesagt, hatten wir Rachel. Sie ist eine lustige Person, viel aktiver und lebendiger als ihr Mann. Sie ist wirklich ein Magician, macht manchmal Witze und reagiert sehr schnell. Sie spricht auch viel schneller, was mir manchmal etwas Muehe macht. Bei Steve ging immer alles sehr langsam und er hat die Dinge zwei- oder gar dreimal gesagt. Wir haben ueberigens Schmerzbehandlung gemacht. Ich weiss nicht, wieviel ich Dir erzaehlen soll, ... Aber was ich hier von beiden Kursleitern gehoert habe, machen sie gute Resultate bei Schmerzen, bei denen man keine somatische Ursache findet. Das ist viel haeufiger, als man denkt. Und als Rachel im Kurs gefragt hatte, wer denn regelmaessig mit irgendwelchen Schmerzen geplagt sei, hat mindestens ein Drittel der Leute die Hand gehoben. Die meisten gaben Kopfweh an, aber auch sonst Schmerzen irgendwo im Koerper, postoperative Schmerzen.
Es gibt ja schon im Alltag spezielle Arten, wie man mit Schmerz umgehen kann. Ich erinnere mich, wie ich beim Zahnarzt in frueheren Jahren mir immer irgendwelche pricklichen Situationen mit Maedchen vorgestellt habe, um dem Schmerz auszuweichen. Das ist eigentlich Ablenkung. Man kann auch das schmerzhafte Glied durch psychische Vorstellungen abkuehlen. In einem kalten Koerperteil fuehlt man bekanntlich wenig. Allerdings muss man, wenn ich das Vorgehen richtig verstanden habe, zuerst pruefen, ob der Schmerz nicht ein Zeichen oder Signal des Koerpers ist fuer irgend etwas. Das fragt man hier die Person in Trance, und man nimmt an, dass das Unbewusste das weiss. Wenn der Schmerz ein Signal fuer irgend eine psychologische Problematik dahinter ist, dann ist das Vorgehen etwas anders. Dann sollte man nicht den Schmerz entfernen, sondern durch Reorganisation des Selbst integrieren. Das sind dann sozusagen Systemschmerzen. Aber offenbar gibt es oft auch Schmerzen, deren Ursprung man ueberhaupt nicht kennt und nicht erklaehren kann. Und sie sind bestimmt nicht selten.
Ich habe hier zwei Buecher geunfen von Rumi. Du erinnerst Dich, wir haben mal von den Sufis gesprochen und er islamischen Mystik. Im Kurs wird Rumi ab und zu zitiert. Eigentlich haette ich Lust, die Buecher zu kaufen. Aber das sind Gedichte, und sie sind natuerlich ins Englische uebersetzt. Ich weiss noch nicht, ob ich zugreifen soll. In Deutsch habe ich noch nie etwas von ihm gesehen, habe allerdings auch nicht danach gesucht. Offenbar ist Rumi in Amerika ziemlich populaer. Na ja, vielleicht nicht gerade bei Bush und seinen Co-Boys!!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen