Montag, 3. September 2012

My one and only ... (auf der Überholspur)

(ungekürzt)
am Rande der Felder

Subject: My one and only ...
Date: Tue, 30 May 2000 18:53:43 GMT


Liebste Ferngeliebte
Ach, und du hast gedacht, du seist wirklich die einzige, die richtig maladiere und sehnsuche. Ach, hast du wohl gedacht, dass du damit ganz allein bist und dass niemand in der Welt wirklich merke, wie es dich hier mitnimmt. Und gedacht, dass ich bei der ganzen Geschichte, wenn überhaupt etwas, nur etwa die Hälfte abkriegen würde? Hast du das gedacht?
Soll ich dir mal beschreiben wie es mich hier durch die Mangel dreht? In den letzten 4 oder 5 Wochen kann ich gar nicht mehr arbeiten wie früher. Ich schiebe die Sachen vor mir her, ich gehe oft lange auf und ab im Büro und komme einen langen Weg zurück von meinen Gedanken, um mich zu besinnen, wo ich überhaupt stehe und was ich denn hier zu tun hätte. Und dann nehme ich irgend eine Kleinigkeit in Angriff, um dann eine halbe Stunde mit einem anderen fernen Gedanken mich wieder auf und abgehend zu ertappen. Es ist nicht unangenehm. Es ist süss und angenehm. Nur, dass eben die Arbeit nicht richtig vorankommt. Und das ist unangenehm. Ich meine, 14 Tage wird das niemand merken, 3 Wochen auch nicht. Noch 5 Wochen kann ich mir erlauben. Aber wenn es Monatelang gehen wird, dann wird es böse enden. Doch solange erlaube ich mir das dann doch nicht.
Meine Gedanken sind irgendwie bei dir, bei unseren Gesprächen, bei den Gefühlen, die ich gestern im Chat hatte... Ich versuche mir vorzustellen, wo du bist, wie du bist, wie das alles sein könnte in eurem Haus am Rande der schönen Felder. Wie du mit Anna zusammen isst und wie ihr scherzt und so. Oder dann in der Schule, wie ihr jetzt eure Schlussexamen habt, in dieser Mischung aus Arbeitsbelastung und Vorfreude auf die Ferien. Das muss doch wirklich eine besondere Zeit sein. Und ich frage mich, wie du denn den Weg immer wieder zum PC findest, wo du doch soviel zu tun hast.
Gestern abend war lustig. Ich habe doch meine Telefonnummer, halb im Spass, halb im Ernst, geschrieben. Ich habe gedacht, es ist vielleicht etwas lange, vis 22h warten zu müssen, und wenn du es vorher sehen würdest, so könnten wir sofort. Du hattest ja den Wunsch, nochmals ein bisschen zu chaten. Und du glaubst es nicht, um vielleicht 2140h ging das Telefon. Ich meine, kein Mensch ruft um diese Zeit in ein Büro an, jeder weiss dass geschlossen ist. Ich habe nach Hause angerufen, weil ich dachte, A. hat vielleicht eine Frage zu ihrem Vortrag, den sie auf heute vorbereiten musste. Wir haben ziemlich viel über Dekonstruktivismus und über Architektur diskutiert. Ich habe das genossen, und ich glaube, sie auch. Sie scheint ziemlich interessiert für diese Architektur. Und - das hat mich erstaunt - auf für die philosophischen Anteile, Derrida und so. Ich habe ihr einige Bücher aus meiner Bibliothek geholt, eines speziell noch gekauft. Den Rest hat sie sich selbst geholt an der Hochschule für Gestaltung in Basel. Also, ich glaubte, vielleicht war das Läuten von ihr. Doch als ich zuhause anrief war dort besetzt.
Und so dachte ich, vielleicht hast du es läuten lassen - es war nur einmal läuten - also kein cas de querre, und ich war sicher, dass wir uns um 22h im ST treffen würden. Ich war fast ganz sicher, so wie es bei uns doch immer wieder so fast zufällig geklappt hat. Nur wenige Male sind wir aneinander vorbeigegangen.
So siehst du, ich maladiere. Ich bin so irgendwie nicht mehr ganz hier zuhause, weil ich irgendwie aus dem Häuschen bin. Es geht mir ähnlich. Ich hatte auch den Gedanken, dass ich es mir doch in der Prä-Marlena-Zeit ganz gemütlich eingerichtet hatte. Ich ging am Samstag Morgen ins Büro und las in aller Ruhe meine Zeitung. Manchmal hatte ich genügend Zeit, nach Basel zu fahren, in die Buchhandlung, mich umzusehen, ab und zu, selten zwar, aber doch hin und wieder, einen Kaffee zu trinken, und dann gemütlich wieder zurückzukehren. Ach es war eine ruhige Zeit, und die Wochenenden waren ruhig und die Abende waren die Ruhe selbst. Gelegentlich ein Abend mit dem Club. Der Donnerstag mit Walter. Sonst ging alles seinen geregelten Lauf. Ich hatte nicht viel mehr Wünsche als das. Es war zwar vielleicht ein bisschen monoton. Aber eigentlich ganz gut.
Und nun, seit Januar, hols der Teufel, diese Unruhe, wie du es genannt hast. Doch die Unruhe war nicht von Anfang. Zu Beginn war es eine lockere leichte Erwartung. Alles schien offen. Ich wusste nicht, was daraus würde. Ich dachte mit Hoffnung an deinen Beruf. Ich war sicher, wir würden ein paar lustige und interessante Themen finden, worüber wir diskutieren könnten. Ich dachte, sobald ich wusste, dass du auch Deutsch gibst, natürlich an deutsche Literatur. Aber vielleicht auch an Unterrichtsprobleme, Organisation des Gymnasiums, Umgang mit den Kollegen. Oder vielleicht auch politsiche Fragen zu Schweden. Was macht die Soziale Partei Palmes. Was denkt man über Palme und sein mysteriöser Mord. Wie geht es dem Hockey-Team, das wir in unseren jungen Jahren immer bewundert hatten, neben dem Tschechoslowakischen und vielleicht noch dem Canadischen. Und vielleicht machte ich mir schon von anfang an ein paar schöne Gedanken über die Möglichkeiten, wie eine hübsche Schwedische Studienrätin aussehen könnte. Aber nicht zu genau, nicht im Detail, vielleicht grob blondes Haar, blaue Augen und schöne lange Beine. Das vielleicht nur. Aber wolkig, wie die katholischen Wunder. Mehr nicht.
Und dann gibt sich daraus ein solcher Orkan, ich bitte dich Marlena. Ich glaube nicht, dass ich den Anfang gemacht habe. Ich glaube, du hast ihn gemacht. Du hast ein kleines Geständnis gemacht, irgend einmal. Ich erinnere mich vage, wie du sagst, ich hätte das wohl schon lange gemerkt, dass du nicht mehr neutral seist oder so ähnlich. Und ich hatte bis dahin, unschuldig und keusch wie meine brave Seele nun mal ist, ich hatte gedacht, du seist neutral und so ähnlich. Und dann haben wir in den dritten Gang geschalten, so dass das Tempo schneller ging. Und wir haben nach den Tempokontrollen Aussschau gehalten. Wir haben §§§ formuliert und komponiert. Wir haben sie aufgestellt wie Bleisoldaten, und ab und zu wieder umgeworfen, immer häufiger umgeworfen, mit Vergnügen sogar umgeworfen. Und das Tempo ging so weit, dass einer von uns, oder vielleicht beide Hand in Hand in den Overdrive geschalten haben. Und seither sind wir auf der Autobahn und die ganze Sache ist einfach nicht mehr zu stoppen. Es läuft bis das Benzin ausgeht. Wir fahren auf der Überholspur und lachen und umarmen und strahlen, und rasen an den anderen Autos vorbei, dass es leicht gefährlich sein könnte.
Ach, und nun denkst du, du seist am maladieren und ich liege behaglich zuhause auf dem Chesterfield und lasse mich von meiner eigenen Familie verwöhnen? Und nur du fühlst dich allein, denkst du, und irgendwie nicht mehr ganz zuhause in deinen vier Wänden und in deinem Körper, weil einfach irgendwas fehle. Ach du bist gut, wie kannst du all die Maladie allein für dich stehlen? Lass mir doch die Hälfte! Was meinst du denn. Ich möchte alles mit dir teilen. Die Freuden so gut wie die Leiden. Du hast mir doch gezeigt, wie schön es ist, wenn man Leiden für den anderen Tragen kann, wie es dann leicht wird, und wie es dann geradezu zur Freude wird.
Ich meine Maladi ist im Grunde nicht so schrecklich. Wenn ich wirklich aktiv bin und was tue, dann fühle ich mich sicher und wohl. Und ich habe diese Erotik, die ich noch nie so hatte. Heute habe ich einer lieben Kollegin ein Kompliment über ihr Kleid gemacht. Und sie hat Freude gehabt und ich habe Freude gehabt und die zwei Sekretärinnen, die dabei sassen, haben auch nochmals Freude gehabt. Ach, du weißt ja nicht, wie du das Klima hier verändert hast durch deine Präsenz. Es ist irgendwie wunderbar. Es ist schön, und ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich das so erleben kann. Ich meine, diese Art, wie wir zusammenpassen im Geistigen. Du bist zwar nicht gerade eine begeisterte Schreiberin, aber du hast dir doch sehr viel Mühe gegeben wegen mir. Und du bist eine gute Schreiberin, die mich schon sehr begeistern kann. Ich hoffe, mit der Zeit schreibst du auch noch mit Begeisterung. Und dann werden deine Texte so lange und wir werden zusammen etwas produzieren, das uns ewig zusammenhällt.
Wie soll ich dir danken, liebe Marlena, für all das, was du durch deine blosse Gegenwart für mich gemacht hast? Und wie kannst du glauben, du seist die einzige, die maladiere. Du denkst vielleicht, wir Männer lieben weniger leidenschaftlich als ihr Frauen, wir seien reserviert und könnten uns immer noch ein bisschen kontrollieren. Es scheint ja nun so, dass derjenige in einer Beziehung, der mehr liebt, auch mehr zu leiden hat. So scheint es. Aber eine schöne Liebe ist die, wo beide ungefähr gleich leiden. Das vielleicht ist das Zeichen der schönen liebe. Denn wenn einer viel stärker ist als der andere, dann verdreht sich die Sache allzu leicht.
*
Heute abend habe ich in einer kleinen Zeitung Texte zu den Sternbildern gesehen. Ich habe sowas in meinen Leben nie gelesen. Heute lese ich sie. Der Krebs und der Skorpion liegen gleich nebeneinander auf dieser Seite. Ich lese es für dich:
Krebs: Sicherheit
Er ist sehr häuslich und romantich und liebt es, wenn man fantasievoll um ihn wirbt (Hugh!: mein Kommentar). Abenteuer erlebt er lieber in der Fantasie als in der Realität (Aha! Mein Kommentar!) Er liebt eine gefühlvolle Beziehung und eine grosse Familie (wie gross eigentlich?). Deshalb ist der schüchterne Krebs auch kein grosser Draufgänger. Aber wenn Treue Spass macht, dann muss es wohl Liebe sein.
Skorpion: Verwirrend
Er ist geheimnisvoll, faszinierend, von leidenschaftlicher Sinnlichkeit und wird oft missverstanden (Und ob!). In der Sexualität bereitet es ihm grösste Lust, immer wieder Grenzen zu überschreiten und Tabus zu brechen. Entspannung und Ruhe können Sie mit ihm vergessen (na ja, das ist sehr stark gesagt bei mir). Es mag aber auch sein, dass er nur deshalb so innig küsst, weil er im Moment nichts zu sagen weiss.
Wir sind beide Gefühlswesen und unser Element ist das Wasser. Und ganz rechts von uns habe ich noch Anna entdeckt. Ich bin eigentlich zwischen Marlena und Anna. Willst du Annas auch hören:
Fische: Traumverloren.
Ein Fisch ist fast immer verliebt, wenn nicht in einen Menschen, dann in eine Sache. Seine enorme Hingabe macht ihn leicht verführbar. Er ist empfänglich für Genussmittel und träumt immer wieder von einer idealen Beziehung. Von der nüchternen Wirklichkeit ist er dann häufig enttäuscht. Aber eben: Gegen Liebe auf den ersten Blick hilft nur der zweite.
*
Ich glaube, das genügt meine liebe, damit kannst du eine ganze Nacht neben mir auf dem Bett liegen und wir können diskutieren und rätseln und lachen... Lass es uns nochmals machen wie gestern. Oder bist du ein bisschen müde. Dann lass ich dich eben schlafen. Wie du willst. Im Mail von heute, hatte ich leise das Gefühl, du seist etwas müde. Wirst du leicht launisch, wenn du müde bist? Ich werde eher verärgert, leichter verärgert als sonst. Aber ich , na ja, vielleicht auch ein bisschen launisch ab und zu.
Ich küsse dich so vorschriftsgemäss, wie es mir mein Sternbild vorschreibt und ich lege noch eine Portion obendrauf. Die ist speziell für meine Marlena. Es ist eine handgemachte, besonders saftige Portion.
Hab eine gute und eine schöne Nacht

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