Donnerstag, 16. Juni 2016

Chaotismo




Liebe Malou
Ja, der italienische Chaotismo. Die Person, die diese Theorie entwickelt
hat, ist ein lustiger Kerl. Er war lange Jahre Auslandkorrespondent für das
Schweizer Radio in Rom. Ich meine, es war in jenen Jahren, als Rom noch
richtiges Ausland und weit weg war. Und ich erinnere mich an seine Stimme.
Als ich hier in meinem Club für das Programm verantwortlich war, hat dieser
Victor Willi plötzlich angerufen. Er hat mir - ziemlich eloquent - erklärt,
dass er gerade in der Schweiz weile und dass er, weil er seine Pension
aufbessern müsse - weil das Schweizer Fernsehen eben leider etwas mickerig
zahle - dass er also in Rotary und Kiwanis Clubs Vorträge mache. Ich sagte
ihm, dass wir für die Vorträge nichts bezahlen. Normalerweise sind
Referenten stolz, bei uns vortragen zu müssen. Wir offerieren das essen. Er
wiederholte seine Argumente und so war ich schliesslich einverstanden. Ich
glaube, ich habe ihm 100.- oder 150.- SFR versprochen.
Und dann kam dieser Victor Willi und hat einen erstklassigen Vortrag über
Italien gemacht. Nebenbei hat er auch noch Reklame gemacht für sein Buch,
das er verkaufte, und für Rhetorikkurse, die er gab. Ich glaube, einige
meiner Kollegen haben bei ihm schliesslich einen Rhetorikkurs gemacht.
Kurz und gut: er entpuppte sich als eine Perle in meinem Programm, und ein
Kiwanis Freund, dessen Frau Norditalienerin ist, kam geradezu in Tränen
aufgelöst und hat mir dafür gedankt.
Und in diesem Vortrag hat er eben seine Theorie des Chaotismo erklärt. Sein
Ausgangspunkt war eine Autopanne, die er mal irgendwo hatte. Und dann hat er
mit viel Worten und viel Emotion geschildert, wie er jemanden kennen lernte,
der ihn eingeladen hat, bei sich zu übernachten. Wie er trotz der Panne mit
Ach und Krach seine Ziele noch erreicht hat. Und wie daraus eine grosse
Freundschaft entstanden sei. Ich glaube, der Kerl hat auch noch dafür
gesorgt, dass sein Auto wieder in Funktion komme.
Na ja, ich glaube, in Persien ist das ähnlich. Es gibt so viele Dinge, die
nicht funktionieren, die anders laufen, als du erwartet hast, die durch
Pannen darnieder liegen, dass immer wieder Improvisation und Kreativität
gefragt ist. Und man kann sich gegenseitig helfen, und man kann sogar
bisweilen Heldentum entwickeln, ohne Zweifel!
Aber bei uns in der Schweiz, wo alles funktioniert, wo jeder mit
Versicherungen abgedeckt ist, wo die Autos ohne Panne fahren und fahren, da
tritt der Mensch kaum mehr in Erscheinung.

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Weißt Du, was ich aus meinen Büro-Fotos festgestellt habe? Mein Chaos ist
gar nicht so schlimm. Ich meine, mein Pult sieht doch gar nicht eigentlich
unordentlich aus. Vielleicht viel beschäftigt. Vielleicht viel interessiert.
Vielleicht vielseitig. Aber doch nicht echt chaotisch. Mindestens liegen
die Papiere doch alle in Reih und Glied, so wie man sich die preussische
Armee vorstellt. Ich kann das so leichthin sagen, weil gestern Abend
offenbar unser Putzengelchen hier war. Sie hat aufgeräumt und nimmt sich in
der Regel viel Zeit, meine Papiere schön ordentlich auf eine Linie zu
bringen. Sie darf ja nichts wegnehmen oder verschieben. Also bleibt bloss,
alles ein wenig zu begradigen. Und siehe: wenn ich am Morgen komme, sieht es
aus als ob es hier wirklich gemütlich wäre. Es sieht irgendwie 'ordentlich'
aus, gepflegt und mit Sorgfalt umspielt. Es ist erstaunlich, wie viel man
erreichen kann bloss durch 'begradigen', d.h. die Beigen von Papier einfach
gerade rücken.

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Mittwoch, 15. Juni 2016