Sonntag, 29. April 2012

Walpurgisfeier

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 Lieber ...,

Du weißt vielleicht dass der letzte April bei uns gross gefeiert wird. Es ist Valborgsmässoafton, der Abend an dem man den Frühling willkommen heisst und die Finsternis verjagt. Überall zündet man Feuer an und Männerchöre singen die typischen Lieder, die mich immer so nostalgisch machen wie z.B. "Sköna maj välkommen" oder "Oh, hur härligt majsol ler" (Oh, wie herrlich die Maisonne lächelt). Die Sänger tragen dabei die weissen Sängermützen (sehen aus wie unsere weissen Studentenmützen die man bekommt wenn man das Abitur bestanden hat). Ich liebe diesen Abend und diese Lieder, denn ich bin damit aufgewachsen. Mein Onkel war Sänger in einem Männerchor und sein bester Freund war der Dirigent dieses Chores. So fuhren wir an solchen Abenden von Feuer zu Feuer und ich hörte diese schönen Lieder wieder und wieder. Nachher wurde noch die ganze Nacht "gefestet". Besonders in Uppsala (und auch anderen grossen Universitätsstädten) wird Valborg sehr gross gefeiert. Ich erinnere mich noch gut an solche Abende in Uppsala wo ich im Schein des Feuers die schönen Lieder und die Rede an den Frühling hörte und vielleicht die nähe spürte von jemanden in den ich ein bisschen verliebt war und der dann zu demselben Fest eingeladen war. Alle Studentnationen haben s.g. "gask" an diesem Abend und daneben werden auch viele private Feste veranstaltet. Am nächsten Tag kommt dann noch der grosse "majmiddag" zu dem sich auch alle Professoren und Honoratiores einfinden. Es ist sehr feierlich und alle tragen ihre weissen Mützen, die mit der Zeit immer weniger weiss aussehen (d.h. eine schöne Patina bekommen ) :-)

 Valborg in Uppsala

Hier zu Hause legen wir am Valborgsmässoafton, wenn wir nach Hause kommen eine Platte auf mit den typischen Liedern. Es ist eine alte etwas raspige Platte aber es macht nichts. Im Gegenteil, es hört sich an wie das Knistern des Feuers und macht das ganze noch mehr authentisch.

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Samstag, 28. April 2012

Schöne Schweiz


                                                                    Foto: Chris

24 April 2007 12:16
subject: top of the world ??


Liebe Malou
Merci für diese Bilder eingetunkt in die süsse Musik Malou. Die Bilder
zeigen nicht die Schweiz, sondern nur einen kleinen Teil, ich würde
sagen das Berner-Oberland. Aber sie sind schön, ein bisschen viele
Kirchtürme, manchmal schlechtes Wetter, aber ganz gut gemacht. Ich mag
es, wenn Bilder auch Menschen zeigen. Sie müssen nicht unbedingt in
Folklore-Tracht herumlaufen. Das ist hier kaum der Fall.
Den Text habe ich nicht verstanden. Wahrscheinlich sagt er bloss 'aha'
und 'oho' und vielleicht ab und zu mal 'ohlala' ?

Ja, wir haben hier schöne Landschaften. Und ich glaube, die Generation
meiner Eltern haben das noch sehr geschätzt und hochgehalten. Sie sind
nicht ins Ausland in die Ferien gefahren. Ihre Ferienorte waren am
Vierwaltstättersee in der Nähe Luzern, oder dann, wenn sie weit fuhren
und ein bisschen ausländische Mentalität schnuppern wollten, sind sie
ins Tessin gefahren. Onkelchen und Tantchen sind oft in die welsche
Schweiz, nach Montreux in die Ferien gefahren. Da gibt es immer noch
riesige alte Hotels, eines davon bestimmt dasjenige, wo Nabokov
während vieler Jahre gelebt hat. Wenn ich frei wählen könnte, würde
ich wohl auch in Vevey, Montreux, Lausann einerseits, oder aber in
Locarno, Lucano andererseits leben. Aber auf den Bildern hast du auch
den Thunersee oft gesehen. Da gibt es auch sehr schöne Ortschaften.
Meine Grosseltern haben eine zeitlang am Thunersee gewohnt. Und wenn
wir dort als Kinder in die Ferien gefahren sind, waren wir täglich auf
dem Schiff. Die Grossmutter hatte nicht besonders viel Fantasie, wir
sind einfach hinauf nach Interlaken und wieder zurück nach Thun
gefahren. Ich habe die Touristen benieden, die Eis-am-Stiel in dieser
wunderschönen glänzenden Verpackung gekauft und gelutscht hatten.
Ach, ich hatte gedacht, sie wären bessere Menschen, dass sie sowas
geniessen konnten und ich nicht. Unsere Oma hat jeweils nur ein dickes
Stück Brot für jedes Kind mitgenommen. Ich weiss noch genau. Sie hatte
einen grossen Busen, und sie hat das Brot jeweils an diesem Busen
geschnitten. Ich habe den Atem angehalten, damit sie sich nicht in ihre
grosse teigige Brustmasse schneidet. Und schliesslich hat sie mit der
Hand das Mehl und die Brosamen weggewischt, die an der Schürze
haften geblieben sind. So auf halber Strecke hat sie uns das Brot dann
ausgeteilt. Wir, mein Bruder und ich hatten ein besonderes Vergnügen
daran, mit dem Brot die Schwäne zu füttern. Sie hat uns das verboten.
Sie war wirklich eine altmodische Frau, dick, klein, mit dünnem Haar.
Zum Frühstück hat sie sich eine riesige Tasse Ovomaltine gerührt.
Es gibt noch eine Tante, dh. eine Schwester meiner Mutter, die lebt
noch und sieht ihr ein bisschen ähnlich. Ich habe diese Grosmama nie
so besonders gemocht. Sie hat oft ein bisschen ratlos in die Welt
geschaut. Die Oma väterlicherseits aber schon. Die war jung und
lebendig und wach, eine kecke Lady.
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Ich wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Ks und GS
...

Freitag, 27. April 2012

alter Cassell's, Antiquariate und Cafés in Zürich


date 15 March 2005 14:07
subject Re: Vielleicht...


Liebe Malou
Also, ich mache einen zweiten Versuch. Ich habe mir einen Tee
angesetzt und muss nun ohnehin warten, bis er einigermassen Farbe
zeigt. Der Frühling zeigt sich langsam. Vor allem den Menschen merkt
man es an. Auf dem Platz unten sind die jungen Leute wieder aktiver.
Sie spielen mit kleinen Bällen. Sie sitzen herum und lachen und
diskutieren. Ich glaube, sie merken, wie die Säfte steigen. Nur bei
mir oben scheint noch alles winterlich ruhig. Ich muss sehen, dass
sich hier auch etwas tut.
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Links von mir steht ein altes Wörterbuch. Immer, wenn ich diesen
Cassell's sehe, erinnert er mich an meinen Englischlehrer im Gymnasium.
Englisch war ein besonderes Fach. Erstens konnte man damit erst
ungefähr in der zweiten oder dritten Klasse beginnen. Dann war es die
Sprache der Beatles und all der modernen Musik, die man tagaus tagein
hörte. Und schliesslich hatte die englische Aussprache so was cools.
Ich glaube, wir waren alle mit grosser Begeisterung in diesen
Unterricht gegangen. Die Spezialität dabei war, dass der
Englischlehrer, der einzige der ganzen Schule, sein eigenes
Klassenzimmer hatte. Üblicherweise wanderten die Lehrer in die
Klassen, mit Ausnahme derjenigen für Physik, Chemie, Zeichnen und
Gesang. Die letztgenannten Zimmer waren natürlich speziell
ausgerüstet, und waren nur für das eine Fach nützlich. Und eben einen
solchen Raum hatte nun Geggi auch. Es war im Grunde ein normales
Klassenzimmer im zweiten Stock des neuen Gebäudes. Aber rundum hatte
er grosse englische Posters aufgehängt. Das gab diese spezielle
Atmosphäre. Und eben, auf seinem Pult thronte diser uralte, rote
Cassell's, den er dann und wann zu Rate zog, um ein Wort
nachzuschlagen. Das kam selten vor. Aber immer fiel mir auf, mit
welcher Sorgfalt er dieses alte Buch in die Hand nahm und darin
herumblätterte. So war es wohl viele Jahre später dazu gekommen, dass
ich in einem Zürcher Buchantiquariat dieses Cassells fand und mich
sofort dafür entschied, einfach, weil er mich an Geggis Cassell's
erinnerte. Na ja, ich glaube, ich hatte mir auch kurz überlegt, dass
ein Dictionary im Grunde nicht allzu rasch veraltet. Ich meine, die
Wörter wechseln ihre Bedeutung nicht allzu oft, vielleicht einmal, in
tausend Jahren ;--)) Wenn ich richtig interpretiere ist es die 12.
Edition von August 1955. Der Band sieht immer noch ungefähr so aus,
wie ich ihn gekauft hatte. Ich habe ihn selten gebraucht. Na ja,
vielleicht ab und zu, als ich noch in englisch korrespondiert hatte.
ABer das sind tempi passati. Heute brauche ich ihn auch nicht allzu
oft. Nur bisweilen bin ich froh darum. Ach, jetzt sehe ich es hier
unter meinem EX LIBRIS Zettel: Ich hatte ihn am 15.12.1969 gekauft.
Und ich glaube mich zu erinnern, dass lange noch irgendwie der Preis
angeschrieben war. Doch den habe ich wohl ausradiert. Das muss
sozusagen ein Weihnachtsgeschenk an mich selbst gewesen sein. 1969
war in meinem zweiten Zürcher Jahr. Und damals muss ich mich um die
Weihnachtszeit wohl ziemlich einsam gefühlt haben. Ich glaube mich
auch zu erinnern, in welchem Antiquariat ich meinen Cassel's gefunden
hatte.
Es gab damals vielleicht 2 oder 3 Antiquariate im Zürcher
Niederdorf, die ich gelegentlich besuchte. Und dieses eine lag nahe
dem Limmatquai gleich unterhalb des Hirschenplatzes. Später hatte mich
einer meiner ehemaligen Lehrer in Brig auf dieses Antiquariat
aufmerksam gemacht und mir erzählt, dass er selbst dort viele Bücher
gekauft hätte. Ich bin oft ausgezogen, um in der Stadt irgend ein Buch
zu kaufen. "Irgend eines", das ist die richtige Beschreibung. Denn nur
ein solches Vorhaben konnte einen einen Nachmittag lang beschäftigen.
Es war ein schönes und stilles Vergnügen, in den verschiedenen
Buchhandlungen und Antiquariaten (die im allgemeinen ziemlich düster
und staubig waren) herumzustreichen und nach irgendwelchen
Neuerscheinungen zu suchen. Gelegentlich traf man dabei irgend eine
Kollegin oder einen Kollegen. Oder wenn ich dann irgend eine
Jagdtrophäe erobert hatte, pflegte ich mich in eines der kleinen Cafés
zur Lektüre zurückzuziehen. Schön war beispielsweise das Weggen auf
der anderen Flusseite. Das Café war ziemlich diskret in einer schmalen
Gasse versteckt. Und wer es nicht kannte, konnte kaum per Zufall drauf
kommen. Es war modern möbliert, mit unterschiedlichen hölzernen und
farbig gestrichenen Stühlen. Und rechts in einer Nische stand ein
Ledersofa, in das man sich sinken lassen konnte. Diese Ecke hatte ich
immer bevorzugt. Sie war wirklich sehr bequem. Und dazu gab es im
Weggen eine hübsche und sympatische, schon etwas ältere Servierin, die
immer modisch gekleidet und freundlich daherkam. Das Café war klein,
wohlgemerkt. Insgesamt gab es vielleicht 5 oder 6 Tischlein mit
normalerweise 2 Stühlen. Oder dann ging ich in jenes kleine Restaurant
neben dem Storchen, das wohl kaum jemand kannte in Zürich. Es lag für
die meisten Zürcher nicht am Weg, weil es gegenüber des Limmatquais
lag. Mir war es aufgefallen, weil man durch die grossen Fenster eine
wunderbare Sicht über die Limmat hinweg auf den Limmatquai und auf das
Grossmünster hatte. Es war die allerbeste Sicht. Aber das Lokal an
sich war nicht schön. Es verkehrten wenig Leute. Und an irgend ein
bekanntes Gesicht kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Aber
ich hatte immer die Vorstellung, dass man hier in aller Ruhe bei einer
Tasse Kaffee einen Roman schreiben könnte. Die echten Schriftsteller
frequentierten aber damals immer noch das Odeon am Bellvueplatz. Es
war das bekannte und grosse Wienercafé, das sich in der Kriegszeit als
Flüchtlingsnest einen Namen gemacht hatte. Dort gab es an den Fenstern
vorne kleine Tische. Und der Vorhang hing erst dahinter. Ein
Schriftsteller konnte also den Vorhang ziehen und war dann gegenüber
dem Betrieb im Lokal abgeschirmt. Er schien sozusagen auf der Strasse
zu sitzen, war aber durch die Scheibe von den Passanten geschützt. In
diesen Nischen sind wohl einige Romane Zürichs entstanden. Und man
sagt, dass auch Max Frisch früher das Café Odeon oft besucht hätte. Zu
meiner Zeit war dem nicht mehr so. Zu meiner Zeit hatte Frisch schon
einigermassen Geld und pflegte sich ins noble Restaurant gegenüber
zurückzuziehen. Gelegentlich besuchte ich mit einem neuen Buch das
Café am Rindermarkt ganz in der Nähe des Kunstmuseums und des
Schauspielhauses. Das war ein grosses, übersichtliches Café, das
regelmässig gut besucht war. Die Universität war nicht weit, und es
verkehrten auch Studenten dort. Und gleich im Stock oberhalb war das
Sozialarchiv untergebracht, wo wir gelegentlich nach Literatur
suchten.
Du siehst: ich habe oft in Antiquariaten Bücher gefunden und gekauft.
Aber wenn ich noch den Preis zuschlage, den mich der anschliessende
Kaffee gekostet hat, so bin ich kaum sehr billig gefahren. Aber es war
eine gute und anregende Unterhaltung.

Ach wirklich, jetzt ist daraus ein echt langes Mail geworden, wo ich
doch den Eindruck hatte, ich wüsste kaum, was erzählen. So kann man
sich zur Decke strecken ...

MlG

Donnerstag, 26. April 2012

*smile*



date 2 May 2006 07:16
subject Re: *smile*


(ungekürzt)


Liebe Malou
Heute haben wir schönes Wetter. Lustig, wenn ich dir den Wetterstand in unserer Region mitteile, kommt mir immer Bonnard in den Sinn. Man hat von ihm Agendas gefunden voller Beschreibungen des täglichen Wetters. Er war offenbar ein Meterologe. Jeden Tag hat er den Stand der Wolken, der Temperatur und der Winde registriert. Schwer zu sagen, für wen er dies gemacht hat. Er hatte ja offenbar ein schwieriges Verhältnis zu seiner Frau. Hiess sie nicht Marthe? Aber die Bilder sind schön, poetisch und die graue Realität in schönsten Farben transzendierend. Ich habe immer gestaunt, wie wunderschön diese Bilder wirken angesichts der Tatsache, wie unzulänglich (kann man das sagen bei diesen Bildern?) sie technisch gemalt wurden. In den Agendas sieht man, dass Bonnard ein guter Zeichner war. Aber in den Ölbildern vernachlässigt er das Zeichnerische zugunsten des Malerischen, dh. der Farben und ihrer gegenseitigen Wirkungen. Die Bilder oszillieren geradezu. Ich hatte mal Monet als mein malerisches Idol. Und als diese Bewunderung nachgelassen hat, da wendete ich mich Bonnard zu. Ich hatte einen uralten Ausstellungskatalog des Kunstmuseums Zürich gefunden und war begeistert. Er war ein sogenannter 'Intimiste', hat viele private Innenräume, sogar Badezimmer etc. gemalt.
Ein Bild Bonnards hat mich immer wieder begeistert. Ich erinnere mich nicht mehr, wie der Titel war. Aber es ist ein frühes Bild und zeigt seine Familie am Sonntag Abend im Garten. Das schöne Licht, die Figuren in der Natur: jeder mit seinen eigenen Hobbies beschäftigt, so muss man sich wohl das Paradies vorstellen.
Bonnard war - so glaube ich - Jurist von seiner Ausbildung her. Ich hoffe, dass ich in meiner Pension noch mehr von meinem Realismus wegkomme. Ich hänge sehr an der Realität. Aber wenn man Bilder malt, darf man die Realität nicht zu wörtlich nehmen. Sie ist doch - alles in allem - eher etwas grau.
Natürlich liegt der Reiz von Bonnards Bildern auch darin, dass er sie im südlichen Licht der Côte d'Azur gemalt hat. In einer solchen Athmosphäre entstehen eben andere Bilder als in nördlichen Regionen. Und die gemalten Damen erscheinen in aufwendiger Mode mit den tollen Hüten um die Jahrhundertwende. Ich glaube, Bonnard hat tagelang an seinen Leinwänden gepinselt, geschabt, gekratzt, um dann wieder neu zu pinseln, zu schaben und zu kratzen. Er war wohl ein reiner Ästhet und ein Maniac.

Ach ja, und jetzt haben wir wieder Anfang Woche und sitzen im Büro !! (Wir, dh. natürlich wir Werktätigen, und nicht Pensionisten und Lebenskünstler). Wie schnell auch solche Wochenenden vorbei sind !! Weshalb gibt es kein Instrument, um die Zeit aufzuhalten, sie ein bisschen zu dehnen? Dies sollte man doch endlich erfinden. Früher hatte ich geglaubt, man könnte die Zeit verlängern, indem man sie langweilig gestaltet. Das ist doch auch eine Empfehlung von Pessoa. Er meint, wenn sich im Leben nichts regt, wird das kleinste Ereignis zum Abenteuer. Na ja, damit will er gerade erreichen, dass das Leben nicht allzu monoton ausfallen wird.
Wenn man ein Wochenende monoton und ereignislos verlaufen lässt, dann erscheint es lange. Wenn allerdings ein Wochenende voller Erlebnisse und Ereignisse im Vollzug sehr kurz erscheint, dann wirkt es dagegen im Rückblick lang und reich. Was also soll man tun. Ist der Vollzug wichtiger oder die Erinnerung daran? Seneca plädiert für den Vollzug.

Und jetzt muss ich an die Arbeit. Trotz des schönen Wetters. Wir werden sehen, was aus einem solchen Dienstag wird, der doch eigentlich ein Montag ist. Montage wären nur halb so schlimm, wenn sie Ende Woche stattfinden würden ! Wer hatte diese Idee, die Woche mit dem Montag anzufangen ? Er hat damit seinen Mangel an Fingerspitzengefühl gezeigt. Ach, was palavere ich da dahin. Es ist so wie es ist.

MLG
...

Dienstag, 24. April 2012

Meilenstein der Geschichte


den 17 april 2003 21:02
Re: Gründonnerstag

Liebe Marlena

Noch immer sitze ich im Büro. Ich bin nochmals zurückgekehrt, um die Sache mit der Neuanstellung zu regeln. Wir haben unsere Wahl gemacht, aber dann hat die Kandidatin geantwortet, dass sie es sich noch überlegen müsste, weil sie noch eine andere Offerte hätte. Das hat mich etwas überrascht und ich habe mich geärgert, dass ich sie nicht gleich nach der Vorstellung danach gefragt hatte. Aber sie hat schliesslich zugesagt, wie ich es auch von ihr erwartet hatte. Ich kenne ihre Mutter und ihren Grossvater. Und ich hatte ihr diese Chance gerne gegeben, aber ich durfte vor meinen Leuten nicht zu offen zeigen, dass ich ihre Familie kenne. Das würde zu schnell nach Nepotismus riechen. So war ich froh, dass sich das Team in Basel auch für sie als erste Wahl entschieden hat.

*

Und dann wollte ich über diese Tage einen kleinen Artikel schreiben über die Entzifferung des menschlichen Genoms. Politiker und Wissenschafter haben das kürzlich lauthals gefeiert als Meilenstein der Geschichte und Versprechen für eine gesündere Menschheit in Zukunft. Das klang alles etwas blauäugig, wie wir sagen. Wenn man denkt, wie viele Probleme daraus entstehen. Ich muss diese neuen Fakten für mich ein bisschen verarbeiten, und am besten geht das, wenn ich darüber schreibe. Und natürlich muss ich Vorsicht geben, dass ich nicht zu pessimistisch bleibe. Für junge Leute ist die Meldung sicher ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, auch wenn wir alle wissen, dass die Vergangenheiten stets besser waren, auch die vergangenen Zukünfte. Man liest grosse Dinge über diese Genom-Geschichte.

Ein Journalist zitiert jenen Gedankengang Freuds, wonach die Menschheit in der Vergangenheit drei schwere Kränkungen hat erleben müssen: 1. Das kopernikanische Weltbild, d.h. die Einsicht, dass unsere Erde nicht das Zentrum unserer Welt sei. 2. Die Einsicht Darwins, dass wir Menschen mit aller Kreatur verbrüdert und verschwistert sind, dass, mit anderen Worten, zwischen den Affen und den Menschen nur ein gradueller Unterschied bestehe, na ja, phänotypisch ein ziemlich grosser gradueller, aber genotypisch ein Unterschied von 1 oder 2%. 3. Schliesslich die Einsicht Freuds, dass nicht das Ich, sondern das Unbewusste ES Herr in unserem Haus sei.

Nun läuft aber die Entzifferung des menschlichen Genoms auf die Beleidigung Darwins hinaus. Mit den genetischen DNS Untersuchungen lässt sich empirisch die Verwandtschaft des Menschen mit allen Tierarten feststellen. Sogar der Vatikan hat zugegeben, dass an der These einiges dran sein könnte. Marlena scheint die letzte zu sein, die diese Theorie noch bestreitet. Wir haben hier in Zoo Basels einen bekannten Verhaltensforscher, der sich auf Schimpansen spezialisiert hat. Er behauptet, dass das genetische Material zwischen Mensch und Schimpanse sich nur in 1% Unterscheide. Die 99% des genetischen Materials ist gemeinsam. Sie sind - mit anderen Worten - unsere kleinen Brüder.

Die Entzifferung des Genoms wird von einem Wissenschafter als vergleichbar mit der Erfindung des Rades oder mit der Mondlandung gefeiert. Nun ja, nun ist allerdings das Rad und die Mondlandung nicht leicht zusammen zu bringen.

Du siehst, ich bin in dieser Genom Geschichte tief verwickelt. Aber es ist natürlich zur Zeit ein grosses Thema, und die Klon-Versuche, sogar jene von Menschen, hat grosse Diskussionen provoziert. Es werden da noch wilde Zeiten auf uns zukommen. Der deutsche Philosoph Slooterdyk hat vom 'Menschenpark' gesprochen, ein grässlicher Begriff, der viel Unruhe gestiftet hat.

Ich wünsche Dir trotzdem schöne Ostern.

Mit lieben Grüssen
...

Dr. Phil?


Datum: den 17 april 2003 10:46

Lieber ...,
Alle deine Mails sind in meinem Gechmack, das weisst du doch. Das vorige war ja auch kein Mail, sondern nur ein kleiner Gruss.
Ich geniesse die Sonne auf der Terrasse heute. Es ist etwas windig - Nordwind der eigentlich ziemlich frisch ist - aber trotzdem spüre ich die wärmenden Strahlen auf der Haut. Und wenn ich die Augen schliesse, kann ich mir vorstellen, dass statt Acker und Felder ein grosser See vor mir liegt. :-)
Ich sehe, du wirst keine Probleme haben auch im hohen Alter das Leben zu geniessen. Ich hoffe du wirst mir helfen dasselbe zu tun.

Gestern hörte ich ein Radioprogramm über DR.Phil Man hat verschiedene schwedische Psychologen, vor allem Jugend- und Kinderpsychologen, gefragt was sie von ihm halten. Ich hatte erwartet, dass sie ihn ein wenig als Charlatan bezeichnen würden und sich kritisch über ihn äussern würden. Aber keineswegs. Zwar fanden sie seine Art etwas auktoritär aber sie bewunderten ihn sehr. Eine Psychologin sagte, dass sie immer seine Programme sieht und wenn sie es nicht kann dann nimmt sie sie auf Video auf. Wirklich, ich glaube sie versuchen es ihm nachzumachen. Ich war wie gesagt ziemlich überrascht über die Reaktion dieser Psychologen.
*
Überall in den Zeitungen liest man über den Film "Hours" und was damit zusammenhängt. Ich werde dir noch mehr davon schreiben, wenn ich mehr Zeit habe.
Jetzt grüsse ich dich lieb und wünsche dir einen schönen Gründonnerstag.

Marlena

Sonntag, 22. April 2012

date 9 December 2005

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date 9 December 2005 14:38
subject Re: "Meine Augen trinken nicht Wasser"


Liebe Malou

Einen Purzelbaum habe ich geschlagen. Denn halbwegs hatte ich dich bereits für verschollen erklärt. Vielleicht eine Krankheit? Ein Unfall? Bloss ein Defekt am PC? Vielleicht ein häusliches Drama?
Ich hätte daraus hundert Romane schreiben können. Du bist mir zuvorgekommen ...
 ...
Ich habe mich einigermassen erholt von meiner Grippe. Aber der Husten ist noch da und damit kann ich immer noch zarte Jungfrauen und dünne Tännlein umhusten. Und die Bernhardiner denken, ich spreche einen seltenen lokalen Dialekt, vielleicht von der Südseite des Grossen St. Bernhard?
..
Heute Morgen hatte es ein wenig Schnee auf den Wiesen, nicht viel, vielleicht einen knappen Zentimeter. Aber es ist doch der Eindruck entstanden, es könnte Dezember sein. Und gestern hatte ich mein Weekly verpasst. W hat mir noch ein Geburtstagsgeschenk gebracht und ins Türgitter geklemmt. Ein Buch mit dem Thema: Der Tod. Er erspart mir nichts, mein Freund.

Von den Tauben auf dem Dach gegenüber gar nicht zu reden.

Schöne Grüsse
...

Samstag, 21. April 2012

Tall talk


                                            winterliche Landschaft -  Januar 2008

date:      29 January 2008 07:38
subject:  tall talk


Liebe Malou
Lass mich dir wieder einmal ein ausgewachsenes Mail schreiben. Ich
glaube, heute morgen habe ich Lust und ein bisschen Zeit dazu.
Immer, wenn ich mir dich vorstelle, sehe ich dich still in einem
warmen Häuschen in winterlicher Landschaft. Du bist am Fersehen, am
Bügeln, Telefonieren oder Lesen vielleicht. Du bist still und
zufrieden in deiner gemütlichen Situation. Und K stelle ich mir vor
irgendwo in einem anderen Raum, mit irgendwas wie PC, TV oder einem
anderen Projekt beschäftigt. Aber es ist alles ruhig und friedlich und
geht seinen gewohnten Gang, ohne Aufregung, ohne zu grosse
Überraschungen. Du hast es doch gut Malou, nicht wahr?

Und ich bin beschäftigt durch und durch. Gestern, als ich nach
sovielen Krankheitstagen wieder zurück im Büro sass, war mein Pult
voll von Papieren und laufenden Projekten und Dingen. Das ist das
Schlimmste an Krankheiten, auch an Ferien, dass man in solch
überhängende Situationen zurückkehren muss, wo alles schreit nach
Erledigung und Erledigt-sein.  Aber ich glaube, es ist nicht so
schlimm. Man darf auf dieses Schreien nicht allzu genau hinhören. Man
darf sich davon nicht nervös machen lassen. Das würde rein gar nichts
bringen.
Und so versuche ich einfach, die Dinge, die anstehen, zu erledigen.
Vielleicht haben wir Männer die dumme Angewohnheit, dass sie bei all
ihren Dingen, die sie zu tun haben, den Eindruck geben wollen, es sei
etwas Grosses, Wichtiges, Dringliches und Einzigartiges. Ja, das
glaube ich irgendwie nach all den Jahren, dass wir Männer uns mit
diesen Tätigkeiten und Pflichten selbst beschweren und selbst erhöhen
wollen. Deshalb machen wir sie schwierig und wichtig und dringlich und
weiss was alles. Unsere Gefühle dienen dazu, die Geschäfte
aufzublasen, mit denen wir zu tun haben. Ich sehe das bei meinem
Mitarbeiter. Bei ihm ist es überdeutlich. Jedes Mail, das er schreibt,
versieht er mit dem Zeichen "besonders wichtig". Jedes! Ich bin nicht
so. Aber ich bin eben auch ein Mann, also werde ich diese Angewohnheit
auch ein bisschen mit mir tragen.
Was wäre wenn es anders wäre. Wir Männer würden uns unwichtig,
leichtgewichtig, unbedeutend, unwürdig vorkommen. Es würde uns die
Bedeutung fehlen, die wir uns im Kontakt mit anderen Leuten wünschen.
Wir könnten ja dabei nicht über schwierige, dringliche, wichtige und
bedeutende Dinge erzählen, womit wir gerade beschäftigt seien. Ja, wir
wären so leicht und unbedeutend, dass jeder Windstoss uns dahinblasen
könnte.
Ich habe in den paar Tagen, da ich zuhause lag und meine
Lungenentzündung auskuriert habe, gezeichnet. Die Zeichnungen sind
klein. Aber ich habe sie mit Stiften koloriert. Vielleicht kann ich
ein paar davon scannen, dann werde ich sie dir zeigen? Sie sind so wie
damals die Zeichnung mit der Dame, die bügelt, und mit den armen
Seelen an der Wäscheleine. Erinnerst du dich? Anna hatte dich gefragt,
ob du das seist, diese Dame, die da einigermassen elegant auf Stand-
und Spielbein die verknitterten Sprechblasen bügelt. Ja, das ist nun
auch schon wieder einige Jahre her. Ach, wie die Zeit vergeht. Und auf
gar keine Weise lässt sie sich stoppen oder auch nur bremsen!!

Nächste Woche habe ich Ferien. Hier in der Gegend wird Fastnacht sein.
In Basel selbst kommt sie dann eine Woche später. Ich selbst will in
diesen Ferientagen noch meinen Keller durchsehen.
Ich habe dort noch einige Kisten mit Büchern und Dingen, die ich
vielleicht auspacken sollte. Du siehst Malou, ich bin auch nach einem
Jahr noch nicht 100% eingerichtet. Aber ich muss auch dafür sorgen,
dass ich nicht zuviele Dinge in meine engen vier Wände stelle. Ich bin
schon heute an der obersten Grenze. Ich mag das eigentlich. Aber es
wird alles ein wenig eng. Das schlägt sich mit der Zeit auf die Seele
nieder. Wahrscheinlich sollte ich einige Bücher weggeben. Aber ich
habe ungeheure Schwierigkeiten damit. Es gibt viele Bücher, von denen
ich weiss, dass ich sie niemals mehr in meinem Leben werde lesen
können oder wollen. Und dennoch macht es mir Mühe, sie einfach so
wegzugeben. Ich habe sogar etliche, um nicht zu sagen viele, die ich
noch nicht gelesen habe. Darunter sind zahlreiche Bildbände über Maler
aus den verschiedensten Stilepochen. Ach, es ist verrückt, wenn man
Bücher auf Vorrat kauft. Es ist wirklich verrückt. Ein Freund von mir
hat das Prinzip, dass er alle Bücher, die er gelesen hat, schliesslich
weitergibt. Er schenkt sie Bekannten und Freunden in der Hoffnung,
dass auch sie sie lesen würden. Er hatte mir vor einigen Jahren auch
eins gegeben. Aber ich habe es nocht nicht gelesen. Vorne drin steht
geschrieben "Kreta" und eine Jahrzahl. Wahrscheinlich hatte er den
Band in den Ferien am Meer gelesen. Und natürlich findet man ein Buch,
welches man am schönen Meeresstrand in wundervollem Sonnenschein
lesen kann, ein besonders gutes Buch. Eigentlich sollte man diesen ersten
Eindruck durch eine zweite Lektüre an schweizerischen Regentagen
nochmals testen. Bestimmt wirkt die Geschichte dann ganz anders. Aber
er hatte es gut gemeint mit mir. Vielleicht werde ich es mir ja noch
vornehmen. Es ist ein italienischer Autor und heisst irgendwie "die
Entstehung der Welt von Gott geschrieben" oder so ähnlich. Ist das für
eine Katholikin nicht ein bisschen blasphemisch?

Jetzt will ich langsam zu einem Ende kommen, sonst wird das Mail zu
schwer und gewichtig und bedeutsam.
Ich wünsche dir einen feinen Tag Malou
Mit lieben Gs und Ks
...

(R)

Freitag, 20. April 2012

Auch du..

date 20 April 2006 07:25
subject Re: Auch du



Liebe Malou
Besten Dank für die Literaturvorschläge. Ich kenne diesen Battegay. Er ist der Sohn des bekannten Basler Psychiatrieprofessors, der, als ich noch studierte, eine Kapazität gewesen war. Doch ich mag nicht solche Bücher lesen. Ich sollte eher wieder mal in einen ärztlichen Check. ich hatte mir vorgenommen, dies im Frühling zu machen. Aber eben, der Frühling ist lange. Hat er eigentlich schon begonnen?

Ich habe diese Woche wieder mal ein Weekly mit Walter vor. Es ist jetzt einige Zeit, da wir uns nicht getroffen haben. Ab und zu mailen wir. Aber er ist wirklich sehr beschäftigt. Und über Ostern hat es sosehr geregnet, dass ich für einen Spaziergang absolut keine Lust hatte. Aber am Freitag wollen wir wieder mal unseren Weg unter die Füsse nehmen. Wir kommen dort jeweils an einem Golf-Uebungsplatz vorbei. Sonst aber geht es meist dem Wald entlang. Es ist ein guter Weg, und Lili scheint ihn zu mögen.

Meinem Vater geht es bestens. Er lebt allein in seinem Haus. Meine Schwester und S haben sich darin aufgeteilt, täglich vorbei zu gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Sein Gedächtnis lässt zwar nach, aber sein Appetit ist noch immer in bester Form. Onkelchen haben wir in letzter Zeit nur selten mehr besucht. Er ist still geworden. Wenn man vorbeigeht, kann man nur mehr etwa 15 Minuten mit ihm plaudern. Das ist wenig für eine Stunde Hin- und Rückfahrt.

Habe ich dir schon erzählt? Am 1. Mai habe ich mein 25 Jahre Jubiläum in dieser meiner Arbeitsstelle. Ist das nicht verrückt? Keiner sehnt sich nach einem solchen Anlass. Und es ist ein bisschen ähnlich, als ob man in ein Offside hinein laufen würde. Man gibt sich zwar Mühe, sieht aber doch nicht mehr so top aus. Und vor allem, noch die schönsten Tore werden nicht mehr so geschätzt. Ach, wenn ich zurückdenke! Ich kann mich erinnern, dass mein damaliger Chef apodiktisch geäussert hat, in seiner Direktion gebe es nur ein Projekt auf einmal. Er wollte, im Sinne der Ordentlichkeit, dafür sorgen, dass ein laufendes Projekt erst abgeschlossen werde, bevor ein neues in Angriff genommen würde. Und heute? Heute gibt es bestimmt 20 oder 30 Projekte gleichzeitig. Lustig ist auch, sich daran zu erinnern, wie die damaligen Akten ausgesehen haben. Die Psychologen hatten ihre Berichte in die Schreibmaschine mit 5 Durchschlägen auf hauchdünnes Papier gehackt. Die Os und Ds waren völlig ausgestanzt. Und in den Mappen lagen dann 4 solche Berichte als Reserve. Man konnte noch nicht fotokopieren. Erst zu meiner Zeit war das möglich. Doch die Kopien waren grau und vertikal geschmiert, wie man sie heute nicht mehr akzeptieren würde. Und die Psychologen waren ziemlich überheblich. Wenn ich Aktennotizen meines Vorgängers lese, muss ich laut lachen. Er hat sich manchmal wirklich wie der liebe Gott gebärdet. Da sind wir heute doch ziemlich bescheidener und selbstkritischer geworden. Doch damals, das war die Pionierzeit der Psychologie. Sie konnten tun und lassen, wie sie gerade wollten.

Ich habe immer noch Ferien. Und heute wird ein schöner und sonniger Tag werden. Ich habe eine Beige Diplomarbeiten der Fachhochschule erhalten, die ich als Experte 'gegenlesen' muss. Das braucht seine zeit. Ich glaube, ich klemme mir das Papier unter den Arm und lese die Dinge an einem gemütlichen Ort in Basel.

Ich wünsche dir eine gute Zeit
MLG

meine Mädchen

(ungekürzt)

 19 april
 post scriptum

Liebste Mausgeliebte
Ich bin nicht sonderlich zufrieden mit dem, was ich über A geschrieben habe. Ich war nicht richtig in Stimmung, gestern vor allem nicht. Und dazu habe ich es in zwei Portionen geschrieben. Da verliert man etwas die Orientierung.
Auf jeden Fall erinnere ich mich an die Zeit, da ich mit meinen Töchtern zum Beispiel am Samstag für Besorgungen in die Stadt ging. Je an einer Hand so ein Kinderhändchen. Erinnerst du dich, wie sich so ein Kinderhändchen anfühlt? Und wie die Kinder sich dir ganz hingeben mit ihrer kleinen Hand? Dieses volle Vertrauen, das habe ich immer genossen. Und wenn wir so dahin gegangen sind, habe ich mit Vergnügen wahrgenommen, wie bei Leuten, die mich kannten, die Augenwinkel hoch gingen, wenn sie uns gesehen haben. Dieses Lächeln, das auf ihren Gesichtern aufgetaucht ist, das habe ich dem Charme meiner Mädchen zugeschrieben. Sie waren wirklich zwei hübsche und lustige Mädchen. Ich schicke dir mal ein Foto, wie sie bei uns vor dem Haus im Brunnen stehen und so tun, als ob die Welt ihnen gehörte. Ich glaube Kinder sind sehr wichtig auf dieser Welt. Sie machen uns Erwachsenen, die wir sosehr mit der Härte und den harten Tatsachen beschäftigt sind, wieder weich und heiter und lockerer. Sie lassen uns ein bisschen schmelzen, wenn wir in die Kinderaugen schauen oder zuschauen, wie die Kleinen agieren. Und immer bin ich schnell begeistert bei Mädchen. Sie wirken auf mich oft so keck und wach und verantwortungsvoll, wie die Buben das selten sind. Ich denke es immer wieder.
Ich habe meinen Töchtern jeden Abend eine Geschichte erzählt. Eine Zeit lang habe ich sie sogar aus dem Stegreif erfunden. Doch ich war nicht so geschickt wie meine Mutter, die bei Veronika aus den Tagesereignissen eine Geschichte erzählt hat, um sozusagen zu erziehen. Ich erzählte oder las, was ich so fand, kaufte Bücher, liebte es, die Geschichten zu erzählen, die schon wir einstmals gehört hatten. A war immer vom ersten bis zum letzten Wort aufmerksam dabei, fragte gezielte Fragen und ich bin sicher, wenn ich schon weg war und das Licht gelöscht war, lag sie immer noch wach und dachte an den Dingen herum. Sie war immer eine Langsameinschlaferin. Im Gegensatz dazu B. Sie tollte den ganzen Tag in der Gegend herum, und nach ein paar Minuten Geschichte fragte sie um Erlaubnis, die Augen schliessen zu dürfen. Dann war sie nämlich weg, in 0,0 Zeit war sie weg. Sie war ein süsses Kind mit viel Spontanität und mit kecken Sprüchen. Sie konnte losbrüllen, sie konnte sehr lieb sein, sie konnte Schokolade klauen und hinter dem Büchergestell verstecken, sie hat wirklich den gesamten kindlichen Spielraum ausgenutzt und durchgespielt. A war dagegen ein Mustermädchen. Und B hatte immer hübsche körperliche Proportionen. Sie war nicht zu dünn und nicht zu dick. Sie war nicht zu weich und nicht zu hart. Sie war genau richtig, ein Kind, das man an sich drücken konnte und das es auch liebte, gedrückt zu werden. Sie konnte richtig dahinschmelzen. A war in diesen Situationen eher ein bisschen steif. Wir haben mal gespielt, wir würden einen Einbrecher im Haus überwältigen. Es war abends, und der Kleiderständer warf einen Schatten, dass man hätte denken können, es wäre ein Einbrecher. Wir bewaffneten uns mit Kleiderbügel und Besen und Kelle und pirschten uns vorsichtig im dunkeln Zimmer an diesen Kleiderständer. Und zum Schluss attackierten wir ihn mit einem riesigen Geheul. Und B war kaum mehr zu bremsen, sie hätte diesen Kleiderständer am liebsten geköpft und zu Pulver gemacht. So war sie in Fahrt. Sie ist sehr begeisterungsfähig. Doch von B will ich dir ein andermal erzählen, Marlena.
Wo findest du Gemeinsamkeiten zwischen A und Anna? Auf dem Foto, das du geschickt hast, sieht Anna ganz und gar erwachsen aus. Es ist auch schön in diesem Alter, wenn man mit ihnen vernünftig diskutieren kann und wenn sie einem gewisse Dinge abnehmen, einfach zum Zeigen, dass sie schon selbständig sind. Und mit Anna hast du dazu noch ein "lebendes Manual", das muss ja ein richtiger Goldschatz sein. Lässt du sie abends auch allein aus dem Haus, in eine Disko oder so? Unsere gehen fast jeden Freitag Abend in ein Jugenddancing in Basel. Sie haben beide diese Hip Hop Tanzkurse gemacht. Und darum lieben sie es, zu Tanzen und sich auch ein bisschen zu zeigen. Man sieht ihnen natürlich an, dass sie sich ein bisschen gewandter und rassiger bewegen als andere. Das ist besser als irgendwo scheu in einer Ecke herumzustehen und abwarten, was die Buben machen, und womöglich Zigaretten zu rauchen. S muss sich zwar immer wieder überwinden, sie gehen zu lassen.Eigentlich würde sie am liebsten mitgehen, denn sie tanzt auch fürs Leben gerne. Aber die Kinder setzen sich durch. Und ich selbst war ja so frei gewesen in ihrem Alter, ich musste nicht einmal fragen, ob ich weg dürfe oder nicht. Ich zog einfach los. Und weil ich diese Zeit damals sosehr genossen habe, so möchte ich, dass meine Töchter sie auch geniessen. So erlaube ich ihnen ohne viel zu überlegen. Es ist gut, während der Woche hart zu arbeiten, und am Wochenende sozusagen die Sau loszulassen, etwas saloppe gesagt. "Harte Wochen frohe Feste", haben sie in unserer Schule stets gesagt.
S durfte natürlich in Teheran nicht allein weg. Sie musste immer zusammen mit einem ihrer Brüder gehen. Und wenn sie allein an Partys war, wurde sie vor zwölf wieder vom Vater abgeholt. Sie sagt, sie hätte ihren armen Vater manchmal erwürgen können. Doch er hat überlebt, wie ich dir versichern kann, Marlena. Er hat mit knapper Not überlebt.
Es ist ja merkwürdig, und du wirst es vielleicht kaum glauben. Doch an diesen Partys in Teheran, die Frauen und Mädchen waren oft äusserst raffiniert angezogen, es war für mich sehr erstaunlich. Oft haben sie viel mehr gezeigt als eine Frau in Europa zeigen würde. Und ich konnte mir das nur erklären, weil die sozialen Regeln sehr streng geregelt waren. Es gab keine zweideutigen Situationen. Jeder wusste, was er durfte und was er nicht durfte. Der Mann durfte nicht einmal allzu lange hinschauen. Ich war vielleicht der einzige, der richtig hinschaute, so wie ich es in Europa gewohnt war. Diese Regeln, so dachte ich mir, waren ihre §§, also ihr Schutz. Und in diesem Schutz konnten die Frauen sehr grosszügig sein und mit ihren Reizen spielen. Und die Frauen waren dort überaus hübsch, ja eigentlich schön, so dass mir gelegentlich das Wasser im Munde verdampfte
*
Ich bin froh, dass mein Mail zur rechten Zeit bei dir war und dass ich dich so etwas trösten konnte. Man sollte immer irgendwie so ein Reservemail auf Lager haben, das man in einem schlimmen Moment herausziehen und lesen kann. Könnten wir eigentlich machen. Und damit wir es nicht vorher öffnen, müssten wir erst beim Arzt ein Rezept holen, ein slüzzelin.
*
Nun denn, meine liebste Mausfreundin. Ich muss an die Arbeit. Und du bist jetzt dran. Ich warte schon in Sehnsuche auf dein neuestes Mail. Und ich bin sicher, du bist schon am tippen. Oder bist du immer noch beim Unkraut. Soviel Unkraut kann es um diese Jahreszeit noch nicht haben. Das wäre eine echte Notlüge.
Ich küsse dich, wenn du mich lässt.
K+G
...


(den 19 april 2000 13:50 )

Mittwoch, 18. April 2012

Das Bild Bruegels ...



Das Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht eines der schönsten Bilder europäischer Kultur? Ich glaube, Bosch hat auch irgendwo so ein Riesending gemalt. Und es ist ästhetisch in diesem Zweifel zwischen Optimismus und Pessimismus. Ist es eine Ruine oder bloss eine Baustelle? Wird noch gebaut oder wird schon abgebrochen? Geht's hinauf in den Himmel oder geht's doch eher zur Hölle? -- Manchmal, wenn ich Zeit habe, zeichne ich gelegentlich Cartoons. Und eine meiner Ideen war es vor einiger Zeit, diesen Turm Bruegels zu zeichnen, den fast jeder kennt, und dahinter ein riesiges Hochhaus, das noch um Einiges höher ist und weit über die Wolken hinausragt, auf dem die Reklame leuchtet: CONSULTING. Das finde ich einen guten Einfall, und du? Ich habe das Bild damals einem Freund geschenkt. Er ist Professor an der Universität Zürich und hat ein eigenes Institut zur Integration der Fakultäten und fachlichen Perspektiven. Er war begeistert und hat meine Zeichnung auf einen Regenschirm kopieren lassen, um sie jetzt den Leuten zu verteilen. Ich muss zwar sagen, dass die Zeichnung auf dem Schirm wirklich nicht mehr gut aussieht. Aber seine Begeisterung hat mich doch gefreut.

Der Turm Bruegels ist schon ein Renaissance-Turm, gross und die Welt sprengend. Eine wahre Attacke gegen Gott, gotteslästerlich, wie die Aufklärung auch, in ihren letzten Konsequenzen. Die mittelalterlichen Türme der Gotik sind dagegen bescheiden und brav, sehr menschlich und subaltern, runde Türmchen meist, die den Anschein des endlosen gottergebenen Zerfalls haben. Sie sehen in unseren modernen Augen ziemlich romantisch aus. Die Türme der Renaissance dagegen sind wie Capes Canaverals, hybride Installationen, die die Welt aus den Angeln zu werfen gedenken. Eigentlich sind sie skandalös. Aber schön! Ich liebe das Bild sehr, denn es gibt den Eindruck einer göttlichen Übersicht. Vom Himmel schauen wir hinunter auf diese Welt (dieser Gesichtspunkt ist vielleicht noch mittelalterlich und traditionell). So muss die Sache für den lieben Gott ausgesehen haben, als der Montag morgens das Fenster öffnete, um sein Bettzeug zu durchlüften und sein Nachthemd auszuschütteln. Wahrscheinlich ist er ziemlich heftig erschrocken, eine solchen Backsteinhaufen vor seinem Schlafzimmerfenster vorzufinden. „Skandalös", muss er in den langen Bart gemurmelt haben, und irritiert nach Petrus geleutet haben. Die babylonische Sprachverwirrung kann man durchaus als Rache Gottes gegen die menschliche Hybris verstehen. Aus Sicht des Allmächtigen ist wirklich nicht einzusehen, warum die kleinen Dinger, die Menschen, jetzt plötzlich in den Himmel klettern sollten?
...
 (R)

28. Februar  2000

Dienstag, 17. April 2012

Warum denn auch?

(R)

Liebe Marlena
Weißt du, was es ist? In der normalen Alltagsehe vermisst man die Komplimente. In einer virtuellen Mausfreundschaft gibt es jede Menge davon. Vielleicht ist dies eines der Geheimnisse?
Ich hoffe, dass unser Kontakt uns beide von innen erleuchtet, so dass wir, du in Stockholm und ich hier, für unsere Familien und unsere Leute der Umgebung eine geheinmisvolle Serenität (Heiterkeit, ich hab das deutsche Wort im Wörterbuch nachgeschaut) ausstrahlen können. Das ist doch ein guter Zielparagraph für unseren Kontrakt, nicht wahr? Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das blendend!
Mit einem lieben Gruss und zwei Küssen
...

Re: Warum denn auch?

Lieber Mausfreund!
Ist das ein Kontrakt für unsere "Internetfreundschaft"? Diesen
Paragraphen kann ich voll akzeptieren :-) Es darf nie etwas
Negatives für unsere Nahstehenden bedeuten. Tut es ja auch nicht.
Im Gegenteil, es ist wie du sagst, wenn man Liebe erhält kann man
auch Liebe verschenken.

Den einen Kuss schicke ich dir hiermit zurück!
Brauche doch nur einen ;-)

Wünsch dir noch einen schönen Abend und vergiss nicht
deiner Tochter zu gratulieren! War es nicht heute?

Machs gut, mein Mausfreund

PS Der Brief mit der ûberschrift: Narcissmen enthält deine
Sturmwarnung. Natürlich habe ich sie missverstanden.
War doch nur platonisch gemeint. Oder vielleicht
platonisch getarnt?
Marlena
(den 28 mars 2000)

Montag, 16. April 2012

Montag Morgen

Subject: Perforationen...
Date: Mon, 28 Feb

Liebe Marlena

Heute ist Montag Morgen. Ich bin – halte dich fest – um 0600h auf den Zug gegangen. Es war noch stockdunkel. Die Fahrt nach  L dauert ungefähr 10 Minuten. Alle im Zug haben noch gedöst oder geschlafen. Es waren vor allem Arbeiter, nehme ich an. Die Büroleute fahren erst um 0700 oder 0730h. Als ich dann ausgestiegen bin, war es immer noch dunkel und etwas kühl. Neben dem Bahnhof liegt ein altes Haus mit Garten. Dort haben Vögel gepfiffen, als ob Frühling wäre. Wahrscheinlich haben sie sich gegenseitig Mut gemacht angesichts der kühlen Morgenluft. Das kann man eben anthropomorph anschauen. In der Tat ist der biologische Sinn des schönen Vogelgezwitschers die Rivalität, die Konkurrenz, das grosse Prinzip der Evolution, kurz the struggle of life.

Aber zurück ins stockfinstere L. Ich habe also diese Vögel in den muntersten Tönen singen gehört und die goldene Morgendämmerung über den Bergen gesehen. Dazu ergab sich das Gefühl, einer der ersten zu sein (The first bird catches the worm, pflegte mein Englischlehrer zu sagen). Das ist kein schlechtes Gefühl für den Montag Morgen. Ich hasse es, der letzte zu sein. Das kann ich nicht ausstehen.

Wenn ich so früh um 0615h ins Büro komme, dann mache ich mir als erstes einen dunkeln Kaffee. Vorher geht gar nichts. Und als zweites habe ich dann deinen schönen Brief aus dem PC gezaubert. Das war wirklich ein feiner und auch ein lieber Brief, eine schöne Überraschung an einem verzwitscherten, mit Morgenrot gesegneten Februarmorgen! Es ist absolut fantastisch, so früh schon einen freundlichen Brief öffnen zu können! Ich danke dir dafür, liebe Marlena, er hat mich sehr erhellt und positiv gestimmt. Er hat geradezu gegen meine Erkältung gewirkt wie Alkazyl. Alkazyl ist mein Standardmedikament bei Halsweh, Erkältung, Fieber, Kopfweh und so weiter. Es wirkt fast gegen alles. Vielleicht nicht gegen Liebeskummer (maladie d'amour, wie du so schön gesagt hast). Im Grunde habe ich zwei Standardmedikamente: Alkazyl und Alkaseltzer. Zweiteres wirkt gegen Magenverstimmung, wenn man zum Beispiel zuviel getrunken hat. Mit diesen zwei Mitteln komme ich praktisch durch das Leben. Damit kann ich mich meistens retten. Und langsam werde ich in Zukunft nun also Alkazyl durch Marlenas Mails ersetzen. Die Apotheken werden protestieren, und die Ärzte werden bedenklich ihre Stirn in Falten legen. Aber das ist gut so. Du hast gesagt, mein Brief wäre eigentlich ein trauriger Brief. Ich habe weder bemerkt noch gewollt. Ich glaube nicht, dass ich wirklich traurig war. Dieser Vanitas-Gedanke ist eher intellektuell, nicht sehr gefühlsmässig. Ich war einfach ein bisschen krank und reduziert. Dass du mich angesteckt haben könntest, war ein Scherz. Und ein Glückspilz war ich eigentlich auch nicht, denn am Wochenende krank zu sein ist eben so schlimm, wie während der Sportferien krank zu sein. Wahre Glückspilze aber sind während der Arbeitszeit krank. Aber es war ziemlich gut, einen Moment in deinen Armen zu liegen. Ich habe den Brief eben nochmals durchgelesen. Vielleicht weiss ich, was du meinst. Doch darin ist vielleicht eher ein weltanschaulicher Pessimismus als eine wirkliche Traurigkeit. Camus war ein philosophischer Pessimist, aber bestimmt kein trauriger Mensch. Oder irre ich mich da? Nun, ich bin natürlich kein Camus. Ich bin nicht in der mediterranen Sonne Algeriens aufgewachsen, die dir Vitamine gegen die Traurigkeit einzuimpfen pflegt. Nein, das bin ich wirklich nicht. Und sicherlich habe ich auch gelegentlich meine kleinen Depressionen, die habe ich sicher. Aber bei diesem Schreiben habe ich es kaum bemerkt. Doch das will ich gerne zugeben, dass andere Menschen manchmal mehr sehen und mehr merken als der Betroffene selbst.
*
Das Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht ...

Sonntag, 15. April 2012

Warnung!

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Liebe Marlena
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Ich muss dich warnen, echt! Heute morgen habe ich an diesem Fotoautomaten ein paar Bilder geknipst, dh. die Maschine macht das ja selbst. Du fühlst dich wie in einer Selbstschiessanlage an der deutschen Zonengrenze in der DDR. Es blitzt aus dem Hinterhalt, wenn du gar nicht bereit bist. Du bist nie bereit, wenn auf dich geschossen wird. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie ein bisschen erschreckt aussehen auf dem kleinen miserablen und schwarzweissen Passbild. Man kann sich fragen, ob sie dich mit einem solchen Bild überhaupt über die Grenze lassen. Wahrscheinlicher ist, dass sie dich verhaften an der Grenze, weil du wirklich sehr verdächtig und schuldbewusst aussiehst. Es ist wirklich nicht so wie dein Passbild, Marlena, das ein Bild von einem Fachmann zu sein scheint. Und wo du so locker und unschuldig dreinschaust, mit deinen lieben Augen und dem sinnlichen Mund. Diese Kombination allein packt mich schon. Aber das habe ich dir schon gesagt.

Also, ich hab ein paar Bilder schiessen lassen, mit diesem hinterhältigen Maschinengewehr, wo man bei jedem Schuss zusammenschreckt. Und ich habe mir für dich was Spezielles ausgedacht. Ich habe gedacht, ich möchte, dass du mich siehst, wie ich dich in Rom auf dem Leonardo da Vinci-Flughafen abholen würde. Also mit Borsalino, wie in einem Fellini Film. Manchmal spinne ich einfach ein bisschen, da musst du ein Auge zudrücken, meine Liebe. Ich finde einfach, man muss das Leben ein bisschen stilisieren, ab und zu, ein kleines Akzentlein setzen. Ich kann dir später gerne noch ein ganz normales und langweiliges Foto schicken. Aber zunächst mit dem Borsalino. Ich sehe darin aus wie ein Mafia Mitglied aus dem mittleren Kader. Mafia Boss würde ich jetzt nicht sagen, da müsste ich noch ein bisschen verhärmter aussehen und eine schwarze Brille tragen. Aber doch aus der Mitte, dem man noch nicht das ganze Verbrechen ansieht. Ich will dich natürlich im Moment nur neugierig machen. Das Foto muss zuerst ins Labor zu Walter, der wird es in komplizierten Prozeduren zurück in mein Box senden, und dann erst ist es soweit. Vielleicht reicht es noch, bevor du in die Ferien gehst.
...

Also, ich schicke dir diese Post, meine liebste blutrote Freundin. Ich wünsche dir nochmals einen schönen Tag. Und vergiss mich nicht, ich bitte dich.

:-)

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Gestern habe ich geschmunzelt, meine liebe Marlena. Du hast mir am Morgen gesagt, dass du aus dem Haus gehst und wann du am Abend zurückkommst. Das ist wie eine Internet-Ehe. Ich habe abends auf dich gewartet. Doch um halb sieben musste ich dann gehen. Ich habe angenommen, dass du sehr müde bist. Die ersten Ferientage machen einen oft mehr müde, weil man die viel Bewegung und frische Luft gar nicht mehr gewohnt ist.

Ich hoffe, eure 5. Jahreszeit ist bald um und der wirkliche Frühling kommt hervor. Hier bei uns blühen die Kirschen. Von denen gibt es hier in der Gegend sehr viele. Und die Bäume unten auf dem Platz, den ich aus dem Fenster überblicke, schlagen aus. Sie tragen schon ein feines Grün. Und die Jungen sind mit ihren Roller-Blades und den Skates unterwegs. Und sogar die alten Leute werden die Milde des Frühlings in ihren Knochen ein bisschen spüren.

Ich maile diese Portion. Dann hast du vielleicht was zum Kaffee. Oder bin ich schon zu spät.

Ich denke an Dich, meine ferne Mausgeliebte

i.M.

Samstag, 14. April 2012

Weshalb nicht Basel?

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                                       Basel                                  Foto: Chris

Ämne: Malou again 
(weiter)
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Weshalb macht Ihr Euren Ausflug nicht nach Basel? Seit Donalds Bildervortrag in Tschechien weiss ich, dass die Stadt ein absolutes Kultur-Konzentrat darstellt. Sie haben innerhalb von 27 Quadratkilimeter 30 Museen. Stell Dir das vor! Es gibt Museen wie Pfützen. Und es gibt eine feine Altstadt, die im Moment auch mit einem Weihnachtsmarkt überfüllt ist. Es gibt um die 5 oder 6 Buchläden. Na ja, das sind die, die ich kenne. Es gibt in der Umgebung mehr, zB. jenes nette kleine Buchlädelchen in Arlesheim, wo sie alles haben und wo du eine allerbeste Beratung bekommst, wenn du willst. Es gibt das hübsche Münster ob dem Rhein, mit dem Ausblick auf Kleinbasel und den Rhein. Dort oben spielt ein Teil meines Romans, den ich im Kopf habe. Na ja, halbwegs im Kopf. Es gibt das hübsche Café Schiesser, von dem man so gemütlich auf den alten Marktplatz hinunter sehen kann. Dort trinke ich eine Schokolade zur Lektüre der NZZ am Wochenende. Und es gibt das neue Theater, das der Stadt die Millionen weg frisst. Ach, man kann sich in Basel bestimmt wunderbar die Zeit vertreiben und in irgendwelchen romantischen Altstadtgässchen verloren gehen. Und wenn ihr im Radisson, in unserem Club-Hotel, wohnt, dann ist das bestimmt keine schlechte Absteige. Es gibt sogar ein Bad im Haus. Aber das Essen, wie Du Dich bestimmt erinnerst, ist nicht grossartig. Essen müsstet ihr in der Kunsthalle, Ss Lokal. Sie haben einen exzellenten bürgerlichen Service, lange schwere Tischtücher und einen riesigen Blumenstrauss in der Mitte auf dem Tisch. Man fühlt sich dort ein bisschen wie in jenen Restaurants, die man auf impressionistischen Bildern des 19. Jahrhunderts sieht. Und es liegt alles gleich neben dem berühmten Tingueli-Brunnen, diesem lebendigsten aller Brunnen, der gleich neben dem Theater dahinspritzt und -schleudert und -plätschert und immer viele Besucher anzieht. Wenn er im Winter eingefroren ist, gibt er bei Sonnenschein ein märchenhaftes Bild ab. Da müsstest Du Deine Kamera zücken. Natürlich könntet Ihr auch im Drei Könige übernachten, dem noblen Hotel am Rhein, in dem schon Napoleon und auch Goethe übernachtet haben sollen. Aber dort ist es noch eine Idee teurer und das Essen, was wir mal mit dem Club dort hatten, war nicht umwerfend. Zoe Jenny, die junge Basler Nachwuchsautorin, soll ab und zu dort eine Suite gemietet haben, um schreiben zu können. Sie ist ziemlich bekannt und ziemlich jung. Ich kann sie ein bisschen verstehen, dass sie sich mit aussergewöhnlichen Atmosphären aufzuputschen versucht. Vielleicht wiegt sich immer noch das Bücherschiff im Rhein, das gleich vor dem 3-Könige anzulegen pflegt. Auf diesem Schiff macht die Bibliothek, für die ich rezensiere, jährlich eine Ausstellung mit Kinder- und Jugendbüchern für Jugendliche, Kinder und Schulklassen. Es gibt dabei Reden, Vorträge, Wettbewerbe, kleine Theaterspiele und vieles mehr. Gar nicht zu sprechen von der hübschen Umgebung Basels … etwa den wunderschönen Rokoko-Dom in Arlesheim, mein Lieblingsstück, so süss, dass ich mir echte Caries geholt habe, die römischen Ausgrabungen in Augst, die netten Dörfer im Elsass, wo man schon französische Ambiance schnuppert und einen prima Gewürztraminer trinken kann.
Ach, ich bin sicher, Ihr würdet Euren Aufenthalt noch verlängern. Ich glaube nicht, dass ihr nach 3 oder 4 Tagen wieder in den kalten Norden heimkehren würdet. Ihr würdet bestimmt zusätzlichen Urlaub eingeben, um noch mehr von dieser Brise in der Nordwestecke der Schweiz zu bekommen. Aber dafür könnte ich natürlich keine Verantwortung übernehmen.
*
Ich muss los
und wünsche Dir alles, was Du willst.
G+K
...

PS: Schau mal, wie das kompakt aussieht: G+K und darunter ---. Erinnert mich an die Signatur von Schiele, diesen kleinen Block am Fusse der Zeichnung.

Freitag, 13. April 2012

Malou again ..

.
Liebe Malou

Ja, wenn ich es nicht schwarz auf weiss gesehen hätte, weil Du es zurückgeschickt hast, so würde ich es nicht glauben. Malou zu Maou: es kann sich dabei nur um eine momentane Schwäche des rechten Ringfingers handeln. Solche Schwächen gibt es bei Menschen, wie Du sicherlich weißt. Die einen fallen in Ohnmacht, was ja früher, sagen wir im 19. Jahrhundert, viel häufiger vorgekommen sein soll. Andere versagen mit Armen oder Händen. Und bei mir eben, wie Du siehst, ist es der Ringfinger. Bei der linken Hand ist es übrigens der Mittelfinger, der oft zuwenig anschlägt. Dann gibt es Wörter wie un… Und weil ‚und’ in einem Text ziemlich häufig vorkommen kann, ist das sehr lästig. Ich werde den beiden Fingern ein Stärkungsmittel zukommen lassen, und dann sehen wir, was daraus wird. Vielleicht Mallou oder Malloud.
Nein, im Ernst, diesen hübschen und kompakten Namen will ich doch nicht ändern. Er hört sich an wie ein Französisch-schwedischer Mischkonzern ;-) Ich mag ihn ganz einfach, aber definitiv mit dem nötigen L.
*
Ist eine prima Idee nach Berlin zu fahren! Dort ist bestimmt einiges los. Aber es gibt natürlich noch viele andere hübsche Städte. Ich kann dir gar nicht aufzählen, welche es da noch gibt, sonst werde ich unruhig unter dem Hintern. Ich war noch nie in München. Bloss das olympische Gelände hatte ich besucht bei einer Durchfahrt. Und dabei haben wir einen Münchner, einen Bierbrauer, in unserem Club. Wir hatten schon mal darüber gesprochen, dass er für einige von uns eine Führung in seiner Heimatstadt machen könnte. Aber es ist dann doch nie dazu gekommen. Und mittlerweile ist er etwas älter geworden. Er ist klein, aber er liebt es, sich schick anzuziehen. Und dann geht er ohne seine Frau in den Strassen flanieren. Letzthin habe ich ihn an der Universität getroffen gleich nach dem K-Lunch. Ich glaube, er geht dorthin, um in irgend einer hochkarätigen Vorlesung ein kleines Nickerchen zwischen jungen Studentinnen in engen Blusen zu machen. So was würde ich ihm schwer zutrauen. Er hat von seiner biertrunkenen Stadt natürlich auch den gewissen Charme mitgebracht. Und er möchte ihn auf universitätsniveau austesten. Ist doch - letztlich - begreiflich, nicht wahr?
*
Weshalb macht Ihr Euren Ausflug nicht nach Basel? Seit ...

Donnerstag, 12. April 2012

April




 Buschwindröschen

Date 28 April 2005 07:26
subject Frühling


(R)


Lieber ...,
Es ist wieder ein wunderschöner Morgen. Jedenfalls durchs Fenster
sieht es so aus. Strahlende Sonne und an allen Sträuchern und Bäumen
grosse Knospen, die bald aufbrechen werden. Ach, sie ist so schön
diese Zeit des Wartens.
Und doch, vor meinem Fenster spielt sich im Moment ein kleines Drama
ab. Ein Vöglein kam mit einem Bausch im Mund und wollte ihn in den
Nistkasten legen. Doch dann kam er schnell, wie von etwas gestochen
wieder heraus und sass lange im Kirschbaum damit. Es sah so lustig
aus.. als hätte er einen Schnurrbart à la Nietsche. Und dann sah ich
einen Vogelkopf aus dem Nistkasten herausschaun, sehr lange, bis dann
zwei Vögel herausflogen. Und jetzt ist er wieder da der Kleine mit dem
Riesenschnurrbart.. doch die anderen beiden jagen ihn weg.

Ich muss ein bisschen schmunzeln, denn ich denke, dass ich wohl nun
wirklich eine alte Person geworden bin - nur solche haben Zeit den
kleinen Vöglein zuzusehen zu dieser Zeit am Morgen.
---
Es gibt ein schönes Gedicht von Karin Boye über diese Zeit des Jahres.
Es beginnt so:

Ja visst gör det ont när knoppar brister.
Varför skulle annars våren tveka?

Ja, gewiss, es tut weh wenn Knospen aufbrechen,
warum würde sonst der Frühling zögern?

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Ich wünsche dir einen schönen Tag
MlGuK
Malou

Tahar Ben Jelloun

Liebe Marlena
*
Ich glaube ich kenne diesen Autoren Tahar Ben Jelloun. Jemand hatte mir ein Büchlein von ihm geschenkt, nachdem ich für fremdsprachige Frauen eine Information über Schule und unseren Dienst gemacht hatte. Das dünne Büchlein enthält die Erklärungen des Vaters an seine Tochter zum Thema: Was ist ein Ausländer. Aber ich habe es - ehrlich gesagt - noch nicht gelesen, sondern bloss so in kleinen Passagen überflogen. Kürzlich hatte ich dann aber ein Jugendbuch von ihm zu rezensieren, das mir eigentlich ganz gut gefallen hat. Es erzählte dort die Geschichte eines Schwarzen, der aus einem kleinen afrikanischen Dorf kam und Lehrer wurde, um wieder in sein Dorf zurückzukehren, und dann mit etlichen Situationen der Apathie zu kämpfen hatte. Ist der Autor nicht Marokkaner oder Algerier? Seine Stärke scheint mir darin zu liegen, mit eingängigen Bildern und in einfachen Worten ziemlich komplexe Konstellationen und Lebensumstände zu charakterisieren. Das ist für unsere westliche Analytiker-Mentalität der Messbarkeit und Exaktheit eine wohltuende Ergänzung wie Balsam.

*

Lieber ...,

Ach, dieses "flüchtige überfliegen". Das höre ich nicht so gern. Man kann doch nicht etwas beurteilen wenn man es nur flüchtig überfliegt. Man muss einen Teil seiner Seele engagieren.. meinst du nicht?
Dieser Ben Jelloun beschreibt also das Leben eines alten, von körperlichem Verfall geplagten Mannes. Stell dir vor, du siehst einen alten Mann in einem ziemlich elenden Zimmer, du hörst ihn husten und du erfährst seine Gedanken (meist ärgert er sich über etwas). Und trotzdem ist es so gut geschrieben, dass du den Eindruck hast das beschriebene selbst zu erleben. Alles wirkt so echt. Nichts ist verschönert. Ist das nicht einmalig? Mehrere Leben leben zu können. Nicht nur auf sein eigenes angewiesen zu sein.
Auch du machst mir das möglich. Ich lebe ja eigentlich doppelt...

...

Mittwoch, 11. April 2012

Re: Dienstag nach Ostern

Ämne: Re: Dienstag nach Ostern

Nein, mein lieber Mausfreund,

Ich habe leider keine Ferien mehr. Sie sind zu Ende und ich habe einen ungewöhnlich harten Tag vor mir. So ist das Leben. Während du deine Freiheit geniesst, muss ich schuften.. oder wie es nun heisst.

Die letzten Ostertage sind riesig schnell vorübergegangen und waren eigentlich schon von Gedanken an die bevorstehenden Aufgaben erfüllt. So ist es in diesem Beruf. Leider!

Habe von den Staus gehört. Wenn du eine Fobie gegen Staus hast, dann solltest du dir mal die Novelle über einen solchen Stau vornehmen. Sie ist wirklich horrorweckend. Ich werde dir den Titel und Verfasser heraussuchen.

Nun muss ich leider schon an die Arbeit.

Je te laisse aussi avec regret..
À bientôt, j'espère,
Marlena

 Titel: Verkehrsstau Autor: Herbert W. Franke

Dienstag nach Ostern

.
 

Dienstag nach Ostern

Liebe Marlena

Nein, wir sind nicht in den Süden gefahren. Und wenn man die Meldungen von den Autobahnen gehört hat, können wir nur froh sein darüber. Wenn ich mich recht erinnere gab es vor dem Gotthardtunnel mehr als 24 Stunden andauernden Stau. Das ist wohl so zu verstehen, dass man zwar nicht 24 Stunden zu warten hatte, aber dass sich der Stau niemals, auch nicht während der Nacht, aufgelöst hatte. Für mich ist es immer noch einer der höchsten Horrorvorstellungen, während zwei oder mehr Stunden irgendwo im Stau zu stehen und sich weder vorwärts noch rückwärts bewegen zu können. Nein, das möchte ich im Leben nie. Lieber nehme ich eine einfache Überlandstrasse, auch wenn der Weg weiter ist. Ich weiss nicht, weshalb ich eine solche Stau-Phobie habe. Ich bin niemals in meinem Leben wirklich in einem längeren Stau gestanden und ich weiss eigentlich, dass man auch sowas überleben wird. Dennoch, mit allen Mitteln muss ich das vermeiden. Aber natürlich sollte das nicht heissen, völlig auf Reisen zu verzichten. Wir müssten einfach die besseren Routen wählen.
---

Dienstag, 10. April 2012

Möbelstil und Central Park

 .



Ämne: mittwochs
Datum: den 14 april 2004 07:23

Liebe Malou
Merci für die Bilder. Ich bin immer wieder überrascht, wie aufgeräumt es bei Euch aussieht. Oder vielleicht ordnest Du rasch, bevor Du ein Bild knipsest, den Hintergrund? Auf jeden Fall macht es den Anschein, dass jedes Ding seinen Platz hat und dass man nichts umstellen kann, weil sonst alles in Fluss geraten würde und eine Änderung die nächste erfordern würde. Und das zweite, was mir auffällt, ist der leichte Charakter der Möbel. Das helle Holz macht es aus. Es ist natürlich alles in allem das, was wir hier unter nordischem Wohnen verstehen. Und voilà: in Deinen Bilder finde ich es immer wieder.
Und die Zeichnung stammt in der Tat aus dem Central Park vom letzten Sommer. Ich glaube, es war an einem warmen Sonntag Nachmittag. Der Park war voller Menschen, Familien, Kinder, Liebespaare, sogar Hochzeitspaare (die vielleicht nicht am Sonntag?) Porträtisten, Strassengaukler, Inline-Skaters, kurz und gut, alles Mögliche, um die Aufmerksamkeit des Auges zu gewinnen. Und so wollte ich, um mich zu beschäftigen, ein paar Skizzen machen. Findest Du nicht, sie erinnern an Sempé. Na ja, wenn man an die zahlreichen Zeichnungen denkt, die er von Paris und seinen Parks gemacht hat, so hat mich das bestimmt ein bisschen beeinflusst. Der Unterschied wären bloss die Leute.  ... Ich erinnere mich an einen Cartoon Sempés. Die Szene spielt vor einem typischen Pariser Strassencafé. Zwei typische Franzosen: Casquette auf dem Kopf, Jacket mit Halstuch, der eine Pariserbrot unter dem Arm, der andere die Tageszeitung, an der Leine eine dieser hässlichen, kleinen französischen Dogge, Gauloise im Mundwinkel. Da klagt der eine zum anderen: Wir veramerikanisieren zusehends!

Was mir natürlich Sorge bereitet, ist die Tatsache, wie spät Du meine kleinen Kunstwerke bemerkst. Ich kann mich erinnern, wann ungefähr ich sie in den Fotofolder gelegt hatte. Ich war - so glaube ich - ohne Brille am Werk. Und so hatte ich Dir zuerst eine oder zwei andere Zeichnungen geschickt, die bloss Einzelfiguren zeigten. Aber eigentlich hatte ich diese eine im Sinn. Und als ich diesen Fehlgriff dann bemerkte, habe ich dieses eine noch nachgeschickt.

Für mich sind diese kleinen Skizzen Erinnerungen. Es ist wunderbar, wie sehr sie ihren Wert im Laufe der Zeit steigern. Im Moment denke ich oft, ich könne die Blätter wegwerfen, denn sie sind ja nicht zu Ende geführte Zeichnungen, sondern bloss spontane Skizzen. Aber wenn ich dann später das eine oder andere Blatt wieder finde, bin ich doch ziemlich entzückt. Man sagt doch: ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Daran liegt etwas. Na ja, sagen wir vielleicht fünfhundert Worte.

Gestern war ich den ganzen Nachmittag unterwegs. Und heute will ich zur Universität und sehen, ob die Vorlesung interessant ist. Ich werde mich vorher kurz mit A treffen. Sie hat auch eine Vorlesung. Aber bis Mittag habe ich hier noch einiges zu tun.

Tut mir Leid für die Umtriebe mit Eurem Sommerhaus. Das ist unangenehm, und wenn man sich in solchen Räumen aufhält, wo irgendwelche böswilligen Fremden ihr Unwesen getrieben haben, so fühlt man sich bestimmt irgendwie verletzt und beleidigt.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
MlGuK
...

Montag, 9. April 2012

Wie findest du meinen Bosch?


Pasquale?

Liebe Malou
Wie findest du meinen Bosch? Ist er nicht hübsch? Ich mag solche
Bilder, entweder von Bosch oder von Bruegel. Man schaut auf
die Welt, als ob man selbst der liebe Gott wäre. Gibt es denn ein
schöneres Gefühl als das des lieben Gottes? Und die Welt schaut
aus wie eine Puppenstube, mit diesen zerbrechlichen Kreatürchen,
die sich so total nicht an die 10-Gebote, die ich ihnen doch vor-
geschrieben habe, halten wollen. Und deshalb lasse ich sie ein
bisschen zappeln und schwitzen und schreien in der Hölle. Oder,
noch besser, in der Vorhölle. In der Vorhölle kommt zum Schmerz
und zur Hitze noch die Angst vor der Hölle. Das ist himmlich, nicht
wahr? Und wie sie kreischen! Und sich winden! Es ist ungefähr so
wie damals, als Kinder noch mit Maikäfern gespielt haben. Sie haben
sie hinaufklettern lassen bis zum Rand der Schachtel, um sie dann
jäh wieder hinunterzustossen. Sie haben sie auf den Rücken gelegt
und zappeln lassen. Ich glaube, der liebe Gott hat viel Freude und
Unterhaltung an seiner Welt. Er lässt uns gerne zappeln und leiden.
Daran hat er seine spezielle Freude, muss man meinen.
...

(R)

(April 2007)

RE: Oster.. MON.. tag ..

 .
Sommenacht im Norden


Ämne: RE: Oster.. MON.. tag .. vorbei
Datum: den 13 april 2004 11:40

Lieber ...,
Danke für das Lob an Anna. Sie hat nur aus Spass für sich selbst gezeichnet. Das tut sie ab und zu wenn sie eine Pause braucht. Früher illustirierte sie ihre Tagebücher mit sehr lustigen Zeichnungen. Das hat mich immer sehr gefreut.
Ich wollte dir heute morgen schon schreiben, aber dann musste ich ein paar Telefongespräche machen, die mir die ganze Zeit raubten. Unsere neuen Nachbarn von Norrland haben gestern Nachmittag entdeckt, dass jemand in unserem Sommerhaus auf der Flusseite eine Fensterscheibe herausgeschnitten hatte und so ins Haus reingelkommen war. Es lagen Sachen auf dem Fussboden, die wir nicht dort liegen hatten. So habe ich Polizei und Versicherungsgesellschaft verständigt. Wir haben ja absolut nichts wertvolles in dem Haus. Einiges hat Affektionswert, aber kaum für einen Fremden. Die alte Wanduhr, die seit mehr als hundert Jahren in der Küche hängt, ist ein solches Stück. Der Schaukelstuhl, von einem Vorfahren gemacht, wohl auch.
Schade, dass es der Nachbar nicht schon vor Ostern entdeckt hat. Dann wären wir natürlich in unserer freien Woche hinaufgefahren. Jetzt sind wir ja beide wieder voll beruflich beschäftigt. Übrigens kann der Einbruch schon im Herbst passiert sein und dann hat das Haus den ganzen kalten Winter (bis - 30 grad) mit offenem Fenster gestanden. Zum Glück haben wir weder Heizung noch fliessendes Wasser. Ich konnte fast einen Seufzer vor Erleichterung hören, als ich das der Versicherungsgesellschaft mitteilte. :-)
*
Hier scheint die Sonne herrlich! Aber ich muss leider am Nachmittag zum Zahnarzt. Einmal im Jahr gehe ich zur Kontrolle. Vielleicht schaffe ich danach noch einen kleinen Spaziergang im Wald. So hoffe ich jedenfalls.
*
Du musst mal in Fotofolder gehen. Hab dir auch dort eine kleine Mitteilung hinterlassen.

Es grüsst dich lieb,
Malou

Oster.. MON.. tag

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Ämne: Oster.. MON.. tag
Datum: den 12 april 2004 16:29

Liebe Malou
Ja, Deine Anna zeichnet gut. Hinter einem solchen Comic ist viel Vorstellung und Überlegung. Das Mädchen scheint mir etwas mehr entwickelt als der Boy. Diese Verschränkung der Bilder ineinander kann nur von jemandem kommen, der mit Comics aufgewachsen ist. Wir in unserem Altern haben bloss die einfachen, wohlgeordneten Schritt für Schritt Bildgeschichten kennen gelernt, nicht wahr. Die heutigen Zeichner spielen virtuos mit den Bildübergängen und kombinieren auch Bilder verschiedener Formate.

Wir hatten eher stille Ostern. Ich habe viel geschlafen und meine Ohrenschmerzen gepflegt. Am frühen Abend hatten wir ein gemeinsames Essen mit einem grossen Tisch, den S bereitet hat. Am Vorabend hatte ich ein bisschen mitgeholfen bei den Eiern. Na ja, ich habe sie schliesslich bloss aus dem kochendheissen Zwiebelschalensud gefischt, sie unter kaltem Wasser abgeschreckt, um sie zuletzt mit Fett etwas einzureiben. Und dazu habe ich den Herd geputzt. Ehrenwort! Dieser rote Sud war ziemlich penetrant. Neben Zwiebelschalen waren offenbar Schalen der roten Bete drin. Und dazu Salz. Die Eier sind den auch sehr schön geworden. S hat frische Pflanzenblätter mit alten Nylonstrümpfen auf der Schale fixiert und die Eier so in den Sud gelegt. Jetzt gibt es auf den rotbraunen Einer gelbe Pflanzenmuster, die ganz natürlich und hübsch organisch aussehen. Macht ihr das auch so?

An Ostern hatte uns Onkelchen ins Restaurant eingeladen. Wir wollten eigentlich hinaus ins Land fahren, in ein Restaurant in der Höhe über dem Hallwilersee, wo er oft mit Tantchen gewesen war. Aber das Wetter war so triste, und offenbar das Restaurant ausgebucht, so dass er in der guten alten Krone reserviert hatte. Es war ganz angenehm, hatte eigentlich nicht zu viele Leute, aber jede Menge junger Mädchen im Service. Ich habe mir natürlich mein Osterlamm bestellt, auf einem Bärlauchrisotto mit Spargel. War in Ordnung und mit dem Feldsalat mit Ei und Brotgeröste mehr als genug. Als ich dann noch mit Amaretticrème und Eierliköreis abschloss, kam ich schon ziemlich an meine Grenze. Der Dessert war nicht erstklassig, muss ich sagen. Es schmeckte ein wenig diffus. Aber alles in allem war es gut. Onkelchen hat tapfer beide Tranchen seiner Seezunge gegessen und mit einem Zwinkern gemeint, sie schmecke schon anders als im Altersheim. Und dazu liess er mich 2dl Yvorne bestellen, so dass S. schon etwas bange war, ob er dann wieder auf eigenen Beinen zurück in sein Zimmer gehen könne. Aber es verlief alles perfekt. Er hatte sogar seine kleine Kette mit Klammern mitgenommen, damit er sich die Serviette vor die Brust heften konnte, um sich vor Spritzern zu schützen. Kurz und gut: alles war von langer Hand vorbereitet, wie wir im Deutschen sagen.

Und heute habe ich wiederum endlos lange geschlafen. Ich wollte eigentlich ein bisschen arbeiten. Aber bis jetzt habe ich erst etwa eine gute Stunde erreicht. Ich hatte einfach keine Lust. Ich bin wiederum im Bett herumgelegen, habe mein Ohr mit Infrarotlicht bestrahlt und bin so natürlich immer wieder eingeschlummert. Nun, ich hoffe doch sehr, dass die Kräfte wieder einmal kommen. Sonst wird die Zeit bis zu den Sommerferien zu mühsam.

Übrigens habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass die Sache mit dem Osterhasen eine protestantische Erfindung sei. Und die Eier sind nicht in erster Linie Fruchtbarkeitssymbol, wie man es immer behauptet hatte. Die Eier gab es um Ostern bloss deswegen, weil nach der Fastenzeit so viele Eier zur Verfügung standen. Und weil um Ostern ein Zinstag war wie jener an Martini im Herbst, und oft mit Materialien bezahlt wurde, kam es, dass man oft Eier dazu benutzte. Früher wurden nur die gesegneten Eier gefärbt. Die rote Färbung diente eben gerade dazu, sie von den übrigen Eiern zu unterscheiden. Gesegnete Eier galten als Glücksbringer. Sie wurden verschenkt oder irgendwo auch auf dem Dachboden aufgestellt zum Schutze des Hauses. Wie es zum Osterhasen kam, ist nicht ganz klar. Es gibt Vermutungen, dass es ein Brauch war, ein Osterbrot in Form eines Lammes zu backen. Und weil offenbar die Ohren zu lange und die Beine zu kurz schienen, sei man mit der Zeit auf den Hasen gekommen. Klingt ein bisschen fade, nicht wahr? Bestimmt gab es im Frühjahr auch viele junge Hasen. Und so sei es gekommen, dass man die farbigen Eier vor allem in protestantischen Gebieten dem Hasen zugeschrieben hat. Dabei ist aber jetzt doch merkwürdige, dass der protestantische Norden, Skandinavien eben, den Hasen nicht kennt. Vielleicht habt ihr auch nicht zu viele wild lebende Hasen? Oder doch?
Macht ihr auch das Spiel, indem ihr mit den Eiern gegeneinander schlagt. Ich glaube, das gibt es überall. Letzthin habe ich eine griechische Familie im Fernsehen gesehen, die das ebenso gemacht hat. Sie hatten auch nur rote Eier.
Morgen beginnt die Arbeit wieder. Ich könnte mir noch ein paar Tage frei nehmen. Aber es macht keinen Sinn, zuhause herumzusitzen und zu lesen. Ich habe einige Arbeiten, die ich bis Ende Monat gemacht haben muss. Und so will ich lieber zeitig dran gehen. Ich mag es nicht, zum Schluss unter Zeitdruck zu sein, wenn es an allen Ecken brennt. Dafür ist A Spezialistin. B und ich fangen früher an, mindestens bei den wichtigen Dingen. Das Gefühl, der Konkurrenz voraus zu sein, stimuliert mich mehr als die Sorge, vielleicht im Hintertreffen zu sein.

Wenn ich heute zum Fenster hinaus auf den Platz hinunter schaue, so finde ich ihn mehr oder weniger menschenleer. Die Tische und Stühle des Cafès stehen zwar draussen unter dem Schirm. Aber der Betrieb ist an Ostermontag geschlossen. Und gegenüber in der Drogerie haben sie die Sonnenstoren (die Markisen, wie das so schön heisst) heruntergelassen, als ob es schon Sommer wäre. Davor treiben die drei Bäume in einem zarten Grün. In ein oder zwei Wochen werde ich nicht mehr hindurch auf das Strassencafé sehen können. Dann wird es hinter dem Blättervorhang verschwinden, mindestens zum grossen Teil. Ich glaube, wenn ich mal in Pension sein werde, dann werde ich mich nach diesem Blick zurücksehnen. Ich habe mal eine Zeichnung davon gemacht. Aber ich weiss nicht, ob ich sie auch wirklich aufbewahrt habe.

Und jetzt muss ich noch ein bisschen hinter meine Dinge. Und abends will ich noch rasch bei meinen Eltern vorbei. Du hast bestimmt noch ein paar Tage Ferien, nicht wahr?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
MalGuhsK
...

Sonntag, 8. April 2012

Ostertag



Ämne: Ostertag
Datum: den 11 april 2004 09:29

Lieber ...,
Bereits Ostertag. Auch morgen ist bei uns ein grosser Feiertag. Annadag Påsk, und alle Leute sind frei.
Die Sonne stahlt von einem fast klarblauem Himmel aber leider ist die Luft noch ziemlich kalt. 3 Grad war es vorhin auf dem Thermometer auf der Schattenseite des Hauses.

Ich geniesse die freien Tage. Anna schläft lange. Das sollte sie eigentlich nicht tun, denn sie hat grosse Prüfungen nach Ostern, die sie vorbereiten muss. Aber irgendwie scheint es mir, dass sie erst aktiv wird wenn es schon "brinner i knutarna" (an den Hausecken brennt?). Ich denke das hat sie von ihrem Vater. ;-)

Das Birkenreisig îst schon grün.. weiss nicht wie man "ausgeschlagen" sagt. Es trägt schon kleine grüne Blätter. Es gehört auch zu unseren Ostertraditionen, dass wir Birkenreisig mit bunten Federn geschmückt ins Haus stellen. Statt dem Hasen haben wir jede Menge von Hühnern und Hähnchen, die ja auch wirklich hinter den Eiern stecken. Hast du schon mal einen Hasen Eier legen gesehen?

Und dann gehören auch die grossen, mit Bonbons gefüllten Pappeier dazu, die man zu Ostern verschenkt. Und die Farbe der Textilien ist natürlich gelb. Ich habe ein Bild gemacht und leg es dir in fotofolder rein.

Hoffentlich kommst du bald wieder. Ich sehnsuche dich schon.

Mit lieben sonnigen Grüssen,
Malou
Hier ein Beweis, dass der Himmel blau ist bei uns.. http://...se/webbkamera/

Osterfreude

kann verschiedene Formen annehmen..

.. wie hier z.B.,  ein Pollenbad

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Samstag, 7. April 2012

Heute ..

kommen sie, süsse kleine Osterhexen. Sie wünschen uns Frohe Ostern
und erwarten, dass man ihre Körbchen mit Süssigkeiten füllt.

Im Hintergrund noch Schnee!!!

*

Donnerstag, 5. April 2012

Blick durch's Fenster

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gestern

 heute



und an alle lieben Leser

Frohe Ostern 

 

 Glad Påsk