date 15 March 2005 14:07
subject Re: Vielleicht...
Liebe Malou
Also, ich mache einen zweiten Versuch. Ich habe mir einen Tee
angesetzt und muss nun ohnehin warten, bis er einigermassen Farbe
zeigt. Der Frühling zeigt sich langsam. Vor allem den Menschen merkt
man es an. Auf dem Platz unten sind die jungen Leute wieder aktiver.
Sie spielen mit kleinen Bällen. Sie sitzen herum und lachen und
diskutieren. Ich glaube, sie merken, wie die Säfte steigen. Nur bei
mir oben scheint noch alles winterlich ruhig. Ich muss sehen, dass
sich hier auch etwas tut.
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Links von mir steht ein altes Wörterbuch. Immer, wenn ich diesen
Cassell's sehe, erinnert er mich an meinen Englischlehrer im Gymnasium.
Englisch war ein besonderes Fach. Erstens konnte man damit erst
ungefähr in der zweiten oder dritten Klasse beginnen. Dann war es die
Sprache der Beatles und all der modernen Musik, die man tagaus tagein
hörte. Und schliesslich hatte die englische Aussprache so was cools.
Ich glaube, wir waren alle mit grosser Begeisterung in diesen
Unterricht gegangen. Die Spezialität dabei war, dass der
Englischlehrer, der einzige der ganzen Schule, sein eigenes
Klassenzimmer hatte. Üblicherweise wanderten die Lehrer in die
Klassen, mit Ausnahme derjenigen für Physik, Chemie, Zeichnen und
Gesang. Die letztgenannten Zimmer waren natürlich speziell
ausgerüstet, und waren nur für das eine Fach nützlich. Und eben einen
solchen Raum hatte nun Geggi auch. Es war im Grunde ein normales
Klassenzimmer im zweiten Stock des neuen Gebäudes. Aber rundum hatte
er grosse englische Posters aufgehängt. Das gab diese spezielle
Atmosphäre. Und eben, auf seinem Pult thronte diser uralte, rote
Cassell's, den er dann und wann zu Rate zog, um ein Wort
nachzuschlagen. Das kam selten vor. Aber immer fiel mir auf, mit
welcher Sorgfalt er dieses alte Buch in die Hand nahm und darin
herumblätterte. So war es wohl viele Jahre später dazu gekommen, dass
ich in einem Zürcher Buchantiquariat dieses Cassells fand und mich
sofort dafür entschied, einfach, weil er mich an Geggis Cassell's
erinnerte. Na ja, ich glaube, ich hatte mir auch kurz überlegt, dass
ein Dictionary im Grunde nicht allzu rasch veraltet. Ich meine, die
Wörter wechseln ihre Bedeutung nicht allzu oft, vielleicht einmal, in
tausend Jahren ;--)) Wenn ich richtig interpretiere ist es die 12.
Edition von August 1955. Der Band sieht immer noch ungefähr so aus,
wie ich ihn gekauft hatte. Ich habe ihn selten gebraucht. Na ja,
vielleicht ab und zu, als ich noch in englisch korrespondiert hatte.
ABer das sind tempi passati. Heute brauche ich ihn auch nicht allzu
oft. Nur bisweilen bin ich froh darum. Ach, jetzt sehe ich es hier
unter meinem EX LIBRIS Zettel: Ich hatte ihn am 15.12.1969 gekauft.
Und ich glaube mich zu erinnern, dass lange noch irgendwie der Preis
angeschrieben war. Doch den habe ich wohl ausradiert. Das muss
sozusagen ein Weihnachtsgeschenk an mich selbst gewesen sein. 1969
war in meinem zweiten Zürcher Jahr. Und damals muss ich mich um die
Weihnachtszeit wohl ziemlich einsam gefühlt haben. Ich glaube mich
auch zu erinnern, in welchem Antiquariat ich meinen Cassel's gefunden
hatte.
Es gab damals vielleicht 2 oder 3 Antiquariate im Zürcher
Niederdorf, die ich gelegentlich besuchte. Und dieses eine lag nahe
dem Limmatquai gleich unterhalb des Hirschenplatzes. Später hatte mich
einer meiner ehemaligen Lehrer in Brig auf dieses Antiquariat
aufmerksam gemacht und mir erzählt, dass er selbst dort viele Bücher
gekauft hätte. Ich bin oft ausgezogen, um in der Stadt irgend ein Buch
zu kaufen. "Irgend eines", das ist die richtige Beschreibung. Denn nur
ein solches Vorhaben konnte einen einen Nachmittag lang beschäftigen.
Es war ein schönes und stilles Vergnügen, in den verschiedenen
Buchhandlungen und Antiquariaten (die im allgemeinen ziemlich düster
und staubig waren) herumzustreichen und nach irgendwelchen
Neuerscheinungen zu suchen. Gelegentlich traf man dabei irgend eine
Kollegin oder einen Kollegen. Oder wenn ich dann irgend eine
Jagdtrophäe erobert hatte, pflegte ich mich in eines der kleinen Cafés
zur Lektüre zurückzuziehen. Schön war beispielsweise das Weggen auf
der anderen Flusseite. Das Café war ziemlich diskret in einer schmalen
Gasse versteckt. Und wer es nicht kannte, konnte kaum per Zufall drauf
kommen. Es war modern möbliert, mit unterschiedlichen hölzernen und
farbig gestrichenen Stühlen. Und rechts in einer Nische stand ein
Ledersofa, in das man sich sinken lassen konnte. Diese Ecke hatte ich
immer bevorzugt. Sie war wirklich sehr bequem. Und dazu gab es im
Weggen eine hübsche und sympatische, schon etwas ältere Servierin, die
immer modisch gekleidet und freundlich daherkam. Das Café war klein,
wohlgemerkt. Insgesamt gab es vielleicht 5 oder 6 Tischlein mit
normalerweise 2 Stühlen. Oder dann ging ich in jenes kleine Restaurant
neben dem Storchen, das wohl kaum jemand kannte in Zürich. Es lag für
die meisten Zürcher nicht am Weg, weil es gegenüber des Limmatquais
lag. Mir war es aufgefallen, weil man durch die grossen Fenster eine
wunderbare Sicht über die Limmat hinweg auf den Limmatquai und auf das
Grossmünster hatte. Es war die allerbeste Sicht. Aber das Lokal an
sich war nicht schön. Es verkehrten wenig Leute. Und an irgend ein
bekanntes Gesicht kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Aber
ich hatte immer die Vorstellung, dass man hier in aller Ruhe bei einer
Tasse Kaffee einen Roman schreiben könnte. Die echten Schriftsteller
frequentierten aber damals immer noch das Odeon am Bellvueplatz. Es
war das bekannte und grosse Wienercafé, das sich in der Kriegszeit als
Flüchtlingsnest einen Namen gemacht hatte. Dort gab es an den Fenstern
vorne kleine Tische. Und der Vorhang hing erst dahinter. Ein
Schriftsteller konnte also den Vorhang ziehen und war dann gegenüber
dem Betrieb im Lokal abgeschirmt. Er schien sozusagen auf der Strasse
zu sitzen, war aber durch die Scheibe von den Passanten geschützt. In
diesen Nischen sind wohl einige Romane Zürichs entstanden. Und man
sagt, dass auch Max Frisch früher das Café Odeon oft besucht hätte. Zu
meiner Zeit war dem nicht mehr so. Zu meiner Zeit hatte Frisch schon
einigermassen Geld und pflegte sich ins noble Restaurant gegenüber
zurückzuziehen. Gelegentlich besuchte ich mit einem neuen Buch das
Café am Rindermarkt ganz in der Nähe des Kunstmuseums und des
Schauspielhauses. Das war ein grosses, übersichtliches Café, das
regelmässig gut besucht war. Die Universität war nicht weit, und es
verkehrten auch Studenten dort. Und gleich im Stock oberhalb war das
Sozialarchiv untergebracht, wo wir gelegentlich nach Literatur
suchten.
Du siehst: ich habe oft in Antiquariaten Bücher gefunden und gekauft.
Aber wenn ich noch den Preis zuschlage, den mich der anschliessende
Kaffee gekostet hat, so bin ich kaum sehr billig gefahren. Aber es war
eine gute und anregende Unterhaltung.
Ach wirklich, jetzt ist daraus ein echt langes Mail geworden, wo ich
doch den Eindruck hatte, ich wüsste kaum, was erzählen. So kann man
sich zur Decke strecken ...
MlG