winterliche Landschaft - Januar 2008
date: 29 January 2008 07:38
subject: tall talk
Liebe Malou
Lass mich dir wieder einmal ein ausgewachsenes Mail schreiben. Ich
glaube, heute morgen habe ich Lust und ein bisschen Zeit dazu.
Immer, wenn ich mir dich vorstelle, sehe ich dich still in einem
warmen Häuschen in winterlicher Landschaft. Du bist am Fersehen, am
Bügeln, Telefonieren oder Lesen vielleicht. Du bist still und
zufrieden in deiner gemütlichen Situation. Und K stelle ich mir vor
irgendwo in einem anderen Raum, mit irgendwas wie PC, TV oder einem
anderen Projekt beschäftigt. Aber es ist alles ruhig und friedlich und
geht seinen gewohnten Gang, ohne Aufregung, ohne zu grosse
Überraschungen. Du hast es doch gut Malou, nicht wahr?
Und ich bin beschäftigt durch und durch. Gestern, als ich nach
sovielen Krankheitstagen wieder zurück im Büro sass, war mein Pult
voll von Papieren und laufenden Projekten und Dingen. Das ist das
Schlimmste an Krankheiten, auch an Ferien, dass man in solch
überhängende Situationen zurückkehren muss, wo alles schreit nach
Erledigung und Erledigt-sein. Aber ich glaube, es ist nicht so
schlimm. Man darf auf dieses Schreien nicht allzu genau hinhören. Man
darf sich davon nicht nervös machen lassen. Das würde rein gar nichts
bringen.
Und so versuche ich einfach, die Dinge, die anstehen, zu erledigen.
Vielleicht haben wir Männer die dumme Angewohnheit, dass sie bei all
ihren Dingen, die sie zu tun haben, den Eindruck geben wollen, es sei
etwas Grosses, Wichtiges, Dringliches und Einzigartiges. Ja, das
glaube ich irgendwie nach all den Jahren, dass wir Männer uns mit
diesen Tätigkeiten und Pflichten selbst beschweren und selbst erhöhen
wollen. Deshalb machen wir sie schwierig und wichtig und dringlich und
weiss was alles. Unsere Gefühle dienen dazu, die Geschäfte
aufzublasen, mit denen wir zu tun haben. Ich sehe das bei meinem
Mitarbeiter. Bei ihm ist es überdeutlich. Jedes Mail, das er schreibt,
versieht er mit dem Zeichen "besonders wichtig". Jedes! Ich bin nicht
so. Aber ich bin eben auch ein Mann, also werde ich diese Angewohnheit
auch ein bisschen mit mir tragen.
Was wäre wenn es anders wäre. Wir Männer würden uns unwichtig,
leichtgewichtig, unbedeutend, unwürdig vorkommen. Es würde uns die
Bedeutung fehlen, die wir uns im Kontakt mit anderen Leuten wünschen.
Wir könnten ja dabei nicht über schwierige, dringliche, wichtige und
bedeutende Dinge erzählen, womit wir gerade beschäftigt seien. Ja, wir
wären so leicht und unbedeutend, dass jeder Windstoss uns dahinblasen
könnte.
Ich habe in den paar Tagen, da ich zuhause lag und meine
Lungenentzündung auskuriert habe, gezeichnet. Die Zeichnungen sind
klein. Aber ich habe sie mit Stiften koloriert. Vielleicht kann ich
ein paar davon scannen, dann werde ich sie dir zeigen? Sie sind so wie
damals die Zeichnung mit der Dame, die bügelt, und mit den armen
Seelen an der Wäscheleine. Erinnerst du dich? Anna hatte dich gefragt,
ob du das seist, diese Dame, die da einigermassen elegant auf Stand-
und Spielbein die verknitterten Sprechblasen bügelt. Ja, das ist nun
auch schon wieder einige Jahre her. Ach, wie die Zeit vergeht. Und auf
gar keine Weise lässt sie sich stoppen oder auch nur bremsen!!
Nächste Woche habe ich Ferien. Hier in der Gegend wird Fastnacht sein.
In Basel selbst kommt sie dann eine Woche später. Ich selbst will in
diesen Ferientagen noch meinen Keller durchsehen.
Ich habe dort noch einige Kisten mit Büchern und Dingen, die ich
vielleicht auspacken sollte. Du siehst Malou, ich bin auch nach einem
Jahr noch nicht 100% eingerichtet. Aber ich muss auch dafür sorgen,
dass ich nicht zuviele Dinge in meine engen vier Wände stelle. Ich bin
schon heute an der obersten Grenze. Ich mag das eigentlich. Aber es
wird alles ein wenig eng. Das schlägt sich mit der Zeit auf die Seele
nieder. Wahrscheinlich sollte ich einige Bücher weggeben. Aber ich
habe ungeheure Schwierigkeiten damit. Es gibt viele Bücher, von denen
ich weiss, dass ich sie niemals mehr in meinem Leben werde lesen
können oder wollen. Und dennoch macht es mir Mühe, sie einfach so
wegzugeben. Ich habe sogar etliche, um nicht zu sagen viele, die ich
noch nicht gelesen habe. Darunter sind zahlreiche Bildbände über Maler
aus den verschiedensten Stilepochen. Ach, es ist verrückt, wenn man
Bücher auf Vorrat kauft. Es ist wirklich verrückt. Ein Freund von mir
hat das Prinzip, dass er alle Bücher, die er gelesen hat, schliesslich
weitergibt. Er schenkt sie Bekannten und Freunden in der Hoffnung,
dass auch sie sie lesen würden. Er hatte mir vor einigen Jahren auch
eins gegeben. Aber ich habe es nocht nicht gelesen. Vorne drin steht
geschrieben "Kreta" und eine Jahrzahl. Wahrscheinlich hatte er den
Band in den Ferien am Meer gelesen. Und natürlich findet man ein Buch,
welches man am schönen Meeresstrand in wundervollem Sonnenschein
lesen kann, ein besonders gutes Buch. Eigentlich sollte man diesen ersten
Eindruck durch eine zweite Lektüre an schweizerischen Regentagen
nochmals testen. Bestimmt wirkt die Geschichte dann ganz anders. Aber
er hatte es gut gemeint mit mir. Vielleicht werde ich es mir ja noch
vornehmen. Es ist ein italienischer Autor und heisst irgendwie "die
Entstehung der Welt von Gott geschrieben" oder so ähnlich. Ist das für
eine Katholikin nicht ein bisschen blasphemisch?
Jetzt will ich langsam zu einem Ende kommen, sonst wird das Mail zu
schwer und gewichtig und bedeutsam.
Ich wünsche dir einen feinen Tag Malou
Mit lieben Gs und Ks
...
(R)
(R)
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