Mittwoch, 4. April 2012

Sehnsuchtsorte und schlechtes Gewissen

den 4 april 2000 12:31
Liebe Marlena

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Es gibt Sehnsuchtsorte. Elias Canetti betrieb einen Kult mit den Städten, die er aufsuchen wollte. Je heiliger ihm eine Stadt war, desto länger schob er den Besuch hinaus.

Da kommt mir eine kleine Sache in den Sinn. Ich habe dir erzählt, dass wir vor ein paar Jahren in Andalusien waren. Es waren sehr schöne Ferien in diesem schon ziemlich afrikanischen Klima. Und eines Tages sind wir mit unseren spanischen Freunden  nach Ronda gefahren. Nun ist Ronda ein ganz speziell romantischer Ort. Rilke war dort und hat im Hotel Reina Victoria logiert und ein bisschen über seinen Duineser Elegien geschwitzt. Und vor allem Hemingway war da, der grand old man, über den die Spanier reden als wie über den eigenen Grosspapa. Hemingway war ja bekanntlich ein begeisterter Stierkampfbesucher, ein afficionado oder so ähnlich, dh. ein Fan. Und er hat ein interessantes Buch über den spanischen Stierkampf geschrieben, das ich damals in den Ferien nochmals gelesen habe. Nun bin ich sicher, dass du Marlena, als Nordländerin und als sensible Frau, den Stierkampf ganz und gar nicht bejahen kannst. Schliesslich bringt es dich schon in Aufregung, ein paar Ameisen im Hause zu Leibe zu rücken. Doch es geht mir nicht um den Kampf. Nein, Hemingway hat Ronda, diese alte und malerische Stadt in den Bergen, an einer tiefen Schlucht gelegen, ebenso lebendig und poetisch beschrieben wie Rilke. Nein, eigentlich nicht ebenso, sondern eben a la Hemingway. Die zwei sind ja nicht gerade Brüder im Geiste. Der eine war ein Spring-ins-Feld, der andere ein hochsensibler Schöngeist. Nun denn, Hemingway sagte über Ronda, er empfehle es jenem Mann, der gedenke, mit einer Geliebten auszureissen und durchzubrennen. Das fand ich schön gesagt, echt Hemingway, der Macho, wie er ja wohl im Privatleben nicht nur war mit seinen Depressionen.
By the way: Ronda habe ich nicht in unsere Liste aufgenommen, vorsichtshalber. Aber in meinen Gedanken war schon Hamburg drin. Ich lass DICH mutmassen, weshalb!
Ich habe nun - weiss Gott - noch ein paar weitere Gedanken und Fantasien gehabt. Und ich kann dir sagen, sie waren nicht schlecht, wir müssten uns ihrer nicht schämen. Allein, sie lassen sich nicht alle mit unserem §5 vereinbaren.
Ach, wie schön du das sagst. Natürlich ist dieser harte § in den Abendstunden besonders gefährdet. Und wie du von dem "vorher"-"nachher" Schema sprichst. Das brauche ich gerne in Vorträgen und spiele dann mit Vorstellungen aus der Reklame: Vorher Pickel, schlechte Haut, Haarausfall oder was immer, nachher blühende Erscheinung, strahlend, schön und jugendlich frisch.
Du gibst mir soviel Einfluss auf deine Person, dass ich mich fast darauswinden möchte. Verstehe mich recht, Marlena. Es freut mich, das zu hören, ich fühle mich fast geehrt, ich finde, wenn es denn so ist, dann hast du das auch verdient und wohl auch zu 75% selbst gemacht. Doch es ist wie du von dir und von allen intelligenten Frauen gesagt hast: ihr nehmt die Komplimente gerne hin, doch sie alle wörtlich zu nehmen, wäre dann doch wieder ein bisschen naiv. So sonne ich mich in diesem lieben Kompliment und ich reibe mich vorher tüchtig mit Niveau-Crème ein.
Aber das muss ich dir auch gestehen, manchmal habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Und das ist diese profane Sache mit dem Alter. Wenn du sagst, diese unsere Mausfreundschaft sei wirklicher als real-life, dann ist das für mich jenes Blaulicht, wie du es ungefähr genannt hast. Hüte dich davor, meine Mausfreundin, daraus dein real-life zu machen (vielleicht kannst du dazu einen §§ formulieren?). Ich bitte dich, so schön es für mich wäre. Du bist eine Frau im besten Alter! Wenn ich deine Lippen anschaue, dann sehe ich, dass sie nicht fürs Internet so schön und sinnenfreudig sind (das meine ich nicht bloss erotisch; an den Lippen sieht man doch, wie sehr jemand für sensuelle Signale aller Art offen ist). Das kann ich dir als kleiner Experte hier sagen. Ich bitte dich, das "Leben ist anderswo" (Romantitel von Kundera!). Dieses Internet ist ein Zückerchen in den Kaffee, mehr nicht, davon hast du nicht gelebt. Von meinen Schuldgefühlen kann ich mich ein bisschen losreissen mit der Erklärung, dass du ja eine intelligente und gebildete Frau bist und weißt, was du tust. Ich meine, soweit wir Menschen überhaupt so genau wissen können, was wir tun. Und dein Hinweis auf dein katholisches Milieu, wie du es erwähnt hast, hat mich auch ein etwas entlastet. Du hast damit sehr recht, das war mir nicht mehr sehr bewusst, dass die postmodernen Zeiten die vertikalen menschlichen Beziehungen sehr reduzieren, auch in Familien Kinder-Eltern-Grosseltern, und dass die horizontalen Verbindungen vor allem zählen. Und doch, ich habe bisher immer über jene Männer gelächelt, die sich in fortgeschrittenem Alter eine junge Geliebte suchen. Und ich fand das immer ziemlich deplaziert und unwürdig, und - krass gesagt - der Beginn der Senilität. Damit wir uns richtig verstehen. Ich fühle mich überhaupt nicht allzu alt (ich fühle mich sozusagen im zweitbesten Alter; ich habe immer behauptet, es sei als Psychologe nicht schlecht, graue Haare zu haben, das erhöht die "Placebo-Effekte" ;-)), mit Ausnahme von Momenten, wo ich auf die Zahlen schaue. Ich fühle mich fast so jung wie du, nicht nur wegen dir, sondern immer schon. Ich mag es sehr, mit Jugendlichen zu diskutieren. Ich habe auch den Eindruck, in einigen Dingen bist du reifer als ich, vernünftiger, weiser. Es ist also nicht so, dass ich diese Differenz ständig vor mir hätte, und das ich womöglich noch "oben" wäre, im Gegenteil, ich vergesse sie sogut wie die Tatsache, dass Deutsch dir nicht Muttersprache ist. Ich merke nichts davon. Aber dann frage ich mich, ob ich denn nicht wirklich ein bisschen naiv (zweite Wahl nach senil) sei.
Viertens: Gottseidank also haben wir zusammen bloss eine feine Mausfreundschaft mit Fachgesprächen über Rilke, über die Spurbreite der Champs Elysées und über das gegenwärtige Potential an valablen Schwiegersöhnen. Was ist denn schon dabei! Zumindest werden wir dir deine Trauer vom Gesicht wegretouchieren. Ich helfe dir dabei, soweit ich kann. Keiner soll mir vorwerfen, ich könne nicht retouchieren!

Gibt es irgendwelche Worte, die man jetzt sagen könnte?? Ich glaube nicht.
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A propos Reisen: "Ich bin...

1 Kommentar:

  1. Tycker om det där med "sehnsuchtsorte", minns inte att jag läst det hos Canetti (Die stimmen von Marakech" möjligen...?) -
    men jag känner igen tanken, på något vis. Fast tvärtom. För jag längtar nästan alltid tillbaka till vissa ställen...
    men sen har jag några sådana där punkter på kartan: Maine, Nova Scotia, Bilbao, Kerry County, och - kanske - Colorado, eller Arizona.

    Det blir mycket Amerika. Opraktiskt...
    Glad Påsk, från mig (nattugglan).

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