Freitag, 20. April 2012

meine Mädchen

(ungekürzt)

 19 april
 post scriptum

Liebste Mausgeliebte
Ich bin nicht sonderlich zufrieden mit dem, was ich über A geschrieben habe. Ich war nicht richtig in Stimmung, gestern vor allem nicht. Und dazu habe ich es in zwei Portionen geschrieben. Da verliert man etwas die Orientierung.
Auf jeden Fall erinnere ich mich an die Zeit, da ich mit meinen Töchtern zum Beispiel am Samstag für Besorgungen in die Stadt ging. Je an einer Hand so ein Kinderhändchen. Erinnerst du dich, wie sich so ein Kinderhändchen anfühlt? Und wie die Kinder sich dir ganz hingeben mit ihrer kleinen Hand? Dieses volle Vertrauen, das habe ich immer genossen. Und wenn wir so dahin gegangen sind, habe ich mit Vergnügen wahrgenommen, wie bei Leuten, die mich kannten, die Augenwinkel hoch gingen, wenn sie uns gesehen haben. Dieses Lächeln, das auf ihren Gesichtern aufgetaucht ist, das habe ich dem Charme meiner Mädchen zugeschrieben. Sie waren wirklich zwei hübsche und lustige Mädchen. Ich schicke dir mal ein Foto, wie sie bei uns vor dem Haus im Brunnen stehen und so tun, als ob die Welt ihnen gehörte. Ich glaube Kinder sind sehr wichtig auf dieser Welt. Sie machen uns Erwachsenen, die wir sosehr mit der Härte und den harten Tatsachen beschäftigt sind, wieder weich und heiter und lockerer. Sie lassen uns ein bisschen schmelzen, wenn wir in die Kinderaugen schauen oder zuschauen, wie die Kleinen agieren. Und immer bin ich schnell begeistert bei Mädchen. Sie wirken auf mich oft so keck und wach und verantwortungsvoll, wie die Buben das selten sind. Ich denke es immer wieder.
Ich habe meinen Töchtern jeden Abend eine Geschichte erzählt. Eine Zeit lang habe ich sie sogar aus dem Stegreif erfunden. Doch ich war nicht so geschickt wie meine Mutter, die bei Veronika aus den Tagesereignissen eine Geschichte erzählt hat, um sozusagen zu erziehen. Ich erzählte oder las, was ich so fand, kaufte Bücher, liebte es, die Geschichten zu erzählen, die schon wir einstmals gehört hatten. A war immer vom ersten bis zum letzten Wort aufmerksam dabei, fragte gezielte Fragen und ich bin sicher, wenn ich schon weg war und das Licht gelöscht war, lag sie immer noch wach und dachte an den Dingen herum. Sie war immer eine Langsameinschlaferin. Im Gegensatz dazu B. Sie tollte den ganzen Tag in der Gegend herum, und nach ein paar Minuten Geschichte fragte sie um Erlaubnis, die Augen schliessen zu dürfen. Dann war sie nämlich weg, in 0,0 Zeit war sie weg. Sie war ein süsses Kind mit viel Spontanität und mit kecken Sprüchen. Sie konnte losbrüllen, sie konnte sehr lieb sein, sie konnte Schokolade klauen und hinter dem Büchergestell verstecken, sie hat wirklich den gesamten kindlichen Spielraum ausgenutzt und durchgespielt. A war dagegen ein Mustermädchen. Und B hatte immer hübsche körperliche Proportionen. Sie war nicht zu dünn und nicht zu dick. Sie war nicht zu weich und nicht zu hart. Sie war genau richtig, ein Kind, das man an sich drücken konnte und das es auch liebte, gedrückt zu werden. Sie konnte richtig dahinschmelzen. A war in diesen Situationen eher ein bisschen steif. Wir haben mal gespielt, wir würden einen Einbrecher im Haus überwältigen. Es war abends, und der Kleiderständer warf einen Schatten, dass man hätte denken können, es wäre ein Einbrecher. Wir bewaffneten uns mit Kleiderbügel und Besen und Kelle und pirschten uns vorsichtig im dunkeln Zimmer an diesen Kleiderständer. Und zum Schluss attackierten wir ihn mit einem riesigen Geheul. Und B war kaum mehr zu bremsen, sie hätte diesen Kleiderständer am liebsten geköpft und zu Pulver gemacht. So war sie in Fahrt. Sie ist sehr begeisterungsfähig. Doch von B will ich dir ein andermal erzählen, Marlena.
Wo findest du Gemeinsamkeiten zwischen A und Anna? Auf dem Foto, das du geschickt hast, sieht Anna ganz und gar erwachsen aus. Es ist auch schön in diesem Alter, wenn man mit ihnen vernünftig diskutieren kann und wenn sie einem gewisse Dinge abnehmen, einfach zum Zeigen, dass sie schon selbständig sind. Und mit Anna hast du dazu noch ein "lebendes Manual", das muss ja ein richtiger Goldschatz sein. Lässt du sie abends auch allein aus dem Haus, in eine Disko oder so? Unsere gehen fast jeden Freitag Abend in ein Jugenddancing in Basel. Sie haben beide diese Hip Hop Tanzkurse gemacht. Und darum lieben sie es, zu Tanzen und sich auch ein bisschen zu zeigen. Man sieht ihnen natürlich an, dass sie sich ein bisschen gewandter und rassiger bewegen als andere. Das ist besser als irgendwo scheu in einer Ecke herumzustehen und abwarten, was die Buben machen, und womöglich Zigaretten zu rauchen. S muss sich zwar immer wieder überwinden, sie gehen zu lassen.Eigentlich würde sie am liebsten mitgehen, denn sie tanzt auch fürs Leben gerne. Aber die Kinder setzen sich durch. Und ich selbst war ja so frei gewesen in ihrem Alter, ich musste nicht einmal fragen, ob ich weg dürfe oder nicht. Ich zog einfach los. Und weil ich diese Zeit damals sosehr genossen habe, so möchte ich, dass meine Töchter sie auch geniessen. So erlaube ich ihnen ohne viel zu überlegen. Es ist gut, während der Woche hart zu arbeiten, und am Wochenende sozusagen die Sau loszulassen, etwas saloppe gesagt. "Harte Wochen frohe Feste", haben sie in unserer Schule stets gesagt.
S durfte natürlich in Teheran nicht allein weg. Sie musste immer zusammen mit einem ihrer Brüder gehen. Und wenn sie allein an Partys war, wurde sie vor zwölf wieder vom Vater abgeholt. Sie sagt, sie hätte ihren armen Vater manchmal erwürgen können. Doch er hat überlebt, wie ich dir versichern kann, Marlena. Er hat mit knapper Not überlebt.
Es ist ja merkwürdig, und du wirst es vielleicht kaum glauben. Doch an diesen Partys in Teheran, die Frauen und Mädchen waren oft äusserst raffiniert angezogen, es war für mich sehr erstaunlich. Oft haben sie viel mehr gezeigt als eine Frau in Europa zeigen würde. Und ich konnte mir das nur erklären, weil die sozialen Regeln sehr streng geregelt waren. Es gab keine zweideutigen Situationen. Jeder wusste, was er durfte und was er nicht durfte. Der Mann durfte nicht einmal allzu lange hinschauen. Ich war vielleicht der einzige, der richtig hinschaute, so wie ich es in Europa gewohnt war. Diese Regeln, so dachte ich mir, waren ihre §§, also ihr Schutz. Und in diesem Schutz konnten die Frauen sehr grosszügig sein und mit ihren Reizen spielen. Und die Frauen waren dort überaus hübsch, ja eigentlich schön, so dass mir gelegentlich das Wasser im Munde verdampfte
*
Ich bin froh, dass mein Mail zur rechten Zeit bei dir war und dass ich dich so etwas trösten konnte. Man sollte immer irgendwie so ein Reservemail auf Lager haben, das man in einem schlimmen Moment herausziehen und lesen kann. Könnten wir eigentlich machen. Und damit wir es nicht vorher öffnen, müssten wir erst beim Arzt ein Rezept holen, ein slüzzelin.
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Nun denn, meine liebste Mausfreundin. Ich muss an die Arbeit. Und du bist jetzt dran. Ich warte schon in Sehnsuche auf dein neuestes Mail. Und ich bin sicher, du bist schon am tippen. Oder bist du immer noch beim Unkraut. Soviel Unkraut kann es um diese Jahreszeit noch nicht haben. Das wäre eine echte Notlüge.
Ich küsse dich, wenn du mich lässt.
K+G
...


(den 19 april 2000 13:50 )

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