Re: Cardiac depressant
Liebe Marlena
Ooch, das war aber ein Mail: Confessiones, in der Tat. Ich meine Deine
Bemerkungen, oder eben Geständnisse zum Thema Polygamie. Ich muss Dir
beipflichten. Es ist merkwürdig, wie das Virtuelle und das Reale
ineinanderspielen. Du hast früher nicht so darüber gesprochen. Ich meine die
Sichtweise, dass alles in Wirklichkeit eine Konstruktion ist. Es ist so, was
man ja auch vom Sex sagt, alles eine Sache der Vorgänge im eigenen Kopf. Und
das meinte ich damals auch, wenn ich die Worte brauchte, es gibt nichts
ausserhalb des Textes. Du Marlena bist für mich eine literarische
Konstruktion. Nicht, weil wir hier Literatur machen würden, sondern bloss
schon deshalb, weil Du aus den Zeilen entstehst, die Du mir schreibst. Du
bist wie Emma in Jane Austins Roman, den ich kürzlich spätabends im
Fernsehen zufälligerweise gesehen hatte. S mag solche Romane und solche
Filme. Und ich habe mich immer eher darüber lustig gemacht. Aber dann bin
ich doch ganz erstaunt hängengeblieben in diesem Film. Er zeigt das schöne
Leben im 19. Jahrhundert. Und diese Figuren sind alle so hübsch angezogen,
bewegen sich in absolut gepflegten Interieurs und sprechen so rundum höflich
und formvollendet miteinander, dass alles ein bisschen süssschön wirkt. Emma
ist eine junge blonde hübsche Frau, die sich sehr um ihre Umgebung bemüht
und für alle das beste will. Sie sucht, zu vermitteln, dass all ihre
Freundinnen, aber auch einfachere Leute, ihre Liebe im leben erreichen
können. Und sie tut es so selbstlos, dass sie zuletzt beinahe selbst ihren
geheimen Geliebten an eine Freundin verliert. Ach, es ist schwierig zu
erzählen. Ich war ja auch schon ziemlich müde am Fernsehen und habe all die
Bilder und Worte mehr diffus aufgenommen, und nicht mit scharfem Verstand.
Auf jeden Fall fühlte ich zum Schluss eine gewisse Liebe für diese Emma, für
diese Figur. Ich fand sie bezaubernd, hübsch einerseits, aber auch schön in
ihrem ganzen Wesen.
Bei Dir ist es nicht ganz gleich, aber ähnlich. Die Emma gibt es überhaupt
nicht im RL. Bei Dir weiss ich doch einiges, was man eher dem RL zurechnen
sollte. Dennoch bist Du ein Wesen für mich, das aus den Zeilen, mit anderen
Worten in meinem Kopf hochsteigt. Ich habe mir auch schon überlegt, wie es
wäre, wenn ich bloss einen Tag bei Dir zu Besuch wäre. Oder Du hier. Es wäre
wohl sehr ernüchternd und enttäuschend und frustrierend. All die schönen
Fantasien wären dahin. Ich nehme an, das war damals Deine Überlegung, als Du
mit deinem Kollegen bei der Zwischenlandung in Zürich für 7 oder 8 Stunden
ungeduldig wartend die Zürcher Bahnhofstrasse auf- und abgingst und die
geschäftigen (und notabene berühmten) Zürcher Gnome beobachtet hast, die so
hektisch agieren. Und vielleicht ist das auch wieder der Grund, weshalb Du
noch kein echtes Foto von Deinem Phantom-Lover besitzest. Er lebt in
Wirklichkeit zwischen den Zeilen und kann eigentlich gar nicht fotografiert
werden. Ist das denn nicht schon eine ausgewachsene Medientheorie, die wir
hier aufstellen? ...
*
Ja, gestern hatten wir unser Weekly bei W, in seiner hübschen
Bibliothek. Er hat jetzt überigens einen jungen Hund, dieselbe Rasse wie
vorher, ein lebendiges und übermütiges kleines Haarkneuel, auch ein Briard,
so glaube ich, heisst die Rasse. Aber während unserer Diskussion bei
Mineralwasser und Bücherpräsenz ist die kleine Lilli nicht anwesend. Ich
habe mich überigens als Pate angeboten, und hatte mir dann erlaubt,
Vorbehalte wegen des Namens zu machen. Lilli sei kein Hundename, hatte ich
argumentiert. Ich habe Lulu oder Lolo vorgeschlagen. Aber sie wollten nicht
darauf eingehen. Na ja, vielleicht ist Lilli kein Hundename, aber vielleicht
ist das kleine Ding auch kein Hund?
Wir hatten ein merkwürdiges Gesprächsthema: unser Alter. Es hat alles
angefanen mit Aktienkursen und Managersalären, dann mit unserem
mittelständischen Leben, mit dem wir doch eigentlich zufrieden sein sollten.
Und dann kam das Alter. W ist ein wenig jünger als ich. Und er ist ...
(...)
Meine Vorstellungen über das Alter hatten mehr Aspirationen als die seinen.
Ich finde, ich muss mich damit beschäftigen, wie ich in den kommenden Jahren
ein schönes Leben führen kann. Das heisst, ich muss Sorge tragen, nicht zu
unsorgfältig zu werden, nicht zu dick, ich muss den Sex substituieren, ich
muss zusehen, was ich im Leben noch erleben will. Stell Dir vor, ich habe
immer noch irgendwie die Idee im Kopf, nach Santiago de Compostella zu
pilgern. Irgendwie reizt mich der Gedanke, auch wenn ich nicht weiss, was
ich dort eigentlich tun sollte, wenn ich nach etwa 60 Tagen diese grosse
Strecke der täglichen Märsche überwunden hätte. Soll ich dort einen
Rosenkranz beten, oder bloss in einer Pinte ein Steak verdrücken? Es ist
dasselbe Problem wie überall im Leben: was tust du, wenn du dein Ziel
erreicht hast?
Auf jeden Fall möchte ich noch irgend etwas Verrücktes machen im Leben. Und
W ist eher zufrieden, wie es läuft. Er hat keine besonders exotischen
Wünsche. Er meint, er hätte viel mehr erreicht, als er sich jemals
vorgestellt hatte. Er hat ein Haus, hat eine Freundin, hat einen guten Job,
hat jetzt sogar einen Hund. Er ist - mit einem Wort - sesshaft geworden. Ich
meinerseits habe nicht das Gefühl, ich hätte im Leben mehr erreicht, als ich
erwartet hatte. Ich hatte mir als junger Mensch sehr viel vom Leben
versprochen, allerdings waren die Vorstellungen nicht sehr präzise. So frage
ich mich eher: war das schon alles? Gibt es auf dieser Welt nicht mehr zu
erleben, zu sehen, auszuprobieren?
Na ja, vielleicht bin ich ein Herbstmensch. Sie sind in der Tat ganz
exzellente Wesen, da sei Dir - unter uns - ins Ohr geflüstert.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag und - wer weiss - ein feines Wochenende.
Mit einem lieben Gruss
...