Mittwoch, 28. Oktober 2015

das Wichtigste

(ungekürzt)

date 8 April 2006 12:28
subject Re: Du siehst..



Liebe Malou

Du sagst ".. nichts Neues im Moment". Gehst du denn davon aus, dass ich das Neuste hören müsste oder möchte? Davon gehe ich nun ganz und gar nicht aus. Ich bin eher interessiert am Ältesten, an dem, was zuunterst liegt, am Fundament im Boden sozusagen. Das Neueste ist meist das Ephemerste (gibt es ein solches Wort? Wenn nicht, dann sollte man es erfinden. Ich weiss, dass es Ephemeriden gibt. Ist das nicht ein wundervoller Name. Die Eintagsfliege ist eine Art davon. Eine merkwürdige Gruppe von Lebenwesen, diese Ephemeriden! Erinnern akustisch an die Hesperiden in den griechischen Sagen).

Ist das nicht merkwürdig: Das, worauf man während des Tages fixiert ist, das Operative sozusagen, ist das Unwichtigste und das, was am schnellsten im Vergessen verschwindet. Was ist denn dann das Wichtigste? Irgendwie das Strategische, der Lebenssinn, sozusagen das Geschäftsziel des Lebens. Und was ist das?

Ich habe in den letzten Tagen ein bisschen Seneca gelesen. Du kennst den Kerl, nicht wahr? Er war Lehrer Neros und hat darin, wie man zugeben muss, tüchtig versagt. Aber er war zu seiner Zeit ein trendy Philosoph und Schriftsteller, auch Politiker. Er hat doch so bekannte Aufsätze geschrieben wie die 'Ueber den Zorn', 'Über das glückliche Leben', Über die Kürze des Lebens' und so fort. Und es gibt darin gute Gedanken. Allerdings ist er nicht sonderlich systematisch. Die Abfolge seiner Gedanken sind für mich ziemlich ungeordnet. Doch vielleicht verstehe ich bloss seinen roten Faden nicht. Im Wesentlichen ist Seneca Stoiker. Sie alle nehmen sich Sokrates zu Vorbild und die Art, wie dieser ihr Meister gestorben ist. Von Seneca erzählt man sich einen ganz ähnlichen Tod wie derjenige Sokrates'. Aber vielleicht ist die Begebenheit bloss erzählerisch ein bisschen stilisiert worden. Jedenfalls soll sich Seneca, auf Geheiss Neros, selbst umgebracht haben. Jammerschade, wo er doch noch ein paar Jährchen gemütlich auf seinem Landgut ausserhalb Roms seinen Lebensabend hätte verbringen können.

Ja, die Männer um 60, sie schlafen vor dem Fernseher. Das ist ihr Lagerfeuer. Dort fühlen sie sich wohl und warm. Dort sind sie geschützt, sehen aber ganz bequem in die weite Welt hinaus. Es ist der ideale Ort, nicht nur zum Schlafen, sondern geradezu zum Sterben.
Ist das nicht ein guter Gedanke? Man sollte mal untersuchen, wieviele Menschen schon vor dem Fernseher gestorben sind. Früher behauptete man, der beste Tod sei derjenige im Bett. Ich behaupte: der bessere ist der vor dem Fernseher. Nun ja, es fragt sich allerdings, vor welchem Programm?
Vielleicht vor Parkinson?
Den kenne ich nicht. Klingt eher wie eine Alterskarankheit, nicht wahr.

Ich bin eben von Ns Führung zurück. Er hat diesen Altar aus dem 15. Jahrhunder vorgestellt. Und er wusste viel über die damalige Zeit, sehr viel. Bloss schade, dass er den Altar nicht sonderlich genau analysiert hat. Das finde ich, ist das Merkmal eines guten Kunstführers. Sie erzählen dir nur, was du auch siehst auf dem Bild. Sie zeigen dir die Zeit in diesem Bild. Und das hat N nicht getan. Er ist ein Mann des Wortes. Er hat 3/4 Stunden die Situation der damaligen Zeit und diejenige Basels geschildert, um dann noch kurz auf diesen geflügelten Altar einzugehen. Aber es war doch sehr interessant. Man sollte solche Dinge öfters tun. So fängt man an, eine Stadt zu lieben, indem man mehr und mehr Orte und Dinge hat, die man ziemlich gut kennt.

Wir haben prima Wetter, eigentlich Frühling. Heute morgen habe ich gehört, dass der Kuckuck der Vogel des Aprils sei. Wenn man ihn hört, wird das Klima trockener. Und der Name April komme von APERIRE, was soviel wie öffnen meint. Habe ich noch nie gehört bisher!

Ich wünsche dir ein prima Wochenende
MLG

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