Montag, 5. Oktober 2015

Saturdaymorningintheoffice

(ungekürzt)

 
Ämne: Saturdaymorningintheoffice
Datum: den 12 juni

Liebe Malou
Ach, gestern war ein hektischer Tag. Von allen Seiten kamen die Anforderungen und Bedürfnisse. Jeder wollte etwas. Und am liebsten sofort. Nein, das mag ich nicht, solche Situationen, in denen man total vom Hand in den Mund lebt. Es gibt Typen, die das lieben, diese Krisensituation, dieses Notfallsyndrom. Ich glaube, es hängt damit zusammen, was jener Journalist in Italien über den Chaotismo geäussert hat. Das ist der Moment, da man sich als Deus ex machina fühlen kann. Und das ist es, was sie wünschen. Ich hingegen bin so sehr bescheiden, dass ich das nicht mag.

Der Regen hat sich gelegt. In den letzten Tagen hat es echt gekübelt. Und die Natur sollte jetzt wieder für 2 oder 3 Wochen satt sein und sich zufrieden geben. Die Temperatur ist ziemlich zurück gegangen. Aber nächste Woche soll sie wieder steigen. Und dann wird der Sommer wohl endgültig angekommen sein?

Ihr habt den Abschluss des Schuljahres und die Abitur-Feier? Das ist schön. Es ist das Fest der Jugend, und es erinnert gleichzeitig an eigene und die damaligen Feste der eigenen Kinder. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich selbst an jene Feier, die es ja auch bei uns gibt, nicht mehr genau erinnern kann. Nun, die Verhältnisse an der Schule in Brig waren einfach. Feiern fanden jeweils im Theatersaal statt. Ein Theatersaal war kein Luxus, denn das Theater gehört zur jesuitischen Ausbildung. Das gehört sozusagen zum Barock der Gegenreformation, während dessen auch die Oper entwickelt worden ist. Ich habe eine merkwürdige Erinnerung. Stets an diesen Gelegenheiten, Festen, Feiern, speziellen Gelegenheiten, hatte ich ein Auge für jene Wandskulptur, die unser Zeichnungslehrer an die Wand des Theatersaales geschaffen hatte. Während des Alltages schaute ich kaum dort hinauf an die Wand, wo diese merkwürdige, etwas verkürzte Figur herunterschaute. Sie sah aus wie ein Engel. Mindestens, so glaube ich, war es eine religiöse Figur, eine Figur aus dem biblischen Kontext. Unser Zeichnungslehrer war im Wallis ziemlich bekannt, hat viele Skulpturen, Brunnen, Gedenksteine geschaffen. Aber er war auch ein stiller Mann. Im Unterricht hat er uns kaum etwas erzählt und uns kaum etwas Neues beigebracht. Bei einem anderen Lehrer wäre ich vielleicht Künstler geworden. Denk Dir mal so was, Malou! Ich würde jetzt in einem dunkeln Atelier im Kreis 4 Zürichs unter Huren und Türken dahinvegetieren, würde mich notdürftig von Büchsenbohnen und kalten Buffets an Vernissagen ernähren, und mich an letzteren auch gelegentlich wieder mal richtig besaufen. Ich hätte vielleicht 2 oder 3 heisse Freundinnen, eine blonde, eine brunette und eine schwarze, wie ich wohl annehme, und ich würde mein kleines Harem notdürftig pflegen und zufrieden stellen mit viel Scherereien, zugegeben, und Streitigkeiten. Und daneben hätte ich in meinem Alter all meine Illusionen verloren über Kunst und den Idealismus. Ich würde mit Misstrauen beobachten, wie die junge Künstler von den Behörden grosse Auftrage zugewiesen bekommen, und wie sie sich dann bei jenen bourgeoisen Ärschen noch mehr anbiedern und einschleimen. Widerlich! Vielleicht würde ich im Stillen immer noch nach meinem grossen Jahrhundertwerk gieren, jenem Bild, oder jener Statue, jenem Meisterwerk, welches endlich allen Menschen die Augen öffnen kann. Und von diesem zehrenden Leben wäre ich mit diesem Alter bereits heruntergekommen. Ich hätte meine Anfälle, meine Magenkämpfe oder so, und trotzdem würde ich regelmässig meinen Dôle trinken und dazu Gitanes rauchen. Ach, ich würde mich langsam zugrunde richten und würde das alles noch geniessen. Ich wäre wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt.

Ist es nicht schön, sich alternative Leben auszudenken? Frisch hat sich in der ‚Biographie’ mit diesen Fragen beschäftigt. Man kann sich damit sehr glücklich, oder aber - zweifellos - auch unglücklich machen. Ich selbst bin darüber eher glücklich. Ich meine, ich erlebe dabei die Weite des Lebens. Ich empfinde, wie gross die Möglichkeiten der Existenz eigentlich wären, und wie viel anders mein Lebenslauf auch hätte ausgehen können. Ich glaube, es macht irgendwie zufriedener mit dem, was man hat. Man fühlt sich dann so ordentlich und zufrieden in der Mitte all dieser wilden und abenteuerlichen Spuren und Wegzeichen in der weiten Landschaft. Man weiss sich auf einem ordentlichen, gesicherten Wanderweg, der zwar nicht wirklich irgendwo hin führt, aber zumindest sich nicht allzu gefährlich ausgibt. Und dazu trifft man auf dieser kleinen, gut ausgebauten Avenue jede Menge netter Menschen, die auch unterwegs zu sein scheinen, die aber auch nicht wirklich wissen, wohin der Weg führt. Das ist der wesentliche Unterschied: bei den Menschen auf dem Weg entscheidet der Weg über die Gehrichtung. Bei jenen, die eigenmächtig durch die wilde Natur gehen, entscheidet jeder selbst. Das macht ihn wohl wacher für die Situation. Vielleicht kommt er nicht wirklich an einem selbst gewählten Ziel an, aber mindestens er hat seinen Weg selbst gewählt. Er fühlt sich heroisch, denn er hat immer wieder den Eindruck, in einer Krisensituation zu sein, in einer Situation, die über Tod und Leben entscheidet. Und gerade das macht, dass er sich so lebendig fühlt. Wir hingegen wandern ruhig auf dem Strässchen wie auf einem Sonntagnachmittagspaziergang. Und jedes Kind weiss doch, wie langweilig Sonntagnachmittagspaziergänge sein können!! Und so ist es nicht erstaunlich, dass wir ein bisschen schläfrig dahin gehen und nicht wirklich wach zu sein brauchen. Das einzige, was wir benötigen, ist die Motorik der Beine. Und sie arbeitet bekanntlich routinemässig und völlig automatisch. Wir brauchen bloss zusehen, dass sich an den Füssen keine Blasen entwickeln!!

Ich muss jetzt zurück auf mein langweiliges Strässchen und die Sitzung für Montag vorbereiten. Dann fahre ich nach Basel.
MlGuKusw
Ruedi

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