Freitag, 23. Oktober 2015
Re: Hast du Zeit?
Liebe Marlena
Wenn Du so gemütlich und gemächlich von Stockholm erzählst, werde ich dort geradezu heimisch. Das eigentlich meine ich, wenn ich von der herbstlichen Pracht in der Stadt rede. Man wandert durch die Strassen, geniesst die letzten hellen Tage, vielleicht die Sonne des Altweibersommers, aber man sehnt sich schon ein bisschen nach den warmen Stuben, nach dem heissen Vieruhrtee und dem trauten Licht der Lampe, wo man lesen und dösen kann. Das finde ich eine hübsche Atmosphäre, und es ist die Zeit, da man Arm in Arm durch die Strassen geht und die Fenster betrachtet. In einer anderen Jahreszeit kann ich mir das kaum vorstellen. Im Frühling geht der Blick hinaus in die Natur, da will man nicht in der Strasse stehen bleiben. Im Sommer ist man ohnehin draussen vor der Stadt. Aber im Herbst, da ist die Stadt in ihrem Element, wenn die Blätter treiben ...
Kürzlich habe ich mir gesagt, dass - wie es in diesem süsslichen Schlager heisst: In einer kleinen Conditorei ... - dass es das kaum mehr gibt. Doch, es gibt noch einige wenige. Aber irgendwie haben sie sich auch verändert. Und die normalen Wirtschaften noch viel mehr. Es gibt jede Menge neutraler Imbissorte, ähnlich wie Mc Donalds, ohne wirkliche Atmosphäre. Sie verkaufen Hamburgers, Pizzas, Indisches oder Tailändisches Zeug zum Essen. Diese gastronomische Szene hat sich sehr verändert in den letzten Jahren. Und die kleine Conditorei, wo man sich für einen kleinen, diskreten Flirt zurückziehen könnte, um einen Schokoladenkuchen zu essen und einen Mokka zu trinken, das gibt es nicht mehr. Vielleicht gibt es das überhaupt nicht mehr, die kleinen Flirts. Vielleicht gibt es überhaupt nur noch direkte und ungeschönte Operationen wie Zungenkuss oder One-night-stand. Die ganze Romantik scheint verloren zu gehen. Weshalb eigentlich? Aber eben, das ist die Nostalgie des Herbstes! Ich fühle mich in der Tat bald im Pensionsalter. Die Pensionisten stehen am Rand der Welt, wie die alten Männer am Rande einer Baustelle stehen und zuschauen, was da alles gearbeitet und zerstört wird, und können nicht begreiffen, wozu das?
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Gestern hatten wir eine Sitzung in Basel. Und weil um 17 Uhr der Verkehr besonders hoch ist, habe ich mich entschlossen, noch nicht heim zu fahren, sondern noch rasch in die Stadt zu gehen. Es gibt zur Zeit Herbstmesse in Basel. Das ist ein Rummel in den Strassen, weil überall Karussels und Bahnen stehen, wo sich die Kinder ihre Zeit und das Geld ihrer Eltern vertreiben. Eine meiner Kusinen ist früher immer mit B. und A. auf die Messe gegangen und hat sie auf diese vielen Bahnen eingeladen, soviel sie wollten. Sie war wirklich sehr grosszügig . Und abends hat sie gleich noch ein Essen für uns Erwachsenen organisiert. Es war jedes Jahr ein Fondue Chinoise mit vielen feinen Saucen und einem guten französischen Wein. Sie hat uns einmal im Jahr rundum verwöhnt. Heute ist sie pensioniert, frühpensioniert eigentlich, und geniesst ihre Zeit und Reisen rund um die Welt. Sie ist ledig geblieben und stets an den Wochenenden in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Ich konnte das zwar nie richtig begreifen. Ich habe den Eindruck, sie habe sich für die Eltern geopfert. Solche psychologischen Phänomene soll es ja geben.
Ungefähr um 19h bin ich dann zurückgekehrt. Aber mittlerweile war ich noch in der Bibliothek. Dort parkiere ich meist mein Auto, wenn ich in Basel bin, denn anderswo finde ich kaum einen Platz. Im Raum von Yves war Licht. Ich klopfe dann immer dort an die Scheibe, und er kommt an die Hintertüre, mir zu öffnen. Die Bibliothek selbst war längst geschlossen. Y. ist dort irgendwie Spezialist für EDV FRagen der Bibliothek. Und gleichzeitig hat er die Rezensenten zu betreuen. Sein Büro ist voller Jugend- und Kinderbücher. Ich habe mir ungefähr 40 ausgewählt. So bin ich für die nächste Zeit wieder eingedeckt mit diesen Büchern. Y. hat mir erzählt, dass sie im Moment ihr Bücherschiff vorbereiten. Jedes Jahr nach der Herbnstmesse mietet die Bibliothek ein Schiff auf dem Rhein. Dort stellen sie Bücher aus für Schulklassen und Kinder. Sie wählen dazu jedes Jahr ein anderes Thema. Dieses Jahr heisst das Motto "Mein Lieblingsbuch". Dazu haben sie Prominente gefragt, an welchen Büchern sie in ihren Jugendjahren am meisten gehängt haben. Sie wollen wirklich die alten Ausgaben aufstellen und anschreiben, wessen Lieblingsbuch dies gewesen sei.
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Heute ist unser Weekly. Und morgen haben wir Gäste. Da muss ich meine Dinge noch etwas aufräumen im Wohnraum. S. mag es nicht, wenn es zu gemütlich aussieht. Mich selbst würden diese Dinge nicht stören, denn sie gehören zum Leben. Aber S möchte die Wohnung, wie sie die Perser vorweisen, wenn jemand kommt: pik-fein und auf Hochglanz getrimmt. Na ja, das sind die Kompromisse, die man im Leben einzugehen hat.
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Weshalb denkst Du an Kalorien, wenn Du Kuchen isst? Du hast doch erzählt, dass Du absolut nicht Gewicht zulegen kannst, soviel Du auch isst? Ist das nicht mehr so? Ich bin im Moment mit 1 kg im Über-Bereich und werde versuchen, das wieder loszuwerden. Es ist nämlich so - wie wir alle wissen - dass nach dem 1. kg das 2. kommt. Und so weiter. Man soll dem Teufel gleich zu Beginn begegnen, und ihn nicht zu lange gewähren lassen. Sonst wird man ihn nicht mehr los.
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Jetzt will ich noch rasch in den fotofolder via bluffokatten. Ich hoffe, sie lassen mich rein.
Mit lieben Grüssen
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