Freitag, 2. Oktober 2015
Gedanken über "Erwachsene"
Lieber ...,
(---)
Unsere jugendlichen Auffassungen von den "Erwachsenen". Für mich war es so dass ich ihnen absolut keine Schwächen zutraute. Sie waren fast wie Robote, die ihre Pflichten ausführten, die streng bewachten, dass auch wir Kinder dies taten. Vielleicht hätte ich es anders gesehen, wenn ich mit meiner Mutter aufgewachsen wäre. Noch als 25-jährige habe ich die Zeit vor dem Umzug zu meiner Tante als das verlorene Paradis betrachtet. Erst später, viel später konnte ich sehen wie ihr Leben (das Leben meiner Tante) wirklich gewesen sein muss. Es ist überwältigend plötzlich das Dasein eines anderen Menschen von Innen zu sehen. Wir hätten damals einander sehr nahe kommen können.. aber es war zu spät.
Ich glaube auch, dass das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern heutzutage anders ist (jedenfalls anders sein kann). Bei Anna und mir ist ja die Situation etwas speziell. Wir haben lange allein und nahe zusammen gelebt und vielleicht liegt es an mir, dass wir eigentlich nie ein solch typisches Eltern-Kinder-verhältnis gehabt haben. Wir waren immer mehr wie richtige Freunde. Neulich, als sie mit mir am Telefon gesprochen hatte, hat sie ihr "Korridorsfreund" gefragt mit wem sie gesprochen hätte. Und er hat auf alle möglichen in ihrem Bekanntenkreis getippt bis ihm schliesslich Anna gesagt hat, es war mit ihrer Mutter. Er konnte es nicht glauben, dass man so mit seiner Mutter reden kann. Es gibt scheinbar immer noch junge Leute, die Eltern als E.T.s betrachten.
Es ist lustig wie du sagst "nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass auch ich mal auf ihre Seite geraten würde".
Für mich war die grosse Überraschung, dass man nie erwachsen wird, d.h. nie so wird, wie man sich die Erwachsenen vorgestellt hatte. Dass man innerlich immer derselbe ist.. auch wenn sich das Äussere verändert. Ach, wie schade, dass du nicht schwedisch kannst. Zu irgendeinem ehrwürdigen Geburtstag hat jemand ein Gedicht vorgetragen über das Altern (siehst du ich bin schon wieder dabei). Es sagte ungefähr, dass man alle Alter zugleich in sich trägt. Einmal ist man ein kicherndes kleines Mädchen, dann eine ernste junge Frau oder eine müde alte Person. Aber man ist es nicht in diser Reihenfolge sondern abwechselnd. Für mich ist altern dasselbe wie reicher werden. Man sammelt immer mehr Schätze in seinem Tresor. Schöne Erlebnisse, interessante neue Erfahrungen, mehr Wissen..
Es ist spät geworden und ich sage dir nun gute Nacht und hoffe, dass du bald wieder kerngesund bist.
MlGuK,
Malou
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