Sonntag, 1. November 2026

Re: Novembergeist

 R)


Lieber ...,
Wenn ein Mann in deinem ehrwürdigen Alter einen Sprung über die Schwelle macht dann ist das wie wenn sich ein jüngerer Mann in den nächsten Baum werfen und wie ein Tarzan durch die Luft schwingen würde. Ich kann durchaus zufrieden sein mit meiner Wirkung. ;-)

Ja, chéri, ich habe mich sehr gefreut, dass ich dir eine kleine Freude machen konnte mit meinem Strauss. Und scheinbar steht mir das Glück bei nicht nur in beruflichen Dingen, denn ich wusste gar nicht an welchem Tag dein Geburtstag ist, nur dass es irgendwann in der ersten Hälfte des November sein müsste. Und du weißt vielleicht schon, dass wir an deinem Geburtstag in ganz Schweden geflaggt haben. Es ist nämlich der Gustav Adolf Tag, den man zur Erinnerung an Gustav II. Adolf  (Vater von Kristina) feiert. Nun ja, es sind die patriotischen Leute, die es tun, indem sie ein Gustav Adolfgebäck essen. So werde ich mich in Zukunft leicht an den Tag erinnern können.

Wie lustig du über die Beobachtungen der älteren Herren erzählst. Auch ich sehe fast immer, wenn ich einkaufen gehe, Leute, die vor zehn Jahren noch jung und rüstig aussahen und die nun alt und grau dahin tappen. Und das macht mich immer ein wenig melancholisch, denn ich kann es nicht lassen zu denken, dass ich wohl auch bald so aussehen werde. Aber eigentlich ist es ja nur, wenn man ihr Äusseres sieht, dass man so reagiert. Denn wenn man mit ihnen spricht, verschwindet meistens dieser Eindruck von Verfall. So z.B. gestern standen ein paar wirklich alte Frauen am Gemüsestand und betrachteten sehnsüchtig die schönen Paprikas, die dort in vielen Farben prunkten. Ich machte die Bemerkung, dass ich über den Preis überrascht sei, da sie meistens um diese Jahreszeit mindestens das doppelte kosten würden. Und eine der Frauen fragte mich, ob man sie auch einfrieren könnte. Und ich habe gesagt, ich bin nicht sicher, ich hätte es zwar mal getan, aber leider nie aufgetaut und so haben wir herzlich gelacht, denn die Situation war auch ihr vertraut. Dabei kam sie mir vor wie ein junges, fröhliches Mädchen. So ist es. Wir tragen einen Körper herum, der immer etwas älter wird, aber er birgt eine Seele, die alle Alter zugleich trägt. Wenn wir glücklich sind, sind wir jung, wenn wir müde sind, fühlen wir uns alt.. Und wenn man einen Mausfreund hat, dessen Worte einen berühren ... vergisst man sein Alter.. So sollte ich dir wohl auch danken.

Heute scheint wieder einmal die Sonne von einem klarblauen Himmel und immer noch trägt die Hängbirke vor dem Fenster hier ihr Laub, das nun wie Gold leuchtet. Es sieht etwas lustig aus, gegen den weissen schneebedeckten Rasen.

Ich habe nur noch eine Unterrichtsstunde, dann werde ich mich ausruhen und kurieren, denn auch ich huste wie ein Dobermann.. sehr guter Vergleich! :-)

Ja, die Wienerschnitzel!! Ich kann sie leider kaum mehr geniessen seit ich mit Kollegen auf einer Studienreise in Estland war. Denn wo immer wir hin kamen, gab es eigentlich nur Schnitzel in den Restaurants. Dabei musste ich ihre Kunst bewundern, wie sie dieses Gericht mit verschiedenen Garnierungen variieren konnten .. Aber darunter fand man eben immer wieder ein Schnitzel, auch wenn die Vorspeise russischer Kaviar und Champagner sein konnte. Ich werde übrigens bald mal die Leute zu einem "Estlandabend" einladen, an dem wir alle unsere Fotos mitbringen werden und was glaubst du, was ich ihnen anbieten werde? Natürlich ein "herrliches Wienerschnitzel", damit sie sich richtig zurückversetzt fühlen.

Nein, bei uns ist es nicht üblich, Kastanien zu essen. Anna hat es neulich in ihrer Italienischstunde gegessen. Sie haben einen Grill mitgebracht und geröstet und es hat spannend geschmeckt..

Ich muss mich nun noch etwas vorbereiten für meine letzte Stunde heute. Du hast wohl auch bald Feierabend und ich wünsche dir ein richtig schönes Wochenende mit vielen Schwellensprüngen.. Ich sehe dich vor mir und bin riesig stolz darauf... fast als wäre es mein Verdienst. :-)

Mit lieben sonnigen Novembergrüssen
Marlena





Novembergeist

Liebe Marlena

Ich habe ihn überlebt!!! Meinen Geburtstag, meine ich. Ich bin froh, dass die Leute nicht allzu viel Aufhebens gemacht haben. Das mag ich nämlich gar nicht besonders. Nun ja, ich habe einige nette Telefonate gehabt. Und abends sind wir - dh unsere Familie - zusammen in der Nähe essen gegangen. Es war klein und bescheiden, wie es sich in meiner Altersklasse gehört.
Deine Glückwünsche haben mich sehr gefreut. Und - um es klar und deutlich zu sagen - sie waren die ersten, die ich am Morgen empfangen hatte. Alle anderen Küsse und Wünsche und Glücksbeteuerungen kamen viel später an. Die roten schwedischen Rosen waren wirklich knallrot, und haben etwas lasziv hin- und hergewackelt. Ich danke Dir, Marlena, und ich bewundere, wie Du daran denken konntest. Ich vergesse leider solche Geburtstage allzu gerne.

Als S mir vor einer Woche sagte, ich solle den Dienstag abend reservieren, wir hätten da etwas vor, da habe ich bei weitem nicht an meinen Geburtstag gedacht.
Und schliesslich habe ich am späteren Morgen im Städtchen noch einen ehemaligen Mitarbeiter angetroffen. Er ist schon über 60 und arbeitet zu 80% oder vielleicht 60%. Auf jeden Fall hat er Zeit, mitten an einem Werktag mit einer grossen Tasche durch die Strassen zu schlendern und seine Kommissionen zu tätigen. Auf seine Einladung sind wir in einem kleinen Café verschwunden (etwas, was ich sonst hier absolut nie tue, weil ich vermeiden muss, dass die Leute reden und behaupten, die Beamten arbeiteten nichts und sässen bloss tageweise in den Restaurants herum), und er hat mir geklagt, wie sehr er unglücklich sei mit seiner heutigen Arbeit und wie gerne er zu uns zurückkommen würde. Nun ja, was soll man dazu sagen? Doch man hat in seinem Gesicht schon von weitem gesehen, dass er nicht glücklich ist. Er schien leidend. Mein erster Gedanke galt seinem Rücken. Ich glaube, bei physischen Schmerzen altert man schnell. Und er hat mir um die 10 Kameraden und Altersgenossen aufgezählt, die an Parkinson, an Prostatakrebs, an schweren Depressionen und leichter Impotenz oder an anderen fürchterlichen Krankheiten leiden. Kurz und gut, ich verliess das Café mit einem übermütigen kleinen Sprung über die Schwelle im himmlischen Gefühl, absolut jung und frisch, spritzig und gesund zu sein. Man fühlt sich selten so gut wie im Altersheim. Und das ist die Moral der trüben Geschichte.
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Und draussen vor dem Fenster hat der November Einzug gehalten. Die Stühle und Tische unten im Cafè sind zusammengestellt. Die Blätter der Bäume bedecken den Boden. Es nieselt und ist kühl. Nicht kalt, aber kühl. Und der Wind bringt eine gewisse Unruhe in die ganze Szenierie. Die Leute eilen vorbei und schauen kaum um. Die schönen, warmen, und wie man sie genannt hat "goldenen" Oktobertage sind endgültig vorbei. Man kann im Städtchen wieder heisse Marroni kaufen. Kennt ihr sowas in Schweden? Es sind diese, auf offener Kohle gegrillten Edelkastanien, die bei diesem Wetter heiss so gut schmecken. Sie sind in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen, während es in meiner Jugend ein Arme-Leute-Geschäft war, sowas zu verkaufen.
*
Ich habe etwas zuviel gegessen gestern. Auf der Karte fand ich viele Dinge, die S zuhause auch kocht. Lammgigot, Lammfilets, Fische in allen Formen. Und so bin ich auf ein absolutes Proletariermenue ausgewichen: Schnipo, sagt man hier. Das meint Wienerschnitzel mit Pommes. Es war kalorienreich, üppig und etwas fettig. Darüber konnte auch der kleine Zitronenschnitz nicht hinwegtäuschen. Aber ich habe es genossen. Und dazu ein Bier getrunken.

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Ich danke Dir für Deine Wünsche. Sie wackeln immer noch knallrot vor meinen Augen. Und ich bin sicher, sie werden mich im kommenden Winter wie ein Antidepressivum begleiten und zu grossen Taten wie die oben erwähnten Schwellensprünge antreiben.
Mit einem Novembergruss
...

Erinnern

 



Vielleicht


Erinnern 
Das ist
 
vielleicht
 
die qualvollste Art

des Vergessens
und vielleicht 
die freundlichste Art

der Linderung
dieser Qual

[Erich Fried]



Dienstag, 27. Oktober 2026

Re: begeistert von ..


Istanbul

Lieber ...

Ja, ich kenne deine Begeisterung über die Türken. Und Istanbul ist eine wunderschöne und interessante Stadt, die sehr wohl eine Reise wert ist. Auch K hat enthusiastisch über die Leute dort gesprochen, doch ich habe mir damals nichts besonderes dabei gedacht, denn sie, d.h. er und seine Gruppe, werden immer sehr gut behandelt auf ihren Reisezielen. Doch wenn ich jetzt zurückdenke, erinnere ich mich, dass er sehr die Bedienung gelobt hat und die Freundlichkeit aller Menschen. die ihnen begegnet sind.  Ich erinnere mich an das Jahr, weil Anna und ich auf Cypern waren und als wir am späten Abend über Istanbul geflogen sind, haben wir hinunter geschaut auf die vielen Lichter und gedacht, dass K nun irgendwo dort unten ist. Damals, glaube ich, hatte man auch die Leute vor Reisen in die Türkei gewarnt (erinnere mich nicht mehr an den Grund) und die Schweden glaubten, dass sie deswegen so geschätzt wurden, weil sie sich nicht um das Verbot gekümmert hatten.

Wie du sagst, der Charme der Südländer, gemischt mit der Ehrlichkeit eines Nordeuropäers (falls es sowas noch gibt), muss doch irgendwie ideal sein. Und du meinst es gefunden zu haben. Ich glaube, ich muss auch einmal dorthin fahren.

...

Montag, 26. Oktober 2026

.. begeistert von den Türken


Liebe Marlena

(---)

Gestern war ich kurz bei Walter am Weekly. Ich dachte, ich könne ihn nicht nochmals sitzen lassen, nachdem ich schon die letzte Woche verschlafen habe. Aber es war wirklich kurz, eine gute Stunden sassen wir in seiner Bibliothek und diskutierten die türkische Kultur. Habe ich Dir schon erzählt, wie begeistert ich von den Türken bin. Sie sind wirklich tüchtig, wohlerzogen, speditiv, praktisch und haben Charme. Echt toll! In NY war eine Türkin im Kurs, die in NY lebt. Auch sie hat mir echt imponiert, eine hübsche Frau, gut gekleidet mit wunderbar balancierten Umgangsformen. Fast schon wie eine Perserin. Aber - wie sie mir erzählt hat - ist oder war ihr Vater Chirurg. Sie kommt also von einer gutsituierten Familie. Und ich hätte nie gedacht, dass mich auch die einfachen Leute in der Türkei beeindrucken würden. Aber sie haben mich wirklich. Und nicht nur die Frauen, sehr wohl auch die Männer. Ich glaube, ich muss mal Instabul besuchen. Das scheint eine wundervolle Stadt zu sein. Und weisst Du was, sie passen zu den Deutschen, die Türken. Sie passen wundervoll zusammen. Beide sind pflichtbewusst, exakt. Die Deutschen sind gleichzeitig etwas nüchtern und kühl, manchmal protzig. Die Türken sind fein, elastisch und können sich gut einschmeicheln. Aber das Grundgerüst ist ziemlich ähnlich, wie mir scheint.
*
Und so mache ich mich langsam dran, mich auf die Sitzung vorzubereiten. Während andere ihre Aktenmappen füllen, fülle ich meine Hosensäcke. Mit Papiernastüchern natürlich.
Mit lieben Grüssen ..,

A propos: Deine Schläfen-Küsse lassen mich wirklich alt ausschauen, schon fast ein bisschen tatterig. Du weisst doch, was tatterig ist? Kleine Schritte, wackeliger Gang, zitterige Hand, Spuke, die aus den Mundecken quellt, kleiner Tropf an der Nasenspitze ... na ja, und so weiter. Eben tatterig!

...und echten saftigen Küssen

...



Freitag, 23. Oktober 2026

Warum nicht?

 (R)

 


Lieber ,,,

(---) 

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich habe eine wunderschöne persönliche Reiseschilderung über Rom gefunden mit dem Titel "Du und ich in Rom", von Sigge Hommerberg geschrieben. Es ist ein Buch für Leute, die eine Romreise planen, die gerade dort gewesen sind, oder die sich dorthin sehnen. Vielleicht gehöre ich in alle drei Kategorien. Einmal möchte ich dorthin fahren, mit dir bin ich (leider nur in Gedanken) dort gewesen, und schliesslich meine lebenslängliche Sehnsucht nach dieser Stadt.
Sigge Holmberg besitzt gute kunsthistorische und auch archeologische Kenntnisse. Ausserdem ist er sehr gastronomisch interessiert. Das Buch gibt praktische Tips nicht zuletzt über Essen und Wein. Zwanzig Spaziergänge unter Führung mit Kartenskizzen zu jedem Kapitel. Und schliesslich ein kleines Nachschlagewerk über andere Sehenswürdigkeiten und die Adressen zu den beliebtesten Restaurants und Trattorien des Schriftstellers.

Was sagst du dazu? Ich wünsche das Buch wäre in andere Sprachen übersetzt. Muss mal bei google nachsehen, ob es so ist. Und weisst du, das "DU" in dem Titel des Buches bist immer noch du, chéri. Klar musst du nochmals dorthin. Hast doch den Vatikan verpasst. Ich würde so gern auf Entdeckungsfahrt gehen mit dir in dieser romantischen Stadt. Deine vorige Reise war doch nur eine Rekognozierungsreise, um die Zeit dann später besser ausnützen zu können. ;-)

Ich schicke dir ein kleines Bild mit aus dem Buch, ein Aquarell von Franz Roesler, vor mehr als hundert Jahren gemalt. Es zeigt die Via dei Cappelari (Strasse der Hutmacher). Und es sagt, so ungefähr sieht es heute noch aus. Sogar die Wäsche hängt noch dort. ;-)

Ich sehe gerade, dass du mir einen Artikel geschickt hast. Bin neugierig darauf. Ja, Gunnar Ekelöf ist einer unserer grossen Dichter.
So lasse dich einen Moment.
Wünsche dir einen schönen Tag noch,
MlGuK

Malou



 

Der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf

 

 



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Diesen Artikel aus NZZ Online, der Website der Neuen Zürcher Zeitung,
sendet Ihnen ...er.priv@gmail.com
mit der Mitteilung:
schönen Gruss
...
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Die Leere zwischen den Dingen

Strahlend und strömend - der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf


Die letzten Fotografien zeigen ihn meist im Schlafrock. Ein schmaler Herr mit schwarzer Mütze, der sich in seinem Sessel durch einen Bildband blättert. Zwischen all den Decken und Kissen ist das hagere Gesicht kaum zu sehen, nur das Licht gibt Nase und Stirn ein wenig Kontur. Ein Schmerzensmann, ein Asket, so scheint es, der erlebt, von was die Gedichte sprechen: «Viel ist nicht / von mir übrig . . . / Ich habe kein Gefühl mehr für mein Ich, mein Gewicht / Ich verliere den Halt, ich schwebe hinaus / Ich werde allmählich unsichtbar.»
Auch wenn er über die Kunst des Verschwindens schrieb, hielt sich der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf stets an die Wahrnehmung und an das Körperliche des Lebens, an jenen «Sinnengenuss», der für ihn zu jeder echten Literatur gehörte. Die Fülle der «Farben und Formen» war ihm Fluchtpunkt seines Schreibens, sie machte es ihm erst möglich, das Gedicht als «Magie und Beschwörung» zu verstehen, als einen Weg, das Sichtbare nach und nach zu übersteigen. «Du siehst, und sehend spürst du / wie sich alles zu Asche verwandelt / wie der Blick sich verwandelt / und aufhört zu sein / gleichwohl aber bleibt -», heisst es in einem der späten Werke.


DIE ERFAHRUNG DER SCHWEBE
Die Texte dieses grossen Dichters, die Gedichte ebenso wie die Essays, die Briefe oder die schmalen Prosastücke, entwickeln sich allesamt jenseits eines Denkens in blossen Gegensätzen. Dem «sterilen Reich» aus Licht und Schatten, Gut und Böse, Wirklichkeit und Traum hält Gunnar Ekelöf die Erfahrung der Schwebe vor, tastet sich vorwärts an Fluchtlinien und Konturen oder gibt sich in den Zwischenräumen der Wörter zu erkennen. Hier entpuppt sich das feste Ich als Chimäre und die Wirklichkeit als etwas durchweg Flüssiges. Diese «dritte Seite des Lebens» ist keineswegs mit naivem Einheitsdenken oder einer Art Natürlichkeit zu verwechseln. Vielmehr hat der ungerade, «einsame Mensch» die dualistische Welt des Rationalismus bereits durchwandert und setzt bewusst auf das Unbestimmte, Unvermessene, «jenseits aller Wahrheiten und Lügen».
So anspruchsvoll diese philosophischen Überlegungen auch klingen mögen - Gunnar Ekelöfs Gedichte sind doch angenehm frei von allen überdehnten Begriffen. In seinen leicht gebauten Versen versetzt er die Sprache in jene Schwingung, die er selbst einmal als «Radioaktivität» bezeichnet hat, als eine Strahlung, die sich erst nach Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden abschwächt: «Diese Radiowellen hat das Gedicht weniger durch den Inhalt erhalten als durch das Spannungsverhältnis zwischen den Wörtern, die den Inhalt ausmachen, durch die Fähigkeit des Dichters, die Wörter und Bedeutungen in ein solches Reibungs- und Nuancierungsverhältnis zueinander zu setzen, dass die Leere weiter nachbebt, lebt, ausschlägt, ‹sendet›, eine Art von magnetischem Gewebe aus unsichtbaren Fäden, Kraftlinien, die sich gegenseitig anziehen oder abstossen.»
Die Leere zwischen den Dingen, seinen «Singsang vom anderen» hat Gunnar Ekelöf immer wieder in grossen Meeresbildern oder Ausflügen in karge Landschaften ausgebreitet. Am Grunde vieler Gedichte wird die schwedische Natur mit ihrer stets gleichen Folge von Hochwäldern und Tundra erahnbar. Und so wie dort die monotone Dünung der Telegrafenmasten im Vorbeifahren sinkt und steigt, sinkt und steigt, so schneiden auch die Verse den Strom des Lebens immer wieder in handliche Augenblicksbilder. Doch nicht nur in seiner Heimat konnte der 1907 geborene Ekelöf die Bekanntschaft mit den elementaren Formen der Landschaft machen. Schon in jungen Jahren nimmt ihn die Mutter mit auf Reisen, wie überhaupt das Leben jener Zeit einer unruhigen Wanderschaft gleicht: 1911 geht es nach Deutschland und in die Schweiz, einige Jahre später sind die beiden in Frankreich unterwegs.


IM KINDERHEIM
Dazwischen liegt der Tod des Vaters, der seinen Beruf als Bankier wegen einer «geheimen Krankheit» vorzeitig aufgeben musste. In der äusserst detailgenauen Prosaskizze «Eine Photographie» beschreibt ihn Ekelöf als «lebenden Leichnam», der in seinem Sessel zwischen Stapeln von Polstern und Decken vegetiert. Ebenso prägend für Ekelöf dürften die Aufenthalte in Heimen gewesen sein, auch wenn sie im Rückblick zunächst ihre hellen Seiten offenbaren: «Ich meinerseits wurde häufig in Kinderheime verschickt, wo es mir rein materiell nie schlecht erging. Im übrigen ist es durchaus so, dass die Kindheit, selbst die schutzloseste und schmerzlichste, stets genügend lichte Erinnerungen aufweist, denn man braucht ja so wenig: eine sonnige Lichtung, unbekannte Blumen und Tiere, das Land, das Vergnügen am Badestrand können die Fremdheit rasch überdecken.» Die nächtliche Einsamkeit mit mancherlei angsteinflössenden Bildern lässt sich gleichwohl nicht verleugnen, ebenso wenig die bohrende Seh!
nsucht nach Briefen oder einem Lebenszeichen.
Trotz diesem «Kindheitstrauma», wie Ekelöf es in einer autobiografischen Notiz nicht ohne Koketterie nennt, findet er seinen eigenen Weg, der ihn zunächst nach London und Uppsala führt. Die Studien in Orientalistik und Persisch bricht er bald schon wieder ab, beschäftigt sich aber weiterhin mit östlichen Weisheitslehren und islamischer Dichtung. Überhaupt sind es die Erfahrungsweisen der Mystik, die ihn nachhaltig beeindrucken. Dazu kommen die somnambulen Nachtbilder der Romantik und jener Surrealismus, den er während seiner Zeit in Paris Ende der zwanziger Jahre kennen lernt. Mit dem geplanten Musikstudium will es nicht recht klappen - «ich hatte das Pech, in eine Wohnung mit papierenen Wänden zu geraten, in der ich der Nachbarn wegen nicht wagte, ein Instrument zu spielen». Auch verliert er seinen Anteil des familiären Vermögens im Wirrwarr der Weltwirtschaftskrise. Unterkriegen lässt sich Ekelöf freilich nicht. Zurück in Schweden, gründet er eine avantgardistische Zeitsch!
rift und arbeitet an den eigenen Gedichten. Sein lyrischer Erstling «spät auf erden» erscheint 1932.
Als Dichter ist Gunnar Ekelöf erst recht spät bei uns angekommen. Hans Magnus Enzensberger hatte einige Gedichte in sein «Museum der modernen Poesie» aufgenommen, ehe Nelly Sachs 1962 unter dem schlichten Titel «Poesie» eine kleine Auswahl bei Suhrkamp herausbrachte. Seit 1991 arbeitet man beim Kleinheinrich-Verlag in Münster an einer bibliophilen Werkausgabe, deren Übertragungen von Klaus-Jürgen Liedtke besorgt werden, einige wenige auch in Zusammenarbeit mit Manfred Peter Hein. Bisweilen hat Liedtke die Ruppigkeit der Verse im Deutschen allzu sehr abgemildert, seine Übersetzungen überzeugen aber dank der grossen rhythmischen Kraft. Mit dem Erscheinen der letzten beiden Bände ist die Edition nun vollständig.
Von Beginn an als zweisprachige Leseausgabe konzipiert, lässt sich über Auswahl und Anordnung naturgemäss streiten. Vielleicht hätte man auf das eine oder andere von Ekelöfs Nonsens- Gedichten verzichten können, vielleicht der berühmten «Mölna-Elegie» mit ihren vielen Flüsterstimmen ein wenig mehr Platz einräumen müssen. Auf jeden Fall hätte eine Ausweitung des Kommentarteils nicht geschadet. Die bei aller Kürze doch kundigen Nachworte des Ekelöf-Forschers Anders Olsson sind einzig um eine Handvoll Anmerkungen ergänzt, die meist noch vom Dichter selbst stammen. Bei einem derart belesenen Autor wie Gunnar Ekelöf, der sich auch in den Sprachwelten von Comics bestens auskannte, reicht das nicht immer aus.
Umso raffinierter scheint die Gesamtstruktur der sieben Bände, die sich vom grossen Spätwerk, der mystisch durchströmten «Akrit»-Trilogie, hin zu den ersten Lyrikbüchern zieht. Dazu gibt es einen eigenen Band mit Essays, Skizzen und Briefen, der zeigt, wie genau Gunnar Ekelöf auch das Prosafach beherrschte, die Kunst vor allem, Gedanken über das eigene Schreiben in kleine Szenen und Schilderungen einzulagern. So kann man sich als Leser zurückarbeiten zu den Anfängen des Werks - dem Spiegelpoeten Ekelöf hätte diese Verkehrung der gewohnten Ordnung gewiss gefallen. Am Ende der Ausgabe stehen die Texte aus dem Nachlass und jene Gelegenheitsgedichte, die Ekelöf in Zeitschriften oder Tageszeitungen veröffentlichte; sie sicherten ihm lange Zeit gemeinsam mit Rezensionen und Stipendien ein Auskommen.
Es ist ein weiter Weg, der nach mehr als einem Dutzend Gedichtbänden im reifen Triptychon des Akrit-Zyklus mündet. Gleichwohl werden schon früh einige bleibende Motive in den Windungen der Ekelöfschen Verse erkennbar. In seinem Début «spät auf erden» versucht sich der Dichter noch als lyrischer Wanderer, der die «buchstabennissen zwischen den zähnen knackt». Fast im gleichen Atemzug sieht er sich aber als «blinder Sänger», der zwischen allerlei Erinnerungen jene «grosse Gebärerin Nacht» erwähnt, die im Spätwerk so strahlende Bedeutung gewinnen wird. Hier entwirft Ekelöf das Bild einer gütigen, allmächtigen weiblichen Gestalt, die einmal als Jungfrau, einmal als Mutter erscheint. Ihre Anrufung verspricht die ersehnte Einheit der «dritten Seite des Lebens», eine mystische unio. Die Suche nach «Nicht-Begierde», nach einem «anderen Licht» ist nicht in einem weltfremden Jenseits angesiedelt. Mit Paradoxien, Fragen und überaus sinnlichen Bildern beschwören Ekelöfs Gedichte ein ums!
andere Mal das, was er «Lebensekstase» nennt: «In meine Seele / grubst Du die Spuren / kleiner Füsse, kleiner Zehen / wie in den feuchten Sand / eines Strands.»


HÖLLENBILDER UND MEERESSTÜCKE
Zu den motivischen Spuren, die sich schon in den frühen Gedichtsammlungen entdecken lassen, gehören neben zahllosen Höllenbildern vor allem die Augen, das genaue Sehen, das nach und nach in den gnostischen Blick übergeht. «Gib mir die Augen der Sepien / die sanften nach innen blickenden / als hörten sie Musik», heisst es 1941 in einem der vielen Meeresstücke dieser Zeit, die einen schön schwingenden Freivers kultivieren. So ist der Lyrikband «Fährgesang» tatsächlich die Überfahrt in die Welt einer anderen poetischen Wahrnehmung, in die des «einsamen Menschen». Dort angekommen, versucht sich Ekelöf auch in der leichteren Kunst von Unfug-Gedichten, wobei er seine poetische Linie nie aus den Augen verliert: «Wenn man es soweit gebracht hat wie ich in der Sinnlosigkeit / wird jedes Wort erneut interessant: / Fundstücke im Erdreich / die man mit archäologischem Spaten wendet.»
Als man Gunnar Ekelöf 1966, zwei Jahre vor seinem Tod, den Literaturpreis des Nordischen Rates verlieh, konnte er wegen Krankheit schon nicht mehr anreisen. In einer verlesenen Dankesrede lässt er seine späten Werke vor den Augen und Ohren der Zuhörer noch einmal aufleben - doch der resignative Grundton dieser Zeilen ist überdeutlich. Die Strahlung seiner Verse indes wird noch lange spürbar sein, sie mag nun Radiowellen gleichen oder der Strömung eines Ozeanriesen, der weit draussen vorüberzieht: «Und wir wissen nichts von ihm / ehe die Bugwelle uns am Ufer erreicht, / erst die eine, und noch eine und immer mehr / die anbranden, sich brechen, bis alles geglättet ist / wieder wie vorher. - Und doch ist alles verändert.»


Gunnar Ekelöf: Färjesng/Fährgesang. Gedichte 1932 bis 1951. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 317 S., Fr. 54.25.
Gunnar Ekelöf: En trasig liten ask av trä / Ein zerbrochenes Kästchen aus Holz. Gedichte aus dem Nachlass. Verstreute Gedichte. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 293 S., Fr. 54.25.

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