Mittwoch, 21. Oktober 2026

Re: Schneeeee!!!! immer noch

 

den 22 oktober  09:09
Re: Schneeeee!!!! immer noch

Liebe Marlena

Ich nehme mir die Freiheit, ein kurzes Mail zu schreiben. Das kann ich, weil ich heute morgen den Kurs schwänze. Du weisst sicherlich, was "schwänzen" heisst. Die Schüler verstehen sich darauf vortrefflich. Ich muss meine Sparübung noch zu Papier bringen, und dazu brauche ich etwas Zeit. So kommst Du in Genuss eines Mails, das Du eigentlich nicht bekommen kannst, weil ich heute gar nicht im Büro bin. Siehst Du, so virtuell ist auch das RL geworden. Es gibt Dinge, die gibt es gar nicht.

Schnee. Ich kann ihn mir noch nicht vorstellen. Es ist wirklich noch etwas früh, sich mit einem Buch in die warme Stube zurückzuziehen und der Welt den Rücken zu kehren. Aber das ist auch sehr schön. Es ist eigentlich wunderbar. In unserer alten Wohnung hatten wir einen uralten grossen Holzofen. Darauf konnte man sitzen und sich den Hintern versengen, wenn man gerade dran war, Brot zu backen. Wunderbar! Heute ziehe ich mich wirklich in meinen Sessel zurück, einen Ohrensessel aus Leder, englisches Modell, musst Du wissen. Sehr chique (schreibt sich das so?) und sehr introvertiert. Eigentlich fehlte nur noch ein Jagdhund, der einem zu Füssen liegt, um die englische Atmosphäre voll zu machen.

Na ja, was ist der Mensch? In meinem Studium war ich ganz wild darauf, das herauszubekommen. Deshalb behaupte ich auch, ich hätte eine der interessantesten Studienrichtungen gewählt. Als Job ist es dann nicht mehr immer so spannend.

Der Mensch ist eine merkwürdige Affenart, der seine ganze darwinistische Vergangenheit in sich trägt und im Wesentlich aus Sternenstaub zusammengeklebt ist. Ein Prototyp! Eine Wundermischung! Eine Fehlkonstruktion? Und es gibt darunter ein paar ganz wunderbare Exemplare, wie Dich zum Beispiel, oder wie ein paar andere Bekannte. Den Rest könnte man getrost zurück in die afrikanische Savanne schicken. Man muss ja annehmen, dass der Mensch ursprünglich dunkelhäutig gewesen sein muss. Ich kann mir gar nicht richtig vorstellen, wie sie bei Dir die Vollbleichung angestellt haben. Aber auf jeden Fall haben sie es hingekriegt. Man könnte dann ja fast sagen, die Blonden dieser Welt seien evolutionsmässig weiter als die schwarzhaarigen, und noch weiter als die wirklich Schwarzen. Na ja, wir wollen kein Wettrennen veranstalten.

Der Mensch ist nur so wunderbar, weil wir, die wir ihn beurteilen, auch Menschen sind. Wir sind sozusagen von derselben Partei. Ich kann mir eine Konferenz der Tiere vorstellen, die heftigst gegen diese menschlichen Ungeheuer höhnt und sie zum Erbfeind erklärt. Aber wir Menschen sind naiv, wir merken das alles nicht, sitzen gemütlich in einem englischen Ohrensessel und lesen Zeitung, während Armeen von Tieren sich aufrüsten, um sich für den Endkampf vorzubereiten.

Ich habe in den Ferien am Strand von Side ein Buch von Tom Wolfe gelesen. Vielleicht kennst Du dieses amerikanische Grossmaul? Er hat zwei Bestseller geschrieben: "Im Fegfeuer der Eitelkeiten" sowie "Ein ganzer Kerl". Ich habe nur das erste gelesen. Und jetzt eben dieses neue Büchlein, das eine Sammlung von kleineren Texten zusammenfasst. Der Kerl findet, dass mit der Computerisierung und mit dem Internet ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte begonnen habe. Er zitiert sogar Teilhard de Chardin, was mich sehr erstaunt hat, und meint, der hätte mit seinem Begriff der Noosphäre die Verkabelung und Vernetzung, die Globalisierung mittels Elektronik vorausgesagt. Solch ein Unsinn. Meines Erachtens meinte Teilhard mit Noosphäre die Spiritualität des Menschen als eine neue Qualität der Schöpfung. Eine solche Behauptung über Teilhard ist echter Unsinn und mehr oder weniger Wortakrobatik. Wolfe meint auch, die Amerikaner seien an der Spitze der Entwicklung und die Herren der Welt, sozusagen. Ist doch alles dummes Geschwätz, wirklich dumm und einfältig, effekthascherisch und auf Verkaufszahlen aus, aber - leider - ziemlich gut geschrieben. Es ist unterhaltsam zu lesen, besonders an einem heissen Strand im Süden der Türkei, wo einem die fettleibigen .. Elefantinnen und Elefanten vor der Nase tanzen und sich im Sonnenlicht aufblasen, um ihre hemmungslosen Dimensionen zu rösten.

Was ist der Mensch?

Das ist wirklich eine gute Frage. Mit 20 hätte ich Dir eine Antwort geben können.

Vielleicht nächstes Mal.

Mit lieben grüssen
...

Dienstag, 20. Oktober 2026

Oktober


Ämne:  Schneeeee!!!!
Datum: den 21 oktober 

Lieber ..,
Ich merke, dass du dich geärgert hast und glaub mir, ich verstehe dich. Eine Menge Psychologen auf einmal muss eine Prüfung sein, schon diese 13 Lehrer gestern Abend waren ein Grenzfall für was man ertragen kann. Und wenn jeder dann seinen klugen Mund öffnet, und man dabei die Absicht merkt.. na ja, dann wird man verstimmt.

Aber natürlich müssen deine jüngeren Kollegen Ausschau halten nach Katastrophen. Sie leben ja davon. Und gäbe es keine, so würden sie glatt welche erfinden. ;-) Ich denke dabei an den Zahnarzt einer meiner Bekannten, den wir stark verdächtigt haben, Löcher zu bohren, wenn er keine gefunden hat.

Ach, du beneidest uns Lehrer wegen der Arbeitszeiten? Das solltest du nicht tun. Jedenfalls nicht mit den Schwedischen. Wir sind wirklich vollzeitbeschäftigt. In Deutschland arbeiten sie ja nur den halben Tag und in Frankreich fast nur das halbe Jahr. Aber ich glaube nicht die Zeit, sondern die Tatsache, dass wir fast alle Schüler auf dem Gymnasium haben, macht die Arbeit so schwer. Man muss immerzu Arbeitsmaterial konstruieren, weil die Lehrbücher immer noch für homogene Gruppen geschrieben sind.
Ach, ich langweile dich und auch mich selbst mit diesen Dingen.

Gestern habe ich dir (in dem verlorenen Mail) erzählt, dass ich einen Film über den Meisterfotografen Lennart Nilsson gesehen habe. Du weisst sicher wen ich meine, denn er ist weltberühmt. Diesmal ging es nicht um die Entstehung des Lebens sondern um verschiedene Krankheitskeime u.a. Poliovirus, Aids- und Sarsvirus, die er mit mehreren millionen Vergrösserung fotografiert hat. Er hilft damit den Forschern sehr.

Ab und zu sehe ich mir eine Serie an mit dem Titel "Was ist ein Mensch?" Jedesmal wird ein Wissenschaftler oder eine ähnliche Person eine Stunde lang interviewt. Einmal ein Biologe, das nächste Mal ein Theologe.. Es ist sehr interessant zu hören, was uns ihrer Ansicht nach so speziell macht und von den anderen Lebewesen unterscheidet. Was würdest du wohl sagen?
*
Ja, es war wirklich weiss draussen heute morgen. Ganz entgeistert habe ich das durchs Fenster entdeckt. Sogar die Birken, die noch grünes Laub tragen, waren ganz weiss. Und der Schnee ist  an vielen Stellen den ganzen Tag liegen geblieben. Ich meine, der erste schmilzt ja meistens schnell wieder dahin. So muss ich mir meine Spikesreifen anmontieren lassen, sonst wage ich nicht Anna am Wochenende mit dem Auto heimzubringen.

Morgen kommt meine Kleine und ich freue mich schon. Ich werde jetzt noch ein wenig aufräumen, damit sie sich wohl fühlt. Sie hat heute von 8.00 bis 18.00 Uhr Prüfungen geschrieben mit nur einer Stunde Lunchpause. Verstehe nicht, wie sie das aushält. Na ja, die jungen Leute haben viel Ausdauer. Hatte ich auch in jungen Jahren, wenn ich zurückdenke.

Und du? Musst du dich nochmals einen Tag mit der jungen Garde abgeben? Mach es wie ich. Studiere sie. Es ist oft eine Show von menschlichen Schwächen, die da über die Bühne geht. Etwas deprimierend anzusehen, aber der schlechte Nachgeschmack ist meistens gemischt mit einem Gefühl von der eigenen Vortrefflichkeit... ;-)))
*
Was tust du nun? Sitzt du in deinem Lieblingsfauteuil und schlummerst vor einem Fernsehprogramm oder liegst du sogar und schläfst? Ich werde das RL anfassen. Es wartet schon auf mich.

So grüsse ich dich lieb.
À bientôt j'espère. Je t'embrasse, mon chéri,
Marlena

Samstag, 17. Oktober 2026

Dampfbügeleisen und Paris

 

date   27 September  21:06
subject  Nostalgieabend


Lieber Mausfreund,
Ich habe dein Bügelmail nochmals gelesen.. wollte ein Bisschen lachen.. ;-) Und nun habe ich ein paar Kommentare dazu. 10 Hemden in 90 Minuten, das ist wirklich nicht schlecht. D.h. wenn es so richtige Hemden sind, wie sie die Herren hier auch früher trugen. Aber sag, warum musst du sie vorher feucht machen? Hast du denn kein Dampfbügeleisen? Und dann nachher faltest du sie zusammen. Ist es weil du sie einpacken willst? Ich hänge K's Hemden immer auf einen Kleiderbügel. Dann bleiben sie garantiert knitterfrei. Übrigens tragen die Männer hier kaum mehr diese eleganten Hemden zu denen ein Schlips gehört. K trägt fast immer weiche Hemden z.B. aus Piké. Die sind auch ganz einfach zu bügeln und außerdem mit kurzem Ärmel. Also keine Manschetten. Er ist sehr für Bequemlichkeit und auch als er noch im Beruf war eine Art Trendsetter. ;-) D.h. wenn er sich traute gegen Regel zu vestossen und zu tragen was er wollte so machten es ihm die anderen auch bald nach.
Nein, so ein Riese wie du glaubst ist K nicht. Etwas über 1.80 glaube ich. Er sieht auf dem Bild nur gross aus neben G, der eher klein ist. Doch G kompensiert seine geringe Körpergröße mit einem starken Ego. *smile*

Morgen wird sich S nach den Flugkarten erkundigen. Es wird langsam spannend. Ich habe Paris so lange nicht mehr besucht.Habe doch nicht einmal die modernen Viertel auf der anderen Seite des Arc de Triomphe gesehen. Doch ich werde an dich denken. Denn sogar Paris ist mit dir verbunden. Erinnerst du dich an deinen Aprilscherz von Anno dazumal?
So werde ich, wenn ich die Champs-Elysées hinunterschreite wahrscheinlich zu meinen Knien hinunter gucken um zu sehen ob du an meiner Seite gehst.
Lieb von dir, wenn du sagst "du entgehst mir nicht". Nein, du weisst es sehr wohl, du wirst mich immer haben.. so lange du willst. Aber ich weiss nicht ob ich so grosse Treue von dir erhoffen kann.
Morgen fahre ich zu Anna mit Äpfeln, Brot und ein paar eingefrorenen Speisen. Es ist schön, diese Möglichkeit zu haben dem Alltag zu entfliehen und ein wenig Abwechslung zu finden.

Nun lasse ich dich für heute.
Wünsche dir alles Gute.
MlGuK
Malou

Grösse X Länge = Volumen




Freitag, 16. Oktober 2026

Worauf wartest du?

  

 John William Waterhouse - Ulysses and the Sirens


Lieber ...,
Danke für deine lieben Mails und die schönen Bilder. Sie haben mich sehr gefreut.  
Aber schau hier was du mir geschrieben hast, und was mich immer noch warten lässt:

"Ich werde jetzt langsam und mit der zeit wieder ruhiger werden. Und dann werde ich dir meine turbulente Geschichte erzählen Malou. Du wirst dich nicht bloss am Stuhl festhalten müssen, sondern wie Odysseus vielleicht sogar mit dicken Stricken festbinden. Es ist wirklich wild, wenn man das Leben laufen lässt. Und es hat schon seinen Grund, dass das Bürgertum diese gute Ordnung mit Familie und Einfamilienhaus und Job von 8-12 und 14-18h erfunden hat. Das macht alles ruhig und monoton wie ein Luxusmotor."

Ich habe  also schon einen dicken Strick besorgt womit ich mich anbinden kann, wenn dein versprochenes Mail eintrifft.
Worauf wartest du?

Mit lieben Gs und Ks
Marlena

Dienstag, 13. Oktober 2026

Stendhal

Liebe Marlena

(---) 

Stendhals Figuren seien passionierte Epikuräer! Dein Zitat ist m.E. wohl nicht ganz vollständig. Du schreibst: ... ses héros les plus typiques unissent deux traits de caractère souvent jugés inconciliables: ce sont des épicuriens passionés ...    Und was soll denn der zweite Zug, inkonziliable (kein deutsches Wort eigentlich) sein? Was dieser eine Zug betrifft, so kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass Stendhals Figuren ihn tragen, denn es ist ein ureigener Zug des Autors selbst. Er war ja ein sehr unruhiger und ambivalenter Charakter. Wenn man die Biographie liest, kann man sich kaum vorstellen, wie aus ihm ein bedeutender Schriftsteller der Weltliteratur werden konnte. Wohl hat er sein Leben der Liebe und dem Schreiben gewidmet. Aber er war offenbar ein sehr scheuer Mensch, hat tausendfach gezögert, eine Frau zu erobern, um sich im Nachhinein darüber Vorwürfe zu machen. Aber er hat in seinem Tagebuch solche Situationen in allen Details analysiert und seine eigene Rolle reflektiert. Stendhal wollte dichten und hat sich unzählige und riesige Projekte vorgenommen, die er nie ausführen konnte. Er wollte in Versen schreiben, wollte Stücke schreiben, obwohl seine Leidenschaft und sein Geschick eigentlich in der Prosa gelegen hat. Das hat dieser rührige Stendhal erst spät in seiem Leben bemerkt. Schon in seinem privaten Leben gab es eine grosse Ambivalenz. Seine Familie hatte durchaus aristokratische Ansprüche. Sein Vater sorgte für einen Privatlehrer, hielt den kleinen Sohn von der Strasse zurück. Und der begeisterte sich natürlich im Jugendalter für die Revolution und für die Jakobiner. Aber ein Teil seiner Person blieb irgendwie eltitär. Er diente in der napoleonischen Armee, kam nach Italien, nach Deutschland, ja bis nach Moskau. Von seinem Republika-nismus war schliesslich nicht sehr viel übrig. Irgendwo sagte Stendhal offenbar, das beste im Leben sei das eigene Selbst: le Moi. Darum drehe sich eigentlich alles. Und damit hat er doch wohl einen modernen Nerv der Zeit getroffen.

In der Liebe suchte er sich die unmöglichsten Arrangements heraus, zum Beispiel die glücklich verheiratete und sittsame Frau seines Vetters, und fantasierte sich in eine Liebschaft hinein, sah bei ihr dauernd diskrete Gesten ihrer Zuneigung, unterdrückten Schmerz geheimer iebe, gerötete Augen, kleine Signale etc. etc., die ihn in ständiger Aufregung hielten, die aber im RL absolut keine Entsprechung hatten. Er lebte sozusagen von fiktiven Liebesverhältnissen. Dazu hatte er natürlich unzähliche Affairen, die er in seinem Tagebuch getreulich notierte und aus denen er sich auch - wie man es von Nietzsche sagt - die Geschlechtskrankheit holte. Man spricht vom Tripper. Lues ist nicht sehr wahrscheinlich, den man N. nachsagt. Aber seine leidenschaftlichsten Lieben waren wohl - wie gesagt - die unerreichbaren.

Aber er lebte gut, war sehr wohl ein Geniesser, hatte durch seine Familien Beziehungen zur höheren Verwaltung und konnte so seine Stellungen bekommen. Er wäre zwar sehr gerne Konsul in Rom geworden, was ihm nicht gelang. Das war hart, denn er träumte vom Süden und hatte ganze Theorien entwickelt, wie sich die natürlichen und der Kunst aufgeschlossenen Italiener von den schwachen Franzosen unterschieden. Sein ganzes Leben ist aufgespannt zwischen solchen und ähnlichen Gegensätzen. Und diese Dichotomien sind ja doch typisch für das Bürgertum und heute noch in unserem Denken sehr virulent. Nietzsche war einer der ersten, der sie demaskiert hatte.
*
Ich habe in 10 Minuten eine Sitzung und muss los. Geniesse die Hitze, solange sie da ist. Bald wird es wieder Herbst und wir werden die wollenen Pullover hervorholen.
Mit einem süssen Kuss

...



RE: Stendhal

Lieber ...

(---) 

Es war wieder ein ganz heisser Tag und ältere Herren laufen in kurzen Hosen herum. Das habe ich wirklich noch nie erlebt zu dieser Jahreszeit. Sogar oben in Kalix wo 12 Grad um diese Zeit wohl normal wäre, haben sie bis zu 25 Grad warm. Schade dass ich das nicht erleben kann.

Das Unvereinbare sind "épicurien" und gleichzeitig "passionné". Beide suchen Genuss, aber der frühere hat als Ziel stille Zufriedenheit, der andere zermürbende Leidenschaft. Was denkst du davon? Aber ich glaube du kennst dich auf diesem Gebiet besser aus als ich ;-)
Er hat auch ein Buch über die Liebe geschrieben wo er sie wissenschaftlich untersucht fast wie ein Mathematiker. Vier Sorten von Liebe unterscheidet er. Und die Geburt der Liebe umfasst sieben Phasen: die wichtigste ist die "cristallisation", ein wahres psychologisches Gesetz von S. entdeckt. "on pare l'objet aimé de mille perfections.." Hat nicht Schwanitz genau das beschrieben? Vielleicht ist sein Buch sogar von Stendahls "De l´Amour" (1822) beeinflusst. Und ich denke ich bin in dieser ersten Phase hängengeblieben.. ;-)

Stendhal

Ich habe auch nachgeschaut was in unserem alten Lexikon (vom Beginn des vorigen Jahrhunderts) über Stendhal geschrieben steht und dort wird er als einer der bedeutendsten Psychologen seiner Zeit bezeichnet. Nein, nach Rom ist er nicht gekommen, aber wohl in die Nähe von Rom. Und er hat auch ein Buch über Rom geschrieben. Glaubst du man kann diese alten Bücher in der Bibliothek aufstöbern? Er schreibt keine leichte Sprache, aber sehr intelligent kommt er mir vor. Wenn du hier wärst würde ich dir vorlesen was über ihn steht. Ich danke dir, dass du mich wieder auf ihn aufmerksam gemacht hast.

(---)

Oh, so spät schon! Ich muss ins Bett. Sende dir noch einen lieben Gruss ..
Marlena

Montag, 12. Oktober 2026

Besuch im Wallis - ein kompliziertes Unternehmen

 



                 Brig       Foto Chris

Liebe Malou
Nein, ich bin noch nicht im Wallis und ich habe die kleine Ausfahrt auch noch nicht geplant. Wenn ich schon fahre, möchte ich schönes Wetter. Ich finde, das Wallis ist bei schlechtem Wetter wie eine Dampfkammer. Ich glaube nicht, dass ich diese Enge, die durch eine tiefe und dichte Bewölkung entsteht, noch lange aushalten würde. Es gibt zwar im Sommer schöne Situationen, wenn die Nebelschwaden bis tief herunter hängen.. Das kann sehr malerisch sein. Aber natürlich nicht für einen Touristen wie mich, der einmal im Jahr daherkommt und alles von der Sonnenseite her sehen möchte.

Nein, das Wallis ist eine Sonnenregion, und so sollte man sie auch sehen und fotographieren. Was mich noch zögern lässt ist die Frage, ob ich mit dem Auto oder mit der Eisenbahn losfahren soll. Mit dem Auto ist es aufwendig. Es ist eine gute 3-Stunden-Fahrt via Bern und Lausanne. Aber mit dem Auto hätte ich im Wallis die Möglichkeit, in die Seitentäler hinein zu gehen, kleine Dörfer zu besuchen und die besten Photo-Punkte aufzusuchen. In der Eisenbahn fährt man ja eigentlich nur im Eiltempo durch.




Und so würde ich wohl oder übel schliesslich in Brig landen, die Bahnhofstrasse hinauf schlendern, vielleicht auch noch die Burgschaft, dieses alte Pflaster unter die Füsse nehmen, auf dem wir so viele male auf und heruntergerannt waren, und ein paar Blicke vom alten Kollegium und vom Pensionat, der damaligen Mädchenschule, nehmen. Ach, ich weiss schon heute, wie sich das im Herzen anfühlt. Es ist so ähnlich, wie wenn du dich an einer alten Wunde kratzest. Irgendwie tut es wohl, aber die Wunde schmerzt auch wieder. Und wenn du dann abends wieder abreist, hängst du irgendwie in der Luft und bist mehr oder weniger enttäuscht über all die Dinge und Menschen, die nicht mehr sind. Ich weiss nicht, ob ich mir soviel Melancholie leisten kann? Mit dem Auto wäre ich natürlich freier und würde vielleicht eine kleine Fahrt bis hinauf ins schöne Goms machen. Das ist ein einmalig schönes Hochtal mit wunderbaren kleinen Dörfern, die noch das alte Bild erhalten haben mit den Holzbauten. Ich würde vielleicht in der Nähe Visps hinüber gehen nach Baltschieder, wo am warmen Sonnenhang praktisch eine neue Ortschaft entstanden ist. Oder ich würde in Raron aussteigen und hinauf zur Kirche wandern, wo ich schon in jungen Jahren gerne war, um über das Tal hinweg zu blicken bis hinunter zum Pfinwald.

Es wäre alles ein bisschen so, wie wenn Du nach vielen Jahren das Elternhaus wieder besuchst. Du kommst in die alte Stube, alles steht da wie in einem Traum, du siehst, dass in der Küche noch dieselbe Ordnung mit denselben Küchengeräten herrscht, und auch in Deinem Zimmer ist das meiste so geblieben, wie es war. Es ist alles noch so, wie es damals war, und trotzdem ist es nicht mehr so. Die Bedeutungen haben sich verändert. Es ist nicht mehr deine Umwelt. Aber sie hat immer noch deinen Geruch. Mindestens glaubst du, ihn zu riechen. Ach, es ist wirklich ein merkwürdig melancholisches Gefühl. Und vor allem denkst du ständig, du würdest irgendwelche bekannte Menschen treffen. In Brig auf der Strasse, die alten Figuren, die damals das Zentrum bevölkert haben. Aber nein, keinen einzigen kennst du. Das macht so ein Gefühl der Irrealität. Du fühlst dich wie in einem Film, der dir vorspiegelt, du wärst zuhause. Aber all die Leute, die herumgehen, sind bloss Statisten für deine alte Heimat. Dabei sind viele von jenen Menschen, die damals bedeutsam waren, gestorben. Und die Kollegen aus der Schule sind beschäftigt und kommen nicht auf die Idee, an einem gewöhnlichen Nachmittag die Bahnhofstrasse auf und ab zu flanieren, um sich alles ganz genau anzugucken.

Und dann kommen all die Häuser dazu, die neu gebaut worden sind. Du vermisst die alten Bauten, mit denen du immer noch gerechnet hast. Und du kannst das alles einfach nicht in solch kurzer Zeit nachvollziehen, all diese Aenderungen, die gemacht worden sind, ohne dich (!) anzufragen, ob es auch recht sei. Dies ist die Verletzung, glaube ich, die man erlebt. Es ist vieles in d e i n e r Landschaft verändert worden, ohne dass man dich vorher gefragt hätte.

Ach Du siehst, Malou, ein Besuch im Wallis ist ein kompliziertes Unternehmen. Es ist ähnlich wie die Renovation eines alten Hauses. Eine solche geht selten ohne Komplikationen ab. Und auch wenn man sanft renovieren möchte, kommt man oft nicht drum herum, das eine oder andere herauszureissen und völlig zu ersetzen. Und das Haus ist nachher nicht mehr, wie es vorher war. Vielleicht ist das die Anstrengung, die mich erwartet, wenn ich ins Wallis reise. Alle denken, er macht sich einen schönen, sonnigen Tag. Und dabei habe ich einen harten Arbeitstag mit Entbehrungen und Schmerzen und Renovationsarbeiten, so dass der Staub nur so quillt. Da könnte ich doch hier in der Region Basel bleiben und gemütlich über die Jurahöhen wandern und in irgend einem Landgasthof einen kalten Teller essen und ein Bier trinken. Etwa auf der Obetsmatt, wo ich als Kind in den Ferien hier noch den bekannten Maler Fritz Pümpin des Baselbietes gesehen hatte.
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Ach Malou, vielleicht merkst Du, dass ich eigentlich Selbstgespräche führe. Und es ist dabei schon eine kleine Not, das muss ich zugeben. Es ist das Gefühl der Not, dass man all diese Gefühle und Situationen nicht ausdrücken kann. Man kann ihnen keine Form geben. Es schwebt alles in der eigenen Seele, ungesagt, unbearbeitet.