Dienstag, 15. September 2026

Es ist Zeit

 


Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 


Rainer Maria Rilke



2 Kommentare:

  1. Jag vet inte, men det känns som en ung dikt av Rilke. Konstlöst förfinad, och mycket han.
    Rätta mig om jag har fel.

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    1. Inget går upp mot Rilke! :-) Denna dikt är en av mina favoriter. Och du har rätt. Här mer information om dikten:
      https://de.wikipedia.org/wiki/Herbsttag

      Ta det som en övning i tyska språket.
      Är du inte uppe i norr än?

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Montag, 14. September 2026

Wieso eigentlich?

Lieber ...,

Ich habe mich in den letzten Tagen immer mehr nach einem Wellness-Center gesehnt. Wir nennen es Spa. Du kennst es sicher. Es ist eine luxuriöse Anlage wo du deinen Körper verwöhnen lässt mit Lehmeinpackungen, Massagen und warmen Bädern u.a. Und nachher fühlt man sich wie neugeboren und so wohl dass man das Leben umarmen möchte.
*
Ich habe deine Story nochmals durchgelesen und ich muss sagen dass man sie immer wieder bei vollem Genuss lesen kann. Und bei allen mit grösster Präzision geschilderten Realitäten ist sie doch irgendwie surrealistisch. Du meinst das ganze passiert nur auf der Couch aber das ist ganz unmöglich zu glauben, weil eben alles so detailliert geschildert wird. Und in diesem "nicht-wissen" liegt auch der Reiz.
Oh, wie habe ich Angst, dich an die Öffentlichkeit zu verlieren..

*

Es fällt mir auch auf, wie du das VL beschreibst. Sind es wirklich nur Rosen ohne Dornen und Läuse? Und Eifersüchteleien und Enttäuschungen? Gibt es die wirklich nur im RL? Vielleicht mache ich keine klare Grenze zwischen RL und VL. Sie greifen ineinander und beeinflussen einander. Der Text im VL zieht seine Nahrung aus dem RL. Und die Freuden im RL haben nicht selten ihren Ursprung im VL. Aber man kann wählen und man kann zensieren. Das ist das angenehme. Doch in schweren Zeiten, wenn man fast nur Dornen sieht, ist es schwer. Man muss sich mit dem Willen dafür blind machen, um Rosen zu entdecken. Und du hilfst mir immer wieder dabei mit deinen schönen Mails.

Manchmal wünsche ich mir doch, wir hätten uns damals in Rom kennengelernt. Es ist aus ganz egoistischen Gründen. Vielleicht erkläre ich es dir einmal.


So, chéri, ich muss mich ein wenig nützlich machen in der Küche. Crevetten schälen! Diese langweiligen Aufgaben fallen immer auf mich.. :-)

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir ein schönes Wochenende im Kreise deiner Familie.
Marlena



Sonntag, 13. September 2026

Revolte gegen die Uhrzeit

 Re: Sein und Zeit


Lieber ...,

Sorry! Ich habe mein Abendmail verpasst. Du wirst es nicht glauben, aber auch ich war so müde, als hätte ich Schwerarbeit geleistet. So war ich wohl ab 20.00h für keinen Gedankenaustausch mehr zu haben und bin früh zu Bett gegangen. Ich hatte die Absicht, noch früh am Morgen ein kleines Frühstücksmail für dich abzusenden. Und dann bin ich in der Nacht nach so 5 Stunden Schlaf aufgewacht und es war fast unmöglich wieder einzuschlafen. Um sieben bin ich dann trotzdem aufgestanden und habe gefrühstückt. Aber meine Glieder waren schwer wie Blei und so bin ich nochmals in die Federn gekrochen, wie du es nennst.
Lustig eigentlich, heutzutage können wir fast ein Mail mit solchen prosaischen Details füllen. Aber eigentlich finde ich sie nicht unwichtig. Im Gegenteil lassen wir einander auf diese Weise wirklich Teil haben an unserem Dasein.
Nun, ich glaube ich litt ganz einfach an Schlafdefizit. Bin in den letzten Tagen immer sehr spät zu Bett gegangen. Es kann wirklich nichts mit Überanstrengung im Beruf zu tun haben, denn dort waren "wir drei" gestern so gut wie unbeschäftigt. Wir haben im Aufenthaltszimmer neben unserem Arbeitszimmer vor dem Fernseher gesessen. Eigentlich nicht davor, sondern eben an dem Tisch, wo wir uns immer mit einer Tasse Kaffee zwischen den Unterrichtsstunden belebt haben und haben uns gut unterhalten. Ab und zu kam jemand von den "Arbeitenden" dazu und es war ein angenehmer Zeitvertreib. Um 11.30h sind wir dann in die Kantine gewandert und haben auch dort unsere Mahlzeit so lange wie möglich hinausgezogen. Welch ein Luxus, nicht an Uhrzeit denken zu müssen!!! Ich hatte sogar meine Armbanduhr zu Hause vergessen. Wozu sollte ich sie auch brauchen?

Natürlich bin ich noch lange nicht so weit, dass ich von Uhrzeit auf Ereigniszeit umgeschaltet habe. Ich glaube so was muss geübt werden. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, mir irgendwelche Tätigkeiten auf Uhrzeit zu verlegen, d.h. zu einem gewissen Zeitpunkt etwas vorher bestimmtes zu tun. Vielleicht muss man das sogar. Aber im Moment ist meine Revolte gegen die ständige Uhrzeit (in unserem Beruf ist man ja besonders davon geplagt) noch so gross, dass ich mich für nichts festlegen möchte. Es soll kein "muss" mehr geben sondern nur "will". *s*

(---)
Ich glaube, dass du schon wartest. Sicher brauchst du ein kleines Mail von mir, und so schicke ich dies nun gleich ab. Vielleicht komme ich später nochmals wieder.

Ich wünsche dir einen schönen Tag ohne Müdigkeit.
MlGuK,

Uhrzeit und Ereigniszeit


Liebe Marlena

(---)

Ich beschäftige mich zur Zeit mit interkulturellen Fragen. Das ist ein interessantes Komplex, und natürlich bin ich davon auch persönlich betroffen, indem bei uns der Bosporus mitten durch die Wohnung verläuft. Ein wichtiger kultureller Faktor ist der Umgang mit der Zeit. Die Orientalen leben im wesentlichen nach der Ereigniszeit. Eine Versammlung beginnt, wenn alle da sind, und endet, wenn man sich verabschiedet. Die Ereignisse geben die Zeitphasen vor. Und ich muss sagen, dass ich einen Grossteil meines Lebens so gelebt habe. Mindestens meine Schulzeit, inklusive Universität, war geprägt von dieser Auffassungsart von Zeitdauer. Natürlich gab es damals Termine, aber sie standen nicht im Vordergrund und sie hatten mein Leben nur nebenbei beeinflusst, nicht wirklich geprägt. Die Uhrzeit, nach welcher die westliche Welt nach der Industrialisierung hauptsächlich lebt, ist in jeder Hinsicht absolut abstrakt, hart und leer. Und sie ist in der Lage, uns jede Menge Stress zu verursachen. Man kann hören, dass einige Kulturhistoriker nicht die Dampfmaschineals die Einflussreichste Erfindung des Industriezeitalters bezeichnen, sondern eben die mechanische Uhr, welche die Uhrzeit in Stunden und Minuten vorgibt. Lange Zeit waren die Uhren damals schon recht genau, aber es gab keine wirkliche Standardisierung. Von Ort oder Region zu Region änderte die Zeit vor- und rückwärts. Und es waren nicht zuletzt die nationalen Eisenbahnen, die eine Vereinheitlichung und Standardisierung der Zeit vorantrieben. Ich glaube, erst im 20. Jahrhundert hat die USA per Gesetz 4 Zeitzonen definiert. Vorher waren es einmal um die 50.

Na ja, das ist ein interessantes Thema, dieses Verständnis der Zeit. Weil ja – wie wir seit Heidegger wissen – Sein und Zeit identisch sind, ist die Rythmisierung und Ordnung der Zeit tief in Fleisch und Blut des Menschen. Ich glaube – und jetzt kommt die Pointe – ich glaube, dass der Übergang ins Pensionsalter einem solchen Übergang von der Uhrzeit in die Ereigniszeit entspricht. In der Pension kann man sich, wie früher einmal in der Kindheit, soviel Zeit für Dinge und Tätigkeiten nehmen, wie sie es für sich verlangen. Man braucht nicht mehr mit Minuten und Terminen zu kämpfen. Die Hauptsächlichen Uhren bleiben der Hunger und der Schlaf, die Dämmerung und der Gang der Natur. Das ist eine Rückkehr zur Natur, wie man davon vielleicht immer wieder in diesen hektischen Zeiten geträumt hatte.
---
Mit lGuK
...


Samstag, 12. September 2026

Kleine Pause

 

Lieber ...,
Ich habe bis jetzt fest gearbeitet und nun bin ich eine Pause wert. Es ist so schön draussen heute Abend und drüben am Waldrand leuchtet die rote Scheune im Abendlicht. Ganz windstill scheint es auch zu sein. Eigentlich sollte ich alles liegen lassen und einen Spaziergang machen. Aber was man gern möchte und was man kann, ist nicht immer dasselbe. Ich muss hier bald weitermachen.
Wie humoristisch du bist.. Diese Perserkriege, die du führst, sind vielleicht garnicht so schlecht.. ;-) Es reinigt die Luft .. Du weisst, wie schön klar die Luft sein kann nach einem richtigen Gewitter. Bei uns gibt es keine solche Kriege. Hier herrscht bewaffnete Neutralität.. ein kalter Krieg, wenn du so willst. Beide Seiten haben zu starke Waffen, um dass man wagen würde, einen Krieg zu entfachen.

Freitag, 11. September 2026

Götter

 ...

Also, ich bin sehr freidenkerisch, ungefähr so wie Rilke, schätze einen tüchtigen Engel oder einen Gott, um mit ihm zu rechten. Ich sage immer, die Götter sollen diese Differenzen und Unterschiede in ihren Doktrinen selbst und unter sich ausmachen. Ist doch nicht das Problem der Menschen, oder? Wenn die Götter Konkurrenzprobleme haben, sagen wir Allah und der liebe Gott und Jehova, oder wie er heissen mag, so bitte, sollen sie sich in Ruhe zusammensetzen und die Sache gütlich regeln. Sie könnten beispielsweise eine rotierende Präsidentschaft einrichten. Oder sie könnten mit Konsens entscheiden. Aber was rede ich da den Göttern hinein? Die Kerle dort oben können das selbst wissen, sonst sollen sie ihre Frauen fragen!


Donnerstag, 10. September 2026

Anweisung für einen Abstieg zur Hölle

Lieber ...,

Es war nett eine Weile heute mit dir zu plaudern. Ich habe dir schon ein Bild gemacht von den Zutaten, die du brauchst für das Rezept, das ich dir senden will.

Neulich musste ich lachen, denn gerade jetzt, wo du dich mit deiner Garderobe für den Aufstieg in den Himmel beschäftigst, kam mir dieser Titel vor die Augen. Es ist ein Buch von Doris Lessing. Vielleicht sollten wir uns auf beide Möglichkeiten vorbereiten. Mir spielt es eigentlich keine grosse Rolle wo ich lande. Die Hauptsache ist, du bist auch dort. Dann wird es nie langweilig. :-)
Alles Liebe noch
mit Gs und Ks
Malou


Anweisung für einen Abstieg zur Hölle

Anweisung für einen Abstieg zur Hölle handelt von einem Altphilologieprofessor, dessen äußere Realität zusammenbricht und der stattdessen in einer inneren Welt des Geistes aufgeht. Das klingt zunächst einmal klischeehaft, fast abgedroschen, ist aber aufgrund der einfühlenden Erzählweise von Doris Lessing spannend und interessant zu lesen. Passagen aus dieser inneren Welt wechseln sich ab mit kurzen Einschüben aus der so genannten normalen Realität, in der Professor, Charles Watkiens, in einer Psychiatrie gelandet ist, in welcher er mit Psychopharmaka behandelt wird. Doch nichts hält Watkiens davon ab, die verborgenen Bereiche seiner Psyche zu erkunden. Schließlich bringt er die Psychiater auch dazu, sich ernsthaft mit seinem Geist und Leben auseinander zusetzen: durch Briefe und persönliche Interviews von und mit den Angehörigen, Freunden und Bekannten wird ein facettenreiches, panoptisches Bild dieses Mannes gezeigt. Schließlich holen die Vertreter der Commonsense-Realität den Professor mit Elektroschocks wieder in die anerkannte Wirklichkeit zurück, so viel sei hier schon verraten. Insgesamt ist dieses Buch ein gelungenes Bewusstseins-Panoptikum, das sich hauptsächlich aus bunten Innenweltschilderungen, Briefen und Interviews zusammensetzt und nicht ganz anspruchslos ist.