Freitag, 9. Oktober 2026

Re: Altweibersommer

date 29 September 17:47

Lieber ...,
Ich liebe es dich in der Welt herumfahren zu sehen, wie ein Odysseus moderner Zeit. Und wie schön und genau du diesen Herbsttag beschreibst. Auch hier hatten wir einen für die Jahreszeit unglaublich warmen Tag.. ganz sommerlich. Am Vormittag habe ich Anna zur Uni gebracht... im letzten Moment erinnerten wir uns daran, dass heute die Studenten fotografiert werden sollten. Und während sie damit beschäftigt war, habe ich mich in dem Buchhandel der Studenten aufgehalten. Ein bisschen die Literatur angeschaut, die man jetzt im Sprachunterricht verwendet. Leider etwas ärmlich. Und dann habe ich auch in Büchern von anderen Fächern etwas herumgeblättert und sie schnell wieder aus der Hand gelegt.. ;-)

In der Pause zwischen zwei Aufnahmen bin ich mit Anna und zwei ihrer Freundinnen ins Studentencafé hinuntergegangen, wo wir uns eine Weile nett unterhalten haben. Sie sind beide sehr hübsch. Sara sieht aus wie ein Bild von Tizian und Vic wie ein super Mannequin. Vics Traum ist schon immer gewesen, in einem speziellen Atomlabor in der CH zu arbeiten. ;-) Anna betrachtet sie ein wenig wie eine ältere Schwester. Vic hat ihre Mutter vor zwei Jahren verloren. und so fühle ich mich fast wie eine Art Ersatzmutter. 

Danach sind Anna und ich in die Stadt hinunter gefahren und haben zuerst einmal Lunch gegessen. Im Zentrum herrschte genau wie bei dir ein reges Leben. Diesmal kam mir nicht einmal der Gedanke, dass die Leute doch eigentlich arbeiten sollten, denn es schien irgendwie legitim an einem solchen Tag nur das Leben zu geniessen. So wie es du und ich auch getan haben heute.

Neulich hörte ich im Radio einen prominenten älteren Herrn sagen, dass er in seinem Alter keine Zeit mehr habe für Umgang mit Menschen, weil er die Zeit zum Lesen brauchte. Und manchmal denke ich so ähnlich. Man muss etwas priorisieren lernen.

Ich muss mich langsam auf den Heimweg machen. Es wird jetzt früher dunkel als man gewohnt ist. Das ist wohl das einzige, was diesen September von einem normalen Juli bei uns unterscheidet.

Übrigens sind die Flugkarten nach Paris nun bestellt. Ich kann es kaum glauben. :-)

Und nun sende ich dir liebe Grüsse und Küsse und wünsche dir einen schönen Abend.
Malou

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Altweibersommer

Liebe Malou

Heute haben wir herrliches Herbstwetter. Ich war in Bern. Im Mittelland sind wir zwar durch den Nebel gefahren. Aber in Bern selbst war es dann wieder wunderschön sonnig. Das ist der Altweibersommer! Die Stadt ist voller Leute. Wie läuft so eigentlich die Wirtschaft, wenn alle Menschen in den Strassencafés sitzen, Zeitung lesen oder einander das Fernsehprogramm vom Vorabend nochmals nacherzählen? Klar, es sind viele ältere Menschen, die so herumflanieren. Aber es gibt auch viele Junge, die herumhängen und nicht wirklich viel tun. Nu ja, jedenfalls habe ich das auch gemacht und so die Wirtschaft ebenso boykottiert. Ich war, du darfst dreimal raten, beim Staufacher. Das ist der grösste Buchladen Berns. Sehr hübsch gemacht in verschiedenen Altstadthäusern. Wenn man so, wie ich daherkam, d.h. Sozusagen als Ausländer, wenn man also ohne Ortskenntnisse hineinwagt, dann kann man sich verlieren. Es gibt so viele Stockwerke und Räume und wieder Gänge in neue Räume und dann noch ein verglaster Übergang zwischen zwei Häusern, um schliesslich auch noch in ein Café zu gelangen. Man kann sich nicht vorstellen, dass diese Bücher alle gelesen werden. Wirklich nicht. Wir sind doch in einer Zeit des Aussterbens der Bücher. Na ja, es wird immer Bücher geben, aber später vielleicht nur noch für Wissenschaftler und Bibliophile. Alle übrigen Bücher werden liquidiert, weil die Menschen ohnehin am PC sitzen und fernsehen, chatten, seriös e-banking oder intensiv flirting machen. Kurz und gut, ich bin in diesem grossen Gebäude über alle drei Stockwerke und kreuz und quer geirrt. Irgendwo habe ich sogar eine Verkäuferin gehört, die noch echtes Walliserdeutsch gesprochen hat. Ich hatte gerade keine Frage auf der Zunge, sonst hätte ich wohl. Ich würde sagen, sie ist von Brig, oder Glis oder Naters. Das ist ja eigentlich alles ein und dasselbe. Und natürlich bin ich mit einem Sack voller Bücher hinausgegangen. Ein dickes Geschichtsbuch über die Antike, zwei Porträts über Christo und über Schiele aus dem Taschen-Verlag, ein wissenschaftliches Buch über den Darwinismus und eine kleine Biographie über Hobbes. A. hat nächste Woche Prüfung und muss sich mit Hobbes auseinandersetzen. Von ihm stammt ja die Idee des ‚Gesellschaftsvertrages'. Das heisst jeder Einzelne kommt mit jedem Anderen darin überein, dass sie die Macht an einen Souverän abtreten. Das kann ein König sein oder eine Versammlung. Das ist eine geniale Art, die Dinge anzuschauen. Hätte dafür bestimmt einen Nobelpreis verdient. Rousseau und Locke haben diesen ‚Unterwerfungsvertrag' dann ja auch übernommen.
Ich habe gestern Abend mit A diskutiert und argumentiert, dass gerade in einem Land wie Iran diese Idee nicht verwirklicht worden ist. Dort verstehen sich die Regierenden nicht als beauftragt durch das Volk, sondern sie fühlen sich bloss als die durch das Volk Privilegierten. Sie haben sozusagen noch einen gesellschaftlichen Naturzustand, in dem jeder gegen jeden kämpft und der Stärkste natürlich dann einfach den Löwenanteil davonträgt. Ich finde diese Fragen interessant. Und ich stelle fest, dass man solche Dinge in einem katholischen Kollegium einfach kaum gehört hat. Wir sind in der Geschichte auch nicht soweit gekommen. Die Aufklärung mit der französischen Revolution, für die bestand dort absolut kein Interesse. Und von Darwin wurde kein Wort gesprochen. Siehst du, welch rückständige Bildung ich mit mir herumschleppe, Malou? Die Katholiken haben mich wirklich ein bisschen handicapiert in meinem Leben, und die Muslime wohl auch! Du hörst richtig, im Moment bin ich ein Protestant mit einer Neigung zum Liberalismus.

Na ja, daneben lese ich gerade ein Büchlein über die Globalisierung. Und dort werden auch Fragen der Demokratie diskutiert. Du siehst, ich bin mittendrin in der Weltrevolution. Und ich schwimme nach Kräften und japse zwischendurch nach Luft. Es ist wunderbar, wenn man lesen kann, wozu man gerade Lust hat. Das ist das wirkliche Paradies. Unser Lehrer am Gym hatte uns immer geraten, viel zu lesen, weil wir später, wenn wir mal erwachsen wären, keine Zeit mehr dazu hätten. Aber leider haben wir ihm das nicht geglaubt. Was wir nicht geglaubt haben, ist nicht ganz klar. Vielleicht, dass wir nie erwachsen würden? Vielleicht dass es unmöglich sei, ein ganzes Leben zu leben und keine Zeit zu haben, wo doch das Leben aus nichts anderem als aus Zeit besteht? Na also, wir haben uns jedenfalls mehr auf den Strassen herumgetrieben anstatt zu lesen. Heute wäre das ok. Heute lernt man auf der Strasse mehr als in der Schule. Aber damals war die Welt noch umgekehrt. Damals hat die Schule noch Alltagserfahrungen geordnet und zu kompakten Wissensblöcken gepresst.

Und jetzt gehe ich meine kleine Siesta machen. Das ist unbedingt nötig, schliesslich bin ich sozusagen Patient.

Mit lieben Grüssen und Küssen
...


Montag, 5. Oktober 2026

Ungerer ganz kurz


Subject: Ungerer ganz kurz..
Date: Thu, 19 Feb  

Lieber ...,
Es freut mich sehr, dass du das Bild genau so magst wie ich. Und du hast es wirklich gut beschrieben. Die Harmonie und Lebensfreude, die es zeigt, gehen direkt ins Herz. Ich glaube sie müssen dort eine herrliche Zeit zusammen verbracht haben.. und sicher hat die Freude in flüssiger Form auch dazu beigetragen.

Hier noch ein Bild bei aus der Künstlerkolonie. Links Kröyer mit seiner hübschen Frau und rechts der Schriftsteller Otto Benzon.



Ich möchte dir auch danken, dass du mich auf Ungerer aufmerksam gemacht hast. Habe eine wunderbare Site gefunden, http://www.arte-tv.com/thema/19971125/dtext/home.html wo man über ihn und sein Werk lesen kann. Du musst dir auch die französische Variante ansehen. Dort gibt es ganz herrliche Aphorismen von Ungerer.
Ich bin etwas in Eile, komme aber später wieder. Bis dahin liebe Grüsse,
Malou

PS:    https://www.tomiungerer.com/drawings

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RE: Skagen - Rilke und Ungerer


Liebe Malou
Ja, das Bild ist sehr schön. Ich mag solche Bilder, wenn ich auch weiss, dass der Stil längst vorbei ist. Er ist wohl postimpressionistisch, ungefähr so wie Bonnard und andere. Alles schaut so sinnlich und lebensfreundlich aus. Das gute Licht, der volle Tisch, die plastisch gemalten Gesichter. Es ist eine durch und durch bürgerliche Malerei, die das bürgerliche Leben geniesst. Und vielleicht sieht man auch ein bisschen von dem speziellen Licht in Skagen, wie Du darauf hinweist. Man hat ja wohl den Eindruck, das sei alles sehr realistisch gemalt, inklusive die Jungendstil Lampe, die oben hängt. Aber ist im Gegenteil sehr gut durchkomponiert. Wenn man sich die Wandaufteilung im Hintergrund anschaut, muss man feststellen, dass sich der Maler viel dabei überlegt hat. Es gibt einen guten Rhythmus quer durch das Bild hindurch. Und die schöne Rückensicht des Typen links im Vordergrund. Das schafft den Eindruck der Tiefe ins Bild hinein. Ja, man hat den Eindruck, dass man selbst auf einem Stuhl in der Runde dieser Geniesser sitzen würde. Und das Glas Rotwein im Vordergrund ist zum Greifen nahe. Daneben die dunkle Person im Gegenlicht. Schön, wie der Bart scheint. Ja, gefällt mir sehr gut. Man möchte doch dabei sein, nicht wahr. Und man fühlt etwas von der Lebendigkeit einer vergnügten Diskussion in freundschaftlichem Kreis. Muss ich mir merken, die Skagen Maler, auch wenn Du sie schon in historischer Zeit mal erwähnt hattest.

Nein, von einem Taric Ramadan habe ich nie gehört. Und er soll ein Imam sein? Das klingt doch alles eher merkwürdig. Aber so ist das in diesen multikulturellen Zeiten. Wenn man sich in fremden Kulturen aufhält, ist man vor Überraschungen nie gefeit. Ein Imam ist einer der höchsten kirchlichen Positionen in der Schia, und ich kann mir nicht vorstellen, dass einer in die USA gehen würde, um im Land des Teufels mit den Leuten des Teufels zu leben. Das muss ein echter Irrgänger sein. Oder eine Zeitungsente?

Ja, genau der Anfang des Artikels hat mir auch gefallen. Deshalb wollte ich ihn gerne zu Ende lesen. Man hört daraus, dass Rilke doch auch ein sehr merkwürdiger Kerl war, einer, mit dem man wohl nicht hätte zusammenleben können. Und auch ich habe mir vorgestellt, wie rege sein Briefverkehr kreuz und quer durch Europa gewesen sein muss. Da gab es keine Zeit zum Herumhängen. Er hat wohl wie in einer Tretmühle seine Briefe abgearbeitet. Aber ich glaube, dass die Briefe ihm ein gutes Medium waren, seine Lyrik zu entwickeln. Und sie waren ihm wohl auch so etwas wie sein Tagebuch. Na ja, vielleicht hat er daneben noch ein Büchlein geführt, wo er seine kleinen Tagesereignisse festgehalten hat. Aber ich denke, die Briefe waren ihm schon Hilfe genug, was immer er tagsüber gesehen und erlebt hat, in Schriftlichkeit zu überführen, in dieses Medium, womit er dann auch gearbeitet hat. Er war wirklich ein sublimer Typ. Und ein paar Tage glückliche Verliebtheit mit einer echten Frau aus Fleisch und Blut hätten ihn doch wohl aus der Balance gekippt.
Ich habe noch den Garten von Muzot in Erinnerung. Muss ein Märztag gewesen sein, kein Schnee mehr, aber noch immer dieser Duft in der Luft. Mein Bruder hatte noch die Wohnung oberhalb Sierre, und ich war am Nachmittag hinaufgewandert, zum Schluss über die halbtrockenen, vom Schnee plattgedrückten Wiesen. Es ist dieser Duft, der nach Frühling riecht. Aber der Frühling ist noch weit entfernt. Diese astmosphärische Situation dauert im Wallis ziemlich lange an. Und ich bin dann am Gartenzaun von Muzot gestanden und habe mir dieses kleine Gärtchen angeschaut. Es war so ruhig und friedlich und unberührt, dass die Zeit still zu stehen schien. Nur ab und zu ein Knacken. Ich glaube, es war die warme Sonne, die dies bewirkte, und die Natur schien sich im Erwachen zu räkeln. Das Haus selbst, der Turm, schien noch winterlich und kalt.
Es muss ein sehr einsames Leben gewesen sein, das Rilke hier geführt hatte. Die nächsten Häuser waren vielleicht einen knappen Kilometer weit. Dort, in der Kurve der Strasse nach Montana gab es einige Häuser, aber damals wohl nicht viele. Von Sierre musste der Fussmarsch bis hier hinauf eine gute Stunde gedauert haben. Na ja, vielleicht waren die Menschen damals noch etwas besser zu Fuss als wir heute.

Kurz und gut: dort oben zu wohnen und zu arbeiten, das konnte man nur einem sehr merkwürdigen, mehr oder weniger irren Menschen zutrauen. Ich frage mich, wie die Einheimischen damals über Rilke gesprochen hatten. Aber vielleicht waren die Menschen damals noch toleranter angesichts solch fremder und schillernder Vögel.

Ich lese gerade ein kleines Tagebuch von Ungerer, dem Elsässer Zeichner. Er hat es vor ein paar Jahren geschrieben und zusammen gestellt. Dabei konnte er viele Zeichnungen und kleine Texte aus seiner Kinderzeit verwenden. Es ist interessant, weil es die Zeit des Nationalsozialismus schildert. Und die Elsässer hatten damals eine schwere Zeit, gehörten einst zu Frankreich, dann wieder zu den Deutschen. Jedenfalls habe Petain sie den Deutschen verschenkt, so dass dann um die 100'000 Elsässer als Kanonenfutter im Russlandfeldzug der Deutschen mitgemacht hätten. Offenbar war Ungerers Mutter eine sehr hübsche Frau. Sie war früh verwitwet und musste ihre vier Kinder allein durchbringen. Und das hat sie sehr gut gemacht mit einer genialen Mischung von Rafinesse und fast aristokratischer Gesinnung. Sie konnte offenbar sehr gut schauspielern und hat damit erreicht, was immer sie wollte.
Ich mag Ungerer vor allem als Zeichner. Er hat viele gute und schöne Dinge gemacht. Daneben hat er aber auch eine mehr oder weniger perverse, sagen wir pornographische Seite. Er lebt heute in Irland, wenn ich mich nicht irre. Er schaut immer noch ziemlich jung aus, manchmal bubenhaft. Aber ich glaube, er ist um die 70. Und wenn ich seine Erinnerungen richtig lese, hatte er als Bube doch ziemliche Komplexe. Zumindest deutet er in seinen Schilderungen so was an.
Aber er ist ein lustiger Typ und er war als Grafiker in den USA sehr erfolgreich. Und er hat einen Teil seines Elsässer Charmes behalten.

Ich muss Dich lassen.
Mit lieben Ges und Kas
...

Skagen

 

(ungekürzt)

Subject: Kunterbunt.. unter grauem Himmel..

Lieber ...,
Skagen ist ein Ort in Dänemark. Es liegt am Meer und hat ein ganz besonderes nordisches Licht. Deswegen hat es auch viele Maler angezogen, die dort eine Künstlerkolonie gebildet haben. Der wohl bekannteste von ihnen ist Peter Kröyer, von dem ich dir vor langer Zeit mal geschrieben habe, weil ich damals ein Buch gelesen habe über seine schöne Frau Marie, die auch Künstlerin war.
Die "Skagenmaler" sind also ein Begriff für uns hier im Norden. Ich schicke dir ein Bild mit, wo sie sich selbst abgebildet haben.



Du brauchst nicht neidisch zu sein auf meine Freiheit. Nur noch zwei Tage - dann ist das ganze vorüber. Es wundert mich immer wie schnell die Zeit vergeht, wenn man frei ist. Eben vielleicht, weil man hofft dass die Tage richtig lang sein sollen.
Auch heute war ein grauer Tag und ich habe nur das Haus verlassen um einzukaufen. Hier sah es schon aus wie bei einer Kirchenmaus und ich musste mit Lebensmitteln nachfüllen.

Gestern abend habe ich "Les 400 coups" von Truffaut gesehen. Ein bisschen lustig, dass man diesen Film gerade jetzt zeigt, denn vorige Woche habe ich meine Schüler die ersten zehn Minuten dieses Films sehen lassen. Ich hatte mir diese 10 Minuten vor langer Zeit einmal als Kostprobe auf Video aufgenommen. Es passte gut zu unserem Text über die Geschichte des Films, wo gerade dieser Film als einer der wichtigsten der französischen "nouvelle vague" bezeichnet wurde.

Hoffentlich geht es deinem W bald wieder gut. So musst du wohl diese Woche auf seine Gesellschaft verzichten. Ich bin auch nicht so besonders begeistert von solchen Festen, wie die Fasnacht. 1:10.000 klingt gut. Aber ich denke es gibt mehrere, die dieselbe Einstellung haben wie du. Nur dass sich eben auch die irgendwo hinter ihren Gardinen verstecken. Hast du übrigens nun Gardinen in deinem Büro?

Ich weiss, dass du viel zu tun hast jetzt. Ich kenne schon ein wenig deinen Jahresrythmus und ich glaube um diese Zeit bist du immer ziemlich mit Arbeit überhäuft. Du bist lieb, dass du dir trotzdem Zeit nimmst mir meine tägliche Ration zu senden. "On devient responsable de ce qu'on apprivoise". :-)

Ich habe heute von einem sehr karismatischem Imam gehört, der zukünftig an einer katholischen Universität in den USA unterrichten wird. Taric Ramadan heisst er und er ist in der Schweiz aufgewachsen. Es gab einen Artikel über ihn vor kurzem in "Le Nouvel Observateur". Hast du je von dem Mann gehört?

Der Artikel über Rilke und seine zwei "Lieben" war ganz gut, aber doch auch etwas komisch. Ich weiss nicht ob es die Sprache war.. Aber die erste Passage war recht interessant. Ich dachte, vielleicht ist es auch so mit meinem Mausfreund. Korrespondenzen, die sich überlappen.. Im VL ist das ja durchaus möglich.
Siehst du, was mich gewundert hat ist, dass man auf dem Buch, das die zwei Freundinnen von Rilke, Clara und Paula schildert, das bekannte Bild von Kröyer sieht, wo er seine Frau Marie und ihre Künstlerfreundin abgebildet hat.



K hat gerade angerufen und mir mitgeteilt, falls ich es noch nicht wüsste, dass ich nun nur noch zwei Tage frei habe.. während er seine freie Woche ungraviert vor sich hat. Er ist ein richtiger Sadist, der es liebt solche Botschaften zu überbringen. Aber ich gönne es ihm, dass er eine zeitlang schöne faule Tage in seinem Heim geniessen kann. Wahrscheinlich wird er dann auch sein kleines Treibhaus einweihen. Nicht Mohrrüben, aber Tagetes wird er züchten. Du weisst, dass Rosen besonders schön blühen, wenn man Tagetes in ihrer unmittelbaren Nähe pflanzt. Sie bekämpfen die für die Rosen schädlichen Nematoden. Oder so ähnlich... ;-)))

"Il faut cultiver notre jardin"! Vielleicht hat er Recht, der alte Voltaire.
Weisst du, dass Voltaire auch Poet war? Hier ein paar Zeilen aus einem seiner Gedichte:

"On meurt deux fois, je le vois bien:
Cesser d'aimer et d'être aimable,
C'est une mort insupportable;
Cesser de vivre, ce n'est rien."

Was denkst du über das Bild mit den Skagenmalern? Impressionistisch, oder?

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen angenehmen Tag,
H+K,
Malou


Samstag, 26. September 2026

Petrarca

 

Ämne: Herbstlich
Datum: den 21 september  23:16

Lieber ...

Danke für das leckere Dessert, mit dem du mich am Wochenende verwöhnt hast. Wie hast du gewusst, dass ich mich nach einer süssen Nachspeise gesehnt habe?

Ach nein, du langweilst mich doch nicht. Im Gegenteil. Ich finde es interessant, was du mir von Petrarca erzählst. Ich bin dann auch zu unserem alten Lexikon gegangen und habe nachgesehen, was sie über P schreiben. Und wenn ich dieses alte Buch konsultiere dann glaube ich zu verstehen was du meinst. Denn obwohl das Buch so spät wie 1915 geschrieben ist, so überrascht es mich immer, wie anders man damals mit den Worten umging. Alles scheint so ganz konkret und ohne Verstellung geschrieben. Man nennt Dinge bei ihrem richtigen Namen. Heutzutage muss man den geheimen Code kennen um die wirkliche Bedeutung eines Textes verstehen zu können.
Ich lese u.a. ”Nach dem Vorbild von Cicero und Seneca hob er das Briefschreiben zu einer wirklichen Kunst; man schätzte sich glücklich Briefe von ihm zu erhalten ...” Ich glaube du bist ein moderner Petrarca. Weisst du übrigens, dass P. und sein Bruder beide geistliche waren. Aber das war zu einer Zeit, wo man als Geistlicher keineswegs auf weltlichen Genuss verzichten musste.
Nein, mein lieber Maufreund, ich habe nichts dagegen, dass du mich ins späte Mittelalter zurückführst und mit P bekannt machst. Ich verstehe deine Begeisterung.

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Re: Herbstlich

den 22 september 06:58

Petrarca

Liebe Marlena

Ja, diese Biographie über Petrarca ist interessant. Ich hatte wirklich nicht allzu viel über ihn gehört bisher. Ps Bruder war Geistlicher. Petrarca selbst war eigentlich Jurist, hat aber sein Studium, das er in Monpellier angefangen und in Bologna fortgesetzt hat, nicht beendet. Durch den frühen Tod seines Vaters sind die beiden Brüder dann reich geworden. Und so konnte Petrarca sich dieser Briefschreiberei widmen. Er war oft Berater von hohen geistlichen Würdenträgern und hatte freundschaftliche Beziehungen zu vielen grossen Leuten in Europa. Und Cicero ist wirklich eines seiner grossen Vorbilder.

Am interessantesten finde ich die Änderungen seines Weltbildes vor dem Hintergrund jenes Dantes, wie er es in der Divina Commedia dargestellt hat. Beide, Petrarca und Dante, waren von ihrer Abstammung her Florentiner. Und beide lebten im Exil sozusagen. P hat immer wieder gegen dieses Avignon gewettert und alle seine Bemühungen in den Versuch gesteckt, einflussreiche Männer zu gewinnen, damit die Kurie der katholischen Kirche zurück nach Rom gehe.In seinem Herzen lebte er für Rom. Gegenüber Dantes vertikalem Weltbild, das durch die Perspektive der göttlichen Allmacht gesehen ist, gibt sich Petrarcas Weltbild horizontal. Es ist wie eine Landschaft, in der man dahinpilgert, und immer neue und verschiedene Erfahrungen macht. Das Wesentliche ist in Petrarcas Welt die Vielheit, gegenüber jener der Einheit bei Dante. Die vielen neuen Erfahrungen, die neuen Dinge, die im Horizont auftauchen, zeigen eine Art Unübersichtlichkeit, wie wir sie heute wieder konstatieren. Individuelle Perspektivität ist das neue Charakteristikum der Weltsicht. Und das ist nun wirklich sehr modern.

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Mittwoch, 23. September 2026

Eine lustige Übung im Kurs in NY

 

date 9 November 8:10
subject Re: Und heute?



Liebe Malou

Weisst du was mir ab und zu durch den Kopf geht. 'Malou' ist doch nicht die Kürzung von Marlena, sondern von Marielouise allenfalls. Dem würdest du doch, aus Laiensicht gesehen, zustimmen, nicht wahr?
Aber das sind nicht die grössten Steine, die ich wälze.

Es ist hier doch auch ziemlich kühl geworden. Ich glaube, das macht der klare Himmel. Sobald die Wolken kommen, wird es milder. Wir haben bald unser Bürofest und ich muss mir noch ein paar Worte dazu einfallen lassen. Ich glaube, es wird ein arges Gedränge geben in unseren Räumen. Und ich hoffe, die Tragkraft der Konstruktion hält den Belastungen stand.

Gestern habe ich undendlich viel geschlafen. Ich bin immer noch etwas mitgenommen von meinem Giftunfall. Nu ja, es ist auch schön, wenn man wirklich gut und tief schlafen kann. Ich habe gestern abend eigentlich gar nichts anderes gemacht. Wenig gegessen, ein bisschen gelesen, ein bisschen ferngesehen und dann, wie gesagt, geschlafen.

A propos Erotik. Du befürwortest eine grosse Liebe und lässt die Erotik links liegen? Nun, das sind zwei verschiedene Dinge. Man kann nicht das eine gegen das andere ausspielen. Erotik ist doch prima, insofern sie gar nicht allzuviel mit Sex und Geschlecht zu tun hat. Sie ist sehr vielgestaltig und zeigt sich in einer gepflegten Sensibilität und einem sensiblen Charme ... oder wie könnte man das anders umschreiben? Leider gibt es hier in der Schweiz nicht allzu viele Vorbilder, denen man nacheifern könnte.

Da erinnere ich mich an eine lustige Übung, die wir damals im Kurs in NY gemacht hatten. Es galt, sich gedanklich eine Person aus dem Leben, die man kennt, vorzunehmen, um sie sich in gewissen Aspekten als Vorbild zu nehmen. Ich hatte die Aufgabe, die übung mit einem jungen Inder durchzuführen. Er war mit seinen grossen Augen und dem ständigen Lächeln im Gesicht einer der jüngsten Kursteilnehmer, und er hatte mir erzählt, dass er in London Wirtschaft studiere, wo auch sein Vater als Wirtschaftsberater tätig sei. Und so versuchte ich, so gut es ging, ihn durch diese Vorstellungen und Erlebnisse hindurch zu führen. Ich war erstaunt, wie lebhaft er reagierte. Seine Augen flackerten, wie das in der Trance oft geschieht. Aber sie flackerten so wild, dass ich den Eindruck bekam, er würde bald abheben und vom Stuhl mir gegenüber davonfliegen. Er war wirklich sehr durchwühlt und ich, wie das in diesen Tranceübungen auch üblich ist, hatte kaum Ahnung, worand er inhaltlich gerade dachte. So liess ich ihn also zum Abschluss der Übung vorsichtig wieder in unserem Raum auf diesem Stuhl landen und zu sich zurückkommen. Als er die Augen öffnete und wieder präsent war, erzählte er mir ganz begeistert, dass er die Gottheit Shiva zu sich eingeladen hatte. Donnerwetter, dachte ich mir, wenn ich gewusst hätte, welche Person er sich hier ausgewählt hat, dann wäre von meiner Seite wohl etwas mehr Respekt angebracht gewesen. Kurz und gut, ich war bloss erstaunt, dass ein Inder, auf die Aufforderung, sich eine Person vorzustellen, sich gleich eine Gottheit vornimmt. Offenbar leben sie dort mit ihren Göttern selbstverständlicher von du zu du als es hier in Europa die Christen tun.
Überigens hatte er ein andermal auch etwas Interessantes gesagt, was mir aufgefallen ist. Er meinte, dass er in diesem Kurs viel lerne. Aber er habe nicht den Eindruck, dass es neu sei. Vielmehr meinte er, er hätte dies alles schon gewusst, und der Kurs sei vloss dazu da, dies alles bei ihm wieder zu wecken. Fand ich sehr bemerkenswert, dass man Lernen so verstehen kann. Und ich glaube, dass man leichter lernt, wenn man so denkt. Es erinnert ja ein bisschen an Platons Theorie der ewigen Ideen. Auf jeden Fall hatte ich mir überlegt, dass wir Europäer für das Lernen hohe Mauern aufbauen, indem wir immer wieder betonen, wie neu das Neue sei, das wir lernen. Es gibt ja - andererseits - nichts neues unter der Sonne. Und wer in dieser Welt lebt und mit ihr verbunden ist, der ist mit allem schon irgendwie verwandt. Es ist sozusagen eine Betonung der allgemeinen Verwandtschaftlichkeit in dieser Welt. Und sie reicht bis hinauf zu den Göttern, und bestimmt auch hinunter zu den Tieren, wie wir dies von den Indern auch wissen.

Als ich zum ersten Mal im Iran war, da war die UNO noch voll funktionstüchtig. Ich glaube, S hatte einen Vorgesetzten, der Inder war. Dr. Singh, wie hätte er auch anders heissen können. Er war mit einer Perserin verheiratet, und an einem Wochenende hatten sie uns in ihr schönes Haus oben in Shemiran eingeladen. Sie lebten sehr schick und sehr auf Repräsentation. Ein andermal waren wir mit anderen Indern in ein indisches Restaurant eingeladen. Ich erinnere mich bloss noch an die scharfen Saucen und an die hübsche, aber ziemlich resolute Inderin, die mir gegenüber gesessen hatte. Ich glaube, die Inder sind ein ziemlich potenter Volksschlag. Sie sind ethnisch überigens mit den Persern verwandt.

Ich muss zur Arbeit.
MLG