date 9 November 8:10
subject Re: Und heute?
Liebe Malou
Weisst du was mir ab und zu durch den Kopf geht. 'Malou' ist doch nicht die Kürzung von Marlena, sondern von Marielouise allenfalls. Dem würdest du doch, aus Laiensicht gesehen, zustimmen, nicht wahr?
Aber das sind nicht die grössten Steine, die ich wälze.
Es ist hier doch auch ziemlich kühl geworden. Ich glaube, das macht der klare Himmel. Sobald die Wolken kommen, wird es milder. Wir haben bald unser Bürofest und ich muss mir noch ein paar Worte dazu einfallen lassen. Ich glaube, es wird ein arges Gedränge geben in unseren Räumen. Und ich hoffe, die Tragkraft der Konstruktion hält den Belastungen stand.
Gestern habe ich undendlich viel geschlafen. Ich bin immer noch etwas mitgenommen von meinem Giftunfall. Nu ja, es ist auch schön, wenn man wirklich gut und tief schlafen kann. Ich habe gestern abend eigentlich gar nichts anderes gemacht. Wenig gegessen, ein bisschen gelesen, ein bisschen ferngesehen und dann, wie gesagt, geschlafen.
A propos Erotik. Du befürwortest eine grosse Liebe und lässt die Erotik links liegen? Nun, das sind zwei verschiedene Dinge. Man kann nicht das eine gegen das andere ausspielen. Erotik ist doch prima, insofern sie gar nicht allzuviel mit Sex und Geschlecht zu tun hat. Sie ist sehr vielgestaltig und zeigt sich in einer gepflegten Sensibilität und einem sensiblen Charme ... oder wie könnte man das anders umschreiben? Leider gibt es hier in der Schweiz nicht allzu viele Vorbilder, denen man nacheifern könnte.
Da erinnere ich mich an eine lustige Übung, die wir damals im Kurs in NY gemacht hatten. Es galt, sich gedanklich eine Person aus dem Leben, die man kennt, vorzunehmen, um sie sich in gewissen Aspekten als Vorbild zu nehmen. Ich hatte die Aufgabe, die übung mit einem jungen Inder durchzuführen. Er war mit seinen grossen Augen und dem ständigen Lächeln im Gesicht einer der jüngsten Kursteilnehmer, und er hatte mir erzählt, dass er in London Wirtschaft studiere, wo auch sein Vater als Wirtschaftsberater tätig sei. Und so versuchte ich, so gut es ging, ihn durch diese Vorstellungen und Erlebnisse hindurch zu führen. Ich war erstaunt, wie lebhaft er reagierte. Seine Augen flackerten, wie das in der Trance oft geschieht. Aber sie flackerten so wild, dass ich den Eindruck bekam, er würde bald abheben und vom Stuhl mir gegenüber davonfliegen. Er war wirklich sehr durchwühlt und ich, wie das in diesen Tranceübungen auch üblich ist, hatte kaum Ahnung, worand er inhaltlich gerade dachte. So liess ich ihn also zum Abschluss der Übung vorsichtig wieder in unserem Raum auf diesem Stuhl landen und zu sich zurückkommen. Als er die Augen öffnete und wieder präsent war, erzählte er mir ganz begeistert, dass er die Gottheit Shiva zu sich eingeladen hatte. Donnerwetter, dachte ich mir, wenn ich gewusst hätte, welche Person er sich hier ausgewählt hat, dann wäre von meiner Seite wohl etwas mehr Respekt angebracht gewesen. Kurz und gut, ich war bloss erstaunt, dass ein Inder, auf die Aufforderung, sich eine Person vorzustellen, sich gleich eine Gottheit vornimmt. Offenbar leben sie dort mit ihren Göttern selbstverständlicher von du zu du als es hier in Europa die Christen tun.
Überigens hatte er ein andermal auch etwas Interessantes gesagt, was mir aufgefallen ist. Er meinte, dass er in diesem Kurs viel lerne. Aber er habe nicht den Eindruck, dass es neu sei. Vielmehr meinte er, er hätte dies alles schon gewusst, und der Kurs sei vloss dazu da, dies alles bei ihm wieder zu wecken. Fand ich sehr bemerkenswert, dass man Lernen so verstehen kann. Und ich glaube, dass man leichter lernt, wenn man so denkt. Es erinnert ja ein bisschen an Platons Theorie der ewigen Ideen. Auf jeden Fall hatte ich mir überlegt, dass wir Europäer für das Lernen hohe Mauern aufbauen, indem wir immer wieder betonen, wie neu das Neue sei, das wir lernen. Es gibt ja - andererseits - nichts neues unter der Sonne. Und wer in dieser Welt lebt und mit ihr verbunden ist, der ist mit allem schon irgendwie verwandt. Es ist sozusagen eine Betonung der allgemeinen Verwandtschaftlichkeit in dieser Welt. Und sie reicht bis hinauf zu den Göttern, und bestimmt auch hinunter zu den Tieren, wie wir dies von den Indern auch wissen.
Als ich zum ersten Mal im Iran war, da war die UNO noch voll funktionstüchtig. Ich glaube, S hatte einen Vorgesetzten, der Inder war. Dr. Singh, wie hätte er auch anders heissen können. Er war mit einer Perserin verheiratet, und an einem Wochenende hatten sie uns in ihr schönes Haus oben in Shemiran eingeladen. Sie lebten sehr schick und sehr auf Repräsentation. Ein andermal waren wir mit anderen Indern in ein indisches Restaurant eingeladen. Ich erinnere mich bloss noch an die scharfen Saucen und an die hübsche, aber ziemlich resolute Inderin, die mir gegenüber gesessen hatte. Ich glaube, die Inder sind ein ziemlich potenter Volksschlag. Sie sind ethnisch überigens mit den Persern verwandt.
Ich muss zur Arbeit.
MLG