den 14 november 13:49
Re: freitags immer ...
Liebe Marlena
Ich
weiss gar nicht, ob ich so alte und so lange Mails von mir nochmals
lesen sollte. Ich habe es noch nicht getan, und vielleicht brauche ich
vorher wirklich einen starken Schluck Whisky. So genau möchte ich ja
doch meine seelische Vergangenheit nicht erforschen. Oder sollte ich?
*
Ja,
ich habe diese CD von Helene Hanff schon mehrmals gehört. Es ist so
romantisch und so hübsch. Es handelt sich um einen Briefwechsel zwischen
einer amerikanischen Schriftstellerin, die in N.Y. wohnt, und einem
englischen Buch Antiquar an der Charing Cross Road in London. So
ungefähr. Und die Amerikanerin ist ein bisschen jugendlich und manchmal
ungeduldig und naughty, und der Engländer sehr formal und höflich.
Allerdings ist es in diesem kleinen Buchladen nicht immer dieselbe
Person, die schreibt. Die Hanff bestellt diese oder jene Bücher, gibt
diesen oder jenen Kommentar. Und die Engländer berichten, wie sehr sie
sich Mühe gegeben haben, dieses oder jenes Buch zu finden, wie sie
vielleicht an ihren Besuchen in englischen Landhäusern nicht erfolgreich
gewesen sind, diese oder jene Erstausgabe zu finden. Es ist die Zeit
nach dem Krieg, und die Engländerin schickt ihnen Esswaren, während die
Leute der Buchhandlung ihr dann eine spezielle Ausgabe eines speziellen
Buches als Dank zuschicken. Na ja, es ist ganz hübsch, und offenbar ist
kürzlich ein Büchlein herausgekommen, da die Hanff erzählt, wie es war,
als sie erstmals nach London gereist war.
Und einmal schickt sie
sogar einen Schinken, und macht sich dann als Jüdin Gedanken, ob sie
nicht doch besser eine Zunge geschickt hätte.
Ach es wirkt alles
so romantisch und alt. Die Leute wählen noch nette Formen, wenn sie
einander schreiben und tauschen Höflichkeiten aus. Man hat dieses Bild
vor sich, wie ältere Leute in aufgeräumter Kleidung abends unter dem
warmen Licht irgendeiner einer hübschen Tischlampe sitzen und mit ihrer
Feder und mit echter Tinte einen Brief hinkritzeln. Ach, was waren das
schöne Zeiten: das warme Licht, das echt raschelnde Papier, die
pechschwarze, nass schimmernde Tinte, das krakelige Kratzen der Feder,
der ruhige Fluss der Zeit vielleicht sichtbar am Mond zwischen den
Vorhängen, in der das alles vor sich ging in einem mit dunkeln Holz
möblierten Zimmer.
Es muss die Zeit gewesen sein, als Menschen
noch persönliche Gesichter hatten. Ich meine, sie waren noch
Persönlichkeiten mit einer ihnen gemässen Aura, auf die man gehen
konnte. Ihr Verhalten war mehr oder weniger vorhersehbar. Ihre Kleider
waren zerknittert und grau vielleicht, aber umso mehr haben ihre
Gesichter sich zu erkennen gegeben. Ach, das waren noch Zeiten.
Wenn
ich mir eine solch antike Buchhandlung vorstelle, dann kommen mir jene
in N.Y. in den Sinn. Sie waren zwar nicht alle alt, einige aber
altmodisch eingerichtet mit einer schönen Atmosphäre. Eine, The Strand
glaube ich, hiess sie, war sehr ungeordnet und übervoll mit Büchern. Die
meisten davon waren wohl, was wir ‚modernes Antiquariat’ nennen. Es
sind nicht alte, sondern mittelalterliche Bücher, die verbilligt
verkauft werden, weil man im Lager Platz braucht. Dort ist die
Atmosphäre nicht sonderlich gemütlich, denn es gibt zu viele Leute und
zu viele Bücher. Die Kombination von beidem macht eine Enge, die ein
bisschen nervös macht.
*
Jetzt bin ich von der Sitzung
zurück. Sie war nicht sonderlich ergiebig. Aber ich glaube, der Chef
braucht einen Kreis, in dem er gewisse Fragen diskutieren und testen
kann. Er sucht noch seinen Weg und er ist abhängig von seinem Team. Ich
bin ja nun nicht einer, der sich dort in den Vordergrund drängt. Dazu
ist meine Dienststelle zu klein und hat nicht eigentlich staatstragende
Bedeutung. Beim alten Chef war ich respektiert, weil er meine Texte
schätzte, glaube ich. Der Neue kennt mich noch nicht. Und ich glaube
nicht, dass er mit Texten sosehr ansprechbar ist. Er kommt aus den
Gewerkschaften. Das sind praktische Menschen, denen es nicht um
Schöngeisterei geht, sondern um ungeschminkte, nackte Tatsachen und
nicht zuletzt um das Materielle. Na ja, wir werden sehen, jeder hat
seine schwache Stelle, seinen Knopf, worauf man drücken muss, damit man
zu seiner Sache kommt.
*
Na ja, wenn ich diesen
Briefwechsel zwischen Hanff und der Buchhandlung 84 Charing Cross Road
höre, so kommt mir auch der unsere in Gedanken auf. Sie dort hatten den
Vorteil, dass sie ein vorgegebenes Thema hatten. Die Hanff wollte alte
günstige Bücher und der zuständige Mitarbeiter bei Marks & Co gab
sich Mühe, sie zu finden. Das ist doch schon eine materielle Basis, die
was hergibt. Aber zwischendurch spielt die Hanff mit dem Gedanken, nach
London zu fahren und sich alles persönlich anzuschauen. Und
offensichtlich hat sie das ja nach dem Krieg auch gemacht.
*
Vielleicht
haben wir uns ein bisschen anstecken lassen. Auf jeden Fall stand unser
Weekly gestern auch unter dem Thema von ‚merry old England’. Na ja,
nicht England, aber jener Zeit. Mit anderen Worten, wir wärmten
romantische Erlebnisse unserer Jugend auf. Ich erinnerte mich, dass
meine Mutter mich jeweils mitnahm, wenn sie einen Laden aufsuchte, in
welchem es vornehmlich Dinge gab, die man zum Nähen brauchte.
Vielleicht gab es auch Unterwäsche. Ich weiss es nicht mehr so genau.
Aber es war alles ziemlich ordentlich und geregelt. Und genau das war
schlimm. Es gab keinen kleinen Stein des Anstosses, wo man hätte
zugreifen können. Es gab keine Unregelmässikeit, die doch an sich
interessant sind. Auf jeden Fall fand ich diese endlosen Stunden,
während der meine Mutter unbekümmert mit der Besitzerin des Ladens
plauderte, endlos lang. Es war eine Qual. Eine endlose Qual, um genau zu
sein. Es war im Grunde Kindsquälerei. Ich hing meist vor der Ladentüre
auf der steinernen Treppe herum und es war dort absolut nichts los.
Höchstenfalls hätte ich mir, durch irgend eine gewagte Übung, das Knie
aufschlagen können. Und auch im weiteren Umkreis war nichts, was sich
hätte für einen kleinen Zeitvertreib anbieten können. Absolut nichts! Es
war die veritable Hölle. Und ich habe nie begriffen, wie sich die
Frauenwelt in einer solchen Umgebung unterhalten und gar noch gut
unterhalten kann. Niemals war das zu begreifen. Ich dachte mir, diese
Wesen müssten von einer anderen Welt sein, irgendwie mit anderen
Gesetzmässigkeiten und anderen Programmen, die Zeit zu geniessen.
Umso
mehr schätzte ich damals meine kleine Freundin, bei der ich bemerkte,
dass sie genau dieselben Dinge mochte, die auch ich mag. Wir hingen nach
der Schule hinter dem Schulhaus herum, hängten uns an die Turnstangen,
plauderten hin und her. Einmal hatte sie mich eingeladen, in einem
Motorlastwagen mitzufahren. Ihr Vater führte ein grosses Baugeschäft in
Lenzburg. Und ich hatte die Ehre, zwischen Chauffeur und meiner kleinen
Freundin auf diesem holperigen und ausgesessenen Sitz zu hocken und über
das Armaturenbrett hinunter auf die Welt zu schielen. Es war einfach
grossartig. Ich glaube, ich habe eine zeitlang sogar meine Freundin
neben mir vergessen. Aber irgendwie genoss auch sie es. So habe ich es
in Erinnerung. Entweder war sie stolz, dass ich ihre Welt so sehr
bewunderte. Oder sie war erfreut, dass sie mir eine Freude machen
konnte. Aber irgendwie war sie hell und fröhlich neben mir. Und
natürlich hatte ich die Vorstellung, dass sie jeden Tag mit diesen
riesigen Lastwagen in der Welt herum fahren würde. So ein kleines Ding
von einem Mädchen mit einem kecken Rossschwanz hatte solch gigantische
Maschinen unter Kontrolle!! Ich sag Dir, Marlena, ich war schon schwer
beeindruckt.
Ich glaube, das ist es für heute
Ich wünsche Dir einen feinen Tag
Kuss
...
Irgendwie
komme ich nicht hinein ins Hotmail. Was ist los mit diesem System? Ist
es nicht merkwürdig, wie viele Sorgen und Gedanken man sich heute macht
über Dinge, die man nicht mal sieht. Ich meine, wenn ich jetzt
schimpfend und fluchend durch die holperigen Strassen von L
wanderte, indem ich mich über Hotmail auslassen würde, dann könnte das
hier kein Mensch verstehen. Sie würden denken, ich wäre der
Psychiatrischen Klinik entlaufen.
Lass es mich nochmals probieren.
Gruss