Donnerstag, 31. Oktober 2013

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31 okt 2013




Montag, 28. Oktober 2013

an apple a day ...




den 21 november  09:38
Re: an apple a day ...

Liebe Marlena

Gestern war hier ein schöner sonniger Tag, wie auch Du ihn hattest. Und heute scheint es wieder ganz ähnlich zu werden. Und die Fahrt über die Juraberge war prima. Du hast recht, ich muss ein bisschen vorsichtig sein. Wenn ich knapp an Zeit bin, fahre ich so schnell wie möglich. Und das ist auf der kurvenreichen, teilweise steilen Strasse wunderbar. Doch ich glaube, das Risiko ist höher, wenn ich gemütlich fahre und in Gedanken abschweife. Ich könnte so mit Leichtigkeit über ein Rotlicht fahren, ohne mit der Wimper zu zucken. Glücklicherweise gibt es dort oben keine Rotlichter. Das ‚Rotlichtmilieu’ ist bei uns anderswo…;--)) Doch glaube ich nicht, dass es tagsüber schon Eis auf der Strasse hat. Na ja, vielleicht morgens in der Früh ist es möglich auf dieser Höhe.

Ich geniesse es einfach, durch diese ländliche Gegend zu fahren. Das Leben läuft dort noch so langsam ab. Man kann das an den Autofahrern bemerken. Wenn sie in die Hauptstrasse einbiegen, tun sie das so langsam, dass man manchmal verzweifeln könnte. Du denkst, sie wollen dich absichtlich ärgern. Aber dann siehst du wieder Kinder an der Bushaltestelle, die einfach so dahinwarten. Und im Moment ist die Landschaft mit den herbstlichen Wäldern so schön.

Es war nicht so, dass in L. jemand krank ist. Es gab einfach wieder einmal eine Anmeldung dort hinten. Und gestern ist gleich eine weitere eingetroffen. Es war ganz angenehm. Am Morgen, wie ich erzählt habe, war ich in einer Französischstunde ...

Schön, dass es jetzt auch bei Dir und Deiner Woche bergab geht. Na ja, bei mir war es damals eher ein Wunsch, eher eine Suggestion ans Schicksal als eine wirkliche Tatsachenbeschreibung. Aber alles in allem habe ich montags doch ziemlich streng. Und das regelmässig. Und das ist es auch, was mich am Wochenende auf Trab hält.

Was ist Stendhals Syndrom? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich irgend so etwas gewusst hätte, obwohl ich doch eine Biographie über ihn gelesen hatte. Aber er hatte eine Krankheit, daran erinnere ich mich. Es war, so glaube ich, irgend eine Geschlechts­krankheit, die er ständig mit irgendwelchen Medikamenten zu unter­drücken suchte. Er hatte doch ein intensives Sexualleben mit intensiven Liebschaften, die ihn erst zum Schreiben antrieben.

An apple a day keeps the doctor away. Ist doch ein Rat, den man immer wieder hört. Auch unser Onkelchen schwört auf Äpfel. Wenn wir ihm irgendwelche exotischen Dinge mitbringen, Kiwis oder weit seltenere Früchte, so zieht er sich dankend auf seine Äpfel zurück. Ich glaube, er hält sich mehr oder weniger dran, täglich einen Apfel zu essen. In Visp hatten wir viele Äpfel im eigenen Garten. Einige davon waren ausgezeichnete Sorten, nach denen ich mich heute noch sehne. Die eine war ein grosser Apfel mit einer bäunlich-roten rauen Haut. Boskop nannten wir sie. Es gibt sie immer noch, aber selten habe ich so gute Exemplare gefunden, wie wir damals gegessen haben. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass man im eigenen Garten die Äpfel genau in jenem Reifegrad essen kann, den man am meisten liebt. Ich liebte sie hart und knackig und nicht zu sehr reif. Sie waren dann auch noch recht säuerlich im Geschmack. Der betreffende Baum stand genau neben jenem mit den wunderbaren Reineclauden (oder wie könnte man denn das schreiben?) Und es war jener Baum, auf dem ich jeweils unsere Nachtigall vermutete, ein Tiefstamm Baum, so dass man bequem und ohne Leiter bis zu den Ästen reichen konnte. Nachtigallen lieben es, bodennah zu leben, wie ich gelesen habe. Sie suchen nicht die Höhe, nicht für ihren schönen Gesang und nicht für ihr Nest. Ich habe meine CD mit Nachtigallengesang immer noch im Büro, und manchmal, vor allem an Wochenenden, lasse ich sie spielen.

Habe ich Dir erzählt, dass ich mir überlegt habe, mit dieser CD neue Nachtigallen in unseren Garten zu locken. Ich meine, wenn es vielleicht der Gesang eines Weibchens wäre, müsste man doch damit ein Männchen anlocken können. Und vielleicht würde das Männchen, wenn es sich ein bisschen herausputzt und sich mit der schönen Wohnung brüstet, auch noch ein Weibchen anziehen. Sind sie eigentlich monogam, die grossen Sänger? In der persischen Dichtung kommen sie immer wieder vor und haben die symbolische Bedeutung der Liebe. Die Rose sehnt sich nach dem Gesang. Und die Nachtigall singt zu ihrer Rose, bis sie sich öffnet. Letztlich ist es eine religiöse Metaphorik. Es gibt ein hübsches Gedicht von Storm glaube ich, welches diese Thematik aufnimmt. Wir hatten es mal noch in der Sekundarschule, ich glaube im 5. Jahr gelernt. Und ich habe es nicht vergessen. Lustig eigentlich, der Lehrer damals hat uns diese Dinge gleich in der Schule beigebracht. Das heisst, wir mussten nicht heimgehen, und so was auswendig lernen. Er hat es immer wieder rezitiert, bis jeder das auswendig konnte. Auch bei den Liedern hat er das gemacht. Das war einer der Gründe, weshalb ich im Gymnasium kaum wusste, wie ich die Dinge lernen sollte.

Gestern am Weekly haben wir viel über Sport diskutiert. Wenn Du als Maus im Büchergestell gehockt hättest, hätte Dich Lilli bestimmt aufgespürt. Sie war ziemlich unruhig und brachte alle ihre Spielsachen und hat sich viel bewegt. Wir haben über Sportarten geredet und über die Frage, wie sie sich durch die Tatsache des Fernsehens verändern. Beispielsweise Tennis: dieses Tiebreak ist eine Sache, die mit unserer modernen Zeit und vielleicht auch mit dem TV zu tun hat. Damit wird es zeitlich kontrollierbarer. Vielleicht hat sich damit auch die Sportbekleidung verändert, und die Gesten der Athletinnen und Athleten. Basketball ist ideal für Fernsehen. Radsport ist durch das Fernsehen eigentlich erst richtig populär und beobachtbar geworden. Man kann die Tour de France heute vom Helikopter und vom Motorrad aus beobachten, dh. mit den Leuten mitfahren. Früher sind die Fahrer in ein paar Sekunden an der Nase vorbeigeschwirrt, und das war’s dann. Golf ist auch sehr populär geworden. Und natürlich, wenn das Fernsehen kommt, kommt auch das Geld. Das verändert den Sport bestimmt ziemlich stark.

Doch insgesamt ist es dieser moderne Aspekt des Sportes, dass er nämlich sich selbst im zeitlichen Ablauf visualisiert. Der Sport ist ein Wettbewerb, und gleichzeitig auch die Darstellung und Sichtbarmachung dieses Wettbewerbs. Letzteres ist durch TV noch verstärkt worden. Das ist modern. Und man müsste von der Wissenschaft und ihrer Forschung eine ähnliche Transparenz und Sichtbarkeit verlangen. Du siehst, solch ein hohes Diskussionsniveau. Aber vom dritten Brett auf dem Gestell hättest Du bestimmt gut folgen können. Es müsste von dort wirken wie der Kameraausschnitt im Fernsehen: ein kleines Tischchen, meist mit einer Blume, einigen Büchern, Gläser und Wasser, daneben zwei Fauteuils mit zwei ernsten Herren, dahinter ein volles Büchergestell. Nur Lilli wäre etwas störend, wenn sie immer wieder durchs Bild läuft.

Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende

Mit liebsten Grüssen
 ...

Kleiner Abendgruss..


Ämne: Kleiner Abendgruss..
Datum: den 20 november 22:52

Lieber ... ,
Ich habe es satt alle diese blutenden Leute in den Nachrichtensendungen zu sehen. So fliehe ich eine Weile zu dir, so wie ein kleines Mädchen Schutz suchen könnte bei ihrem Vater. :-)

Vorhin habe ich über Stendhals Syndrom gesehen. Das habe ich nicht gekannt. Also, dass Leute beim Betrachten der Kunstwerke in Florens den Verstand verlieren können. Es gibt sogar ein Buch und einen Film darüber. Aber ich muss zugeben, diese Statuen, die man gezeigt hat, haben mich auch stark berührt. So als würden sie irgendwie Kraft ausstrahlen.

*

Bald fängt der Dokumentarfilm über die Brüder Kennedy an. Ich werde ihm mir auch auf Video aufnehmen. Solche historische Dinge kann man sich später nochmals ansehen.
Ich habe einen grossen saftigen Apfel gegessen. In einem der letzten Telefongesprächen mit meiner alten voriges Jahr verstorbenen Tante, hat sie sich darüber gewundert, dass ich nicht weiss, wie wichtig es ist täglich einen Apfel zu essen. Ich fand das ein bisschen lustig und immer jetzt, wenn ich einen Apfel esse, gehen meine Gedanken zurück zu diesem Gespräch.
Tust du das auch? Einen Apfel pro Tag essen? Vielleicht steckt wirklich was dahinter. ;-)

Und heute Abend bist du also bei W. Wünsche ich wäre eine kleine Maus, die sich dort in den Bücherregalen verstecken könnte um euch zuzuhören. Aber Lilli würde mich wohl aufstöbern.
Glaubst du ich wäre erstaunt über eure Gespräche? Man weiss ja nicht wie Männer miteinander reden.

So, nun werde ich mir eine leeres Band heraussuchen für die Kennedys.
Ich grüsse dich lieb,
Marlena
PS Kauf dir doch einen Supercomputer, der alles schnell macht. Ist nicht mehr so teuer jetzt und ich glaube du hättest grosse Freude daran. Auch ich.. ;-)

Nochmals


den 20 november  14:17
Re: ...

Liebe Marlena
Ja, eigentlich hast Du schon recht. Hier über Hotmail zu schreiben ist besser als über die Arbeitsadresse. Aber es ist richtig, hier ist sicherer. Ich hatte bloss gedacht, weil ich immer soviel Zeit verliere, um ins Hotmail zu gehen. Und am Wochenende geht es manchmal so langsam, ungefähr so schnell, wie die Gletscher wandern.

Jetzt sitze ich in der  Klause hier und versuche, mich eine halbe Stunde auszuruhen. Ich sehe hinüber in den Coiffeursalon. Die Scheiben sind zwar etwas getönt, aber dennoch kann man ungefähr sehen, was es werden soll. Waschen, Föhnen, Kämmen, Sprayen und so fort. Es ist erstaunlich, dass Frauen in diesem kleinen Städtchen so zum Coiffeur gehen. Ich hatte gedacht, das tun sie nur in der Stadt.
Gestern war ich auch hier. Aber gestern war nebelig, und die Leute, die ich erwartet hatten, kamen eine Stunde zu spät. Nicht dass mich das störte. Meistens liebe ich eine Stunde, die ich unerwartet geschenkt bekomme. Das Problem ist bloss, dass sie mir später fehlt. Und wirklich war die Zeit dann ziemlich knapp bis Mittag.

Heute morgen war ich in einer Französisch Lektion.  Das war sehr angenehm.  ...

Ich erinnerte mich an unsere Madame Leconte. Sie war die Französischlehrerin, und an einem grossen Tisch im Handarbeitszimmer versuchte sie, uns diese schöne Sprache beizubringen. Aber sie war viel zu geduldig und viel zu nachgiebig. Wir lernten kaum die Wörter. Ich wusste gar nicht, dass man sie eigentlich lernen sollte. Ich erinnere mich, wie sie das Vocabulaire abfragte und wir wussten nur eine Minderheit der Wörter. Aber ich glaube wirklich, dass das Problem darin lag, dass niemand darauf bestand, dass wir die Wörter lernen sollten. So verpasste ich den grössten Teil dieses Sprachunterrichtes. Und als ich dann ins Gymnasium kam, fing alles nochmals vorne an. Die Madame Leconte war eine ledige Dame. Sie lebte mit ihrem Bruder zusammen in einem schönen alten Haus in Visp, das es - so glaube ich - heute nicht mehr gibt. Sie wirkte sehr französisch, trug ihr Jäckchen häufig über die Schultern gelegt, so dass es irgendwie etwas halbherzig und schief herunterhing. Und stets spielte sie mit ihrer Brille. Sie hatte etwas echt Damenhaftes, stellte auch schon damals den Kragen ihrer Bluse etwas hoch. Das sah gut aus. Und ihr Bruder gab Tennislektionen in wunderschönen weissen Hosen. Es war ein Stoff, der gut herunterhing, irgendwie elegant, und mit einem leichten Gelbton. Sonst spielte in Visp jedermann in kurzen Hosen. Nur noch mein Latein-Professor spielte in langen Hosen. Er war Geistlicher, katholischer Pfarrer, um genau zu sein, und seine Hosen waren nicht halb so elegant wie jene Lecontes. Von der Farbe her nicht und nicht von der Art, wie sie von den Beinen hingen. Lecontes waren die besten Tennishosen, die man weit und breit finden konnte. Und ich war mir sicher, dass er sie nicht in Visp, sondern vielleicht in Lausanne oder in Genf gekauft hatte. Beide, als Geschwisterpaar Leconte, wirkten sie irgndwie schick, gepflegt, aus gutem Hause. Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Nur war mir das damals total egal. Aus gutem oder aus einfachem Haus, die Madame Leconte war ein bisschen zu weich, um mir das Französisch beizubringen. Und meine bellesoeur hatte darunter zu leiden! Aber der Leconte gab nicht viele Tennisstunden. Und eigentlich wusste auch niemand, ob und wie er wirklich Tennis spielen konnte. Keiner hatte ihn je spielen sehen. Und nur den Schülern und noch mehr den Schülerinnen mit elegantem Schwung die Bälle zuzuspielen, damit sie - ungeschicht wie sie noch waren - sie dann in alle Himmelsrichtungen schlagen konnten, das bewies nicht wirklich, dass er spielen konnte. Einige glaubten sogar, er wäre ein Hochstapler. Er stand so elegant auf dem roten Sand und zog so harmonisch sein Racket durch die Luft, dass ihm manche nicht glauben wollten, dass er ein echter Tennisspieler sei. Ich muss zugeben, dass ich auch den Eindruck hatte, er sei mehr Bluffer als ein Tennisass. Aber man kann sich immer auch täuschen im Leben.

Du siehst, welche Art Gedanken man sich macht als Schüler. Auf jeden Fall haben wir damals die Erwachsenen ziemlich genau angeschaut. Und irgendwo ist es im Gedächtnis geblieben. Ich glaube das selbst nicht. Ich hätte nicht gewusst, dass die Leconte Geschwister noch irgendwie in meinem Kopf wären. Und doch sind sie nocht da und steigen ziemlich lebendig wieder hoch.

Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Re: anstrengender Tag


den 20 november  09:24
Re: domo


Lieber ...,

Ich habe nicht allzu lange warten müssen. Aber wieso plötzlich die Büroadresse? Ich glaube es ist besser mit der Hotmail, dessen Inhalt niemand loggen kann. So glaube ich jedenfalls..

Du armer. Manchmal steht einem die Arbeit wirklich bis über den Kopf. Das Leben ist hart zu uns.

So wünsche ich dir einen guten Tag und ein schönes Treffen mit W, wobei du dich von der Arbeit erholen kannst.

Mit lieben Grüssen
Marlena

Schicke meine mails an beide Adressen bis du dich wieder für hotmail entscheidest.



anstrengender Tag


Subject: domo 
Date: Thu, 20 Nov  08:09:40

Liebe Marlena
Ach, gestern war ein anstrengender Tag und heute wird es ähnlich sein. Ich muss wieder nach L. Heute habe ich einen Schulbesuch vor. Und dann gibt es noch einige Büroarbeiten dort hinten.

Es war nebelig und herbstlich im Städtchen Laufen. Und natürlich ein bisschen verschlafen, wie gewähnlich. Ich bin nur über Mittag 15 Minuten auf einen kleinen Spaziergang gegangen. Sonst war ich ununterbrochen beschäftigt.

Solange man soviel zu tun hat, gibt es gar nicht viel zu erzählen. Wenn ich Dir einfach meine Arbeit erzähle, habe ich den Eindruck, sie nochmals machen zu müssen. Und doppelte Arbeit, das ist es nicht, was ich mir wünsche.

Ich habe Dein letztes Mail an die Arbeitsadresse bekommen. Und ich weiss schon, wie ich Deine Mails vom Junk Mail Box in die Normal Box transportiere. Es war einfach erstaunlich, Deine Mails plötzlich im Junk zu finden. So was gibt's im Leben. Plötzlich landen wir in der Gosse und niemand weiss so genau, wie ihm geschieht!

Ich merke gerade, dass heute Abend mein Weekly stattfinden wird. Es ist jedes Mal ein Rätsel, ob ich zu Walter gehe oder ob er zu mir kommt. Ich kann mich oft nicht mehr erinnern, wie die Konstellation letzte Woche gelegen hat. Ich glaube, letztes Mal war er bei mir. So ist es dieses mal an mir, in die Kälte hinaus zu gehen.

Ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag. Hoffentlich bist Du ein bisschen freier als ich.
Mit liebsten Grüssen
...


Herbst




                                                                   Foto: Chris





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Gute Nacht



Phnom Penh

Ämne: Gute Nacht
Datum: den 19 november  00:47

Lieber ... ,
Ich habe fleissig gearbeitet. Und heute habe ich sogar etwas getan, was ich schon lange vor mir hergeschoben habe. Ich habe die Firma angerufen, die uns die Ventilation und den Küchenventilator liefern und einbauen soll. Warum ich keine Lust hatte mit ihnen zu sprechen, ist weil ich voriges Mal mit einem dort sprach, der den Preis gleich um 5.000:- Kronen erhöhen wollte, d.h. 25 %. Und ich habe ihn gefragt, warum er plötzlich so viel mehr verlangt, wobei er böse wurde und mit einer Menge komischen Ausreden kam. Ich dachte es wäre besser gewesen, wenn K dort angerufen hätte. Aber er hat sich die ganze Zeit vor dieser Aufgabe gedrückt und mich immer wieder erinnert, dass ich bald anrufen müsse. Nun ist es getan und morgen werden wir weiterdiskutieren, wie, wann und wieviel.

In einer Villa gegenüber ist neulich der elektrische Heizkessel explodiert... na ja, er ist zersprungen und das ganze Warmwasser ist herausgespritzt. Drei Wochen mussten sie ohne warmes Wasser sein. Nun haben sie einen neuen gekauft und alle Nachbarn, die ähnliche Heizkessel haben, fragen sich wie lange es dauern wird, bevor ihnen das auch passiert. Unsere Häuser werden langsam alt. Über 20 Jahre schon und man muss eben die Apparate erneuern. Wir haben bereits Kühlschrank, Gefrierschrank und den Herd ausgetauscht. Wenn die Ventilation dann in Ordnung ist werden wir wohl endlich eine neue Geschirrspülmaschine kaufen. Ich hoffe noch vor den Weihnachtsferien, damit man wieder Gäste haben kann ohne das Elend mit dem Geschirrspülen.

Ach, heute bin ich aber wirklich prosaisch. Verzeih mir. Während ich dir am Abend gemailt habe, hatte ich vergessen den Videorecorder abzustellen und als ich später raufging, sah ich dass ich ein Programm über Cambodia aufgenommen hatte. Das wollte ich mir doch ansehen. Es war hochinteressant und C wurde als das ärmste Land der Erde bezeichnet. Aber es war unglaublich schön und vor allem anders. In der Region, die sie zeigten, wohnen fast alle Leute an oder auf dem Wasser (in Hausbooten) und ernährten sich mit Fischerei. Und in dieser totalen Armut sah man doch viel glückliche Gesichter. Leider auch unglückliche Menschen, die nicht den grossen Terror der Khmer Rouge vergessen können, der so viele ermordet hat. Fast alle Familien haben Familienmitglieder verloren. Man kann es nicht fassen, dass solche Greuel überhaupt möglich sind.
Dann habe ich natürlich auch Bilder von Phnom Penh gesehen, von dem ich einmal geträumt habe. Damals war die Stadt eine Kopie von Paris mit schönen Gebäuden und breiten Boulevarden. Und jetzt!?

Stell dir vor, wenn es damals schon Internet gegeben hätte und Digitalkameras. Aber dann hätte ich nicht diese schönen alten handgeschriebenen Briefe mit den exotischen Briefmarken auf dem Umschlag. :-) Es ist doch etwas persönlicher.
Ich habe übrigens ein Bild im Internet von dem Krankenhaus gefunden, wo Guy gearbeitet hat damals. Eigentlich will man das Hotel zeigen, das im Zentrum der Stadt liegt, aber daneben (das grosse Haus dahinter) siehst du das Krankenhaus. Schau dir den Baustil des Hotels an. Man wird ganz nostalgisch, wenn man solche Gebäude sieht und kann sich gut vorstellen, wie schön man dort auf der Terrasse hätte einen Tee trinken können und das Leben geniessen in alten Zeiten.

Im Fernsehen ist eine späte Debatte über die Korruption im "Systembolaget". Überhaupt bekommt man immer mehr den Eindruck, dass Schweden ziemlich korrupt geworden ist. Leute in hohen Positionen bereichern sich auf Kosten anderer. Bei dem Systembolaget könnte ich gut ein Auge zudrücken. Was macht es mir, ob sich die Chefs bestechen lassen, um den einen oder anderen Wein zu importieren. Klar, dass die Weinbauer sie locken wollen ihren Wein zu kaufen. Ob sie das mit Geld, Alkohol oder Einladungen machen berührt uns doch ziemlich wenig. Aber es ist eben ein staatliches Unternehmen. Das macht den Unterschied. Aber ein richtiger Weinkenner kauft einen schlechten Wein nicht zwei mal. Ich meine er lässt sich nicht von irgendwelcher falschen Reklame verführen.

---

So, nun muss ich aber doch ins Bett. Morgen muss ich sehr früh auf und komme erst spät nach Hause. Dann bin ich über den Gipfel und es geht auch bei mir bergab aufs Wochenende zu.

Wenn ich dir noch mehr schreibe, wirst du bald so viel Zeit zum lesen benutzen, dass keine mehr übrig bleibt zum schreiben. Das will ich nun wirklich nicht.
Darum sage ich dir Gute Nacht,
Marlena

Schreiben, malen, lieben ..


Ämne: Schreiben, malen, lieben..
Datum: den 18 november  09:17

Lieber ...,

So früh schon bist du dran? Wieso das? Ist doch mindestens eine Stunde früher als üblich.
Ja, ich glaube ich schreibe mehr spontan heutzutage - aber du darfst nicht vergessen, dass alles zuerst durch die Transformationsmühle geht. Und dort wird so einiges zerhackt, denn die Bildsprache die ich spontan im Schwedischen verwenden würde und die oft etwas mehr gewürzt ist, kenne ich nicht im Deutschen oder es gibt sie sogar nicht da wo ich sie wünschte. Das fällt mir immer wieder auf.
Siehst du, es passiert manchmal, dass ich jemanden ein Geschehen beschreibe, was ich auch dir erzählt habe und dann wundere ich mich wirklich wie mehr das "ich" bin. Die Persönlichkeit eines Menschen zeigt sich doch in seiner Ausdrucksweise. Aber ich will damit nicht sagen, dass das Schwedische immer gewinnt. Manchmal bin ich mit meinem Deutsch auch ganz zufrieden. Ich habe ja schliesslich auch von dir dazugelernt. :-)
Ja,  ich kenne deine heimlichen Träume. Auch in deinem langen Mail, wo du von den postmodernen Familien sprichst, kommst du aufs Malen. Du beschreibst mir u.a. wie du deine Tagebücher illustrierst. Du solltest einen guten Scanner haben. Dann könntest du mir auch solche Dinge zeigen.
Was meine früheren Mails betrifft, so glaube ich, dass ich oft Mühe hatte nicht zu sehr meine Gefühle für dich durch die Ritze sickern zu lassen. Das zensurieren war wohl das schwere. Aber nun habe ich keine Angst mehr vor solchen Dingen. Vielleicht gehöre ich  zu den postmodernen Menschen, die sagen können: "Ich liebe dich. Wenn du mich nicht liebst, ist auch gut. Ich liebe dich trotzdem." Oder so ähnlich hast du sie beschrieben. Eine solitäre Liebe wie du sie nennst..
*
Bei deinen Hoffnungen, die Malerei wieder aufnehmen zu können, darfst du aber nicht deine literarische Seite vergessen. Du musst auch schreiben. Du bist doch ein Universalgenie. Warum hat die Schweiz das noch nicht begriffen? Die brauchen dich doch.
*
Es ist wieder mal grau. Nur der Rasen leuchte so stark grün wie auf einem misslungenen Gemälde. Die Felder und der Waldrand in der Ferne sind von einem dunklen Braun. Die Vöglein schlafen im Walde... :-)

Heute schreiben die Schüler Englisch. Es ist eine Affenleichte Prüfung, weil auch die Schüler auf den praktischen Linien sie bestehen sollen. So hat man sich in Schweden immer mehr angepasst nach den allerschwächsten und das Niveau gesenkt. In gewissen Fächern liegt es praktisch schon auf dem Boden. Ich denke dabei an einen alten, schon lange pensionierten Lehrer, der bei solchen Sachen immer den Mund zusammenzog und meinte: "Es ist nicht meine Schule". Ich fand ihn schrecklich asozial und bewunderte ihn .. ein bisschen. *s*
*
Jetzt mache ich mir einen Kaffee, damit ich richtig aufwache. Vielleicht schreibe ich dir später heute noch einmal.
Ich grüsse dich lieb, mein ferner Mausgeliebter,
Marlena

Re: Oui, oui


den 18 november  08:20
Re: klar


Liebe Marlena

Ach ja, ich erinnere mich, dass wir schon mal über die Art zu schreiben korrespondiert haben. Und auch dieses Mal wieder hatte ich den Eindruck, dass Du ganz ähnlich an die Sache gehst. Es ist ein schönes Erlebnis, wenn es gelingt, nicht wahr. Aber es ist auch ein bisschen unberechenbar. Daran kann ich mich auch erinnern. Ich wusste nie genau, wann ich endlich meinen Aufsatz schreiben könnte. Und wenn das Resultat nicht gut war, dann dachte ich mir, ich hätte ihn wohl zu früh geschrieben und noch nicht genug aufgekocht in meinem Inneren.

Aber vielleicht kannst Du Dich erinnern, wie viel Mühe Du hattest, anfangs unserer Mailerei. Erinnerst Du Dich? Oft hast Du offenbar begonnene Texte wieder gelöscht. Oder Du hast Dir soviel überlegt und zum Schluss nur ein kurzes Mail geschrieben. Ja, ich glaube, Du hast Dich gut entwickelt - meine Mausfreundin - und schreibst jetzt ziemlich spontan. Dafür danke ich Dir. Es ist gut so. Und wenn manchmal etwas nicht ganz so klar herauskommt, oder wenn Fehler drin sind (wie bei mir), so ist das auch nicht schlimm. Man sollte doch irgendwie schreiben, wie man redet. Ich jedenfalls versuche das. Und ich bin immer wieder schockiert, wenn ich es später nochmals lese, wie holperig das alles klingt.

Ja, Bonnard ist ein feiner Kerl, farblich gesehen. Er hat schliesslich auch an der Côte d’Azur gelebt. Wenn ich dort lebte, könnte ich auch eine solch goldene Palette hinkriegen, glaube ich. Das Bild, das Du mir geschickt hast, ist auch in meinem neuen Buch zu sehen. Und viele andere, die ich bisher noch nie gesehen hatte. Deshalb wahrscheinlich habe ich es gekauft, ziemlich spontan und ohne gross zu überlegen. Es war nicht so billig wie Deine Toilettenartikel. Und dabei habe ich zuhause bereits 2 Bücher über Bonnard!! Aber ich hatte wirklich - wie Du denkst - die geheime Hoffnung, das Buch würde mich inspirieren und zur Palette zurücklocken. Es gibt in diesem Buch ein hübsches Porträt. Ich weiss nicht mehr von wem, aber es ist gut gemacht, klarer gezeichnet als bei Bonnard sonst üblich.

Weil ich selbst eher ein Zeichner bin, suche ich Maler, die mehr auf die Farben Wert legen. Ich denke, von ihnen kann ich lernen. Ich möchte vom linearen Zeichnen wegkommen und malerischer werden. Rubens ist sehr malerisch, Bonnard auch. Carlsson beispielsweise ist ziemlich zeichnerisch, wie der Jugendstil allgemein. Die Impressionisten waren anfangs stärker in der Zeichnung als in der Spätphase. Du siehst, ich habe immer noch kleine Hoffnungen. Obwohl sich in den letzten Jahren bei mir malerisch absolut nichts getan hat. Aber ich muss gestehen, dass ich meine Bilder desto besser mag, je älter sie werden. Ich habe vor 10 oder 15 Jahren ziemlich viel gemalt in der Freizeit. Und heute, wenn ich die Dinger wieder hervor nehme, bin ich ganz überrascht, wie gut sie mir gefallen. Sie gefallen mir besser als damals. Vielleicht schaffe ich es, nochmals eine kreative Phase zu gewinnen. Eigentlich sollte das möglich sein. Schliesslich wird man im Alter freier und offener. Oder etwa nicht?

Übrigens hat Bonnard in seiner Agenda jeden Tag das Wetter vermerkt. Und dazu hat er kleine Skizzen mit Bleistift gemacht. Er war kein schlechter Zeichner. Das muss man schon sagen. Aber im Wesentlichen hat er malerisch gedacht, farblich. Einige Zeichnungen sind ganz klar und mit sicherem Strich gefertigt. Und andere sind nur angedeutet und mit Schraffuren belebt. Das sind die Farbfantasien, denke ich. Ich glaube, er hat sehr viel Zeit verwendet fürs Malen. Das heisst, er hat mit kleinen Schraffuren und Strichen gearbeitet. Er war kein Pointilist. Aber er hat kleinräumig gedacht, nicht in grossen Bewegungen. Manchmal wirkt er fast ein bisschen kleinlich. Aber die Gesamtwirkung des Bildes wird dann ganz lebendig.



Ich wünsche Dir einen schönen Tag

Mit lieben Grüssen
...

Sonntag, 27. Oktober 2013

Oui, oui ... Schreiben und Bonnard




Ämne: Oui, oui..
Datum: den 17 november  23:41

Lieber ... ,
Ach, wie ich dich beneide. Schon am Montag geht dein Weg bergab aufs Wochenede zu. Bei mir steigt er steil an bis Mittwoch Nachmittag. Erst dann kann ich ein wenig auspusten. Aber ich habe überhaupt viel zu tun die letzten Wochen vor Weihnachten. Denn noch vor Weihnachten haben die Schüler ihre Abschlussprüfungen in Sprachen, d.h. diejenigen, die im Juni das Abitur machen. Ich versuche ihnen noch in der letzten Sekunde ein paar Dinge beizubringen, die sie brauchen beim Aufsatzschreiben. Bin nicht immer erfolgreich.
*
Wie lustig wenn du von deiner Art zu schreiben erzählst. Das hat mich sehr an meine Schulzeit erinnert. Die Lehrer wollten eigentlich, dass man eine Disposition machen sollte und überlegen was und wie man schreiben würde bevor man damit anfing. Ich wählte ein Thema und wartete auf Inspiration. Es war kein stilles Warten sondern eine Plage. Und dann kam sie und ich schrieb wie in Trance... aber nicht das ganze, sondern nur einen Teil, bis ich den nächsten Einfall bekam. Es war wirklich immer eine erschöpfende Kraftprobe, diese Aufsätze. Meistens gelang es mir aber ziemlich gut.

Wenn ich dir schreibe ist es nicht so schlimm.. ;-) Ich schreibe ganz einfach drauf los. Es ist fast wie eine kleine Konversation über einer Tasse Schokolade. Ich habe immer Lust, dir etwas zu erzählen und das tue ich ja auch, wenn ich eigentlich garnichts zu sagen habe, wie du ja weisst. Ich meine wenn ich nicht Neues und Interessantes zu berichten habe. Schon die Zeit, während ich dir schreibe ist schön und abstressend. Und wenn du dich dann auch noch darüber freust, dann ist es ja wirklich wertvolle Zeit.

Ich war heute Nachmnittag mit M in einem Kaufhaus am Rande der Stadt, wo man gewisse Dinge sehr billig kaufen kann. Sie wollte ein wenig nach kleinem Kram für Weihnachten sehen. Und ich war erstaunt, denn die Preise waren wirklich sehr günstig dort. Toilettenartikel und Dinge die man so im Haushalt braucht kosten meist weniger als die Hälfte verglichen mit gewöhnlichen Geschäften. Für Anna habe ich u.a. Werkzeug gekauft. Hammer, Schraubenzieher und noch ein paar andere kleine Dinge, die sie braucht wenn sie an ihrem Computer herumbasteln will. Ich habe auch schon einige
Weihnachtsgeschenke gekauft. Ich weiss nämlich, dass die Zeit vor Weihnachten immer sehr knapp wird.

Ich würde sehr gern die CD mit dem Walliser Dialekt hören. Glaubst du, dass ich sie kopieren könnte? Es klingt so schön, was du mir erzählt hast darüber. Wir haben doch CD-brenner und alles was man so braucht. Ist die Sprache denn so schwer zu verstehen?
*
Vorhin habe ich mir Bilder von Bonnard angesehen. Die Farben sind einmalig. Ich denke, wenn du sie anschaust dann bedauerst du, dass du nicht sofort an deine Stafflei gehen kannst. Und hier schicke ich dir ein Bild von dieser Frau, mit der er sich während des Malens dauernd gestritten hat. So glaube ich jedenfalls. Sie war sein Favoritmodell.
Ich wundere mich ein wenig welche Farbenskala du für deine Bilder wählen würdest. Es war so lustig zu sehen, bei den Künstlerfreunden meiner Eltern. Sie malte in herrlich leuchtenden Farben, die Freude und Optimismus ausstrahlten. Und manchmal mischte er sich ein und veränderte ein Bild. Das war, als wäre eine dunkle Wolke über den Himmel gezogen. Ja, ich bin wirklich neugierig zu welcher Sorte du gehörst.
*
Jetzt muss ich ins Bett.. bin ziemlich müde von der Tour nach der Arbeit.
Ich grüsse dich lieb. Vergiss nicht das Bild hier unten.
Marlena

Montag Abend ... 17 Nov.


den 17 november  
Re: Nochmals an diesem dunklen Abend


Liebe Marlena

Montag Abend, ich sag Dir, die Woche ist praktisch gelaufen. Das Schlimmste ist vorbei. Die Steigung der Woche ist überwunden. Es geht jetzt nur noch bergab. Ist das nicht wunderbar, ein gemütlicher und bequemer Weg immer leicht abfallend bis Freitag Abend. Es gibt nichts besseres auf dieser Welt.

Es ist wirklich nicht einzusehen, weshalb die Woche gleich mit einem Montag anfangen soll. Jeder andere Tag wäre besser!

Ich war nachmittags in Basel, hatte um 16h einen Termin beim Akupunkteur. Deshalb fuhr ich nach dem Essen im Club schon gar nicht zurück, sondern blieb gleich in der Stadt. In einem Antiquariat habe ich einen schönen Band über Bonnard gefunden. Ach, ich liebe ihn immer mehr. Er ist ein Meister der Farben. Die Formen sind nicht immer so glücklich, aber die Farben machen alles wieder gut. Er hat seine Marthe tausende Male gemalt, und dabei haben sie sich offenbar ständig gezankt. Aber die Bilder sind wunderbar. Ich glaube, er war ein bisschen beeinflusst von Degas. Der hat diese zahllosen Damen im Badezimmer gemacht. Ich habe sie im Metropolitan gesehen. Und er hat diese hübschen Stauten gemacht. Bonnard übrigens auch. Das habe ich hier im Buch wieder entdeckt. Ich hatte es vergessen. Und dann bin ich mit diesem schweren Band unter dem Arm geradewegs in die Universität gegangen, um dort in der Cafeteria meine Zeit zu verbringen. Ich habe auch echt gearbeitet, ehrlich. Ich habe einen Bericht studiert, der ziemlich kompliziert war. Und daneben habe ich all die jungen Leute benieden, die dort herumsitzen und miteinander flirten. Ach, man sollte jung sein.

---

Und morgen habe ich eine Weiterbildung mit den Kollegen von Basel. Das werde ich geniessen.

ich wünsche Dir einen schönen Abend.

Mit allerliebsten Grüssen
...

Re: Nochmals ...



den 17 november  08:55
Re: Nochmals an diesem dunklen Morgen



Liebe Marlena

Du hattest einen eifrigen Sonntag Abend. Und ich danke Dir dafür. Und Du findest die richtigen Dinge auch immer gleich im Internet. Danke auch dafür. Du bist eben mehr weltmännisch als ich. Weltweibisch müsste man hier schon fast sagen, denn weltfraulich passt irgendwie überhaupt nicht.

Mein nächstes Programm ist nun, den Film ‚Vom Winde verweht’ zu suchen, um diesen Rhett Butler zu finden. Kein Wort sagst Du über seinen Charakter, kein Wort, wie man ihn sich vorstellen konnte. Es scheint fast ein wenig, als ob es Dir peinlich wäre, Dich in ihn verliebt zu haben. Nun, dafür gibt es sicherlich keine Gründe. Als Teenager muss man sich alle möglichen Typen aussuchen, um dieses grosse Ding der Liebe auszuprobieren. Mir hat Cary Grant immer sehr imponiert, und am meisten wohl damals im Film „Wenn die Nachtigall singt“ (hiess er so, oder vielleicht, wer die Nachtigall stört??) Oder sollte ich vielleicht das Buch lesen. Aber ich glaube, das Buch ist zu dick für mich. Mindestens im Moment. Vielleicht später mal werde ich mir Rhett Butler als Vorbild vornehmen.

*

Ja, ich habe 2 CDs als Geschenke erhalten. Die eine, Walliserdeutsch, hatte ich mir mal gewünscht. Meine Mutter hatte sie noch auf einer alten Anilyn-Schallplatte, und heute kann man diese antiken Dinge doch so schön auf CD brennen. Du kennst ja diese Schwarz-Brennerei (klingt so schön nach illegalem Schnaps) auch. Sie enthält eine hübsche Sage aus dem Wallis, die erzählt, wie mal in einem Walliser Dorf der Tod in ein Weinfass eingesperrt worden war. Und all die Menschen triumphierten und waren glücklich. Aber die Leute kümmerten sich nicht mehr um einander. Die Mütter liessen ihre Kinder verkommen. Die Grossmütter wurden egoistisch. Die Geschwister endeten im Streit einfach deshalb, weil alles gleichgültig wurde. Es ist sehr hübsch erzählt, und besonders hat mir gefallen, wie Biffiger, der Erzähler, beschreibt, wie das früh verstorbene Kind die überlebende Familie trösten und beruhigen kann. Sie hat nämlich die Gewissheit, schon jemanden aus der eigenen Sippe drüben im Himmel zu haben. Und wenn es dann selbst ans Sterben geht, wären sie wohl ein bisschen scheu, vor Gott zu treten, der ja als grosser Herr nicht soviel Zeit zum plaudern hat, oder sie sind vielleicht in den Werktagsschuhen gestorben, und das wäre im Himmel ziemlich unpassend. Und in dieser Unsicherheit, wenn sie frisch im Himmel ankommen, wie beruhigend wäre es doch, wenn diese Céline selig, das früh verstorbene Kind also, herbeieilen würde und sie an der Hand nähme.

Die Geschichte ist wirklich sehr sympathisch arrangiert und gut erzählt. Und sie beschreibt auf wunderbare Art den alten Volksglauben und die hübschen Katholizismen im Wallis. Eine andere Geschichte beschreibt, wie die Walliser mit dem Herrn ein bisschen grollen, weil er es ihnen nie recht machen kann. Einmal regnet es viel, das ist vielleicht gut für die Wiesen, aber schlecht für den Wein. Ein andermal brennt die Sonne herunter, was einen guten Wein verspricht, aber den Weiden in der Höhe schadet.

Und alles in allem erinnert mich diese Platte an meine Bubenzeit. Damals hörte man diesen Karl Biffiger regelmässig am Samstag nach den Mittagsnachrichten am Radio. Viele Schweizer haben kaum verstanden, was er erzählt, denn der Dialekt ist, wie Du weißt, ziemlich exotisch. Und ich selbst fand gar nicht so viel dabei, denn wie er sprach, so sprachen all die Buben auf der Strasse. Und den Inhalt fand ich ziemlich unverständlich. Aber ich bemerkte, wie meine Eltern von diesen Geschichten fasziniert waren. Ihnen ging es wohl umgekehrt. Sie konnten den Dialekt nur knapp verstehen, aber wussten dafür mit dem Inhalt mehr anzufangen. Na ja, Biffiger war so etwas wie der gute Botschafter des Wallis in der übrigen Schweiz. Man muss dazu sagen, dass damals, vielleicht vor 50 Jahren, das Wallis eine echt provinzielle und rückständige Gegend war. Nur als Ferienregion war es akzeptiert, sonst konnte man das Wallis schwerlich ernst nehmen. Na ja, das ist jetzt leicht übertrieben, aber ungefähr war es so.

*

Ich habe mein altes Mail noch nicht wieder gelesen. Ich werde es schon tun, aber dazu brauche ich etwas ruhige Zeit. Das ist, was mir am meisten fehlt. Ich habe eine strenge Woche vor mir, und ich hoffe sie gut zu überstehen. Was Du von der Müttergruppe erzählst, das kann uns Männer nur neidisch machen. Genau so sollte es sein. Und ich glaube, in Persien ist es teilweise noch so. S. hat beispielsweise bei einer Tante auf diese Art das Nähen gelernt. Es waren offenbar gemütliche Momente des Plauderns und der Arbeit. Und jedes Mal, wenn sie heute näht, kommen im Hintergrund diese Erinnerungen zurück. So sollte Arbeit doch sein!! Das ist die wahre Lebenskunst. Sie fängt mit den Grossmüttern und den Grossvätern an, welche die Jungen nicht nur in die Arbeit, sondern auch in die richtige Haltung dazu einführen.

*

Ich danke Dir für Deine Komplimente über meine Heroin-Mails. Ich muss mich vorsehen, dass ich nicht als Heroin-Händler in die Mühle der Justiz gerate. Auch andere Leute haben mir früher Ähnliches gesagt. Es hängt vielleicht damit zusammen, dass ich fast in eine Art Trance gehe, wenn ich schreibe. Ich erinnere mich, wie ich früher Schul-Aufsätze geschrieben hatte. Ich konnte nicht einfach hinsitzen und sie niederschreiben. Irgendwie musste ich mich vorher in eine Art Psychose hineinreiten, mich in dieser Gedankenwelt tummeln wie ein Füllen auf einer Frühlingswiese. Ich musste mich mit Haut und Haar in diese Welt versetzen. Und erst dann konnte ich mich hinsetzen und schreiben. Und das ging dann gleich alles in einem Zug. Man konnte dann auch schwerlich an dem Text herumfeilen, vielleicht verbessern oder neue Teile einsetzen und alte streichen. Es war einfach wie in Trance geschrieben. Und ich wusste dann jeweils auch nicht so genau, ob es gut oder schlecht herausgekommen war. Manchmal waren die Lehrer absolut nicht zufrieden, meinten, ich hätte mir zuwenig Zeit genommen oder zu viele Rechtschreibefehler gemacht. Und noch heute, wenn ich Dir schreibe, lebe ich in einer anderen Welt. Ich bin dann weit weg von all den alltäglichen Dingen hier. Und am Ende braucht es immer etwas Zeit, mich wieder umzustellen auf die Umstände hier. Na ja, vielleicht ist das bloss diese kleine Zeitumstellung, von der Du redest. Es könnte gut sein, dass wir ungefähr eine Stunde differieren. Ich bin dann ein bisschen im Rückstand.

*

Interessant, was Du über de Botton sagst. Ich werde ihn mir vorknöpfen, wenn ich ihn im Fernsehen sehe und Deine These prüfen. Hat er seine Bücher selbst geschrieben? Ich glaube, sie sind im Grunde ziemlich einfach aufgebaut. Er ist ein bisschen ein Zauberer, also einer, der in der Lage ist, die Leute glauben zu machen, dass er mehr kann als sie. Und das ist doch fast alles im Leben, dass man seine eigenen Schokoladenseiten hervorkehrt und die peinlichen Schwächen zu verstecken vermag. Ich tue nichts anderes als das….;--)



Ich wünsche Dir eine schöne Woche.

Mit lieben Grüssen

Nochmals ...








Subject: Nochmals an diesem dunklen Abend
Date: Sun, 16 Nov  21:38:32

Lieber ...,
Nun habe ich dein liebes Mail gelesen und auch de Botton gesehen. Das schöne an dem Programm ist, dass er es in dem authentischen Milieu zeigt. So konnte man das Schloss bewundern, in das sich de Montaigne zurückzog um zu schreiben. Es war wirklich sehr sehenswert und sah, verglichen mit anderen alten Schlössern, die ich schon gesehen habe, ziemlich gemütlich aus. Auch hatte er einen wunderschönen Blick auf die Landschaft von seiner Bibliothek aus. Und auf dem Hof gab es auch jetzt allerlei Tiere zu sehen. Schweine, Schafe, Enten u.s.w. Montaigne hatte ein gutes Verhältnis zu Tieren. Er fand sie klug und meinte wir könnten einiges von ihnen lernen.
*
Hast du zwei CDs von deiner Mutter bekommen? Die eine war doch mit Walliser Dialekt, oder? Ja, ich verstehe schon, dass dir der Briefwechsel, von dem du sprichst, gut gefällt. Gewiss, dieser Anthony Hopkins hat etwas besonderes, was ich sehr mag. Etwas um dessen Verlust man trauern könnte. Und wenn er gegen Emma Thompson spielt ist er am meisten zu seinem Vorteil. (siehe Bild unten). Auch ein Bild aus dem Film, den du erwähnt hast. Und hier der Kommentar eines Lesers zu dem Film:

Summary: For once you shouldn't read the book

When you first take a look at the story, 84CCR hasn't much going on for it. A movie about books(even worse: old books!), for 75% told off-screen and with two stars who don't share one scene together. It's a miracle that this movie has so much impact on the viewer. The atmosphere is really tense, it's like you're in that little dusty bookstore and you really like the characters, though you don't know that much about them. Great acting by all. Hopkins, playing a character that resembles the ones he played in Shadowlands and even Remains of the Day, is impossibly convincing in his role. Anne Bancroft, although sometimes slightly over the top when she talks to the viewer, makes a great match.
*
Deine Frage ob ich mich je in einen Held (Helden?) in einem Buch verliebt habe? Soll ich es wagen, dir das zu verraten, ohne dass du, als echter Psychologe, mich gleich in ein Fach steckst? ;-)) OK. Ich war sehr verliebt in Rhett Butler in dem Buch "Vom Winde verweht". Habe das Buch als Teenager gelesen, dann später natürlich auch den Film gesehen. Und wenn ich es richtig bedenke, sind fast alle Männer in die ich mal verliebt war, von dieser Sorte gewesen. Komisch eigentlich. Ist man vielleicht auch für sowas programmiert???
*
Siehst du, weil du so lieb warst und mir noch heute Abend ein mail geschickt hast, habe ich sogar Lust bekommen dir gleich ein zweites zu senden.
Wie ist es eigentlich mit den Uhrzeiten in unseren Ländern. Du hast mir kurz nach 18.00 Uhr ein mail geschickt und als ich um 19.00 Uhr reinschaute lag noch nichts da.. aber bald danach fand ich ein Mail von dir. Haben wir eine Stunde Zeitunterschied?

Nun sage ich dir gute Nacht. Wünsche dir einen schönen Start in die neue Woche,
mit lieben Grüssen,
Marlena

Samstag, 26. Oktober 2013

*smile*


Ämne: :-)
Datum: den 16 november  20:15

Lieber ... ,
Wenn du wüsstest wie oft ich hier reingegangen bin und nach dir gesucht habe. Weisst du nicht, dass dein Samstagsmail immer wie eine "bridge over troubled water" ist, die mir über das Wochenende hinweg hilft? Nun ja, manchmal fliesst das Wasser eher gemächlich und ich könnte sogar darin schwimmen. Aber auch dann ist es schöner wenn du dabei bist.
*
Ich habe gerade Aufsätze korrigiert. Ach, wie gut ich unangenehme Aufgaben vor mir hinschieben kann. Ich hätte es schon längst tun können. Und nun brauche ich eine kleine Pause mit dir.
Gestern habe ich im Garten gearbeitet. Es war grau und düster und nicht sehr verlockend die Nase vor die Tür zu stecken. Zuerst habe ich sogar gefroren. Aber dann allmählich wurde mir immer wärmer und zum Schluss fand ich es richtig herrlich in der frischen Luft. Es sah wirklich schon wüst aus. Sogar die verfaulten Äpfel lagen noch auf der Terrasse. Ich weiss nicht was mit K los ist. Er überlässt mir immer mehr von diesen Arbeiten. Aber eigentlich finde ich es schön etwas zu tun bei dem man sofort das Ergebnis sehen kann. In jüngeren Jahren, als die Kinder meiner Kolleginnen noch klein waren, hatten wir öfters "syjunta". Wir trafen uns so 10 Frauen umwechseln bei einander, assen zuerst was gutes und liessen dann den Mund gehen, über allerhand Handarbeiten. Die Mütter flickten die Kleider ihrer Kinder, andere strickten oder machten irgendeine Handarbeit. Ich erinnere mich, dass dies eine sehr beruhigende und angenehme Beschäftigung war. Dann hörten diese Treffen auf. Und weisst du warum? Weil jede Einladung die vorherige in Luxus übertreffen musste. Am Ende war es fast wie ein kleines Nobelessen. Aber schön war es und ich erinnere mich gern daran.
*
Hast du dein altes mail gelesen? Ich tue sowas auch nicht gern. Ich meine, ich lese nicht gern meine eigenen mails. Ich fühle mich niemals richtig wohl dabei. Aber die deinen könnte ich immer wieder lesen. Ich bin mir jedoch bewusst, dass es Zeitdokumente sind. D.h., was darin steht gilt zu dem Zeitpunkt wo es geschrieben wurde. Es gibt mails von dir, die ich mir ausgeschrieben habe, weil sie so spirituell sind. Wenn ich ein bisschen Harroin brauche (=etwas das mich aufmuntert), lese ich sie nochmals und sofort fühle ich mich ganz froh. Sie sind besser als Schokolade, von der man ja wie bekannt dick werden kann.

*
Ich habe neulich ein Program mit Alain de Botton gesehen. Von seinem Buch "Der Weg zum Glück", wo er uns durch verschiedene Philosophen diesen Weg zeigen will, hat man eine Fernsehserie gemacht. Voriges mal sprach er über Epikur und heute (um 19.30) ist Montaigne an der Reihe. Ich weiss nicht wie es kommt, aber wieder hatte ich den Eindruck, dass de Botton nicht so begabt ist, dass er seine Bücher selbst hätte schreiben können. Auch in dem Programm machte er Kommentare, die die anderen in ein verwundertes Schweigen versetzte. Aber wie dem auch sei, das Programm ist mit schönen Bildern aus der Heimat der Philosophen versehen und doch ziemlich interessant. So sah man in dem vorigen Programm Epikurs Inskriptionen auf den Resten der Mauer, die er bauen liess um seine Gedanken unter dem Volk zu verbreiten. Es war wie eine Art Antiwerbung. Was mich wunderte war, wie man solche Dinge so verwahrlost auf dem Boden liegen lässt, wie man es im Programm sehen konnte. Ich weiss, du magst Epikur. Sicher magst du auch Montaigne.
Hast du mal die schöne Reklame gesehen mit dem riesigen wunderschönen Schloss, das zu verkaufen ist, und unten in der Ecke steht mit kleinen Buchstaben *happiness not included".
*
Ach, jetzt sehe ich gerade ein Mail von dir. Ich schick dir dies schnell ab. Muss dein mail lesen.

Wünsche dir einen schönen Abend
Marlena

Dein Bruderherz


den 16 november  20:06
Re: Dein bruderherz


Liebe Marlena

Stockdunkel ist es draussen, und doch erst ungefähr 18.00h am Sonntag Abend. Das erinnert mich an das Mail, das Du mir kürzlich geschrieben hast. Aber das macht es doch auch sehr gemütlich zuhause. Ich bin zwar noch im Büro. A ist gekommen, um einige Dinge zu kopieren und aus dem Netz herunter zu laden. Wir haben ein bisschen geplaudert. Ich glaube, sie hat es ziemlich streng im Moment. Ungefähr so wie Anna, scheint mir. Aber das ist gut so. Man ist in diesem Alter so sehr lernfähig, dass man die Zeit nicht verstreichen lassen sollte.

Hingegen sollten wir es doch ein bisschen gemütlicher nehmen können. Immerhin ist unser Wissen angereichert mit viel Lebenserfahrung. Und das macht es zu purem Gold. Die Welt sollte doch endlich erkennen, dass wir reinstes Gold anzubieten haben.

*

Ich habe während Stunden versucht, einige Fotos zu scannern. Aber es ist zum Verzweifeln. Ich schaffe es nicht wirklich so, wie ich es möchte. Ich muss mich ein bisschen vorbereiten für den Vortrag, den ich im Club machen werde. Ich möchte dazu Powerpoint verwenden, aber davon habe ich noch keine blasse Ahnung. Erst mal sammle ich jetzt Bilder und ich will sie in digitale Form bringen. Und eben das gelingt mir noch nicht wirklich. Die junge Fremdenführerin von Isfahan hat mir zwar eine Internet Adresse angegeben, wo ich viele Fotos von Isfahan finde. Aber die Fotos sind oft nicht so gut. Es ist der einheimische Blick. Ich suche den des Touristen. Soll ich Dir die Adresse schicken. Vielleicht möchtest Du auch eine Prise von diesem schönen Isfahan nehmen.

*

Ich glaube ich habe Dir erzählt von der CD, die mir meine Mutter zum Geburtstag geschenkt hat. Ich höre sie oft, wenn ich hier am PC sitze. Sie ist so romantisch und hübsch, dass man sich geradezu an Mrs Dalloway erinnert. Es ist eine anrührende Hymne an die Freundschaft. Die Autorin, Helene Hanff an der 14 East 95th Street N.Y., ist eine junge Jüdin, die beim Buchantiquariat Marks & Co in London, Charing Cross Road 84 seltene Gedichte, Erstausgaben und so nebenbei das Rezept für Yorkshire Pudding bestellt. Der Ton ist sehr anregend. Die New Yorkerin gebärdet sich ein bisschen ‚rempelig’, dh. jugendlich burschikos, aber mit viel Ironie. Und die Engländer, auf der anderen Seite des Ozeans, sind überaus korrekt und höflich und formulieren ihre Antworten mit dieser stoischen Korrektheit, die mich immer wieder berührt. Es wird deutlich, dass sie noch unter dem Krieg zu leiden haben. Offenbar ist im England der 50er Jahre Fleisch Mangelware. Einmal schickt die Amerikanerin sogar einen Schinken und Eier, und die Briten sind darüber begeistert. Mittlerweile nimmt der gesamte Buchladen an dieser Korrespondenz teil. Das Buch heisst „84, Charing Cross Road“ (1970 herausgekommen) und ist offenbar mit Anthony Hopkins und Anne Bancroft verfilmt worden. Du kennst Hopkins? Er hat genau diese Melancholie im Gesicht, die es für einen älteren Antiquar braucht. Ich nehme doch sehr wohl an, dass er diese Rolle innehat.

*

Wenn ich von dieser CD erzähle, erinnere ich mich, dass ich mich einmal in eine Romanfigur ziemlich handfest verliebt habe. Ist Dir das auch schon passiert? Und ich war nicht zu jung dabei. Die Figur war ein Mädchen, vielleicht 14 oder 16 Jahre, eine Londonerin, die mit Blazer und tadellosen Manieren noch zur Schule ging. Ich schrieb eine Rezension über das Buch und ich bemerkte, wie sehr ich diese Figur mochte. Na ja, es war nicht wirklich Liebe, sondern viel mehr eine väterliche Fürsorge vielleicht. Aber eins ist sicher, ich war sehr schwach geworden. Ich hätte sie umarmen können. Ich muss mal sehen, ob ich das Buch wieder finde unter den vielen Jugendbüchern, die bei mir herumliegen. Ich weiss auch nicht mehr, wie sie hiess. Aber irgendwie hatte ich ziemlich klare Vorstellungen, wie sie ausgesehen haben musste. Und sie spielte eine tapfere und sehr aufrechte Rolle in diesem Roman. Das hat mir überaus gut gefallen. Ach, vielleicht treffe ich sie wieder einmal und per Zufall in meinem riesigen Chaos von Büchern.

*

Gestern Abend hat man am deutschen Fernsehen einen Rückblick gezeigt. Im Wesentlichen ging es um einen Journalisten, den ich ziemlich schätze. Und offenbar war er als Korrespondent zur Zeit Kennedys in Amerika. Sie zeigten jene Tagesschau Ausschnitte und Rückblenden aus jenen vergangenen Tagen. Das war eine ungeheure Zeit des Aufbruchs. Ich erinnere mich, wie nach der Mondlandung unser Französisch Lehrer in die Klasse kam und den Satz in den Raum goss: dies sei „der Sieg des Menschen über die Materie“. Na ja, ich verstand nicht so genau, was ein Sieg des Menschen über die Materie eigentlich war, aber es klang grossartig. Es klang danach, dass wir auf dem Höhepunkt der Zeit lebten. Es klang danach, dass jetzt, in diesem Moment, Geschichte geschrieben würde. Es klang danach, dass wir Zeitgenossen der besten Zeit wären. Wir waren stolz, ohne so genau zu wissen, weshalb. Es war eine grossartige Zeit.

Ich glaube, jene Kennedy-Zeit hatte eine enorme Aura. Am Fernsehen gestern Abend konnte man jenen Soerensen sehen, der für die Reden Kennedys verantwortlich war. Er muss vom Blut her ein Skandinavier sein. Er hat die berühmte Berliner Rede geschrieben. Und auch die Inaugurationsrede, die uns so sehr beeindruckt hatte. Und die Rede in Köln. Und man konnte Bob Kennedy sehen, von dem die Leute sagten, dass ich ihm ähnlich sehe. War er nicht ein toller Typ? Ich glaube, er war etwas kompliziert im Charakter, und etwas idealistisch. Und Kennedys Vater soll gesagt haben, er hätte für die Wahl seines Sohnes soviel Geld ausgegeben, dass er auch seinen Chauffeur zum Präsidenten hätte machen können! Hast Du schon so was gehört? Das waren bestimmt auch schon damals verkommene Zeiten !!

*

Ich habe in den letzten Tagen eine Biographie Hemingways gelesen. Vielleicht staunst Du darüber? Ich hatte im Geheimen immer den Eindruck, Hemingway sei ein Idol der Generation meines Vaters gewesen. Ungefähr so wie Gershwin. Vor etwa 10 Jahren hatte ich meinem Vater ein Tagebuch Hemingways geschenkt, genau aus diesem Grund. Er hat mir sogar berichtet, dass er daran lese, denn er war schon alt zu jener Zeit. Und in Spanien hatte ich mich mit Hemingway beschäftigt, im Zusammenhang mit dem spanischen Stierkampf und mit dem Bürgerkrieg. In Spanien nennt man ihn immer noch Papa. Nun ja, Hemingway war sehr früh sehr bekannt. Aber er war gewissermassen eine tragische Figur. Das hatte ich nicht gewusst. Sein Machismo und seine robuste Erscheinung waren mehr ein Produkt der Medien als wirkliche Wirklichkeit. Seine Mama hatte ihn bis 7 in Mädchenkleidern aufgezogen, zusammen mit seiner älteren Schwester. Ach, er muss ein ziemlich unglücklicher Mensch gewesen sein, obwohl er das auf den Fotos nicht so darstellt. Er hat eine Rolle gespielt. Und er hat damit gutes Geld verdient. 4 Ehen, einige Hirnerschütterungen, viele Reisen, noch mehr beinahe Kriegsverletzungen, er soll motorisch ziemlich ungeschickt gewesen und offenbar immer wieder über die eigenen Füsse gestolpert sein. Ach, der arme Kerl! Und ich hatte immer den Eindruck, das wäre noch ein Mann alten Stils gewesen, so wie wir als Jungen gewünscht hatten, einmal zu werden. So schnell fahren die Illusionen dahin!

*

Ist das nicht ein merkwürdiges Mail? Ich kann Dir auch nicht erklären, wie so was zustande kommt. Aber man kann nicht alles erklären in diesem Leben. Nicht wahr?

*

Ich wünsche Dir eine gute Woche und ich küsse Dich, meine ferne Geliebte.
...

Dein Schwesterherz.. :-)


Ämne: Dein Schwesterherz.. :-)
Datum: den 14 november  14:46

Lieber ... ,
Habe soeben dein mail gelesen aber ich muss sofort wieder an die Arbeit. Möchte dir nur sagen, dass du dein altes mail ruhig nochmals lesen kannst. Es ist ein solches, das du jedem in die Hand stecken könntest. Ernst und humoristisch zugleich und natürlich wie immer sprachlich hervorragend.

Es erinnert dich auch an Dinge, die ich dir mal erzählt habe.. und so ist es fast wie ein mail von mir, wo ich mit dir über vergangene Zeiten spreche... so wie du es gestern mit W getan hast.

Ich sende dir einen lieben Gruss in aller Eile,
Marlena

und einen schwesterlichen Kuss.. auf beide Seiten..

Freitag, 25. Oktober 2013

Freitags immer...



den 14 november 13:49
Re: freitags immer ...


Liebe Marlena

Ich weiss gar nicht, ob ich so alte und so lange Mails von mir nochmals lesen sollte. Ich habe es noch nicht getan, und vielleicht brauche ich vorher wirklich einen starken Schluck Whisky. So genau möchte ich ja doch meine seelische Vergangenheit nicht erforschen. Oder sollte ich?

*

Ja, ich habe diese CD von Helene Hanff schon mehrmals gehört. Es ist so romantisch und so hübsch. Es handelt sich um einen Briefwechsel zwischen einer amerikanischen Schriftstellerin, die in N.Y. wohnt, und einem englischen Buch Antiquar an der Charing Cross Road in London. So ungefähr. Und die Amerikanerin ist ein bisschen jugendlich und manchmal ungeduldig und naughty, und der Engländer sehr formal und höflich. Allerdings ist es in diesem kleinen Buchladen nicht immer dieselbe Person, die schreibt. Die Hanff bestellt diese oder jene Bücher, gibt diesen oder jenen Kommentar. Und die Engländer berichten, wie sehr sie sich Mühe gegeben haben, dieses oder jenes Buch zu finden, wie sie vielleicht an ihren Besuchen in englischen Landhäusern nicht erfolgreich gewesen sind, diese oder jene Erstausgabe zu finden. Es ist die Zeit nach dem Krieg, und die Engländerin schickt ihnen Esswaren, während die Leute der Buchhandlung ihr dann eine spezielle Ausgabe eines speziellen Buches als Dank zuschicken. Na ja, es ist ganz hübsch, und offenbar ist kürzlich ein Büchlein herausgekommen, da die Hanff erzählt, wie es war, als sie erstmals nach London gereist war.

Und einmal schickt sie sogar einen Schinken, und macht sich dann als Jüdin Gedanken, ob sie nicht doch besser eine Zunge geschickt hätte.

Ach es wirkt alles so romantisch und alt. Die Leute wählen noch nette Formen, wenn sie einander schreiben und tauschen Höflichkeiten aus. Man hat dieses Bild vor sich, wie ältere Leute in aufgeräumter Kleidung abends unter dem warmen Licht irgendeiner einer hübschen Tischlampe sitzen und mit ihrer Feder und mit echter Tinte einen Brief hinkritzeln. Ach, was waren das schöne Zeiten: das warme Licht, das echt raschelnde Papier, die pechschwarze, nass schimmernde Tinte, das krakelige Kratzen der Feder, der ruhige Fluss der Zeit vielleicht sichtbar am Mond zwischen den Vorhängen, in der das alles vor sich ging in einem mit dunkeln Holz möblierten Zimmer.

Es muss die Zeit gewesen sein, als Menschen noch persönliche Gesichter hatten. Ich meine, sie waren noch Persönlichkeiten mit einer ihnen gemässen Aura, auf die man gehen konnte. Ihr Verhalten war mehr oder weniger vorhersehbar. Ihre Kleider waren zerknittert und grau vielleicht, aber umso mehr haben ihre Gesichter sich zu erkennen gegeben. Ach, das waren noch Zeiten.

Wenn ich mir eine solch antike Buchhandlung vorstelle, dann kommen mir jene in N.Y. in den Sinn. Sie waren zwar nicht alle alt, einige aber altmodisch eingerichtet mit einer schönen Atmosphäre. Eine, The Strand glaube ich, hiess sie, war sehr ungeordnet und übervoll mit Büchern. Die meisten davon waren wohl, was wir ‚modernes Antiquariat’ nennen. Es sind nicht alte, sondern mittelalterliche Bücher, die verbilligt verkauft werden, weil man im Lager Platz braucht. Dort ist die Atmosphäre nicht sonderlich gemütlich, denn es gibt zu viele Leute und zu viele Bücher. Die Kombination von beidem macht eine Enge, die ein bisschen nervös macht.

*

Jetzt bin ich von der Sitzung zurück. Sie war nicht sonderlich ergiebig. Aber ich glaube, der Chef braucht einen Kreis, in dem er gewisse Fragen diskutieren und testen kann. Er sucht noch seinen Weg und er ist abhängig von seinem Team. Ich bin ja nun nicht einer, der sich dort in den Vordergrund drängt. Dazu ist meine Dienststelle zu klein und hat nicht eigentlich staatstragende Bedeutung. Beim alten Chef war ich respektiert, weil er meine Texte schätzte, glaube ich. Der Neue kennt mich noch nicht. Und ich glaube nicht, dass er mit Texten sosehr ansprechbar ist. Er kommt aus den Gewerkschaften. Das sind praktische Menschen, denen es nicht um Schöngeisterei geht, sondern um ungeschminkte, nackte Tatsachen und nicht zuletzt um das Materielle. Na ja, wir werden sehen, jeder hat seine schwache Stelle, seinen Knopf, worauf man drücken muss, damit man zu seiner Sache kommt.

*

Na ja, wenn ich diesen Briefwechsel zwischen Hanff und der Buchhandlung 84 Charing Cross Road höre, so kommt mir auch der unsere in Gedanken auf. Sie dort hatten den Vorteil, dass sie ein vorgegebenes Thema hatten. Die Hanff wollte alte günstige Bücher und der zuständige Mitarbeiter bei Marks & Co gab sich Mühe, sie zu finden. Das ist doch schon eine materielle Basis, die was hergibt. Aber zwischendurch spielt die Hanff mit dem Gedanken, nach London zu fahren und sich alles persönlich anzuschauen. Und offensichtlich hat sie das ja nach dem Krieg auch gemacht.

*

Vielleicht haben wir uns ein bisschen anstecken lassen. Auf jeden Fall stand unser Weekly gestern auch unter dem Thema von ‚merry old England’. Na ja, nicht England, aber jener Zeit. Mit anderen Worten, wir wärmten romantische Erlebnisse unserer Jugend auf. Ich erinnerte mich, dass meine Mutter mich jeweils mitnahm, wenn sie einen Laden aufsuchte, in welchem es vornehmlich Dinge gab, die man zum Nähen brauchte. Vielleicht gab es auch Unterwäsche. Ich weiss es nicht mehr so genau. Aber es war alles ziemlich ordentlich und geregelt. Und genau das war schlimm. Es gab keinen kleinen Stein des Anstosses, wo man hätte zugreifen können. Es gab keine Unregelmässikeit, die doch an sich interessant sind. Auf jeden Fall fand ich diese endlosen Stunden, während der meine Mutter unbekümmert mit der Besitzerin des Ladens plauderte, endlos lang. Es war eine Qual. Eine endlose Qual, um genau zu sein. Es war im Grunde Kindsquälerei. Ich hing meist vor der Ladentüre auf der steinernen Treppe herum und es war dort absolut nichts los. Höchstenfalls hätte ich mir, durch irgend eine gewagte Übung, das Knie aufschlagen können. Und auch im weiteren Umkreis war nichts, was sich hätte für einen kleinen Zeitvertreib anbieten können. Absolut nichts! Es war die veritable Hölle. Und ich habe nie begriffen, wie sich die Frauenwelt in einer solchen Umgebung unterhalten und gar noch gut unterhalten kann. Niemals war das zu begreifen. Ich dachte mir, diese Wesen müssten von einer anderen Welt sein, irgendwie mit anderen Gesetzmässig­keiten und anderen Programmen, die Zeit zu geniessen.

Umso mehr schätzte ich damals meine kleine Freundin, bei der ich bemerkte, dass sie genau dieselben Dinge mochte, die auch ich mag. Wir hingen nach der Schule hinter dem Schulhaus herum, hängten uns an die Turnstangen, plauderten hin und her. Einmal hatte sie mich eingeladen, in einem Motorlastwagen mitzufahren. Ihr Vater führte ein grosses Baugeschäft in Lenzburg. Und ich hatte die Ehre, zwischen Chauffeur und meiner kleinen Freundin auf diesem holperigen und ausgesessenen Sitz zu hocken und über das Armaturenbrett hinunter auf die Welt zu schielen. Es war einfach grossartig. Ich glaube, ich habe eine zeitlang sogar meine Freundin neben mir vergessen. Aber irgendwie genoss auch sie es. So habe ich es in Erinnerung. Entweder war sie stolz, dass ich ihre Welt so sehr bewunderte. Oder sie war erfreut, dass sie mir eine Freude machen konnte. Aber irgendwie war sie hell und fröhlich neben mir. Und natürlich hatte ich die Vorstellung, dass sie jeden Tag mit diesen riesigen Lastwagen in der Welt herum fahren würde. So ein kleines Ding von einem Mädchen mit einem kecken Rossschwanz hatte solch gigantische Maschinen unter Kontrolle!! Ich sag Dir, Marlena, ich war schon schwer beeindruckt.

Ich glaube, das ist es für heute

Ich wünsche Dir einen feinen Tag

Kuss
...

Irgendwie komme ich nicht hinein ins Hotmail. Was ist los mit diesem System? Ist es nicht merkwürdig, wie viele Sorgen und Gedanken man sich heute macht über Dinge, die man nicht mal sieht. Ich meine, wenn ich jetzt schimpfend und fluchend durch die holperigen Strassen von L
wanderte, indem ich mich über Hotmail auslassen würde, dann könnte das hier kein Mensch verstehen. Sie würden denken, ich wäre der Psychiatrischen Klinik entlaufen.

Lass es mich nochmals probieren.

Gruss

Omas und Enkelkinder u.a.


Ämne: Omas und Enkelkinder u.a.
Datum: den 14 november  09:54


Lieber ... ,
Ich sitze hier und schau schon nach einem Mail von dir. Da es Freitag ist, weiss ich, dass es vielleicht erst später kommt.. aber wer weiss..
Heute sieht es etwas grau und neblig aus. Es ist eigentlich schon lange her, dass ich die Sonne gesehen habe. Trotzdem fühle ich mich nicht so müde. Kann ja auch sein wegen der doppelten Nacht. ;-) Oder wirken schon die Lebenselixire, die ich seit ein paar Tagen nehme. Ich kann sie dir wirklich sehr empfehlen, diese Gericomplex. Nur habe ich etwas Angst, dass du dann so viel Energie bekommst, dass du dich nicht mehr mit geträumten Abenteuern begnügen wirst. *s*

Hast du auch dein Mail durchgelesen? Es ist lustig, denn du sprichst auch dort von der besonderen Neugier der Psychologen, genau wie in deinem letzten mail. Doch ich finde dich nie unpassend neugierig. Du bist eigentlich unendlich diskret in allem. Ich dachte immer das ist das typische für Psychologen: dass sie nie etwas sagen und nur ihre Klienten reden lassen. Ungefähr in der Meinung, wenn ich nichts sage, habe ich nichts gesagt.
Gestern habe ich eine kleine Weile Dr.Phil gesehen. Er ist da ganz anders. Er hat seine ganz bestimmten Auffassungen und er sagt sie den Leuten gerade ins Gesicht. Und wie man sehen kann sind sie meist sehr froh darüber. Es kommt mir oft vor, als suchten die Leute eine Auktorität, einen Vater, wenn du willst, der ihnen sagen kann wie sie ihr Problem lösen können und was sie tun müssen. Und er hat einen guten vertrauenerweckenden Einfluss auf sein Publikum. Alles scheint so einfach, so möglich zu verändern. Warum sollte das nicht auch meinen Problemen gelten können. Manchmal bittet er auch nach einer Zeit die Klienten, die er im Studio "behandelt" hat, zurückzukommen um zu erzählen, wie es dann gegangen ist. Ich denke er wählt nur gelungene Fälle dafür.
*
Ja, wenn das elektrische am Auto plötzlich streikt, kann es ziemlich schlimm werden. Ist mir mal passiert, als ich so 10 km von zu Hause war. Alles am Auto war schwarz. Und so bin ich ganz langsam dicht am Strassenrand in der dunklen Nacht nach Hause gefahren. Es war ein wirkliches Abenteuer, besonders an den Strecken wo es absolut keine Strassenbeleuchtung gab. Ich hoffe dein Auto ist wieder OK. Zu dieser Jahreszeit ist es besonders bequem das Auto zu nehmen.
*
Jetzt sind die Bäume hier im Garten entlaubt. Nur der alte Apfelbaum trägt noch eine Menge braune Blätter obwohl schon ein dicker Teppcih davon am Rasen liegt. Die Vöglein scheinen noch zu schlafen. Schön. dass es Freitag ist. Ich brauche ein wenig Zeit für zu Hause.
*
Was du von deiner Grossmutter erzählst, lässt mich an meine Tante denken, die voriges Jahr gestorben ist. Sie hat auch die Verwandschaft zusammengehlaten, indem sie dem einen von dem anderen erzählt hat. Sie war sozusagen die Kommandozentrale. Jetzt weiss ich garnicht mehr, was sich dort in Stockholm bei meinen Kusinen abspielt. Na ja, ich kann mir denken, dass alles so im alten Trab geht genau wie bei mir und wenn was besonderes passiert wäre, gehört es vielleicht zu der Kategorie von Ereignissen, über die man lieber schweigt. Und man darf nicht vergessen: meine Kusinen sind alle Männer. Sie sind schon von Natur aus etwas träge in ihren sozialen Kontakten. Vorurteile?
Ich werde auch wieder einmal nachhören müssen, wie es meinem Brüderchen geht. Er ist ja nun schon Grossvater geworden und ich glaube er nimmt seine Rolle sehr ernst und hat auch einen Riesenspass daran. Anna glaubt manchmal ich wünsche mir bald Enkelkinder, aber so ist es nicht, obwohl ich vernarrt bin in kleine Kinder. Ich bin sehr froh, dass ich damals als Anna klein war zuerst ein extra Jahr zu Hause geblieben bin und dann ein paar Jahre weniger gearbeitet habe. So habe ich ihre Kindheit richtig geniessen können.
*
Nun sende ich dir dies ab, damit du es noch zu deiner zweiten Tasse Kaffee bekommst.
Wünsche dir einen schönen Tag,
Marlena

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Bald wieder Nacht..


Ämne: Bald wieder Nacht..
Datum: den 13 november  22:19

Lieber ... ,
Soll ich dir das nun erzählen? Kann ich es tun ohne ganz unmöglich zu erscheinen? Stell dir vor, ich bin aufgewacht und habe im Dunkeln die Ziffern der Uhr gesehen. 06.45. Ich war noch ganz verschlafen und dachte ich muss wohl runter und Anna guten Morgen sagen, bevor sie zur Uni geht. Und da merke ich, dass ich mich gestern nicht umgezogen habe für die Nacht. Ich habe meine Unterwäsche und ein T-shirt an. Es ist stockdunkel und von unten sehe ich, dass ich das Licht im Küchenfenster nicht ausgeschaltet habe. So gehe ich runter an den PC. Es ist schon (oder erst) 7 Uhr. Wie man es nun sieht. Spät für Anna aber früh für ein Mail von dir. Anna ist leider noch offline, aber von dir liegt schon ein Mail da. Doch es ist von gestern.(?) Ich gucke auf die Uhr am PC und da steht 17.03. Was ist denn los? Ist doch nicht möglich! Ich möchte in die Küche gehen um dort nachzusehen ob es stimmen kann. Aber ich sehe auch so ein, dass ich die Nacht noch vor mir habe. Es ist erst Abend. Anna kommt frühestens in 2 Stunden von der Uni nach Hause. Und draussen ist es pechschwarz. Ganz undurchdringlich schwarz. Ich frage mich, was los ist mit meinem Kopf.
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Ja, du hast recht, Abendsitzungen sind eine ermüdende Sache. Nicht gerade wenn sie stattfinden. Dann ist man doch meistens froh gelaunt aber nachher kommt die Müdigkeit. Ich hoffe doch, dass du es gut überstanden hast. Ich weiss, dass auch meine Kollegen sich eine Weile hinlegen nach der Arbeit und einen kleinen Erfrischungsschlaf machen. Mit Kollegen meine ich Å und G.  Na ja, sie sind beide Junggesellen, obwohl G  ja schon zum dritten mal eine Ehe mit seiner ersten Frau eingegangen ist. Wirklich ein ungewöhnliches Paar. Ich kenne seine Frau von damals als wir noch jung waren. Teils habe ich sie bei einem Fest in der Schule gesehen aber einmal war ich auch bei ihnen zu Hause eingeladen. Und noch heute, nach vielen Jahren fühle ich mich sehr bekannt mit ihr. Manchmal höre ich wie G mit ihr spricht am Telefon und ich frage mich, wie sie mit diesem Mann wieder zusammenziehen konnte. Er klingt so sauer und irritiert. Und wenn sie anruft und ich den Hörer abnehme weil G im Moment vielleicht in einem Klassenzimmer steht, dann versuche ich immer sehr nett und freundlich zu sein, weil sie mir irgendwie leid tut und weil wir ja beide das Los teilen, in seiner Nähe leben zu müssen. ;-)
Å dagegen ist wie ein Sonnenschein. Er ist ein so äusserst synpathischer Mensch und deshalb auch bei allen Leuten beliebt. Wenn ich mich manchmal betrübt oder unglücklich fühle, dann setzen wir uns hin und trinken einen Kaffee und sprechen über unsere Hoffnungen und Ängste im Leben. Er geht nächsten Herbst in Rente und heute haben wir darüber gesprochen, was man dann mit seinem Leben anfangen wird. Er braucht ja dann eigentlich nicht mehr hier zu wohnen, sondern könnte zu seiner Jugendliebe in seine Heimat oben im Norden ziehen. Sie hat ein schönes Haus dort an einem See gelegen und ich verstehe nicht warum er hier bleiben sollte allein in seiner Villa. Aber er weiss noch nicht.
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Gestern war K an einem Fest mit Kollegen. Weiss nicht genau was sie diesmal gefeiert haben, nur dass eben zwei von den männlichen Kollegen unbedingt auf dem Heimweg eine kleine Flüssigkeitskontrolle bei K einlegen mussten. Und da er eine Whiskyflasche dort hatte sind sie immer fröhlicher und lauter geworden und haben um zwei Uhr Nachts bei ihrem Abzug noch alle Nachbarn geweckt . K wohnt im 8. Stock eines 9-stöckigen Hauses. Vom Fenster konnte er sehen, wie dann der eine nach einer wackeligen Slalomfahrt vom Rad gestürzt ist. Heute kam er, dieser sonst so vornehme Herr ungefähr in deinem Alter, hinkend und verwundet zur Arbeit. Und dabei meinten sie noch, dass es ein Glück war, dass er so betrunken war, weil er sich sonst erschlagen hätte. Du siehst, sie benehmen sich wie junge Studenten. Was soll man dazu sagen? Die Schweden haben eben kein natürliches Verhältnis zum Alkohol.
Übrigens spricht man jetzt viel von der Korruption in "Systembolaget", unser staatliches Alkoholmonopol. Hohe Chefs, aber auch Angestellte, haben sich bestechen lassen von ausländischen Lieferanten. Göran Perssons Freundin ist höchste Chefin bei Systembolaget, aber natürlich hat sie nichts von diesen Dingen gewusst.
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"Sie können ganz unmöglich sein manchmal, die Psychologen", schreibst du. Wie einsichtsvoll! ;-) Und wenn du so mit Walther vertraulich spricht, dann merkt er sicher, dass du irgendwelche Geheimnisse vor ihm hast. Falls er nicht informiert ist. Ich würde ihm sogar zutrauen, dass er dein Password hat und deine Mails lesen kann. Hast du es jemals geändert? Am Anfang hat er doch von unserer Mailerei gewusst. Fragt er denn nicht ob die immer noch am Leben ist?
Schade, dass du nicht sagst welches Mail es war. So muss ich weiter befürchten, dass ich dich vielleicht blamiert habe, indem ich zu vertraulich war. Aber meistens schreibe ich doch so, dass nur du meine Liebe zwischen den Zeilen sehen kannst, oder? ;-)
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Jetzt bin ich fast wach geworden.. *s* Es ist schrecklich. Ich muss 2½ Stunden geschlafen haben und wollte mich doch sicher nur ein wenig ausruhen nach der Arbeit. Anna ist immer noch nicht zu Hause. Man muss wirklich stark sein um ein so hartes Programm zu bemeistern. Rein körperlich meine ich auch.
Jetzt kam sie gerade nach Hause. Sie haben einen neuen im Korridor. Einen Italiener namens Piero. Er hat eine gute Eigenschaft: Er spricht italienisch.. ;-)
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In dem Film über Schweden hast du sicher Südschweden gesehen. Es ist ganz platt. Und durch die platte Landschaft winden sich kleine Landstrassen. Ich bin mal an einem frühen Junimorgen mit dem Auto durch diese Landschaft gefahren, auf dem Weg zur Fähre in Trelleborg. Ich wollte einen Kurs in Hamburg besuchen. Links und rechts stand die Saat hoch und am Strassenrand blühten Mohnblumen und und Kornblumen. Der Sommerhimmel war herrlich blau und ab und zu sah man in der Ferne, oft auf kleinen Höhen, vereinzelte Bauernhäuser. Sie bestehen oft aus mehreren Häusern, die um einen Hof liegen. Skånelänga nennt man sie. Du weisst Schweden hat sehr unterschiedliche Natur und wenn du meinst dass es oben im Norden karg ist, so ist das nur teilweise richtig. Ich sehe ja meistens die schönen Flusstäler und die Küste. Dann gibt es natürlich auch unendliche Waldgebiete.
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Spazierengehen ist gut für den Menschen. Für den Körper sowohl wie die Seele. Ja, es wäre schön mit dir Spaziergänge zu machen. Wir würden uns wunderbar dabei unterhalten. Und ab und zu würde ich dich umarmen ...  nur so, weil ich eben Lust dazu hätte. Du würdest auch nicht unberührt davon sein. Nein, wirklich nicht. Aber wir müssen uns eben begnügen mit Träumen und Mails. Das ist auch schön obwohl ...
Hast du den Briefwechsel gelesen, von dem du mir erzählt hast? Ist es interessant? Erzähl mir davon.
Ich musste gestern ein wenig Platz machen in der mailbox und so habe ich Fotos aus einigen mails herausgenommen und auf den PC gelegt. Dabei habe ich eins gefunden, über 20 K gross und ich war erstaunt, dass es nur Text war. Ein wunderschönes langes Mail, in dem du mich zu trösten versuchst, weil ich nicht das "Familienglück" gefunden habe, von dem ich in meiner Jugend geträumt hatte. Es ist so schön geschrieben, dass es auch jedem anderen Menschen Trost schenken würde. Willst du es noch einmal sehen? Ich glaube es ist im Sommer 2000 geschrieben. Damals hast du mich noch kein halbes Jahr gekannt und vielleicht war ich noch eine Traumgestalt, eine Konstruktion in deinem Kopf, die du dir selbst geschaffen hattest. Ich glaube ich schicke es dir gleich. Du musst es ja nicht lesen, wenn du nicht magst.
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Jetzt ist es bereits 21.00 Uhr. Werde noch ein wenig hier ausrichten und dann nochmals schlafen. Zwei Nächte an einem Tag... nicht schlecht.. :-))

Grüsse dich lieb, mein wunderbarer Mausfreund,
Marlena

Feierabendmail


den 13 november 17:07
Feierabendmail

Liebe Marlena

Heute abend habe ich noch eine Sitzung. Sie beginnt erst um 17h. Das hasse ich. Früher hat mir dies nichts ausgemacht, aber heute gehe ich gerne rechtzeitig heim, um mein Kaffeelein und mein Schläfchen zu nehmen. Alles andere Stört meine Kreise!

Morgens war ziemlich regnerisch. Und weil bei unserem Auto die Elektronik spukt, hatte ich keinen Scheibenwischer und keinen Winker. Es ist ziemlich abenteuerlich, so in der Landschaft herumzufahren. Man würde nicht mal merken, wenn man einen Passanten überfährt. Es sieht ja alles aus wie hinter der verglasten Badezimmertüre. So bin ich ziemlich vorsichtig gefahren und habe dann S. angerufen, das Auto in die Garage zu bringen. Ich selbst bin mit der Eisenbahn nach Basel gefahren. Das mache ich ja nicht ungern. Aber es braucht seine Zeit.

Kürzlich hast Du mich sogar mehrmals gefragt, welches Mail denn die Sekretärin gebracht und ev. eingesehen hätte. Ich weiss es nicht mehr. Ich habe das auch nicht kontrolliert. In solchen Dingen schliesse ich die Augen und gehe blind durch die ganze Suppe. Ich bin mir aber sicher, dass sie es nicht gelesen hat. Sie ist sehr vertrauenswürdig. Und auch sehr strikt. Da kann ich meine Hand ins Feuer legen. Bei Walter, der auch sagt, er sei diskret, wäre ich mir nicht so sicher. Er würde es lesen. Aber er würde es nicht ausnutzen. Das dann doch wieder nicht. Aber er ist ziemlich neugierig. Wie die meisten Psychologen. Manchmal denke ich, sie sind indiskret, weil sie es gewohnt sind, in den privaten Dingen der Menschen und ihren Lebensum­ständen herumzukramen. Sie fragen Dinge, die andere niemals fragen würden. Sie schauen dich von unten bis oben an. Und sie machen sich ihre Überlegungen, hängen dir irgendwelche Absichten und Motive an, die mehr in ihrer als in deiner Brust gewachsen sind. Sie können ganz unmöglich sein, die Psychologen. Das lass Dir gesagt sein, Marlena.

Weshalb wohnst Du nicht irgendwo hier in der Nähe. Ich würde fürs Leben gerne mal mit Dir einen Spaziergang machen, irgendwo in einer kleinen Conditorei eine Schokolade (wie sittsam, mit S c h o k o l a d e !!) trinken, Dir ein paar Minuten ins Gesicht schauen, ein paar süsse Scherze machen, um dann wieder im Karussell der Pflichten loszutraben. Ach, das wäre doch aufregend. Weshalb denn gleich so hoch im Norden? Ich meine, irgendwo hier in der Nähe wäre doch auch ganz nett. Gut, das Meer wäre vielleicht ein bisschen weit weg. Im Film aus Schweden, den ich kürzlich gesehen habe, haben mich die weiten wilden Strände beeindruckt. Die sind wunderbar. Aber man hat sie vom Flugzeug im Tiefflug gesehen, nicht von den Beinen eines langsamen Spaziergängers, wie wir es dann wären. Und auch das Flache Land mit den langen Alleen beidseits des Weges war sehr schön. Es müsste ja alles nicht gleich so wild sein, so verboten und leidenschaftlich, sondern ganz gemütlich und bloss ein bisschen erotisch. Nur eine Messerspitze Erotik. Das wäre doch schon genug. Aber hier im Netz ist sowenig davon! Ich meine von den Klängen und den Farben und den Rhythmen.

Na ja, vielleicht muss ich mich damit begnügen, in die Wolken zu sehen und meinen Gedanken nachzuhängen.

Ich wünsche Dir einen wundervollen Abend ohne Sitzung.
Mit lieben Grüssen
...

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Re: Spät... wie so oft..


den 13 november  09:22
Re: Spät... wie so oft..


Liebe Marlena

Ich wünsche Dir viel Glück im Kampf gegen die Grippe. Ich habe letzte Woche ein 5-Set-Spiel gegen sie gewonnen. Es war ziemlich knapp, sozusagen im Tiebreak. Ungefähr so, wie Federer gegen Nalbandian gewinnt. Gestern abend haben wir einen Teil des Spiels am Fernsehen gesehen. Es war das erste Mal, dass Federer gegen seinen Angstgegner gewonnen hat. Und es schien alles so leicht.

Du weißt, dass Federer ganz hier in der Nähe gewohnt hatte. Nach dem Sieg in Wimbledon hat ihm mein neuer Chef (er ist verantwortlich für die Bereiche Bildung, Kultur und Sport) gratuliert und einen grossen Empfang veranstaltet. Und ein paar Tage später hat Federer an den Medien mitgeteilt, dass er in den Kanton Schwyz oder Zug (ich weiss nicht mehr genau) umziehen werde. Das kommt daher, dass nicht alle Schweizer Kantone denselben Steuerfuss haben. Und um Geld zu sparen, suchen sich die Reichen den billigsten aus. Der Kanton Schwyz, eigentlich ein eher strukturarmer und gebirgiger Kanton, ist dafür spezialisiert. Und die anderen sind darüber ziemlich neidisch.

*

Ich kenne Schopenhauer schon ein bisschen. Er war einer von denen, die im Gymnasium vom Philosophielehrer verteufelt worden war. Aber er war ziemlich reich und konnte als Privatier leben und seinen philosophischen Studien nachgehen. Aber wenn man sich seinen Kopf ansieht, dann denkt man schon, dass er ziemlich kleinlich war. Na ja, die meisten Philosophen sind so, denn sie hantieren ja in der meisten Zeit mit Umlauten, mit Kommas und Punkten;--) Es gibt viele Anekdoten und Witze über Kant, der ein ähnlich pedantischer Typ war. Er war sein Leben lang nie aus Königsberg herausgekommen. Und die Menschen der Stadt sollen nach ihm die Uhr gestellt haben, denn pünktlich nahm er jeden Tag seinen Spaziergang unter die Füsse. Aber er hat meist mit Bekannten gespeist und dabei diskutiert. Diese Situation stelle ich mir doch schon ziemlich gemütlich und genussreich vor.

*

Heute habe ich Probleme mit dem Auto. Das Elektrische funktioniert nicht richtig. Ich habe keinen Scheibenwischer und keinen Winker. Und das ist doch ziemlich gefährlich an einem solchen düsteren Regentag. S. kommt jetzt und bringt ihn zur Garage. Ich will nicht mein Leben riskieren. Aber ich verliere so auch ein bisschen zuviel Zeit. Ich muss zusehen, wie ich heute durch mein Programm komme.

*

Na ja, die Diskussion am Radio war ganz passabel. Mindestens habe ich einmal ein Studio erlebt und gesehen, wie so was abläuft. Die Journalistin war sehr gut und hat das alles gut geleitet. Sie ist Spanierin, aber hier in der Schweiz aufgewachsen. Deshalb lag ihr auch der multikulturelle Aspekt vor allem am Herzen. Aber im allgemeinen bin ich in solch neuen Situationen und Umständen abgelenkt und komme gar nicht richtig zu meinen Überlegungen und Haltung. Ich habe mir zwar Notizen gemacht, in der Art des Mind Map. Das ist sehr nützlich und eine gute Stütze. Gut vor allem deshalb, weil man überall einsteigen kann. Und seit der letzten Podiumsdiskussion habe ich auch gewusst, dass eine Podiumsdiskussion keine echte Diskussion ist. Man sollte sich bloss einige Voten vorbereiten, die man dann irgendwo in der Diskussion platziert. Und das sollten nicht zu viele sein. Vielleicht 5 wichtige Dinge, die man sagen will. Und immer wieder sollte man in Richtung dieser Aussagen kommen, so dass man sie wiederholen kann. Nur so wird man von den Radionhörern wirklich gehört, denn sie liegen ja noch im Bett, sind auf der Fahrt ins Büro oder sitzen im Büro bei der ersten Tasse Kaffee. Sie sind nicht wirklich aufmerksam. Und deshalb kommt man nur an sie heran, indem man dasselbe 5 mal in jeweils ein bisschen anderen Worten sagt. Man will ja in der Oeffentlichkeit viel zu differenziert reden. Aber eigentlich sollte man nur die einfachsten und die plausibelsten Dinge sagen. Nun ja, manchmal findet man die einfachsten Dinge erst am Ende einer langen Diskussion.

Ich bin ganz froh, dass Du mich nicht gehört hast. Ich will mich zuerst selbst hören, um dann das Band zu „autorisieren“, wie Du es mit Deinem Foto gemacht hast.

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Die schwedische Sonnenscheingeschichte ist sehr schön. Sie ist wie ein Traum. In Träumen erlebt man gelegentlich solche oder ähnliche Dinge. Und es ist das Ziel unseres Lebens, dass wir unsere Träume verwirklichen. Dass die Enkel den Grosseltern am nächsten stehen, ist kein Wunder. Das kann man immer wieder sehen. Und es ist schön, das zu bemerken. Es schliesst einen grossen Kreis. Vielleicht bin ich deshalb mit meiner Grossmutter ganz gut ausgekommen. Und mein Vetter ebenfalls, der auch der ältere von zwei Brüdern ist und eine ältere Schwester hat. Aber meine Schwester hatte vor nicht zu langer Zeit eine eher etwas giftige Aussage gegen mein Grossmütterchen gemacht. Sie sagte, sie hätte ihr immer erzählt, was ihre Kusine mache, oder wie sie etwas mache. Ich hatte diese Berichte nie als Rivalitäten erlebt. Ich wusste, dass meine Grossmutter ein Jahr beim Bruder meines Vaters zu Weihnachten war, das andere bei uns. Und dann hat sie jeweils von den andern erzählt. Sie hat vielleicht versucht, ihre Familie ein bisschen beisammen zu behalten?

*

Jetzt muss ich los.

Ich wünsche Dir einen guten Tag.

Mit allerliebsten Grüssen
...

Spät... wie so oft.. .( 00:25)


Ämne: Spät... wie so oft..
Datum: den 13 november  00:25


Liebster Mausfreund,
Ach wie bist du spassig. Ich habe wieder sehr über deine lustigen Einfälle geschmunzelt. Verstehe schon, dass es dir lieb wäre, wenn du den lieben Herrgott spielen könntest. Deine Ideen sind sehr wild und trotzdem muss ich dir verraten, dass ich auch an eine solche Site gedacht habe. Vielleicht nicht so ausführlich und detailliert wie du, aber deine Fantasie gefällt mir.
Wenn ich es richtig bedenke, so glaube ich doch nicht, dass ich unsere Mauspartnerschaft dort registrieren möchte. Sie soll frei sein. Nichts darf sie irgendwie einzwängen. Das ist das Schöne an ihr. Sie soll Flügel haben und wie die Tauben nach Venedig fliegen können (um dann wieder zurückzukehren ;-)).
*
Du willst über Schopenhauer lesen und ich glaube du wirst vielleicht überrascht sein. Er war anscheinend nicht so wie man vermuten könnte. Wie so viele, hat er nicht gelebt, wie er gelehrt hat. Es gibt mehrere grosse Künstler, Philosophen und Komponisten, die als Menschen ziemlich "klein" waren. Oder gibt es "kleinlich"? Von denen man nie vermutet hätte, dass sie so grosse Dinge zustande bringen könnten. Hast du übrigens schon einmal den Film über Mozart gesehen? Ich glaube er heisst "Amadeus". Wenn nicht, dann solltest du dir wirklich die Zeit dafür nehmen. Er ist sehr sehenswert.
*
Ich versuche eine beginnende (?) Grippe mit heissem Tee zu kurieren. War am Nachmittag bei Lidl ein wenig Obst und Gemüse einkaufen. Es kostet dort die Hälfte oder sogar 1/4 von den Preisen, die wir gewöhnt sind. Aber sonst ist das Geschäft nicht mehr so wohl besucht. Vielleicht, weil sich jetzt alle anderen anstrengen ihre Kunden zu behalten.
*
Ich hätte dich so gern im Radio gehört. Und ich bin überzeugt davon, dass du das gut gemacht hast. Natürlich verstehe ich, dass man ohne Mikrofon ganz anders reden kann. Warum eigentlich tut man es nicht immer? Warum sagt man nicht unverblümt die Wahrheit? Wir sind eigentlich eine sehr verlogene Generation.
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Im Irak passieren immer wieder Terrorattacke. Es ist schrecklich. Diese Italiener, die doch wirklich nur Gutes dort getan haben und die armen Irakier. Die USA hat sich in eine schwierige Situation versetzt. Sie können doch auch nicht abhauen. Was passiert dann mit den Menschen dort?
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Heute früh hatte ich Eis an den Autoscheiben. Es wird langsam Winter. Ich warte auf den 1. Dezember, wenn man überall die leuchtenden Sterne aufhängt und alle Leuchter in die Fenster stellt. Dann sieht es schön aus und man vergisst die grosse Finsternis. Aber bis dahin sind es noch, ach ich sehe gerade, bald nur 2 Wochen. Dann geht die Zeit immer sehr schnell. Man möchte sie fast festhalten.
*
Ich habe vorhin ein Programm gesehen über ein altes Paar, die als 20/24-jährige in einander verliebt waren (es war 1938 und sie studierten beide in Uppsala) und die sich dann 60 Jahre lang nicht mehr gesehen hatten. Jeder hatte sein eigenens Leben gelebt, viele Kinder und Enkelkinder bekommen und nun, wo sie fast 90 sind (beide verwitwet) haben sie sich wiedergesehen und in einander verliebt. Du hättest die Reaktion der Verwandten sehen sollen. Aber nichts konnte die beiden von ihrer Liebe abbringen und schliesslich haben sie geheiratet und man hat gesehen, wie sie in das Leben des anderen eingezogen sind. Sie war Ärztin gewesen und er hatte irgendeinen hohen Posten im öffentlichen Leben gehabt. Und die ganze Welt hat sich gewundert, wie man sich in dem Alter so verrückt verlieben kann. Schön zu sehen war die Reaktion der ganz jungen Enkelkinder (Urenkel?). Sie hatten grosses Verständnis für die Liebe der beiden. Ach, es war eine wirkliche "Sonnescheingeschichte" wie wir sagen.
*
Es ist spät geworden und ich muss ins Bett. Ich grüsse dich lieb
und wünsche dir einen schönen Tag,
Marlena

Dienstag, 22. Oktober 2013

Re: Morgenmail


Ämne: In der Dämmerung..
Datum: den 11 november  17:12

Lieber ...,

Na, siehst du.. es hat doch geklappt. Es gehörte zu meinem etwas kurzen und trockenen Glückwunsch im mail und es hat mir gefallen, denn ich glaube wirklich, dass wir uns immer näher kommen und vertrauter werden. Es ist schön, einem Menschen so nahe zu kommen. Und was diese heissen Schwüre betrifft so weisst du, dass ich jederzeit bereit wäre dir ewige Maustreue zu schwören.

Eigentlich sollte es eine Stelle geben, wo man seine Mauspartnerschaft registrieren könnte. So wie man bei uns die Homos registrieren kann. Aber natürlich wäre es etwas kompliziert, wenn der RL-partner entdeckt, dass man Bigamie betreibt. Ich denke es gibt nicht allzu viele Ehen, wo man einander so viel erzählt hat, wie wir es in den vergangenen (fast) vier Jahren getan haben. Und trotzdem bist du mir irgendwie fremd..
Es gehört wohl auch zu einem Mausleben.
*
Wir sind ein kleines Land, was die Einwohneranzahl betrifft. Kaum 9 Millionen. So kennen wir unsere "kändisar" (bekannte Leute) und es gibt viele, die man bewundern muss. Ich glaube, dass es diese Leute des öffentlichen Lebens nicht allzu leicht haben heutzutage. Sie sind überall bewacht und können auch jederzeit von allen Menschen erreicht werden. Es gibt fast kein Programm mehr im Radio, bei dem du nicht nachher eine e-mailadresse bekommst, wo du deine Ansicht über das gehörte sagen kannst, über das du "deine Galle speien kannst" wie man bei uns sagt. Du kannst dir ja vorstellen, was da alles zusammenkommt. So gibt es auch immer weniger Menschen, die Politiker werden wollen.
*
Ja, deine Tauben.. :-) Ich sehe gerade lauter kleine Vöglein im Kirsch- und im Pflaumenbaum hier vor dem Fenster. Sie hüpfen so munter hin und her zwischen den Zweigen und strahlen Kraft und Freude aus. Es ist schön, wenn es beginnt zu dämmern. Der Himmel ist noch etwas blau- und rosafarbig.. und der Rasen leuchtet stark grün. Ich geniesse den Anblick. Ich glaube überhaupt, dass ich das Leben am meisten mit den Augen geniesse.
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Möchtest du mir nicht verraten, welchen Brief deine Sekretärin gesehen hat? Ich möchte doch wissen ob ich mich schämen muss, weil ich zu persönlich geschrieben habe. Sicher kannst du ihr ansehen ob sie gelesen hat oder nicht.. und ausserdem ist es vielleicht dieselbe Person die mal triumphierend einen geöffneten Brief in dein Zimmer getragen hat. Ach Ruedi, denk an deinen Ruf.. ;-)
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Ich habe dieses Jahr zwei schwarze Schüler in einer Klasse. Das Mädchen wohnt hier mit ihren Eltern und der junge Mann ist als alleinstehender hierher geflüchtet und hat scheinbar schon Erlaubnis hier zu bleiben. Die meisten Asylsuchenden haben grosse Schwierigkeiten mit der Sprache, aber diese beiden sprechen schon ausgezeichnet Schwedisch und haben beide Französisch als Muttersprache. So lasse ich sie den Kurs schneller beenden. Ich hoffe, dass sie im Juni (nach zwei Semestern) schon alle 5 Semester absolvieren können. Es macht Spass, sich mit ihnen zu unterhalten nach der Stunde. Man hat nicht allzu viel Möglichkeit mit jemanden Französisch zu sprechen.
*
Heute habe ich mir Keso gekauft. (Quark auf deutsch?) Es soll viel protein enthalten und doch ziemlich mager sein. Du siehst, ich will ein gesünderes Leben beginnen. Doch habe ich in der Kantine gebratenen Speck gegessen. Das schmeckt so wunderbar, dass ich nicht widerstehen kann. Konnten die anderen auch nicht. Und wir haben wieder gelacht.. ich glaube wir brauchen es. Man fühlt sich sehr wohl nach einer Mahlzeit in der Kantine.
Von der Post habe ich mir ein Paket mit Lebenselixiren abgeholt. Gerikomplex und Ginsana. Das frühere kennst du schon und Ginsana ist ein Getränk, das viel Ginseng enthält. Und dann war da noch ein chinesisches "Wundermittel". Alles zusammen hat wohl ungefähr so viel gekostet wie eine Flasche Whisky. Natürlich merkt man den Effekt nicht so schnell.. aber falls ich bald unerträglich munter werde.. dann weisst du warum. ;-))

So, ich lasse dich wieder, mein lieber Mausfreund. Jetzt fühle ich mich ganz zufrieden mit dem Dasein und werde mich über mein RL hermachen.

Ich wünsche dir einen schönen Abend.
Je t'embrasse,
Marlena