Samstag, 26. Oktober 2013
Dein Bruderherz
den 16 november 20:06
Re: Dein bruderherz
Liebe Marlena
Stockdunkel ist es draussen, und doch erst ungefähr 18.00h am Sonntag Abend. Das erinnert mich an das Mail, das Du mir kürzlich geschrieben hast. Aber das macht es doch auch sehr gemütlich zuhause. Ich bin zwar noch im Büro. A ist gekommen, um einige Dinge zu kopieren und aus dem Netz herunter zu laden. Wir haben ein bisschen geplaudert. Ich glaube, sie hat es ziemlich streng im Moment. Ungefähr so wie Anna, scheint mir. Aber das ist gut so. Man ist in diesem Alter so sehr lernfähig, dass man die Zeit nicht verstreichen lassen sollte.
Hingegen sollten wir es doch ein bisschen gemütlicher nehmen können. Immerhin ist unser Wissen angereichert mit viel Lebenserfahrung. Und das macht es zu purem Gold. Die Welt sollte doch endlich erkennen, dass wir reinstes Gold anzubieten haben.
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Ich habe während Stunden versucht, einige Fotos zu scannern. Aber es ist zum Verzweifeln. Ich schaffe es nicht wirklich so, wie ich es möchte. Ich muss mich ein bisschen vorbereiten für den Vortrag, den ich im Club machen werde. Ich möchte dazu Powerpoint verwenden, aber davon habe ich noch keine blasse Ahnung. Erst mal sammle ich jetzt Bilder und ich will sie in digitale Form bringen. Und eben das gelingt mir noch nicht wirklich. Die junge Fremdenführerin von Isfahan hat mir zwar eine Internet Adresse angegeben, wo ich viele Fotos von Isfahan finde. Aber die Fotos sind oft nicht so gut. Es ist der einheimische Blick. Ich suche den des Touristen. Soll ich Dir die Adresse schicken. Vielleicht möchtest Du auch eine Prise von diesem schönen Isfahan nehmen.
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Ich glaube ich habe Dir erzählt von der CD, die mir meine Mutter zum Geburtstag geschenkt hat. Ich höre sie oft, wenn ich hier am PC sitze. Sie ist so romantisch und hübsch, dass man sich geradezu an Mrs Dalloway erinnert. Es ist eine anrührende Hymne an die Freundschaft. Die Autorin, Helene Hanff an der 14 East 95th Street N.Y., ist eine junge Jüdin, die beim Buchantiquariat Marks & Co in London, Charing Cross Road 84 seltene Gedichte, Erstausgaben und so nebenbei das Rezept für Yorkshire Pudding bestellt. Der Ton ist sehr anregend. Die New Yorkerin gebärdet sich ein bisschen ‚rempelig’, dh. jugendlich burschikos, aber mit viel Ironie. Und die Engländer, auf der anderen Seite des Ozeans, sind überaus korrekt und höflich und formulieren ihre Antworten mit dieser stoischen Korrektheit, die mich immer wieder berührt. Es wird deutlich, dass sie noch unter dem Krieg zu leiden haben. Offenbar ist im England der 50er Jahre Fleisch Mangelware. Einmal schickt die Amerikanerin sogar einen Schinken und Eier, und die Briten sind darüber begeistert. Mittlerweile nimmt der gesamte Buchladen an dieser Korrespondenz teil. Das Buch heisst „84, Charing Cross Road“ (1970 herausgekommen) und ist offenbar mit Anthony Hopkins und Anne Bancroft verfilmt worden. Du kennst Hopkins? Er hat genau diese Melancholie im Gesicht, die es für einen älteren Antiquar braucht. Ich nehme doch sehr wohl an, dass er diese Rolle innehat.
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Wenn ich von dieser CD erzähle, erinnere ich mich, dass ich mich einmal in eine Romanfigur ziemlich handfest verliebt habe. Ist Dir das auch schon passiert? Und ich war nicht zu jung dabei. Die Figur war ein Mädchen, vielleicht 14 oder 16 Jahre, eine Londonerin, die mit Blazer und tadellosen Manieren noch zur Schule ging. Ich schrieb eine Rezension über das Buch und ich bemerkte, wie sehr ich diese Figur mochte. Na ja, es war nicht wirklich Liebe, sondern viel mehr eine väterliche Fürsorge vielleicht. Aber eins ist sicher, ich war sehr schwach geworden. Ich hätte sie umarmen können. Ich muss mal sehen, ob ich das Buch wieder finde unter den vielen Jugendbüchern, die bei mir herumliegen. Ich weiss auch nicht mehr, wie sie hiess. Aber irgendwie hatte ich ziemlich klare Vorstellungen, wie sie ausgesehen haben musste. Und sie spielte eine tapfere und sehr aufrechte Rolle in diesem Roman. Das hat mir überaus gut gefallen. Ach, vielleicht treffe ich sie wieder einmal und per Zufall in meinem riesigen Chaos von Büchern.
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Gestern Abend hat man am deutschen Fernsehen einen Rückblick gezeigt. Im Wesentlichen ging es um einen Journalisten, den ich ziemlich schätze. Und offenbar war er als Korrespondent zur Zeit Kennedys in Amerika. Sie zeigten jene Tagesschau Ausschnitte und Rückblenden aus jenen vergangenen Tagen. Das war eine ungeheure Zeit des Aufbruchs. Ich erinnere mich, wie nach der Mondlandung unser Französisch Lehrer in die Klasse kam und den Satz in den Raum goss: dies sei „der Sieg des Menschen über die Materie“. Na ja, ich verstand nicht so genau, was ein Sieg des Menschen über die Materie eigentlich war, aber es klang grossartig. Es klang danach, dass wir auf dem Höhepunkt der Zeit lebten. Es klang danach, dass jetzt, in diesem Moment, Geschichte geschrieben würde. Es klang danach, dass wir Zeitgenossen der besten Zeit wären. Wir waren stolz, ohne so genau zu wissen, weshalb. Es war eine grossartige Zeit.
Ich glaube, jene Kennedy-Zeit hatte eine enorme Aura. Am Fernsehen gestern Abend konnte man jenen Soerensen sehen, der für die Reden Kennedys verantwortlich war. Er muss vom Blut her ein Skandinavier sein. Er hat die berühmte Berliner Rede geschrieben. Und auch die Inaugurationsrede, die uns so sehr beeindruckt hatte. Und die Rede in Köln. Und man konnte Bob Kennedy sehen, von dem die Leute sagten, dass ich ihm ähnlich sehe. War er nicht ein toller Typ? Ich glaube, er war etwas kompliziert im Charakter, und etwas idealistisch. Und Kennedys Vater soll gesagt haben, er hätte für die Wahl seines Sohnes soviel Geld ausgegeben, dass er auch seinen Chauffeur zum Präsidenten hätte machen können! Hast Du schon so was gehört? Das waren bestimmt auch schon damals verkommene Zeiten !!
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Ich habe in den letzten Tagen eine Biographie Hemingways gelesen. Vielleicht staunst Du darüber? Ich hatte im Geheimen immer den Eindruck, Hemingway sei ein Idol der Generation meines Vaters gewesen. Ungefähr so wie Gershwin. Vor etwa 10 Jahren hatte ich meinem Vater ein Tagebuch Hemingways geschenkt, genau aus diesem Grund. Er hat mir sogar berichtet, dass er daran lese, denn er war schon alt zu jener Zeit. Und in Spanien hatte ich mich mit Hemingway beschäftigt, im Zusammenhang mit dem spanischen Stierkampf und mit dem Bürgerkrieg. In Spanien nennt man ihn immer noch Papa. Nun ja, Hemingway war sehr früh sehr bekannt. Aber er war gewissermassen eine tragische Figur. Das hatte ich nicht gewusst. Sein Machismo und seine robuste Erscheinung waren mehr ein Produkt der Medien als wirkliche Wirklichkeit. Seine Mama hatte ihn bis 7 in Mädchenkleidern aufgezogen, zusammen mit seiner älteren Schwester. Ach, er muss ein ziemlich unglücklicher Mensch gewesen sein, obwohl er das auf den Fotos nicht so darstellt. Er hat eine Rolle gespielt. Und er hat damit gutes Geld verdient. 4 Ehen, einige Hirnerschütterungen, viele Reisen, noch mehr beinahe Kriegsverletzungen, er soll motorisch ziemlich ungeschickt gewesen und offenbar immer wieder über die eigenen Füsse gestolpert sein. Ach, der arme Kerl! Und ich hatte immer den Eindruck, das wäre noch ein Mann alten Stils gewesen, so wie wir als Jungen gewünscht hatten, einmal zu werden. So schnell fahren die Illusionen dahin!
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Ist das nicht ein merkwürdiges Mail? Ich kann Dir auch nicht erklären, wie so was zustande kommt. Aber man kann nicht alles erklären in diesem Leben. Nicht wahr?
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Ich wünsche Dir eine gute Woche und ich küsse Dich, meine ferne Geliebte.
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