Subject: Ondskan
Date: Sun, 02 Nov 2003 20:49:35 +0100
Liebster Mausfreund,
Dein zuckersüsser Halloweenkuss war gerade was ich gebraucht habe an diesem dunklen Tag. Ich hoffe du hast ihn auch genossen.
Aber nun rasch zu deinem Mail. Deine Logik ist umwerfend! Ich fühle mich geschlagen. Du kannst bis 3000 zählen, aber nicht bis 3? Und wie du das ganze drehst - machst du das immer so? Wie reagieren deine Mitmenschen darauf?
Nein, ich will doch wirklich nicht streiten. Wieso sollte ich? Nicht einmal im RL tue ich das, wenn es zu vermeiden ist. Und das ist es meistens. Ich bin auch durchaus zufrieden mit unserer Mailerei. Genau wie du glaube ich, dass es ziemlich langweilig werden könnte wenn man immer nur auf Dinge im Mail des anderen reagieren und nie was neues hinzufügen würde. Und du bist sehr klug. Das denke ich oft. Ich glaube auch, dass Herz und Verstand bei dir enger verbunden sind als bei mir. Bei mir streiten die beiden zeitweise ziemlich wild - wobei dann immer am Ende der Kopf gewinnt und das Herz leidet..
Findest du das komisch?
*
Ja, ich mache dir Komplimente. Eigentlich brauchte ich dir nicht zu sagen wie gut du schreibst. Das weisst du natürlich. Und ich frage mich sogar ob es nicht eher schwer ist, das immer wieder zu hören. Ich denke dabei an damals in meiner Jugend. Ich konnte singen und immer wieder musste ich auftreten. Zuerst zu Hause vor den Gästen, bei grösseren Festlichkeiten. Dann immer in der Schule, wenn irgendein Auftritt war. Habe ich dir mal erzählt, wie ich "Oh mein Papa" gesungen habe, sodass die Schüler fast geweint haben. Stell dir das vor, 14-15-jährige Buben, die so reagieren. Es war ein herrliches Gefühl Menschen verzaubern zu können. Und auch in dem staatlichen Amt, wo ich später gearbeitet habe, habe ich zu Lucia solo gesungen vor all den Angestellten. Es war das schönste und schwerste Lied von allen und ich war so nervös, dass mir die Beine gezittert haben. Und nachher hat man mich von allen Seiten aufgefordert doch Sängerin zu werden. Und was hatte ich davon? Nur das Gefühl, dass ich etwas verpasst habe.
*
Nein, von Neruda habe ich nichts gelesen. Wenn ich Zeit habe zum lesen, dann wird es meist etwas was in Schweden gerade aktuell ist. Es gibt viele Leute in der Politik, die ihre Memoiren herausgeben und wenn K solche Bücher herumliegen hat, passiert es dass ich sie auch lese. Bei uns läuft im Moment ein Film, der nach einem Buch von Jan Guillou gedreht ist. Jan Guillou ist ein Typ, eine Art He-man, der seit seiner frühen Jugend die schwedische Gesellschaft ab und zu in Alarmbereitschaft versetzt und immer noch zu unseren bekanntesten Kulturpersönlichkeiten zählt. "Die Bosheit" heisst das Buch und schildert seine Jugendjahre, vor allem seine Zeit in einer Internatschule. Der Film hat grosses Aufsehen erregt und viele lesen nun auch das Buch. K hat es kaum aus der Hand gelegt bevor er es ausgelesen hatte. Ich glaube ich werde es demnächst auch lesen.
Hast du schon mal etwas von einem schwedischen Schriftsteller gelesen?
*
Ja, die Pferde sehe ich schon vor mir auf der Sommerwiese. Ich liebe auch Pferde. So werde ich wohl den ganzen Sommer mit Zuckerstücken in meiner Hosentasche herumgehen. ;-) Es ist gut, wenn dort Pferde grasen. Dann sieht es wenigstens bewohnt aus. Es ist eigentlich ein Wunder, dass man das Haus fast das ganze Jahr unbewohnt stehen lassen kann.
*
"Kamera: Georg Klein"
Dies ist ein Programm, das ich mir heute abend noch ansehen möchte. Georg Klein, ein weltberühmter Cancerforscher, Schriftsteller und einer der grossen Denker unserer Zeit. Er ist ein Mensch, den ich sehr bewundere. Es gibt nicht allzuviele neben dir. :-)
So, jetzt lasse ich mir Wasser in die Badewanne. Dann musss ich noch ein wenig für morgen vorbereiten. Die Klasse steht kurz vor ihrer Abiturprüfung in Französisch und wir wollen noch einiges wiederholen bis dahin. So stelle ich selbst interessante Texte zusammen, die dafür geeignet sind. Es macht Spass, ist aber zugleich etwas zeitraubend.
*
Ich weiss, .., dass du beruflich viel zu tun hast und ich schätze es sehr, dass du dir trotzdem Zeit nimmst für mich. Und ich freue mich jedesmal sehr über deine Mails. Die Serenität, von der du damals gesprochen hast. Es gibt sie noch.
Ich wünsche dir einen schönen Wochenanfang,
mit lieben Grüssen
Marlena
Und ein Bild aus dem Film, das sagt wovon er handelt.
Montag, 31. Oktober 2011
*freudigüberrascht*
Ämne: Oh, du bist lieb..
Datum: den 2 november 2003 13:07
Lieber ...,
Ich bin gerade hier reingegangen um dir zu sagen, dass plötzlich die Sonne durch die Wolken schaut und um dir ein paar Strahlen davon zu senden und siehe da: da liegt ein schönes Mail von dir. *freudigüberrascht*
Ach, wir streiten doch nicht. Weit davon.
Mich hat heute plötzlich die Putzlust ergriffen und solche Gelegenheiten darf man nicht verpassen. Sie sind sehr selten. ;-)
Heute abend schreibe ich dir mehr.
Mit einem lieben Gruss
Marlena
Datum: den 2 november 2003 13:07
Lieber ...,
Ich bin gerade hier reingegangen um dir zu sagen, dass plötzlich die Sonne durch die Wolken schaut und um dir ein paar Strahlen davon zu senden und siehe da: da liegt ein schönes Mail von dir. *freudigüberrascht*
Ach, wir streiten doch nicht. Weit davon.
Mich hat heute plötzlich die Putzlust ergriffen und solche Gelegenheiten darf man nicht verpassen. Sie sind sehr selten. ;-)
Heute abend schreibe ich dir mehr.
Mit einem lieben Gruss
Marlena
Re: Stacheldrahtmail?
den 2 november 2003 12:15
Re: Stacheldrahtmail? Ja, klaro ...
Liebe Marlena
Ja, das ist vielleicht ein Stacheldraht-Mail. Aber so schlimm ist es auch nicht. Was ist Dir denn über die Leber gekrochen?
Na ja, eigentlich versuchst Du wie eine echte Therapeutin, mich aufzurichten und mir meine Fähigkeiten bewusst zu machen. Wie der Coach den Athleten aufbläst, bevor der Boxer in den Ring steigt. Aber vielleicht kannst Du Dir vorstellen, welche Selbstzweifel eine solch perfekte Digitalkamera mit sich herumtragen kann. Je differenzierter und komplizierter du selbst bist, desto mehr erscheint dir auch die Welt so vielgefächert und verschlungen.
*
Schönes Bild, die Pferde auf Eurem Grundstück im Norden. Das stelle ich mir sehr romantisch vor. Ich liebe Pferde, am liebsten diese Apfelschimmel, die weiss sind, aber an den Nüstern, an Beinen und Hintern diese leichten dunklen Muster haben. Ist das nicht ein Bild der Unschuld: weisse Pferde in einer schwermütigen, nordischen Landschaft?
*
Gibt es wirklich Fragen, die ich nicht beantworte? Aber ich beantworte doch Vieles, wonach Du gar nicht gefragt hast. Ich glaube nicht, dass es so bewusst läuft, wie Du denkst. Nachlässigkeit ist es auch nicht. Ist es bestimmt nicht. Aber manchmal steht mir die Arbeit hier bis zum Hals. Ich staune manchmal, wenn ich höre, wie viel Zeit Du hast. Mindestens stelle ich es mir so vor und beneide Dich. Es ist - so glaube ich wenigstens - nicht Nachlässigkeit, aber manchmal fühle ich mich echt getrieben durch den Terminkalender, durch die Arbeit und durch all die Dinge, die ich nicht mal selbst organisiert habe. Ich habe mir das Leben der zweiten Hälfte immer sehr ruhig und kontemplativ vorgestellt, so wie die grossen Philosophen, die gemessenen Schrittes auf und ab gehen und sich selbstgestellte Fragen beantworten. Und nun sehe ich, dass auch nach 50 immer alles noch über die Achterbahn fährt. Verrückte Welt!
*
Mach mal eine Liste von Fragen, die ich nicht beantwortet habe. Ich glaube, Du hast gelegentlich das Gefühl, ich nehme Dich nicht ernst, ich höre Dir nicht genau zu. Schau mal: Du sagst es waren 3 Mails. Ich behaupte, es war 1 Mail. Die Frage ist doch, wann man zu zählen beginnt. Eine Sache der Interpunktion, wie die Kommunikationsspezialisten das nennen. Wer fängt einen Streit an in der Ehe? Wer hat das erste Wort getan? Das lässt sich nie entscheiden, ist eben eine Frage, wo man den Punkt und den Neuanfang setzt. Du sagst, es waren 3 Mails. Ich behaupte, ich hätte 3'000 geschrieben. Na also.
*
Marlena, die Mails sind nicht geeignet für Streitigkeiten. Das haben wir doch schon
festgestellt. ... Lassen wir den Halloweenstreit. Schreib mir eine tüchtige Liste von Fragen, die Du schon immer fragen wolltest.
Mit einem zuckersüssen Halloweenkuss
...
Re: Stacheldrahtmail? Ja, klaro ...
Liebe Marlena
Ja, das ist vielleicht ein Stacheldraht-Mail. Aber so schlimm ist es auch nicht. Was ist Dir denn über die Leber gekrochen?
Na ja, eigentlich versuchst Du wie eine echte Therapeutin, mich aufzurichten und mir meine Fähigkeiten bewusst zu machen. Wie der Coach den Athleten aufbläst, bevor der Boxer in den Ring steigt. Aber vielleicht kannst Du Dir vorstellen, welche Selbstzweifel eine solch perfekte Digitalkamera mit sich herumtragen kann. Je differenzierter und komplizierter du selbst bist, desto mehr erscheint dir auch die Welt so vielgefächert und verschlungen.
*
Schönes Bild, die Pferde auf Eurem Grundstück im Norden. Das stelle ich mir sehr romantisch vor. Ich liebe Pferde, am liebsten diese Apfelschimmel, die weiss sind, aber an den Nüstern, an Beinen und Hintern diese leichten dunklen Muster haben. Ist das nicht ein Bild der Unschuld: weisse Pferde in einer schwermütigen, nordischen Landschaft?
*
Gibt es wirklich Fragen, die ich nicht beantworte? Aber ich beantworte doch Vieles, wonach Du gar nicht gefragt hast. Ich glaube nicht, dass es so bewusst läuft, wie Du denkst. Nachlässigkeit ist es auch nicht. Ist es bestimmt nicht. Aber manchmal steht mir die Arbeit hier bis zum Hals. Ich staune manchmal, wenn ich höre, wie viel Zeit Du hast. Mindestens stelle ich es mir so vor und beneide Dich. Es ist - so glaube ich wenigstens - nicht Nachlässigkeit, aber manchmal fühle ich mich echt getrieben durch den Terminkalender, durch die Arbeit und durch all die Dinge, die ich nicht mal selbst organisiert habe. Ich habe mir das Leben der zweiten Hälfte immer sehr ruhig und kontemplativ vorgestellt, so wie die grossen Philosophen, die gemessenen Schrittes auf und ab gehen und sich selbstgestellte Fragen beantworten. Und nun sehe ich, dass auch nach 50 immer alles noch über die Achterbahn fährt. Verrückte Welt!
*
Mach mal eine Liste von Fragen, die ich nicht beantwortet habe. Ich glaube, Du hast gelegentlich das Gefühl, ich nehme Dich nicht ernst, ich höre Dir nicht genau zu. Schau mal: Du sagst es waren 3 Mails. Ich behaupte, es war 1 Mail. Die Frage ist doch, wann man zu zählen beginnt. Eine Sache der Interpunktion, wie die Kommunikationsspezialisten das nennen. Wer fängt einen Streit an in der Ehe? Wer hat das erste Wort getan? Das lässt sich nie entscheiden, ist eben eine Frage, wo man den Punkt und den Neuanfang setzt. Du sagst, es waren 3 Mails. Ich behaupte, ich hätte 3'000 geschrieben. Na also.
*
Marlena, die Mails sind nicht geeignet für Streitigkeiten. Das haben wir doch schon
festgestellt. ... Lassen wir den Halloweenstreit. Schreib mir eine tüchtige Liste von Fragen, die Du schon immer fragen wolltest.
Mit einem zuckersüssen Halloweenkuss
...
Stacheldrahtmail?
Ämne: Stacheldrahtmail?
Datum: den 1 november 2003 18:29
Liebster Mausfreund,
Ach, manchmal bist du unaufmerksam wie ein alter Ehemann. Ich habe dir doch wirklich zwei ”richtige” mails geschickt und dazwischen noch einen kleinen Hungerschrei von nur einer Zeile. Also drei mails sogar.. Aber du bist entschuldigt. Ich bin sicher nur ein sehr kleiner Teil in deinem Leben und werde jedenfalls zeitweise von wichtigen Dingen überschattet.
Es hat mich wieder überrascht, wie wenig du dir deiner eigenen Fähigkeiten bewusst bist. Und ich leide fast daran, dass ich dir nicht deutlich genug erklären kann, wie einmalig du bist. Lass es mich so sagen. Wenn ich das Intellekt eines Menschen mit einer Digitalkamera vergleiche, so sind die meisten etwas (undermåliga). Was sie wiedergeben ist nicht beste Qualität, nicht genügend deutlich und scharf. Oft sind die Bilder verwischt und pixlich, die Farben nicht naturtreu u.s.w. Und dann gibt es diese einmalige Kamera, von der ich dir schon geschrieben habe. Sie zeigt die Bilder so glasklar, dass es ein Genuss ist sie zu betrachten. Und du bist glücklicher Besitzer einer solchen Kamera. Doch es reicht nicht, wirst du sagen, eine perfekte Kamera zu besitzen um schöne Bilder zu machen. Das stimmt. Aber du bist auch ein Meister in der Wahl deiner Motive. Was du zeigst ist so lebendig und vielfältig, dass ich oft denke du beschreibst nicht nur, du erzeugst Leben. Oh, ich hoffe du verstehst mich. Siehst du, deswegen finde ich auch, dass es schade ist, wenn du deine Zeit mit unwichtigen alltäglichen Dingen vergeuden musst, mit Ärger im Büro. Schreib doch, .. . Die Schweiz braucht doch Leute wie dich. Aber du darfst nicht zu literarisch dabei denken. Du musst spontan schreiben ohne auf die Leser zu schielen. Du sollst Leben erzeugen, so wie du es täglich hier tust.
Ich denke manchmal an meine Freundin in Südschweden. Sie könnte längst eine berühmte Autorin sein, wenn sie nicht immer nach sprachlicher Perfektion aus wäre, wenn sie so schreiben würde, wie sie mit mir redet.
*
Hinter mir läuft, wie gewöhnlich der Fernseher. Diesmal ist es eine Übertragung von Royal Albert Hall in London. Ein wunderschönes Berliozkonzert. Ich höre es und es spiegelt sich in einem Bild vor mir an der Wand. K hört sich unten eine Sportsendung an im Radio. Und durch alles hindurch hört man vermutlich auch wenn ich die Tasten hier anschlage. Es geht nicht zu vermeiden.
*
Heute hat ein Jugendfreund von K angerufen, den wir jeden Sommer oben in Norrland treffen. Es ist derjenige, der das Elternhaus, das dort liegt übernommen hat. Sonst wohnt er in Stockholm und jetzt ist er gerade eine Woche dort oben gewesen. Er hat auch mit den neuen Nachbarn gesprochen, die im Herbst dort endgültig eingezogen sind. Seiner Meinung nach sehr nette Leute, die wie er mitteilte zwei Reitpferde haben und nun interessiert wären, sie auf unserem Grundstück weiden zu lassen. Das ist eine gute Idee, denn es will alles zuwachsen, oder wie man sagt. Auch den früheren Nachbarn liessen wir dort Kartoffeln anbauen. Es ist gut, dass Menschen dorthin ziehen wollen. Die Abvölkerung war eine Zeitlang sehr stark und es ist gut, dass wieder jüngere Leute dort sesshaft werden. Und schönere Natur kann man wohl kaum finden. ...
Es ist hart über die Dipsomanie zu lesen und trotzdem schreibst du irgendwie schön und tröstend und so habe ich N. die Passage zugeschickt. Sie sucht überall nach Information über diese, man darf wohl sagen ”Krankheit”.
Es gibt Fragen, die du nie beantwortest. Vielleicht denkst du es sind nur rethorische Fragen, aber das sind meine Fragen nie. Es würde mich doch freuen wenn du darauf eingehen würdest. OK ich verstehe es schon, wenn du das eine oder andere nicht beantworten willst. Das ist ganz in Ordnung. Aber wenn du es nur aus Nachlässigkeit tust, finde ich es nicht so schön.
*
Ach, ich glaube mein Mail ist ein wenig in Richtung Stacheldraht geraten. Man kann sich daran verletzen. Wenn ja, dann ruf mich. Ich verbinde deine Wunden.
Mit einem lieben Halloweengruss,
Marlena
Nochmals..
den 1 november 2003 18:20
saturday
Liebe Marlena
Im Moment lese ich eine kleine Biographie über Pablo Neruda, der chilenische Nobelpreisträger. Hast Du etwas von ihm gelesen? Ich muss die Biographie rezensieren. Sie ist nicht sonderlich stark geschrieben, eher allgemein, wenig markant. Es scheint eine junge Autorin zu sein. Er war ein Freund von Lorca und hat sich auch im spanischen Bürgerkrieg engagiert.
Seine Gedichte, die da und dort in dieser Biographie auftauchen und ins Deutsche übersetzt sind, sagen mir nicht allzu viel. Andererseits lobt die Autorin die poetische Sprache Nerudas. Ach ich weiss nicht, ich muss das zuerst zu Ende lesen, bevor ich was dazu sagen kann.
*
Heute war nochmals ein milder Tag. Ich war im Kunstmuseum. Dort gibt es eine Kirchner Ausstellung. Er hatte - als Städter - lange Jahre in Davos gelebt. Und es gibt dort oben auch ein Museum. Sein Expressionismus ist eigentlich schön anzuschauen. Früher hatten mir solche Bilder nicht gefallen. Aber heute muss ich sagen, dass expressionistische Bilder natürlich viel mächtiger wirken als die Impressionisten. Bei letzteren kommt man sich immer ein bisschen kurzsichtig vor. Kirchner hat die Bergwelt rund um Davos immer wieder gemalt. Und mit seiner Farbwahl wirken die Bilder ganz hübsch. Aber man hat den Eindruck, dass man das selbst auch machen könnte!
*
Ich fahre jetzt langsam heim, muss aber einige Dinge mitnehmen, die ich bis Montag noch zu lesen habe.
Nochmals wünsche ich Dir einen schönen Sonntag.
Gruss und Kuss
...
saturday
Liebe Marlena
Im Moment lese ich eine kleine Biographie über Pablo Neruda, der chilenische Nobelpreisträger. Hast Du etwas von ihm gelesen? Ich muss die Biographie rezensieren. Sie ist nicht sonderlich stark geschrieben, eher allgemein, wenig markant. Es scheint eine junge Autorin zu sein. Er war ein Freund von Lorca und hat sich auch im spanischen Bürgerkrieg engagiert.
Seine Gedichte, die da und dort in dieser Biographie auftauchen und ins Deutsche übersetzt sind, sagen mir nicht allzu viel. Andererseits lobt die Autorin die poetische Sprache Nerudas. Ach ich weiss nicht, ich muss das zuerst zu Ende lesen, bevor ich was dazu sagen kann.
*
Heute war nochmals ein milder Tag. Ich war im Kunstmuseum. Dort gibt es eine Kirchner Ausstellung. Er hatte - als Städter - lange Jahre in Davos gelebt. Und es gibt dort oben auch ein Museum. Sein Expressionismus ist eigentlich schön anzuschauen. Früher hatten mir solche Bilder nicht gefallen. Aber heute muss ich sagen, dass expressionistische Bilder natürlich viel mächtiger wirken als die Impressionisten. Bei letzteren kommt man sich immer ein bisschen kurzsichtig vor. Kirchner hat die Bergwelt rund um Davos immer wieder gemalt. Und mit seiner Farbwahl wirken die Bilder ganz hübsch. Aber man hat den Eindruck, dass man das selbst auch machen könnte!
*
Ich fahre jetzt langsam heim, muss aber einige Dinge mitnehmen, die ich bis Montag noch zu lesen habe.
Nochmals wünsche ich Dir einen schönen Sonntag.
Gruss und Kuss
...
Early morning tea
den 1 november 2003 11:40
early morning tea
Liebe Mäusin
Ja, zwei echte Mails hast Du geschrieben. Das ist fantastisch gut. Aber eins davon war nur eine Zeile. Zählst Du das trotzdem voll? Und dagegen habe ich eins ausgelassen? Ich habe das nicht bemerkt. Sicherlich, ich war ziemlich beschäftigt am Freitag. Und ich hatte im Grunde eine schlechte Woche hinter mir. Irgendwie ist Vieles krumm gelaufen. Ich kann Dir das gar nicht alles erzählen. Es wäre auch nicht interessant. Und irgendwie muss man den Blick nach vorwärts richten, deshalb mag ich mich noch nicht zu sehr darauf konzentrieren.
Dein kleines Kompliment habe ich aber sehr genossen. Ich meine Deine Feststellung, dass ich Menschen beschreiben kann. Es ist nett und auch gut dass Du das sagst, denn mir selbst fällt es nicht sonderlich auf. Irgendwie denke ich oft: na ja, solche Dinge kann doch jeder. Man vergisst die eigenen Fähigkeiten. Und das sollte nicht sein, denn sie machen einen wichtigen Teil des Selbstbewusstseins aus. Früher, als ich jung war, hatte ich häufiger das Gefühl, ich sei in ziemlich vielen Dingen gut. Nicht in allen, aber doch in diesen und in jenen. Heute fehlt mir das. Es ist vielleicht das Los des Chefs, dass dir niemand mehr wirklich sagt, wenn etwas gut ist. Alle meckern bloss herum, wenn es nicht stimmt oder besser sein könnte. Und so gerät man in eine Art Vakuum, wo der Sauerstoff für einen offenen Atemzug fehlt. Ich werde mich also in Zukunft darauf konzentrieren, Leute zu beschreiben.
Beim Genick und Hals alter Leute finde ich es einfach bemerkenswert, dass ein kleines Handicap, eine altersbedingte Einschränkung, eigentlich zum Anschein der Würde beiträgt. Das Negative wird sozusagen Positivum. Die Natur ist eine raffinierte Sache, findest Du nicht? Man muss immer wieder staunen, wie sehr das alles zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Nur unsere aufgeklärten Wissenschaften haben eben mehr oder weniger Schauklappen. Ich hatte mal eine Zeit, da war ich ein grosser Bewunderer von Konrad Lorenz. Man konnte Fotos sehen, wie er mit seinen Schwänen im See schwimmt, oder wie er in seinem Naturpark andere Tiere beobachtet. Das fand ich eine fantastisch schöne Arbeitssituation. Er konnte sich in der Natur tummeln, und war doch ein bekannter und anerkannter Wissenschafter, die ja doch normalerweise vor allem hinter den Büchern sitzen. In seinem Büro, hinter dem Pult, an dem er seine Beobachtungen niederschrieb, hing ein riesiges dunkles Bild, ich glaube, eines, das einen Raubvogel zeigt. Nun, ich fand es einfach schön, wie er das Praktische mit dem Theoretischen verbinden konnte.
*
Unser Weekly ist eine gute Sache. Manchmal muss ich mich überwinden, zu gehen, weil ich eigentlich zu faul bin, und lieber zuhause irgend etwas erledigte. Aber wenn wir dann zusammen sitzen, ist es doch gutl. Wir sind auch nicht allzu streng. Wenn einer Kopfweh hat, ist das schon ein Grund, abzusagen. Und manchmal kann man es sogar vergessen, ohne dass der andere beleidigt ist. Aber ich denke nicht, dass wir uns über alles unterhalten. Es gibt bestimmt Dinge, die ausgeklammert sind. Es sind nicht strenge Grenzen, und es ist auch nicht so deutlich, dass wir nicht über alles und jedes reden.
*
Die Jugndliebe von N ist ein Dipsomane, ein Quartalssäufer. Ich glaube, in einer solchen Situation muss man wissen, dass das schwer bis nicht zu ändern ist. Man kann nicht helfen, man kann bestimmt nicht helfen, wenn man jemanden liebt. Die liebende Hilfe besteht nämlich darin, dass man das Problem verlängert und irgendwie unterstützt. Daran besteht für mich kein Zweifel. Um helfen zu können, müsste man äusserst hart sein. Und das kann man nicht, wenn man liebt. Auch Mütter können ihren Kindern schwerlich helfen, wenn sie Abhängigkeiten haben mit Drogen. N hat also bloss zwei Möglichkeiten: entweder die Situation zu akzeptieren, wie sie ist, ein oder manchmal sogar zwei Augen zuzudrücken. Oder aber zu warten, bis ihre Enttäuschungen so gross sind, dass die Liebe wieder versiegt. Das ist hart zu hören, aber ich glaube, es gibt keine andere Möglichkeit.
...
...
Jetzt schicke ich diese Serie von Sätzen mal los. Sonst schwimmt sie mir womöglich davon.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
Mit lieben Grüssen
...
early morning tea
Liebe Mäusin
Ja, zwei echte Mails hast Du geschrieben. Das ist fantastisch gut. Aber eins davon war nur eine Zeile. Zählst Du das trotzdem voll? Und dagegen habe ich eins ausgelassen? Ich habe das nicht bemerkt. Sicherlich, ich war ziemlich beschäftigt am Freitag. Und ich hatte im Grunde eine schlechte Woche hinter mir. Irgendwie ist Vieles krumm gelaufen. Ich kann Dir das gar nicht alles erzählen. Es wäre auch nicht interessant. Und irgendwie muss man den Blick nach vorwärts richten, deshalb mag ich mich noch nicht zu sehr darauf konzentrieren.
Dein kleines Kompliment habe ich aber sehr genossen. Ich meine Deine Feststellung, dass ich Menschen beschreiben kann. Es ist nett und auch gut dass Du das sagst, denn mir selbst fällt es nicht sonderlich auf. Irgendwie denke ich oft: na ja, solche Dinge kann doch jeder. Man vergisst die eigenen Fähigkeiten. Und das sollte nicht sein, denn sie machen einen wichtigen Teil des Selbstbewusstseins aus. Früher, als ich jung war, hatte ich häufiger das Gefühl, ich sei in ziemlich vielen Dingen gut. Nicht in allen, aber doch in diesen und in jenen. Heute fehlt mir das. Es ist vielleicht das Los des Chefs, dass dir niemand mehr wirklich sagt, wenn etwas gut ist. Alle meckern bloss herum, wenn es nicht stimmt oder besser sein könnte. Und so gerät man in eine Art Vakuum, wo der Sauerstoff für einen offenen Atemzug fehlt. Ich werde mich also in Zukunft darauf konzentrieren, Leute zu beschreiben.
Beim Genick und Hals alter Leute finde ich es einfach bemerkenswert, dass ein kleines Handicap, eine altersbedingte Einschränkung, eigentlich zum Anschein der Würde beiträgt. Das Negative wird sozusagen Positivum. Die Natur ist eine raffinierte Sache, findest Du nicht? Man muss immer wieder staunen, wie sehr das alles zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Nur unsere aufgeklärten Wissenschaften haben eben mehr oder weniger Schauklappen. Ich hatte mal eine Zeit, da war ich ein grosser Bewunderer von Konrad Lorenz. Man konnte Fotos sehen, wie er mit seinen Schwänen im See schwimmt, oder wie er in seinem Naturpark andere Tiere beobachtet. Das fand ich eine fantastisch schöne Arbeitssituation. Er konnte sich in der Natur tummeln, und war doch ein bekannter und anerkannter Wissenschafter, die ja doch normalerweise vor allem hinter den Büchern sitzen. In seinem Büro, hinter dem Pult, an dem er seine Beobachtungen niederschrieb, hing ein riesiges dunkles Bild, ich glaube, eines, das einen Raubvogel zeigt. Nun, ich fand es einfach schön, wie er das Praktische mit dem Theoretischen verbinden konnte.
*
Unser Weekly ist eine gute Sache. Manchmal muss ich mich überwinden, zu gehen, weil ich eigentlich zu faul bin, und lieber zuhause irgend etwas erledigte. Aber wenn wir dann zusammen sitzen, ist es doch gutl. Wir sind auch nicht allzu streng. Wenn einer Kopfweh hat, ist das schon ein Grund, abzusagen. Und manchmal kann man es sogar vergessen, ohne dass der andere beleidigt ist. Aber ich denke nicht, dass wir uns über alles unterhalten. Es gibt bestimmt Dinge, die ausgeklammert sind. Es sind nicht strenge Grenzen, und es ist auch nicht so deutlich, dass wir nicht über alles und jedes reden.
*
Die Jugndliebe von N ist ein Dipsomane, ein Quartalssäufer. Ich glaube, in einer solchen Situation muss man wissen, dass das schwer bis nicht zu ändern ist. Man kann nicht helfen, man kann bestimmt nicht helfen, wenn man jemanden liebt. Die liebende Hilfe besteht nämlich darin, dass man das Problem verlängert und irgendwie unterstützt. Daran besteht für mich kein Zweifel. Um helfen zu können, müsste man äusserst hart sein. Und das kann man nicht, wenn man liebt. Auch Mütter können ihren Kindern schwerlich helfen, wenn sie Abhängigkeiten haben mit Drogen. N hat also bloss zwei Möglichkeiten: entweder die Situation zu akzeptieren, wie sie ist, ein oder manchmal sogar zwei Augen zuzudrücken. Oder aber zu warten, bis ihre Enttäuschungen so gross sind, dass die Liebe wieder versiegt. Das ist hart zu hören, aber ich glaube, es gibt keine andere Möglichkeit.
...
...
Jetzt schicke ich diese Serie von Sätzen mal los. Sonst schwimmt sie mir womöglich davon.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
Mit lieben Grüssen
...
Sonntag, 30. Oktober 2011
Late night show 31/10
Ämne: Late night show
Datum: den 1 november 2003 00:27
Lieber ...,
Ich sitze zu so später Stunde noch am PC weil ich ein paar Worte mit Anna wechseln möchte, wenn sie zu sich nach Hause kommt. Es ist so praktisch mit diesem ICQ, denn ich kann sehen, wenn sie online ist und kann sie ansprechen (anschreiben eigentlich) aber wir schreiben beide schon so schnell, dass es wie ein gewöhnliches Gespräch erscheint. Erinnerst du dich noch an unsere Chats, wo man manchmal ein paar Minuten auf die Antwort des anderen warten musste? Ich frage mich immer noch wie du damals erklärt hast das du erst gegen morgen nach Hause gekommen bist. Aber das ist nun Geschichte. Etwas, was man in "jungen Jahren" tut, um an dein Gesprächsthema anzuknüpfen.
Du kannst so gut Menschen beschreiben. Man denkt doch gewöhnlich nicht daran was einen Menschen, den man sieht, alt macht. Man sieht nur, dass er es ist. Und du siehst auch die kleinen Zeichen wie z.B. das "den ganzen Körper drehen". Es ist so schön und interessant, so was zu lesen. Oft habe ich den Eindruck, dass du die Dinge, die ich nur unbewusst herumtrage, verbalisierst und weil es so gut stimmt mit meinen Wahrnehmungen, ist es ein reiner Genuss.
*
Ach, dein Weekly mit W. Darauf könnte man gut neidisch werden. Ihr seid richtig gute Freunde. Nicht viele Erwachsene haben ausserhalb der Familie so nahe Freunde. Wahrscheinlich könnt ihr euch über alles unterhalten. Oder gibt es Grenzen? Kennt er dein Mausleben?
Ich halte immer Distanz zu anderen Menschen. Auch solche, von denen man glauben könnte, dass ich ihnen mein Leben anvertrauen würde, wissen nicht viel von mir. Aber vielleicht ist es so bei allen Menschen.
Nina tut mir im Moment sehr leid. Diese wiedergefundene Jugendliebe, die anscheinend wieder aufgeflammt ist, hat sich zu einer tragischen Geschichte entwickelt, denn der Mann ist Alkoholiker geworden. Du weisst, ein solcher, der sich Periodenweise fast zu Tode säuft. Und gerade jetzt ist er in einem solchen Zustand und sie will ihm helfen und weiss nicht richtig wie. Es wäre ja leichter, wenn er Hilfe annehmen würde..
*
Du hast heute Gäste und ich sehe dich vor mir bei deinen Pflichten als guter Gastwirt. Ich glaube sowas kannst du ausgezeichnet und es tut mir leid, dass ich dich nie dabei sehen kann.
Ramadan hat gerade begonnen und an der Uni in Linköping hat man den Studenten einen Vorlesungsraum dafür zurechtgestellt über diese Periode. Finde ich schön.
*
Hier stürmt es nicht. Es ist windstill und ziemlich milde Luft. Zwar regnet es ab und zu ein bisschen, aber das kann ich leichter akzeptieren als kalten Wind. Aber es ist dunkel draussen. Wir müssen eben diese Periode ausstehen, bis dann der erste Schnee fällt und die Tage etwas heller macht.
*
Um 01.30 kommt ein berühmter Kriegsfilm im Fernsehen. Den werde ich auf Video aufnehmen für K und vielleicht auch für mich und Anna. Es ist eine komische Uhrzeit einen guten Film zu senden, denn entweder schlafen die Leute schon oder sie sind zu betrunken oder müde um sich auf einen Film konzentrieren zu können. Vielleicht ist er auch nur für die Clique gedacht, die tagsüber schlafen kann.;-)
Siehst du, .., heute habe ich dir sogar zwei „richtige“ Mails geschickt. Am besten ich sende dir dies nun ab bevor K kommt und fragt an wen ich schreibe.
Ich wünsche dir ein schönes Weekend.
Mit lieben Grüssen,
Marlena
Datum: den 1 november 2003 00:27
Lieber ...,
Ich sitze zu so später Stunde noch am PC weil ich ein paar Worte mit Anna wechseln möchte, wenn sie zu sich nach Hause kommt. Es ist so praktisch mit diesem ICQ, denn ich kann sehen, wenn sie online ist und kann sie ansprechen (anschreiben eigentlich) aber wir schreiben beide schon so schnell, dass es wie ein gewöhnliches Gespräch erscheint. Erinnerst du dich noch an unsere Chats, wo man manchmal ein paar Minuten auf die Antwort des anderen warten musste? Ich frage mich immer noch wie du damals erklärt hast das du erst gegen morgen nach Hause gekommen bist. Aber das ist nun Geschichte. Etwas, was man in "jungen Jahren" tut, um an dein Gesprächsthema anzuknüpfen.
Du kannst so gut Menschen beschreiben. Man denkt doch gewöhnlich nicht daran was einen Menschen, den man sieht, alt macht. Man sieht nur, dass er es ist. Und du siehst auch die kleinen Zeichen wie z.B. das "den ganzen Körper drehen". Es ist so schön und interessant, so was zu lesen. Oft habe ich den Eindruck, dass du die Dinge, die ich nur unbewusst herumtrage, verbalisierst und weil es so gut stimmt mit meinen Wahrnehmungen, ist es ein reiner Genuss.
*
Ach, dein Weekly mit W. Darauf könnte man gut neidisch werden. Ihr seid richtig gute Freunde. Nicht viele Erwachsene haben ausserhalb der Familie so nahe Freunde. Wahrscheinlich könnt ihr euch über alles unterhalten. Oder gibt es Grenzen? Kennt er dein Mausleben?
Ich halte immer Distanz zu anderen Menschen. Auch solche, von denen man glauben könnte, dass ich ihnen mein Leben anvertrauen würde, wissen nicht viel von mir. Aber vielleicht ist es so bei allen Menschen.
Nina tut mir im Moment sehr leid. Diese wiedergefundene Jugendliebe, die anscheinend wieder aufgeflammt ist, hat sich zu einer tragischen Geschichte entwickelt, denn der Mann ist Alkoholiker geworden. Du weisst, ein solcher, der sich Periodenweise fast zu Tode säuft. Und gerade jetzt ist er in einem solchen Zustand und sie will ihm helfen und weiss nicht richtig wie. Es wäre ja leichter, wenn er Hilfe annehmen würde..
*
Du hast heute Gäste und ich sehe dich vor mir bei deinen Pflichten als guter Gastwirt. Ich glaube sowas kannst du ausgezeichnet und es tut mir leid, dass ich dich nie dabei sehen kann.
Ramadan hat gerade begonnen und an der Uni in Linköping hat man den Studenten einen Vorlesungsraum dafür zurechtgestellt über diese Periode. Finde ich schön.
*
Hier stürmt es nicht. Es ist windstill und ziemlich milde Luft. Zwar regnet es ab und zu ein bisschen, aber das kann ich leichter akzeptieren als kalten Wind. Aber es ist dunkel draussen. Wir müssen eben diese Periode ausstehen, bis dann der erste Schnee fällt und die Tage etwas heller macht.
*
Um 01.30 kommt ein berühmter Kriegsfilm im Fernsehen. Den werde ich auf Video aufnehmen für K und vielleicht auch für mich und Anna. Es ist eine komische Uhrzeit einen guten Film zu senden, denn entweder schlafen die Leute schon oder sie sind zu betrunken oder müde um sich auf einen Film konzentrieren zu können. Vielleicht ist er auch nur für die Clique gedacht, die tagsüber schlafen kann.;-)
Siehst du, .., heute habe ich dir sogar zwei „richtige“ Mails geschickt. Am besten ich sende dir dies nun ab bevor K kommt und fragt an wen ich schreibe.
Ich wünsche dir ein schönes Weekend.
Mit lieben Grüssen,
Marlena
Re: Warnung ...
Ämne: Liebeswarnung!
Datum: den 31 oktober 2003 11:27
Liebster Mausfreund,
Dass du auf eine Liebeserklärung von mir wartest hätte ich mir nie vorstellen können. Ist das wirklich so?
Nein doch, diese Viruswarnung ist richtig. Es gilt einem neuen Virus, das als Viruswarnung versandt wird. Die Leute öffnen dann den file und sofort haben sie es auf dem PC. Alle ihre Post kann somit an die anderen Adressen versandt werden. Kannst dir ja vorstellen wie das ist. Ich habe mal ein Mail erhalten von jemanden, den ich in meiner Adressliste hatte. Aber das mail war nicht an mich gerichtet, sondern ein privates, sogar geschäftliches an eine andere Person. Nun glaube ich doch, dass du dort im Büro ziemlich geschützt bist durch eure eigenen Antivirusprogramme.. und im Hotmail ist es ja auch so. Da lag mal ein Virus, aber es lag wenigstens in "junk mail", und ich öffne nie Mails von jemanden, den ich nicht kenne.
Ich wollte dir gestern abend schreiben und habe sogar ein Mail angefangen, aber dann kam ich nicht dazu es fertigzuschreiben. So werde ich dir lieber heute ein neues senden. Vielleicht findest du es dann erst morgen.
Hier ist es ziemlich warm (+ 4 grad) und ein bisschen feucht. Ich habe früh am morgen ein paar Säcke mit alten Winterkleidern für eine Poleneinsamlung zurecht gemacht. Hätte ich gestern tun sollen, aber ich war zu müde.
Nein doch. Ich bin absolut nicht alt und tatterig, wenn du das glaubst. Im Gegenteil. Ich wirke leider so jung und gesund, dass mir gestern unser Chef noch mehr Stunden aufbürden wollte, Stunden von H, der immer seine Klassen grob vernachlässigt, um dann plötzlich zu verlangen, dass andere sie übernehmen und die Situation retten sollen. Wir kennen das schon allzu gut und es ist die reine Hölle Klassen von ihm übernehmen zu müssen. H gibt dann an, dass er mehr mit der Politik arbeiten muss oder dass er plötzlich nicht gut hört.. und ähnliche Dinge.
Jedenfalls habe ich meinem Chef klargemacht, dass ich da nicht mithelfen werde und dass er einen neuen einstellen muss. Natürlich verlangt er dass die Leute an der Schule ohne extra Bezahlung H's Arbeit übernehmen. Sie sind ziemlich unverschämt, diese Chefs. Und es ist auch sehr dumm eine solche Personalpolitik zu führen, dass die Leute keine Lust haben bis zur Pension zu bleiben. Wo man uns doch immer sagt, dass jeder der früher geht unerhört viel Geld kostet.
*
Du siehst, ich bin etwas verägert, und wenn man das ist, denkt man nicht an Romantik und Liebe (was ich ja sonst meistens tue, was dich betrifft).
Also, damit du nicht zu enttäuscht bist, sage ich dir nur kurz:
ICH LIEBE DICH
Es ist kein Scherz, sondern tiefer Ernst. Und eigentlich brauchte ich es nicht zu sagen, denn du weisst es sehr wohl. Bist doch ein Psychologe und Menschenkenner. :-)
...
Liebe Grüsse
Marlena
Datum: den 31 oktober 2003 11:27
Liebster Mausfreund,
Dass du auf eine Liebeserklärung von mir wartest hätte ich mir nie vorstellen können. Ist das wirklich so?
Nein doch, diese Viruswarnung ist richtig. Es gilt einem neuen Virus, das als Viruswarnung versandt wird. Die Leute öffnen dann den file und sofort haben sie es auf dem PC. Alle ihre Post kann somit an die anderen Adressen versandt werden. Kannst dir ja vorstellen wie das ist. Ich habe mal ein Mail erhalten von jemanden, den ich in meiner Adressliste hatte. Aber das mail war nicht an mich gerichtet, sondern ein privates, sogar geschäftliches an eine andere Person. Nun glaube ich doch, dass du dort im Büro ziemlich geschützt bist durch eure eigenen Antivirusprogramme.. und im Hotmail ist es ja auch so. Da lag mal ein Virus, aber es lag wenigstens in "junk mail", und ich öffne nie Mails von jemanden, den ich nicht kenne.
Ich wollte dir gestern abend schreiben und habe sogar ein Mail angefangen, aber dann kam ich nicht dazu es fertigzuschreiben. So werde ich dir lieber heute ein neues senden. Vielleicht findest du es dann erst morgen.
Hier ist es ziemlich warm (+ 4 grad) und ein bisschen feucht. Ich habe früh am morgen ein paar Säcke mit alten Winterkleidern für eine Poleneinsamlung zurecht gemacht. Hätte ich gestern tun sollen, aber ich war zu müde.
Nein doch. Ich bin absolut nicht alt und tatterig, wenn du das glaubst. Im Gegenteil. Ich wirke leider so jung und gesund, dass mir gestern unser Chef noch mehr Stunden aufbürden wollte, Stunden von H, der immer seine Klassen grob vernachlässigt, um dann plötzlich zu verlangen, dass andere sie übernehmen und die Situation retten sollen. Wir kennen das schon allzu gut und es ist die reine Hölle Klassen von ihm übernehmen zu müssen. H gibt dann an, dass er mehr mit der Politik arbeiten muss oder dass er plötzlich nicht gut hört.. und ähnliche Dinge.
Jedenfalls habe ich meinem Chef klargemacht, dass ich da nicht mithelfen werde und dass er einen neuen einstellen muss. Natürlich verlangt er dass die Leute an der Schule ohne extra Bezahlung H's Arbeit übernehmen. Sie sind ziemlich unverschämt, diese Chefs. Und es ist auch sehr dumm eine solche Personalpolitik zu führen, dass die Leute keine Lust haben bis zur Pension zu bleiben. Wo man uns doch immer sagt, dass jeder der früher geht unerhört viel Geld kostet.
*
Du siehst, ich bin etwas verägert, und wenn man das ist, denkt man nicht an Romantik und Liebe (was ich ja sonst meistens tue, was dich betrifft).
Also, damit du nicht zu enttäuscht bist, sage ich dir nur kurz:
ICH LIEBE DICH
Es ist kein Scherz, sondern tiefer Ernst. Und eigentlich brauchte ich es nicht zu sagen, denn du weisst es sehr wohl. Bist doch ein Psychologe und Menschenkenner. :-)
...
Liebe Grüsse
Marlena
Samstag, 29. Oktober 2011
Warnung vor der Warnung!
den 31 oktober 2003 09:07
Warnung vor der Warnung!
Liebe Marlena
War Deine Viruswarnung ein Scherz? Oder ist es ernst? Ich habe gedacht, Du machst Dir einen Spass und ich hätte jede Viruswarnung in grösster Erwartung geöffnet, weil ich dachte, es wäre irgend eine hübsche Liebeserklärung versteckt. Ich wäre sozusagen in der Liebe untergegangen. Schöner kann es nur noch in einer echten literarischen Tragödie geschehen. Aber bisher ist nichts angekommen. Vielleicht habe ich vor meinem Box einen Iron Curtain, der Liebeswarnungen aussendet. So wie man bei stattlichen Villen und übergrossen Landhäusern gleich neben dem Briefkasten die Anschrift finden kann "Warnung vor dem Hunde".
*
Hier ist trübes Herbstwetter, das auf die Seele drückt. Oder sagen wir, es laste auf der Psyche? Auf jeden Fall muss man jetzt endgültig die warmen Kleider vom Estrich holen und die Schirme neben der Türe bereitstellen. Es ist ziemlich nass, und zusammen mit den fallenden Blättern, macht das manchmal eine schmierige Schicht, bei der man in unserem Alter schon etwas vorsichtig vorgehen muss. Man merkt dann diese gewisse Steife im Rücken, diese widerspenstige Starrheit, die wir früher nur bei alten Leuten von aussen her gesehen haben. Niemals hätten wir damals gedacht, dass die alten Leutchen dies auch innerlich spüren, wie ihr Körper langsam ein bisschen unbeugsam wird und nicht mehr bereit ist, sich jeder Situation anzupassen. Vielleicht spüren sie es vor allem im Nacken. Wenn sie irgendwo hinhören, bewegen sie den ganzen Oberkörper in diese Richtung. Das gibt ihren Bewegungen eine Art Sparsamkeit, vielleicht auch eine Würde. Aber die Würde sieht nur äusserlich so aus. Im Innern ist es eher eine kleine Not, weil der Körper, das Fleisch langsam zu beinhartem Knochen wird.
Die Alterung ist ein merkwürdiger Prozess! Max Frisch hat sich in den letzten Jahren immer wieder damit beschäftigt in seiner Literatur. Und wir tun das ja auch, jeden Tag, mit unserem schwindenden Gedächtnis und dem steifen Nacken, wenn wir balancierend über nasse Blätter balancieren. Na ja, Du bist bestimmt noch nicht soweit. Wie geht es mit Deinen Schmerzen. Hoffentlich sind sie wieder zurückgegangen. Das erwarte ich eigentlich, nachdem Du gleich nach der Behandlung eine Erleichterung verspürt hast.
*
Gut ist vielleicht, dass heute Freitag ist. Gestern abend hatten wir unser Weekly, zwei Glas Mineralwasser und lange Diskussionen über die Arbeit und die Herbstdepressionen. W hat ein gutes Herz und spendet immer wieder privates Geld für irgendwelche armen Schlucker, die zu ihm in die Beratung kommen. Es sind alleinstehende Mütter, Kinder aus Familien mit wenig Mitteln, Leute in Not allgemein, denen er oft und immer wieder mit dem Allernotwendigsten aushilft. Oft erzählt er den Leuten nicht einmal offen, dass das Geld von ihm selbst stammt. Er sagt bloss, er hätte da eine Kasse, und damit könne er einen kleinen Betrag locker machen. Er meint, die Leute würden das Geld nicht akzeptieren, wenn sie wüssten, dass es von ihm privat sei.
*
Jetzt hat schon zweimal eine Lehrerin angerufen. Sie ist ziemlich nervös. Sie hat eine Podiumsdiskussion im Lokalradio organisiert. Und offenbar hätten wir uns gestern erstmals treffen sollen für ein Vorgespräch. Aber da war ich nicht dabei, weil sie mich nicht dazu eingeladen hat. Ausserdem hat sich offenbar der Journalist abmelden müssen wegen einer dringenden Operation. An seiner Stelle kommt eine Frau. Na ja, das hört sich alles ziemlich turbulent an. Aber in Medien ist die Arbeit mehr oder weniger immer so. Ich werde sehen, was sich daraus ergibt.
*
So wünsche ich Dir ein feines Wochenende, ruhig und gemütlich bei diesen Herbststürmen.
Liebe Grüsse
...
Warnung vor der Warnung!
Liebe Marlena
War Deine Viruswarnung ein Scherz? Oder ist es ernst? Ich habe gedacht, Du machst Dir einen Spass und ich hätte jede Viruswarnung in grösster Erwartung geöffnet, weil ich dachte, es wäre irgend eine hübsche Liebeserklärung versteckt. Ich wäre sozusagen in der Liebe untergegangen. Schöner kann es nur noch in einer echten literarischen Tragödie geschehen. Aber bisher ist nichts angekommen. Vielleicht habe ich vor meinem Box einen Iron Curtain, der Liebeswarnungen aussendet. So wie man bei stattlichen Villen und übergrossen Landhäusern gleich neben dem Briefkasten die Anschrift finden kann "Warnung vor dem Hunde".
*
Hier ist trübes Herbstwetter, das auf die Seele drückt. Oder sagen wir, es laste auf der Psyche? Auf jeden Fall muss man jetzt endgültig die warmen Kleider vom Estrich holen und die Schirme neben der Türe bereitstellen. Es ist ziemlich nass, und zusammen mit den fallenden Blättern, macht das manchmal eine schmierige Schicht, bei der man in unserem Alter schon etwas vorsichtig vorgehen muss. Man merkt dann diese gewisse Steife im Rücken, diese widerspenstige Starrheit, die wir früher nur bei alten Leuten von aussen her gesehen haben. Niemals hätten wir damals gedacht, dass die alten Leutchen dies auch innerlich spüren, wie ihr Körper langsam ein bisschen unbeugsam wird und nicht mehr bereit ist, sich jeder Situation anzupassen. Vielleicht spüren sie es vor allem im Nacken. Wenn sie irgendwo hinhören, bewegen sie den ganzen Oberkörper in diese Richtung. Das gibt ihren Bewegungen eine Art Sparsamkeit, vielleicht auch eine Würde. Aber die Würde sieht nur äusserlich so aus. Im Innern ist es eher eine kleine Not, weil der Körper, das Fleisch langsam zu beinhartem Knochen wird.
Die Alterung ist ein merkwürdiger Prozess! Max Frisch hat sich in den letzten Jahren immer wieder damit beschäftigt in seiner Literatur. Und wir tun das ja auch, jeden Tag, mit unserem schwindenden Gedächtnis und dem steifen Nacken, wenn wir balancierend über nasse Blätter balancieren. Na ja, Du bist bestimmt noch nicht soweit. Wie geht es mit Deinen Schmerzen. Hoffentlich sind sie wieder zurückgegangen. Das erwarte ich eigentlich, nachdem Du gleich nach der Behandlung eine Erleichterung verspürt hast.
*
Gut ist vielleicht, dass heute Freitag ist. Gestern abend hatten wir unser Weekly, zwei Glas Mineralwasser und lange Diskussionen über die Arbeit und die Herbstdepressionen. W hat ein gutes Herz und spendet immer wieder privates Geld für irgendwelche armen Schlucker, die zu ihm in die Beratung kommen. Es sind alleinstehende Mütter, Kinder aus Familien mit wenig Mitteln, Leute in Not allgemein, denen er oft und immer wieder mit dem Allernotwendigsten aushilft. Oft erzählt er den Leuten nicht einmal offen, dass das Geld von ihm selbst stammt. Er sagt bloss, er hätte da eine Kasse, und damit könne er einen kleinen Betrag locker machen. Er meint, die Leute würden das Geld nicht akzeptieren, wenn sie wüssten, dass es von ihm privat sei.
*
Jetzt hat schon zweimal eine Lehrerin angerufen. Sie ist ziemlich nervös. Sie hat eine Podiumsdiskussion im Lokalradio organisiert. Und offenbar hätten wir uns gestern erstmals treffen sollen für ein Vorgespräch. Aber da war ich nicht dabei, weil sie mich nicht dazu eingeladen hat. Ausserdem hat sich offenbar der Journalist abmelden müssen wegen einer dringenden Operation. An seiner Stelle kommt eine Frau. Na ja, das hört sich alles ziemlich turbulent an. Aber in Medien ist die Arbeit mehr oder weniger immer so. Ich werde sehen, was sich daraus ergibt.
*
So wünsche ich Dir ein feines Wochenende, ruhig und gemütlich bei diesen Herbststürmen.
Liebe Grüsse
...
Donnerstag, 27. Oktober 2011
Brig heute und damals
.
Ämne : Brigue
Datum : Sat, 16 Feb 2002 13:02:17 +0100
Liebe Marlena
...
Aber das Bänklein auf dem Bahnhof in Brig habe ich gestern besucht. Ich
habe mir wirklich einen Tag frei genommen und bin ins Wallis gefahren. Das
war erfrischend und eine gute Abwechslung. Ich habe schon um 6h das Haus
verlassen und bin um ca. 9h aus dem Bahnhof von Brig getreten und habe
mit kritischem Blick den trüben und fürs Wallis untypisch regnerischen
Himmel gemustert. Das Glishorn gegenüber lag bis zur Hälfte im Nebel.
Vielleicht weißt Du das als Flachländerin nicht so genau. Berge sind
wunderbar und fantasietreibend. Sie gestalten als Panoramas wunderbare
Helle, aber auch blaudunkle Schatten. Doch bei Regen und Nebel verwandelt
sich die Gebirgslandschaft in eine enge Kartonschachtel. Links eine Wand,
rechts eine Wand, vorne eine Wand, hinten eine Wand und oben eben ein
nebliger, tropfnasser Deckel über den Schädel. Dann ist es ein wenig wie
Kaninchenhaltung im Wallis und die Leute kommen sich noch näher, als sie
es bei himmelblauem Wetter schon sind.
Kurz und gut: es war ein trüber, durchschnittlicher Freitag und die
Menschen eilten in ihren Angelegenheiten dahin, als ob nichts wäre.
Ich hatte meine Kamera mitgenommen, aber bei trübem Wetter ist es
wirklich nicht leicht, ansprechende Sujets zu finden. Ich bummelte die
Bahnhofstrasse hinauf. Vor einigen Jahren gab es ja in Brig eine riesige
Überschwemmung, so dass der halbe Fluss die Bahnhofstrasse herunter-
gewalzt ist. Nun haben sie viel neu gemacht, die Strasse gepflästert, vom
Verkehr mehr oder weniger befreit, die Geschäfte erneuert. Die Katastrophe
war ein einziges Wirtschaftsimpulsprogramm für die Oberwalliser
Metropole. Und, ich muss sagen, es hat sich zu Brigs Vorteil gewandelt.
Ich kann Dir jetzt nicht erzählen, was alles ich vermisst habe, weil es in
meiner Erinnerung immer noch vorhanden ist. Es würde kein Ende nehmen.
Und es ist immer ein wenig schmerzhaft und auch verletzend festzustellen,
dass sie soviel geändert und verändert haben, ohne mich, den Besitzer der
Erinnerungen, vorher zu fragen. Sie setzen mich damit ins Unrecht. Das
finde ich einfach rüchsichtslos.
endet heute im Stadtplatz, was früher eine blosse Kreuzung war. Dort hat das
Hotel Couronne heute eine grosse Gartenwirtschaft. Links ist das Café
Ganter, dass damls neu eröffnet hatte. Auf der anderen Seite das Londres,
mit der etwas düsteren Bar. Das kleine Gärtchen, wo früher im Sommer
Tische standen, fehlt. Sogar den Brunnen vor der Sebastianskapelle zur
Erinnerung an Chavez, den ersten Überflieger des Simplons, haben sie
verschoben. Er steht heute vor dem neuen Geschäft "Zur Stadt Paris",
was es damals noch nicht gegeben hatte.
Überigens ist mir dabei in den Sinn gekommen, wie Christoph, ein anderer
Schulkollege, beinahe seine Schulmappe verloren und damit seine
Schulkarriere riskiert hatte. Es war wohl einer der Abende, da wir
kurzentschlossen ein Käsefondue essen wollten. Christoph dachte, er sei
sehr erfinderisch, als er seine Mappe - deren physische Belastung er für ein
paar Stunden abschütteln wollte - einfach in der Kapelle deponierte. Nun ja,
man hätte doch davon ausgehen können, dass sich der heilige Sebastian ein
Stündchen Zeit nimmt und ein Auge auf das Ding hält. Aber er tat es nicht.
Am nächsten Morgen, als wir übrigen die Sache längst vergessen hatten,
meldete Christoph uns den Verlust seiner Mappe. Wenn ich mich richtig
erinnere, machte er sich während einiger Tage erhebliche Sorgen, bis das
mittlerweile ausserordentlich wertvolle Ding wieder hervorkam.
Wahrscheinlich gab ihm dieses glückliche Ereignis soviel Mut und
Zuversicht, dass er später in kürzester Zeit Zahnmedizin studiert und
abgeschlossen und geheiratet hat und in die Unsichtbarkeit seiner Praxis
verschwunden ist.
Und dann bin ich die steilere Burgschaft hinaufgestiegen, eine enge
altmodisch gepflästerte Strasse, die einstmals die alte Simplonstrasse war.
Der Wegenerplatz, der bei der Katastrophe nicht tangiert war, sieht heute
immer noch ziemlich alt und da und dort etwas ungefplegt aus. Ich meine
damit natürlich die Häuser rundum, etwa, das Restaurant, wo mein Kollege
Werner das Mittagessen einzunehmen pflegte. Doch das Wegenerhaus selbst
ist immer noch stattlich und opulent, wie eh und je. Und das Restaurant
De la Place, in welches unser künstlerischer Zeichnungslehrer immer gleich
auf dem Heimweg von der Schule einbog, um sich für den Rest des Tages
eine gute Laune anzutrinken, ist noch immer geöffnet. Nach dem grossen
und altehrwürdigen Wegenerplatz kommt ein kleines Plätzchen, fast ein Hof,
wo man den Polizeiposten erreichen kann. Er ist noch haargenau wie vor 50
Jahren. Und auch die Vespasienne, das kleine Pissoir, das ich noch nie unter
Benutzung gesehen hatte. Ich glaube nicht, dass irgend jemand im Ernst je
angenommen hat, man könne dieses komische Ding überhaupt benutzen.
Vielleicht von ein paar Trunkebolden mit Überdruck zu fortgeschrittener,
nächtlicher Stunde mal abgesehen. Dann kommt rechts das
Stockalperschloss, die grosse Sehenswürdigkeit der Stadt. Der Hof hat
mich wieder beeindruckt. Er stellt sich dar wie jene Karawanserei in Persien,
die heute ein Erstklasshotel beherbergt. Doch das Briger Schloss ist höher
gebaut und etwas enger in seinen Ausmassen. Aber es ist ein wunderschöner
und imposanter Bau aus der Barockzeit.
Und schliesslich ging ich die letzte Strecke hinauf, vorbei am Marienheim,
welches heute restauriert dasteht, vorbei an der Antoniuskapelle, in deren
Vorplatz früher eine stattliche Trauerweide gestanden hat. Und dann
verzweigt sich der Weg. Geradeaus gingen damals die Mädchen des
Pensionates, um in der Klosterkirche der Morgenmesse beizuwohnen.
Wir Burschen stiegen links hinauf die letzten Meter zum Kollegium.
Heute wird dort oben viel gebaut. Es sieht alles sehr provisorisch und
unordentlich aus. Diese Situation habe ich mirnicht allzu genau angeschaut.
Das war nichts besonders Schönes. Ich bin dann nach links zur Kirche
gegangen, von wo man einen schönen Ausblick auf die Stadt hinunter hat.
Man sieht von dort auch das Tal hinunter, zwischen den Türmen des
Stockalperschlosses hindurch und direkt auf Visp und die Schlüsselacker,
also jenes Rebgelände, welches auf dem Bild, das Du mir gezeigt hast,
im Vordergrund liegt.
Ach, es war wirklich ein ganz gewöhnlicher, trüber Wochentag und man
sieht dabei, wieviel sich verändert, wenn man selbst nicht ständig zum
Rechten sieht.
Ich war auch noch in Visp und in Sion. Aber das waren eher kurze Ausflüge.
Vier gute Stunden verbrachte ich in Brig. Und es gab einige Personen, die
ich gekannt habe, mindestens vom Sehen her.
In der langen Fahrt hin und zurück habe ich mit schönster Regelmässigkeit
gewechselt zwischen einem angenehmen, leicht vibrierten Schlummer und
der Biografie von Peter Ustinov (eigentlich Peter Alexander, wenn man es
genau nimmt). Ich mag ihn sehr und ich finde ihn einen klugen, sehr
generalistischen Mann mit vielen Begabungen und einer fantastischen
humanistischen Substanz, ganz abgesehen, dass er auch noch in der Schweiz
wohnt und unter seinen Ururgrossvätern auch ein Schweizer figurierte.
Aber er war etwas pummelig in seiner Jugend - ach was, ist er heute noch -
und war sehr unsportlich, was dann natürlich in einem englischen Internat
gewissermassen zum Handicap ausartete. Man sieht es seinem Gesicht heute
noch an, dass er irgendwie früher gelitten hatte. Aber er hat sich blendend
entwickelt, und heute, mit 80 Jahren, ist er ein echter Lebenskünstler
geworden. Er hat einen gewissen englischen Touch, obwohl er originally
Russe war, allerdings mit einer wirklich weitverzweigten und quer über
Europa zersprenkelten Familie. Wenn man seinen Angaben glauben will,
hat er seine Substanz von Mutter, einer Enkelin eines russischen Offiziers
aus St. Petersburg. Er hat sie sehr bewundert in ihrem Grossmut und ihrer
Lebensübersicht. Der arme Kerl war - nota bene - Einzelkind.
Ustinov also hat mich die ungefähren 6 Stunden beschäftigt, und ich bin
ganz begeistert von seiner Lebensklugheit und seiner Schreibweise. Er
macht manchmal etwas lange Sätze, was - wenn der Eisenbahnwagen über
Weichen rollt - sehr hinderlich sein kann, weil man dann ständig aus den
Buchstabengeleisen des Büchleins springt und drei- oder viermal
dieselben Formulierungen liest.
Ich wünsche Dir und Euch allen einen schönen Sonntag.
Mit Liebe
...
Brig heute... Foto: Chris
Ämne : Brigue
Datum : Sat, 16 Feb 2002 13:02:17 +0100
Liebe Marlena
...
Aber das Bänklein auf dem Bahnhof in Brig habe ich gestern besucht. Ich
habe mir wirklich einen Tag frei genommen und bin ins Wallis gefahren. Das
war erfrischend und eine gute Abwechslung. Ich habe schon um 6h das Haus
verlassen und bin um ca. 9h aus dem Bahnhof von Brig getreten und habe
mit kritischem Blick den trüben und fürs Wallis untypisch regnerischen
Himmel gemustert. Das Glishorn gegenüber lag bis zur Hälfte im Nebel.
Vielleicht weißt Du das als Flachländerin nicht so genau. Berge sind
wunderbar und fantasietreibend. Sie gestalten als Panoramas wunderbare
Helle, aber auch blaudunkle Schatten. Doch bei Regen und Nebel verwandelt
sich die Gebirgslandschaft in eine enge Kartonschachtel. Links eine Wand,
rechts eine Wand, vorne eine Wand, hinten eine Wand und oben eben ein
nebliger, tropfnasser Deckel über den Schädel. Dann ist es ein wenig wie
Kaninchenhaltung im Wallis und die Leute kommen sich noch näher, als sie
es bei himmelblauem Wetter schon sind.
Kurz und gut: es war ein trüber, durchschnittlicher Freitag und die
Menschen eilten in ihren Angelegenheiten dahin, als ob nichts wäre.
Ich hatte meine Kamera mitgenommen, aber bei trübem Wetter ist es
wirklich nicht leicht, ansprechende Sujets zu finden. Ich bummelte die
Bahnhofstrasse hinauf. Vor einigen Jahren gab es ja in Brig eine riesige
Überschwemmung, so dass der halbe Fluss die Bahnhofstrasse herunter-
gewalzt ist. Nun haben sie viel neu gemacht, die Strasse gepflästert, vom
Verkehr mehr oder weniger befreit, die Geschäfte erneuert. Die Katastrophe
war ein einziges Wirtschaftsimpulsprogramm für die Oberwalliser
Metropole. Und, ich muss sagen, es hat sich zu Brigs Vorteil gewandelt.
Ich kann Dir jetzt nicht erzählen, was alles ich vermisst habe, weil es in
meiner Erinnerung immer noch vorhanden ist. Es würde kein Ende nehmen.
Und es ist immer ein wenig schmerzhaft und auch verletzend festzustellen,
dass sie soviel geändert und verändert haben, ohne mich, den Besitzer der
Erinnerungen, vorher zu fragen. Sie setzen mich damit ins Unrecht. Das
finde ich einfach rüchsichtslos.
... und damals
Ich bin den ganzen Weg hinaufgegangen bis zur Kirche. Die Bahnhofstrasseendet heute im Stadtplatz, was früher eine blosse Kreuzung war. Dort hat das
Hotel Couronne heute eine grosse Gartenwirtschaft. Links ist das Café
Ganter, dass damls neu eröffnet hatte. Auf der anderen Seite das Londres,
mit der etwas düsteren Bar. Das kleine Gärtchen, wo früher im Sommer
Tische standen, fehlt. Sogar den Brunnen vor der Sebastianskapelle zur
Erinnerung an Chavez, den ersten Überflieger des Simplons, haben sie
verschoben. Er steht heute vor dem neuen Geschäft "Zur Stadt Paris",
was es damals noch nicht gegeben hatte.
Überigens ist mir dabei in den Sinn gekommen, wie Christoph, ein anderer
Schulkollege, beinahe seine Schulmappe verloren und damit seine
Schulkarriere riskiert hatte. Es war wohl einer der Abende, da wir
kurzentschlossen ein Käsefondue essen wollten. Christoph dachte, er sei
sehr erfinderisch, als er seine Mappe - deren physische Belastung er für ein
paar Stunden abschütteln wollte - einfach in der Kapelle deponierte. Nun ja,
man hätte doch davon ausgehen können, dass sich der heilige Sebastian ein
Stündchen Zeit nimmt und ein Auge auf das Ding hält. Aber er tat es nicht.
Am nächsten Morgen, als wir übrigen die Sache längst vergessen hatten,
meldete Christoph uns den Verlust seiner Mappe. Wenn ich mich richtig
erinnere, machte er sich während einiger Tage erhebliche Sorgen, bis das
mittlerweile ausserordentlich wertvolle Ding wieder hervorkam.
Wahrscheinlich gab ihm dieses glückliche Ereignis soviel Mut und
Zuversicht, dass er später in kürzester Zeit Zahnmedizin studiert und
abgeschlossen und geheiratet hat und in die Unsichtbarkeit seiner Praxis
verschwunden ist.
Und dann bin ich die steilere Burgschaft hinaufgestiegen, eine enge
altmodisch gepflästerte Strasse, die einstmals die alte Simplonstrasse war.
Der Wegenerplatz, der bei der Katastrophe nicht tangiert war, sieht heute
immer noch ziemlich alt und da und dort etwas ungefplegt aus. Ich meine
damit natürlich die Häuser rundum, etwa, das Restaurant, wo mein Kollege
Werner das Mittagessen einzunehmen pflegte. Doch das Wegenerhaus selbst
ist immer noch stattlich und opulent, wie eh und je. Und das Restaurant
De la Place, in welches unser künstlerischer Zeichnungslehrer immer gleich
auf dem Heimweg von der Schule einbog, um sich für den Rest des Tages
eine gute Laune anzutrinken, ist noch immer geöffnet. Nach dem grossen
und altehrwürdigen Wegenerplatz kommt ein kleines Plätzchen, fast ein Hof,
wo man den Polizeiposten erreichen kann. Er ist noch haargenau wie vor 50
Jahren. Und auch die Vespasienne, das kleine Pissoir, das ich noch nie unter
Benutzung gesehen hatte. Ich glaube nicht, dass irgend jemand im Ernst je
angenommen hat, man könne dieses komische Ding überhaupt benutzen.
Vielleicht von ein paar Trunkebolden mit Überdruck zu fortgeschrittener,
nächtlicher Stunde mal abgesehen. Dann kommt rechts das
Stockalperschloss, die grosse Sehenswürdigkeit der Stadt. Der Hof hat
mich wieder beeindruckt. Er stellt sich dar wie jene Karawanserei in Persien,
die heute ein Erstklasshotel beherbergt. Doch das Briger Schloss ist höher
gebaut und etwas enger in seinen Ausmassen. Aber es ist ein wunderschöner
und imposanter Bau aus der Barockzeit.
Und schliesslich ging ich die letzte Strecke hinauf, vorbei am Marienheim,
welches heute restauriert dasteht, vorbei an der Antoniuskapelle, in deren
Vorplatz früher eine stattliche Trauerweide gestanden hat. Und dann
verzweigt sich der Weg. Geradeaus gingen damals die Mädchen des
Pensionates, um in der Klosterkirche der Morgenmesse beizuwohnen.
Wir Burschen stiegen links hinauf die letzten Meter zum Kollegium.
Heute wird dort oben viel gebaut. Es sieht alles sehr provisorisch und
unordentlich aus. Diese Situation habe ich mirnicht allzu genau angeschaut.
Das war nichts besonders Schönes. Ich bin dann nach links zur Kirche
gegangen, von wo man einen schönen Ausblick auf die Stadt hinunter hat.
Man sieht von dort auch das Tal hinunter, zwischen den Türmen des
Stockalperschlosses hindurch und direkt auf Visp und die Schlüsselacker,
also jenes Rebgelände, welches auf dem Bild, das Du mir gezeigt hast,
im Vordergrund liegt.
Ach, es war wirklich ein ganz gewöhnlicher, trüber Wochentag und man
sieht dabei, wieviel sich verändert, wenn man selbst nicht ständig zum
Rechten sieht.
Ich war auch noch in Visp und in Sion. Aber das waren eher kurze Ausflüge.
Vier gute Stunden verbrachte ich in Brig. Und es gab einige Personen, die
ich gekannt habe, mindestens vom Sehen her.
In der langen Fahrt hin und zurück habe ich mit schönster Regelmässigkeit
gewechselt zwischen einem angenehmen, leicht vibrierten Schlummer und
der Biografie von Peter Ustinov (eigentlich Peter Alexander, wenn man es
genau nimmt). Ich mag ihn sehr und ich finde ihn einen klugen, sehr
generalistischen Mann mit vielen Begabungen und einer fantastischen
humanistischen Substanz, ganz abgesehen, dass er auch noch in der Schweiz
wohnt und unter seinen Ururgrossvätern auch ein Schweizer figurierte.
Aber er war etwas pummelig in seiner Jugend - ach was, ist er heute noch -
und war sehr unsportlich, was dann natürlich in einem englischen Internat
gewissermassen zum Handicap ausartete. Man sieht es seinem Gesicht heute
noch an, dass er irgendwie früher gelitten hatte. Aber er hat sich blendend
entwickelt, und heute, mit 80 Jahren, ist er ein echter Lebenskünstler
geworden. Er hat einen gewissen englischen Touch, obwohl er originally
Russe war, allerdings mit einer wirklich weitverzweigten und quer über
Europa zersprenkelten Familie. Wenn man seinen Angaben glauben will,
hat er seine Substanz von Mutter, einer Enkelin eines russischen Offiziers
aus St. Petersburg. Er hat sie sehr bewundert in ihrem Grossmut und ihrer
Lebensübersicht. Der arme Kerl war - nota bene - Einzelkind.
Ustinov also hat mich die ungefähren 6 Stunden beschäftigt, und ich bin
ganz begeistert von seiner Lebensklugheit und seiner Schreibweise. Er
macht manchmal etwas lange Sätze, was - wenn der Eisenbahnwagen über
Weichen rollt - sehr hinderlich sein kann, weil man dann ständig aus den
Buchstabengeleisen des Büchleins springt und drei- oder viermal
dieselben Formulierungen liest.
Ich wünsche Dir und Euch allen einen schönen Sonntag.
Mit Liebe
...
unsere Dido
aus
Haustiere und andere Menschen
...
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
...
Haustiere und andere Menschen
...
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
...
Mittwoch, 26. Oktober 2011
Zürich anno dazumal
Ämne : Freitag abends ...
Datum : Fri, 5 Oct 2001 17:20:06 +0200
Liebe Marlena
Soeben habe ich eine gute Seite geschrieben, und jetzt ist alles dahin.
Wohin weiss ich nicht. Es ist eben nicht mehr hier. Ich hatte es in einen
Zwischenspeicher aufgenommen, um dann ins Mail hinüber zu giessen. Und als
ich den Text einfügen wollte, kam ein völlig anderer hervor. Ich verstehe
einfach diese Machinen nicht recht. Ich meine, sie sprechen auch kein
anständiges Deutsch, sie sagen nichts, sie geben kein Zeichen, sie murren
nicht, sie weinen nicht. Wie könnte ich also? Sie sind im Grunde höchst
zweifelhafte Wesen.
*
Ich hatte Dir dort gesagt, dass Du recht hast mit der Bemerkung, ich müsse
meinem Namen alle Ehre antun. Natürlich muss ich das. Ich würde das
natürlich gerne mit einem zwinkernden Auge machen. Denn was ich so über die
Schweiz sage, ist sehr gesättigt mit Klischees. Aber Du hast recht, die
Schweiz ist ein Juwel. Sie stellt in der Tat die Kronjuwelen Europas dar!!
Und alle Amerikaner und Japaner, die sich sosehr durch Juwelen beeindrucken
lassen, kommen her und schauen sie an und fotografieren sie mit den Kühen im
Vordergrund.
Und Du sagst, Du hättest dieses Juwel nie gesehen, weil Du auf einen
Bekannten Rücksicht nehmen musstest? Ich staune immer wieder, auf wieviel
Frauen Rücksicht nehmen müssen. Ich glaube, das macht sie so intelligent und
lebensklug, diese Rundumsicht der Dinge. Wir Männer nehmen nicht bloss keine
Rücksicht, sondern wir denken schon gar nicht daran, dass man nehmen könnte
oder müsste. Es entgeht uns so die ganze Welt der Rücksicht, die ganze
rücksichtige Hemisphäre.
Nun ja, immerhin bist Du doch einen halben Tag die Zürcher Bahnhofstrasse
auf- und abgegangen und hast Dich ein wenig gelangweilt. Und auf dem
Bauschänzli in der Limmat hast Du einen Drink genommen, nicht wahr? Von dort
habe ich mal in meinen jungen Jahren ein Bild gemalt, Limmat abwärts, mit
den beiden Münstern, dem Stadthaus und dem alten Bad im Vordergrund. Vor
allem dieses Bad hat es mir angetan. Es war eine Holzkonstruktion, auf dem
Wasser schwimmend, wenn ich mich nicht irre, und bestimmt noch
geschlechtergetrennt. Wunderbar und geheimnisvoll also. Und hellbeige
bemalt und von den Möwen verschissen. Und auf der anderen Seite liegt gleich
das Restaurant Elite. Dort ging ich in den ersten Jahren meiner Zürcher
Jahre oft ein und aus. Das Elite war damals schwer im Trend mit seiner
Mischung aus Eleganz und Nachlässigkeit. Es gab dort kleine Tische rundum
mit einer alles verbindenden Bank. Und es gab gut arrangierte Tellermenues
am Stamstag Abend, etwa ein Rumpsteak mit Pommes und einer gebackenen
Tomate. Und dann ein Café. Und vor allem gab es viele junge und trendige
Leute und einige ältere, Künstlertypen, Schwätzer und Exhibitionisten.
Einige spielten stundenlang Schach. Man konnte im Elite mit Leichtigkeit mit
den Nachbarn ins Gespräch kommen, indem man versehentlich kein Feuer bei
sich hatte, um die Gauloise zu entflammen. Und im Sommer gab es Tische auf
der Strasse, so dass man den Gehsteig und die Limmat überblicken konnte.
Aber das war nicht meine Sache. Ich zog es vor, drinnen meinen Espresso zu
nehmen und vielleicht mit Mark oder Othmar, oder meinetwegen mit Claudine
und Moo den Film zu diskutieren, der nebenan gerade gespielt worden war.
Damals liefen diese hübschen französischen Filme mit der Deneuve, mit Michel
Piccoli und diesen Athleten.
Gegenüber lag das Hechtplatztheater, wo ich an einem sonnigen Sonntag Morgen
Ernst Bloch mit seinen riesengrossen Händen und der dicken Hornbrille
referieren sah. Ich habe nicht viel verstanden zwischen den ältlichen Damen
und Herren, die da herumsassen, aber er hat mir mächtig Eindruck gemacht.
Ich sehe noch heute diese imposanten Hände, mit denen er in der Luft herum
fuchtelte. Man konnte sich kaum vorstellen, dass er bloss mit Büchern zu tun
hatte. Er hätte einen guten Waldarbeiter abgegeben.
Und weiter vorne lag dann ja das Odéon, von dem ich Dir sicher schon erzählt
hatte, jenes Café im Wienerstil, in dem die Hälfte der europäischen
Prominenz den zweiten Weltkrieg überlebt hat. Es war der Treffpunkt der
Emigranten gewesen, die sich in Zürich zurückgezogen hatten. Darunter viele
Künstler, die oben am Heimplatz im Schaupsielhaus spielten. War das nicht
das letzte deutschsprachige und freie Theater?
Ach, Zürich, wie komme ich denn plötzlich nach Zürich? Es war nach meiner
Zeit im provinziellen Wallis die grosse Welt. Und ich fühlte mich verloren
unter all den Mengen von Leuten, und gleichzeitig war es aufregend und in
Zeiten der wilden 68er geradezu schweisstreibend. Zürich war meine erste
Liebe. Und Du weißt, wie beschwerlich die erste Liebe sein kann, wenn man
noch keine Erfahrungen hat, wenn man erstmals im Leben und erregt vorsichtig
nach erogenen Zonen abtastet und besonders gespannt auf den ersten Höhepunkt
hin arbeitet.
Ja, ich komme etwas vom Thema ab.
Jetzt habe ich Feierabend. Ich muss noch meine Mappe packen und dann geht es
ab auf die Eisenbahn. Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, so pünktlich zu
sein. Das ist wirklich sehr hart. Man muss praktisch mitten im Satz stoppen.
Und trotzdem wird es immer knapp und nur mit grossen Schritten schafft man
es dann, den Zug noch zu erreichen. Denn, neben all den juwelenartigen
Dingern hier sind die Eisenbahnen zu allem Üeberfluss auch noch pünktlich.
Es ist wirklich kaum zu ertragen!
Mit einem schönen Gruss fürs Wochenende
...
Datum : Fri, 5 Oct 2001 17:20:06 +0200
Liebe Marlena
Soeben habe ich eine gute Seite geschrieben, und jetzt ist alles dahin.
Wohin weiss ich nicht. Es ist eben nicht mehr hier. Ich hatte es in einen
Zwischenspeicher aufgenommen, um dann ins Mail hinüber zu giessen. Und als
ich den Text einfügen wollte, kam ein völlig anderer hervor. Ich verstehe
einfach diese Machinen nicht recht. Ich meine, sie sprechen auch kein
anständiges Deutsch, sie sagen nichts, sie geben kein Zeichen, sie murren
nicht, sie weinen nicht. Wie könnte ich also? Sie sind im Grunde höchst
zweifelhafte Wesen.
*
Ich hatte Dir dort gesagt, dass Du recht hast mit der Bemerkung, ich müsse
meinem Namen alle Ehre antun. Natürlich muss ich das. Ich würde das
natürlich gerne mit einem zwinkernden Auge machen. Denn was ich so über die
Schweiz sage, ist sehr gesättigt mit Klischees. Aber Du hast recht, die
Schweiz ist ein Juwel. Sie stellt in der Tat die Kronjuwelen Europas dar!!
Und alle Amerikaner und Japaner, die sich sosehr durch Juwelen beeindrucken
lassen, kommen her und schauen sie an und fotografieren sie mit den Kühen im
Vordergrund.
Und Du sagst, Du hättest dieses Juwel nie gesehen, weil Du auf einen
Bekannten Rücksicht nehmen musstest? Ich staune immer wieder, auf wieviel
Frauen Rücksicht nehmen müssen. Ich glaube, das macht sie so intelligent und
lebensklug, diese Rundumsicht der Dinge. Wir Männer nehmen nicht bloss keine
Rücksicht, sondern wir denken schon gar nicht daran, dass man nehmen könnte
oder müsste. Es entgeht uns so die ganze Welt der Rücksicht, die ganze
rücksichtige Hemisphäre.
Nun ja, immerhin bist Du doch einen halben Tag die Zürcher Bahnhofstrasse
auf- und abgegangen und hast Dich ein wenig gelangweilt. Und auf dem
Bauschänzli in der Limmat hast Du einen Drink genommen, nicht wahr? Von dort
habe ich mal in meinen jungen Jahren ein Bild gemalt, Limmat abwärts, mit
den beiden Münstern, dem Stadthaus und dem alten Bad im Vordergrund. Vor
allem dieses Bad hat es mir angetan. Es war eine Holzkonstruktion, auf dem
Wasser schwimmend, wenn ich mich nicht irre, und bestimmt noch
geschlechtergetrennt. Wunderbar und geheimnisvoll also. Und hellbeige
bemalt und von den Möwen verschissen. Und auf der anderen Seite liegt gleich
das Restaurant Elite. Dort ging ich in den ersten Jahren meiner Zürcher
Jahre oft ein und aus. Das Elite war damals schwer im Trend mit seiner
Mischung aus Eleganz und Nachlässigkeit. Es gab dort kleine Tische rundum
mit einer alles verbindenden Bank. Und es gab gut arrangierte Tellermenues
am Stamstag Abend, etwa ein Rumpsteak mit Pommes und einer gebackenen
Tomate. Und dann ein Café. Und vor allem gab es viele junge und trendige
Leute und einige ältere, Künstlertypen, Schwätzer und Exhibitionisten.
Einige spielten stundenlang Schach. Man konnte im Elite mit Leichtigkeit mit
den Nachbarn ins Gespräch kommen, indem man versehentlich kein Feuer bei
sich hatte, um die Gauloise zu entflammen. Und im Sommer gab es Tische auf
der Strasse, so dass man den Gehsteig und die Limmat überblicken konnte.
Aber das war nicht meine Sache. Ich zog es vor, drinnen meinen Espresso zu
nehmen und vielleicht mit Mark oder Othmar, oder meinetwegen mit Claudine
und Moo den Film zu diskutieren, der nebenan gerade gespielt worden war.
Damals liefen diese hübschen französischen Filme mit der Deneuve, mit Michel
Piccoli und diesen Athleten.
Gegenüber lag das Hechtplatztheater, wo ich an einem sonnigen Sonntag Morgen
Ernst Bloch mit seinen riesengrossen Händen und der dicken Hornbrille
referieren sah. Ich habe nicht viel verstanden zwischen den ältlichen Damen
und Herren, die da herumsassen, aber er hat mir mächtig Eindruck gemacht.
Ich sehe noch heute diese imposanten Hände, mit denen er in der Luft herum
fuchtelte. Man konnte sich kaum vorstellen, dass er bloss mit Büchern zu tun
hatte. Er hätte einen guten Waldarbeiter abgegeben.
Und weiter vorne lag dann ja das Odéon, von dem ich Dir sicher schon erzählt
hatte, jenes Café im Wienerstil, in dem die Hälfte der europäischen
Prominenz den zweiten Weltkrieg überlebt hat. Es war der Treffpunkt der
Emigranten gewesen, die sich in Zürich zurückgezogen hatten. Darunter viele
Künstler, die oben am Heimplatz im Schaupsielhaus spielten. War das nicht
das letzte deutschsprachige und freie Theater?
Ach, Zürich, wie komme ich denn plötzlich nach Zürich? Es war nach meiner
Zeit im provinziellen Wallis die grosse Welt. Und ich fühlte mich verloren
unter all den Mengen von Leuten, und gleichzeitig war es aufregend und in
Zeiten der wilden 68er geradezu schweisstreibend. Zürich war meine erste
Liebe. Und Du weißt, wie beschwerlich die erste Liebe sein kann, wenn man
noch keine Erfahrungen hat, wenn man erstmals im Leben und erregt vorsichtig
nach erogenen Zonen abtastet und besonders gespannt auf den ersten Höhepunkt
hin arbeitet.
Ja, ich komme etwas vom Thema ab.
Jetzt habe ich Feierabend. Ich muss noch meine Mappe packen und dann geht es
ab auf die Eisenbahn. Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, so pünktlich zu
sein. Das ist wirklich sehr hart. Man muss praktisch mitten im Satz stoppen.
Und trotzdem wird es immer knapp und nur mit grossen Schritten schafft man
es dann, den Zug noch zu erreichen. Denn, neben all den juwelenartigen
Dingern hier sind die Eisenbahnen zu allem Üeberfluss auch noch pünktlich.
Es ist wirklich kaum zu ertragen!
Mit einem schönen Gruss fürs Wochenende
...
Dienstag, 25. Oktober 2011
am Fotoautomaten
.
Liebe Marlena
...
Ich muss dich warnen, echt! Heute morgen habe ich an diesem Fotoautomaten ein paar Bilder geknipst, dh. die Maschine macht das ja selbst. Du fühlst dich wie in einer Selbstschiessanlage an der deutschen Zonengrenze in der DDR. Es blitzt aus dem Hinterhalt, wenn du gar nicht bereit bist. Du bist nie bereit, wenn auf dich geschossen wird. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie ein bisschen erschreckt aussehen auf dem kleinen miserablen und schwarzweissen Passbild. Man kann sich fragen, ob sie dich mit einem solchen Bild überhaupt über die Grenze lassen. Wahrscheinlicher ist, dass sie dich verhaften an der Grenze, weil du wirklich sehr verdächtig und schuldbewusst aussiehst. Es ist wirklich nicht so wie dein Passbild, Marlena, das ein Bild von einem Fachmann zu sein scheint. Und wo du so locker und unschuldig dreinschaust, mit deinen lieben Augen und dem sinnlichen Mund. Diese Kombination allein packt mich schon. Aber das habe ich dir schon gesagt.
Also, ich hab ein paar Bilder schiessen lassen, mit diesem hinterhältigen Maschinengewehr, wo man bei jedem Schuss zusammenschreckt. Und ich habe mir für dich was Spezielles ausgedacht. Ich habe gedacht, ich möchte, dass du mich siehst, wie ich dich in Rom auf dem Leonardo da Vinci-Flughafen abholen würde. Also mit Borsalino, wie in einem Fellini Film. Manchmal spinne ich einfach ein bisschen, da musst du ein Auge zudrücken, meine Liebe. Ich finde einfach, man muss das Leben ein bisschen stilisieren, ab und zu, ein kleines Akzentlein setzen. Ich kann dir später gerne noch ein ganz normales und langweiliges Foto schicken. Aber zunächst mit dem Borsalino. Ich sehe darin aus wie ein Mafia Mitglied aus dem mittleren Kader. Mafia Boss würde ich jetzt nicht sagen, da müsste ich noch ein bisschen verhärmter aussehen und eine schwarze Brille tragen. Aber doch aus der Mitte, dem man noch nicht das ganze Verbrechen ansieht. Ich will dich natürlich im Moment nur neugierig machen. Das Foto muss zuerst ins Labor zu Walter, der wird es in komplizierten Prozeduren zurück in mein Box senden, und dann erst ist es soweit. Vielleicht reicht es noch, bevor du in die Ferien gehst.
...
Also, ich schicke dir diese Post, meine liebste blutrote Freundin. Ich wünsche dir nochmals einen schönen Tag. Und vergiss mich nicht, ich bitte dich.
Liebe Marlena
...
Ich muss dich warnen, echt! Heute morgen habe ich an diesem Fotoautomaten ein paar Bilder geknipst, dh. die Maschine macht das ja selbst. Du fühlst dich wie in einer Selbstschiessanlage an der deutschen Zonengrenze in der DDR. Es blitzt aus dem Hinterhalt, wenn du gar nicht bereit bist. Du bist nie bereit, wenn auf dich geschossen wird. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie ein bisschen erschreckt aussehen auf dem kleinen miserablen und schwarzweissen Passbild. Man kann sich fragen, ob sie dich mit einem solchen Bild überhaupt über die Grenze lassen. Wahrscheinlicher ist, dass sie dich verhaften an der Grenze, weil du wirklich sehr verdächtig und schuldbewusst aussiehst. Es ist wirklich nicht so wie dein Passbild, Marlena, das ein Bild von einem Fachmann zu sein scheint. Und wo du so locker und unschuldig dreinschaust, mit deinen lieben Augen und dem sinnlichen Mund. Diese Kombination allein packt mich schon. Aber das habe ich dir schon gesagt.
Also, ich hab ein paar Bilder schiessen lassen, mit diesem hinterhältigen Maschinengewehr, wo man bei jedem Schuss zusammenschreckt. Und ich habe mir für dich was Spezielles ausgedacht. Ich habe gedacht, ich möchte, dass du mich siehst, wie ich dich in Rom auf dem Leonardo da Vinci-Flughafen abholen würde. Also mit Borsalino, wie in einem Fellini Film. Manchmal spinne ich einfach ein bisschen, da musst du ein Auge zudrücken, meine Liebe. Ich finde einfach, man muss das Leben ein bisschen stilisieren, ab und zu, ein kleines Akzentlein setzen. Ich kann dir später gerne noch ein ganz normales und langweiliges Foto schicken. Aber zunächst mit dem Borsalino. Ich sehe darin aus wie ein Mafia Mitglied aus dem mittleren Kader. Mafia Boss würde ich jetzt nicht sagen, da müsste ich noch ein bisschen verhärmter aussehen und eine schwarze Brille tragen. Aber doch aus der Mitte, dem man noch nicht das ganze Verbrechen ansieht. Ich will dich natürlich im Moment nur neugierig machen. Das Foto muss zuerst ins Labor zu Walter, der wird es in komplizierten Prozeduren zurück in mein Box senden, und dann erst ist es soweit. Vielleicht reicht es noch, bevor du in die Ferien gehst.
...
Also, ich schicke dir diese Post, meine liebste blutrote Freundin. Ich wünsche dir nochmals einen schönen Tag. Und vergiss mich nicht, ich bitte dich.
Montag, 24. Oktober 2011
mein Traum
"Nachempfindung von Rubens' Höllensturz"
den 10 september 2003 08:23
Re: frühmorgens
Liebe Marlena
Du bist doch ein Mensch von praktischem Format. Du bist zufrieden, wenn Du Gras gemäht und Pflaumenkuchen bereit hast. Du stützest Dich auf handfeste Dinge, auf sichtbare Resultate. Du wärst glücklich und zufrieden, Dich im RL einzurichten. Ich glaube, Du lebst vor allem von der sinnlichen Welt: Natur, Menschen, Blumen. Nicht wahr? Na ja, das geht uns allen wohl mehr oder weniger ähnlich.
Aber ich habe gemeint, Ronda sei eher für das VL, weil man dort oben kaum 14 Tage - nachdem man die Frau entführt hat - wirklich froh und zufrieden leben könnte. Ronda ist ein abstrakter Traum, und Hemingway hat es auch ein bisschen so gemeint. Na ja, vielleicht war er selbst ein bisschen ein abstrakter Typ, der irgendwo auf dieser Welt sich in Handgemenge einlassen konnte. Abstrakt würde dabei heissen, dass es keine Rolle spielt, wo und wofür.
Nein, ich spiele kein Golf. Ich habe mich damals mit dem starken Gedanken getragen, anzufangen. Und es hätte nicht viel gefehlt, dass ich wirklich in einen Club eingetreten wäre. Das war die Zeit, als ich noch mit dem Bon von 10 Schnupperstunden herumgegangen bin. Aber heute bin ich ein abgeklärter After-Golfer. Ich habe überigens eine gute - psychoanalytische - Definition, was Golf sei, wenn es denn jemand unbedingt wissen wollte: Golf ist der sublimierte libidinöse Triebwunsch, den Ball ins Loch zu bringen. Na ja, vielleicht ist das wirklich nur für einen Psychoanalytiker lustig. Sofern ein solcher überhaupt zum Lachen zu bringen wäre.
Du hast also Städtewünsche? Und wenn die Reisebüros heute jede Menge Städtereisen auf den Markt werfen, liegen sie bei Dir richtig. Und den grössten Wunsch hast Du Dir immer noch nicht erfüllt. Ich kann mir schon denken, in welche Richtung er geht. Und ich wünsche Dir, dass er sich erfüllen möge. Du weisst doch, Marlena, dass Wünsche, wenn man sie sich wirklich und von tiefstem Herzen wünscht, auch erfüllt werden. Wenn das nicht geschieht, dann ist man vielleicht ambivalent. Man will und gleichzeitig will man auch nicht. Wir sind ja solche Wundergeschöpfe, die sowas können. Solches sind Operationen, die man in der Mathematik mit +/- bezeichnen würde. Aber das trifft auch nicht zu. Dort heisst es entweder oder, hier bei uns heisst es zugleich + und - . Sowas Kompliziertes kann wahrscheinlich nur unser Kopf. Wenn man wirklich das Herz fragen würde, wäre es immer entweder eindeutig ja oder eindeutig nein.
Ich glaube, ich habe auch Städtewünsche. Aber es sind für mich nicht so grosse Wünsche, dass sie sozusagen lebensentscheidend wären. Ich würde auch gerne Madrid sehen. Ich würde- wie ich schon gesagt habe - gerne 2 Jahre in Isfahan leben. Auch in Rom wollte ich eine längere Zeit sein. Und mit Wien könnte ich mich sofort auch einverstanden erklären. Ich glaube nicht, dass Rom so gross ist, dass man es sich für die Ewigkeit aufheben sollte. Das Zentrum Roms ist klein. Es gibt zwar eine Unmenge zu sehen. Aber es ist nicht wirklich gross. Und das finde ich schön. In 14 Tagen kennt man sich schon gut aus.
Ich würde am liebsten meine Existenz verwandeln. Du weisst, mein Traum ist irgendwie eine Kombination von Porträtist und psychologischem Berater. Leute kommen, weil sie irgendwie mit irgendwelchen Problemen oder Lebensfragen nicht zurande kommen. Und ich diagnostiziere sie sozusagen in einem Porträt. Und die Dauer des Porträtierens ist gleichzeitig die Beratung. Sie ist keine so gezielte Sache, sondern ein produktiver Prozess, der sich einfach aus dieser Situation ergibt. Ich will niemandem etwas aus- oder einreden. Ich will - so könnte man es vielleicht sagen - jemanden erkennen, wie er wirklich im tiefen Inneren ist. Und das wird ihm gleichzeitig helfen, seinen Weg im fraglichen Problem zu finden. Natürlich stelle ich mir vor der Staffelei nicht kleine Penner und Nichtsnutze vor, sondern durchaus respektable Leute mit respektablen Problemen. Na ja, entweder muss die Person, oder es muss das Problem respektabel sein. Es gibt ja Menschen, die glauben, sich mit Hilfe eines respektablen Problems zu einem respektablen Menschen hinaufarbeiten zu können. Sie wollen am Problem in die Höhe klettern. Aber sowas lasse ich auch gelten.
Du siehst, mein Traum geht in die Richtung von Magie. Wenn ich das könnte, würde ich vielleicht auch Hypnosen anbieten. Aber das kann ich nicht wirklich. Und vielleicht wäre es auch ein bisschen zu zauberisch.
Überigens würde ich auch gerne noch einmal Moskau sehen. Wir waren mal dort während eines Tages. Aber damals war man als Tourist nicht frei. Und alles schien mehr oder weniger kontrolliert und verschlossen. Ich würde auch gerne in die russische Provinz reisen, dh. in Dörfer, die noch so sind wie im 18. Jahrhundert. Dort könnte man in der Tat in die Vergangenheit reisen.
Aber ich glaube, Städte sind für mich kleine Träumereien, nicht wirklich Träume. Mein Traum: Ich würde gerne ein Buch schreiben oder einige Bilder machen, mit denen ich zufrieden wäre. Ich glaube , dass es wunderbar ist, wenn man später solche Dinge wieder hervornehmen und geniessen kann. Ich merke das bei den Bildern, die ich vor etwa 20 Jahren gemalt habe. Ich schaue sie anders an als damals. Damals hatte ich sie zu kritisch betrachtet, hatte überall Dinge und Stellen gesehen, die man hätte besser malen können. Aber heute nehme ich sie einfach so, wie sie sind. Und sie sind durchaus geniessbar. Und sie zeigen mir eine Welt, die mir damals wichtig gewesen ist. Im Vergleich zu jener Zeit vor 20 Jahren würde ich heute mehr das VL betonen. Ich meine, in diesen alten Bildern war mir wichtig gewesen, die Dinge so zu malen, wie sie sind. Ich habe zum Beispiel einige kleine Bilder, die Situationen im Wallis zeigen. Es sind Stimmungsbilder. Sie erinnern mich an den Sommer im Wallis. Heute würde ich vielleicht eher meine Fantasien, meine Ideen, meine Innenwelt darstellen, und mich dabei weniger nach der äusseren, sichtbaren Realität richten.
Habe ich Dir erzählt von meinem grossen Bild 'Höllensturz'? Na ja, es ist eine Nachempfindung - so würden die Leute heute sagen - eine Nachempfindung von Rubens' Höllensturz. Auf dem Bild stürzen Hunderte von nackten Menschen und unglücklichen, wohl irgendwie schuldigen Kreaturen durch graue Wolkengebilde und blaue Wolkenfenster hindurch in die Tiefe. Es ist eine bodenlose Situation. Man weiss wirklich nicht, wo sie schliesslich landen werden. Und dabei versuchen einige dieser Sünder, sich an sehr weltlichen Dingen festzuklammern, an einem Lampenschirm, an Tüchtern, an Papieren usw. Sie schaffen neben soviel Fleisch einige Farbtupfer im Bild. Und durch das ganze Bild weht ein steifer Wind. Man sieht das an den Körpern, deren Dynamik sich als grosse Bewegung durchs Gewölk zieht. Die menschlichen Leiber wirken wie abgefallene Blätter im Herbstwind.
Die Komposition hat mir damals sehr gefallen. Und ich habe tagelang an der Komposition der Wolken gearbeitet. Das war vielleicht das schwierigste. Es sieht auf dem Bild eher wie zufällig aus, aber es ist sehr viel Kalkulation dahinter.
Solche oder ähnliche Bilder würde ich gerne malen. Aber es fehlt mir ein bisschen die Zeit. Man muss da wochenlang dahinter sein, damit es vorwärts geht und damit man den Anschluss nicht verpasst. Denn wenn das Zeug mal trocken ist, ist es sehr schwer, wieder anzufangen. Die Farbpalette stimmt nicht mehr, und auch die Striche im Bild wirken plötzlich wie Fremdkörper. Es ist, wie wenn man eine alte Liebe wieder aufwärmen wollte.Das geht selten gut.
Das wäre ein Traum: selbstvergessen in irgend einem atelier-ähnlichen Raum tagelang zu werken, bei Musik, bei ab und zu einem Espresso. Früher hätte ich gesagt, bei einer Gauloise ab und an. Aber heute würde ich den Tabak mit einem kleinen Besuch einer Person eintauschen. Aber es wäre schön, wenn die Situation offen wäre, wenn also Leute zufällig oder gewollt vorbeikommen zu einem kleinen Schwatz oder zu einer längeren Unterhaltung. Das wäre schön.
Walter hat überigens ähnliche Fantasien. Er ist ja ein passionierter Bastler und kann alle möglichen elektrischen oder elektronischen Dinge flicken. Er spricht davon, eine offene Werkstatt zu führen, wohin Leute ihre kaputten Staubsauger, defekten Bügeleisen oder pfeiffenden Radios bringen können, damit er sie ihnen flicke. So wie ich ihn kenne, würde er es den Leuten überlassen, wieviel sie für die Reparatur bezahlten.
*
Elefanten mag ich auch. Ich liebe besonders Filme mit Menschenaffen. Ach, sowas mag ich sehr. Ich bin - da bin ich Dir ein Antipode - ein begeisterter Anhänger des Darwinismus. Und ich weiss, dass sich Euer Papst dazu überwunden hat, hinter mich in meine Reihe zu stehen. Na ja, er ist kein glühender Verehrer von Darwin. Aber er meint, respektive der Vatikan meint, es wäre eine ernst zu nehmende Hypothese. Ich finde, der Darwinismus ist eine gute Theorie, die mich immer wieder schwindeln lässt. Der Schwindel ist vielleicht ähnlich, wie in jenem rubens-ähnlichen Bild. Ach, Marlena, wie gerne würde ich Dir mal meine Dinge zeigen, an denen ich hänge: Bilder, Bücher, Ideen, Zeichnungen, Projekte, kleine und grössere Träumchen. Weshalb können wir das nie in jener sinnlichen und RL Form, in der es so schön und einsichtig wäre?
Wir bewegen uns - notgedrungen - immer auf dem abstrakten VL-Niveau von Ronda.
Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.
Mit lieben Grüssen
Sonntag, 23. Oktober 2011
Magst du Aperos?
...
Magst du Aperos, Marlena? Ach, ich mag sie sehr. Ich finde sie sind
der schönste Teil des Essens. Alles ist noch offen, alle Hoffnungen
berechtigt, alle Wünsche noch gewünscht. Und der Wein in den
leeren Magen macht die Menschen so rasch überraschend vergnügt
und gesprächslustig, wie sie sonst nur nach einem Lottogewinn - also
praktisch nie - werden. Alle sind noch wach und offen und bereit,
am Buffet zu kämpfen. Sie verteidigen die Salmbrötchen, oder sie
kämpfen sich zu den Artischocken-Herzen durch. Andere bauen vor
den Crevetten einen Verteidigungsring. Nur für die nature Brötchen
interessiert sich wieder einmal kein Schwein. Und wohin denn die
Olivensteine? Sie klopfen sich zwischen zwei grossen Bissen, die sie
kaum runterbringen, klopfen sie sich übertrieben vergnügt auf die
Schultern und versprechen sich hohe Summen, die schon bei der
Suppe wieder vergessen sind. Sie planen Geschäfte und grosse
Reisen, sie flirten über den Glasrand hinweg ins nächste Decolletée
und streichen sich selbstverliebt über die Glatze. Sie lassen sich
wieder und wieder nachgiessen und schlucken die Nüsschen
handvollweise. Und je höher der Pegel steigt, desto lauter werden
sie und es wird wirklich allmählich Zeit, dass sie sich zur Suppe
hinsetzen würden.
Ach wie ich das mag, so einen verdorbenen Apero! In unserem
Club haben wir jede Menge davon. Sie sind so dekadent, dass ich
sie geradezu heiss liebe.
...
Magst du Aperos, Marlena? Ach, ich mag sie sehr. Ich finde sie sind
der schönste Teil des Essens. Alles ist noch offen, alle Hoffnungen
berechtigt, alle Wünsche noch gewünscht. Und der Wein in den
leeren Magen macht die Menschen so rasch überraschend vergnügt
und gesprächslustig, wie sie sonst nur nach einem Lottogewinn - also
praktisch nie - werden. Alle sind noch wach und offen und bereit,
am Buffet zu kämpfen. Sie verteidigen die Salmbrötchen, oder sie
kämpfen sich zu den Artischocken-Herzen durch. Andere bauen vor
den Crevetten einen Verteidigungsring. Nur für die nature Brötchen
interessiert sich wieder einmal kein Schwein. Und wohin denn die
Olivensteine? Sie klopfen sich zwischen zwei grossen Bissen, die sie
kaum runterbringen, klopfen sie sich übertrieben vergnügt auf die
Schultern und versprechen sich hohe Summen, die schon bei der
Suppe wieder vergessen sind. Sie planen Geschäfte und grosse
Reisen, sie flirten über den Glasrand hinweg ins nächste Decolletée
und streichen sich selbstverliebt über die Glatze. Sie lassen sich
wieder und wieder nachgiessen und schlucken die Nüsschen
handvollweise. Und je höher der Pegel steigt, desto lauter werden
sie und es wird wirklich allmählich Zeit, dass sie sich zur Suppe
hinsetzen würden.
Ach wie ich das mag, so einen verdorbenen Apero! In unserem
Club haben wir jede Menge davon. Sie sind so dekadent, dass ich
sie geradezu heiss liebe.
...
Samstag, 22. Oktober 2011
Besuch im Wallis - Nostalgie
.
Ämne: RE: Freitag wieder
Datum: den 2 juli 2004 07:06
Brig Foto: Chris
Liebe Malou
Nein, ich bin noch nicht im Wallis und ich habe die kleine Ausfahrt
auch noch nicht geplant. Wenn ich schon fahre, möchte ich schönes
Wetter. Ich finde, das Wallis ist bei schlechtem Wetter wie eine
Dampfkammer. Ich glaube nicht, dass ich diese Enge, die durch eine
tiefe und dichte Bewölkung entsteht, noch lange aushalten würde. Es
gibt zwar im Sommer schöne Situationen, wenn die Nebelschwaden
bis tief herunter hängen. Das kann sehr malerisch sein. Aber natürlich
nicht für einen Touristen wie mich, der einmal im Jahr daherkommt
und alles von der Sonnenseite her sehen möchte.
Nein, das Wallis ist eine Sonnenregion, und so sollte man sie auch
sehen und fotographieren. Was mich noch zögern lässt ist die Frage,
ob ich mit dem Auto oder mit der Eisenbahn losfahren soll. Mit dem
Auto ist es aufwendig. Es ist eine gute 3-Stunden-Fahrt via Bern und
Lausanne. Aber mit dem Auto hätte ich im Wallis die Möglichkeit, in
die Seitentäler hinein zu gehen, kleine Dörfer zu besuchen und die
besten Photo-Punkte aufzusuchen. In der Eisenbahn fährt man ja
eigentlich nur im Eiltempo durch.
Und so würde ich wohl oder übel schliesslich in Brig landen, die
Bahnhofstrasse hinauf schlendern, vielleicht auch noch die
Burgschaft, dieses alte Pflaster unter die Füsse nehmen, auf dem
wir so viele male auf und heruntergerannt waren, und ein paar
Blicke vom alten Kollegium und vom Pensionat, der damaligen
Mädchenschule, nehmen. Ach, ich weiss schon heute, wie sich
das im Herzen anfühlt. Es ist so ähnlich, wie wenn du dich an
einer alten Wunde kratzest. Irgendwie tut es wohl, aber die Wunde
schmerzt auch wieder. Und wenn du dann abends wieder
abreist, hängst du irgendwie in der Luft und bist mehr oder weniger
enttäuscht über all die Dinge und Menschen, die nicht mehr sind. Ich
weiss nicht, ob ich mir soviel Melancholie leisten kann?
Mit dem Auto wäre ich natürlich freier und würde vielleicht eine
kleine Fahrt bis hinauf ins schöne Goms machen. Das ist ein einmalig
schönes Hochtal mit wunderbaren kleinen Dörfern, die noch das alte
Bild erhalten haben mit den Holzbauten. Ich würde vielleicht in der
Nähe Visps hinüber gehen nach Baltschieder, wo am warmen
Sonnenhang praktisch eine neue Ortschaft entstanden ist. Oder ich
würde in Raron aussteigen und hinauf zur Kirche wandern, wo ich
schon in jungen Jahren gerne war, um über das Tal hinweg zu blicken
bis hinunter zum Pfinwald.
Es wäre alles ein bisschen so, wie wenn Du nach vielen Jahren das
Elternhaus wieder besuchst. Du kommst in die alte Stube, alles steht
da wie in einem Traum, du siehst, dass in der Küche noch dieselbe
Ordnung mit denselben Küchengeräten herrscht, und auch in
Deinem Zimmer ist das meiste so geblieben, wie es war. Es ist alles
noch so, wie es damals war, und trotzdem ist es nicht mehr so. Die
Bedeutungen haben sich verändert. Es ist nicht mehr deine Umwelt.
Aber sie hat immer noch deinen Geruch. Mindestens glaubst du, ihn
zu riechen. Ach, es ist wirklich ein merkwürdig melancholisches
Gefühl. Und vor allem denkst du ständig, du würdest irgendwelche
bekannte Menschen treffen. In Brig auf der Strasse, die alten Figuren,
die damals das Zentrum bevölkert haben. Aber nein, keinen einzigen
kennst du. Das macht so ein Gefühl der Irrealität. Du fühlst dich wie
in einem Film, der dir vorspiegelt, du wärst zuhause. Aber all die
Leute, die herumgehen, sind bloss Statisten für deine alte Heimat.
Dabei sind viele von jenen Menschen, die damals bedeutsam waren,
gestorben. Und die Kollegen aus der Schule sind beschäftigt und
kommen nicht auf die Idee, an einem gewöhnlichen Nachmittag die
Bahnhofstrasse auf und ab zu flanieren, um sich alles ganz genau
anzugucken.
Und dann kommen all die Häuser dazu, die neu gebaut worden sind.
Du vermisst die alten Bauten, mit denen du immer noch gerechnet
hast. Und du kannst das alles einfach nicht in solch kurzer Zeit
nachvollziehen, all diese Aenderungen, die gemacht worden sind,
ohne dich (!) anzufragen, ob es auch recht sei. Dies ist die Verletzung,
glaube ich, die man erlebt. Es ist vieles in d e i n e r Landschaft
verändert worden, ohne dass man dich vorher gefragt hätte.
Ach Du siehst, Malou, ein Besuch im Wallis ist ein kompliziertes
Unternehmen. Es ist ähnlich wie die Renovation eines alten Hauses.
Eine solche geht selten ohne Komplikationen ab. Und auch wenn man
sanft renovieren möchte, kommt man oft nicht drum herum, das eine
oder andere herauszureissen und völlig zu ersetzen. Und das Haus ist
nachher nicht mehr, wie es vorher war. Vielleicht ist das die
Anstrengung, die mich erwartet, wenn ich ins Wallis reise. Alle
denken, er macht sich einen schönen, sonnigen Tag. Und dabei
habe ich einen harten Arbeitstag mit Entbehrungen und Schmerzen
und Renovationsarbeiten, so dass der Staub nur so quillt. Da könnte
ich doch hier in der Region Basel bleiben und gemütlich über die
Jurahöhen wandern und in irgend einem Landgasthof einen kalten
Teller essen und ein Bier trinken. Etwa auf der Obetsmatt, wo ich als
Kind in den Ferien hier noch den bekannten Maler Fritz Pümpin des
Baselbietes gesehen hatte.
---
Ach Malou, vielleicht merkst Du, dass ich eigentlich Selbstgespräche
führe. Und es ist dabei schon eine kleine Not, das muss ich zugeben.
Es ist das Gefühl der Not, dass man all diese Gefühle und Situationen
nicht ausdrücken kann. Man kann ihnen keine Form geben. Es
schwebt alles in der eigenen Seele, ungesagt, unbearbeitet.
Ämne: RE: Freitag wieder
Datum: den 2 juli 2004 07:06
Brig Foto: Chris
Liebe Malou
Nein, ich bin noch nicht im Wallis und ich habe die kleine Ausfahrt
auch noch nicht geplant. Wenn ich schon fahre, möchte ich schönes
Wetter. Ich finde, das Wallis ist bei schlechtem Wetter wie eine
Dampfkammer. Ich glaube nicht, dass ich diese Enge, die durch eine
tiefe und dichte Bewölkung entsteht, noch lange aushalten würde. Es
gibt zwar im Sommer schöne Situationen, wenn die Nebelschwaden
bis tief herunter hängen. Das kann sehr malerisch sein. Aber natürlich
nicht für einen Touristen wie mich, der einmal im Jahr daherkommt
und alles von der Sonnenseite her sehen möchte.
Nein, das Wallis ist eine Sonnenregion, und so sollte man sie auch
sehen und fotographieren. Was mich noch zögern lässt ist die Frage,
ob ich mit dem Auto oder mit der Eisenbahn losfahren soll. Mit dem
Auto ist es aufwendig. Es ist eine gute 3-Stunden-Fahrt via Bern und
Lausanne. Aber mit dem Auto hätte ich im Wallis die Möglichkeit, in
die Seitentäler hinein zu gehen, kleine Dörfer zu besuchen und die
besten Photo-Punkte aufzusuchen. In der Eisenbahn fährt man ja
eigentlich nur im Eiltempo durch.
Und so würde ich wohl oder übel schliesslich in Brig landen, die
Bahnhofstrasse hinauf schlendern, vielleicht auch noch die
Burgschaft, dieses alte Pflaster unter die Füsse nehmen, auf dem
wir so viele male auf und heruntergerannt waren, und ein paar
Blicke vom alten Kollegium und vom Pensionat, der damaligen
Mädchenschule, nehmen. Ach, ich weiss schon heute, wie sich
das im Herzen anfühlt. Es ist so ähnlich, wie wenn du dich an
einer alten Wunde kratzest. Irgendwie tut es wohl, aber die Wunde
schmerzt auch wieder. Und wenn du dann abends wieder
abreist, hängst du irgendwie in der Luft und bist mehr oder weniger
enttäuscht über all die Dinge und Menschen, die nicht mehr sind. Ich
weiss nicht, ob ich mir soviel Melancholie leisten kann?
Mit dem Auto wäre ich natürlich freier und würde vielleicht eine
kleine Fahrt bis hinauf ins schöne Goms machen. Das ist ein einmalig
schönes Hochtal mit wunderbaren kleinen Dörfern, die noch das alte
Bild erhalten haben mit den Holzbauten. Ich würde vielleicht in der
Nähe Visps hinüber gehen nach Baltschieder, wo am warmen
Sonnenhang praktisch eine neue Ortschaft entstanden ist. Oder ich
würde in Raron aussteigen und hinauf zur Kirche wandern, wo ich
schon in jungen Jahren gerne war, um über das Tal hinweg zu blicken
bis hinunter zum Pfinwald.
Es wäre alles ein bisschen so, wie wenn Du nach vielen Jahren das
Elternhaus wieder besuchst. Du kommst in die alte Stube, alles steht
da wie in einem Traum, du siehst, dass in der Küche noch dieselbe
Ordnung mit denselben Küchengeräten herrscht, und auch in
Deinem Zimmer ist das meiste so geblieben, wie es war. Es ist alles
noch so, wie es damals war, und trotzdem ist es nicht mehr so. Die
Bedeutungen haben sich verändert. Es ist nicht mehr deine Umwelt.
Aber sie hat immer noch deinen Geruch. Mindestens glaubst du, ihn
zu riechen. Ach, es ist wirklich ein merkwürdig melancholisches
Gefühl. Und vor allem denkst du ständig, du würdest irgendwelche
bekannte Menschen treffen. In Brig auf der Strasse, die alten Figuren,
die damals das Zentrum bevölkert haben. Aber nein, keinen einzigen
kennst du. Das macht so ein Gefühl der Irrealität. Du fühlst dich wie
in einem Film, der dir vorspiegelt, du wärst zuhause. Aber all die
Leute, die herumgehen, sind bloss Statisten für deine alte Heimat.
Dabei sind viele von jenen Menschen, die damals bedeutsam waren,
gestorben. Und die Kollegen aus der Schule sind beschäftigt und
kommen nicht auf die Idee, an einem gewöhnlichen Nachmittag die
Bahnhofstrasse auf und ab zu flanieren, um sich alles ganz genau
anzugucken.
Und dann kommen all die Häuser dazu, die neu gebaut worden sind.
Du vermisst die alten Bauten, mit denen du immer noch gerechnet
hast. Und du kannst das alles einfach nicht in solch kurzer Zeit
nachvollziehen, all diese Aenderungen, die gemacht worden sind,
ohne dich (!) anzufragen, ob es auch recht sei. Dies ist die Verletzung,
glaube ich, die man erlebt. Es ist vieles in d e i n e r Landschaft
verändert worden, ohne dass man dich vorher gefragt hätte.
Ach Du siehst, Malou, ein Besuch im Wallis ist ein kompliziertes
Unternehmen. Es ist ähnlich wie die Renovation eines alten Hauses.
Eine solche geht selten ohne Komplikationen ab. Und auch wenn man
sanft renovieren möchte, kommt man oft nicht drum herum, das eine
oder andere herauszureissen und völlig zu ersetzen. Und das Haus ist
nachher nicht mehr, wie es vorher war. Vielleicht ist das die
Anstrengung, die mich erwartet, wenn ich ins Wallis reise. Alle
denken, er macht sich einen schönen, sonnigen Tag. Und dabei
habe ich einen harten Arbeitstag mit Entbehrungen und Schmerzen
und Renovationsarbeiten, so dass der Staub nur so quillt. Da könnte
ich doch hier in der Region Basel bleiben und gemütlich über die
Jurahöhen wandern und in irgend einem Landgasthof einen kalten
Teller essen und ein Bier trinken. Etwa auf der Obetsmatt, wo ich als
Kind in den Ferien hier noch den bekannten Maler Fritz Pümpin des
Baselbietes gesehen hatte.
---
Ach Malou, vielleicht merkst Du, dass ich eigentlich Selbstgespräche
führe. Und es ist dabei schon eine kleine Not, das muss ich zugeben.
Es ist das Gefühl der Not, dass man all diese Gefühle und Situationen
nicht ausdrücken kann. Man kann ihnen keine Form geben. Es
schwebt alles in der eigenen Seele, ungesagt, unbearbeitet.
Donnerstag, 20. Oktober 2011
Dinkies und Schulstress
Ämne: :-D
Datum: den 23 oktober 2002 19:07
Lieber ...,
Noch einmal habe ich dein lustiges Mail durchgelesen und ich kann es nicht seinlassen zu lachen. Du bist sehr witzig!
Erst habe ich über deine Ideen über die Strafsteuer für Kinderlose gelacht. Ich finde es ganz ausgezeichnet! Aber sag mal, sind denn Kinderfamilien bei euch nicht vom Staat unterstützt? Bei uns kriegen die Kinder so rund 1.000:- /Monat Kindergeld. Na ja, es reicht nicht zu besonders viel von all dem was Kinder brauchen. Man diskutiert auch im Moment wie man vielleicht zu einem dritten Kind anregen könnte indem man für dieses dritte einen höheren Beitrag bezahlt. Ich glaube Frankreich ist da ein Musterland, aber du kennst dich sicher darin ebensogut aus wie ich.
Du beneidest sie ein bisschen diese Dinkies. Aber warum eigentlich? Schau, sie haben eine ganze Dimension des Lebens verpasst - und viele nicht freiwillig. Man weiss so wenig über die Menschen und ihre innersten Bewegungsgründe. Könntest du dir vorstellen, die schönen Jahre (sicher auch anstrengenden) als deine Töchter noch klein waren, gegen ein Dinky-leben auszutauschen?
Ich glaube dir schon, dass man in der Schweiz sehr gut verdient. Ganz anders als hier. Ich wage nicht einmal nachzurechnen wieviel Steuer ich zahle wenn ich alle die nicht-lohn-steuern dazu zähle. Ich beneide selten Leute wegen ihrem Geld. Na ja, lass mich sagen ich beneide manche um ihre Freizeit, die sie natürlich auch nur haben weil sie genug Geld haben um nicht so viel arbeiten zu müssen. Aber Glück kann man auch ohne Geld finden. Einen Mausfreund wie dich kann man nicht kaufen - und ich würde dich nicht gegen alles Geld in der Welt austauschen.. Glaubst du mir das?
Ja, die Messe war bestimmt etwas ganz Exeptionelles. Ich hätte sie ja gern gesehen. Und einen solchen "grädd-fil" für die VIPs ist natürlich eine gute Sache dabei. Hast du dir das Programm von der Schulmesse hier angeschaut? Schade dass du nicht schwedisch kannst. Die Titel der Seminare sagen viel. Schau sie dir mal an: http://www.skolforum.com/ Du klickst links auf dem gelben Feld auf "seminarier". Da findest du u.a.
*Schulstress bei Personal und Schülern - Probleme und Lösungen,
*Stress, Drohungen und Gewalt in der Schule
*Die Bedeutung des Leiters für das Wohlbefinden des Individuums,
und vieles mehr. Ich glaube du kannst sogar selbst herausfinden was die Titel bedeuten.
Du nennst viele Worte die auch bei uns sehr aktuell sind, wie z.B. Qualitätssicherung. Und während man davon spricht sinkt die Qualität ständig. Weisst du .., du kannst dir kaum vorstellen was da in den letzten Jahren passiert ist. Es hat natürlich auch ganz offenbare und konkrete Erklärungen dazu. Aber wenn man die beachten würde, würde man vielen "Schwäzern" das Brot aus dem Mund nehmen. So redet man getrost weiter..
Nein, ich bin nicht desillusioniert.. nicht ganz. Meine neue grosse Klasse macht mir viel Freude. Es gibt Schüler darin die fast nichts können nach drei Jahren französisch an der Grundschule aber wir lernen fleissig und haben Spass dabei. Das letztere ist sehr wichtig.
Hast du den Eindruck dass ich dauernd korrigiere? Nun ja, wenn man 8 Klassen hat und jede kriegt drei grössere schriftliche Prüfungen im Semester (halbes Schuljahr) dann kannst du ja ausrechnen wie oft es passiert. Vielleicht liebe ich es auch dir davon zu erzählen weil du glauben sollst dass ich viel arbeite ;-))
Aber es ist wahr, jedenfalls die Sprachlehrer haben eine sehr grosse Arbeitsbürde. Man kann kaum eine Beschäftigung daneben haben, die Zeit verlangt, eine Familie z.B..
Hier regnet es stark und der Regen trümmert nur so gegen die Fensterscheiben. Dann ist es schön in der Stube zu sein.
(...)
Es riecht nach fertiggebratenem Hähnchen aus der Küche. Es ist schon spät für unsere Verhältnisse (hier isst man meistens so um 17.00 Uhr). Aber es macht nichts. Bin ja allein.
So grüsse ich dich lieb und warte schon gespannt und auch etwas ängstlich auf die "Aufklärungsstunde". ;-)
Ich liebe dich.. oh, sorry, meine Finger machen sich selbständig hier am PC. :-)
Liebe Grüsse
Marlena
Expo 02
Ämne: mifrümo
Datum: den 23 oktober 2002 07:02
(2)
*
Jetzt ist unsere Expo vorüber. Schade, dass Du sie nicht besucht hast. Hätte
ich doch eigentlich von Dir erwartet. Und es wäre die Reise doch wert
gewesen. Es gibt nun in den öffentlichen Medien jede Menge von Diskussionen
darüber, ob eine solche nationale Ausstellung überhaupt sinnvoll sei, ob sie
das viele Geld wert wäre und so weiter und so fort. Ich glaube, ich habe
erzählt, wie sehr mich die Expo 02 an jene von 1964 erinnert hatte, die wir
am Genfersee aus dem Wallis sehr leicht und bequem erreichen konnten. Ich
glaube, ich war etwa 3 mal in jener Expo, und es war damals wohl auch mehr
oder weniger das erste Mal, dass ich allein über die Kantonsgrenze hinaus
reisen konnte. Das war ein ziemlich aufregendes Ereignis, und ich erinnere
mich daran, wie interessiert ich war, junge Menschen in meinem Alter zu
treffen, zu sehen, mich mit ihnen zu vergleichen, mich irgendwie mit einem
grösseren Kreis in Verbindung zu setzen, als dies im engen Wallis möglich
war. Ich erinnere mich, dass ich damals ein kleines Taschenbüchlein gekauft
habe mit dem Titel "Grieche sucht Griechin". Das ist die kleine Posse von
Dürrenmatt.
Na ja, mittlerweile hat der unruhige Grieche seine Griechin gefunden,
vielleicht sind die beiden schon wieder geschieden. Die Expo 02 war dagegen
gekennzeichnet durch die vielen Besucher. Es gab 10 Mio Eintritte, und das
ist doch sehr gut angesichts der Tatsache, dass wir bloss ca. 7.5 Mio
Einwohner haben. Die vielen Warteschlangen auf den Arteplages sind
mittlerweile sprichwörtlich geworden. Und das hat auch dazu geführt, dass
ich lange gezögert hatte, überhaupt dorthin zu gehen. Ich mag die Warterei
nicht. Wir haben ja dann ein Zusatzbillet gekauft, die eine Führung
beinhaltete, und die es erlaubte, die Wartezeiten zu umgehen. Das war gut.
Immerhin muss man den Veranstaltern zugute halten, dass auf dem
Ausstellungsgelände maskierte Figuren auf Stelzen die Leute belustigt und
unterhalten haben. Sie trugen fantastische Kostüme, waren allein durch ihre
grosse Gestalt von den übrigen Menschen entrückt und spielten teilweise
recht lustige Spiele. Wir haben uns auf jeden Fall amüsiert, als wir einige
dieser spontanten Szenen beobachten konnten. Und ich glaube, dass man für
diese Attraktion echte Schauspieler angestellt hatte. Sie haben ihre Sache
auf jeden Fall sehr gut gemacht, und dabei machten sie ihren Part nur als
kleine Nebensächlichkeit in der ganzen Veranstaltung.
*
Was ich meine mit der Umschreibung, Sex zu substituieren, das erkläre ich
ein andermal. Das ist so ernst wie eine echte Aufklärungsstunde §;-- )
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...
Datum: den 23 oktober 2002 07:02
(2)
*
Jetzt ist unsere Expo vorüber. Schade, dass Du sie nicht besucht hast. Hätte
ich doch eigentlich von Dir erwartet. Und es wäre die Reise doch wert
gewesen. Es gibt nun in den öffentlichen Medien jede Menge von Diskussionen
darüber, ob eine solche nationale Ausstellung überhaupt sinnvoll sei, ob sie
das viele Geld wert wäre und so weiter und so fort. Ich glaube, ich habe
erzählt, wie sehr mich die Expo 02 an jene von 1964 erinnert hatte, die wir
am Genfersee aus dem Wallis sehr leicht und bequem erreichen konnten. Ich
glaube, ich war etwa 3 mal in jener Expo, und es war damals wohl auch mehr
oder weniger das erste Mal, dass ich allein über die Kantonsgrenze hinaus
reisen konnte. Das war ein ziemlich aufregendes Ereignis, und ich erinnere
mich daran, wie interessiert ich war, junge Menschen in meinem Alter zu
treffen, zu sehen, mich mit ihnen zu vergleichen, mich irgendwie mit einem
grösseren Kreis in Verbindung zu setzen, als dies im engen Wallis möglich
war. Ich erinnere mich, dass ich damals ein kleines Taschenbüchlein gekauft
habe mit dem Titel "Grieche sucht Griechin". Das ist die kleine Posse von
Dürrenmatt.
Na ja, mittlerweile hat der unruhige Grieche seine Griechin gefunden,
vielleicht sind die beiden schon wieder geschieden. Die Expo 02 war dagegen
gekennzeichnet durch die vielen Besucher. Es gab 10 Mio Eintritte, und das
ist doch sehr gut angesichts der Tatsache, dass wir bloss ca. 7.5 Mio
Einwohner haben. Die vielen Warteschlangen auf den Arteplages sind
mittlerweile sprichwörtlich geworden. Und das hat auch dazu geführt, dass
ich lange gezögert hatte, überhaupt dorthin zu gehen. Ich mag die Warterei
nicht. Wir haben ja dann ein Zusatzbillet gekauft, die eine Führung
beinhaltete, und die es erlaubte, die Wartezeiten zu umgehen. Das war gut.
Immerhin muss man den Veranstaltern zugute halten, dass auf dem
Ausstellungsgelände maskierte Figuren auf Stelzen die Leute belustigt und
unterhalten haben. Sie trugen fantastische Kostüme, waren allein durch ihre
grosse Gestalt von den übrigen Menschen entrückt und spielten teilweise
recht lustige Spiele. Wir haben uns auf jeden Fall amüsiert, als wir einige
dieser spontanten Szenen beobachten konnten. Und ich glaube, dass man für
diese Attraktion echte Schauspieler angestellt hatte. Sie haben ihre Sache
auf jeden Fall sehr gut gemacht, und dabei machten sie ihren Part nur als
kleine Nebensächlichkeit in der ganzen Veranstaltung.
*
Was ich meine mit der Umschreibung, Sex zu substituieren, das erkläre ich
ein andermal. Das ist so ernst wie eine echte Aufklärungsstunde §;-- )
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...
Mittwoch, 19. Oktober 2011
Re: Klassenopas
Ämne: mifrümo
Datum: den 23 oktober 2002 07:02
Liebe Marlena
Ja, ich bin wieder etwas früh dran. Irgendwie mache ich einfach meine
Freizeit frühmorgens. Ist doch auch ein Weg, und dazu antizyklisch.
Ich bin begeistert von den guten Ideen, die mir von Schweden zukommen, mit
anderen Worten, die Du mir zuflüsterst. Einen Klassenopa finde ich eine ganz
wunderbare Sache. Habt ihr sie in Schweden denn wieder abgeschafft, oder
sind sie von der Jungmannschaft vertrieben worden? Bei uns ist das Problem,
dass jede Lösung relativ teuer wird. Wenn man offiziell Opas einladet,
bekommen sie eine Entschädigung, sie bekommen eine Versicherung. Sie müssen
ein Zimmer im Schulhaus haben, um sich zu treffen. Bald werden sie eine
Opa-Gewerkschaft gründen. Und die Kosten steigen und steigen. Seit man die
Hausfrauenarbeit auch in Geld umrechen will, steigen die Lebenskosten, dass
wir es uns kaum mehr leisten können. Ich bin der Meinung, dass unsere Löhne
viel zu hoch sind. Sie sind zu hoch vor allem für Dinkies, die
double-income-no-kids-Leute. Und davon gibt es ja einige. Es kann doch nicht
sein, dass einer mit seinem Lohn eine ganze Familie unterhalten muss,
während der andere alles für sich selbst ausgibt. Dazu hat der Vamilienvater
noch häusliche Pflichten, die zu seiner Arbeit dazukommen. Ich bin folglich
weniger für eine Kindersteuer, die ich an sich ganz reizvoll finde, ich bin
eher für eine Steuer für Kinderlose. Ich würde sagen: Strafgebühr für
unterlassene Nachkommenschaft. Wäre toll: einen UN-Strafzettel im
Briefkasten zu finden. Und die einzige Gegenmassnahme wäre, mit Verlaub,
platter Sex. Mit anderen Worten, alle Leute müssten sich wieder etwas mehr
mit dem Ziel der menschlichen Existenz, mit der Liebe beschäftigen. Und das
wäre doch wirklich sehr vernünftig. Man kann diese Kinderlosigkeit gar nicht
hoch genug bestrafen. Und all die Menschen, die im Alter allein
dahinvegetieren, weil sie keine Nachkommen haben, sie sind selbst schuld.
Sie sollen vegetieren, meinetwegen an der Costa Brave. Mein einziges
Problem, dass diese asoziale Gruppe von Menschen ihr leben noch geniesst.
Das ist unhaltbar.
*
Meine Mitarbeiter sind alles andere als perfekt, sowenig, wie ihr Chef
perfekt ist. Auf diese gefährlich hohen Standardbezeichnungen wollen wir uns
schon gar nicht hinausbegeben. Wir liegen gut im Durchschnitt, in der guten
Hälfte des Durchschnitts allenfalls.
Die Informationsveranstaltung heute ist gedacht für Lehrkräfte. Stress- und
Zeitmanagement ist nur ein Thema unter mehreren, und betrifft natürlich u.a.
die eigene Kompetenz, mit diesen Anforderungen umzugehen. Andere Themen sind
Leitung von Schulen, Qualitätssicherung, Führung, Kommunikation, Umgang mit
Aengsten + Depression, Elternarbeit, Qualitätssicherung im Unterricht,
Umgang mit Emotionen. ...
Datum: den 23 oktober 2002 07:02
Liebe Marlena
Ja, ich bin wieder etwas früh dran. Irgendwie mache ich einfach meine
Freizeit frühmorgens. Ist doch auch ein Weg, und dazu antizyklisch.
Ich bin begeistert von den guten Ideen, die mir von Schweden zukommen, mit
anderen Worten, die Du mir zuflüsterst. Einen Klassenopa finde ich eine ganz
wunderbare Sache. Habt ihr sie in Schweden denn wieder abgeschafft, oder
sind sie von der Jungmannschaft vertrieben worden? Bei uns ist das Problem,
dass jede Lösung relativ teuer wird. Wenn man offiziell Opas einladet,
bekommen sie eine Entschädigung, sie bekommen eine Versicherung. Sie müssen
ein Zimmer im Schulhaus haben, um sich zu treffen. Bald werden sie eine
Opa-Gewerkschaft gründen. Und die Kosten steigen und steigen. Seit man die
Hausfrauenarbeit auch in Geld umrechen will, steigen die Lebenskosten, dass
wir es uns kaum mehr leisten können. Ich bin der Meinung, dass unsere Löhne
viel zu hoch sind. Sie sind zu hoch vor allem für Dinkies, die
double-income-no-kids-Leute. Und davon gibt es ja einige. Es kann doch nicht
sein, dass einer mit seinem Lohn eine ganze Familie unterhalten muss,
während der andere alles für sich selbst ausgibt. Dazu hat der Vamilienvater
noch häusliche Pflichten, die zu seiner Arbeit dazukommen. Ich bin folglich
weniger für eine Kindersteuer, die ich an sich ganz reizvoll finde, ich bin
eher für eine Steuer für Kinderlose. Ich würde sagen: Strafgebühr für
unterlassene Nachkommenschaft. Wäre toll: einen UN-Strafzettel im
Briefkasten zu finden. Und die einzige Gegenmassnahme wäre, mit Verlaub,
platter Sex. Mit anderen Worten, alle Leute müssten sich wieder etwas mehr
mit dem Ziel der menschlichen Existenz, mit der Liebe beschäftigen. Und das
wäre doch wirklich sehr vernünftig. Man kann diese Kinderlosigkeit gar nicht
hoch genug bestrafen. Und all die Menschen, die im Alter allein
dahinvegetieren, weil sie keine Nachkommen haben, sie sind selbst schuld.
Sie sollen vegetieren, meinetwegen an der Costa Brave. Mein einziges
Problem, dass diese asoziale Gruppe von Menschen ihr leben noch geniesst.
Das ist unhaltbar.
*
Meine Mitarbeiter sind alles andere als perfekt, sowenig, wie ihr Chef
perfekt ist. Auf diese gefährlich hohen Standardbezeichnungen wollen wir uns
schon gar nicht hinausbegeben. Wir liegen gut im Durchschnitt, in der guten
Hälfte des Durchschnitts allenfalls.
Die Informationsveranstaltung heute ist gedacht für Lehrkräfte. Stress- und
Zeitmanagement ist nur ein Thema unter mehreren, und betrifft natürlich u.a.
die eigene Kompetenz, mit diesen Anforderungen umzugehen. Andere Themen sind
Leitung von Schulen, Qualitätssicherung, Führung, Kommunikation, Umgang mit
Aengsten + Depression, Elternarbeit, Qualitätssicherung im Unterricht,
Umgang mit Emotionen. ...
Klassenopas und neue Regierung
Ämne: Was auch immer..
Datum: den 22 oktober 2002 18:54
Lieber ...,
Eigentlich bin ich jetzt hier reingegangen ohne irgendwelche Hoffnung etwas zu finden. Und siehe da! Schon die 1 (eins) in der Mailbox lässt mich hoffen - es muss ja von dir sein, denn ich verwende diese Adresse ausschliesslich für dich. Aber doch kommt mir kurz der Gedanke dass es spam sein könnte...
Ja, du hast es gut. Perfekte Mitarbeiter die alles nach deinem Wunsch ausrichten. Manchmal denke ich dass man Stress in der Schule minimieren könnte wenn man immer zwei Lehrkräfte zusammen arbeiten liesse. Aber dann müssen diese wiederum zusammen arbeiten können.. Oder vielleicht ein Assistent? Bei uns hat man Versuche gemacht mit älteren Männern, die man in den Klassen der jungen Schüler dabei sein lässt. Eine Art von Klassenopa. Und sieh da, alles hat sich sofort zum Besseren verändert. Ruhe, Ordnung, mehr Lust am Lernen.. es war eine reine Freude hinzusehen. Und man hatte das Gefühl dass die Kinder durch seine Gegenwart harmonischer wurden. Das Mobbing verschwand denn niemand hatte Zeit für solche Dinge und ausserdem war da ja jemand der alles sehen konnte. Ich glaube viele ältere Menschen könnten einiges ausrichten in den Schulen. Es gibt ausserdem ziemlich viel junge Leute die fast nie mit einem männlichen Vorbild in Kontakt kommen. Auch für sie ist es gut.
Ich habe einen langen Tag hinter mir. Schon vor meiner ersten Stunde hatte ich Konferenzen. Und dann ging es weiter bis spät am Nachmittag. Da war ich so müde dass ich nicht einmal heimgehn wollte. Stattdessen habe ich G (Geschichte und Schwedisch) in ihrem Arbeitszimmer aufgesucht und wir haben mit zwei anderen ebenfalls Schwedischlehrern eine gute Stunde so richtig gemütlich geplaudert und dabei einen kleinen Cappucino getrunken.
Jetzt habe ich zu Abend gegessen und sollte was nützliches tun, aber ich bin zu müde. Und wenn ich mich jetzt hinlegen würde, bin ich nicht sicher dass ich vor Mitternacht aufwache. Das klingt alles ganz schrecklich und es tut mir leid dass ich meinem lieben Mausfreund von solchen Dingen schreibe. Doch es ist mein RL.
Göran Persson hat seine neue Regierung vorgestellt und böse Zungen sagen "Er wählt nur Personen mit wenig Erfahrung damit er alles selbst bestimmen kann". Es liegt viel darin. Eine "biträdande" (wie sagt man? extra, neben der richtigen?) Schulministerin ist 28 Jahre alt. Ich habe an mich selbst in dem Alter zurückgedacht und muss sagen dass meine Erfahrungen nicht für einen Ministerposten gereicht hätten. Zwar war ich ziemlich keck und selbstbewusst und habe meine Kollegen, die kleine Kinder hatten zur Verzweiflung gebracht mit Äusserungen wie: "Ich finde man sollte Kindersteuer zahlen genau wie man Hundesteuer bezahlen muss". Später habe ich darüber gelacht und mich gewundert dass sie mich trotzdem gern hatten.
Ich lasse dich wieder mit einem lieben
U+K
Marlena
Datum: den 22 oktober 2002 18:54
Lieber ...,
Eigentlich bin ich jetzt hier reingegangen ohne irgendwelche Hoffnung etwas zu finden. Und siehe da! Schon die 1 (eins) in der Mailbox lässt mich hoffen - es muss ja von dir sein, denn ich verwende diese Adresse ausschliesslich für dich. Aber doch kommt mir kurz der Gedanke dass es spam sein könnte...
Ja, du hast es gut. Perfekte Mitarbeiter die alles nach deinem Wunsch ausrichten. Manchmal denke ich dass man Stress in der Schule minimieren könnte wenn man immer zwei Lehrkräfte zusammen arbeiten liesse. Aber dann müssen diese wiederum zusammen arbeiten können.. Oder vielleicht ein Assistent? Bei uns hat man Versuche gemacht mit älteren Männern, die man in den Klassen der jungen Schüler dabei sein lässt. Eine Art von Klassenopa. Und sieh da, alles hat sich sofort zum Besseren verändert. Ruhe, Ordnung, mehr Lust am Lernen.. es war eine reine Freude hinzusehen. Und man hatte das Gefühl dass die Kinder durch seine Gegenwart harmonischer wurden. Das Mobbing verschwand denn niemand hatte Zeit für solche Dinge und ausserdem war da ja jemand der alles sehen konnte. Ich glaube viele ältere Menschen könnten einiges ausrichten in den Schulen. Es gibt ausserdem ziemlich viel junge Leute die fast nie mit einem männlichen Vorbild in Kontakt kommen. Auch für sie ist es gut.
Ich habe einen langen Tag hinter mir. Schon vor meiner ersten Stunde hatte ich Konferenzen. Und dann ging es weiter bis spät am Nachmittag. Da war ich so müde dass ich nicht einmal heimgehn wollte. Stattdessen habe ich G (Geschichte und Schwedisch) in ihrem Arbeitszimmer aufgesucht und wir haben mit zwei anderen ebenfalls Schwedischlehrern eine gute Stunde so richtig gemütlich geplaudert und dabei einen kleinen Cappucino getrunken.
Jetzt habe ich zu Abend gegessen und sollte was nützliches tun, aber ich bin zu müde. Und wenn ich mich jetzt hinlegen würde, bin ich nicht sicher dass ich vor Mitternacht aufwache. Das klingt alles ganz schrecklich und es tut mir leid dass ich meinem lieben Mausfreund von solchen Dingen schreibe. Doch es ist mein RL.
Göran Persson hat seine neue Regierung vorgestellt und böse Zungen sagen "Er wählt nur Personen mit wenig Erfahrung damit er alles selbst bestimmen kann". Es liegt viel darin. Eine "biträdande" (wie sagt man? extra, neben der richtigen?) Schulministerin ist 28 Jahre alt. Ich habe an mich selbst in dem Alter zurückgedacht und muss sagen dass meine Erfahrungen nicht für einen Ministerposten gereicht hätten. Zwar war ich ziemlich keck und selbstbewusst und habe meine Kollegen, die kleine Kinder hatten zur Verzweiflung gebracht mit Äusserungen wie: "Ich finde man sollte Kindersteuer zahlen genau wie man Hundesteuer bezahlen muss". Später habe ich darüber gelacht und mich gewundert dass sie mich trotzdem gern hatten.
Ich lasse dich wieder mit einem lieben
U+K
Marlena
Dienstag, 18. Oktober 2011
Unterschiede zwischen den Geschlechtern
.
Subject : Re: schiffbrüchig ????
Mit anderen Worten, mehr und mehr glaube ich, die Aussage, Mann und Frau seien im wesentlichen gleich, sei eine pure Ideologie. Und ich glaube, es ist nützlicher, wenn man die Unterschiede nicht vergisst. Natürlich gibt es Dinge, in denen die Frauen absolut gleich behandelt werden sollen wie die Männer. Das betrifft die Arbeit, den Lohn, die Sozialleistungen. Aber schon hier gibt es Unterschiede. Frauen leben länger. Frauen haben sich, sofern sie einen Wunsch nach Kindern haben, danach zu richten. Sie müssen ihr Berufsleben mindestens teilweise dem Interesse der Kinder unterordnen.
Aber ich muss schon auch sagen, dass ich diesen neuen Trend eigentlich konservativ finde. Und das behagt mir nicht allzu sehr.
*
Es ist für mich erstaunlich, wie sehr in alten Gesellschaften, etwas in Persien, oder in den südeuropäischen Ländern, die Männer und Frauen praktisch in zwei getrennten Gesellschaften leben. Den ganzen Tag sind Frauen unter Frauen, Männer unter Männern. Und noch in den Familien sind die Sphären einigermassen getrennt. Man hat den Eindruck, die einzige Berührung der beiden Geschlechter sei nur im Bett möglich. Das ist sozusagen der einzige Schlüssellochkontakt. Aber im übrigen haben die Männer ihre Welt und die Frauen ihre Welt. Das ist ungefähr so wie im kalten Krieg. Nun ja, so war es auch bei uns sagen wir vor knapp hundert Jahren. Und dann erinnere ich mich schwach daran, dass ich eine Mittelschule besucht habe, wo es ein einziges Mädchen gab. Sie war die erste. Und auch das war nur in den letzten Jahren meiner Zeit an dieser Schule.
*
In Persien gibt es heute noch eine grosse Solidarität unter den Frauen. Sie helfen sich gegenseitig. Sie schützen sich. Sie haben ihre eigenen Partys und ihre eigenen sozialen Kontakte. Und sie sind ziemlich stark miteinander.
*
Ich glaube, die Angleichung der Geschlechter führt zu einem Verlust an erotischer Romantik. Man bewegt sich in einer Art lockerer Kumpanei. Sex wird dabei rar. Es ist nicht mehr diese erotische Spannung, die zwischen den Geschlechtern spielt, sondern eine Art Spiegelung. Und das ist gänzlich ohne Geheimnisse.
Doch wenn ich meine Töchter anschaue, und die Daily Soapes, und wenn ich sehe, wie sich die jungen Frauen heute anziehen, dann denke ich, der Trend, dass sich die Geschlechter wieder anfangen zu unterscheiden, hat bereits begonnen.
*
Weshalb erzählst Du nicht von der Rede für Deine Freundin? Das würde ich gerne hören. Wie war es? Wann war es? Und wie kam es, dass Du sprechen musstest?
*
Jetzt muss ich schliessen. Ich muss noch die Küche aufräumen. Sie sieht aus wie nach der Alexanderschlacht!
Ich wünsche Dir einen schönen Rest der Woche.
Gruss
...
Subject : Re: schiffbrüchig ????
Date : Wed, 29 Aug 2001 19:38:57 +0000
(2)
Eigentlich war ich vorher gleicher Meinung wie Du. Man sollte die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht zu gross machen. Aber seither bin ich mir da nicht mehr so sicher. Nun ja, schon vor Schwanitz hatte ich meine Zweifel. Und er hat sie mir bestätigt. Es gibt eben doch wesentliche Unterschiede. Und ich glaube, die Tatsache der vielen Scheidungen heutzutage hängt damit zusammen, dass man denkt, Frau und Mann seien gleich, während sie es absolut nicht sind.(2)
Mit anderen Worten, mehr und mehr glaube ich, die Aussage, Mann und Frau seien im wesentlichen gleich, sei eine pure Ideologie. Und ich glaube, es ist nützlicher, wenn man die Unterschiede nicht vergisst. Natürlich gibt es Dinge, in denen die Frauen absolut gleich behandelt werden sollen wie die Männer. Das betrifft die Arbeit, den Lohn, die Sozialleistungen. Aber schon hier gibt es Unterschiede. Frauen leben länger. Frauen haben sich, sofern sie einen Wunsch nach Kindern haben, danach zu richten. Sie müssen ihr Berufsleben mindestens teilweise dem Interesse der Kinder unterordnen.
Aber ich muss schon auch sagen, dass ich diesen neuen Trend eigentlich konservativ finde. Und das behagt mir nicht allzu sehr.
*
Es ist für mich erstaunlich, wie sehr in alten Gesellschaften, etwas in Persien, oder in den südeuropäischen Ländern, die Männer und Frauen praktisch in zwei getrennten Gesellschaften leben. Den ganzen Tag sind Frauen unter Frauen, Männer unter Männern. Und noch in den Familien sind die Sphären einigermassen getrennt. Man hat den Eindruck, die einzige Berührung der beiden Geschlechter sei nur im Bett möglich. Das ist sozusagen der einzige Schlüssellochkontakt. Aber im übrigen haben die Männer ihre Welt und die Frauen ihre Welt. Das ist ungefähr so wie im kalten Krieg. Nun ja, so war es auch bei uns sagen wir vor knapp hundert Jahren. Und dann erinnere ich mich schwach daran, dass ich eine Mittelschule besucht habe, wo es ein einziges Mädchen gab. Sie war die erste. Und auch das war nur in den letzten Jahren meiner Zeit an dieser Schule.
*
In Persien gibt es heute noch eine grosse Solidarität unter den Frauen. Sie helfen sich gegenseitig. Sie schützen sich. Sie haben ihre eigenen Partys und ihre eigenen sozialen Kontakte. Und sie sind ziemlich stark miteinander.
*
Ich glaube, die Angleichung der Geschlechter führt zu einem Verlust an erotischer Romantik. Man bewegt sich in einer Art lockerer Kumpanei. Sex wird dabei rar. Es ist nicht mehr diese erotische Spannung, die zwischen den Geschlechtern spielt, sondern eine Art Spiegelung. Und das ist gänzlich ohne Geheimnisse.
Doch wenn ich meine Töchter anschaue, und die Daily Soapes, und wenn ich sehe, wie sich die jungen Frauen heute anziehen, dann denke ich, der Trend, dass sich die Geschlechter wieder anfangen zu unterscheiden, hat bereits begonnen.
*
Weshalb erzählst Du nicht von der Rede für Deine Freundin? Das würde ich gerne hören. Wie war es? Wann war es? Und wie kam es, dass Du sprechen musstest?
*
Jetzt muss ich schliessen. Ich muss noch die Küche aufräumen. Sie sieht aus wie nach der Alexanderschlacht!
Ich wünsche Dir einen schönen Rest der Woche.
Gruss
...
Abonnieren
Posts (Atom)



