Samstag, 30. November 2019

New York rückt näher.







Ja, New York rückt näher. Am 18. August werde ich abfliegen und am 2. September zurückkehren. Ich nehme wirklich immer wieder Anläufe, mich auf diesen Aufenthalt zu freuen. Und ich glaube, dass es mir schliesslich gelingen wird. Letzten Sonntag hatte ich einen Arbeitskollegen mit seiner Frau im Museum getroffen. Das Gespräch kam auf meine Pläne. Die beiden waren voller Begeisterung für NY. Besonders die Frau, die es offenbar mag, Museen und Gallerien zu besuchen. Ach, sie war ganz hingerissen und ich glaube, am liebsten wäre sie mitgekommen. Ihr letzter Aufenthalt war offenbar schon 7 Jahre alt.

Ich hatte den Einfall, dass ich meine In-line-Skates nach NY mitnehmen könnte. Vorgestern bin ich damit etwa 15 km gefahren um zu sehen, ob ich das überhaupt noch kann. Ich merke, dass das Training fehlt. Aber eigentlich sollte es möglich sein. Ich könnte so den Central Park durchqueren. Oder ich könnte hinunter ans Ende von Manhattan rollen, zum Battery Park, wo man die Freiheitsstatue auf der Insel draussen sieht. Na ja, vielleicht brauchen diese Skates ein bisschen viel Platz im Koffer. Und wenn die Gehsteige voller Leute sind, ist man mit Rollschuhen eher etwas behindert. Aber die Idee ist doch nicht schlecht, oder? Ich hatte mir immer gewünscht, eine unbekannte Stadt rollenderweise zu erkunden. Und weshalb sollte es nicht NY sein?

---
Ich fahre als Tourist. Der Kurs ist nur eine Nebensache. Wer nämlich in den USA heute eine Schule besuchen will, muss harte Prüfungen und einen elenden Papierkrieg durchstehen. Das will ich nicht. So kann ich ohne Visum reisen und ich erwarte bloss, dass man mich bei der Einreise ausfragen wird, wo ich wohne und was ich zu tun beabsichtige. Dann werde ich sagen, dass ich den Central Park zu durchqueren gedenke und unten die Freiheitsstatue begucken und abzeichnen will ;--). Und vielleicht noch die Qualität der Hamburgers testen! Das könnte ich auch noch sagen. Ich kann sie aber nicht mit irgendwas vergleichen, weil ich hier in der Schweiz kaum je Hamburgers gegessen habe.


Re:
...
Rollerblades fährst du? Das ist aber eine Überraschung! Ich finde erwachsene Männer auf diesen rollenden Dingern äusserst sexy. *s* Und wie schön und lustig du von deinen NY-plänen schreibst. Ich geniesse es schon ganz mit dir.

Saturday morning..



Subject: Saturday morning..
Date: Sat, 16 Aug  11:41

Lieber ...,
Wie lieb von Walter, dass er endlich deine Unruhe gestillt hat. Das hätte ich auch längst getan, wenn ich in deiner Nähe gewesen wäre.

Ja, lustig dieser Titel "Erfinde dich neu". Tue ich ja jeden Tag für dich. ;-) Der Verfasser scheint sehr produktiv zu sein, wie ich aus dem Internet entnehmen kann.

Es klingt etwas beängstigend, was du über deine NY-pläne sagst. Ich will doch keinen neuen ... . Kann mir nicht Vorstellen, dass eine Veränderung was Positives sein könnte. Aber natürlich wirst du eine neue Welt entdecken, die dich bereichern wird. Nimm dich in acht vor allen Gefahren und komm wieder heil und gesund nach Hause. Das ist mein Wunsch. Wenn ich S wäre, würde ich dich nicht allein gehen lassen. K schon, aber nicht dich. K fährt übrigens nächstes Jahr (Anfang Juni) nach NY mit seiner Gruppe. Wenn du irgendwelche intressante Broschüren oder was ähnliches findest, kannst du vielleicht was mit nach Hause bringen. Falls es das Gewicht deines Gepäcks erlaubt. Aber ich denke, sie werden schon ausgezeichnete Guide dort haben.

Lustig wenn du über eure "Altmännergespräche" erzählst. ---  Nun ja, Männer, man ist ständig von neuem erstaunt über diese Sorte. ;-)

Ja, es war wohl eine Art Liebeserklärung. Aber ob du das verdienst? Zuerst wollte ich sagen, dass meistens die, die es nicht verdienen, geliebt werden. Aber du verdienst es. 
Nimm meine Worte mit als ein wenig Reiseproviant. Du brauchst doch was Süsses auf der langen Flugreise. Und verirre dich nicht.

So grüsse ich dich lieb und wünsche dir ein schönes Wochenende. Heute Abend ist Krebsfest bei den Nachbarn. Freue mich darauf.
Marlena




Mittwoch, 27. November 2019

Buch von Tepperwein


den 15 augusti  10:07
Re: G&K

(Fortsetzung)

...
Wir haben über ein Buch von Tepperwein gesprochen, das ich gerade lese. Es hat einen sensationellen Titel, und müsste Dich ansprechen: Erfinde dich neu. Von Kurt Tepperwein, Herbig Verlag München 2002. Und hör mal, was auf dem Buchumschlag steht:

°Mit 3 goldenen Regeln, wie man sein Leben wieder verzaubert
° Mit 12 ungewöhnlichen Perspektiven, das Leben neu zu beginnen
° Mit 36 praxisnahen Methoden, wie man jede Lebenssituation meistert
° Mit 62 konkreten Uebungen, die helfen, Flügel wachsen zu lassen und im
   Leben  abzuheben.

Ehrlich gesagt: wenn Du das in der Buchhandlung auf dem Buchdeckel eines Bandes liest, dann legst Du die Schwarte lächelnd wieder in den Korb zurück, nicht wahr? Aber W. hatte mal in jungen Jahren einen Kurs gemacht bei Tepperwein. Damals war er noch jung und am Anfang seiner Karriere. Heute ist er offensichtlich Professor und Heilpraktiker, eine Kombination, die es in der Schweiz meines Wissens nicht gibt. Aber wie er hier im Buch die Dinge schon auf den ersten Seiten erläutert, das klingt gut und leicht und plausibel. Ich lese es mal in dieser NY Zeit und sehem dann, was daraus wird. Es passt ganz gut zur Trance. Es ist die gleiche Denkweise. Vielleicht fliege ich dann auf dem Rückflug mit eigenen Flügeln. Dann mache ich eine kleine Schlaufe über Schweden, ungefähr so wie der kleine Nils. Sieh Dich vor, Marlena!

Kurz gesagt: ich muss mich auf meine alten Tage hin neu erfinden. Na ja, das muss man ja ständig ein bisschen. Aber ich möchte einen grösseren Schub. Siehst Du, kürzlich ist mir durch den Kopf gegangen, wie wir von 2 (oder waren es 3) Jahren darüber gesprochen haben, uns in Rom zu treffen, Rom zu sehen (... und dann sterben...). Na vielleicht habe ich mehr davon gesprochen als Du. Ich glaube, dahinter war dieselbe Idee, die ich jetzt mit NY versuche. Irgend etwas Verrücktes, Neues, um nochmals ein bisschen Energie zu schöpfen. So zumindest habe ich es der Personalchefin erklärt. Und sie hat mir geglaubt, dass das absolut wichtig sei in meinem Leben. Voilà!

Ja, Stromausfall habe ich gestern auch mitverfolgt. Ich hatte erst an ein Attentat gedacht un mir schon viele Unannehmlichkeiten ausgedacht, die dann auf mich zukommen könnten. Aber es war ja, wie man hört, nur ein technischer Defekt. Ich kenne das. Im Wallis war V. verantwortlich für Strom fast des ganzen Kantons. Und wenn im Winter die Lawinen niedergingen und so eine Unruhe in der Luft lag, dann hat er in alle seine Kraftwerke und Zentralen telefoniert zur Kontrolle, ob alles ok wäre. Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass die Welt dann ganz klein und nah und lebendig wird. Plötzlich fing sie an zu pulsieren. Ich mochte diese Katastrophenstimmung irgendwie.

Ach, wir haben gestern auch von der Vergangenheit gesprochen. Ich glaube, Ausgangspunkt war ein Zitat von Pessoa, das W. noch im Kopf hatte. Und dann haben wir über die Jugend gesprochen und festgestellt, wie sich die Welt seither geändert habe. Ich habe ihm von Prousts Madeleine erzählt, was er nicht kannte, und von meinem Bier mit Grenadine. Und er hat in eindringlichen Worten geschildert, wie sensationell es gewesen sei, bei einem der ersten Tänze in seinem Leben...
...
Ich muss, sonst brennt mein Kuchen an.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.

Mit lieben Grüssen
...


Re: G&K - Unruhe gestillt



den 15 augusti  10:07
Re: G&K


Liebe Marlena

Ach, zum 3. Mal fange ich jetzt mit meinem Mail an. Schon 2 mal wurden unsere PCs von vom Informati Suply heruntergefahren. Und da gehen alle Daten, die nicht gespeichert sind, bachab. Du hättest jetzt also schon ein ellenlanges Mail auf dem Tisch. Und ich könnte mich geruhsam zurücklehnen.

Und da kommt soeben Dein neues Morgenmail. Es riecht praktisch nach frisch gebackenem Kuchen. Ich bin erstaunt, wie oft Du Kuchen bäckst. Die Rolle liegt Dir ebenso wie die der Katzenmutter, scheint mir. Und dahinter folgt - wie soll ich sagen - eine kleine Liebes-erklärung. Das ist noch süsser als der Kuchen, und das alles schon zum Morgenkaffee. Ich weiss gar nicht, wie ich das alles verdient habe. Und dann raubst Du einen Kuss, wie man komischerweise sagt. Ich habe als junger Mensch nie gewusst, was sie damit meinen, wenn sie sagten, er hätte ihr einen Kuss geraubt. Wie kann man denn Küsse hergeben, wenn man nicht will?

Also, meine Liebe, ich schenke ihn Dir. Den Kuss, meine ich natürlich.

Ja, ich glaube, dass mein Kleinhirn katholisch ist, mein Mittelhirn vielleicht protestantisch und mein Neokortex islamisch. Das ist eine komplette Mischung, und ich weiss nicht, weshalb sie mich nicht endlich in ein oekumenisches Gremium wählen. Ich könnte dort nach allen Seiten Segen verteilen, urbi et orbi sozusagen.

Gestern hatten wir unser Weekly. Und Walter hat mich überrascht und mir - vielleicht zum Abschied - ein Buch gebracht. Du wirst es kaum glauben, es ist das Buch der Unruhe von Pessoa. Ich hatte ihn im Verdacht, dass er es bei sich habe. Ich hatte zwar keine Erinnerung, dass ich es ihm ausgeliehen hätte. Und ich habe es ihm auch nicht ausgeliehen. Die Ausgabe, die er brachte, hatte er im Internet gefunden. Er findet alles im Internet. Und ich finde nicht mal ein kleines Büchlein in meinen vier Wänden. Kurz und gut: die Ausgabe ist hübsch und mit einem harten Deckel, während die meinige nur ein kleines Taschenbuch ist. Und diese hier ist illustriert von einem portugisischen Zeichner. Das mag ich. Was denkst Du heute von Pessoa? Bestimmt hast Du im Norden lange Sommerabende diesen merkwürdigen Gedanken nachgehängt. Na, ist er nicht merkwürdig und poetisch zugleich. Eine Kombination, die ich irgendwie schätze. Obwoh, das muss ich sagen, ich mit Pessoa nicht gerne eine Zweizimmer-wohnung teilen wollte. Er würde bestimmt seine Frühstückseier anbrennen lassen. Und wenn es an der Türe klingelt, hinge er irgendwelchen merkwürdigen Gedanken nach und würde die Klingel überhören. Nein, für den Alltag wäre er mir zu ätherisch.

Aber ist süss, dass Walo - wie ich ihn nenne - mir dieses Buch geschenkt hat. Er meinte, er könnte meine Unruhe nicht mehr ansehen, die ich habe, weil ich mein Buch nicht finde. Ich habe ihm dann als Revanche ein kleines Büchlein von Tabucchi gegeben, von dem ich Dir auch schon erzählt habe. Es ist - glaube ich - ein kleiner Krimi und Walo liebt Krimis über alles. So hatte ich neben der spendefreudigen Personalchefin sogar abends noch eine kleine Überraschung. Das Leben zeigt manchmal wirklich Lichtblicke, nicht wahr?

Wir haben über ein Buch von Tepperwein gesprochen,  ...







G&K


Ämne: G&K
Datum: den 15 augusti 09:16

Lieber ...,
Der Kuchen steht im Ofen, die Tiger sind gefüttert und ich habe eine Französischkonferenz mit mir selbst hier am Küchentisch.. dann muss ich hinunter zu den Deutschlehrern. Muss mir noch ein paar Unterlagen zusammensuchen. Ist eigentlich nur ein Treffen um zu sehen ob irgendjemand einen besonderen Wunsch hat für das kommende Schuljahr.

Sicher hast du von dem Stromausfall in Amerika gehört. Komisch, immer wenn du verreisen willst passiert was dort.

Gerade im Moment suchen sich ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Ursprünglich hat man uns für diesen Tag Sommerhitze vorausgesagt aber es ist viel frischer. Das ist gut wenn man arbeiten muss.

Es ist nicht deine schmale Figur, die dich so attraktiv macht. Du würdest mir auch gefallen, wenn du 8 Kilo mehr hättest. Aber eben, das Bild hat mich daran erinnert, dass es dich wirklich gibt auch physisch. Das vergesse ich manchmal oder vielleicht verdränge ich es. Ich brauche es dir nicht zu sagen, wie wichtig du geworden bist in meinem Leben. Du weisst es. Ich liebe es wenn du deine Fantasie mit dir durchgehen lässt. Ich liebe deine originellen Einfälle über die ich immer wieder lachen muss. Du bist meine Medizin gegen Langeweile und Öde. Ich könnte viel mehr Gründe anführen.. aber vieles liegt auf der anderen Seite der Grenze unserer §§§.   ...
*
Nun riecht es schon gut von der Küche her. Der Kuchen ist schön aufgegangen. Ich habe viel Freude an dem neuen Ofen. In einer Weile werde ich dir in Gedanken ein Stück von dem Gebäck anbieten und dafür nehme ich mir ganz mutwillig einen Kuss. Nur damit du es weisst. :-)

Wünsche dir einen schönen, wenn möglich stressfreien Tag,
Marlena



Dienstag, 26. November 2019

Ach nein ...


Lieber ... ,

Ach nein, ein Satz in deinem mail beunruhigt mich. Du willst mich in den nächsten 14 Tagen ”nicht stören". Aber du weisst doch, meine Lieblingslektüre ist nach wie vor ...  Ich habe im Moment nicht viel Zeit für Pessoa, obwohl ich es nicht seinlassen kann ab und zu schnell ein wenig von der Unruhe (oro auf schwedisch) zu lesen. Schnell lesen geht auch garnicht. Man liest gern eine Stelle mehrmals um hinter die Worte zu kommen. Ja, es gefällt mir. Es gefällt mir wirklich und obwohl ich erst ein paar Seiten (rund 30) gelesen habe, habe ich schon mehrere Stellen gefunden die ich dir sofort vorlesen möchte. Ach, wenn ich nur schnell bei dir anklopfen könnte und mich eine Weile darüber unterhalten. Es ist fast eine Marter, das nicht tun zu können.
Leider habe ich das Buch nur in schwedischer Übersetzung. Es wäre übrigens interessant diese mit einer deutschen zu vergleichen. Und ich möchte Dinge anstreichen.. das kann ich aber leider nicht in dem geliehenen Buch.
Ich glaube nicht, dass ich die neueste ”dicke” Version davon habe. Ich habe die zweite Auflage von 1999. Das Buch umfasst nur 380 Seiten. Vielleicht ist es dieselbe Ausgabe wie deine.

*

Übrigens merke ich dass Pessoa sehr oft seine "Kapitel" mit einer kleinen Betrachtung über das Wetter beginnt. Ich glaube, wenn man nicht seine Gedanken auf etwas besonderes richten muss dann ist man mehr aufmerksam auf den Himmel.

Montag, 25. November 2019

Re: Oro


Liebe Marlena

Es freut mich, dass Du unseren Pessoa doch noch gefunden hast. Und es scheint, Du bist die Avangarde Schwedens. Du wirst Aufsehen erregen, wenn Du über ihn sprichst. Und wenn die Leute fragen, wer denn dieser Pessoa sei, dann sagst Du, ganz Europa spricht über ihn. Und dass sie alle über ihn sprechen, das wird Dir einleuchten, wenn Du ein Teil des Buches gelesen hast. Es hat was an sich, das schwer zu beschreiben ist. Man hat gesagt, es sei ein Tagebuch ohne Handlung. Eine Biographie ohne Bio. So irgendwie. Und die Tonart sei fröhlich-melancholisch irgendwie. Na, klingt das nicht verlockend?

Und dazu darf man sich wohl Lissabon vorstellen. Diesen Hintergrund habe ich immer präsent gehabt während der Lektüre. Und ich hatte ihn aus diesem Film Tabucchis "Erklärt Perreira". Jetzt, wo ich diese beiden Dinge im Mail zusammenbringe, fällt mir auf, dass Tabucchi wohl die Hauptrolle Pessoa auf den Leib geschrieben hat. Oder andersherum gesagt: er hat sie von Pessoa abgeschrieben. Sie wird hinreissend gespielt von Mastroiani, wie ich Dir schon erzählt hatte. Der ist zwar ein ältlicher Geniesser, und nicht ein asketischer Typ wie Pessoa. Trotzdem, ich glaube, Tabucchi hat sehr an Pessoa gedacht, als er dieses Buch geschrieben hat. Tabucchis Frau ist Portugisin und Professoressa. Sie haben zusammen Pessoa übersetzt.

Ich glaube, in den nächsten 14 Tagen bist Du beschäftigt mit Pessoa. Ich lass Dich wohl besser etwas in Ruhe. Schreib mir die schönsten Zitate, die Dir auffallen. Das wäre nett und würde mich sehr freuen. Hast Du das Buch in Schwedisch? Ist es übersetzt? Oder etwa Deutsch, was ich mir wünschte! Wie Du weisst, habe ich eine leicht kürzere Variante, als die, die jetzt herausgekommen ist, einmal irgendwo als Taschenbuch erstanden. Und das Büchlein, das ich vielleicht noch vor 4 oder 5 Monaten zuoberst auf meiner Beige hatte, finde ich nicht mehr. Es ist wie verhext. Oft, wenn ich ein Buch suche, dann ergibt es sich innert einer oder zwei Wochen, dass ich es da oder dort find,e, weil ich ständig ein Auge danach habe. Aber bei diesem Pessoa ist es anders. Er scheint sich echt zu verkriechen. Und ich versuche mich daran zu erinnern, an wen ich ihn ausgeliehen haben könnte. Walo hat schon seine Unschuld beteuert. Und jemand anderen kann ich mir kaum vorstellen, ausser vielleicht noch meine Töchter. Aber ihnen hätte ich Pessoa kaum gegeben. Dafür sind sie zu jung. Die wollen mehr Action in ihrer Lektüre. Deshalb giere ich momentan so nach Pessoa. Und ich bin nahe daran, diese neue, dicke und teure Ausgabe zu kaufen. Lange kann ich die Luft nicht mehr anhalten.
*
Abgemacht, Du schreibst mir, was Dich an Pessoa beschäftigt? Dann haben wir eine feine Diskussion und ich habe die Zweitlektüre, die ich mir schon lange sehnlichst wünsche. Noch dazu durch Marlenas Seele. Das wäre wirklich wunderbar.

Mit Gruss und Kuss
...

PS

Was eigentlich heisst Oro?  Klingt wie Latein (ich bete)?
Ora et labora = bete und arbeite.




Oro


Lieber ...,

(---)
Ich habe gestern, du wirst staunen, das Buch der Unruhe in unserer Bibliothek gefunden. Das hat mich überrascht, denn ich hatte nicht damit gerechnet. Und noch dazu ganz neu war es. Niemand hat es vor mir geliehen. Nun bin ich glücklicher "Besitzer" dieser Unruhe bis zum 26 August. Und ich werde die Lücken, die du in meinem Leben lässt, mit Unruhe ausfüllen... was ich ohnehin schon tue.. auch ohne Pessoa.

Grüsse dich lieb. Bleib mir treu ;-))
Marlena

Sonntag, 24. November 2019

Unruhe


Liebe Marlena,
....
Ich bin wieder mal mit einem Buch beschäftigt. Es gibt eine Neuerscheinung des "Buches der Unruhe" von Fernando Pessoa. Du erinnerst Dich, ich habe den portugiesischen Autoren längst empfohlen. Das Buch stammt aus seinem Nachlass, aus einer riesigen Truhe voller Notizen. Man sagt, es wäre eine Biographie ohne Fakten und alles in allem in einer heiteren Melancholie geschrieben. Ich bin nahe dran, diesen dicken Schmöker zu kaufen, aber ich weiss, dass ich ein "Buch der Unruhe" in Taschenausgabe bereits habe. Es enthält eine Auswahl von denselben Notizen, vielleicht nicht so viele, aber immerhin. Ich wollte darin ein bisschen lesen. Aber ich finde das Büchlein zur Zeit nicht. Ich weiss einfach nicht, wo es zu suchen wäre. Ich habe schon Walter bedrängt, er solle mir das Ausgeleihte endlich wieder zurückgeben. Er schwört, er hätte es nicht. Ich knie Norma auf der Seele, weshalb sie mir das Buch nicht endlich zurückgibt. Sie wird hysterisch und weiss von keinem solchen Buch. Kurt lacht bloss und sagt, er lese seit zwei Jahren wieder in der Bibel. Corinne frage ich nicht, sie liest kaum. Aber Yasmin ist eine emsige Leserin. Aber ich könnte mich nicht erinnern, ihr mal ein Buch geliehen zu haben. Und wenn ich Maya eines gebe, dann schreibe ich es mir auf ein Kärtchen auf. Das habe ich mindestens bisher so gehalten. Natürlich mit Ausnahmen, Du weisst ja, wie inkonsequent ich sein kann. Auch Albert beteuert, von einem Pessoa nie etwas gehört zu haben. Kurz und gut, ich weiss nicht, wo ich mein Buch der Unruhe finden kann, und das macht mich unruhig. Es ist nämlich wirklich wundervoll geschrieben und voller Lebensphilosophie. Und dazu muss man sich immer dieses warme Lissabon vorstellen, diese Perle am Atlantik, wo die kühlen Bisen herblasen. Deshalb habe ich das Büchlein von Tabucchi sosehr genossen. Es hat mich an Pessoa erinnert. Man könnte Pessoa mit Kafka vergleichen. Es sind ähnlich kryptische, vielleicht ein bisschen lebensuntüchtige Persönlichkeiten, und sie schreiben mit ähnlichem Tiefsinn. Das Buch ist ein Fundamentstein im Ursumpf, das etwas Halt geben kann. Lies es, Marlena, wenn Du kannst.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...




Samstag, 23. November 2019

Tabucchi



Liebe Marlena

---

Ich habe ein wunderschönes Büchlein, das ich gerade lese. Das wollte ich längst tun, ist mir auch schon von vielen Seiten empfohlen worden. Doch erst gestern habe ich es zufällig im Laden entdeckt. Wahrscheinlich eine Wiederauflage. Und ich empfehle es Dir, Marlena, entweder um es selbst zu lesen, oder aber K unterzuschieben, als Vorbereitung für seine Portugal-Reise. Autor ist Antonio Tabucchi, ein Italiener, Professor für portugiesische Sprache und Literatur.
Der Titel heisst "Erklärt Pereira...".
Ich gebe Dir den Klappentext:
"Portugal unter Salazar. Pereira, ein in die Jahre gekommener, bequem gewordener Lokalreporter, redigiert die Kulturseite einer kleinen regimetreuen Lissabonner Abendzeitung. Pereira kümmert die Politik nicht, bis er eines Tages einen jungen Mann kennenlernt, den er als freien Mitarbeiter für die Zeitung gewinnen will und der sich als Widerstandskämpfer erweist. Der Ästhet Pereira wird immer mehr in das Treiben von Monteiro Rossi und seiner schönen Freundin Marta verwickelt .."
"Das Wunderbare an Tabucchis Parabel ist, dass sie eine moralische Geschichte erzählt, ohne eine Moral von der Geschichte zu haben. Ein Denk-, Spiel- und Rätselstück, wie Tabucchis frühere Bücher - nu mit mehr Bodenhaftung." (Die Wochenppost)
"Ein Glanzstück .... wunderbar schwebend erzählt, als bedürfe es dazu keiner Mühe und Kunstfertigkeit." (Rheinischer Merkur)

Ich habe vor knapp einem Jahr die Verfilmung gesehen, mit Marcello Mastroiani in der Hauptrolle. Das ist einer der wenigen Fälle, wo ich das Buch schätze, obwohl ich den Film schon gesehen hatte. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass die Geschichte von Tabucchi geschrieben worden war. Der in der südlichen Sommerhitze schwitzende Mastroiani hat mir einfach gefallen. Und vielleicht noch ein bisschen die altmodische Kleidungen der Leute. Der Roman spielt zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges, zu Zeiten also, da es auch in Europa noch Diktaturen gab. Das Büchlein ist die 10. Auflage erschienen, sehe ich gerade, also sehr erfolgreich. Und Pereira sitzt in jenen berühmten Cafés Lissabons herum, schwitzt, schnauft und trinkt Limonade. Oder er spricht zuhause ans Bild seiner verstorbenen Frau, entschuldigt sich, dass er zu spät kommt, rapportiert ihr den vergangenen Tag. Ich glaube, wenn ich selbst schreiben könne, würde ich sowas in diese Richtung schreiben. Ich meine vom Ton her, und von der Philosophie. Der Roman hat wirklich eine vibrierende Athmosphäre, die mir sehr liegt. Sie flackert so ein bisschen zwischen Leben und Tod.




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"Erklärt Pereira"  



Die Geschichte eines Sommers im Jahre 1938, die Geschichte des unscheinbaren Lissabonner Kulturredakteurs Pereira, der ganz unversehen zum Helden wird...

"Was der Italiener Antonio Tabucchi ... mit seinem Roman "Erklärt Pereira" an feinsinniger Gespanntheit erzeugt, übertrifft alle Erwartungen...
Eines der schönsten und lesenswertesten Bücher unserer Zeit."

Hans-Jürgen Schmitt in der "Frankturter Rundschau"

Lieber ... 

Jetzt habe ich endlich das "wunderschöne Büchlein" in der Hand, das du mir so sehr empfohlen hast... Ich nehme es mit als Sommerlektüre.  ...


Donnerstag, 21. November 2019

Early morning tea



den 1 november 11:40
Re: early morning tea


Liebe Mäusin

Ja, zwei echte Mails hast Du geschrieben. Das ist fantastisch gut. Aber eins davon war nur eine Zeile. Zählst Du das trotzdem voll? Und dagegen habe ich eins ausgelassen? Ich habe das nicht bemerkt. Sicherlich, ich war ziemlich beschäftigt am Freitag. Und ich hatte im Grunde eine schlechte Woche hinter mir. Irgendwie ist Vieles krumm gelaufen. Ich kann Dir das gar nicht alles erzählen. Es wäre auch nicht interessant. Und irgendwie muss man den Blick nach vorwärts richten, deshalb mag ich mich noch nicht zu sehr darauf konzentrieren.

Dein kleines Kompliment habe ich aber sehr genossen. Ich meine Deine Feststellung, dass ich Menschen beschreiben kann. Es ist nett und auch gut dass Du das sagst, denn mir selbst fällt es nicht sonderlich auf. Irgendwie denke ich oft: na ja, solche Dinge kann doch jeder. Man vergisst die eigenen Fähigkeiten. Und das sollte nicht sein, denn sie machen einen wichtigen Teil des Selbstbewusstseins aus. Früher, als ich jung war, hatte ich häufiger das Gefühl, ich sei in ziemlich vielen Dingen gut. Nicht in allen, aber doch in diesen und in jenen. Heute fehlt mir das. Es ist vielleicht das Los des Chefs, dass dir niemand mehr wirklich sagt, wenn etwas gut ist. Alle meckern bloss herum, wenn es nicht stimmt oder besser sein könnte. Und so gerät man in eine Art Vakuum, wo der Sauerstoff für einen offenen Atemzug fehlt. Ich werde mich also in Zukunft darauf konzentrieren, Leute zu beschreiben.

Beim Genick und Hals alter Leute finde ich es einfach bemerkenswert, dass ein kleines Handicap, eine altersbedingte Einschränkung, eigentlich zum Anschein der Würde beiträgt. Das Negative wird sozusagen Positivum. Die Natur ist eine raffinierte Sache, findest Du nicht? Man muss immer wieder staunen, wie sehr das alles zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Nur unsere aufgeklärten Wissenschaften haben eben mehr oder weniger Schauklappen. Ich hatte mal eine Zeit, da war ich ein grosser Bewunderer von Konrad Lorenz. Man konnte Fotos sehen, wie er mit seinen Schwänen im See schwimmt, oder wie er in seinem Naturpark andere Tiere beobachtet. Das fand ich eine fantastisch schöne Arbeitssituation. Er konnte sich in der Natur tummeln, und war doch ein bekannter und anerkannter Wissenschafter, die ja doch normalerweise vor allem hinter den Büchern sitzen. In seinem Büro, hinter dem Pult, an dem er seine Beobachtungen niederschrieb, hing ein riesiges dunkles Bild, ich glaube, eines, das einen Raubvogel zeigt. Nun, ich fand es einfach schön, wie er das Praktische mit dem Theoretischen verbinden konnte.

*

Unser Weekly ist eine gute Sache. Manchmal muss ich mich überwinden, zu gehen, weil ich eigentlich zu faul bin, und lieber zuhause irgend etwas erledigte. Aber wenn wir dann zusammen sitzen, ist es doch gutl. Wir sind auch nicht allzu streng. Wenn einer Kopfweh hat, ist das schon ein Grund, abzusagen. Und manchmal kann man es sogar vergessen, ohne dass der andere beleidigt ist. Aber ich denke nicht, dass wir uns über alles unterhalten. Es gibt bestimmt Dinge, die ausgeklammert sind. Es sind nicht strenge Grenzen, und es ist auch nicht so deutlich, dass wir nicht über alles und jedes reden.

*

Die Jugndliebe von M ist ein Dipsomane, ein Quartalssäufer. Ich glaube, in einer solchen Situation muss man wissen, dass das schwer bis nicht zu ändern ist. Man kann nicht helfen, man kann bestimmt nicht helfen, wenn man jemanden liebt. Die liebende Hilfe besteht nämlich darin, dass man das Problem verlängert und irgendwie unterstützt. Daran besteht für mich kein Zweifel. Um helfen zu können, müsste man äusserst hart sein. Und das kann man nicht, wenn man liebt. Auch Mütter können ihren Kindern schwerlich helfen, wenn sie Abhängigkeiten haben mit Drogen. Maj hat also bloss zwei Möglichkeiten: entweder die Situation zu akzeptieren, wie sie ist, ein oder manchmal sogar zwei Augen zuzudrücken. Oder aber zu warten, bis ihre Enttäuschungen so gross sind, dass die Liebe wieder versiecht. Das ist hart zu hören, aber ich glaube, es gibt keine andere Möglichkeit.

*

Die Einladung gestern war ziemlich ruhig. Na ja, es gab darunter auch einige sehr ruhige Leute. Zwei der Männer sind mit mir zusammen im Club. Einer ist Wirtschaftsanwalt und ein ziemlich vifer Typ. Durch sein Gesicht hindurch kann ich sehen, wie er als Junge ungefähr gewesen sein müsste. Ich glaube, er hatte kein leichtes Leben. Er war wohl auch ziemlich hässlich, und ich nehme an, dass er von anderen Knaben eher gehänselt worden war. Er kann sich gut behaupten mit seinem Mund, wie das bei Juristen oft der Fall ist. Er ist auch einigermassen witzig und führt ganze Plädoyers zwischen Voressen und Hauptgang. Seine Frau ist still, ein hübsches Frauchen, die ihn unterstützt mit ihrem Lächeln und ihren kleinen Zwischenbemerkungen. Sie haben drei Kinder zwischen 9 und 15, glaube ich. Und zwischendurch musste A. mal anrufen, ob zuhause alles in Ordnung sei. Offensichtlich hatte der Jüngste durch ein Taumeln im Handstand den Keyboard des älteren Bruders beschädigt. Die beiden haben sich dann aber kurz vor Mitternacht verabschiedet, weil der Älteste morgen in die Schule müsse. Der andere Kollege aus dem Club hat seit einem halben Jahr eine neue Freundin, nachdem er sich von der alten nach einer 14-jährigen Beziehung getrennt hatte. Die neue Freundin D. ist ziemlich interessiert und weiss über viele Dinge viel. Er kommt damit manchmal etwas ins Hintertreffen, wenn sie so belehrend und mit ernster Miene erzählt. Er ist Vizedirektor in einer Firma, die mit Telekommunikation zu tun hat. Er ist ein geniesser und langsam sieht man ihm an, dass er dabei ist, einen Bauch zu entwickeln. Seine Freundin ist eine heikle Esserin, kann kein Fleisch, keinen Fisch und kein Eiweiss vertragen. Wenn sie in einem Restaurant essen will, meldet sie sich vorher an, um die Küche in Alarmzustand zu versetzen. Und schliesslich war da noch der Banker und seine Russin. Sie organisiert Bilderausstellungen mit russischen Künstlern. Und er hat kürzlich in Amerika noch einen master of business administration gemacht, nebenher, bezahlt von der UBS, für Kosten von 100'000.- , wie er mir erzählte. Wenn ich das gegen meinen Kurs in NY aufrechne, der dem Arbeitgeber Fr. 4'000.- verursacht hat, komme ich mir vor wie ein Waisenkind. Es ist nicht so, dass ich ihn beneide. Ich möchte für mein Leben niemals seinen nervösen Tick, der immer wieder über sein Gesicht und die Augenlider huscht. Aber es ist doch frappant, wie eine Bank ihr Kader schult, während die Bildung auf sparsamstem Fusse lebt.

*
Jetzt schicke ich diese Serie von Sätzen mal los. Sonst schwimmt sie mir womöglich davon.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende

Mit lieben Grüssen
...



Mittwoch, 20. November 2019

Late night show



Ämne: Late night show
Datum: den 1 november  00:27


Lieber ... ,
Ich sitze zu so später Stunde noch am PC weil ich ein paar Worte mit Anna wechseln möchte, wenn sie zu sich nach Hause kommt. Es ist so praktisch mit diesem ICQ, denn ich kann sehen, wenn sie online ist und kann sie ansprechen (anschreiben eigentlich) aber wir schreiben beide schon so schnell, dass es wie ein gewöhnliches Gespräch erscheint. Erinnerst du dich noch an unsere Chats, wo man manchmal ein paar Minuten auf die Antwort des anderen warten musste? Ich frage mich immer noch wie du damals erklärt hast das du erst gegen morgen nach Hause gekommen bist. Aber das ist nun Geschichte. Etwas, was man in "jungen Jahren" tut, um an dein Gesprächsthema anzuknüpfen.

Du kannst so gut Menschen beschreiben. Man denkt doch gewöhnlich nicht daran was einen Menschen den man sieht alt macht. Man sieht nur, dass er es ist. Und du siehst auch die kleinen Zeichen wie z.B. das "den ganzen Körper drehen". Es ist so schön und interessant, diese Dinge zu lesen. Oft habe ich den Eindruck, dass du die Dinge, die ich nur unbewusst herumtrage, verbalisierst und weil es so gut stimmt mit meinen Wahrnehmungen, ist es ein reiner Genuss.
*
Ach, dein Weekly mit Walther. Darauf könnte man gut neidisch werden. Ihr seid wirklich gute Freunde. Nicht viele Erwachsene haben ausserhalb der Familie so nahe Freunde. Wahrscheinlich könnt ihr euch über alles unterhalten. Oder gibt es Grenzen? Kennt er dein Mausleben?
Ich halte immer Distanz zu anderen Menschen. Auch solche, von denen man glauben könnte, dass ich ihnen mein Leben anvertrauen würde, wissen nicht viel von mir. Aber vielleicht ist es so bei allen Menschen.
M. tut mir im Moment sehr leid. Diese wiedergefundene Jugendliebe, die anscheinend wieder aufgeflammt ist, hat sich zu einer tragischen Geschichte entwickelt, denn der Mann ist Alkoholiker geworden. Du weisst, ein solcher, der sich Periodenweise fast zu Tode säuft. Und gerade jetzt ist er in einem solchen Zustand und sie will ihm helfen und weiss nicht richtig wie. Es wäre ja leichter, wenn er Hilfe annehmen würde.. So ruft sie mich mehrmals an, weil sie ein grosses Bedürfnis hat mit jemanden darüber zu sprechen. Er hat eine gute Stellung und seine Chefs wissen von seinem Problem, aber da sie gute Freunde sind, helfen sie ihm meistens, wieder herauszukommen. Ausserdem hat der Mann natürlich auch eine Frau in seinem Leben, d.h. eine Frau die er öfters trifft und mit der er seit über einem Jahr fast zusammenlebt. Nun will er sie wegen M aufgeben. Ach, es ist wirklich nicht leicht. Es war ja auch fast zu gut
*
Du hast heute Gäste und ich sehe dich vor mir bei deinen Pflichten als guter Gastwirt. Ich glaube sowas kannst du ausgezeichnet und es tut mir leid, dass ich dich nie dabei sehen kann.
Ramadan hat gerade begonnen und an der Uni in Linköping hat man den Studenten einen Vorlesungsraum dafür zurechtgestellt über diese Periode. Finde ich schön.
*
Hier stürmt es nicht. Es ist windstill und ziemlich milde Luft. Zwar regnet es ab und zu ein bisschen, aber das kann ich leichter akzeptieren als kalten Wind. Aber es ist dunkel draussen. Wir müssen eben diese Periode ausstehen, bis dann der erste Schnee fällt und die Tage etwas heller macht.
*
Um 01.30 kommt ein berühmter Kriegsfilm im Fernsehen. Den werde ich auf Video aufnehmen für K und vielleicht auch für mich und Anna. Es ist eine komische Zeit einen guten Film zu senden, denn entweder schlafen die Leute schon oder sie sind zu betrunken oder müde um sich auf einen Film konzentrieren zu können. Vielleicht ist er auch nur für die Clique gedacht, die tagsüber schlafen können.. ;-)

Siehst du, ..., heute habe ich dir sogar zwei „richtige“ Mails geschickt.
Ich wünsche dir ein schönes Weekend.
Mit lieben Grüssen,
Marlena


31/10 - Warnung vor der Warnung



den 31 oktober 09:07 
Warnung vor der Warnung!


Liebe Marlena

War Deine Viruswarnung ein Scherz? Oder ist es ernst? Ich habe gedacht, Du machst Dir einen Spass und ich hätte jede Viruswarnung in grösster Erwartung geöffnet, weil ich dachte, es wäre irgend eine hübsche Liebeserklärung versteckt. Ich wäre sozusagen in der Liebe untergegangen. Schöner kann es nur noch in einer echten literarischen Tragödie geschehen. Aber bisher ist nichts angekommen. Vielleicht habe ich vor meinem Box einen Iron Curtain, der Liebeswarnungen aussendet. So wie man bei stattlichen Villen und übergrossen Landhäusern gleich neben dem Briefkasten die Anschrift finden kann "Warnung vor dem Hunde".
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Hier ist trübes Herbstwetter, das auf die Seele drückt. Oder sagen wir, es laste auf der Psyche? Auf jeden Fall muss man jetzt endgültig die warmen Kleider vom Estrich holen und die Schirme neben der Türe bereitstellen. Es ist ziemlich nass, und zusammen mit den fallenden Blättern, macht das manchmal eine schmierige Schicht, bei der man in unserem Alter schon etwas vorsichtig vorgehen muss. Man merkt dann diese gewisse Steife im Rücken, diese widerspenstige Starrheit, die wir früher nur bei alten Leuten von aussen her gesehen haben. Niemals hätten wir damals gedacht, dass die alten Leutchen dies auch innerlich spüren, wie ihr Körper langsam ein bisschen unbeugsam wird und nicht mehr bereit ist, sich jeder Situation anzupassen. Vielleicht spüren sie es vor allem im Nacken. Wenn sie irgendwo hinhören, bewegen sie den ganzen Oberkörper in diese Richtung. Das gibt ihren Bewegungen eine Art Sparsamkeit, vielleicht auch eine Würde. Aber die Würde sieht nur äusserlich so aus. Im Innern ist es eher eine kleine Not, weil der Körper, das Fleisch langsam zu beinhartem Knochen wird.
Die Alterung ist ein merkwürdiger Prozess! Max Frisch hat sich in den letzten Jahren immer wieder damit beschäftigt in seiner Literatur. Und wir tun das ja auch, jeden Tag, mit unserem schwindenden Gedächtnis und dem steifen Nacken, wenn wir balancierend über nasse Blätter balancieren. Na ja, Du bist bestimmt noch nicht soweit. Wie geht es mit Deinen Schmerzen. Hoffentlich sind sie wieder zurückgegangen. Das erwarte ich eigentlich, nachdem Du gleich nach der Behandlung eine Erleichterung verspürt hast.
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Gut ist vielleicht, dass heute Freitag ist. Gestern abend hatten wir unser Weekly, zwei Glas Mineralwasser und lange Diskussionen über die Arbeit und die Herbstdepressionen. Walter hat ein gutes Herz und spendet immer wieder privates Geld für irgendwelche armen Schlucker, die zu ihm in die Beratung kommen. Es sind alleinstehende Mütter, Kinder aus Familien mit wenig Mitteln, Leute in Not allgemein, denen er oft und immer wieder mit dem Allernotwendigsten aushilft. Oft erzählt er den Leuten nicht einmal offen, dass das Geld von ihm selbst stammt. Er sagt bloss, er hätte da eine Kasse, und damit könne er einen kleinen Betrag locker machen. Er meint, die Leute würden das Geld nicht akzeptieren, wenn sie wüssten, dass es von ihm privat sei.
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Jetzt hat schon zweimal eine Lehrerin angerufen. Sie ist ziemlich nervös. Sie hat eine Podiumsdiskussion im Lokalradio organisiert. Und offenbar hätten wir uns gestern erstmals treffen sollen für ein Vorgespräch. Aber da war ich nicht dabei, weil sie mich nicht dazu eingeladen hat. Ausserdem hat sich offenbar der Journalist abmelden müssen wegen einer dringenden Operation. An seiner Stelle kommt eine Frau. Na ja, das hört sich alles ziemlich turbulent an. Aber in Medien ist die Arbeit mehr oder weniger immer so. Ich werde sehen, was sich daraus ergibt.
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So wünsche ich Dir ein feines Wochenende, ruhig und gemütlich bei diesen Herbststürmen.
Liebe Grüsse
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Ämne: Re: Warnung
Datum: den 31 oktober  11:27


Liebster Mausfreund,

Dass du auf eine Liebeserklärung von mir wartest hätte ich mir nie vorstellen können. Ist das wirklich so?
Nein doch, diese Viruswarnung ist richtig. Es gilt einem neuen Virus, das als Viruswarnung versandt wird. Die Leute öffnen dann den file und sofort haben sie es auf dem PC. Alle ihre Post kann somit an die anderen Adressen versandt werden. Kannst dir ja vorstellen wie das ist. Ich habe mal ein Mail erhalten von jemanden, den ich in meiner Adressliste hatte. Aber das mail war nicht an mich gerichtet, sondern ein privates, sogar geschäftliches an eine andere Person. Nun glaube ich doch, dass du dort im Büro ziemlich geschützt bist durch eure eigenen Antivirusprogramme.. und im Hotmail ist es ja auch so. Da lag mal ein Virus, aber es lag wenigstens in "junk mail", und ich öffne nie Mails von jemanden, den ich nicht kenne.
Ich wollte dir gestern abend schreiben und habe sogar ein mail angefangen, aber dann kam ich nicht dazu es fertigzuschreiben. So werde ich dir lieber heute ein neues senden. Vielleicht findest du es dann erst morgen.
Hier ist es ziemlich warm (+ 4 grad) und ein bisschen feucht. Ich habe früh am morgen ein paar Säcke mit alten Winterkleidern für eine Poleneinsamlung zurecht gemacht. Hätte ich gestern tun sollen, aber ich war zu müde.

Nein doch. Ich bin absolut nicht alt und tatterig, wenn du das glaubst. Im Gegenteil. Ich wirke leider so jung und gesund, dass mir gestern unser Chef noch Stunden aufbürden wollte von Peter, der immer seine Klassen grob vernachlässigt, um dann plötzlich zu verlangen, dass andere sie übernehmen und die Situation retten sollen. Wir kennen das schon allzu gut und es ist die reine Hölle Klassen von ihm übernehmen zu müssen. Peter gibt dann an, dass er mehr mit der Politik arbeiten muss oder dass er plötzlich nicht gut hört.. und ähnliche Dinge.
Jedenfalls habe ich meinem Chef klargemacht, dass ich da nicht mithelfen werde und dass er einen neuen einstellen muss. Natürlich verlangt er dass die Leute an der Schule ohne extra Bezahlung Peters Arbeit übernehmen. Sie sind ziemlich unverschämt, diese Chefs. Und es ist auch sehr dumm eine solche Personalpolitik zu führen, dass die Leute keine Lust haben bis zur Pension zu bleiben. Wo man uns doch immer sagt, dass jeder der früher geht unerhört viel Geld kostet.
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Du siehst, ich bin etwas böse, und wenn man das ist, denkt man nicht an Romantik und Liebe (was ich ja sonst meistens tue, was dich betrifft).
(---)
Liebe Grüsse
Marlena


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Ämne: Kurze Frage nur..
Datum: den 31 oktober 13:36



Setzt du mich nun, als Strafe weil ich die §§§ überschritten habe, auf Hungerkost?
Ich suche schon dauernd nach etwas zum Knabbern..

Mit lieben Grüssen
Marlena




Dienstag, 19. November 2019

Stockholm und Basel



Ämne: Hast du Zeit zum lesen?
Datum: den 30 oktober  01:23



Lieber ...,
Wir hatten einen ganz herrlichen Tag in Stockholm.  --- Nach den vielen rauhkalten Tagen war die Luft plötzlich angenehm mild, fast warm.




Wenn man in Stockholm den Zentralbahnhof durch den grossen Ausgang verlässt, sieht man sofort die schöne Klarakirche zwischen den neugebauten Hochhäusern. Diese Kirche und der Friedhof um sie herum sind die letzten Reste, die an damals erinnern als ich als neugewordener Teenager dort die Schule begann. Es war eigentlich eine Schule, die mit der Zeit zu Studien an der Handelshochschule führen sollte und in meiner Klasse gab es viele Kinder von prominenten Leuten, die wohl hofften, dass ihre Söhne und Töchter in ihren Fussspuren wandern würden und ihre Firmen und andere Geschäfte mit der Zeit übernehmen sollten. Ich habe später in den Medien gesehen dass es ihnen geglückt ist, die höchste Stufe von materiellem Glück zu erreichen..
Es war eine herrliche Zeit und ich erinnere mich sehr gut an das Leben in und um die Schule herum. Es gab dort viel zu tun und zu sehen, wenn man die lange Lunchpause hatte. Oft gingen wir ein Quartier hinauf auf die Drottninggatan und befanden uns mitten im Herz der Hauptstadt.
*
Nach unserem kurzen Besuch auf dem Klarafriedhof sind wir 3 Stationen mit der U-bahn gefahren und haben sofort die Stelle gefunden, wo ich mich sollte untersuchen lassen.
Es war nicht nur eine Untersuchung, sondern zugleich eine Behandlung. Nadeln und Spritzen wurden mir in den Rückenschluss gesteckt (manche taten verdammt weh) und dann hat er noch irgendetwas mit einem gewaltigen Ruck zurecht gebeugt (ich dachte eher abgebrochen). Und nach dieser fast einstündigen, sehr unmilden Behandlung waren meine Schmerzen plötzlich weg. Ich konnte es kaum glauben. Es war ein unwirkliches Gefühl. So sind wir dann zu Fuss das kleine Stück zum oberen Ende der Drottninggatan gegangen, dort wo Strindberg gewohnt hat und wo nun ein Strindbergsmuseum liegt und dann weiter hinunter zu Hötorget (Heumarkt) wo die schöne Markthalle liegt.



Ganz daneben im Kulturhaus haben wir dann ein Dinner gegessen mit einem Glas Rotwein dazu und von unserer hoch gelegenen Fensterfassade das rege Leben unten am Sergelstorg betrachtet. Manchmal kam mir der Gedanken, dass hier in der Nähe Anna Lindh niedergestochen wurde und man konnte hier und da solche windgetriebene Gestalten sehen, von denen man dachte, dass sie es in einer psychiatrischen Klinik vielleicht besser hätten. Auf der Treppe unten am grossen Platz sassen ein paar junge Mädchen und schleckten Eis.



Nach dem Essen sind wir zur Kungsgatan gegangen, wo wir in dem berühmten alten Café ”Vetekatten” (die Weizenkatze) einen herrlichen Kaffee getrunken haben mit einem Stück crèmiger Schokoladentorte dazu. Das Café war so gut wie voll als wir kamen und wir mussten uns an einem Tisch mit ein paar jungen Studentinnen niederlassen. Es war lustig ihre Vorhaben zu studieren. An einem Tisch ganz daneben sass eine Gruppe von jungen Frauen und die eine Frau stillte ihr kleines Baby an der Brust. Es hat niemanden schockiert, denn sie tat es sehr diskret. Ich versuchte während des Essens nicht an Kalorien zu denken. Versuchte auch ein Bild zu machen, aber es ist leider etwas zu dunkel geworden. Vielleicht lege ich es trotzdem rein.
Nachher sind wir ganz gemütlich durch die jetzt ziemlich belebten Strassen zum Bahnhof geschlendert. Meine Schmerzen hatten wieder zugenommen aber etwas war doch ein wenig besser geworden. Ich glaube der Arzt war sehr geschickt auf seinem Gebiet und doch ein etwas komischer Typ wie man sie in Grosstädten finden kann. Als ich mit meinen Nadeln dort lag bekam er ein Telefongespräch auf seinem Handy und er erzählte jemanden laut von seinem Leben. Nur einen halben Tag pro Woche arbeitete er hier. Sonst eignete er sich seiner Firma (was das nun gewesen sein konnte) und für die Winterferien plante er eine dreiwöchige Reise nach Cuba, wo er tauchen und Golf spielen wollte und damit die Kinder auch ein wenig ihr Spanisch üben könnten. Eigentlich finde ich es nicht richtig passend private Gespräche vor einem Patienten zu führen, aber er war ziemlich apart. Ich glaube gewöhnliche Umgangsformen galten nicht für ihn.
Als wir im Zug sassen wurde uns mitgeteilt, dass die Reise länger dauern würde, weil es irgendwo in einer elektrischen Leitung gebrannt hatte. Und so sind wir erst kurz nach 21.00 Uhr Abends (mit 45 Minuten Verspätung) zu Hause angelangt.
*
Übrigens: Anna Maria Lenngren (auf dem Bild in Fotofolder),  haben wir damals dort an der Schule gelesen. Ich mochte sie sehr wegen ihrem Humor. Schöne (lange) epische Gedichte, aber auch kleine lustige Dinge wie dies (1793 geschrieben):

EPITAF

Min hustru vilar här till världens sista dag.
Hon är i ro - och även jag.

Meine Gattin ruht hier bis zum letzten Tag der Welt.
Sie ist in Ruh - und so auch ich.

(---)

Aber ihre bekanntesten Gedichte sind zu lang um hier zitiert zu werden. Liebe, moralische Themen mit viel Weisheit und Humor. Sie war eine bedeutende Frau für ihre Zeit.

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag.
Morgen habe ich wirklich frei. :-)
Marlena




den 30 oktober  08:51

Liebe Marlena
Gratuliere, dass erstmals Deine Schmerzen beeinflusst werden konnten. Das zeigt doch ungefähr, wo der Ansatzpunkt ist. Auch wenn sie wieder gekommen sind, so scheint doch diese Art der Behandlung, einen Einfluss zu haben. Was war denn der Arzt, Physiotherapeut oder bloss ein kleiner Zauberer? Was Du von ihm erzählst, ist mir auch schon passiert. Ich glaube, es war bei einem Augenarzt hier ganz in der Nähe. Er hat ein Treffen mit Freunden verabredet und ganz vertraulich gesprochen. Ich habe mich nicht sonderlich gestört gefühlt, denn ich dachte, ich lerne damit den Typen näher kennen. Er schien mir sehr robust und von sich eingenommen, dass er es nicht für nötig befand, sich vor den Ohren seines Patienten zu schützen. Ich würde sowas nicht machen. Aber ich finde es auch nicht so schlimm, wenn einer das tut. Es sei denn, er bereitet gerade einen kleinen Banküberfall auf die Stadtsparkasse vor. Dann ist er gut beraten, sich fürs Telefon in sein Büro zurückzuziehen!!
*
Wenn Du so gemütlich und gemächlich von Stockholm erzählst, werde ich dort geradezu heimisch. Das eigentlich meine ich, wenn ich von der herbstlichen Prakt in der Stadt rede. Man wandert durch die Strassen, geniesst die letzten hellen Tage, vielleicht die Sonne des Altweibersommers, aber man sehnt sich schon ein bisschen nach den warmen Stuben, nach dem heissen Vieruhrtee und dem trauten Licht der Lampe, wo man lesen und dösen kann. Das finde ich eine hübsche Atmosphäre, und es ist die Zeit, da man Arm in Arm durch die Strassen geht und die Fenster betrachtet. In einer anderen Jahreszeit kann ich mir das kaum vorstellen. Im Frühling geht der Blick hinaus in die Natur, da will man nicht in der Strasse stehen bleiben. Im Sommer ist man ohnehin draussen vor der Stadt. Aber im Herbst, da ist die Stadt in ihrem Element, wenn die Blätter treiben ...

Kürzlich habe ich mir gesagt, dass - wie es in diesem süsslichen Schlager heisst: In einer kleinen Conditorei ... - dass es das kaum mehr gibt. Doch, es gibt noch einige wenige. Aber irgendwie haben sie sich auch verändert. Und die normalen Wirtschaften noch viel mehr. Es gibt jede Menge neutraler Imbissorte, ähnlich wie Mc Donalds, ohne wirkliche Atmosphäre. Sie verkaufen Hamburgers, Pizzas, Indisches oder Tailändisches Zeug zum Essen. Diese gastronomische Szene hat sich sehr verändert in den letzten Jahren. Und die kleine Conditorei, wo man sich für einen kleinen, diskreten Flirt zurückziehen könnte, um einen Schokoladenkuchen zu essen und einen Mokka zu trinken, das gibt es nicht mehr. Vielleicht gibt es das überhaupt nicht mehr, die kleinen Flirts. Vielleicht gibt es überhaupt nur noch direkte und ungeschönte Operationen wie Zungenkuss oder One-night-stand. Die ganze Romantik scheint verloren zu gehen. Weshalb eigentlich? Aber eben, das ist die Nostalgie des Herbstes! Ich fühle mich in der Tat bald im Pensionsalter. Die Pensionisten stehen am Rand der Welt, wie die alten Männer am Rande einer Baustelle stehen und zuschauen, was da alles gearbeitet und zerstört wird, und können nicht begreiffen, wozu das?
*
Gestern hatten wir eine Sitzung in Basel. Und weil um 17 Uhr der Verkehr besonders hoch ist, habe ich mich entschlossen, noch nicht heim zu fahren, sondern noch rasch in die Stadt zu gehen. Es gibt zur Zeit Herbstmesse in Basel. Das ist ein Rummel in den Strassen, weil überall Karussels und Bahnen stehen, wo sich die Kinder ihre Zeit und das Geld ihrer Eltern vertreiben. Eine meiner Kusinen ist früher immer mit B und A auf die Messe gegangen und hat sie auf diese vielen Bahnen eingeladen, soviel sie wollten. Sie war wirklich sehr grosszügig . Und abends hat sie gleich noch ein Essen für uns Erwachsenen organisiert. Es war jedes Jahr ein Fondue Chinoise mit vielen feinen Saucen und einem guten französischen Wein. Sie hat uns einmal im Jahr rundum verwöhnt. Heute ist sie pensioniert, frühpensioniert eigentlich, und geniesst ihre Zeit und Reisen rund um die Welt. Sie ist ledig geblieben und stets an den Wochenenden in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Ich konnte das zwar nie richtig begreifen. Ich habe den Eindruck, sie habe sich für die Eltern geopfert. Solche psychologischen Phänomene soll es ja geben.

Ungefähr um 19h bin ich dann zurückgekehrt. Aber mittlerweile war ich noch in der Bibliothek. Dort parkiere ich meist mein Auto, wenn ich in Basel bin, denn anderswo finde ich kaum einen Platz. Im Raum von Yves war Licht. Ich klopfe dann immer dort an die Scheibe, und er kommt an die Hintertüre, mir zu öffnen. Die Bibliothek selbst war längst geschlossen. Y. ist dort irgendwie Spezialist für EDV FRagen der Bibliothek. Und gleichzeitig hat er die Rezensenten zu betreuen. Sein Büro ist voller Jugend- und Kinderbücher. Ich habe mir ungefähr 40 ausgewählt. So bin ich für die nächste Zeit wieder eingedeckt mit diesen Büchern. Y. hat mir erzählt, dass sie im Moment ihr Bücherschiff vorbereiten. Jedes Jahr nach der Herbnstmesse mietet die Bibliothek ein Schiff auf dem Rhein. Dort stellen sie Bücher aus für Schulklassen und Kinder. Sie wählen dazu jedes Jahr ein anderes Thema. Dieses Jahr heisst das Motto "Mein Lieblingsbuch". Dazu haben sie Prominente gefragt, an welchen Büchern sie in ihren Jugendjahren am meisten gehängt haben. Sie wollen wirklich die alten Ausgaben aufstellen und anschreiben, wessen Lieblingsbuch dies gewesen sei.
*
Heute ist unser Weekly. Und morgen haben wir Gäste. Da muss ich meine Dinge noch etwas aufräumen im Wohnraum. S. mag es nicht, wenn es zu gemütlich aussieht. Mich selbst würden diese Dinge nicht stören, denn sie gehören zum Leben. Aber S möchte die Wohnung, wie sie die Perser vorweisen, wenn jemand kommt: pik-fein und auf Hochglanz getrimmt. Na ja, das sind die Kompromisse, die man im Leben einzugehen hat.
*
Weshalb denkst Du an Kalorien, wenn Du Kuchen isst? Du hast doch erzählt, dass Du absolut nicht Gewicht zulegen kannst, soviel Du auch isst? Ist das nicht mehr so? Ich bin im Moment mit 1 kg im Über-Bereich und werde versuchen, das wieder loszuwerden. Es ist nämlich so - wie wir alle wissen - dass nach dem 1. kg das 2. kommt. Und so weiter. Man soll dem Teufel gleich zu Beginn begegnen, und ihn nicht zu lange gewähren lassen. Sonst wird man ihn nicht mehr los.
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Jetzt will ich noch rasch in den fotofolder via bluffokatten. Ich hoffe, sie lassen mich rein.

Mit lieben Grüssen
...

Montag, 18. November 2019

Klara Friedhof


To: fotofolder@hotmail.com
Subject: Klara Friedhof
Date: Wed, 29 Oct  20:14





Klara Friedhof
...

Hier das Grab von Anna Maria Lenngren. Das Haus  links war die Grenze zu unserem Schulhof. Dort steht nun ein Hochhaus (links dahinter). Nur ein kleines Tor führte von dem hinteren Ausgang unserer Schule direkt auf den stillen alten Friedhof mit seinen Gräbern von prominenten Personen. Eine Oase..

---

Das Abreissen des alten Klaraviertels, das um die Kirche herum lag, sieht man heute als einen der grössten Skandale in der Geschichte der Stadt. Da gab es alte malerische Häuser, gemütliche kleine Restaurants und auch das Zeitungsviertel lag neben unserer Schule. Oft gingen wir Sonntags, als ich noch Kind war, dort essen und ich erinnere mich noch an die rotkarierten Tischdecken und an die Originale von Menschen, die man dort sehen konnte.

*
Etwas mehr über das "verschwundene Klara-Viertel" hier






Samstag, 16. November 2019

29/10 - Telegram, Sirenenalarm, Miniepistel


Ämne: Morgentelegram
Datum: den 29 oktober 08:23


Liebster Mausfreund,
Ach, wie bist du lieb. Ich habe mich sehr über diese extra Portion von dir gefreut.
Hier regnet es in Strömen. Das Wetter passt gut zu den Aktivitäten heute.
Ich habe nur Zeit für einen kleinen Gruss jetzt, aber ich schreibe dir mehr
sobald ich dazu komme.
Alles Liebe,
Marlena


den 29 oktober 09:01
Nochmals..

Liebe Marlena
Heute sind schon dreimal Krankenwagen mit Sirenen vor meinem Büro vorübergebraust. Das ist kein sehr schöner Tagesanfang. Doch drüben scheint der Kirchturm auf, der schon im Morgenlicht steht. Das Bild ist ein bisschen friedlicher als der nervenätzende Sirenenalarm. Die Wetterprognosen haben heute Regen vorausgesagt. Im Moment sieht es noch ziemlich trocken aus. Aber gut möglich, dass es bis abends anders wird.
Allerdings passt der Sanitätsalarm insofern, als wir heute Nachmittag eine Informationsveranstaltung über Notfallpsychologie haben. Ich denke, früher oder später wird es mal in irgend einem Schulhaus in unserem Kanton ein Unglück geben. Und dann fragt man nach Psychologen, die mit den Leuten reden und Schock behandeln können. So ist es besser, wenn meine Leute eine Ahnung darüber haben. Ich habe eine Psychologin aus dem Krisenstab des Kantons eingeladen. Sie wird uns in ihre Geheimnisse einweihen.
(---)
Gestern habe ich aus den Fernsehnachrichten vernommen, dass ein ehemaliger Schulkamerad vor Gericht steht. Na ja, er war nicht in meiner , sondern in der Parallel-Klasse. Bis vor einigen Jahren war er ein bekannter Mann, war sogar im Gespräch vor der Wahl des neuen Staatsrates im Kanton Wallis. Und heute sitzt er im Gefängnis. Er war Gemeindepräsident und hatte die Projekte zum Bau eines Thermalbades in seiner Hand. Da flossen die Millionen, und offenbar hat O sich selbst auch einige Millionen zugesprochen. Man sagt, dass dies die Probleme des Wallis zeigen, die Vetternwirtschaft. Man kennt sich gut, und man hilft sich gegenseitig. Es ist ein Risiko in einem modernen Statswesen, wenn die Kontrollen nicht spielen. Wenn die Kontrollen funktionieren, kommen die Leute schon gar nicht auf solche Gedanken. Gestern war Tag der Anklage. Der Staatsanwalt fordert 6 Jahre. Das ist eine lange Zeit angesichts seines Alters. Na ja, es ist in jedem Falle lang und unnütz. Man würde das alles besser in Strafarbeit umwandeln.
Ach, das sind etwas merkwürdige Gedanken zum Tagesanfang. Man sollte an schönere Dinge denken, an den Frühling und an die Tauben von Venedig.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag
...


Ämne: Miniepistel
Datum: den 29 oktober 18:08


Lieber ...,
Ich hoffe sehr, dass dein Tag dann besser geworden ist. Wer will schon Sirenen hören am früihen morgen.
Wir haben unseren Tag mit den Sprachlehrern aus der ganzen Region hinter uns und ich muss sagen, es war ein interessanter, informativer und angenehmer Tag. Ich kenne ja die meisten schon seit Jahren und es ist doch immer wieder wichtig sich zu treffen und die ev. veränderte Arbeitssituation zu diskutieren. Und alle waren sich sehr einig. Seit 5-7 Jahren ist hier in Schweden etwas passiert, wodurch das sprachliche Niveau der Schüler wesentlich gesunken ist.
Am Vormittag haben wir alle (mit dem Direktor anwesend) gemeinsame Fragen diskutiert und am Nachmittag habe ich mich ganz den Französischlehrern gewidmet während G die Deutschlehrer übernommen hat. Ich konnte ihm ansehen am Ende des Tages, dass er, genau wie ich, sehr zufrieden war, . Vor allem hat auch unser Direktor gesehen, welch gutes Ansehen er hat. Ich weiss nämlich, dass er das bisher nicht von sich selbst herausgefunden hat.
 ---
Mit lieben Grüssen
Marlena



Freitag, 15. November 2019

28/10 - Kochsendungen, Aktien, herbstliche Frische


den 28 oktober  09:43
Re: öronproppar...


Liebe Marlena

Euer schwedisches Ohnrenpropfen finde ich ein hübsches Wort. Und ich kann mir vorstellen, wie Du in Deinem Haus herumirrst und diese öronproppar suchst, um Dich vor allerlei Lärm zu schützen. Sie sind ja heute sehr verbreitet, und je mehr man sie benutzt, desto empfindlicher wird man auf feinere Geräusche. S ist schon soweit, dass sie alles hört durch die Dinger, so dass sie sie auch gleich weglegen könnte. Ja, wenn K sich frühpensionieren lässt, dann wird sich Dein Leben ändern. Dann werdet ihr einen neuen Honeymoon inszenieren, nicht wahr?

Landmark Education kenne ich nicht. Aber vielleicht weiss ich, was Du damit meinst. Es gibt auch bei uns eine Psychologische Schule, die sehr bekämpft wird. Ich weiss ihren Namen im Moment nicht. Es scheint eher eine Glaubensrichtung als wirklich eine psychologische Schule zu sein. Ich habe nie ganz begriffen, weshalb man wegen diesen leuten eine solche Aufregung veranstaltet. Aber ich habe mir auch ihr Programm nie so genau angeschaut. Man bezeichnet sie als Sekte. Und damit meint man wohl einen gewissen Fanatismus, und eine Abhängigkeit, die man mit Absicht in einer solchen Vereinigung erzeugt.

Ja, Kochsendungen am Fernsehen sind meine Lieblings-Einschlafprogramme. Ich gebe zu, sie sind manchmal nicht ohne Reiz, unterhaltsam und ganz angenehm zum anschauen. Vor allem wenn man ein bisschen hungrig ist, wirken sie belebend auf die Seele. Und man kann wirklich Anregungen bekommen. Manchmal haben sie Tricks, wie man vermeidet, die Finger zu verbrennen, oder wie man den Geschmack von irgend einer verkochten Sauce doch noch auf ein Niveau bringt, dass man sie auch den liebsten Gästen noch vorsetzen kann. Den unbeliebten kann man ohnehin. Und die Sendungen geben den Eindruck, dass die Küche eigentlich ein wunderbarer Ort der Gerüche, der visuellen Reize und ein Hort des Gesprächs und der Unterhaltung ist. Hier in den deutschen Sendern sind es vor allem Männer, die Kochen. Es sind Profis. Es gibt sogar eine Sendung, da kochen zwei Köche gleichzeitig. Zwei Leute aus dem Publikum kaufen ein. Sie dürfen nur waren bringen, die weniger als 20 Euro kosten. Das ist gemeint für ca. 4 Personen. Und dann muss der Koch in Windeseile mit diesen verschiedenen Dingen (zB. 2 Tomaten, 4 Plätzchen Schweinefleisch, ein paar Pilze, Ananas, Artischocken, Granatapfel) ein Menue zusammenbrauen. Das braucht etwas Fantasie, diese heterogenen Dinge so zuzubereiten, dass sie zusammen passen. Aber es sieht meist sehr schön und akrobatisch aus, wenn sie Zwiebeln hacken, Eier lufttig schwingen oder Omeletten zur Decke werfen. Und noch besser sieht es aus zum Schluss, denn auf die Dekoration des Tellers legen sie allerhöchsten Wert. Ein solches Gedeck sieht dann aus wie für ein königliches Gala. Doch wenn das alles bereit ist, wenn der Höhepunkt näher rückt, wenn mir das Wasser im Mund zusammenläuft und ich zur Gabel greife, um den ersten Bissen zu nehmen, dann ist die Sendung zu Ende..... Dann ist alles vorbei, und sie filmen den Applaus oder die dicke Moderatorin, die die nächste Sendung ankündigt. Und die Teller mit dem schönen Gericht steht auf dem Tisch und erkaltet. Eine Sünde!
Dann renne ich zum Kühlschrank und hole mir ein Stück Käse zum trockenen Brot.

Diese Sendungen sind sehr hübsch. Aber sie machen - kurz gesagt - unstillbaren Hunger. Und wer schon mag gerne unstillbaren Hunger.  ---

Natürlich bin ich gespannt auf Dein schönes Stockholm.  (---)  Ich wünsche Dir einen wunderbaren Tag, so dass Du abends ganz zufrieden bist.
Mit lieben Grüssen
...


den 28 oktober 15:18
Re: herbstlich

Liebe Marlena
Vielleicht liegt es an dem schönen sonnigen Oktobertag, dass ich Dir auch gleich ein weiteres Mail schicke. Ich schöpfe hier aus dem Vollen.
Allerdings haben wir heute morgen gehört, dass die ABB weitere Milliarden Schulden gemacht hat. Ich habe meine Aktien verkauft, denn ich glaube, sie werden in den nächsten Tagen noch etwas sinken. Wenn sie sich dann stabilisiert haben, kaufe ich wieder. Du siehst, ich bin schon schwer am spekulieren, obwohl ich eigentlich keine Ahnung und um mich zu informieren praktisch keine Zeit habe. Ich zähle einfach auf meinen Glücksengel. Bis jetzt ist es ziemlich gut gegangen. Ich glaube zwar nicht, dass ich vbiel gewonnen hätte. Aber ich habe auch nicht verloren. Und das obwohl die ABB Aktien in der letzten Zeit eher gesunken als gestiegen sind. Alle haben auf diese Quartalsergebnisse gewartet. Ich hätte eigentlich ein besseres Ergebnis von unserem Kleinen erwartet. Aber offenbar scheinen die Umstände immer noch widrig. Es gibt 3 Faktoren, die negativ sind:
1. die Schuldenlast
2. die Asbestklagen in den USA
3. der anstehende Verkauf von Sparten, die nicht im Kerngeschäft arbeiten
Ich glaube, sie alle drücken auf den Aktienkurs. Wenn er mal auf einem minimalen Stand ist, werde ich wieder kaufen. Ich glaube sehr wohl, dass ABB weiterhin eine sehr erfolgreiche Firma weltweit sein wird. Bestimmt haben die Chinesen und die anderen Asiaten noch einige Projekte für den Grosskonzern. Dann wird es wieder aufwärts gehen.
Und wenn ich falsch habe: tampis
Du hast Recht, man sollte nicht zuviel Aufmerksamkeit auf diese Aktien richten, und sie einfach gewähren lassen. Dann steigen sie vielleicht am schnellsten.
*
Seit den letzten, kalten Nächten sind die meisten Blätter hier gefallen. Die grosse Kastanie, die gegenüber meinem Fenster am Rande des Strassencafés steht, ist rotbraun, eigentlich rostigbraun geworden. So sehen auch Nussbäume aus, denke ich. Und vorne, die drei Kugelbäume, die mir im Sommer die Sicht auf die Eiskaffees und die schönen Tortenstücke verbauen, sind praktisch durchsichtig geworden. Es geht wirklich schnell jetzt. Und es ist im Grunde genommen schön, dass sich die natur immer wieder wandelt. Wir hatten einen Amerikaner aus Florida im Kurs von NY, und er hat erzählt, wie sie dort unten ständig nur Sommer haben. Ach wie langweilig, ständig diese Wärme, ständig Sonnencrème einreiben, ständig Badehosen mit sich führen. Nein, wie erfrischend ist es doch, ab und zu kalte Hände zu kriegen, oder aber auf einer vereisten Strasse auf den Hintern zu fallen. Die Kalifornier haben während des ganzen Jahres nie die Chance, auch nur einmal auf den Hintern zu fallen. Wie öde! Vielleicht versuchen sie es mit Schmierseife auf dem Küchenboden? Das könnte ein guter Ersatz sein. Und auf dem Küchenboden richtig runter zu plumsen, das hat was an sich. Ein steinerner Küchenboden ist härter als Eis. Das macht bestimmt einen Hintern so blau wie das Tote Meer.
*
Ich habe Lust, in dieser schönen Landschaft zu wandern. Vielleicht mache ich heute abend einen kleinen Lauf über Land. Das würde mir echt guttun. Man sollte sich mehr bewegen. Am liebsten hätte ich einen Hund, mit dem ich zweimal im Tag an die frische Luft müsste. Jeder Arzt gibt zu, dass ein Hund für die Gesundheit das beste sei. So ein Hund hält uns in Bewegung. Ich sehe, wie Walter mit seinem Baby lebt. Das Baby ist allerdings schon bald so gross wie eine kleine Kuh. Er ist enorm gewachsen. Aber er ist immer noch mehr oder weniger ein Flegel. Doch von gutem Charakter, das sieht man schnell. Und er geht regelmässig spazieren. Das behält ihn fit.
*
Hoffentlich hast Du einen schönen Tag in der Hauptstadt. Natürlich ist es auch ganz einfach schön, Zeit zu haben, um zu flanieren und sich die Dinge anzugucken. Das ist vielleicht das Schönste dran.
*
Mit lieben Grüssen
...

Donnerstag, 14. November 2019

27/10 Momo




den 27 oktober 07:57
Re: momo

Liebe Marlena

Heute, Montag Morgen, ist es echt kalt. Und immer noch stockdunkel, obwohl wir ja doch eine Stunde später sind. Es ist ein merkwürdiges Ding, diese Zeitverschiebung. Als ob man bei unserer Schöpfung zwischen einer schmalen Lücke der luftigen und verhüllenden Vorhänge hindurch auf die Konstruktion dieser Welt und des ganzen Alls sehen könnte. Und man ahnt, wie diese Verschleierungen durch Menschenhand genügen, um damit zu leben. Denn alles hintendran ist im Grunde genommen ohne Bedeutung. Bedeutung machen die Vorhänge. Es ist wie mit der Geschichte des Menschen. Der Ablauf der Zeit, die Vorgänge und Ereignisse und Folgen von Dingen haben in sich keine Bedeutung. Erst wir Menschen schreiben das alles als Geschichte, spüren darin Untergeschichten und ihren weitverzweigten Bedeutungen nach. Und die sogenannte Metageschichte ist bei uns die christliche Offenbarung, die Geschichte nämlich vom Anfang der Welt bis zum jüngsten Tag. Das alles macht den Anschein, das es vorwärts geht. Aber das ist wohl mehr in unseren Köpfen. In Wirklichkeit dreht sich das Ding doch eher im Kreis, in den wieder und wiederkehrenden Zyklen der Jahre, der Jahreszeiten und Mondphasen, der Tagesabläufe und so weiter. Nietzsche hat ja doch von dieser "ewigen Wiederkehr .." immer wieder gesprochen. Und er hat daraus sogar moralische Implikationen abgeleitet. Eine gute und originelle Ergänzung zu Kants kathegorischem Imperativ! Kant sagt: Handle so, dass das Prinzip Deiner Handlung Grundlage einer Allgemeinen Gesetzgebung sein könnte. Oder einfacher gesagt: Tue keinem, was du nicht willst, dass es dir angetan würde. Und Nietzsche. Er meint sinngemäss: Handle so, dass Du in deiner ewigen Wiederkehr immer wieder so handeln würdest. Handle also nach Prinzipien, die in deiner ewigen Wiederkehr immer Bestand haben würden.

Ach, das klingt alles etwas sehr moralisch am Montag Morgen. Schrecklich!



Gestern hatten wir ein feines Essen im Teufelhof mit meinem Bruder und seiner Frau. Das ist ein ziemlich originelles Restaurant in der Altstadt Basels, eigentlich ein Kulturzentrum mit Theater und im Sommer mit einem hübschen Hof, wo man draussen sitzen kann. Sie hatten einen exquisiten Wein. Und das Essen war schön präsentiert und fein. War eigentlich alles perfekt und prima, eine angenehme Atmosphäre. Sie haben das sehr geschätzt und genossen. Die Schwägerin reist in nächster Zeit nach Paris. Dort lebt immer noch ihre Mutter, und sie besucht sie dort regelmässig. Mit dem TGV ist es gar nicht zu lange. Ich glaube, in 3 oder 4 Stunden ist man schon in der Seine-Stadt.

Und wir sitzen hier im herbstlich kühlen L und kämpfen uns voran, mindestens voran im Jahr.

Ich wünsche Dir eine gute Woche.
Mit lieben Grüssen

...


Ämne: Momo- raschestens
Datum: den 27 oktober 10:33

Lieber ...,
Wir sind gestern in Zeitnot geraten und das Mail, das ich dir noch vor meiner Heimreise schreiben wollte ist eben in meinem Kopf hängengeblieben.
Auch Anna und ich haben uns einen schönen Sonntag gemacht. Wir sind zu einem grossen Einkaufszentrum gefahren und ein bisschen dort herumgegangen. Es ist wie eine Art Sonntagsspaziergang. Nur in meiner Jugend machte man solche draussen in der Natur. Aber ist ist angenehmer in einem Gebäude herumzugehen bei diesen kalten beissenden Wetter.
So haben wir auch für Anna Sportkleidung gekauft, die sie bei ihren Laufrunden anziehen kann, jetzt wo es kälter ist. Dann haben wir gut gegessen in einem netten Restaurant, das dort liegt und schliesslich noch eine Runde im Lebensmittelgeschäft gemacht um ihren Kühlschrank zu füllen. Jetzt wird sie, wenigstens in den kommenden Wochen, nicht verhungern. :-)
*
Schön, dass ihr es so gut getroffen habt mit dem Geburtstagsarrangement. Es ist schön, wenn alles stimmt und so ist wie man es sich vorgestellt hat.

K ist zu einem Spaziergang in die Stadt hinunter gegangen. Deswegen komme ich erst jetzt an den PC ran. Er arbeitet viel hier in seinem Büro und so habe ich es etwas schwerer mit meinem Mausleben.

Ich schreibe dir mehr, wenn ich wieder dazu komme. Morgen ist Stockholm dran.
Mit lieben Grüssen und auch Wunsch für einen schönen Montag,
Marlena


(---)


Subject: Nochmals..
Date: Mon, 27 Oct 22:35

Lieber ...,
Nun ist er bald vorüber, mein freier Tag, oder lass mich sagen, der Tag an dem ich mir frei genommen habe, weil ich ihn schon eingearbeitet habe. Bin ich entschuldigt?
*
Hinter mir läuft der TV und von unten dringt K’s Musik herauf. Man kann sich nicht abschirmen. Ich werde Überlebungsstrategien finden müssen, wenn K mal ganz hier einzieht. Anfangs vielleicht ein paar ”öronproppar”, du weisst diese Dinger, die man sich in die Ohren steckt um nicht hören zu müssen.

Gerade hat man hier von einer Richtung in der Psychologie gesprochen. ”Landmark Education” nennen sie sich und geben Kurse in Persönlichkeitsentwicklung. Man möchte sie verbieten, weil man meint dass sie gefährlich sind, da ihre Methoden Psychosen hervorrufen können bei den Teilnehmern. Kennst du die Richtung?
*
Jetzt läuft eines der vielen Programme über Kochkunst. Dieses ist das allerbeste davon. Eine junge hübsche blonde Schwedin zeigt vor der Kamera ihre Kochkünste. Sie ist sehr geschickt und alles scheint so leicht, wenn sie es macht. Dazu hat sie viel Charme und ist wohl der Liebling aller Leute geworden. Sie hat auch schon ein paar Kochbücher heraussgegeben, die grossen Erfolg hatten. Sie kann einen wirklich inspirieren. Auch K ist begeistert von ihr und holt sich ab und zu Ideen von ihren Programmen. Habt ihr auch solche Programme im Schweizer Fernsehen?
*
Morgen gehe ich eine Stunde vor Abfahrt zu M und wir essen einen gemeinsamen Brunch, bevor wir zum Zug gehen.

Markthalle Stockholm

Ich denke wir werden nicht allzu viel Zeit haben nach dem Besuch beim Arzt, aber einen Blick in die ”Saluhalle” (Markthalle) werden wir sicher schaffen. Dort kann man Delikatessen aus der ganzen Welt kaufen. Es liegt mitten im Zentrum, wo sich die Kungsgatan und Drottninggatan (Königs- und Königinstrasse) kreuzen. Ich nehme die Digitalkamera mit. Werde ein paar Bilder machen für dich, wenn möglich. Hoffentlich wird das Wetter nicht zu schlecht.
*
Ich schicke dir dies nun ab, weil es gerade möglich ist.
Wünsche dir einen schönen Tag morgen. In Gedanken nehme ich dich mit und zeige dir ”mein” schönes Stockholm.
Liebe Grüsse,
Marlena




Mittwoch, 13. November 2019

26/10 - Un clin d'oeuil



den 26 oktober  11:22
Re: clin d'oeuil

Liebe Marlena
Dein Mail aus der englischen Teestunde hat mich sehr gefreut. Ich schicke Dir rasch ein clin d'oeuil zurück. Dein Begriff "spritzig" ist total in Ordnung. Ich habe es durchaus als Kompliment verstanden. Und ich weiss auch, wie angenehm und belegend spritzig sein kann. Ich wusste bloss nicht, worin Du das in meinem Mail gefunden hast. Ich nehme an, es kommt einfach daher, dass ich nicht zuviel nachdenke, wenn ich schreibe. Vielleicht so? Ich freue mich, wenn die Mails wirken wie ein Espresso, oder vielleicht sogar wie ein tira-mi-sù!
*
Ja, heute haben wir unser Geburtstagsessen. Meine Schwägerin und mein Bruder haben in den nächsten 14 Tagen beide Geburtstag. Und so ist es eine gute, auch oekonomische Massnahme, gleich alle zusammen zu essen. Ich glaube, es geht ihnen besser denn je. Er gibt Unterricht an der Architekturabteilung der Technischen Hochschule in F. Sie haben sogar eine 2-Zimmer Wohnung in der hübschen alten Stadt  gemietet, um nicht zuviel hin und her reisen zu müssen. Ich nenne ihn seither 'monsieur le professeur', und das ist er ja in der Tat. Er hat schon früher oft Weiterbildungen für Architekten gemacht, und ich glaube, er mag das sehr. Er hat auch Tausende von Architekturfotos, die er während all der Jahre auf seinen Reisen gemacht hat. Besonders gut kennt er Frankreich. M. zeigt ihm jedes Jahr einen anderen Teil ihres Landes.
*
Das doppelte Wohnen ist ja sehr "teuer" oder "mit hohen Kosten verbunden". 'kostsam' ist zwar gut verständlich, gibt es aber nicht als deutsches Wort.
*
Du hast eine ganze Woche frei. Wie kann man sowas organisieren?? Wo ist da die ausgleichende Gerechtigkeit? Weshalb haben die einen frei, und die andern rackern sich zu Tode? Wieso eigentlich? Ich bin auf der falschen Seite!
*
Ich verstehe jetzt, Du verteilst diskret Babyküsse wie ein Vampyr. Schluck -- schluck --. Ich kann mir nicht helfen, der Schläfenkuss ist ein Greisenkuss für mich. Vielleicht, weil Greise so ausgeprägte Schläfen haben, oft ein bisschen eingefallen, mit durchsichtiger Haut, von einem wilden unterirdischen Kanalsystem an grünblauen Adern durchzogen, welches zur Oberfläche drängt. Der Kuss auf den Mund ist eindeutig besser, auf jeden Fall greifbarer, irgendwie beisbarer. Na ja, Du weisst schon, was ich meine. Eben so, wie kürzlich im Traum.
Ich gerate deswegen nicht in Verlegenheit.

Ich wünsche Dir noch einen schönen Sonntag.
Mit lieben Grüssen
...



Sonntag, 10. November 2019

25/10 Samstag Abend






Ämne: Bald wieder..
Datum: den 25 oktober 10:44

Lieber ...,
Zuerst vielen Dank für dein spritziges Mail.
Ich habe viel zu tun im Moment. Muss noch bügeln
und packen.
Dann fahren wir los nach L und heute abend, wenn
Anna zu einer Veranstaltung geht, schreibe ich dir
von ihrer Studentenbude.

Mit einem lieben Samstagvormittaggruss.. :-)
Marlena


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den 25 oktober 18:07
Samstag Abend

Liebe Marlena
Super, ich schreibe ""spritzige"" Mails. Habe ich nicht gewusst. Worin liegt der Sprutz??
*
Ich bin hier noch an einigen Arbeiten im Büro. Gewisse Dinge kann man fast nur an Wochenenden machen, weil während der Arbeitstage soviel los ist, dass man ständig unterbrochen wird. Manchmal habe ich den Eindruck, ich leide unter Konzentrationsstörungen, schlimmer als manche Kinder in unseren Schulen.
*
Heute hatten wir einen schönen Oktobertag nach einer kalten Nacht. Die Blätter fangen jetzt an zu fallen. Gegenüber, auf der grosen Terasse, wischt eine junge Frau Blätter zusammen. Und gleich darüber, oben auf den Dach, raucht das Kamin schon leicht.
*
Und am Wochenende gewinnen wir eine Stunde dank des Übergangs von der Sommer- in die Winterzeit. Ist nicht schlecht. Besser, als eine Stunde zu verlieren, von denen wir ohnehin nicht zuviele haben. Man sollte die Stunden während des Lebens einsammeln und am Schluss konsumieren können. Bestimmt könnte man am Lebensende noch dringend ein paar zusätzliche Stunden gut gebrauchen. Vielleicht, um sich zu verabschieden. Oder um eine tolle Mahlzeit zu sich zu nehmen. Oder für einen tüchtigen Suff! Aber der liebe Gott hat kein Gehör für solch praktischen Dinge. Ich weiss schon. So lassen wir die Stunden jedes Jahr ungenutzt abfliessen. Meist schlafenderweise. Na ja, ist auch gut.
Ich wünsche Dir einen guten Schlaf.
Mit lieben Grüssen
...


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Ämne: Gruss aus L.
Datum: den 25 oktober 22:33

Lieber ...,
Es ist ein ganz besonderes Gefühl einen Abend allein in einer Studentenbude zu verbringen. Anna ist zu ihrer Veranstaltung verschwunden. Es ist der Verein "Donna", der seine jährliche Sitzung hat. Es ist immer ein schönes Fest. Erst wird gut und reichlich gespeist und dann kommen verschiedene Vereine und sorgen für lustige Unterhaltung der Damen. Ich glaube am Ende wird noch auf den Tischen getanzt, oder zo ähnlich. Na ja, dann haben viele wohl ein wenig zu tief ins Glas geschaut.

Und ich sitze hier und erinnere mich an alte Zeiten. Habe mir etwas zu essen hervorgesucht. D.h. einen Tee gemacht und Gott sei Dank hatten wir ein ganz herrliches Brot gekauft auf der Fahrt hierher. Es war so gut, dass ich nicht einmal die Apfelsinenmarmelade, die es auch hier gibt, darauf haben wollte. Sonst schmeckt das so wunderbar zu Tee. Erinnert mich ein wenig an die englische Teestunde, wo man den Tee zu etwas Süssem geniesst.

Und nun habe ich nochmals deine spritzigen Mails durchgelesen. Zuerst war ich etwas ängstlich über deine Reaktion auf das Wort spritzig aber dann habe ich mich hier im Internet davon überzeugt, dass ich das Wort nicht falsch verwendet hatte. Dort steht "anregend, belebend, prickelnd". Und so sind sie, deine Mails. Immer wieder.

Was musste ich lachen über dein Gespräch mit dem Pfarrer. Ich denke er muss sich genau so sehr amüsiert haben wie ich, aber es ist nun seine Aufgabe für den einen Gott zu propagieren. Sicher hat er eingesehen, dass hier Hopfen und Malz verloren sind und dass er gut daran täte sofort das Feld zu räumen. Oder ist er eben weggelaufen, weil er nicht verraten wollte, wie schön ihm dein Gedanke gefiel. ;-) Man kann ja nicht wissen, was solche Leute im innersten denken und ich frage mich nicht selten, ob sie an ihre eigenen Worte glauben.

Schade dass du erkältet bist. Aber es geht hoffentlich bald wieder vorüber. Und sogar mit deinem Schnupfen stellst du alles mögliche an. Bald wird dein Chef auch im Bett liegen und du wirst deine Ruhe haben. War wohl auch deine Absicht?

*Ich habe im Internet gesehen, dass ihr fast dieselben Temperaturen habt wie wir. Also auch schon ziemlich winterig. Leider hat mir dann die Zeit gefehlt für den Reifenwechsel, aber ich denke es wird morgen trockenes Wetter sein und wenn ich die grossen Wege nehme ist es keine Gefahr.
*
Ja, ich kenne deine Begeisterung über die Türken. Und Istanbul ist eine wunderschöne und interessante Stadt, die sehr wohl eine Reise wert ist. Auch K hat enthusiastisch über die Leute dort gesprochen, doch ich habe mir damals nichts besonderes dabei gedacht, denn sie, d.h. er und seine Gruppe, werden immer sehr gut behandelt auf ihren Reisezielen. Doch wenn ich jetzt zurückdenke, so erinnere ich mich, dass er sehr die Bedienung gelobt hat und die Freundlichkeit aller Menschen. die ihnen begegnet sind. Es war 1999. Ich erinnere mich an das Jahr, weil Anna und ich auf Cypern waren und als wir am späten Abend über Instanbul geflogen sind, haben wir hinuntergeschaut auf die vielen Lichter und gedacht, dass K nun irgendwo dort unten ist. Damals glaube ich, hatte man auch die Leute vor Reisen in die Türkei gewarnt (erinnere mich nicht mehr an den Grund) und die Schweden glaubten, dass sie deswegen so geschätzt wurden, weil sie sich nicht um das Verbot gekümmert hatten.
Wie du sagst, der Charme der Südländer gemischt mit der Ehrlichkeit eines Nordeuropäers (falls es sowas noch gibt) muss doch irgendwie ideal sein. Und du meinst es gefunden zu haben. Ich glaube ich muss auch einmal dorthin fahren.
*
K wollte doch nächsten Sommer in Rente gehen aber nun will man ihn nicht gehen lassen. Seine Chefs verwenden alle möglichen Überredungskünste um ihn behalten zu können. Das doppelte wohnen ist ja sehr kostsam und wir würden unsere Ausgaben sehr reduzieren, wenn wir nicht zwei Haushalte zu bezahlen hätten. Ich glaube er hat eine schwere Wahl im Augenblick. Na ja, er hat noch etwas Zeit sich zu entschliessen aber sie warten eifrig auf einen positiven Bescheid. Und seine nächsten Kollegen, mit denen er gut befreundet ist, wollen ihn absolut nicht gehen lassen. Ein bisschen stolz muss er schon sein über diese Reaktionen.
*
Ich habe nun fast eine ganze Woche frei. Aber irgendwie begreife ich es noch nicht. Nur eben am Mittwoch ist das Treffen mit allen Grundschullehrern. Und am Dienstag Stockholm. ---
*
Schön, dass man endlich die Uhr um eine Stunde zurückstellen darf. Ich habe lange auf diesen Augenblick gewartet. Es ist stockdunkel, morgens wenn man aus dem Bett muss. Vielleicht wird es nun etwas leichter.
*
Ach nein, du verstehst nicht was ein Kuss auf die Schläfe ist. Solche gibt man wirklich nicht alten taterigen Greisen. Am besten sind sie auf kleinen Babys. Hast du noch nie jemanden auf die Schläfe geküsst? Du musst deine Lippen eine gute Weile dort ruhen lassen und du wirst fast das Gefühl haben, dass du die Seele des anderen spürst. Jedenfalls wie das Leben unter deinen Lippen pulsiert. Aber.. wer weiss, vielleicht bin ich etwas vampyrisch veranlagt. ;-)
(---)Ich wünsche dir einen schönen Sonntag und ein feines Treffen mit deinen Verwandten.

Marlena



Mittwoch, 6. November 2019

24/10 Re: Winter...ahoi


den 24 oktober 13:27
Re: Winter...ahoi

Liebe Marlena
Du sprichst über den Menschen wie eine schwedische Katholikin. Das ist auch gut so, das mag ich an Dir. Das gibt mir die wunderschöne Gelegenheit, Dir den Darwinismus aufzureden. Ich muss zugeben, dass wir an unserer schönen Mittelschule nie etwas über den Darwinismus gehört haben. Das war ein Tabu. Und deshalb habe ich das Thema in den letzten Jahren für mich wiederentdeckt. Es gibt auch ein paar gute Jugendbücher, die darüber informieren. Und es ist irgendwie so wunderbar schwindelerregend, wenn man sich das alles denkt, so wie wenn man vor einem tiefen Abgrund steht und hinunterguckt. Es ist alles bodenlos, und ich glaube, Nietzsche hat das immer wieder versucht zu sagen. Der Boden ist nur scheinbar solide und stabil. In Wirklichkeit sollten wir uns eher als auf einem Dampfkessel schwebend vorstellen. Wenn das Feuer ausgeht, stürzen wir in die Tiefe.
Aber Du hast recht. Diskussionen über die Frage, was der Mensch sei, sind auch ein bisschen bodenlos und schwebend. Sie sind gut bei einer Flasche Rotwein nach Mitternacht, wenn all die Tagespflichten getan oder vergessen sind.
Als B vor der Konfirmation stand, ist ihr Pfarrer bei uns zu Besuch gewesen. S. wollte nicht mit ihm herumplaudern, nachdem sie schon vor B´s Taufe gegenüber dem damaligen Pfarrer behauptet hatte, Islam und Christentum seien doch praktisch das gleiche, Christus sei im Koran ein Prophet. Was sollte man mehr wollen? Dieses mal also sass ich mit ihm in unserer Stube und wir übten uns im christlichen Small Talk. Ich erzählte ihm, dass ich sowohl reformiert wie praktisch katholisch und faktisch auch noch moslemisch sei. Es schien mir, er schmunzelte ein bisschen, als ich beifügte, die Wahl sei nicht mein Problem, die Wahl würde ich den drei Göttern überlassen. Sie sollten sich zusammenraufen und entscheiden, wer der Boss sei. Aber nach dem Schmunzeln war er doch ziemlich sprachlos und verliess mich nicht viel später, indem er sich mit weiteren Pflichten entschuldigte.
Ich glaube, diese Fragen sind wirklich gut bei Rotwein, aber sie sind nicht so, dass man darin weiterkommen würde. Es ist, wie wenn man sich in einem Sumpf ein bisschen drehte. Man ist dennoch rundum im Sumpf und nichts wird klarer. Aber es ist auch gut, dieser warme Sumpf. Er gibt uns doch irgendwie ein Gefühl der Geborgenheit.
*
Ja, ich bin wirklich ein bisschen verlegen über Deine Komplimente und Deine Begeisterungsstürme. Und natürlich wäre es wundervoll, sie in RL mit beiden Händen auffangen und fassen zu können. Aber was die Einmaligkeit betrifft, so bin ich leider nicht wirklich allein. Wenn jeder einmalig ist, kann nicht einer einmaliger sein als der andere. Streng logisch genommen, oder etwa nicht?
Wenn Du das so sagst, dann erinnere ich mich, dass jedes Mal, wenn ich irgendwo einen Artikel geschrieben hatte, mich ein paar Leute darauf angesprochen und dabei ermuntert haben, mehr zu schreiben. Es waren manchmal ziemlich bedeutende Leute darunter, und ich war momentan auch wirklich ein bisschen stolz. Eine Weile hat diese Begeisterung der anderen vielleicht angehalten, und dann, mit der Zeit, habe ich sie wieder vergessen. Und wenn ich jetzt etwas schreiben will, brauche ich gewöhnlich viel Überwindung und viel Anstrengung, bis es (Gedanken, Formulierungen, Zusammenhänge, Pointen etc.) überhaupt hervorkommt. Es ist eher eine Qual, bis ein Text dann soweit ist, dass ich ihn verschicken kann. Es ist wie - ich will nicht sagen Schwangerschaft mit Geburt - es ist vielleicht schon eher wie eine Blinddarmreizung mit Operation.
*
Hier ist es auch irgendwie winterlich geworden. Der Schnee liegt auf den Wäldern in der Höhe. Bei uns im Städtchen ist es zwar mehr oder weniger trocken, aber eben bedeckt und trüb. Wahrscheinlich lutschen die Tauben oben auf dem Dach Hustenbonbons oder sie reichen sich die Schnapsflasche rundum? Es wäre jetzt wirklich am allerschönsten zuhause hinter dem Ofen, bei einer guten Geschichte. Ich war heute morgen krank, dh. ich bin liegen geblieben, weil ich so sehr gehustet und gefiebert habe. Doch heute Nachmittag ist eine wichtige Spar-Sitzung, die ich nicht davonschwimmen lassen kann. Ich werde mich da durchquälen müssen. Und ab und zu werde ich über den grossen Tisch hinweg dem neuen Chef entgegen niesen (hat nur ein s, obwohl man Doppel-S annehmen würde!!), dass ihm die Ohren flattern. Ich werde echt mit Viren und Bazillen um mich schmeissen, so dass es epidemisch werden könnte.
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Gestern war ich kurz bei Walter am Weekly. Ich dachte, ich könne ihn nicht nochmals sitzen lassen, nachdem ich schon die letzte Woche verschlafen habe. Aber es war nur kurz, eine gute Stunden sassen wir in seiner Bibliothek und diskutierten die türkische Kultur. Habe ich Dir schon erzählt, wie begeistert ich von den Türken bin. Sie sind tüchtig, wohlerzogen, speditiv, praktisch und haben Charme. Echt toll! In NY war eine Türkin im Kurs, die in NY lebt. Auch sie hat mir echt imponiert, eine hübsche Frau, gut gekleidet mit wunderbar balancierten Umgangsformen. Fast schon wie eine Perserin. Aber - wie sie mir erzählt hat - ist oder war ihr Vater Chirurg. Sie kommt also von einer gutsituierten Familie. Und ich hätte nie gedacht, dass mich auch die einfachen Leute in der Türkei beeindrucken würden. Aber sie haben mich wirklich. Und nicht nur die Frauen, sehr wohl auch die Männer. Ich glaube, ich muss mal Instabul besuchen. Das scheint eine wundervolle Stadt zu sein. Und weisst Du was, sie passen zu den Deutschen, die Türken. Sie passen wundervoll zusammen. Beide sind pflichtbewusst, exakt. Die Deutschen sind gleichzeitig etwas nüchtern und kühl, manchmal protzig. Die Türken sind fein, elastisch und können sich gut einschmeicheln. Aber das Grundgerüst ist ziemlich ähnlich, wie mir scheint.
*
Am Sonntag feiert meine Schwägerin aus Paris ihren Geburtstag. Sie war ganz gerührt, als S sie angerufen und zum Essen eingeladen hat. Wir werden das in Basel machen. Auch A und B wollen dabei sein. Und leider müssen wir für Onkelchen eine andere Lösung finden. Im Moment fahren wir immer Sonntag-Mittag. Er mag das Essen lieber am Mittag als am Abend. Ich habe den Auftrag, für sie ein Buch zu finden. Das ist nicht leicht, sie liest wahrscheinlich nur in Französisch. Auch mein Bruder hat bald Geburtstag. Für ihn habe ich ein Buch: Architektur, Rossi, um genau zu sein. Ich glaube, das war einer seiner Professoren in Zürich an der ETH.
*
Und so mache ich mich langsam dran, mich auf die Sitzung vorzubereiten. Während andere ihre Aktenmappen füllen, fülle ich meine Hosensäcke. Mit Papiernastücher natürlich.
Mit lieben Grüssen

a propos: Deine Schläfen-Küsse lassen mich wirklich alt ausschauen, schon fast ein bisschen tatterig. Du weisst doch, was tatterig ist? Kleine Schritte, wackeliger Gang, zitterige Hand, Spuke, die aus den Mundecken quellt, kleiner Tropf an der Nasenspitze ... na ja, und so weiter. Eben tatterig!
und echten saftigen Küssen
...