Ämne: Hast du Zeit zum lesen?
Datum: den 30 oktober 01:23
Lieber ...,
Wir hatten einen ganz herrlichen Tag in Stockholm. --- Nach den vielen rauhkalten Tagen war die Luft plötzlich angenehm mild, fast warm.
Wenn man in Stockholm den Zentralbahnhof durch den grossen Ausgang verlässt, sieht man sofort die schöne Klarakirche zwischen den neugebauten Hochhäusern. Diese Kirche und der Friedhof um sie herum sind die letzten Reste, die an damals erinnern als ich als neugewordener Teenager dort die Schule begann. Es war eigentlich eine Schule, die mit der Zeit zu Studien an der Handelshochschule führen sollte und in meiner Klasse gab es viele Kinder von prominenten Leuten, die wohl hofften, dass ihre Söhne und Töchter in ihren Fussspuren wandern würden und ihre Firmen und andere Geschäfte mit der Zeit übernehmen sollten. Ich habe später in den Medien gesehen dass es ihnen geglückt ist, die höchste Stufe von materiellem Glück zu erreichen..
Es war eine herrliche Zeit und ich erinnere mich sehr gut an das Leben in und um die Schule herum. Es gab dort viel zu tun und zu sehen, wenn man die lange Lunchpause hatte. Oft gingen wir ein Quartier hinauf auf die Drottninggatan und befanden uns mitten im Herz der Hauptstadt.
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Nach unserem kurzen Besuch auf dem Klarafriedhof sind wir 3 Stationen mit der U-bahn gefahren und haben sofort die Stelle gefunden, wo ich mich sollte untersuchen lassen.
Es war nicht nur eine Untersuchung, sondern zugleich eine Behandlung. Nadeln und Spritzen wurden mir in den Rückenschluss gesteckt (manche taten verdammt weh) und dann hat er noch irgendetwas mit einem gewaltigen Ruck zurecht gebeugt (ich dachte eher abgebrochen). Und nach dieser fast einstündigen, sehr unmilden Behandlung waren meine Schmerzen plötzlich weg. Ich konnte es kaum glauben. Es war ein unwirkliches Gefühl. So sind wir dann zu Fuss das kleine Stück zum oberen Ende der Drottninggatan gegangen, dort wo Strindberg gewohnt hat und wo nun ein Strindbergsmuseum liegt und dann weiter hinunter zu Hötorget (Heumarkt) wo die schöne Markthalle liegt.
Ganz daneben im Kulturhaus haben wir dann ein Dinner gegessen mit einem Glas Rotwein dazu und von unserer hoch gelegenen Fensterfassade das rege Leben unten am Sergelstorg betrachtet. Manchmal kam mir der Gedanken, dass hier in der Nähe Anna Lindh niedergestochen wurde und man konnte hier und da solche windgetriebene Gestalten sehen, von denen man dachte, dass sie es in einer psychiatrischen Klinik vielleicht besser hätten. Auf der Treppe unten am grossen Platz sassen ein paar junge Mädchen und schleckten Eis.
Nach dem Essen sind wir zur Kungsgatan gegangen, wo wir in dem berühmten alten Café ”Vetekatten” (die Weizenkatze) einen herrlichen Kaffee getrunken haben mit einem Stück crèmiger Schokoladentorte dazu. Das Café war so gut wie voll als wir kamen und wir mussten uns an einem Tisch mit ein paar jungen Studentinnen niederlassen. Es war lustig ihre Vorhaben zu studieren. An einem Tisch ganz daneben sass eine Gruppe von jungen Frauen und die eine Frau stillte ihr kleines Baby an der Brust. Es hat niemanden schockiert, denn sie tat es sehr diskret. Ich versuchte während des Essens nicht an Kalorien zu denken. Versuchte auch ein Bild zu machen, aber es ist leider etwas zu dunkel geworden. Vielleicht lege ich es trotzdem rein.
Nachher sind wir ganz gemütlich durch die jetzt ziemlich belebten Strassen zum Bahnhof geschlendert. Meine Schmerzen hatten wieder zugenommen aber etwas war doch ein wenig besser geworden. Ich glaube der Arzt war sehr geschickt auf seinem Gebiet und doch ein etwas komischer Typ wie man sie in Grosstädten finden kann. Als ich mit meinen Nadeln dort lag bekam er ein Telefongespräch auf seinem Handy und er erzählte jemanden laut von seinem Leben. Nur einen halben Tag pro Woche arbeitete er hier. Sonst eignete er sich seiner Firma (was das nun gewesen sein konnte) und für die Winterferien plante er eine dreiwöchige Reise nach Cuba, wo er tauchen und Golf spielen wollte und damit die Kinder auch ein wenig ihr Spanisch üben könnten. Eigentlich finde ich es nicht richtig passend private Gespräche vor einem Patienten zu führen, aber er war ziemlich apart. Ich glaube gewöhnliche Umgangsformen galten nicht für ihn.
Als wir im Zug sassen wurde uns mitgeteilt, dass die Reise länger dauern würde, weil es irgendwo in einer elektrischen Leitung gebrannt hatte. Und so sind wir erst kurz nach 21.00 Uhr Abends (mit 45 Minuten Verspätung) zu Hause angelangt.
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Übrigens: Anna Maria Lenngren (auf dem Bild in Fotofolder), haben wir damals dort an der Schule gelesen. Ich mochte sie sehr wegen ihrem Humor. Schöne (lange) epische Gedichte, aber auch kleine lustige Dinge wie dies (1793 geschrieben):
EPITAF
Min hustru vilar här till världens sista dag.
Hon är i ro - och även jag.
Meine Gattin ruht hier bis zum letzten Tag der Welt.
Sie ist in Ruh - und so auch ich.
(---)
Aber ihre bekanntesten Gedichte sind zu lang um hier zitiert zu werden. Liebe, moralische Themen mit viel Weisheit und Humor. Sie war eine bedeutende Frau für ihre Zeit.
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag.
Morgen habe ich wirklich frei. :-)
Marlena
den 30 oktober 08:51
Liebe Marlena
Gratuliere, dass erstmals Deine Schmerzen beeinflusst werden konnten. Das zeigt doch ungefähr, wo der Ansatzpunkt ist. Auch wenn sie wieder gekommen sind, so scheint doch diese Art der Behandlung, einen Einfluss zu haben. Was war denn der Arzt, Physiotherapeut oder bloss ein kleiner Zauberer? Was Du von ihm erzählst, ist mir auch schon passiert. Ich glaube, es war bei einem Augenarzt hier ganz in der Nähe. Er hat ein Treffen mit Freunden verabredet und ganz vertraulich gesprochen. Ich habe mich nicht sonderlich gestört gefühlt, denn ich dachte, ich lerne damit den Typen näher kennen. Er schien mir sehr robust und von sich eingenommen, dass er es nicht für nötig befand, sich vor den Ohren seines Patienten zu schützen. Ich würde sowas nicht machen. Aber ich finde es auch nicht so schlimm, wenn einer das tut. Es sei denn, er bereitet gerade einen kleinen Banküberfall auf die Stadtsparkasse vor. Dann ist er gut beraten, sich fürs Telefon in sein Büro zurückzuziehen!!
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Wenn Du so gemütlich und gemächlich von Stockholm erzählst, werde ich dort geradezu heimisch. Das eigentlich meine ich, wenn ich von der herbstlichen Prakt in der Stadt rede. Man wandert durch die Strassen, geniesst die letzten hellen Tage, vielleicht die Sonne des Altweibersommers, aber man sehnt sich schon ein bisschen nach den warmen Stuben, nach dem heissen Vieruhrtee und dem trauten Licht der Lampe, wo man lesen und dösen kann. Das finde ich eine hübsche Atmosphäre, und es ist die Zeit, da man Arm in Arm durch die Strassen geht und die Fenster betrachtet. In einer anderen Jahreszeit kann ich mir das kaum vorstellen. Im Frühling geht der Blick hinaus in die Natur, da will man nicht in der Strasse stehen bleiben. Im Sommer ist man ohnehin draussen vor der Stadt. Aber im Herbst, da ist die Stadt in ihrem Element, wenn die Blätter treiben ...
Kürzlich habe ich mir gesagt, dass - wie es in diesem süsslichen Schlager heisst: In einer kleinen Conditorei ... - dass es das kaum mehr gibt. Doch, es gibt noch einige wenige. Aber irgendwie haben sie sich auch verändert. Und die normalen Wirtschaften noch viel mehr. Es gibt jede Menge neutraler Imbissorte, ähnlich wie Mc Donalds, ohne wirkliche Atmosphäre. Sie verkaufen Hamburgers, Pizzas, Indisches oder Tailändisches Zeug zum Essen. Diese gastronomische Szene hat sich sehr verändert in den letzten Jahren. Und die kleine Conditorei, wo man sich für einen kleinen, diskreten Flirt zurückziehen könnte, um einen Schokoladenkuchen zu essen und einen Mokka zu trinken, das gibt es nicht mehr. Vielleicht gibt es das überhaupt nicht mehr, die kleinen Flirts. Vielleicht gibt es überhaupt nur noch direkte und ungeschönte Operationen wie Zungenkuss oder One-night-stand. Die ganze Romantik scheint verloren zu gehen. Weshalb eigentlich? Aber eben, das ist die Nostalgie des Herbstes! Ich fühle mich in der Tat bald im Pensionsalter. Die Pensionisten stehen am Rand der Welt, wie die alten Männer am Rande einer Baustelle stehen und zuschauen, was da alles gearbeitet und zerstört wird, und können nicht begreiffen, wozu das?
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Gestern hatten wir eine Sitzung in Basel. Und weil um 17 Uhr der Verkehr besonders hoch ist, habe ich mich entschlossen, noch nicht heim zu fahren, sondern noch rasch in die Stadt zu gehen. Es gibt zur Zeit Herbstmesse in Basel. Das ist ein Rummel in den Strassen, weil überall Karussels und Bahnen stehen, wo sich die Kinder ihre Zeit und das Geld ihrer Eltern vertreiben. Eine meiner Kusinen ist früher immer mit B und A auf die Messe gegangen und hat sie auf diese vielen Bahnen eingeladen, soviel sie wollten. Sie war wirklich sehr grosszügig . Und abends hat sie gleich noch ein Essen für uns Erwachsenen organisiert. Es war jedes Jahr ein Fondue Chinoise mit vielen feinen Saucen und einem guten französischen Wein. Sie hat uns einmal im Jahr rundum verwöhnt. Heute ist sie pensioniert, frühpensioniert eigentlich, und geniesst ihre Zeit und Reisen rund um die Welt. Sie ist ledig geblieben und stets an den Wochenenden in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Ich konnte das zwar nie richtig begreifen. Ich habe den Eindruck, sie habe sich für die Eltern geopfert. Solche psychologischen Phänomene soll es ja geben.
Ungefähr um 19h bin ich dann zurückgekehrt. Aber mittlerweile war ich noch in der Bibliothek. Dort parkiere ich meist mein Auto, wenn ich in Basel bin, denn anderswo finde ich kaum einen Platz. Im Raum von Yves war Licht. Ich klopfe dann immer dort an die Scheibe, und er kommt an die Hintertüre, mir zu öffnen. Die Bibliothek selbst war längst geschlossen. Y. ist dort irgendwie Spezialist für EDV FRagen der Bibliothek. Und gleichzeitig hat er die Rezensenten zu betreuen. Sein Büro ist voller Jugend- und Kinderbücher. Ich habe mir ungefähr 40 ausgewählt. So bin ich für die nächste Zeit wieder eingedeckt mit diesen Büchern. Y. hat mir erzählt, dass sie im Moment ihr Bücherschiff vorbereiten. Jedes Jahr nach der Herbnstmesse mietet die Bibliothek ein Schiff auf dem Rhein. Dort stellen sie Bücher aus für Schulklassen und Kinder. Sie wählen dazu jedes Jahr ein anderes Thema. Dieses Jahr heisst das Motto "Mein Lieblingsbuch". Dazu haben sie Prominente gefragt, an welchen Büchern sie in ihren Jugendjahren am meisten gehängt haben. Sie wollen wirklich die alten Ausgaben aufstellen und anschreiben, wessen Lieblingsbuch dies gewesen sei.
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Heute ist unser Weekly. Und morgen haben wir Gäste. Da muss ich meine Dinge noch etwas aufräumen im Wohnraum. S. mag es nicht, wenn es zu gemütlich aussieht. Mich selbst würden diese Dinge nicht stören, denn sie gehören zum Leben. Aber S möchte die Wohnung, wie sie die Perser vorweisen, wenn jemand kommt: pik-fein und auf Hochglanz getrimmt. Na ja, das sind die Kompromisse, die man im Leben einzugehen hat.
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Weshalb denkst Du an Kalorien, wenn Du Kuchen isst? Du hast doch erzählt, dass Du absolut nicht Gewicht zulegen kannst, soviel Du auch isst? Ist das nicht mehr so? Ich bin im Moment mit 1 kg im Über-Bereich und werde versuchen, das wieder loszuwerden. Es ist nämlich so - wie wir alle wissen - dass nach dem 1. kg das 2. kommt. Und so weiter. Man soll dem Teufel gleich zu Beginn begegnen, und ihn nicht zu lange gewähren lassen. Sonst wird man ihn nicht mehr los.
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Jetzt will ich noch rasch in den fotofolder via bluffokatten. Ich hoffe, sie lassen mich rein.
Mit lieben Grüssen
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