Samstag, 30. Juni 2018

Re: Gruss


Ämne: Re: Gruss
Datum: den 4 juli



Liebe Marlena
Heute ist mein letzter Tag im Büro vor Ferienantritt. Es ging alles drunter und drüber bis heute morgen. Am Montag war ich noch in einer ärztlichen Kontrolle. Im letzten Moment empfahl man mir eine weitere Operation, weil Druckausgleich im rechten Ohr noch nicht normal funktionierte. Und so haben sie mich am Dienstag ein weiteres mal unters Messer genommen. Das war zwar eine ambulante Operation, aber dennoch mit Ausziehen, auf dem Bettgestell, mit einer örtlichen Betäubung. Es ist äusserst unangenehm, wenn sie dir mitten im Kopf herumfummeln. Und diesen Ein-druck hat man, wenn sie mit ihren spitzen Dingern ins Ohr hineinfahren und einen Höllenlärm veranstalten. Es war wirklich schwer zu ertragen.
Und so war ich gestern noch etwas benommen. Ich bin zuhause geblieben und habe geschlafen und etwas geruht. Aber gepackt habe ich eigentlich noch nicht. Ich glaube, ich überlasse es wieder einmal S. Nur bei den Büchern weiss ich mehr oder weniger, was ich mitnehmen will. Aber es ist zuviel. Ich muss noch etwas dezimieren.
*
Ja, Deine Rührung ist völlig in Ordnung und angebracht. Ich habe auf diesem kleinen Laptop geschrieben, was bloss mit sehr spitzen Fingern möglich war, und immer unendlich lang gewartet, bis sich das Ding bis ins Hotmail vorgedrängelt hatte. Es war qualvoll, das hast Du vielleicht nie direkt bemerkt. Ich wollte Dich auch nicht gleich zu Tränen rühren. Aber nun ist das anders. Jetzt ist es, als ob ich mit einem breiten Ferrari zum Himmel fahre. Komfortabel und erstklassig. ;--). Als ob ich mir irgendwo das selige Leben verdient hätte.
Und vielleicht bist Du nicht mein Manual, sondern eigentlich das Muttermal sozusagen (das sollte ein Scherz sein!). Auf jeden Fall bin ich froh, dass Walter sein Monopol nicht extrem ausspielen kann. Sonst halte ich mich nämlich an ihn. Oder noch ein wenig an meine Sekretärin, die auch sehr viel weiss. Aber alles und jedes kann ich sie auch nicht fragen.
*
Wenn der Visper meint, die Schweizer seien Füdlibürger, dann meint er bestimmt alle, ausgenommen die Walliser. Ich kenne sie und weiss genau, wie sie das meinen. Das ist die gängige Ideologie im sonnigen Tal. Die übrigen Schweizer sind langweilige Typen, während die eigenen Landsleute wirklich etwas ganz anderes darstellen. Es gibt sogar Leute, die träumen von einer Republik Wallis und einem grossen Casino in der Mitte, um Steuern zu sparen. Ich glaube Peter von Roten hat diesen Gedanken immer wieder ab und zu hochgebracht.
Na ja, die Walliser sind schon ein wenig speziell, eben Südländer, wie die Provenzalen in Frankreich, oder die Bayern in Deutschland. Aber wenn man dann mal hingeht und schaut, wie es in Brig oder in Visp oder Siders so zugeht, da staunt man nur, wie sich alles normalisiert hat in den letzten 20 Jahren.
*
Bei uns haben nun auch die Sommerferien begonnen. Auf dem Platz vor meinem Fenster ist es blendend und warm. Nur unter den Bäumen im Café sitzen die Leute. Kinder spielen am Brunnen. Ein älteres Paar kommt vorbei. Sie sind ziemlich sportlich angezogen. Die Rentner sehen heute aus wie Golfspieler mit einem kleinen Handycap. Sie verjüngen sich mit ihren Kleidern. Und wenn der Bus hält, dann flimmert die warme Luft, die aus den offenen Türen aufsteigt. Es muss ein Bratofen sein. Ich mag diesen sommerlichen Platz vor meinem Büro. Und ich weiss, dass Du gerne mal ein Foto sehen würdest. Aber ich glaube, er wird schöner, wenn ich ihn Dir beschreibe. Er ist vielleicht wirklich nicht so schön. Denn darin besteht der Trick jeder Beschreibung, dass sie die Dinge verzaubert. Nun, sie verzaubert eigentlich nicht mal selbst. Der Text gibt nur eine Schlüsselhinweise, und die Verzauberung geschieht im Kopf des Lesers, und eigentlich durch die Lücken im Text. Ich bin überzeugt, dass Du Dir den schönsten Platz vorstellst, voller blonder Menschen in einem milden sommerlichen Klima und einer leichten Brise von der See her.;--)

Die Markisen des Cafés sind heruntergedreht. Und vor dem Haus stehen drei Bäume, die Schatten spenden. Deshalb kann ich die Leute nicht direkt sehen, sondern nur deren Beine, oder ihre farbigen Kleider durch die Blätter hindurch. Das würde ein hübsches impressionistisches Bild abgeben. Aber das mal ich ein andermal.
Der Name "Wasserturm" stammt von einem Turm, der einst hier in der Stadtmauer, gestanden hatte. Ich glaube, hier floss auch der Stadtbach in die Stadt hinein, der dann den Fischmarkt hinunter zur Mühle führte und schliesslich im "See" endete, was ja eigentlich nur ein Feuerweiher war. Die Mühle ist heute ein Restaurant. Na ja, Liestal ist ein kleines Nest. Und wenn Du die ureigenen Liestaler triffst, dann weißt du, was ich meine. Da lob ich mir die Walliser wirklich.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...



Freitag, 29. Juni 2018

Sommergruss





Lieber ...,

Sonne, Wind, frische Erdbeeren und ein kühles Getränk...
was kann man sich mehr wünschen.. 
nur eins fehlt.. :-)

Liebe Sommergrüsse
Marlena




Mittwoch, 27. Juni 2018

Re: hotmail und coolmail



Lieber ...,
Wie schön du Menschen beschreiben kannst. Ganz deutlich sehe ich deinen Hans vor mir und auch du wirst deutlicher wenn du mir die Menschen in deiner Umgebung so lebendig machst..Und dein Verwandter hätte sich gefreut wenn er deine Worte gesehen hätte. Nein, du bist nicht böse. Du hast ihn mit viel Wärme und Sympathie beschrieben. Und was könnte ihn mehr freuen als dass Dinge die er geliebt hat zu jemanden kommen der sie schätzt und pflegt.

Ja, die Leute sterben um uns herum. Heute war ich schon wieder bei einem Begräbnis. Eine frühere Kollegin von mir die schon eine zeitlang in Rente war ist gestorben. Ich habe dir einmal von ihrem Mann erzählt der einer meiner besten Kollegen war und leider kurz nach seiner Pensionierung starb. Diesmal war es kein überraschender Tod denn die Frau hatte Krebst im letzten Stadium aber es war trotzdem sehr traurig weil ihre geliebte Tochter im August ein Kind erwartet und ich hätte es ihr gegönnt die Geburt ihres Enkelkindes erleben zu dürfen.

Die Zeremonie war sehr stimmungsvoll und auch der Männerchor, den ihr Mann so viele Jahre geleitet hatte war da und hat ein paar Lieder gesungen. Sie waren alt geworden die Herren. Und viele alte Kollegen, von denen ich manche jahrelang nicht mehr gesehen hatte waren gekommen u.a. meine älteste Französischkollegin die mir als ich sie zum ersten Mal sah uralt vorkam, die sich aber in den folgenden 20 Jahren kaum veränderte.
Nun war auch sie alt geworden aber zum Glück nur der Körper. Sie und der Kulturjournalist (von dem ich dir schon früher mal erzählt habe) mussten eine Stunde auf den Bus warten und ich entschloss mich ihnen in der Wartezeit Gesellschaft zu leisten. Wir gingen in ein Restaurant wo wir in alten Zeiten viele schöne Stunden verbracht haben. Damals waren wir noch ein sehr junges Kollegium und diejenigen die keine Familie hatten die sie zu Hause erwartete gingen oft nach der Arbeit zusammen dorthin essen. Es war eine schöne sorglose Zeit.
Und heute, als wir in diesem Lokal sassen (es hat sich kaum verändert in all den Jahren) spürte ich es wieder, dieses herrliche Gefühl von Freiheit, das immer seltener wird. Und wir haben uns über einer Tasse Kaffee an vergangene Zeiten erinnert aber auch über alle Veränderungen gesprochen, die in den letzten Jahren auf dem Gebiet Ausbildung stattgefunden haben. Ein trauriges Kapitel.
*
Ich bin ganz gerührt wenn ich daran denke dass du mir die ganze Zeit auf dem kleinen Laptop geschrieben hast. Und nun nennst du mich sogar dein kleines Manual.. Na ja, ”mein” gefällt mir ganz gut und ”kleines” ist auch nicht ganz falsch aber bei Manual muss ich Stop sagen. Wenn ich nicht Anna hätte könnte ich sicher nicht viel mehr als du auf diesem Gebiet. Aber Anna ist jederzeit bereit uns zu helfen.. Es ist schön dass ich dich nicht vor ihr verstecken muss. Du gehörst ganz einfach auch zu meiner Familie... :-) Das Vierte Blatt, wie du ja schon weisst.
Und dies mit dem Hessegedicht war ein reiner Zufall. Es kam mir wirklich sehr bekannt vor aber ich wusste nicht mehr wo ich es gesehen hatte - und dann fand ich es in einer Anthologie die ich am Anfang meiner Karriäre als Lehrbuch hatte. ”Eine Stunde Aufenthalt” hiess das Buch und enthielt wunderbare Kurzgeschichten von verschiedenen deutschsprachigen Schriftstellern. Åke und ich werden ganz nostalgisch wenn wir nur den Namen hören so gut hat es uns gefallen. Jetzt ist es längst zu schwer geworden fürs Gymnasium. Höchstens an der Uni könnte man es noch benutzen.

Es tut mir leid, dass es dir immer noch nicht gut geht. Aber vielleicht braucht es seine Zeit. Es ist schade dass deine Operation gerade mit der Zeit des Heuschnupfens zusammenfallen musste. Ich bin überzeugt davon dass es sich bald zum besseren ändern wird. Und nun kommen ja deine Ferien wo du dich schön ausruhen kannst. Es wird dir gut tun. Ich würde gern einen Versuch machen dich zu kurieren.. manchmal glaube ich dass ich das immer noch könnte. ;-)

Du wolltest ins Wallis fahren aber daraus ist wohl nichts geworden, oder? Der ”Visper” ist nun schon seit zwei Wochen in der Schweiz. Er wollte eigentlich nur ganz kurz nach Visp gehen und dann Freunde und Bekannte in anderen Teilen der Schweiz besuchen. Er hat noch ein Haus in Zürich und muss den Mieter treffen. Ich würde nicht mit dir über diese Dinge sprechen wenn er mir nicht ausdrücklich gesagt hätte dass ich dem anderen Visper alles von ihm erzählen kann. Ich beneide ihn ein wenig. Es muss ein spannendes Erlebnis sein nach so langer Zeit seine Heimat wiederzusehen. Eigentlich mag er die Schweizer nicht besonders. Er nennt sie ”Füdlibürger” oder so ähnlich und findet dass sie sehr eingeschränkt sind. Aber vielleicht meint er damit besonders die Walliser zu denen er ja selbst gehört. :-)

So mein lieber Mausfreund. Das wäre es für heute. Ich hoffe dass du noch einen schönen Sonntag hast und wünsche dir einen guten Start in die nächste Woche.
Und ich küsse dich.. nur um zu sehen ob es dir hilft schneller gesund zu werden. ;-)
Mit lieben Sonntagsgrüssen
Marlena

Dienstag, 26. Juni 2018

hotmail und coolmail


Ämne: hotmail und coolmail

Liebes kleines Manual
Keine grossen Gesten also! Lustig, wie man die Gesten im
Mail-Verkehrinterpretieren kann. Oft sind "grosse Gesten"
blosse Zerstreutheit, Vergesslichkeit, manchmal ist es der
Zeitdruck der Tagesgeschäfte, die Tatsache, dass man eine
halbe Stunde später den Kopf mit anderen Dingen gefüllt
hat.
Keine grossen Gesten also! Ich kann hier im Büro kein
Hotmail empfangen. Das heisst, warte, ich versuch es mal.
Ja, Du hast recht, ich kann auch hier im Büro immer noch
ins Hotmail und in meine Box. Das ist echt cool, würden
meine Töchter sagen. Ich habe das so noch nie versucht.
Aber hier geht es viel rascher als mit dem kleinen Labtop
von Walter. Den habe ich im gestern Abend zurück-
gebracht. Das ist ja echt eine Überraschung. Langsam
komme ich auch zum Punkt, Dich "mein kleines Manual"
zu nennen. Und es ist echt beruhigend und angenehm,
ein solch kleines Manual in der Nähe, griffbereit, zu haben.
Man kann es immer wieder brauchen und es bilden sich
kaum Eselsohren. Superbe!
Der langen Worte kurzer Sinn: Du kannst mir also sowohl
auf die ekd Adresse als auch auf die hotmail Adresse
schreiben. Natürlich kann ich die ekd Adresse nur hier in
meinem Büro öffnen. Die andere könnte ich allenfalls
auch anderswo.

Heute fühle ich mich ein wenig krank. Das hat schon
gestern abend angefangen. Lange habe ich hin und her
gemacht, ob ich noch zu Walter gehenmsollte. Aber ich
habe ihm - für die Ferien - sein Labtop versprochen. So
musste ich mich schliesslich dazu zwingen. Es war
mittlerweile 2030h geworden, und Walter hatte mich
schon aufgegeben. Er war glücklich, als ich doch noch
auftauchte. Aber ich habe es kurz gemacht, bin etwas
schläfrig herumgesessen, habe mein Glas Wasser
ausgeschlürft und dann schon nach 2200h wieder
heimgekehrt. A und B  waren beglückt, denn sie wollten
noch nach Basel in die Kuppel, um zu tanzen. Das Auto
stand jetzt zu ihrer Verfügung. Die Kuppel ist ein
Szenenlokal, und offenbar haben sie donnerstags die
Musik, die meinen zwei Sirenen besonders zusagt. So ist
alles gut aufgegangen. Ich habe ein Alkacyl geschluckt
und bin etwa um Mitternacht in die Federn getaucht
und erst wieder um Viertel nach Sieben, also zu spät,
aufgewacht.

Ich stelle mir vor, wie Du Dich in den Ferien zuhause zu
schaffen machst. Vor allem die ersten Morgenstunden
sagen wir von früh um 7 bis etwa 1000h - sind wunder-
schön zu dieser Jahreszeit, wenn die Sonne scheint und
alles so leicht und unbeschwert wirkt. Man kann sich dann
kaum vorstellen, wie das Leben manchmal eng und
gedrückt sein kann inmitten der vielen Verpflichtungen
und Sorgen, die man täglich hat. Natürlich ist alles
Einstellungssache. Aber gelegentlich fühlt man sich doch
eingeengt und umzingelt von den vielen Pflichten. Und das
sollte man eigentlich nicht. Ich denke immer wieder, dass
dies ein Mangel der Lebensphilosophie ist. Aber es ist
natürlich auch nicht reine Willensfrage. Ich denke, es
hängt sehr wohl mit den vitalen Energien zusammen, die
man hat, oder die man eben nicht mehr hat. Und deshalb
sollte man wohl die eigenen Energien pflegen als eine Art
Vorsorge.

Gestern hatte meine Mutter angerufen, und uns -
respektive S - über den Tod eines Verwandten informiert.
Dieser gute Verwandte war noch nicht allzu alt und ist
offenbar ganz still in seinem Bett gestorben. Glücklich,
wer so von dieser Welt gehen kann. Hans war unser
Philosoph in der Familie. Er war Studienrat und hatte
sich spezialisiert auf Altphilologie und auf Philosophie.
Er war Autor mehrere philosophischer Fachbücher und
hat auch für philosophische Lexika gearbeitet. Und
daneben war er ein exzellenter Geigenspieler, unser Hans.
Ich habe ihn mal gezeichnet, wie er mit seinem alten Velo
und seinem Geigenkasten auf dem Rücken an Liestals
Stadttor vorbeifährt. Er hatte Freude an dieser Hommage
und hat mir dann einen langen Brief geschrieben. Und
auch ich hatte immer Freude an Hans und war stolz,
dass wir ihn in der Familie haben. Oft habe ich ihn unten
vor meinem Büro vorbeifahren sehen. Er war immer sehr
einfach gekleidet, hatte im Winter eine Wollmütze auf,
fuhr in einem gemächlichen Tempo und erhobenen
Hauptes vorbei, und machte seine Besorgungen in den
Läden. Gerade gegenüber ist ein Nahrungsmittel-Laden.
Dort kaufte er oft ein und dort habe ich ihn auch ab und
zu zu einem kleinen Schwatz erwischt. Und dann habe ich
ihn immer wieder eingeladen, doch mal bei mir im Büro
einen Kaffee zu trinken. Aber er war nie erschienen und
mimte den Orientierungslosen, der nicht genau wusste,
wo sich denn mein Büro überhaupt befindet. Vielleicht
war er ein wenig scheu?

In den letzten Jahren, nachdem seine Mutter über 90
jährig gestorben war, hat Hans eine Tamilenfamilie in
sein grosses Haus aufgenommen. Er sprach in letzter Zeit
immer von "meiner Familie" und hat sich wie ein echter
Grossvater über die Nachkommen gefreut. Er hat den
Tamilen viel im Umgang mit unseren Behörden geholfen,
hat Gesuche geschrieben, sie auf die Ämter begleitet und
so fort. Er war ein sehr menschlicher Typ. Und in seiner
Freizeit ging er besonders gern ins Wallis, wo er im
Lötschental zusammen mit anderen Leuten eine Hütte
besass. Er kletterte manches Wochenende dort in den
Bergen herum und schwärmte von der Walliser Alpenwelt,
wie ich es selbst, der ich doch dort aufgewachsen war,
niemals so deutlich getan hatte. Sein Bruder Otto war auch
ein begeisterter Berggänger. Und schon in jungen
Jahren war er an einer akuten Blinddarmentzündung
umgekommen, die just während einer Bergtour ausge-
brochen war. Damals gab es noch keine Helikopterflüge
und Handys, und so kam offenbar die Hilfe zu spät. Otto
war Jurist gewesen, und ich kann mich nur mehr ungenau
an ihn erinnern. Er war etwas rundlicher oder muskulöser
als sein Bruder, aber ebenso nett und freundlich wie Hans.
So kam es wohl, dass die Mutter, nach dem frühen Tod
ihres Mannes und ihres ältesten Sohnes, sich umso mehr
auf ihren einzig Verbliebenen konzentrierte. Hans - so
erzählt man sich in der Familie - wollte heiraten und eine
eigene Familie Gründen. Aber seine Mutter war wohl
nicht und niemals einverstanden mit der potentiellen
Schwiegertochter. Ich weiss es nicht so genau. So
munkelte man eher über seine homophilen Neigungen,
und es scheint, dass seine Männerfreundschaften von
grösserer Dauer und von mehr Gewicht gewesen sein
müssen als seine Damenwahlen. Er hatte wöchentlich
eine philosophische Diskussionsrunde, wo man spezielle
philosophische Fragen diskutierte oder Originaltexte
alter Griechen übersetzte. Ach, ich bin böse, ich hoffe,
dass ich etwas aus seiner Bibliothek werde erben
können!

So, siehst Du Marlena, ist doch noch ein Briefchen
zusammen gekommen. Aber ich huste immer noch
und schwitze leicht. Das ist kein besonders gutes
Zeichen. Vielleicht wird es morgen besser.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag, der ja nun bald
zur Hälfte vorüber ist.

Mit einem lieben Gruss

PS


Ämne: Ausweg?


Lieber ....,
Deine Hotmail-adresse funktioniert wieder weil du die Mailbox gelehrt hast - habe ich das richtig verstanden? Und nun meine Frage: Kannst du ins Hotmail reinkommen von deinem Büro aus? (Viele öffentliche Arbeitsplätze sperren solche Adressen weil sie nicht wollen dass man während der Arbeitszeit private Post erledigt). Oder kannst du sie von zu Hause aus öffnen? Hast du dort auch Internetanschluss? Bitte, sei lieb und "übergehe nicht meine Fragen mit grosser Geste" ;-)
Falls man die Hotmail gesperrt hat könntest du versuchen auf diese Weise reinzukommen:
http://...
Bitte lass bald von dir hören damit ich weiss wohin ich schreiben kann.
Liebe Grüsse
Marlena



ekd-mässig?





Ämne: ekd-mässig?
Datum: den 26 Juni


Lieber ...,
Es tut mir leid, dass ich gegen die ekd-regel verstossen habe. Das sollte man wirklich versuchen zu vermeiden. Nun ja, getan ist getan und vielleicht haben deine Mitarbeiter doch andere Interessen im Leben als deine Korrespondenz. So hoffe ich jedenfalls.
Gestern wollte ich hier fleissig sein aber Anna verkündete mir schon am frühen Morgen dass man den ”vielleicht einzigen sonnigen Tag” des Sommers nicht mit Bügeln under dgl Dingen verbringen kann - und so liess ich mich überreden an unseren Lieblingssee zu fahren. Wir nahmen auch eine Freundin/Kollegin von mir und ihren Sohn mit. Johan und Anna sind zusammen in den Kindergarten gegangen und er war ab und zu ein wenig verliebt in sie. Heute sind sie die allerbesten Freunde. Wie richtige Geschwister kommen sie mir vor und sie scheinen viel Spass zusammen zu haben.
Es war ein heisser Tag aber an dem See wehte ein angenehmer Wind der uns vergessen liess wie stark die Sonne strahlte. Das müssen wir wohl heute ein wenig büssen.. Aber man sieht schön aus mit ein wenig Farbe.

Ich ”kämpfe” noch immer mit dem ”seichten” Buch, wie du es nennst. Es ist ganz anders als ich nach den ersten Seiten erwartet hatte - aber ich werde mich wie gesagt durchkämpfen und wenn es keine geistige Anregung ist so ist es jedenfalls eine gute Sprachübung.

Ich habe immer noch nicht das Buch aus D. erhalten. Hoffentlich kommt es noch bevor wir abreisen. Ich habe ja noch etliche andere hier herumliegen die ich jedenfalls etwas ”inhalieren” möchte. Eigentlich hätte ich ja lieber dein Exemplar von "Männer" gelesen, d.h. mit Bemerkeungen, vielleicht kleinen Zeichnungen am Rand... Erinnerst du dich noch daran was du mir einmal senden wolltest? Wahrscheinlich schon längst vergessen.. :-)

Es passiert im Moment nicht viel hier. Ein bisschen Aufbruchstimmung herrscht schon und aus Erfahrung weiss ich dass die Zeit am Ende immer sehr knapp wird. Ich freue mich schon auf den ”Umzug” in den Norden. Ich sehne mich nach der Frische und der wunderschönen Natur und obwohl ich es doch schon auswendig kann sehe ich der Reise mit Spannung und Erwartung entgegen. Wenn wir im Auto sitzen habe ich immer den Eindruck dass ich nun alles Schwere hinter mir zurücklasse und dass ein grosses Abenteuer auf mich wartet. Und ich nehme dich mit. Ich zeige dir alles und sehe es in Gedanken mit dir..

Muss nun dies absenden während ich noch dazu komme. ;-)
Mit einem lieben sonnigen Gruss
Marlena

Montag, 25. Juni 2018

Sorry



Ämne: sorry

Liebe Marlena
Da sieht man nun, Du kennst die romantischen Gedichte
der deutschen Literatur besser als ich. Habe ich nicht mehr
gewusst, dass es von Hesse ist. Und auch nicht, dass es so
triste endet. Hingegen war Hesse doch kein Kind von
Traurigkeit. Er hat später im Tessin gelebt und es gibt
viele Fotos, worauf man ihn mit kurzgeschnittenen Haaren
und runder Biedermeier Brille sehen kann. Er sieht da
keineswegs traurig aus. So muss die Einsamkeit wohl mehr
am Nebel als am Menschen liegen. Was weiss man schon
so genau?
Und gleich siehst Du nochmals, wie ich Deinen Geburtstag
vergessen habe. Naja, wenn Du hier leben würdest und
diese Tatsache empört allen Leuten erzählen würdest, sie
würden etwas ratlos die Schultern hochziehen, die Augen
zum Himmel drehen und fatalistisch sagen: nun ja, so ist
er eben!
So gratuliere ich Dir post festum herzlich zu Deinem X-ten
und wünsche Dir gleich nochmals soviele frohe Jahre hier
auf Erden. Es ist schön, dass Dein Wiegenfest in die Ferien
fällt, denn dann bist Du so zufrieden und einig mit Dir
selbst wie kaum sonst. Du hast mit dem Juni gut gewählt.
Hast Du auch gut gefeiert? Sicherlich haben sie Dich alle
verwöhnt und mit Aufmerksamkeit bedacht? Nur bei mir
hat es nicht gefunkt, obwohl Du es doch mit diskreten
Bemerkungen darauf angelegt hast. Siehst Du, auch S
sagt, die Schweizer reagierten manchmal wie Kartoffel-
säcke. Nämlich gar nicht.
*
Ich habe mich hier noch ein wenig überschüttet mit
Aufgaben. Neben meiner kleinen Bücherliste, die ich mir
für den Iran vorgenommen habe, bin ich gestern noch in
der Basler Bibliothek gewesen und habe mir 45
(fünfundvierzig) Bücher zur Rezension geholt. Richtig,
das ist gigantesk, wie Du letztes mal sagtest, so dass ich
schmunzeln musste. Aber ich nehme mir für diese
gigantische Aufgabe Zeit bis in den Herbst. Es gibt
sonst offensichtlich niemanden, der dort soviele Bücher
bespricht. Und der verantwortliche Bibliothekar und sein
Chef geben mir überall kleine Privilegien und machen
Ausnahmen, um mir entgegenzukommen. Dieses Mal habe
ich eigentlich noch Gaarders "Maya" zuhause, dessen
Rezension ich noch nicht gemacht habe. Und im Grunde
dürfte man erst neue Bücher holen, wenn man die alten
vollständig erledigt hat. Ach, die Maya ist ein wenig dick,
und nach dreimaligem Anlauf bin ich nicht über die ersten
20 Seiten hinausgekommen.
Nun ja, es ist für sie auch sehr oekonomisch, wie ich es
mache. Ich habe schon Rezensenten und -innen gesehen,
die haben 2 oder 3 Stunden in der Bibliothek gesucht und
herumgeschnüffelt, um dann zwei oder drei Büchlein
mitzunehmen. Ich schau mir bloss die Titel an, die Bilder,
den Verlag, kurz den Beschrieb auf dem Deckel. Dann
nehme ich oder lasse es sein. Ich glaube, die erste Vorent-
scheidung fällt mit den Bildern, mit dem auf dem Deckel
oder wenn es denn gibt, mit jenen im Buch. Manchmal
sieht man, dass das Buch sehr modern und unkonventionell
gemacht ist, schon den Bildern an. Solche Exemplare
nehme ich gerne. Aber es gibt auch konventionelle, etwa
die Bücher Kästners mit den Illustrationen von Trier, die
nehme ich auch. Das sind die Klassiker. Und wenn man
sie verschenkt, gibt es selten das Risiko, daneben zu
greifen.
*
Letzte Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen. Um 3h
bin ich wieder aufgestanden und habe in Schwanitz gelesen.
Aber diesmal im anderen Schwanitz, mit dem Titel
"Bildung". Er spricht dort über die Bedeutung der Sprache
für die Bildung, über das metaphorische Verhältnis von
Inhalt und Form in der Sprache der Dichtung, über die
Logik der Sprache und also über die Unmöglichkeit, am
Fernsehen Bildung zu kriegen. Er hat eine gute
pragmatische Denkart, und, wie mir scheint, den Mut
zum Angriff auf Taboos. Sowohl in "Männer" wie in
"Bildung" hat er einige Fragen aufgegriffen, die man
sonst lieber im Nebel stehen lässt. Doch für einen
Abiturienten ist das zweite Buch (eigentlich als
ersteres, vor "Männer" erschienen) sicherlich hilfreich,
weil es diese mit grossen und idealistischen Worten
gekrönte Aura Bildung auf den Boden herunter zieht.
Es sieht zum Schluss wirklich alles recht einfach und
machbar aus. Kurz und gut, ich möchte Dir dieses zweite
Buch auch noch gerne für die Ferien aufdrehen. Aber
soweit kann man denn wohl nicht gehen, ohne den
Anstand zu verlieren.

Gruss 
...

Samstag, 23. Juni 2018

Romantisch?


Ämne: Romantisch? :-)

Lieber ...,
Wie schön und lustig du mir schreibst. Und weisst du, es war das schönste Geschenk das ich mir denken konnte heute.. ein Mail von dir. Eigentlich feiere ich ja nicht mehr aber das Datum erinnert mich doch daran dass ich nun wieder ein Jahr älter geworden bin.

Die Festtage sind vorüber und wir haben sie gefeiert wie es sich gehört. Es wird wie du so richtig vermutest gut gegessen, viel getrunken und die Nacht durch getanzt. Und man singt auch, besonders das schöne Midsommarlied das ganz allein mit seinem geheimnisvollen verlockenden Text die richtige Stimmung hervorzaubern kann. Nein, ich glaube nicht dass ich lieber auf Capri gewesen wäre. Wir haben wirklich viele schöne Traditionen in Schweden und es ist wie du sagst etwas besonderes mit diesen wiederkommenden Ereignissen. Auch mit unserer Reise in den Norden ist es so. So viele Erinnerungen an schöne vergangene Tage werden wieder wach und vermischen sich mit der Gegenwart. Ich weiss es ist pure Nostalgie.. und ich wünsche ich könnte die passenden Worte dafür finden.

Folke ist nun wieder abgereist und ich sollte allmählich mit den Vorbereitungen für die Reise beginnen - auch ist meine Entrümpelungsaktivität noch nicht ganz beendet - aber es war viel zu heiss heute um irgendetwas nützliches zu tun. Unsere Nachbarn sind gerade nach Madeira gefahren und wenn sie zurückkommen Ende nächste Woche können wir losfahren. Also werde ich ungefähr um dieselbe Zeit wie du fahren und wahrscheinlich auch zurückkommen. Ach, ich wage garnicht daran zu denken dass ich so lange ohne ein Lebenszeichen von dir sein muss. Aber ich tröste mich damit dass du dort in guten Händen bist. Sicher wird man dich als geliebtes Familienmitglied sehr verwöhnen und deine Schwiegermutter wird dich fühlen lassen wohin du gehörst... :-) Und ich werde an dich denken. Und wenn ich das Buch lese werde ich es in Gedanken mit dir tun und mir deine Kommentare vorstellen (ich werde versuchen herauszufinden was dir daran gefällt) und ich werde schöne Fotos machen, die ich dir dann im Herbst senden kann.
Ich muss schmunzeln wenn du mich romantisch nennst. Ich glaube du bist der erste Mensch der mich so nennt. Habe ich dir wirklich dieses Bild von mir vermittelt? Wo ich doch eher die Welt sehr nüchtern und realistisch betrachte. :-)
Das schöne kleine Gedicht von Hesse habe ich noch in guter Erinnerung. Es hat mir auch sehr gefallen. Aber es ist ein trauriges Gedicht. Es endet mit den Worten:

Seltsam im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein.

Lass mich bald wieder von dir hören. Ich SSSSS dich immer wieder. :-)
Mit einem lieben Gruss
Marlena



Mittwoch, 20. Juni 2018

Sommerlich



Liebe Marlena
Nun ja, mit einem kühlen Rosé nach einem exquisiten
Essen, darüber könnte man mit mir schon verhandeln.
Ich bin hier etwas in Aufbruchstimmung. Muss noch einige
Dinge abschliessen, die Bücher organisieren, aufräumen,
und was sonst alles anfällt, bis zu den Ferien. Im Moment
ist es strahlend schön, und in aller Augen kannst Du die
azurblaue Adria und ihr Wellenspiel sehen. Alle träumen
von irgend einer romantischen Destination.
Gestern abend haben wir mit dem Club ein Schloss in der
Nähe besichtigt. Es gibt in diesem Teil unserer Region die
höchste Dichte an Burgen und Schlössern in Europa, hat
der Führer stolz behauptet. Das Gebäude, welches wir
besucht haben, ist ein alter Wehrturm auf der Spitze
eines Felsens. Später hat man um den Turm herum noch
Anbauten zugefügt, die heute noch bewohnt sind. Und
unter dem Felsen führt direkt eine internationale
Eisenbahnlinie durch. Das war alles in allem nicht
uninteressant, wenn auch diese Burg nicht soviel zu
sehen bietet wie ein französisches Loire-Schloss oder
eine italienische Barockkirche. Im Hof des Schlosses
haben wir unseren Apéro genommen und geplaudert.
Und schliesslich gab es im nahen Dorf ein Nachtessen
über mehrere Gänge. Letzteres war nicht so besonders,
und etwas üppig, für einen solch warmen Sommerabend.
Aber die allermeisten haben es überlebt, wenngleich einige
arg geschwitzt haben im backofenwarmen Esssaal des
Hotels mit der tiefen Decke. Und so sind wir schliesslich
gegen 11Uhr wieder zurückgefahren und haben uns mit
vollem Magen im heissen Bett gewälzt.
Man soll doch nicht soviel essen, erstens abends und
zweitens, wenn's so warm ist! Weshalb lernt der Mensch
so schwer??
Heute bin ich unterwegs. Morgens in Basel, nachmittags in
Olten, jener kleinen Stadt, wo ich früher einmal für 5 Jahre
gelebt habe. Olten ist der Verkehrsknotenpunkt der
Schweiz. Hier kreuzen sich eisenbahnmässig die Achsen
Basel - Chiasso und Genf - Romanshorn. Mit andern
Worten Nord-Süd und Ost-West. Früher, als die Leute noch
mit der Bahn reisten, wusste jeder, dass er früher oder 
später den grossen Oltner Bahnhof durchqueren würde.
Natürlich mit einem Halt, zum Umsteigen. Jeder kannte
also die Ortschaft, aber keiner war wirklich je in der kleinen
Stadt gewesen. Und dabei ist es eine recht lebendige Stadt
mit einer sehr hübschen Altstadt direkt am Fluss, mit einer
romantischen alten und gedeckten Holzbrücke. Mein Büro
war auch direkt an diesem Fluss, wunderschön gelegen.
Nur dass Olten im Winter jeweils etwas nebelig war. S
mochte das gar nicht. Ich fand es hingegen phänomenal,
bei dichtem Nebel durch die Strassen zu gehen. Alles
erscheint dann so nah und intim, es ergibt ein
merkwürdiges Gefühl.
Sicherlich gibt es darüber einige romantische Gedichte.
Eines, so erinnere ich mich, beginnt wie: "Seltsam, im
Nebel zu wandern ...". Gerade gestern habe ich im Gestell
ein Büchlein gefunden mit Gedichten deutscher Romantik.
Doch ich habe dieses eine Gedicht nicht gefunden.
Vielleicht handelt es ja auch nicht hauptsächlich vom
Nebel, diesem diffusen und höchst beliebten Szenenbild
der Romantik, sondern von Naturerlebnissen oder
Sonnenaufgängen oder geheimer Liebe, wie sie die
Romantik ja auch nicht verachtet hat.

Erst in den letzten Jahren habe ich entdeckt, wie wichtig
die Romantik noch für unsere Tage ist. Sie hatte wirklich
einen nachhaltigen Einfluss auf unser Denken und Fühlen.
Die Gedichte wirken heute, neben ihrer Süsslichkeit
und ihrem Pathos, etwas ekstatisch. Das Romantische ist
eine "Gemütserregungskunst", hat Novalis gesagt. Und das
kennst Du ja bestens, Marlena. Nun ja, über Romantik
muss ich Dir wirklich kaum etwas erzählen.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss 

...