Mittwoch, 27. Juni 2018

Re: hotmail und coolmail



Lieber ...,
Wie schön du Menschen beschreiben kannst. Ganz deutlich sehe ich deinen Hans vor mir und auch du wirst deutlicher wenn du mir die Menschen in deiner Umgebung so lebendig machst..Und dein Verwandter hätte sich gefreut wenn er deine Worte gesehen hätte. Nein, du bist nicht böse. Du hast ihn mit viel Wärme und Sympathie beschrieben. Und was könnte ihn mehr freuen als dass Dinge die er geliebt hat zu jemanden kommen der sie schätzt und pflegt.

Ja, die Leute sterben um uns herum. Heute war ich schon wieder bei einem Begräbnis. Eine frühere Kollegin von mir die schon eine zeitlang in Rente war ist gestorben. Ich habe dir einmal von ihrem Mann erzählt der einer meiner besten Kollegen war und leider kurz nach seiner Pensionierung starb. Diesmal war es kein überraschender Tod denn die Frau hatte Krebst im letzten Stadium aber es war trotzdem sehr traurig weil ihre geliebte Tochter im August ein Kind erwartet und ich hätte es ihr gegönnt die Geburt ihres Enkelkindes erleben zu dürfen.

Die Zeremonie war sehr stimmungsvoll und auch der Männerchor, den ihr Mann so viele Jahre geleitet hatte war da und hat ein paar Lieder gesungen. Sie waren alt geworden die Herren. Und viele alte Kollegen, von denen ich manche jahrelang nicht mehr gesehen hatte waren gekommen u.a. meine älteste Französischkollegin die mir als ich sie zum ersten Mal sah uralt vorkam, die sich aber in den folgenden 20 Jahren kaum veränderte.
Nun war auch sie alt geworden aber zum Glück nur der Körper. Sie und der Kulturjournalist (von dem ich dir schon früher mal erzählt habe) mussten eine Stunde auf den Bus warten und ich entschloss mich ihnen in der Wartezeit Gesellschaft zu leisten. Wir gingen in ein Restaurant wo wir in alten Zeiten viele schöne Stunden verbracht haben. Damals waren wir noch ein sehr junges Kollegium und diejenigen die keine Familie hatten die sie zu Hause erwartete gingen oft nach der Arbeit zusammen dorthin essen. Es war eine schöne sorglose Zeit.
Und heute, als wir in diesem Lokal sassen (es hat sich kaum verändert in all den Jahren) spürte ich es wieder, dieses herrliche Gefühl von Freiheit, das immer seltener wird. Und wir haben uns über einer Tasse Kaffee an vergangene Zeiten erinnert aber auch über alle Veränderungen gesprochen, die in den letzten Jahren auf dem Gebiet Ausbildung stattgefunden haben. Ein trauriges Kapitel.
*
Ich bin ganz gerührt wenn ich daran denke dass du mir die ganze Zeit auf dem kleinen Laptop geschrieben hast. Und nun nennst du mich sogar dein kleines Manual.. Na ja, ”mein” gefällt mir ganz gut und ”kleines” ist auch nicht ganz falsch aber bei Manual muss ich Stop sagen. Wenn ich nicht Anna hätte könnte ich sicher nicht viel mehr als du auf diesem Gebiet. Aber Anna ist jederzeit bereit uns zu helfen.. Es ist schön dass ich dich nicht vor ihr verstecken muss. Du gehörst ganz einfach auch zu meiner Familie... :-) Das Vierte Blatt, wie du ja schon weisst.
Und dies mit dem Hessegedicht war ein reiner Zufall. Es kam mir wirklich sehr bekannt vor aber ich wusste nicht mehr wo ich es gesehen hatte - und dann fand ich es in einer Anthologie die ich am Anfang meiner Karriäre als Lehrbuch hatte. ”Eine Stunde Aufenthalt” hiess das Buch und enthielt wunderbare Kurzgeschichten von verschiedenen deutschsprachigen Schriftstellern. Åke und ich werden ganz nostalgisch wenn wir nur den Namen hören so gut hat es uns gefallen. Jetzt ist es längst zu schwer geworden fürs Gymnasium. Höchstens an der Uni könnte man es noch benutzen.

Es tut mir leid, dass es dir immer noch nicht gut geht. Aber vielleicht braucht es seine Zeit. Es ist schade dass deine Operation gerade mit der Zeit des Heuschnupfens zusammenfallen musste. Ich bin überzeugt davon dass es sich bald zum besseren ändern wird. Und nun kommen ja deine Ferien wo du dich schön ausruhen kannst. Es wird dir gut tun. Ich würde gern einen Versuch machen dich zu kurieren.. manchmal glaube ich dass ich das immer noch könnte. ;-)

Du wolltest ins Wallis fahren aber daraus ist wohl nichts geworden, oder? Der ”Visper” ist nun schon seit zwei Wochen in der Schweiz. Er wollte eigentlich nur ganz kurz nach Visp gehen und dann Freunde und Bekannte in anderen Teilen der Schweiz besuchen. Er hat noch ein Haus in Zürich und muss den Mieter treffen. Ich würde nicht mit dir über diese Dinge sprechen wenn er mir nicht ausdrücklich gesagt hätte dass ich dem anderen Visper alles von ihm erzählen kann. Ich beneide ihn ein wenig. Es muss ein spannendes Erlebnis sein nach so langer Zeit seine Heimat wiederzusehen. Eigentlich mag er die Schweizer nicht besonders. Er nennt sie ”Füdlibürger” oder so ähnlich und findet dass sie sehr eingeschränkt sind. Aber vielleicht meint er damit besonders die Walliser zu denen er ja selbst gehört. :-)

So mein lieber Mausfreund. Das wäre es für heute. Ich hoffe dass du noch einen schönen Sonntag hast und wünsche dir einen guten Start in die nächste Woche.
Und ich küsse dich.. nur um zu sehen ob es dir hilft schneller gesund zu werden. ;-)
Mit lieben Sonntagsgrüssen
Marlena

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