Montag, 25. Juni 2018

Sorry



Ämne: sorry

Liebe Marlena
Da sieht man nun, Du kennst die romantischen Gedichte
der deutschen Literatur besser als ich. Habe ich nicht mehr
gewusst, dass es von Hesse ist. Und auch nicht, dass es so
triste endet. Hingegen war Hesse doch kein Kind von
Traurigkeit. Er hat später im Tessin gelebt und es gibt
viele Fotos, worauf man ihn mit kurzgeschnittenen Haaren
und runder Biedermeier Brille sehen kann. Er sieht da
keineswegs traurig aus. So muss die Einsamkeit wohl mehr
am Nebel als am Menschen liegen. Was weiss man schon
so genau?
Und gleich siehst Du nochmals, wie ich Deinen Geburtstag
vergessen habe. Naja, wenn Du hier leben würdest und
diese Tatsache empört allen Leuten erzählen würdest, sie
würden etwas ratlos die Schultern hochziehen, die Augen
zum Himmel drehen und fatalistisch sagen: nun ja, so ist
er eben!
So gratuliere ich Dir post festum herzlich zu Deinem X-ten
und wünsche Dir gleich nochmals soviele frohe Jahre hier
auf Erden. Es ist schön, dass Dein Wiegenfest in die Ferien
fällt, denn dann bist Du so zufrieden und einig mit Dir
selbst wie kaum sonst. Du hast mit dem Juni gut gewählt.
Hast Du auch gut gefeiert? Sicherlich haben sie Dich alle
verwöhnt und mit Aufmerksamkeit bedacht? Nur bei mir
hat es nicht gefunkt, obwohl Du es doch mit diskreten
Bemerkungen darauf angelegt hast. Siehst Du, auch S
sagt, die Schweizer reagierten manchmal wie Kartoffel-
säcke. Nämlich gar nicht.
*
Ich habe mich hier noch ein wenig überschüttet mit
Aufgaben. Neben meiner kleinen Bücherliste, die ich mir
für den Iran vorgenommen habe, bin ich gestern noch in
der Basler Bibliothek gewesen und habe mir 45
(fünfundvierzig) Bücher zur Rezension geholt. Richtig,
das ist gigantesk, wie Du letztes mal sagtest, so dass ich
schmunzeln musste. Aber ich nehme mir für diese
gigantische Aufgabe Zeit bis in den Herbst. Es gibt
sonst offensichtlich niemanden, der dort soviele Bücher
bespricht. Und der verantwortliche Bibliothekar und sein
Chef geben mir überall kleine Privilegien und machen
Ausnahmen, um mir entgegenzukommen. Dieses Mal habe
ich eigentlich noch Gaarders "Maya" zuhause, dessen
Rezension ich noch nicht gemacht habe. Und im Grunde
dürfte man erst neue Bücher holen, wenn man die alten
vollständig erledigt hat. Ach, die Maya ist ein wenig dick,
und nach dreimaligem Anlauf bin ich nicht über die ersten
20 Seiten hinausgekommen.
Nun ja, es ist für sie auch sehr oekonomisch, wie ich es
mache. Ich habe schon Rezensenten und -innen gesehen,
die haben 2 oder 3 Stunden in der Bibliothek gesucht und
herumgeschnüffelt, um dann zwei oder drei Büchlein
mitzunehmen. Ich schau mir bloss die Titel an, die Bilder,
den Verlag, kurz den Beschrieb auf dem Deckel. Dann
nehme ich oder lasse es sein. Ich glaube, die erste Vorent-
scheidung fällt mit den Bildern, mit dem auf dem Deckel
oder wenn es denn gibt, mit jenen im Buch. Manchmal
sieht man, dass das Buch sehr modern und unkonventionell
gemacht ist, schon den Bildern an. Solche Exemplare
nehme ich gerne. Aber es gibt auch konventionelle, etwa
die Bücher Kästners mit den Illustrationen von Trier, die
nehme ich auch. Das sind die Klassiker. Und wenn man
sie verschenkt, gibt es selten das Risiko, daneben zu
greifen.
*
Letzte Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen. Um 3h
bin ich wieder aufgestanden und habe in Schwanitz gelesen.
Aber diesmal im anderen Schwanitz, mit dem Titel
"Bildung". Er spricht dort über die Bedeutung der Sprache
für die Bildung, über das metaphorische Verhältnis von
Inhalt und Form in der Sprache der Dichtung, über die
Logik der Sprache und also über die Unmöglichkeit, am
Fernsehen Bildung zu kriegen. Er hat eine gute
pragmatische Denkart, und, wie mir scheint, den Mut
zum Angriff auf Taboos. Sowohl in "Männer" wie in
"Bildung" hat er einige Fragen aufgegriffen, die man
sonst lieber im Nebel stehen lässt. Doch für einen
Abiturienten ist das zweite Buch (eigentlich als
ersteres, vor "Männer" erschienen) sicherlich hilfreich,
weil es diese mit grossen und idealistischen Worten
gekrönte Aura Bildung auf den Boden herunter zieht.
Es sieht zum Schluss wirklich alles recht einfach und
machbar aus. Kurz und gut, ich möchte Dir dieses zweite
Buch auch noch gerne für die Ferien aufdrehen. Aber
soweit kann man denn wohl nicht gehen, ohne den
Anstand zu verlieren.

Gruss 
...

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