Mittwoch, 20. Juni 2018
Sommerlich
Liebe Marlena
Nun ja, mit einem kühlen Rosé nach einem exquisiten
Essen, darüber könnte man mit mir schon verhandeln.
Ich bin hier etwas in Aufbruchstimmung. Muss noch einige
Dinge abschliessen, die Bücher organisieren, aufräumen,
und was sonst alles anfällt, bis zu den Ferien. Im Moment
ist es strahlend schön, und in aller Augen kannst Du die
azurblaue Adria und ihr Wellenspiel sehen. Alle träumen
von irgend einer romantischen Destination.
Gestern abend haben wir mit dem Club ein Schloss in der
Nähe besichtigt. Es gibt in diesem Teil unserer Region die
höchste Dichte an Burgen und Schlössern in Europa, hat
der Führer stolz behauptet. Das Gebäude, welches wir
besucht haben, ist ein alter Wehrturm auf der Spitze
eines Felsens. Später hat man um den Turm herum noch
Anbauten zugefügt, die heute noch bewohnt sind. Und
unter dem Felsen führt direkt eine internationale
Eisenbahnlinie durch. Das war alles in allem nicht
uninteressant, wenn auch diese Burg nicht soviel zu
sehen bietet wie ein französisches Loire-Schloss oder
eine italienische Barockkirche. Im Hof des Schlosses
haben wir unseren Apéro genommen und geplaudert.
Und schliesslich gab es im nahen Dorf ein Nachtessen
über mehrere Gänge. Letzteres war nicht so besonders,
und etwas üppig, für einen solch warmen Sommerabend.
Aber die allermeisten haben es überlebt, wenngleich einige
arg geschwitzt haben im backofenwarmen Esssaal des
Hotels mit der tiefen Decke. Und so sind wir schliesslich
gegen 11Uhr wieder zurückgefahren und haben uns mit
vollem Magen im heissen Bett gewälzt.
Man soll doch nicht soviel essen, erstens abends und
zweitens, wenn's so warm ist! Weshalb lernt der Mensch
so schwer??
Heute bin ich unterwegs. Morgens in Basel, nachmittags in
Olten, jener kleinen Stadt, wo ich früher einmal für 5 Jahre
gelebt habe. Olten ist der Verkehrsknotenpunkt der
Schweiz. Hier kreuzen sich eisenbahnmässig die Achsen
Basel - Chiasso und Genf - Romanshorn. Mit andern
Worten Nord-Süd und Ost-West. Früher, als die Leute noch
mit der Bahn reisten, wusste jeder, dass er früher oder
später den grossen Oltner Bahnhof durchqueren würde.
Natürlich mit einem Halt, zum Umsteigen. Jeder kannte
also die Ortschaft, aber keiner war wirklich je in der kleinen
Stadt gewesen. Und dabei ist es eine recht lebendige Stadt
mit einer sehr hübschen Altstadt direkt am Fluss, mit einer
romantischen alten und gedeckten Holzbrücke. Mein Büro
war auch direkt an diesem Fluss, wunderschön gelegen.
Nur dass Olten im Winter jeweils etwas nebelig war. S
mochte das gar nicht. Ich fand es hingegen phänomenal,
bei dichtem Nebel durch die Strassen zu gehen. Alles
erscheint dann so nah und intim, es ergibt ein
merkwürdiges Gefühl.
Sicherlich gibt es darüber einige romantische Gedichte.
Eines, so erinnere ich mich, beginnt wie: "Seltsam, im
Nebel zu wandern ...". Gerade gestern habe ich im Gestell
ein Büchlein gefunden mit Gedichten deutscher Romantik.
Doch ich habe dieses eine Gedicht nicht gefunden.
Vielleicht handelt es ja auch nicht hauptsächlich vom
Nebel, diesem diffusen und höchst beliebten Szenenbild
der Romantik, sondern von Naturerlebnissen oder
Sonnenaufgängen oder geheimer Liebe, wie sie die
Romantik ja auch nicht verachtet hat.
Erst in den letzten Jahren habe ich entdeckt, wie wichtig
die Romantik noch für unsere Tage ist. Sie hatte wirklich
einen nachhaltigen Einfluss auf unser Denken und Fühlen.
Die Gedichte wirken heute, neben ihrer Süsslichkeit
und ihrem Pathos, etwas ekstatisch. Das Romantische ist
eine "Gemütserregungskunst", hat Novalis gesagt. Und das
kennst Du ja bestens, Marlena. Nun ja, über Romantik
muss ich Dir wirklich kaum etwas erzählen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...
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