Mittwoch, 31. Mai 2017
Montag, 29. Mai 2017
Re: :-))
date 29 May 23:34
subject :-))
Lieber Mausfreund,
Danke für deine "sprühenden Sätze", die mir auch diesen Tag vergoldet
haben. Kann man so sagen auf Deutsch?
Nein, ich glaube nicht, dass du ein Mail von mir brauchst um schön und
spritzig schreiben zu können. Fast im Gegenteil. Und dass du ein so
langes schönes Mail in 15 Minuten schreiben kannst ist für mich
unglaublich. Zwar bist du ein Sprachkünstler von Rang, aber trotzdem.
Wie lange glaubst du würde ein Schriftsteller brauchen um zwei solche
Seiten zusammenzubringen?
Wenn ich jetzt an dich denke so sehe ich dich wirklich vor mir in
einem der Fenster auf der Reeperbahn, die ich mal gesehen habe. Und
ich denke ich würde dir absolut zuzwinkern.. ;-))
Ach nein, der erste Gedanke, der mir kam, als ich diesen lustigen
Einfall deiner Fantasie sah, war dass dich die Engel nun besser sehen
können.. nicht zu vergessen deine Tauben.
Ein bisschen überrascht hat mich diese Zeile: "..als konvertierter
Katholik mit islamischen Einschlägen .."
Seit wann bist du ein konvertierter Katholik? :-)
Ja, du hast Recht. Der Name Gudrun ist ein altnordischer Name und
bedeutet "einer der das Geheimnis der Götter kennt". So einer würde
ich gern sein. :-)
Heutzutage ist der Name nicht so gewöhnlich aber doch allen bekannt,
weil der schreckliche Sturm, der die Wälder in Südschweden gefällt
hat, diesen Namen trug.
Das Fragezeichen nach beste (?)...Freundin, bedeutet eigentlich nur,
dass ich nicht sicher bin ob es sowas wie eine "beste Freundin"
überhaupt gibt. Meist bezeichnet man wohl damit eine Person vor der
man keine Geheimnisse hat.
Als ich Kind war, damals als ich nach Schweden zurückkam, fand ich
eine "beste Freundin". Sie bedeutete alles für mich. Ohne sie hätte
ich mich einsam gefühlt, nun wo ich nicht mehr meine Mutter hatte.
Inga und ich gingen in dieselbe Klasse und wohnten nicht weit von
einander. Und ich glaube wir verbrachten alle wachen Stunden des Tages
zusammen. Ihre Familie gehörte einer religiösen Sekte an und die
Kinder waren sehr streng gehalten. So durfte sie vieles nicht tun, was
für andere Kinder normal war. Ich glaube meiner Tante war das Recht.
Als ich dann als 13-jährige die Realschule in Stockholm begann, war
auch Inga dabei. Aber nach einem Jahr verliess sie die Schule. Ich weiss
nicht warum. Dann arbeitete sie eine zeitlang in einem kleinen
"Fernlaster-Café". Sie betreute die Gäste allein, machte belegte Brote
und kochte Tee oder Kaffee. Ich besuchte sie einmal dort und sah all
die jungen Männer, die lüsterne Blicke auf sie warfen. Inga hatte
nämlich eine Figur wie Dolly Parton.
Als sie 17 war bekam sie ein uneheliches Kind. Und zu dem Zeitpunkt
ging es auch bergab mit der ganzen Familie. Die Eltern liessen sich
scheiden, die Mutter hatte einen neuen Freund und bekam auch ein
Kind.. Vielleicht sollte ich dir den Rest ersparen. Ja, ich glaube es
ist human das zu tun.
Wir sind dann nach Uppsala gezogen, wo ich mein Studium an der Uni
begonnen habe und nur ab und zu hörte ich von meiner anderen Tante
oder meinen Neffen, die noch in Stockholm wohnten, etwas über das
weitere Schicksal dieser armen Familie.
Später in meinem Leben hatte ich auch ab und zu "beste Freundinnen".
Das war als ich schon hier am Gymnasium arbeitete. Ich sage ab und zu,
weil sie, die eine nach der anderen, nach Südschweden gezogen sind.
Wir haben dann noch ein paar Jahre (sogar Jahrzehnte) den Kontakt
aufrecht erhalten. Doch jetzt stehe ich nur noch in Verbindung mit
Margareta, die du von unseren frühesten Mails her kennst.
Und nun zieht also Gudrun bald weg. Heute hat sie gekündigt und sie
fühlt eine grosse Erleichterung. Bald wird sie ein ganz neues und anderes
Leben beginnen. Ja, ich werde sie vermissen. Sie ist die interessanteste
von meinen weiblichen Bekannten und ich freue mich immer wenn ich
mich mit ihr unterhalten kann. Sicher hat sie ein Manuskript zu einem
Roman in ihrem Schreibtisch liegen. Jetzt verlässt sie ihre Stelle als
Studienrätin in Schwedisch und Geschichte, aber ich glaube sie wird
weiterhin als Rezensent an unserer Tageszeitung arbeiten. Sie schreibt
Besprechungen über neu erschienene Romane.
A propos Romane, so habe ich mir in der Bibliothek ein Buch von Oriana
Fallaci geliehen. Leider hatten sie nur einen Titel von ihr, nämlich
"Inshallah". Ich hätte gern das Buch gelesen von dem du mir
geschrieben hast, aber es gibt nur wenig von ihr in schwedischer
Übersetzung.
Ach, dir fehlt Begleitung für deine täglichen Spaziergänge?
Wie wäre es mit mir? Jetzt wo ich mich nicht IRL damit beschäftigen
kann bin ich offen für virtuelle Spaziergänge. Bitte, sag nicht nein.
Ich bin doch immerhin ein etwas interessanterer Gesprächspartner als
eine Zahnbürste, oder?
Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen mit frisch gewaschenen und
gebügelten Gardinen. Erinnerst du dich an die kleine Novelle "Das
schweigsame Fräulein"? :-)
Gute Nacht, mein lieber Mausfreund,
Malou
Sechs Jahre später
date 29 May 07:55
subject Re: :-)
Hallo Malou
Wo bleiben deine Mails? Du schreibst ein kurzes, und nimmst es gleich wieder zurück. Was soll das bedeuten? Sieht mir sehr nach mausfreundschaftlicher Vernachlässigung aus! Wenn nicht gleich Untreue!
Das stimuliert mich nicht gerade zu sprühenden Sätzen. Und das Wetter gleich nochmals nicht. Es regnet in Strähnen. Und das bleibt mir unverborgen, weil übers Wochenende unsere Putzfrau die Vorhänge zum Waschen mitgenommen hat. Ich sitze hier also so ähnlich, wie jene Damen des Rotlichtmilieus in Amsterdam hinter den grossen Fenstern. Mein Glück, dass ich im 2. Stock oben residiere. So läuft keine Kundin vor meiner Scheibe vorbei und zwinkert mir zu. Sie müsste fliegen. Und das tun - wie man weiss - Kundinnen doch eher selten.
Es ist nicht nur regnerisch. Es ist auch einigermassen frisch. Seit einigen Jahren ist die Gewohnheit entstanden, das Wetter mit statistischen Werten zu vergleichen. Und dann hört man Sätze wie: zu kalt für die Jahreszeit. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich das höre. Und als konvertierter Katholik mit islamischen Einschlägen habe ich dann den Eindruck, sie wollten den lieben Gott kritisieren. Es gibt ja eine lustige Walliser Sage, die erzählt, weshalb die Walliser ihre Wiesen und Felder selbst bewässern, etwas, was ich dann auch wieder in den Bergen oberhalb Teheran gefunden habe. Petrus hatte die Walliser nämlich nach ihrer Unzufriedenheit befragt. Sie hatten nämlich reklamiert, wenn es regnete, weil daraus nur saurer Wein entstünde, und hatten ebenso reklamiert, wenn die Sonne brannte, weil dann die Wiesen und Felder eintrockneten. Petrus hat sie dann gefragt, wie sie es haben wollten. Der liebe Gott wolle es so gut wie möglich einrichten, er sei ja selbst praktisch ein Walliser. Als die guten Mannen das hörten, beschlossen sie, selbst zu wässern. Denn ein ausgewanderter Walliser könne das bestimmt nicht besser. Voilà, und seither müssen die guten Leute im Wallis jahraus-jahrein ihre Felder und Wiesen selbst wässern. Ich hatte einen Schulkollegen, der zeitweise die ganze Nacht unterwegs war wegen dieser Aufgabe. In den Dörfern gibt es eigentliche Stundenpläne. Und sie werden strikte eingehalten. Wer Wasser über die Zeiten hinaus auf sein Land leitet, ist ein Verbrecher und wird im ganzen Dorf geächtet. Das tut keiner, kann sich niemand leisten.
Und wenn ich dann aus dem trockenen Wallis jeweils bei meinem Grossmütterchen hier in Liestal in den Ferien weilte, war ich erstaunt, wie oft es regnen kann, wenn man den lieben Gott nur machen lässt. Regelmässig, wenn wir ins Städtchen einkaufen gingen, war der Asphalt nass. Auf den kleinen Wegen und in den Steinzwischenräumen wuchs echtes, weiches Moos. Die Strassen waren sauber und ohne Staub. Das fand ich doch alles ziemlich zivilisiert. Es war geradezu herrlich. Aber natürlich wurden die Ferienpläne auch oft unterbrochen oder verhindert durch schlechtes Wetter. Das war für mich neu und ungewohnt. Und dann gab es da noch diesen Unterschied, den ich wohl schon öfters beschrieben habe. Im Wallis war das Trinken eine wohlgeschätzte Sache. Jeder konnte das verstehen, wenn einer trank, auch wenn er ein bisschen zuviel trank. In der Hitze des Wetters war doch leicht möglich, dass einer ein paar Bier zu schnell schluckte. Und wenn er dann etwas laut und überschwänglich, lachten alle auf der Strasse und grüssten ihm vergnügt zu. Hier in Liestal würde ein Beschwipster auf der Strasse mit eiskalter Verachtung bestraft, dass ihm gleich der Schluckauf käme.
Und soeben höre ich im Kopierraum von meinen Mitarbeiterinnen, wie enttäuscht sie sind wegen des schlechten Wetters über die Tage von Auffahrt bis heute. Nicht mal ein kleines Barbecue könne man machen. Es sei eine wahre Schande. Ja, das Wallis hat es besser! Sie können dort jede Menge Barbecues machen. Und sie können mit dem lieben Gott hadern, weil er ihre Matten vertrocknen lässt.
Du meinst, es interessiere mich nicht, dass deine Gudrun umzieht. Na ja, erstens setzt du hinter 'beste Freundin' ein Fragezeichen. Allein daraus könntest du bestimmt ein Buch schreiben. ...
Ich hatte mal in Zürich für kurze Zeit eine Freundin namens Gudrun. Na ja, Freundin ist vielleicht viel gesagt. Sie war eine Bekannte, die zeitlich befristet in Zürich weilte. Wir haben uns zwei oder dreimal getroffen. Ist ja wirklich nicht viel. Sie war sehr anständig. In ihrem ordentlich aufgeräumten Zimmer hatte sie eine grosse Schale voller Zigarettenpäckchen HB. Und sie hatte einen persischen Freund, der im Iran lebte. Ich glaube, sie zeigte mir sein Foto. So platonisch war unsere Beziehung. Gudrun ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, weil sie mich, bevor sie dann nach einigen Monaten wieder nach Deutschland zurückging, nochmals anrief, um ein kleines Abschiedsessen zu vereinbaren. Wir gingen - wohl auf meinen Vorschlag - in die Walliserkanne, ein dunkles Restaurant im Niederdorf, wo man vor allem Käsespezialitäten und ziemlich rustikale Dinge essen konnte. Sie war nett, meine Gudrun. Und ihr Name blieb mir immer ein Rätsel. Gudrun, das klingt irgendwie nordisch-geheimnisvoll. Na also, ist vielleicht eine etwas lose Assoziation zu deiner besten (?) Freundin Gudrun!
Ist schade, dass die 4 Tage Auffahrt bis Sonntag schon vorbei sind. Ich hatte ein bisschen im Garten gearbeitet. Im moment gehe ich in den Garten und lasse die kleinen Spaziergänge bleiben. Bloss gestern Abend war es so nass im Garten, dass ich meinen Spaziergang gemacht habe. Dabei hatte ich eine lustige Idee. Ich habe gedacht, dass diese Spaziergänge doch eigentlich Hundespaziergänge sind. Damit meine ich, dass Menschen, die einen Hund haben, solche Spaziergänge machen: regelmässig, kurz, täglich, gleiche Route. Und weil ich ja nun keinen Hund habe, ist mir ein Witz jenes etwas merkwürdigen Mannes eingefallen, der stets seine Zahnbürste an einer Schnur hinter sich hergezogen hat, um zu behaupten, das sei sein Hund. Er kam in die Psychiatrie und man versuchte, seinen Wahn zu heilen. Schliesslich war er soweit, dass er entlassen werden konnte. Im Schlussgespräch fragte ihn der Arzt, ober jetzt sicher und gewiss sei, dass dies eine Zahnbürste und niemals ein Hund sei, den er hinter sich herziehe. Es sei alles absolut klar. Das sei kein Hund, sondern eine Bürste, gab der Expatient zu verstehen. Man verabschiedete sich. Beim Gehen gab der Mann zu bedenken, dass er sicher sei, dass die Bürste kein Hund sei. Aber was gibt ihm die Garantie, dass die andern Menschen dies auch wüssten?
Kurz und gut. Wenn ich durch das Einfamilienquartier von I. walke, ziehe ich in Zukunft in Gedanken eine Zahnbürste hinter mir her. Das hilft meiner Motivation, überhaupt zu gehen und diese tägliche Mühe auf mich zu nehmen. Und natürlich hoffe ich von den Passanten, die mich sehen, dass sie glauben, dies wäre mein Hund. Es muss ja nicht gleich ein Berhardiner sein! Ich werden dann bestimmt an den Zaunecken stehen bleiben, um dem kleinen Köder die Gelegenheit zu geben, sein Geschäftchen zu machen. Soll ich bloss eine rote oder eine blaue Bürste nehmen?
Du siehst, wieviel Quatsch man in 15 Minuten schreiben kann. Ich hoffe, dass reicht bis Pfingsten?
MLG
...
Sonntag, 28. Mai 2017
mehr Hunger nach Liebe
Liebe Marlena
(---)
Dass ich manchmal zweifle, ob das richtig ist, was wir machen, das hörst du ja manchmal heraus. Es könnte nicht richtig sein, weil es dich davon abhält, einen guten Freund in Schweden für dich zu finden, weil es als platonische Liebe mehr Fantasie als Wirklichkeit ist, weil es vielleicht mehr Hunger nach Liebe als wirkliche Liebe ist, weil es kein konkretes Ziel hat, weil - wenn etwas dazwischen kommt wie unten (ich habe dies später eingesetzt, deshalb zitiere ich etwas, was noch kommen wird, echt kompliziert, nicht wahr, aber du wirst es schon kapieren, meine Liebe) erwähnt - es für den anderen sehr unerträglich und schmerzhaft wird.
Was mach ich denn falsch, dass du noch zweifelst? Was hättest du gesagt, wenn ich wirklich eine Geliebte hätte? Und was hättest du getan? Müssen wir noch einen § einführen: keine Geliebte daneben, nur die Ehe?? Das wäre für mich eigentlich kein grosses Problem. Ich mag §§, die so einfach sind.
Ich habe ein anderes Problem. Natürlich habe ich auch schon daran gedacht, wie es sein könnte, wenn du jetzt in Schweden ein weiteres verkanntes Genie triffst, das dritte notabene, darunter scheinst du ja nicht zu gehen, es müssen bei dir wohl immer gleich Genies sein, wie würde es sein? Du würdest dich dort verlieben und ich könnte nichts ausrichten, ganz und gar nichts. Deine Mails würden seltener werden und kürzer. Du würdest immer noch höflich sein, wie du ja bist, aber ich merke langsam, das blutrote Feuer erlöscht. Das wäre vielleicht dann das, was du "Freunde sein" nennst. Aber mir graut es ein Bisschen davor. Unsere ersten vier Monate waren so intensiv und so wunderbar und erfrischend und lebendig, dass ich vielleicht auch nicht darunter gehen kann. Ich weiss es nicht. Es ist so eine Befürchtung. Oder vielleicht würdest du einen Freund kennenlernen, aber du würdest es mir nicht sagen, weil du mich nicht beunruhigen willst. Und je länger desto mehr würdest du die Gefühle mehr spielen, als dass du sie noch echt fühlst. Aber ich denke alles in allem: eine richtige Liebe ist doch noch schöner als so eine Mausliebe. Da sind wir uns doch einig? Und das ist meine Befürchtung, verstehst du? Ich habe das Gefühl, ... wenn du einen feinen Freund findest, wirst du ihn mit deinen starken und schönen Gefühlen sosehr lieben, dass ich daneben keinen Platz mehr habe. Du bist ja monogam, hast du gesagt. Und ich glaube auch, wenn man richtig liebt, ist man monogam. Dann hat keine zweite Person wirklich Platz. Und so fürchte ich ein bisschen, dass ich dein Begleiter sein darf, solange du dort oben einsam bist. Aber wenn das grosse Feuerwerk mal kommt, dann bin ich nicht mehr auf deiner Lohnliste.
Verstehtst du, wenn du sagst: wir können uns sehen, wenn wir Freunde sind, dann mag ich das eigentlich nicht sehr, weil Freunde sein für mich und verglichen mit unserer 4 monatigen Vergangenheit ein sehr mageres Programm darstellt. Was ist denn schon eine Freundin, wenn es eine Geliebte sein könnte. Ich bin ein barocker Skorpion. Ich möchte alles und ich möchte es auch noch intensiv. Ich mag nicht so sehr halbe Sachen. Und du kleines Krebslein würdest mir so gut gefallen und wir würden bestens zusammenpassen, wie wir gehört haben. Es wäre echt ein Hit, wir zwei. Und in 8 Jahren, wenn ich in Pension gehe, dann ist alles vorbei, dann ist es zu spät.
Ist darin nicht auch etwas Tragisches. Ich habe heute gesagt, du hast ...
Freitag, 26. Mai 2017
Erich Kästner, ein Mustersohn
(R)
Ach, das war eine Geschichte von Erich Kästner! An ihn hätte ich jetzt
wirklich nicht gedacht. Kästner war nun ja in der Tat einer, der viele
heimliche und unheimliche Geliebten hatte.
...
Erich Kästner, den ich im Übrigen sehr schätze, hatte nun bestimmt
seine Probleme mit den Frauen. Es ist bekannt - und sicherlich weißt
du das auch Marlena - dass er einen echten Mutterkomplex hatte.
Man kann das ja in seinen Kinderbüchern nachlesen, wie der
Mustersohn sich um seine tüchtige und sich aufopfernde Mutter
bemüht. Kästners Mutter, das muss seine unheimliche Geliebte
gewesen sein. Noch in fortgeschrittenem Alter hat er ihr täglich
geschrieben, täglich, meine Liebe, und hat ihr seine schmutzige
Wäsche geschickt und über all seine Liebschaften offenherzig erzählt.
Er konnte wunderhübsche, charmante Briefe schreiben, unser Erich
Kästner. Und so hat er sein Leben lang nicht geheiratet. Ich habe mal
ein Büchlein rezensiert, in welchem seine Freundin Kästners Briefe an
sie und ihren Sohn aus dem Tessin veröffentlicht hat. Kästner hatte
Alkoholprobleme und war im Tessin zur Kur. Allerdings hat er sich
dort regelmässig den Whisky im Teeglas servieren lassen.
Diese Briefe, so kann ich mich erinnern, waren sympathisch und
lebendig, wie man sich Kästner nun mal vorstellt. Aber eines hat
mich gestört. Er hat seiner Freundin und Mutter seines Sohnes
immer wieder Geld geschickt in kleinsten Portionen und hat immer
wieder von diesem Geld gesprochen. Das fand ich echt kleinbürgerlich
und irgendwie knauserig. Er war doch damals kein armer Mann mehr!
Aber sonst ist er schon ok, unser Kästner, ein grosser Humanist und
ein guter Pädagoge.
Es gibt eine eindrückliche Stelle in seinem biographischen Buch
"Als ich ein kleiner Junge war", wo er beschreibt, wie für ihn das
Weihnachtsfest stets eine Marter war. Die Mutter hatte Geschenke für
ihn und der Vater hatte Geschenke für ihn. Und er als sensibles Kind
hatte den Hochseilakt zu bestehen, seine Dankbarkeit und seine
Aufmerksamkeit auf beide Elternteile gleichmässig zu verteile, um
nicht den einen vor dem anderen zu vernachlässigen. Er muss das
gewesen sein, was man in der Familientherapie ein drianguliertes
Kind nennt, also ein Kind im Dreieck mit seinen Eltern, parentifiziert
und schwer mit Erwachsenenproblemen belastet. Es gibt ja heute
noch die Hypothese, dass er vielleicht ein unehelicher Sohn, das Kind
mit dem Hausarzt der Familie, gewesen sein könnte, dass also sein
Vater, ein einfacher Handwerker, nicht wirklich sein Vater gewesen
wäre. Aber, das wollen wir diesem guten Erich Kästner lassen, er hat
das beste daraus gemacht. Seine Jugendbücher sind heute noch
wundervoll zu lesen. Kürzlich gab es eine Fernsehsendung, in der
einige ehemalige Geliebte Kästners zu Wort kamen. Sie sind heute
alle Damen in hohem Alter und sehen nicht mehr allzu blühend aus.
Aber alle haben über ihn mit viel Respekt und Begeisterung
gesprochen, keine schien mir irgendwie enttäuscht oder beleidigt
gewesen zu sein. Er muss sie wirklich verwöhnt haben und muss
ein charmanter Liebhaber gewesen sein. Er wäre darin wirklich ein
gutes Vorbild für mich.
Dass sich also Kästner in seiner Geschichte als Künstler mit einer
deutlich jüngeren Frau beschäftigt, ist durch sein Leben gut
motiviert. Ich denke, die Frauen waren ihm insgesamt etwas
unheimlich und überwältigend. Und so ein junges hübsches
Fräulein war leichter zu "apprivoiser", zu einem Teil seiner selbst
zu machen. Er gibt seinem schweigsamen Fräulein zum Schluss
der Geschichte unendlich viel Macht. Je weniger sie sagt, desto
mehr ist er ihr ausgeliefert und mit ihr verstrickt.
...
Und die Moral der Geschichte? Soll ich mich hüten, mich in Zukunft
zu sehr in Texten, Gedanken und Erzählungen zu verausgaben?
Vielleicht muss ich mich mehr zurückhalten, mich mehr auf die
Zeichnung konzentrieren, und die grossen Worte beiseite lassen.
Doch irgend einmal wird die Zeichnung zu Ende sein. Und dann
werden wir sie über dem Sofa aufhängen. Über welchem Sofa, das
wird dann die grosse Frage sein!
Weißt du, warum ich Zeichnen und Malen sosehr mag? Weil man
dabei einen sogenannten "Flow" erleben kann. Ich vergesse die
Zeit, ich kann so vertieft sein in das, was ich tue, dass ich in einen
paradiesischen Zustand gerate. Es ist wie eine Ekstase, ein Art von
Somnambulismus, oder wie kann man das nennen? Das gelingt
natürlich nicht jedesmal.
Manchmal bin ich auch sehr unzufrieden und verärgert, wenn mir
das Werk nicht gelingen will. Das geschieht vielleicht noch häufiger
als dieser Flow. Doch letzeres ist eine Art Jungbrunnen. Du fühlst
dich nachher so, wie du dich nach der Sauna fühlst, oder nach einem
Autogenen Training oder einer Akupunktursitzung. Du fühlst die
ganze Leichtigkeit des Seins.
Mittwoch, 24. Mai 2017
"Auffahrt" und Banntag
Liebe Malou
(---)
Heute haben wir Mittwoch. Das Wetter ist ziemlich freundlich, eigentlich gutes Maiwetter. Und ab Morgen haben wir doch schon Wochenende. Ist es nicht toll, dass er 'aufgefahren' ist? Davon stammt ja doch die 'Auffahrt'. Schade, dass nicht mehr Menschen zu verschiedenen Tagen im Jahr echt aufgefahren sind. Das hätte uns mehr Feiertage gebracht. Es gibt doch schöne Gemälde, die Marias Himmelfahrt zeigen. Die haben mir immer gut gefallen. Und ich hatte den Eindruck, dass die Weltraumfahrt und all die NASA Dinge eigentlich uralt seien. Vor allem mag ich jene Bilder, die noch um die ominöse Wolke, mit der Maria aufsteigt, rund viele Menschen und Figuren zeigen, die die Auffahrt zu einem echten Happening machen.
Und am Freitag sind dann die Büros der Verwaltung offiziell geschlossen. Man darf natürlich arbeiten, aber für das Publikum sind sie geschlossen.
In unserer Gegend finden an Auffahrt in vielen Gemeinden Banntage statt. Da gehen die Bewohner der Gemeinde in einem folkloristischen Zug rund um und schreiten die Gemeindegrenzen ab. Ich glaube, diese Tradition kommt aus einer Zeit, als die Grenzsteine gerne versetzt wurden, um damit die eigenen Äcker zu vergrössern. Heute ist das nicht mehr der Grun. Übrigens hat Liestal seinen Banntag am Montag gehabt, eine Ausnahme, auf die sie sehr stolz sind.
Obwohl ich jetzt ungefähr 25 Jahre hier wohne und arbeite, war ich nie an einem solchen Anlass gewesen, obwohl immer wieder Männer die Bemerkung gemacht haben, sie würden mich einladen. In Liestal muss man dazu eingeladen werden. Und man muss Mann sein. Das weibliche Geschlecht ist nicht zugelassen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie auf eine solche Einladung eingegangen bin. Der Abmarsch der Männer in Viererkolonne, das Knallen mit alten Gewehren, das singen von vaterländischen Liedern: ich hatte mir das nie als sehr erstrebenswert vorgestellt. Doch andererseits gibt es Leute, die behaupten, um in Liestal Kontakte zu schaffen, müsse man am Banntag teilnehmen. Das hingegen kann ich einsehen. Es ist wie im Wallis. Wenn man mal mit jemandem ein Glas zuviel getrunken hat, ist man auf ewig sozusagen miteinander verbunden.
Ich habe beinahe vergessesn, das Ding zu versenden. Man wird hier so leicht abgelenkt.
Ich wünsche dir schöne Auffahrt. Aber bitte, fahr nicht zu hoch ...
MLG
...
subject: Gut geschützt
Ach, mein lieber lustiger Mausfreund!
Da finde ich wieder ein so humoristisches Mail, das mir den Tag
verschönert. Na ja, nicht nur humoristisch sondern auch ein wenig
lästerlich. Aber wie du ja weisst, vertrage ich ziemlich gut auch
Spass über solche Dinge (schon von K daran gewöhnt ;-)
So so, du steckst sie wirklich ins Gefrierfach, deine heissen Briefe..
und nachher legst du sie wohl in die Microwelle?
Ich schliesse meine ein, in ein kleines Schmuckkästchen, das ich in
meinem Herzen trage. Dort sind sie gut geschützt gegen alle Angriffe
der Zeit. Der Inhalt bleibt intakt. Klingt das nicht schön? Eine Liebe
die nie verdirbt?
Ja, wir haben schon wieder Feiertage. K kommt heute nach Hause. Wenn
das Wetter etwas besser wird, werden wir uns im Garten zu tun machen.
Sonst haben wir nichts Besonderes vor.
Der Verlust meiner wertvollsten Bilder schmerzt mich immer noch, aber
jetzt wie ein Dorn in der Haut, nur wenn ich ihn berühre. Du könntest
meine Pein ein wenig lindern, indem du mir die deinen nochmals
schickst.
Ich muss mich jetzt ein wenig hier beschäftigen. Wenn mir Zeit übrig
bleibt, schicke ich dir noch ein paar Zeilen.
Bis dahin alles Liebe,
Malou
Donnerstag, 18. Mai 2017
Mittwoch, 17. Mai 2017
Glauben und Kakao
subject Glauben und Kakao
Lieber...,
Ich frage dich gleich nochmals, damit du merkst, dass mir wirklich
daran liegt: Kannst du mir die Bilder von dir (deinem neuen Look) und
dem Büro nochmals senden? Bitte, bitte!
Ja, wie lustig du schreibst. Und du meinst du hast es von mir gelernt,
die Erinnerungen fast mit dem RL gleichzustellen? Aber ich glaube
nicht, dass du das von mir hast. Es kommt ganz von selbst, wenn man,
so wie wir es tun, aus den Erinnerungen Stoff findet für unsere Mails.
Du weisst, dass ich sehr viel zusammen mit Anna erlebe. Ich meine z.B.
die Traditionen die wir hier feiern. Und manchmal stelle ich mir die
Frage: Wie sieht sie das? Und ich versuche alle meine Assoziationen
abzuschirmen, um zu sehen, was der Augenblick selbst in sich trägt.
Versuch es mal.. du wirst erstaunt sein über das Ergebnis.
Gestern kam ein Brief von einer Freundin und ehemaligen Kollegin aus
Südschweden. Ich hatte sie angerufen, um mitzuteilen, dass Lennart
gestorben ist. Und nun schrieb sie mir ein langes Mail, gefüllt mit
Erinnerungen an den Verstorbenen. Ich musste lachen, denn natürlich
kannte ich auch diese Seite.. obwohl er für mich ein guter Kompanjon,
ja man könnte fast sagen ein Komplize war. Es reichte, dass man seine
munteren Augen und seine Miene sah, um gute Laune zu bekommen. Es
spielte so viel Unfug in seinen Augen.
Diese ehemalige Kollegin erzählte von anderen Dingen. Z.B. kam einmal
ein Anruf von seiner Bank an die Schule (das Büro?) mit der Frage ob
er noch am Leben sei. Er hatte nämlich ein Jahr lang nicht sein Konto,
auf dem er sein Gehalt erhielt, gerührt. Dann wollte I.S. ihn einmal
zu Ostern zu einem Lammbraten einladen. Doch die Telefonverbindung
funktionierte nicht. Schliesslich hat sie das "televerket" angerufen,
um zu erfahren, dass man sein Telefon gesperrt hatte, weil er nicht
die Rechnungen bezahlt hatte. Es drehte sich um 100:- kronen, also ca
10 euro. Und sie hatte einen riesigen Respekt vor dem Mann, Ein
Respekt, von dem ich nie eine Spur gespürt habe. Doch ich wusste, dass
er sehr korrekt und. "vrång" sein konnte. Mein deutsches
Wörterbuch hat das wort nicht und das englische sagt: Making things
difficult for somebody. Disobliging (ungefällig?) würde vielleicht
auch passen. Gegen andere Leute. ;-)
Wenn du schwedisch könntest, würde ich dir eine Kostprobe schicken,
von den fantastischen Reden, die man bei verschiedenen Gelegenheiten
gehalten hat in unserem Freundenkreis von Kollegen. Da gibt es eins,
was Lennarts Wesen "in nuce" erfasst.
Ja, in dieser Hinsicht, habe ich viel dir voraus. Ich meine, ich habe
schon viele meiner Freunde und Verwandten unter der Erde. Dazu zähle
ich auch die Leute, die in meiner Kindheit in unserem Haus verkehrten.
So viele starke Persönlichkeiten, die man nicht vergessen kann. Und du
weisst ja, dass ich damals, als ich hier anfing zu arbeiten, ein
älteres Kollegium vorfand. Mindestens eine halbe Generation
Altersunterschied. Und Studienräte leben anscheinend nicht lange nach
der Pensionierung.
Ach, wie schön diesen Satz zu finden: "Ich freue mich richtig darauf,
an diesem Pult meine Romane zu schreiben."
Und das schöne Pult musst du fotografieren und mich sehen lassen.
Bitte, vergiss nicht die Bürobilder.
Ich habe gerade gestern ein Mail gefunden, wo ich dich dringend bitte,
dass du schreiben sollst. ".. die Schweiz braucht doch einen NN.
Asaglauben, der Glaube an altnordische Götter. Ich weiss nicht viel
darüber, ich meine wie ein moderner Mensch sich das vorstellt und
diesen Glauben praktiziert. Aber vielleicht ist es wie du sagst: Die
Hauptsache ist man glaubt an etwas.
Der Kakao? Das ist sehr einfach: Du rührst Kakao und Zucker zusammen,
gibst Schlagsahne dazu und verrührst es bis es schäumig wird. Dann
kochend heisses Wasser darüber. Schmeckt ganz wunderbar und hilft auch
gegen eine frierende Seele. ;-))
Anna würde dann sicher noch irgendein starkes Gewürz dazugeben
Hat denn Sozialdemokratie irgend etwas mit Arbeitern zu tun? fragst du
und ich staune sehr. Bei uns sind sie so stark verbunden, dass sogar
die LO (Gewerkschaft der Arbeiter) in Symbiose mit dieser Partei lebt.
So kann man auch schwer am 1. Mai protestieren, da ja die eigene
Partei an der Macht sitzt. Doch im Moment blasen Rechtswinde hier in
Schweden und die Sozialdemokraten sind hypernervös und benehmen
sich ziemlich hysterisch.
Auch heute ist ein grauer nasser Tag, obwohl es aufgehört hat zu
regnen. Das Gras wächst schon ziemlich hoch. Bald wird Zeit für das
erste Mähen. Eine schöne Form von Bewegung. (Motion, wie wir sagen).
Ich merke, dass ich Kaffeeabstinenz habe. Muss mir schnell einen
machen. Kommst du eine Weile?
Ich grüsse dich lieb ...
K
Malou
Dienstag, 16. Mai 2017
Schon Dienstag
subject Re: ...
Liebe Malou
Puh, es ist schon Dienstag. Die Woche ist so gut wie vorbei. Es ist wie ein Schnellzug, der vorbeibraust.
Gestern hatten wir wunderschönes, fast etwas zu warmes Wetter. Heute ist es wiederum regnerisch. Das macht nicht, weil auf der anderen Seite die Börse steigt. Aber das wird sich wohl auch bald wieder ändern.
Ich hatte die letzte Woche wieder mal Bücher geholt und war am Wochenende mehr oder weniger damit beschäftigt, die ersten - ich nehme immer die interessantesten zuerst - die ersten also zu rezensieren. Ja es gibt einige prima Bücher darunter: Oliver Twist, ein Sachbuch über Attraktivitätsforschung und Schönheitschirurgie, ein hochinteressantes Buch über den Comic, und noch ein paar andere. Auf jeden Fall wurde mir dann die Zeit knapp, um meine Sitzung vorzubereiten, denn das schöne Wetter verlangte doch auch, dass ich ein bisschen an die frische Luft ging. Ich war in Basel. Und dabei habe ich ein schönes altes Pult gefunden, genau, was ich brauchen kann. Es ist nicht uralt, aber stilmässig schaut es gotisch aus, und ist aus massiver Eiche. Regula wird mir jetzt ein Auto organisieren und das Ding heimtransportieren. Wenn du es sehen würdest, dann würdest du das Ding bestimmt auch ganz süss finden. Das Pult ist ein bisschen tiefer als Pulte üblicherweise. Und es ist breiter als tief, hat also ganz eigene, bemerkenswerte Proportionen. Und dazu viele Schnitzereien. Ich glaube, dass es knappe 100 Jahre alt ist. Bestimmt wird es wunderschön glänzen, wenn ich es behandelt habe. Ich freue mich richtig darauf, an diesem Pult meine Romane zu schreiben.
Du musst mir das Rezept für den Kakao mitteilen. Ich trinke auch sehr gerne Schokolade oder Kakao. Und im Restaurant ist es eine gute Abwechslung zum gewöhnlichen Kaffee, der meist ja nicht besonders schmeckt. Als Kinder hatten wir oft Kakao am Sonntag zum Früstück. Ach, ich erinnere mich jetzt, dass es eine Zeitlang dazu frische Bröchten gab. Jeden Sonntag Morgen lagen sie in einem grossen Papiersack vor der Türe. Das war absoluter Luxus in Visp. Heute ist das vielleicht anders. Aber damals war es bestimmt eine Ausnahme und für den Bäcker Abegg eine grosse Ausnahme. Ich hatte es gar nicht richtig zur Kenntnis genommen. Wenn man jung ist, stehen Bröchten und Kakao am Sonntag zum Früstück nicht an erster Stelle der Agenda. Aber in unserem Alter kämpfen sie sich langsam vor und gewinnen von Jahr zu Jahr Rangplätze.
Was denn ist ein Asaglauben? Ist das irgend eine nordische Konfession? Dass die Religiosität über die Generationen weitergegeben werden, erstaunt mich nicht. Es muss ja nicht die gleiche Konfession sein. Manchmal gibt es in Familie Konversionen auf die andere Seite. Doch das Wichtige ist nicht die Konfession, sondern die Fähigkeit zum Glauben. Dies ist vielleicht - um ein aktuelles Wort zu gebrauchen - genetisch bedingt. Hast du Jane Fonda gehört? Sie hat in einem Interview gesagt, dass die Tatsache, dass sie mit bald 70 Jahren noch frisch und lebendig aussieht, wohl an den 'guten Genen' liegt. Bald erklärt man alles mit diesen Genen. Die Psychologen werden arbeitslos werden !!
Hast du gewusst, dass Glaube stärker ist als Wissen? Ich meine, bestimmt hast du das gewusst. Frauen wissen das besser als Männer, so glaube ich. Glaube ist auch stärker als der eigene Wille. Man könnte vielleicht sagen, Glaube sei ein versteckter, sehr tief im Körper verankerter Wille. Es gibt in der Hypnose und in der Trance Übungen, in denen man das sehr genau beobachten kann. Die Fähigkeit zum Glauben ist wirklich eine wertvolle Sache im Leben. Und ich habe persönlich die Meinung, dass man ihn in der Jugend mehr fördern sollte. Ich meine damit nicht Religion, sondern den allgemeinen lebenspraktischen Glauben.
(---)
Hat den Sozialdemokratie irgend etwas mit Arbeitern zu tun? Vielleicht in Schweden. Bei uns sind die Arbeiter bald sehr rechts. Sozialdemokraten sind Staatsbeamte, Lehrer, Sozialarbeiter. Ich glaube, viele Arbeiter sind der radikalen Rechten aufgesessen. Und wo bin ich eigentlich. Ich glaube, ich bin linke Mitte. Je älter man wird, desto mehr schätzt man die Liberalität. Sie ist wirklich das schönste Geschenk an den Menschen, und gleichzeitig in der Politik sehr schwer zu verteidigen. Aber natürlich Liberalität in Grenzen, und nicht wilder Kapitalismus, der seine Kinder frisst.
Puh, das ist ein wenig ein Mix geworden in diesem Mail. Aber der Weg vom Kakao bis zur Sozialdemokratie ist doch bestimmt sehr aussichtsreich?
Ich wünsche dir einen guten Tag
MLG
...
Freitag, 12. Mai 2017
Early morning ..
date 11 May 06:19
subject Early morning..
Lieber ...,
Eigentlich schon vorbei.. ich meine der "early morning". Doch ich war
schon um 5.30 auf und klein Pojki hat mich vorwurfsvoll angesehen,
weil er neues Futter brauchte. Er ist ganz still bis man das Radio
anstellt. Dann beginnt er zu singen und zu schwatzen.
Und im Radio hört man die sensationelle Nachricht, dass man nun in
Schweden schon in der 7. Klasse Zeugnisse einführen will. Bisher
bekommt man sie erst in der 8. Klasse. Da man in Schweden mit 7 Jahren
die Schule beginnt bedeutet das, dass man erst als 15- jähriger seine
ersten Zugnisse erhält. Bisher war es sogar verboten für einen Lehrer
sich in den "Elterngesprächen" so zu äussern, dass es an Zeugnisse
erinnern könnte. Kein Wunder, dass schwedische Schüler in allem
absacken und in grossen Untersuchungen schon ganz unten liegen.
Ausserdem will man, höre und staune, schon in der 5. Klasse gewisse
Ziele aufstellen in Mathematik und Schwedisch. Unglaublich! Womit
hat man sich denn bisher beschäftigt???
*
Ach, so viel Adrenalin schon am frühen Morgen. Der Himmel ist grau,
aber noch regnet es nicht. Zum Glück habe ich gestern das Gras gemäht
und so dürfen ruhig ein paar Tropfen vom Himmel fallen. Doch Anna hat
heute einen ganztägigen biologischen Ausflug in irgendeinem periphären
Fach, das sie dazugewählt hat. Sie ist wirklich allseitig, die kleine.
Am meisten sticht natürlich ihr Lyrikkurs ab von ihren
technisch-mathematischen Studien. Doch wie es scheint "gibt" er ihr
sehr viel, sogar logisches Denken. Das finde ich etwas lustig, denn
nie habe ich Lyrik mit Logik verknüpft.
*
Ja, diese alten Photos. Aber eigentlich sind es die Persönlichkeiten
darauf, die einen so stark reagieren lassen. Mein Grossvater hält eine
Zigarette in der Hand mit Spitze (oder heisst es Mundstück?). Aber er
hat auch fleissig Pfeiffe geraucht.
Meine Tante ist die Schwester meiner Mutter. Wie du siehst ist sie
dunkelhaarig und sieht fast etwas südländisch aus, doch meine Mutter
war blond.
Diese schwarz-weissen Photos sind von einer sehr guten Qualität.
Lange nachdem man schon in Farbe fotografierte, herrschte bei uns
immer noch die Meinung, dass Farbfotos schnell zerstört werden
könnten - und so machten wir oft auch schwarz-weisse Bilder, um
sicher zu gehen.
(---)
Ich schick dir das nun ab.. damit du es gleich bekommst, wenn du
deinen Computer anstellst.
Wünsche dir einen schönen Tag,
mit lG,
Malou
Donnerstag, 11. Mai 2017
"Die Eisheiligen", Tauben und Iran
date 11 May 06:09
subject Re: Anno dazumal
Liebe Malou
Heute werden wir einen klaren Tag haben. Aber es war kühl in der Nacht. S hatte vorausgesagt, dass das Thermometer unter Null sinken wird. Und das tat es dann auch. Na ja, wenn Frauen was sagen, dann hält sich die ganze Welt daran, nicht wahr? Wenn Männer dasselbe sagen, hält sich höchstens die halbe daran, und nicht mal die vollständig. Mindestens nicht das Wetter! Da sieht man, wie die Bündnisse laufen! Bei Frauen gehorcht das Wetter aufs Wort. Und bei Männern tut es, was es will.
Gerade höre ich, dass die Schweden gegen die Schweizer Hockey spielen werden. Hast du davon gehört? Ich glaube nicht, dass der Sport besser ist als das Wetter. Ich bin überzeugt, dass die Schweizer nicht gewinnen werden, auch wenn ich ihnen einen Sieg voraussage ;--) Klingt ein bisschen kompliziert, nicht? Aber so ist es eben in unserer Welt!
Heute morgen um halb sieben sind schon ein paar Tauben unterwegs. Das ist erstaunlich. Aber vielleicht liegt es am klaren Wetter, weil der Tag jetzt schon so hell ist, und vielleicht auch an der Kälte. Wahrscheinlich haben sie es in den kalten Federn nicht mehr ausgehalten. Vielleicht haben sie an den Zehen gefroren und haben sich gesagt 'äch, ich steh doch besser auf, schlafen kann ich bei der Kälte eh nicht mehr'. Und so sind die Tauben nach dem Espresso direkt in die frische Luft hinaus geflogen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sie sich noch ein Drei-Minuten-Ei genehmigt haben. Aus Pietätsgründen nicht, versteht sich...
Und auf dem Dach gegenüber raucht der Kamin. Allein daran sieht man, wie kühl es diese Nacht gewesen sein muss. Es liegt zwar kein Rauhreif auf dem Boden. Aber es ist hart daran vorbeigegangen, da bin ich sicher. Es gibt doch im mai diese Tage, die man die Eisheiligen nennt. Ich kenne davon nur St. Bonifazius und die Kalte Sophie. Von ihnen gibt es viele Wetter- und Bauernregeln. Und sie behaupten im allgemeinen, dass erst, wenn sie vorbei sind, die Nachttemperaturen gesichert seien. Vorher sollte man keine Pflanzen in den Garten sähen. Sie könnten jederzeit nachts oder schlimmstenfalls sogar tagsüber erfrieren. Aber nach der Kalten Sophie ist eine Saat sehr gut möglich. Dann nämlich kommt die Wärme und das milde Klima auch während der Nacht.
In den letzten Tagen haben wir darüber diskutiert, im Herbst vielleicht für ein paar Tage in den Iran zu fliegen. Es wäre schön, wie der mal dort drüben zu sein. Aber die politische Lage ist doch mehr oder weniger undurchsichtig. Man sagt, die letzten Wahlen hätten einen Rechtsrutsch gegeben. Chatami sei mit seiner Politik gescheitert. Nun ja, ich habe damals den Kommentar gehört, dass vielleicht dies die Möglichkeit ergebe, dass die Rechte selbst mehr fortschrittliche Ziele verfolge. Eine solche Dynamik wäre logischerweise durchaus plausibel. Aber die Regierung ist dort drüben nicht sehr logisch. Na ja, wir werden sehen. Aber wenn man einen günstigen Flug will, muss man rechtzeitig buchen. Da kann man nicht warten und zusehen, wie sich die Politik bewegt.
Jetzt muss ich ein paar Dinge erledigen. Ich hoffe, ihr habt ebenso feines Wetter wie hier. Es ist ein echtes Hoch. Und das tut gut.
MLG
...
Mittwoch, 10. Mai 2017
Re: Anno dazumal
date 10 May 07:30
subject Re: Anno dazumal
Liebe Malou
Ja, das ist wirklich ein nostalgisches Bild. Man würde heute kaum mehr so viele Leute rund um ein kleines Tischchen sitzen. Und ein Foto wäre auch nicht mehr eine solche Ausserordentlichkeit, dass sie allen eine solche stille Aufmerksamkeit abfordern könnte. Früher hat man sich für Fotos arrangiert. Perser machen das noch heute. Heute gibt man sich nicht mehr die Mühe, sich für das Foto bereit und in Pose zu stellen. Sie soll sich dem Leben anpassen und es in aller Natürlichkeit zeigen.
Und die halb verdeckte junge Dame, das bist du? Deine Tante hat dich intensiv im Auge, nicht wahr? War die Tante die Schwester deiner Mutter, oder ihr Mann der Bruder? Und dein Grossvater, das ist wirklich ein sympatischer Mann. Hält er ein Zigarre oder ein Branntweinglas in seiner Linken? Es scheint eine genüssliche Runde gewesen zu sein. Ich weiss nicht, irgendwie sieht es aus wie eine Künstlerrunde. Manchmal sieht man solche Bilder in Künstlerbiographien.
Ich mag solche alten Fotos. Na ja, wenn ich die Leute nicht kenne, dann ist das Interesse natürlich begrenzt. Aber man sieht daraus den Ausdruck der damaligen Zeit. Ich habe in Iran alte Bilder meiner Schwiegereltern gesehen. Auch sie haben mich berührt und ich war erstaunt, welch gutes und vergnügtes Leben Ss Onkel und Tanten damals hatten, während in Europa unsere Vorfahren unter dem Krieg litten. Sie hatten geradezu luxuriöse Autos und die neuesten Kleider in diesen jungen Jahren. Na ja, Ss Familie war privilegiert. Ihr Vater hatte von seinem Vater grosse Ländereien und eine ganze Kleinstadt übernommen. Das war noch eine feudalistische Zeit. Er war sozusagen Regent und war für seine Leute verantwortlich, und hatte kleine Gerichtsfälle zu entscheiden. Aber später hat Schah Reza Pahlavi in seiner weissen Revolution die Grossgrundbesitzer enteignet und das Land an die Bauern verteilt. Viele der Grossen haben damals ihre Ländereien zurückgekauft, denn die einfachen Leute wussten kaum, was damit anfangen. Ss Vater allerdings tat das nicht, sondern zog mit seiner Familie nach Teheran und hatte später eine Stelle bei der UNO Niederlassung in Teheran.
Aber auch das andere Bild gefällt mir gut. Vor allem die Farben, diese Erdtöne sind hübsch. Es ist fein, wie sich vor deinem Fenster die Szenerie ständig ändert. Bald wird dort draussen irgend etwas spriessen. Weisst du, was er gesäht hat? Es erinnert mich an meine Ferien bei einer Tante in der Nähe Berns. Sie wohnten draussen auf dem Land, mitten in den Feldern. Auch dort hatte man ähnliche Aussichten in eine weite Landschaft und auf die Arbeit der Bauern. Aber ich erinnere mich, dass mich diese weite Sicht vor allem abends, vor dem Schlafengehen, sehr betrübte. Ich hatte, um es kurz zu sagen, Heimweh.
Hier bei uns hat das normale Leben längst wieder begonnen. Im Club sass ich neben T. Er hat immer viel zu erzählen. Und weil W wissen wollte, was es mit Pfingsten eigentlich für eine Bewandtnis hat, holte T zu einem grösseren Referat aus. Er ist jetzt über 75 und reist noch viel. Man fragt ihn an, um Reisen zu begleiten. In den letzten Jahren war er oft in Asien, China und andere Länder, Seidenstrasse etc. Gestern war er gerade von einem Einsatz in Frankreich zurückgekommen. Deswegen vielleicht seine Hochstimmung. T ist durch und durch francophil. Seine Frau kommt aus Genf. Als sie damals geheiratet hatten, war Genf - für normale Schweizer Bürger - sozusagen Ausland. T hat also gestern so lange gesprochen am Tisch, dass ich die Gelegenheit ergriff, auch Bs Dessert noch zu essen. Viele offerieren mir ihr Dessert und meinen, ich könnte es bei meiner Figur gut vertragen. Aber sie wissen nicht, wie sehr ich für den Rest der Woche dann still vor mich hin hungere, um wieder herunter zu kommen. Und dabei sind die Desserts im Radisson-Hotel riesig gross. Manchmal habe ich den Verdacht, dass sie uns mit diesen Kalorienbomben wegen des sonst oft ziemlich mittelmässigen Essens besänftigen wollen. Und - unter uns - bei mir schaffen sie es beinahe!
Ende Mai werden wir wieder unser Spargelessen haben. Das ist ein traditioneller Anlass. Früher sind wir ins Elsass gereist. Dieses Mal geht es ins Badische, also nach Deutschland. Die Deutschen haben in den letzten Jahren mit ihrer Gastronomie schwer aufgeholt. Und die Badenser, die Leute aus der Region hier, sind so locker und freundlich wie die Elsässer. Manchmal denkt man, sie seien echte Südländer, obwohl sie ja doch nördlich von uns leben.
Ach, schon wieder habe ich beinahe vergessen, das Mail zu senden. Es würde hier nutzlos verdorren, nicht wahr. Also los damit ...
MLG
Dienstag, 9. Mai 2017
Anno dazumal
subject Anno dazumal
Ach, wenn du wüustest mit wieviel Nostalgie ich dieses kleine
Bild betrachte. Und mit klein meine ich, dass es eines dieser Bilder
von der allerkleinsten Grösse ist, das ich in meinen Schubladen
gefunden habe. Es ist ein Mysterium, wie man sowas in Sekundenschnelle
auf dem PC zu einem grossen Bild verwandeln kann.
Wenn ich du wäre, könnte ich dir über jeden dieser Personen
eine Geschichte erzählen. Na, ausgenommen der Mann vorne links. Er ist
einer von Helgas Freunden (so nehme ich an) und über ihn weiss ich
nicht mehr als du. Dass er ziemlich sympatisch aussieht.. :-)
Ganz links also eine echte Helga.. und ganz rechts mein innig
geliebter Grossvater. Neben ihm, der Mann meiner letzt verstorbenen
Tante. Dann meine Tante, bei der ich aufgewachsen bin und neben ihr ,
das Ehepaar in der Mitte, wohl die besten Freunde unserer Familie. Er
hat immer etwas tragisches über sich. Ich bewunderte ihn masslos als
Kind, weil er mir mit seinem grossen Wissen wie der Herrgott selbst
vorkam.
Bei diesem Ehepaar (sie waren kinderlos) habe ich manchmal Katze und
Vögel betreut, wenn sie verreist waren. Und an der Wand hingen eine
Menge Pistolen, bei denen er mich vor der einen warnte, dass sie
geladen sei. Ihre Anziehungskraft für mich war enorm. *s*
Auch hatten sie einen alten Plattenspieler mit Musik aus den 30-40iger
Jahren, die ich mir anhörte. Und ich erinnere mich, dass ich mir eine
ganz sündvolle Platte mit Eartha Kitt kaufte, auf der sie, in unseren
unschuldigen Augen von damals, etwas zweideutige Lieder sang. Die
hörte ich mir im geheimen an, während sich die Katze über meine
Gesellschaft freute. Dann spielte ich eine Weile Versteck mit Lissie.
Sie muss ein intelligentes Tier gewesen sein, denn sie wusste genau
worauf es ausging. Ach, wie war das lustig.
Dieses Mail sollte eigentlich nur ein Bild enthalten. Und du siehst...
Grüsse dich nochmals lieb,
Malou
Montag, 8. Mai 2017
Frans und Ustinov
(F.)
Am Nachmittag habe ich im Getümmel Frans angetroffen. Er war ganz abwesend, schlenderte in seinem hellen Regenmantel im Strom der Leute und hielt in der Rechten seine verlöschte Pfeiffe. Frans ist ein Club-Kollege. Und letztes Jahr hatte ich ihn ebenso an dieser Messe getroffen. Letztes Jahr hatte er einen grossen Bildband über die Rheinschifffahrt gekauft, daran erinnere ich mich sehr gut, weil ich immer noch das Titelbild auf dem Einband im Gedächtnis habe. Und Frans war in seinen jungen Jahren als Schiffsingenieur auf See. Er ist ja gebürtiger Holländer. In den letzten Jahren führte er in Birsfelden, in der Nähe Basels, eine eigene Firma, die sich auf Energiemotoren spezialisiert hatte. Aber offenbar musste er diese Firma schliesslich verkaufen und aufgeben, weil sie nicht wirklich rentierte. Und jetzt lebt Frans als Pensionierter in einem Multikulti-Stadtteil, der eher kostengünstige Wohnungen anbietet. Ich glaube, er muss mit seinen finanziellen Mitteln haushälterisch umgehen. Und er ist alleinstehend. Seine Freundin, eine hübsche und offene Frau mit slawischem Gesicht, mit russischen Vorfahren, wie sie behauptete, hatte ihn wieder verlassen, nachdem sie ein paar Jahre gemeinsam in einer modern eingerichteten, ja geradezu schicken Wohnung in einem Basler Vorort fast auf dem Lande gelebt hatten. Sie hatte S einmal erzählt, dass Frans irgendwie an einer Prostituierten hänge und sich nicht wirklich an eine Frau binden wolle oder könne.
Nun ja, ich traf also unseren Frans und wir plauderten ein wenig dahin. Schliesslich schlug ich vor, dass wir irgendwo ein Kaffee trinken sollten. Es war nicht leicht, ein leeres Tischchen zu finden. Aber schliesslich wurden wir hinten, in der Caffeteria fündig. Frans bestellt in der Regel einen doppelten Espresso. Ich lud ihn dazu ein, denn ich erinnerte mich, dass ich ihn schon letztes Jahr an der Bar eingeladen hatte, dass er aber damals schliesslich die Zeche bezahlte, weil die Dame an der Theke kein Kleingeld auf meine Note hatte. So konnten wir nach langer Zeit doch soetwas wie Gerechtigkeit zurückgewinnen.
Ich habe ein paar Bücher gekauft. Aber im Grossen und Ganzen habe ich versucht, mich zurückzuhalten. Jäggi, die grosse Buchnandlung Basels, hatte eine grosse Abteilung mit sogenannten Hörbüchern, also mit CDs. Ich habe eine gekauft von Ustinov. Er ist letztes Mal gestorben. Ich habe ihn immer sehr gemocht und geschätzt. Ich glaube, er war ein äusserst vielseitiger Mensch und geschäftlich wohl ausserordentlich erfolgreich. Und dazu hatte er am Genfersee in der Schweiz gelebt, das habe ich ihm immer gugute gehalten, wo er doch in England aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Kurz und gut: auf dieser CD spricht Sir Peter Ustinov über Vorurteile. Er spricht in seinem gebrochenen Deutsch (ich glaube, sein Vater war deutscher Muttersprache gewesen). Und er spricht, wie ich meine, sehr intelligent und menschlich. Er kommt für mich als Humorist in die Nähe von Chaplin. Der hatte neben bei gesagt auch am Genfersee, ein bisschen weiter oben, gelebt. Ustinow war als Schauspieler kein schöner Mensch. Er wirkte immer etwas ungelenk und hatte schon in jüngeren Jahren ein Bäuchlein. Ich erinnere mich an ein Foto, wo er neben Sophia Loren steht. Neben der eleganten, gazellenhaften Loren wirkt der gute Ustinov wie der Dorftrottel. So war er für komische Rollen prädestiniert. Hat er nicht in einem grossen Film Nero gespielt. Ich denke, diese Rolle passte gut zu ihm, ich meine zu seiner körperlichen Konstitution. In späteren Jahren, als er dann älter wurde, hat er ziemlich gut ausgesehen. Er war ein würdiger älterer Herr mit einem guten Humor, verspielt und voller Lebensweisheit. Er konnte ohne Ende lustige Anekdoten erzählen und hatte dabei, das war sofort deutlich, einen exzellenten Sinn für die Pointe.
Kurz und gut: ich habe jetzt die persönliche Stimme Ustinovs zuhause, und darüber bin ich ganz glücklich.
MLG
...
Am Nachmittag habe ich im Getümmel Frans angetroffen. Er war ganz abwesend, schlenderte in seinem hellen Regenmantel im Strom der Leute und hielt in der Rechten seine verlöschte Pfeiffe. Frans ist ein Club-Kollege. Und letztes Jahr hatte ich ihn ebenso an dieser Messe getroffen. Letztes Jahr hatte er einen grossen Bildband über die Rheinschifffahrt gekauft, daran erinnere ich mich sehr gut, weil ich immer noch das Titelbild auf dem Einband im Gedächtnis habe. Und Frans war in seinen jungen Jahren als Schiffsingenieur auf See. Er ist ja gebürtiger Holländer. In den letzten Jahren führte er in Birsfelden, in der Nähe Basels, eine eigene Firma, die sich auf Energiemotoren spezialisiert hatte. Aber offenbar musste er diese Firma schliesslich verkaufen und aufgeben, weil sie nicht wirklich rentierte. Und jetzt lebt Frans als Pensionierter in einem Multikulti-Stadtteil, der eher kostengünstige Wohnungen anbietet. Ich glaube, er muss mit seinen finanziellen Mitteln haushälterisch umgehen. Und er ist alleinstehend. Seine Freundin, eine hübsche und offene Frau mit slawischem Gesicht, mit russischen Vorfahren, wie sie behauptete, hatte ihn wieder verlassen, nachdem sie ein paar Jahre gemeinsam in einer modern eingerichteten, ja geradezu schicken Wohnung in einem Basler Vorort fast auf dem Lande gelebt hatten. Sie hatte S einmal erzählt, dass Frans irgendwie an einer Prostituierten hänge und sich nicht wirklich an eine Frau binden wolle oder könne.
Nun ja, ich traf also unseren Frans und wir plauderten ein wenig dahin. Schliesslich schlug ich vor, dass wir irgendwo ein Kaffee trinken sollten. Es war nicht leicht, ein leeres Tischchen zu finden. Aber schliesslich wurden wir hinten, in der Caffeteria fündig. Frans bestellt in der Regel einen doppelten Espresso. Ich lud ihn dazu ein, denn ich erinnerte mich, dass ich ihn schon letztes Jahr an der Bar eingeladen hatte, dass er aber damals schliesslich die Zeche bezahlte, weil die Dame an der Theke kein Kleingeld auf meine Note hatte. So konnten wir nach langer Zeit doch soetwas wie Gerechtigkeit zurückgewinnen.
Ich habe ein paar Bücher gekauft. Aber im Grossen und Ganzen habe ich versucht, mich zurückzuhalten. Jäggi, die grosse Buchnandlung Basels, hatte eine grosse Abteilung mit sogenannten Hörbüchern, also mit CDs. Ich habe eine gekauft von Ustinov. Er ist letztes Mal gestorben. Ich habe ihn immer sehr gemocht und geschätzt. Ich glaube, er war ein äusserst vielseitiger Mensch und geschäftlich wohl ausserordentlich erfolgreich. Und dazu hatte er am Genfersee in der Schweiz gelebt, das habe ich ihm immer gugute gehalten, wo er doch in England aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Kurz und gut: auf dieser CD spricht Sir Peter Ustinov über Vorurteile. Er spricht in seinem gebrochenen Deutsch (ich glaube, sein Vater war deutscher Muttersprache gewesen). Und er spricht, wie ich meine, sehr intelligent und menschlich. Er kommt für mich als Humorist in die Nähe von Chaplin. Der hatte neben bei gesagt auch am Genfersee, ein bisschen weiter oben, gelebt. Ustinow war als Schauspieler kein schöner Mensch. Er wirkte immer etwas ungelenk und hatte schon in jüngeren Jahren ein Bäuchlein. Ich erinnere mich an ein Foto, wo er neben Sophia Loren steht. Neben der eleganten, gazellenhaften Loren wirkt der gute Ustinov wie der Dorftrottel. So war er für komische Rollen prädestiniert. Hat er nicht in einem grossen Film Nero gespielt. Ich denke, diese Rolle passte gut zu ihm, ich meine zu seiner körperlichen Konstitution. In späteren Jahren, als er dann älter wurde, hat er ziemlich gut ausgesehen. Er war ein würdiger älterer Herr mit einem guten Humor, verspielt und voller Lebensweisheit. Er konnte ohne Ende lustige Anekdoten erzählen und hatte dabei, das war sofort deutlich, einen exzellenten Sinn für die Pointe.
Kurz und gut: ich habe jetzt die persönliche Stimme Ustinovs zuhause, und darüber bin ich ganz glücklich.
MLG
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Schreibtipps und Basler Buchmesse
subject: Siehst du..
Liebe Malou
Es ist kaum zu glauben, dass diese Frei- und Feiertage schon vorbei sind. Es ist wie damals, als wir noch zur Schule gingen. Wir hatten uns so sehr auf die paar freien Tage gefreut, dass wir nicht daran glaubten, dass wir je zum Normalleben zurückkehren mussten. Wir genossen die freie Zeit, trödelten dahin, verschleuderten unsere wertvolle Lebenszeit an Nichtigkeiten, und plötzlich war wieder Montagmorgen und der Lehrer sass im alten Ernst vor uns und versuchte zu überzeugen, dass wir alle zur alten Arbeitshaltung zurückkehren sollten. Der Rektor hatte sogar oft den Spruch auf den Lippen: Es ist nichts schwerer zu ertragen als ein paar freie Tage. Und wie er damit recht hatte! Und wie es zutrifft!
Ich hatte mal ein Interview gesehen mit einem deutschsprachigen Schriftsteller. Wie hiess er bloss. Ich habe nie etwas von ihm gelesen. Aber er ist sehr populär. Heisst er nicht ---. Auf jeden Fall ist er ein sehr hässlicher und neurotischer Mensch. Ich glaube, er kann sich mit Schreiben knapp über Wasser behalten. Ich meine damit, wenn er nicht die Regelmässigkeit des Schreibens hätte, würde er verkommen im Alkohol, im Suizid oder weiss Gott wo. Er hat damals im Interview, und in seiner bröckelnden und stotternden Sprache erzählt, wie er es schafft, solch dicke Bücher zu schreiben die von sovielen Leuten gekauft und - so muss man annehmen - oft auch gelesen werden. Und er hatte zwei Dinge erzählt, die mir sofort eingeleuchtet haben. Er hat gesagt, dass er jeden Tag von 8 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr arbeite. Und dies jeden Tag, wohlgemerkt, auch an Sonntagen. Er dürfe keine Ausnahme machen, sonst würde er aus dem Tritt geraten und dann wäre nicht sicher, ob er den Roman zu Ende bringen könne. Erinnert das nicht an einen Seiltänzer, der nicht links und nicht rechts, vor allem nicht in die Tiefe sehen darf, der unablässig auf das Seil vor seinen Füssen starren muss und sonst nichts? Und die zweite Sache, die er erwähnt hat, hat mich ebenso überzeugt. Er hat gesagt, dass er abends, bevor er seinen Feierabend eröffne, einen halben Satz zu schreiben beginne. Dahinter steht die Einsicht, dass es morgens um 8 Uhr, um mit der Arbeit zu beginnen, am leichtesten sei, einen begonnenen Satz erstmals zu beenden, um dann weiterzuschreiben. Natürlich sind das ein bisschen kleinliche Tipps von einem armen und gequälten Menschen. Aber sie haben doch was an sich. Auf jeden Fall sollte man sie sich merken, wenn man in diesen Aspekten Probleme hat.
Ach, was kann ich dir erzählen von diesem langen Wochenende? Vielleicht von der Basler Buchmesse? Gerade höre ich, dass sie einen Rekordbesuch hatten. Es waren 405 Verlage, die ausgestellt haben, und es waren 40300 Besucher während der 3 Tage. Und dabei hatten gleichzeitig in Solothurn die Literaturtage stattgefunden. Darüber ist man zufrieden im dritten Jahr dieser Veranstaltung. Ich kann bestätigen, dass diese Messe ganz in Ordnung war. Ich war am Samstag schon um 930h, als geöffnet wurde, vor dem Eingang. Damals gab es noch nicht zuviele Leute, und man konnte bequem in den einzelnen Ständen herumwühlen und sich einen Überblick verschaffen. Nach und nach zogen die Zuschauer an. Und gegen Mittag war es schon ziemlich warm unter den grossen Leuchtern. Man hatte drei oder vier verschiedene Publikumsforen oder Arenen eingerichtet, in den ständig Diskussionen oder Lesungen stattfanden. Einige kleine Verlagen waren so verlegen, ihre Autorinnen und Autoren direkt am Stand lesen zu lassen. Doch das waren veritable Spiessrutenläufe. Es gab dann einige Agenten, die im Publikum Zettel verteilten über die Autorin, die gerade in Aktion war. Aber manchmal hörte man absolut nichts, denn die armen Leute mussten ohne Mikrophon auskommen. Bei irgend einem deutschen Esoterik-VErlag geriet ich an eine Blondine. Sie war recht hübsch und, wie man sehen konnte, las aus einem ihrer Manuskripte. Kein Mensch hörte zu. Man konnte auch nichts hören, weil sie eine fast tonlose Stimme hatte. Ich ging in ihre Nähe, versuchte, in einigen Büchern zu blättern, um gleichzeitig zu hören, worüber sie überhaupt las. Es war ein Text über eine Relaxation-Methode. Für mich hörte es sich an wie autogenes Training. Sie las weiter ähnlich, wie wenn man am Fernseher den Ton ausgeschaltet hätte. Und inzwischen hatte sie auch bemerkt, dass sie einen Hörer gewonnen hatte. Zwischen ihren Blicken auf das Manuskript schaute sie mich immer wieder, und wie mir schien, ziemlich verzweifelt an. Ich glaube, sie war froh, dass sich einer genähert hatte, und dass nicht alle Leute einfach achtlos vorbeigingen, während sie lass. Sie war eine ganz hübsche Blondine, hatte halblanges, volles und goldenglänzendes Haar und ein Gesicht mit Sommersprossen. Sie war gut geschminkt. Allerdings trug sie einen wollenen Pullover unter ihrer Jacke, ich glaube, es war eine Wildlederjacke. Diese Wolle sah etwas robust und provinziell aus. Aber sonst war sie ganz ok und sie umklammerte mich mit ihren schönen, grossen blauen Augen um mich in der Nähe zu behalten, und um nicht wieder wie Demosthenes mit den Steinen im Mund hinaus ins rauschende Meer zu reden. Und ich fügte mich ihrem Hilferuf und blieb einen Moment, blieb solange, bis ein paar neue Leute stehen blieben, um dann diskret zu verschwinden. Ja, sie las über autogene Entspannungsübungen. Und sie las so, als ob sie annahm, ich würde das alles zum ersten Mal hören. Nein, sagte ich leise und ebenso tonlos wie sie sprach, nein Helga, sagte ich, das kenne ich nachgerade schon sehr mehr als genug. Nein Helga, ich kenne das alles zur Genüge. - - Ich glaube, dass sie Helga heissten müsste. Denn sie sah in ihrer Blondheit und ihrer gewissen Bodenständigkeit eben aus wie eine Helga. Oder hätte vielleicht Margot besser gepasst?
Am Nachmittag habe ich im Getümmel...
(F.f.)
Samstag, 6. Mai 2017
Drei Kategorien von Küssen
...
Ich umarme dich, wie eine dieser asiatischen mythischen Figuren mit ihren 6 oder 8 Armen es tun würde. Aber ich würde es sehr vorsichtig und sachte tun, sonst würdest du vielleicht Platzangst kriegen. ---
Quatsch, ich küsse dich. Weiss doch jeder, wie so was geht. Aber gleichzeitig habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Denn ich weiss, dass du mit Worten nicht so freizügig umgehst. Aber Marlena, es sind bloss diese französischen Küsschen, die man in Richtung Ohr bläst, mit einem Höflichkeitsabstand, damit man der Dame nicht das make-up verdirbt. Diese keuschen kleinen Meringues, die sofort trocknen im Frühlingswind.
Ach, da kommt mir noch etwas in den Sinn, komisch, ich muss es dir rasch erzählen. Im Kiwanis haben wir jedes Jahr im Mai ein Spargelessen im Elsass. Das Elsass ist ja bekannt für seine Spargeln, auch wenn sie sie manchmal aus Cavaillon hertransportieren. Und werner Berger war immer verantwortlich für die Organisation dieses Essens. Er bestellt das Essen, und auch kleine weisse Blümchen, die Maiglöcklein. Und jeder Dame verteilt er nach dem Essen ein kleines Sträusschen dieser Blumen und küsst sie links und rechts, wie ein Kavalier. Und vor ein paar Jahren war ich Sekretär des Clubs und musste ein Protokoll schreiben. Und ich habe mich auf guten anderthalb Seiten über seine Küsse ausgelassen, dass er- wenn man genau hinschaut- drei Kategorien hat, die er da verteilt. Die erste Art ist die jungfräuliche, die ich dir oben beschrieben habe. Sie sind nur hingehaucht, ohne Leidenschaft, eher mit höflicher zurückhaltung. Die Kategorie zwei sind schon ein bisschen feuchter, bleiben auf der Wange kleben, aber sind noch nicht allzu nachhaltig. Und dann hat er noch die dritte Garnitur, die schon einen Anflug von Leidenschft und stillen Träumen erkennen lassen. Und insgesamt lasse sich aus den Küssen schliessen, ob wir einen warmen Sommer haben werden. Und so weiter und so fort. Ich habe aus seinen Gentlemans-Küssen eine echte Story gemacht und alle haben geschmunzelt und ihre Freude daran gehabt. Vor allem die Damen, die die Protokolle natürlich zuhause auch lesen, um ihren Mann zu kontrollieren.
Wir sind uns im Klaren Marlena, die meinen waren aus der Kategorie eins. Oder waren es schon Zweier, sagen wir Ribbit. 2 wood? Dann bitte ich um Entschuldigung, my lady.
IM ...
Spargelessen in Deutschland
date 22 May 2006
Und heute abend haben wir unser Spargelessen. Es findet in Bad-Bellingen, also in Deutschland statt. Ältere Kollegen finden es ein Witz, nach Deutschland zu fahren, um Spargeln zu essen. Das müsse man im Elsass tun, meinen sie. Aber D ist natürlich bedeutend billiger. Und ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb unser guter Ch. das so organisiert hat. S bestellt sich jedes mal beim Spargelessen ein gutes Steak oder so ähnlich. Sie behauptet, mit Spargeln hätte man nicht wirklich gegessen. Und so falsch hat sie nicht dabei.
date 23 May 2006 07:41
subject Re: ???
Liebe Malou
Fantastisch, ich schreibe als Antwort auf mein eigenes Mail. Aber oben erscheint deine Adresse. Das System scheint sich schon daran gewöhnt zu haben, dass ich hier in die frische Luft hinaus monologisiere. Man sieht das doch im Theater. Die Helden gehen auf der Bühne auf und ab und schreien ihre Monologe hinaus in den Publikumsraum. Zu niemandem direkt. Einfach so, damit es mal wieder richtig hallt. Und wenn es gut kommt, sterben sie nachher, ich meine nach dem langen und wunderschönen Monolog.
Gestern also das Spargelessen. War ziemlich weit bis Bad Bellingen. Ich würde schätzen 40 km auf Nebenstrassen und im Regen. Aber es gab eine gute Beteiligung. Viele waren da. Es ist irgendwie eine alte Tradition, dass man zu diesem Spargelessen geht, und noch dazu seine Mammeselle mitbringt. Früher ist nach dem langen Essen W aufgestanden und hat mit ein paar netten Worten jeder Dame einen Kuss auf die Backe und ein Sträusschen Maiglöcklein in die Hand gedrückt. Das war eine hübsche, vielleicht etwas altmodische Geste allen einen guten Sommer zu wünschen. Und viele Kollegen waren natürlich eifersüchtig, dass einer allein alle Damen abküssen darf. Aber jetzt ist W alt geworden. Und sein Nachfolger hat eine eigene hübsche junge Frau, eine Italienerin nota bene. So ändern sich die Sitten und die Eifersüchteleien, wie man sieht.
Wir sind etwas später eingetroffen, haben aber noch glücklich einen Parkplatz gleich vor der Garage des Besitzers gefunden. Jedenfalls hat er uns erlaubt, unser Gefährt dort stehen zu lassen. War ja auch wichtig, nicht noch zu weit im Regen gehen zu müssen. Und dann fanden wir am Ende des Mitteltisches noch zwei gute Plätze. Plätze sind gut oder weniger gut je nachdem, in welcher Runde man sitzt. Manchmal ist es ein bisschen langweilig. Dieses Mal sassen wir in einer Gruppe junger Leute. Und es gab lebhafte Diskussionen, die natürlich, Glas um Glas, immer leidenschaftlicher wurden. O, der Arzt, behauptete, es gäbe keine Beweise, dass Sport wirklich gesundheitsförderlich sei. Wirklich nicht. Du kannst dir vorstellen, dass eine solche Behauptung, noch von einem Arzt, einen gut und gerne eine halbe Stunde vor dem Spargelessen beschäftigen kann. Na ja, es gab noch andere Thesen, die in die Luft geworden wurde. Aber diejenige den Sport betreffend war wohl die verwegendste.
Und dann kamen die Spargeln. Wir sagen in der Schweiz ja 'die Spargel', während die Deutschen 'der Spargel' sagen. Jedenfalls haben sie gut geschmeckt zusammen mit der Hollandaise, Mayonnaise und Bärlauchsauce. Und daneben gab es verschiedene Arten Schinken zusammen mit kleinen Brötchen. Ich habe kürzlich gehört, dass man Spargeln nicht im Wasser kochen sollte, sondern gewürzt und eingepackt in eine Alufolie im Backofen etwa 30 Minuten sozusagen backen sollte. So bleibe der Geschmack beisammen und werde nicht im Sud ausgekocht. Aber ausprobiert habe ich diese gloriose Idee noch nicht. In deutschen Fernsehstationen sind Kochsendungen Mode geworden. Und wenn man sich ungeplant, wie ich das tue, ab und zu in die Programme hängt, gerät man leicht in solche Studieküchen hinein. Sie sind manchmal ganz unterhaltsam. Und man denkt natürlich, man lerne ein bisschen etwas dabei. Aber der Haupteffekt ist bloss, dass man zum Schluss mit einem riesigen Hunger im Bauch aufsteht und gleich in die eigene Küche eilt. Dort ist man dann enttäuscht, wie wenig sie auf einen Bärenhunger wirklich vorbereitet ist.
Und jetzt muss ich ans Werk. Ich hoffe, ich überstehe diesen tristen Tag. Weiss noch gar nicht, womit ich mich aufheitern kann? Vielleicht doch bloss mit dem Gedanken an den freien Auffahrtstag.
MLG
Freitag, 5. Mai 2017
Chesterfield und Rubens
Liebe Marlena
Gerne möchte ich dir meine Familie vorstellen. Wir sitzen hier
im Foto auf unserem Chesterfield, einem schönen englischen
Ledersofa, auf das wir stolz sind, weil wir es während der
Studentenzeit mit unserem wenigen Geld gekauft hatten. Es ist
klassisch, gut zum Sitzen, noch besser zum Schlafen vor dem
Fernsehen (behauptet NN), man kann darauf Liebe machen
oder streiten, es ist wirklich wunderbar und klassisch-englisch
und wird mit seinem Leder jedes Jahr schöner. Es haben schon
kleine Kinder drauf gepinkelt und ältere Herren ihren Bordeaux
verschüttet. Es gibt nichts, was unser Chesterflied nicht schon
gesehen hätte. Und es wird wirklich mit dem Alter schöner und
schöner, so wie es die Heiterkeit mit uns Menschen macht.
Und im Hintergrund hängt eben dieses berühmte Bild von diesem
berühmten Rubens kopiert von diesem berühmten Kopisten (wie
hiess er doch nur?) mit dem pazifistischen Titel (wie hiess der
schon wieder?). Durch die Reflexion des Blitzes sieht man nicht
so viel von der berühmten Minerva, welche den Kriegsgott Ares
vertreibt. Aber, soviel kann ich sagen, es ist ein grandios
konstruiertes Bild. Ich habe es von einem Foto vielleicht 10x15chm
kopiert. Es müssen also unendlich viele Fehler und Veränderungen
drin sein. Es ist eigentlich - streng genommen - kein Rubens mehr,
sondern von diesem Kopisten eben. Ich habe etwa eine Woche daran
gearbeitet, in den Ferien, also fast von morgens bis abends. Dazu
sage ich den Gästen in unserem Haus gewöhnlich und zum Spass,
wenn sie Lust hätten, dann könnten sie es ohne weiteres klauen.
Wir haben es hoch versichert und würden viel verdienen dabei erstens,
und der Kopist würde endlich berühmt zweitens. Kurz und gut, ein
spektakulärer Bilderraub wäre das beste, was uns passieren könnte.
Aber bisher wollte leider keiner. Sind alles Angsthasen hier in der
Schweiz, wollen keine Rubens klauen. Tant pis.
In diesen Frühlingswochen
Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich Das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.
... jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.
Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.
Rilke
Aus: Das Buch der Bilder
Mittwoch, 3. Mai 2017
Montag, 1. Mai 2017
Haustiere und andere Menschen
(R)
Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).
Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.
Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
...
Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).
Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.
Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
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