Freitag, 5. Mai 2017
Chesterfield und Rubens
Liebe Marlena
Gerne möchte ich dir meine Familie vorstellen. Wir sitzen hier
im Foto auf unserem Chesterfield, einem schönen englischen
Ledersofa, auf das wir stolz sind, weil wir es während der
Studentenzeit mit unserem wenigen Geld gekauft hatten. Es ist
klassisch, gut zum Sitzen, noch besser zum Schlafen vor dem
Fernsehen (behauptet NN), man kann darauf Liebe machen
oder streiten, es ist wirklich wunderbar und klassisch-englisch
und wird mit seinem Leder jedes Jahr schöner. Es haben schon
kleine Kinder drauf gepinkelt und ältere Herren ihren Bordeaux
verschüttet. Es gibt nichts, was unser Chesterflied nicht schon
gesehen hätte. Und es wird wirklich mit dem Alter schöner und
schöner, so wie es die Heiterkeit mit uns Menschen macht.
Und im Hintergrund hängt eben dieses berühmte Bild von diesem
berühmten Rubens kopiert von diesem berühmten Kopisten (wie
hiess er doch nur?) mit dem pazifistischen Titel (wie hiess der
schon wieder?). Durch die Reflexion des Blitzes sieht man nicht
so viel von der berühmten Minerva, welche den Kriegsgott Ares
vertreibt. Aber, soviel kann ich sagen, es ist ein grandios
konstruiertes Bild. Ich habe es von einem Foto vielleicht 10x15chm
kopiert. Es müssen also unendlich viele Fehler und Veränderungen
drin sein. Es ist eigentlich - streng genommen - kein Rubens mehr,
sondern von diesem Kopisten eben. Ich habe etwa eine Woche daran
gearbeitet, in den Ferien, also fast von morgens bis abends. Dazu
sage ich den Gästen in unserem Haus gewöhnlich und zum Spass,
wenn sie Lust hätten, dann könnten sie es ohne weiteres klauen.
Wir haben es hoch versichert und würden viel verdienen dabei erstens,
und der Kopist würde endlich berühmt zweitens. Kurz und gut, ein
spektakulärer Bilderraub wäre das beste, was uns passieren könnte.
Aber bisher wollte leider keiner. Sind alles Angsthasen hier in der
Schweiz, wollen keine Rubens klauen. Tant pis.
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