Montag, 8. Mai 2017
Schreibtipps und Basler Buchmesse
subject: Siehst du..
Liebe Malou
Es ist kaum zu glauben, dass diese Frei- und Feiertage schon vorbei sind. Es ist wie damals, als wir noch zur Schule gingen. Wir hatten uns so sehr auf die paar freien Tage gefreut, dass wir nicht daran glaubten, dass wir je zum Normalleben zurückkehren mussten. Wir genossen die freie Zeit, trödelten dahin, verschleuderten unsere wertvolle Lebenszeit an Nichtigkeiten, und plötzlich war wieder Montagmorgen und der Lehrer sass im alten Ernst vor uns und versuchte zu überzeugen, dass wir alle zur alten Arbeitshaltung zurückkehren sollten. Der Rektor hatte sogar oft den Spruch auf den Lippen: Es ist nichts schwerer zu ertragen als ein paar freie Tage. Und wie er damit recht hatte! Und wie es zutrifft!
Ich hatte mal ein Interview gesehen mit einem deutschsprachigen Schriftsteller. Wie hiess er bloss. Ich habe nie etwas von ihm gelesen. Aber er ist sehr populär. Heisst er nicht ---. Auf jeden Fall ist er ein sehr hässlicher und neurotischer Mensch. Ich glaube, er kann sich mit Schreiben knapp über Wasser behalten. Ich meine damit, wenn er nicht die Regelmässigkeit des Schreibens hätte, würde er verkommen im Alkohol, im Suizid oder weiss Gott wo. Er hat damals im Interview, und in seiner bröckelnden und stotternden Sprache erzählt, wie er es schafft, solch dicke Bücher zu schreiben die von sovielen Leuten gekauft und - so muss man annehmen - oft auch gelesen werden. Und er hatte zwei Dinge erzählt, die mir sofort eingeleuchtet haben. Er hat gesagt, dass er jeden Tag von 8 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr arbeite. Und dies jeden Tag, wohlgemerkt, auch an Sonntagen. Er dürfe keine Ausnahme machen, sonst würde er aus dem Tritt geraten und dann wäre nicht sicher, ob er den Roman zu Ende bringen könne. Erinnert das nicht an einen Seiltänzer, der nicht links und nicht rechts, vor allem nicht in die Tiefe sehen darf, der unablässig auf das Seil vor seinen Füssen starren muss und sonst nichts? Und die zweite Sache, die er erwähnt hat, hat mich ebenso überzeugt. Er hat gesagt, dass er abends, bevor er seinen Feierabend eröffne, einen halben Satz zu schreiben beginne. Dahinter steht die Einsicht, dass es morgens um 8 Uhr, um mit der Arbeit zu beginnen, am leichtesten sei, einen begonnenen Satz erstmals zu beenden, um dann weiterzuschreiben. Natürlich sind das ein bisschen kleinliche Tipps von einem armen und gequälten Menschen. Aber sie haben doch was an sich. Auf jeden Fall sollte man sie sich merken, wenn man in diesen Aspekten Probleme hat.
Ach, was kann ich dir erzählen von diesem langen Wochenende? Vielleicht von der Basler Buchmesse? Gerade höre ich, dass sie einen Rekordbesuch hatten. Es waren 405 Verlage, die ausgestellt haben, und es waren 40300 Besucher während der 3 Tage. Und dabei hatten gleichzeitig in Solothurn die Literaturtage stattgefunden. Darüber ist man zufrieden im dritten Jahr dieser Veranstaltung. Ich kann bestätigen, dass diese Messe ganz in Ordnung war. Ich war am Samstag schon um 930h, als geöffnet wurde, vor dem Eingang. Damals gab es noch nicht zuviele Leute, und man konnte bequem in den einzelnen Ständen herumwühlen und sich einen Überblick verschaffen. Nach und nach zogen die Zuschauer an. Und gegen Mittag war es schon ziemlich warm unter den grossen Leuchtern. Man hatte drei oder vier verschiedene Publikumsforen oder Arenen eingerichtet, in den ständig Diskussionen oder Lesungen stattfanden. Einige kleine Verlagen waren so verlegen, ihre Autorinnen und Autoren direkt am Stand lesen zu lassen. Doch das waren veritable Spiessrutenläufe. Es gab dann einige Agenten, die im Publikum Zettel verteilten über die Autorin, die gerade in Aktion war. Aber manchmal hörte man absolut nichts, denn die armen Leute mussten ohne Mikrophon auskommen. Bei irgend einem deutschen Esoterik-VErlag geriet ich an eine Blondine. Sie war recht hübsch und, wie man sehen konnte, las aus einem ihrer Manuskripte. Kein Mensch hörte zu. Man konnte auch nichts hören, weil sie eine fast tonlose Stimme hatte. Ich ging in ihre Nähe, versuchte, in einigen Büchern zu blättern, um gleichzeitig zu hören, worüber sie überhaupt las. Es war ein Text über eine Relaxation-Methode. Für mich hörte es sich an wie autogenes Training. Sie las weiter ähnlich, wie wenn man am Fernseher den Ton ausgeschaltet hätte. Und inzwischen hatte sie auch bemerkt, dass sie einen Hörer gewonnen hatte. Zwischen ihren Blicken auf das Manuskript schaute sie mich immer wieder, und wie mir schien, ziemlich verzweifelt an. Ich glaube, sie war froh, dass sich einer genähert hatte, und dass nicht alle Leute einfach achtlos vorbeigingen, während sie lass. Sie war eine ganz hübsche Blondine, hatte halblanges, volles und goldenglänzendes Haar und ein Gesicht mit Sommersprossen. Sie war gut geschminkt. Allerdings trug sie einen wollenen Pullover unter ihrer Jacke, ich glaube, es war eine Wildlederjacke. Diese Wolle sah etwas robust und provinziell aus. Aber sonst war sie ganz ok und sie umklammerte mich mit ihren schönen, grossen blauen Augen um mich in der Nähe zu behalten, und um nicht wieder wie Demosthenes mit den Steinen im Mund hinaus ins rauschende Meer zu reden. Und ich fügte mich ihrem Hilferuf und blieb einen Moment, blieb solange, bis ein paar neue Leute stehen blieben, um dann diskret zu verschwinden. Ja, sie las über autogene Entspannungsübungen. Und sie las so, als ob sie annahm, ich würde das alles zum ersten Mal hören. Nein, sagte ich leise und ebenso tonlos wie sie sprach, nein Helga, sagte ich, das kenne ich nachgerade schon sehr mehr als genug. Nein Helga, ich kenne das alles zur Genüge. - - Ich glaube, dass sie Helga heissten müsste. Denn sie sah in ihrer Blondheit und ihrer gewissen Bodenständigkeit eben aus wie eine Helga. Oder hätte vielleicht Margot besser gepasst?
Am Nachmittag habe ich im Getümmel...
(F.f.)
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