Donnerstag, 31. Oktober 2024

Allerheiligen

 


Cimetière du Père Lachaise

Lieber ...,
Gestern haben wir Allerheiligen gefeiert. Schweden ist kein sehr religiöses Land und die meisten, wenn sie überhaupt etwas sind, sind Protestanten. Aber es ist komisch wie sehr sie auch die Gebräuche der katholischen Kirche feiern.
An diesem Tag besuchen die Leute die Gräber ihrer Verstorbenen und zünden dort Lichter an. Es ist eine schöne Sitte und feierlich, wenn überall im Dunkeln diese Kerzen brennen.
Ich habe meine Verwandten weit weg von hier, sowohl Lebende wie Tote, aber manchmal gehe ich auch hier auf den Friedhof. Drei meiner nächsten Kollegen, mit denen ich auch gut befreundet war, liegen dort neben einander begraben.

Was ich dir eigentlich erzählen wollte ist, dass man an diesem Tag einen ganz wunderbaren Dokumentarfilm über den Père-Lachaise Friedhof in Paris gezeigt hat.. Man zeigte die schönen Grabsteine und machte kleine Interviews mit Leuten, die die Gräber besuchten. Sie erzählten welches Verhältnis sie zu dem Toten hatten. Eine junge Japanerin und Pianistin erzählte wie viel Chopin in ihrem Leben bedeutete und sie stand eine gute Weile an seinem Grab in Gebet versunken.




Ein Südkoreaner war nach Paris gekommen, um das Grab von Marcel Proust zu besuchen. Er meinte Proust hätte ihn 10 Jahre lang seelisch ernährt und nun wollte er sich bedanken indem er ihm ein Stück Kuchen auf den Grabstein legte. :-) 
Bei den Leuten aus unserer Zeit, wie z.B. Yves Montand und Simone Signoret, zeigte man eine kleine Filmsequenz. Bei einer jung verstorbenen, heute unbekannten Sängerin, liess man ihre Stimme hören. Sie war einmalig. Ich habe dabei an Barbara gedacht, die du mir mal empfohlen hast. Ihre Stimme klang wie hauchdünnes Glas, das jeden Moment zerspringen könnte.
Ich hätte gern diesen Friedhof besucht, als ich dort war, aber leider war die Zeit zu kurz.
...

(R)

Dienstag, 29. Oktober 2024

Gute Besserung!


Datum: den 31 oktober 


Liebste Marlena
Ich könnte Deinen Schutz doch sehr gut brauchen. Ich bin wieder krank. Heute war ich beim Arzt. Er sagt, vor nächsten Montag soll ich auf keinen Fall anfangen zu arbeiten.
Ich habe etwas Frostfieber, Ohrenschmerzen, Husten wie eine Jagdhundemeute und Durst wie eine Herde Walliser Braunvieh.
Habe Geduld Wenn ich kann, schreibe ich wieder.
Mit einem lieben Gruss

Re:  Gute Besserung!

Lieber ...,
Danke, mein Liebling, dass du mir so schnell geantwortet hast. Ich war sehr besorgt um dich, denn ich glaube nicht, dass du ein Mensch bist, der seine Termine einstellt, wenn es nicht dringend nötig ist.
Du tust mir leid, mein lieber Mausfreund und ich hoffe nur, dass du dich nun auch schonst und nicht das Bett verlässt, bevor du wieder frisch und munter bist. Ach, munter bist du ja sogar jetzt, wo es dir nicht gut geht. Ich habe herzlich lachen müssen darüber, wie du deine Symptome beschreibst. Ganz im Sinne von Proust, möchte ich sagen. Beim Herumstöbern in meinen Papieren habe ich das kleine Büchlein wieder gefunden und bin darin hängengeblieben, an der Stelle wo er einem Verfasser vorwirft, dass er seine Gedanken nicht originell genug formuliert. Ich werde noch ein wenig weiterlesen, wenn ich heute nach Hause komme. Ich bin im Moment in meinem Büro und hier ist es so menschenleer wie sonst nur bei einer Hochmesse in der Schwedischen Kirche. Das Zimmer wo der PC steht ist etwas kahl und inspiriert kaum zum Schreiben, aber wenn ich an dich denke, sehe ich es nicht mehr. 

Der Kurs Montag und Dienstag war sehr gut. Wir drei "Damen" waren wohl nicht die diszipliniertesten Schüler, aber wir haben fleissig gelernt und nun kann ich sogar ein Bildspiel herstellen am PC. Zu Mittag haben wir in einem kleinen Restaurant in der Nähe gegessen. Es hatte gute "Husmanskost", wie wir es nennen, und war bis zum letzten Platz besetzt. Da hat Anne-Marie, die Psychologin erzählt, dass sie eine Kusine in St. Gallen hat, die mit einem Schweizer verheiratet ist. Du verstehst sicher, dass ich sehr aufmerksam zugehört habe. ;-) Wenn ich ihr glauben darf, sind die Schweizerinnen den Schwedinnen nicht sehr ähnlich. Sie hat sie mir ungefähr so beschrieben wie einst der Visper (nicht zu ihrem Vorteil). Aber man soll nicht generalisieren. Sie sind sicher sehr liebe treue "Hausmütterchen" :-) Und hier gibt es auch alle Sorten.
*
Ach, Schatz, ich versuche mir dich vorzustellen, wie du in deinem Bett liegst. Es tut fast weh, dass ich nicht zu dir gehen kann und dich ein wenig pflegen darf. Ich würde dir warme Getränke ans Bett bringen und es auch mit etwas healing versuchen. Dann, wenn du nicht zu müde bist, würde ich dir ein paar Passagen von Rilke vorlesen oder vielleicht über Proust diskutieren.. Das letzte kleine Gedicht von Rilke, das ich dir schickte, hast du sicher erkannt. Hoffentlich hast du deinen Laptop zu Hause, damit ich dich wenigstens mit meinen Mails erreichen kann.
Heute ist ein schöner sonniger Tag hier und ich werde versuchen etwas an die frische Luft zu gehen. Die letzten Tage war es so grau und dunkel, dass ich sie am liebsten verschlafen hätte. Und dann noch dazu zwei Tage ohne Lebenszeichen von meinem geliebten Mausfreund. Es war nicht leicht.
*
Ich habe gerade meine Mailbox hier geöffnet. Du hast recht, man ist dauernd überwacht. Natürlich war sie schon wieder voll von Post, solche, die ich lieber erst später entdeckt hätte, mit neuen Konferenzen (nach Arbeitszeit) nächste Woche. Die Tatsache, dass man immer erreichbar sein muss, finde ich schrecklich.

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Zurück .. 30 okt

 

Ämne: Minimail
Datum: den 30 oktober  17:47

Lieber ...

Ich bin zurück von meinem IT-kurs. Es war fabelhaft. Wir drei Kolleginnen hatten einen eigenen Lehrer zu unserer Verfügung und konnten in Ruhe das lernen, was uns am wichtigsten schien, nämlich ”First Class”. Nun können wir direktkontakt mit unseren Klassen haben auch wenn wir zu Hause sind, ihnen Aufgaben zusenden, ihre Antworten entgegennehmen und korrigieren.. es gibt da so viel Möglichkeiten jedem persönlich zu helfen, da ja fast alle ja auch Internetanschluss zu Hause haben.
Aber nicht nur der Kurs war gut. Wir haben auch sonst einen schönen Tag miteinander verbracht und beschlossen zusammen etwas für unsere Gesundheit, oder lass uns sagen unser körperliches Wohlbefinden zu tun.
Die eine hat meine Französischschüler in Deutsch. Wir arbeiten oft zusammen und verstehen uns sehr gut. Die andere unterrichtet in Psychologie und wir treffen uns eigentlich meistens nur beim ”fredagskaffe”, aber dann freue ich mich immer sie zu sehen, denn sie ist sehr offen und spontan, die Sorte von Menschen die ich am liebsten mag :-) Morgen fahren wir noch einmal hin und diesmal werden wir u.a. lernen, mit einem Scanner umzugehen. Ich habe die Absicht einen zu Weihnachten zu kaufen.
*
Und du? Wie hast du deinen Tag verbracht? Fühlst du dich wieder etwas besser?
Ich schicke dir dieses kleine Minimail nun ab. Glaube dass ich heute morgen in der Eile vergessen habe das andere zu unterschreiben.. sorry!
Mit einem lieben Gruss und Kuss
Marlena

Sonntag, 27. Oktober 2024

Re: Turm zu Babel

 

Ämne: Re: Turm zu Babel ? Nee, das nicht
Datum: den 29 oktober 

Wieder im Strumpf"???

Lieber ... 

Weisst du, ich glaube du arbeitest ein bisschen zu viel. Du solltest dich auch ein wenig mehr schonen. Einen Tag hast du dich ausgeruht und schon denkst du an Pferde stehlen und willst auf Tischen tanzen. ;-) Tu es, Schatz! Ich werde dir dabei zusehen. Aber wenn du die Welt erobern gehst, möchte ich dabeisein. Das möchte ich mit dir tun. Die innere sowohl wie die äussere Welt. :-)
*
Ich habe heute Nachmitag einen Dokumentärfilm im Fernsehen gesehen. Es handelte von einem Mädchen aus Teheran, nun schon eine junge Frau. Sie war als kleines Kind von einem schwedischen Paar adoptiert worden und besuchte zum ersten Mal ihre Mutter, die sie vor kurzem wiedergefunden hatte. Ich wollte es mir eigentlich nur ansehen, weil ich auf das Leben im Iran neugierig war und mein Interesse galt vor allem den verschiedenen Milieus, die du mir in deinen Mails schon nahe gebracht hattest. Und während der Sendung erinnerte ich mich plötzlich an Dinge aus meinem eigenen Leben, an die ich nie mehr gedacht hatte und ich fühlte einen Schmerz, den ich mir schwer erklären konnte und der mich überraschte. Aber vielleicht war es auch nur Mitgefühl mit dem Mädchen im Film.

Ach, ich wollte doch einen fröhlichen Brief schreiben... und schau dir das mal an.. Wenn du nun hier wärst, würden wir unsere Flasche Bordeaux öffnen und dazu essen wir ein wenig von deinem guten Käse (ich habe übrigens auch ein paar im Kühlschrank) und dann würden wir uns bis spät in den Morgen unterhalten. Du würdest mir von dir erzählen, von Freud und Leid in deinem Leben und wir  würden die Zeit vergessen.. Zeit und Raum.. :-)
*
Es ist so still geworden im Haus. Muss mal nachsehen was unten los ist. Ach ja, der Krimi. Es ist eine Serie, die Anna und K zusammen sehen. So kann ich ins Internet gehen und mein
komisches Mail absenden.
Wünsche dir noch einen schönen Sonntag und gute Besserung.
Ich sehnsuche dich und küsse dich zum Abschied,
Marlena

IT, mein Schatz, bedeutet Informationstechnik.
Heute hatten wir ein paar Schneeflocken.. aber nur ganz wenige..

Wir bauen ...



"Wir bauen an dir mit zitternden Händen
und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom."


Ja, wir bauen ihn wieder, den Turm. Es ist schön etwas zu bauen. All die Gefühle und Gedanken die man dabei hegt ..die Träume von der Vollendung ... was macht es wenn der Turm nie fertig wird. Der Weg ist die Reise wert. Und warum sollten wir nicht wieder heil herunterkommen? Glaubst du nicht auch dass wir immer wieder eine neue Sprache finden werden in der wir uns verständigen können ;-)

Aber du, mit ein paar Jahren Architekturstudien hinter dir, wirst mir schon ein wenig dabei helfen müssen damit ich nicht unnötig das Gebäude in Gefahr bringe.

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Freitag, 25. Oktober 2024

Rückblick

 

Retrospektiv

Liebe Marlena
Heute wollte ich dein Mail wiederlesen, wo du deinen Alltag schilderst. Ich bin jetzt hier auf Seite 309, und dieses Mail habe ich auf ungefähr Seite 260 gefunden. Und dabei hatte ich den Eindruck, es wäre erst kürzlich gewesen.
Beim Suchen habe ich auch ein paar meiner Briefe wieder gelesen. Ach was soll ich dazu sagen? Ich finde, ich schreibe manchmal wirklich lustig, dass ich selbst wieder lachen muss. Manchmal bin ich fast etwas erstaunt, dass ich sowas geschrieben habe. Und wenn ich mit meinen Gefühlen in der Weltgeschichte herumspritze, dann kommen sie gerade wieder und ich würde es nochmals ganz gleich sagen.
Ich schreibe wirklich frisch von der Leber weg und es ist fast nichts gelogen. Gelogen ist nur, dass ich so vergnügt sein kann, während du gar nicht da bist. Das ist der einzige Lug und Trug. Sonst schreibe ich wirklich direkt von meinem Herzen und via meine Fingerbeeren. Es geht ziemlich schnell und ich schäme mich manchmal sehr, welche Fehler ich mache. Aber sie entstehen, weil ich die Tastatur nicht genügend anschlage. So fehlen einfach Buchstaben, Endungen. Ach du wirst das mit deinen scharfen Lehrerinnenaugen sofort merken. Es tut mir ein bisschen leid, aber dann doch nicht so sehr, dass ich es ändern könnte, dass ich alles nochmals detailliert Korrekturlese. Da müsste ich eine Sekretärin anstellen dazu. Normalerweise korrigiert meine Sekretärin, die Liz, meine Briefe. Sie ist perfekt in der Rechtschreibung. Ihr entgeht gar nichts und ich bin froh, dass ich sie habe. Sie passt genau zu mir. Ich habe die Fantasie und die Formulierungen, und sie bringt es in eine Form, so dass alle beeindruckt sind. So erreichen wir viel zusammen.
Ich habe mich gefragt, was du machst mit allen diesen Mails, die du ausdruckst. Verbrennst du sie oder steckst du sie in einen Ordner? Er muss ja schon ziemlich dick sein. Ich hoffe, all diese Aussagen werden nie vor Gericht gegen mich verwendet. Ich kriegte lebenslänglich, wie du. Und wir würden als Gnadenakt eine gemeinsame Zelle erbitten. Möchtest du dann auf der Pritsche zum Fenster schlafen, oder lieber zur Türe hin, wo nachts die Mäuse durchhuschen? Bist du sehr empfindlich gegenüber den Ameisen, die vorne am kleinen vergitterten Fenster hereinkommen? Und das alte Brot, willst du zuerst daran lutschen, damit es etwas weicher wird und wir es teilen können, oder soll ich diese Aufgabe übernehmen. An der Wand machen wir Striche, jeden Tag einen. Für lebenslänglich braucht es eine grosse Wand. Also fangen wir ganz oben links an wie an der Wandtafel im Klassenzimmer. Und wer macht am Morgen das Bett? Ist das deine Sache, deine als Frau. Oder herrscht im Gefängnis Gleichberechtigung? Ich würde sagen, wir wechseln ab. Und wenn ich mal dran bin, dann mach ich dir am Stamstag ein Schlupfbett, und wenn wir nach Mitternacht auf unsere Pritsche kriechen, weil wir uns so lange Geschichten aus unserem Leben erzählt haben, dann schimpfst du, weil du nicht ins Bett kommst. Und dann lachen wir Tränen und ich lade dich ein, in meine Pritsche zu kommen. Sie ist verdammt eng, diese Gefängnispritsche, und wir sind beide froh, dass du ein schlankes Ding bist. Und wenn wir etwas wackeln, was sich ja ab und zu geben soll, dann ächzt und knarrt die Pritsche, so dass die Wache vor der Türe stehen bleibt und horcht, ob wir vielleicht einen Ausbruchversuch machen. Und dann halten wir uns einen Moment den Atem an und halten uns so sehr, wie sich nur zwei Verliebte halten können. Und dann geht die Wache weiter und unsere Pritsche knarrt, als ob sie etwas zu reklamieren hätte. Doch da gibt's nichts zu reklamieren.
Ach Marlena, jetzt sind wir im Gefängnis gelandet. Wie kommen wir da wieder raus? Tut mir leid, ich hoffe, ich habe dich nicht schockiert. Ich meine bloss wegen der paar Ameisen.
Ach so ja, meine Frage war, was machst du denn mit den vielen Mails. Ich frage dich, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie dick die Beige ungefähr ist. Wir sind doch erst im 4. Monat. Stell dir vor im 9. Monat. Nach einem Jahr, nach 20 Jahren. Habt ihr eine grosse Garage? Oder denkst du eher an die Müllabfuhr?
*
Ach Marlena, erzähle mir auch ein bisschen über Anna. Ich glaube, sie ist deine liebste Person. Ich würde sie gerne kennenlernen. Oder einfach wissen, was sie für dich bedeutet und wie du dich mit ihr verstehst. Unsere Kinder sind ja unsere grossen Zukunftshoffnungen. Aus praktisch einer Zufälligkeit geboren, bauen sie sich selbst hinauf wie ein Turm, wenn es gelingt, der ein Leben lang stattlich dasteht und hinhält. Oder vielleicht erzählst du mir über deine Freunde, vielleicht über K, was mich mit dieser Abkürzung immer an Kafka erinnert, oder über deine Kusinen, mit denen du wie Schwestern gelebt hast. Oder erzähle mir von Verlaine. Ich glaube, das machst du bald, da du den Gedichtband geholt hast. Habe ich recht. Auf jeden Fall freue ich mich darauf.
Du hast gestern gesagt, du hast nicht immer, oder noch nicht den Mut zu erzählen. Es braucht keinen Mut. Ich erzähle doch nichts weiter. Ich schlucke alles in mich hinein. Es bleibt nur ein Teil dieses unseres Textes. Ich möchte dich auch nicht ausfragen, das wäre doch sehr peinlich. Aber das weiss ich schon, bei dir braucht das Formulieren ein wenig Anstrengung. Du musst einfach nur an dich denken und es hochkommen lassen. Meine Töchter sind manchmal etwas eklig mit S, wenn sie etwas nicht genau sagen kann und sinnt, wie das zu tun. Sie sagen "Komm schon, spuck es aus, komm schon" wie der Kriminalbeamte beim Verhör. Echt eklig können die kleinen sein, und dann lachen wir alle zusammen.
Ich schicke dir das, damit dein Ordner voll wird.
Und packe meine lieben Grüsse mit ein, und ein paar Küsse, wenn es denn noch Platz hat. Reserve, sozusagen
G+K


Donnerstag, 24. Oktober 2024

Selbstgewähltes Farbfilter?

 

Glück?



Lieber ..,
"Mit seinem selbstgewählten Farbfilter..." sagst du. Vielleicht ist es so, aber ich glaube nicht dass wir das Filter ganz frei wählen. Es ist eingebaut in unsere Genen. Und wie du so richtig sagst, schon bei kleinen Kindern kann man sehen ob sie eine glückliche oder traurige Veranlagung haben. Ich liebe das Leben wenn es ruhig fliesst. Wenn ich Zeit habe Schritt zu halten mit meiner Seele. Und das, was wir Glück, oder besser gesagt "Glücksgefühl" nennen, kommt ungerufen. Es braucht keine grossen Anlässe dazu. Plötzlich ist es nur da, das herrliche Gefühl zu leben, vielleicht ausgelöst durch etwas Schönes, was man betrachtet oder von einem Musikstück.. Vielleicht könnte man Glück besser definieren als "nicht unglücklich", oder zumindest nicht so unglücklich, dass die kleinen schönen Augenblicke keine Chance haben.
In Kriegszeiten kommen sich die Leute näher. Sie fühlen eine grosse Gemeinschaft in ihrem Kampf im Alltag. Der Kampf zu überleben lässt ihnen auch keine Zeit zum Grübeln. Auch gibt es kaum Langeweile. Für so was hat man ganz einfach keine Zeit. Ich verstehe die Leute, die sich gern an solche Zeiten erinnern. Sagt man nicht auch, dass viele psychisch kranke Leute in Kriegszeiten plötzlich gesund werden?
Ach, chéri, ich komme mir vor wie ein kleines Kind, das versucht es dem Lehrer recht zu machen. Soll ich es besser wieder deleten?

Ich habe einen langen Tag hinter mir. Hatte noch eine Konfernz am Ende des Tages. Man hat nun so wenig Geld in den Kommunen, dass man die Arbeitspflicht der Lehrer um ca 4,5 % erhöhen will. Und neben den aktuellen Schlagwörtern wie z.B. Qualitätssicherung sagt man plötzlich, dass man eine Qualitätsverschlechterung (?) akzeptieren muss. Ich glaube, ich brauche nicht mehr zu sagen.
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Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag
Marlena


Glück

Date: Tue, 6 May 08:23 

Liebe Marlena
Ja, das Glück, wer es unbedingt haben will, der hat es schon verloren. Und wer vielleicht gar nicht daran denkt, dem fällt es zu. Ist Glück nicht einfach eine Konstruktion.Glück ist do sozusagen eine Kategorie der Geschichtsschreibung, oder Biographie-Schreibung, müsste ich hier sagen. Ich werde nicht müde, an die alten Leute zu denken, die noch den Krieg erlebt haben, und die über diese alten Zeiten so begeistert und mit Hingabe erzählen, als ob es das grösste Glück gewesen sei. Sie erzählen strahlend, wie sie gehungert haben, wie sie sich gegenseitig aufeinander verlassen mussten, welche Mühen das Leben mit sich gebracht hatte und so weiter und so fort. Es gibt für uns Jüngere nichts, woraus wir schliessen könnten, dass das Leben damals besser oder positiver gewesen sein könnte. Es liegt alles nur in der Erzählung jener älteren Leute. So heisst das doch, das Glück sei sozusagen die Sauce ihrer Erzählung, das Beigemischte, das Bindemittel, das Dressing würde man vielleicht auf Englisch sagen. Während das Leben gut oder schlecht, positiv oder negativ sein kann, so ist es jeder Mensch, der das alles schliesslich in die Hand nimmt und zu seinem Vorteile mit seinem selbst gewählten Farbfilter anschaut. Und dann kommt es so heraus, dass Optimisten Glückskinder sind und Pessimisten Pechvögel. Ist das nicht so? Ist es vielleicht zu sehr psychologisch interpretiert? Wenn es denn so wäre, müsste man sagen, das Glück liege nicht im Leben, sondern im Blut. Und es ist doch wirklich nicht ganz ohne, zu behaupten, man würde schon den Kindern bis zu einem gewissen Grade ansehen können, ob sie glückliche oder unglückliche Menschen würden. Klar, vielleicht ist das Blut noch nicht ganz fertig. In der Pubertät gibt es noch starke Veränderungen. Die kindliche Naivität und Fröhlichkeit verschwindet plötzlich und es kommen Hemmungen zum Vorschein und Sorgen über irgendwelche Dinge. Aber ich halte daran fest, dass das Glück eine Sache des Dressing sei. Es gibt französisches, italienisches und jenes mit Knoblauch. ;--) Und vielleicht ist es ja auch etwas vermessen, gleich das grosse Glück zu wollen. Vielleicht müssen wir uns damit begnügen, zufrieden zu sein. Wie die Mrs Meryll Dallaway auf dem Bett liegend zu ihrer Tochter sagt: Glück ist eine Sache von Momenten. Und in diesem Glücks- Moment durchdringt es die ganze Zukunft. Aber wirklich dauert es nur einen kurzen Moment. Die Mächtigkeit hat das Glück, indem es in diesem Moment die ganze Vergangenheit und Zukunft überstrahlt. Es ist wie ein Infrarot-Strahler, der im Moment angestellt ist. Aber sobald du den Schalter drehst, ist alles wieder ganz normal und - von Weitem besehen - grau in grau.
Ich habe einen Philosophen gefunden, der sich mit der Lebensphilosophie auskennt und sich dort spezialisiert hat. Ich habe auch schon mit ihm gemailt. Er lebt in Berlin und hat viel Michel Foucault studiert. Sein Buch ist zwar nicht sehr lebendig und erlebnismässig, sondern eher eine Systematik. Aber ich habe sie sehr gerne gelesen. Zumindest habe ich bei ihm erkannt, wie sehr zum Glück das Unglück gehört. Vor 5 Jahren habe ich nicht gewusst, dass Unglück, die negativen Seiten, das Leiden im Leben so wichtig sein kann. Wenn man es sich unvoreingenommen anschaut, kann man sagen, das Leben sei eine Wellenbewegung. Mal fühlt man sich oben im Glück, mal unten im Pech. Und die grosse Frage ist, wie Du über diese Wellenfahrt erzählst. Erzählst Du von den Höhen und Spitzen, oder kostest Du die Tiefen und Pechsträhnen aus? Aber die Wellenberge sind nur möglich, weil es dazwischen auch Wellentäler gegeben hat. Wenn es eine steife Linie gewesen wäre, könntest Du weder über Glück noch über Unglück reden. Du wüsstest nicht, was das ist. Aber die Wellen sind es. Sie sind wie Sonnen- und Regentage. Jeden Tag Sonne, das ist schon fast grauenhaft, auf jeden Fall ist es nicht einmal ein Gesprächsthema. Perser können nicht über Sonnenwetter reden. Höchstens im Winter, wenn sie etwas Schnee haben. Unglück ist also, wenn man es so anschaut, reculer pour mieux sauter, der Anlauf für das Glück. Und je tiefer du durch musstest, desto höher wird später das Glücksgefühl sein.
Wer das so zu betrachten vermag, und darin liegt vielleicht das Paradox, der wechselt förmlich seine Perspektive und meint schliesslich, das eigentlich Glück im Leben sei das Pech. Das Pech erlaubt mir erst, Glück zu erleben, an vergangenem Glück zu freuen, oder mich auf das neue Glück vorzubereiten.
Habe ich Dir nicht kürzlich erzählt, dass man das Glück sogar empirisch erfragt hat bei zwei Extremgruppen: bei durch irgend einen Unfall Körpergelähmten und bei Lottogewinnern? Und das Resultat: beide sind nach einem halben Jahr ungefähr gleich glücklich oder unglücklich. Lottogewinner mit ihrem Geld haben nach der Gewöhnung mehr die Sorgen, die sie spüren. Und Gelähmte können im Rollstuhl genauso glücklich sein wie wir alle.

Liebe Marlena, Du siehst, Du hast mich an einem Thema erwischt, welches mich brennend interessiert. Und wenn ich ein Schriftsteller wäre, ich würde darüber einen Roman schreiben, nämlich den Menschen zu zeigen, dass Glück eine ganz persönliche Konstruktion ist. Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich. Glück gehört dem Tüchtigen, sagt man auch, und meint dasselbe. Aber wir modernen Menschen, die wir vom teuren Sozialstaat verwöhnt sind, erwarten das Glück oft von aussen, als ein Geschenk. Und dagegen müsste man beten, dass uns die Vorsehung vor dem Pech schützen möge, einen Hauptgewinn im Lotto zu machen. Lotto ist ja für viele Menschen die Glücksagentur. Wenn sie Glück erwarten, dann von dort. Und dabei würde ein Mensch, wie er Anfang des letzten Jahrhunderts gelebt hatte, bei einem Durchschnittseinkommen von heute wie ein König leben.

Lustig, gerade gestern habe ich ein kleines Büchlein aus meinen Büchern geholt: De vita beata von einem gewissen Seneca, von dem Du bestimmt auch schon gehört hast. Er war der Hausphilosoph und Erzieher Neros, hatte also jede Menge Gelegenheiten, unglücklich zu sein, und hat sich auch selbst schliesslich umgebracht, urrömisch und urmännlich im Bade, wenn ich richtig informiert bin. Bestimmt würde er heute sagen, wenn er mitreden könnte, dass er sich glücklich wähne, dass sein damaliger Suizid so gut geglückt sei. "Über das glückliche Leben". Es ist zwar ein wenig umständlich geschrieben, und - verständlicherweise - nicht in jeder Beziehung so, wie wir heute denken. Aber es sind ein paar interessante Überlegungen und Gesichtspunkte darin. Und natürlich mag ich es, wenn ich neben dem deutschen Zitat noch das lateinische habe. Manchmal klingen die Lateiner ja so kurz und so gut und prägnant, wie man es heute mit unseren Sprachen nicht mehr sagen kann.

Kurz und gut: Marlena, soll ich alles in allem sagen, Glück sei die erste und die wichtigste Lebenslüge? So vielleicht würde es Nietzsche formulieren, mit seiner Neigung zur Entlarvung. Aber eine solche Aussage verleitet schon wieder zum Unglücklichsein. Wir brauchen eine Definition, die selbst mithilft, glücklich zu sein. Desshalb finde ich den Begriff des Dressings, den ich oben gefunden hatte, gar nicht schlecht. Er klingt pragmatisch und ein bisschen kulinarisch. Das versteht jeder Mensch.

Das also war die Familiensparpackung über das Glück, seine Rezepte und dessen vier Seiten. Ich hoffe doch sehr, das reiche für diese Woche. Man soll ja, wie bei den österlichen Schokoladenhasen, nicht gleich alles aufs Mal wegschlecken, sondern langsam geniessen und aufheben für eine ganze Woche oder länger.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

PS: Gut gemacht, Marlena, wenn Du kein Mail findest, schau erst in den anderen Boxes nach, bevor Du den Kerl aus den Alpen zum Kuckuck wünschst. Das ist, sozusagen, eine weitere Glücksstrategie.


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Mittwoch, 23. Oktober 2024

Fortsetzung


So, mein lieber Mausfreund, ich bin wieder ganz bei dir. Natürlich hätte ich noch einiges zu tun aber ich würde sowieso an dich denken und wenn ich dir zuerst schreibe dann kann ich nachher mehr ungestört arbeiten. :-)
Das Essen hat sehr gut geschmeckt. Auch die Nachspeise ;-)
Du bist sehr schlau glaube ich. Schreibst mir welchen Rat du deiner Tochter gibst. "Eine Frau muss die Grenzen setzen u.s.w. " und ich denke vielleicht ist es auch an mich gerichtet. Du willst dass ich unsere §§§ überwache und dir helfe sie zu respektieren ;-) Nun glaube ich doch, dass einiges erlaubt ist in einem Mausleben was man vielleicht nicht in dem "real life" tun würde. Und wozu überhaupt ein Mausleben leben wenn es dem anderen genau ähnlich sein soll?
Ich mache so gern Ausflüge mit dir in unseren Favoritstädten, verbringe ein paar Stunden mit dir auf der Champs-Elysées, ruhe mich nach dem wandern etwas aus auf einer Bank im Jardin du Luxembourg, gehe in Muséen und lasse mich von dir unterrichten. Vielleicht gehen wir am Abend in die Oper oder in eines der vielen Theater. Nachher spazieren wir durch die Tuilerien, wo die Bäume in der Nacht so schön von unten beleuchtet sind, zurück zu unserem Hotel...
Am Tag gehen wir auch in verschiedene "librairies" die du so gern magst und besuchen die rue Mouffetard wo wir uns Obst und Gemüse kaufen, das wir dann am Nachmittag mitnehmen zu einem Ausflug in den Bois de Boulogne. Du hast dazu eine Flasche guten Wein besorgt. Es ist schön davon zu träumen..

Du hast mich gefragt was ich mit dem Turmbauen meine. Ich glaube du weisst es schon, aber kann es natürlich trotzdem erklären. Du machst dir ein Bild von mir, verleihst mir verschiedene Eigenschaften und ich werde dadurch immer "vortrefflicher" in deiner Fantasie. Wenn ich dir dann schreibe kann es passieren dass du einiges wieder streichen musst also könnte man sagen dass ich mit meinen "Steinen" dein Gebäude etwas zerstöre. Ich glaube wenn du mich selbst "bauen" könntest, würde es ein sehr schöner Turm werden. Und an diesem schönen Traumgebäude würdest du dann hochklettern und versuchen den Himmel zu erreichen..

Kennst du dieses Rilkegedicht?

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
....

Ich verlasse dich nun für heute (d.h. den PC aber sicher noch nicht dich)
Gute Nacht, mein lieber Mausfreund
Marlena

Dienstag, 22. Oktober 2024

Paris und andere Träume

Liebe Malou 

(--)

Ach, ich habe solch schöne Erinnerungen an Paris. Und natürlich weiss ich, dass sie immer auch von diesem Mythos der Stadt geprägt waren. Wir hatten mal ein Hotelzimmer gleich unter dem Dach, mit einem riesigen schrägen Dachfenster. Man konnte über die Dächer hinwegsehen. Das Hotel lag gleich neben der Sorbonne. Das war wirklich sehr romantisch. Und abends haben wir am kleinen Tisch Brot und Oliven und Tomaten und Käse gegessen, und aus diesem Fenster in die alte Dachlandschaft geschaut. Ich glaube, das Quartier Latin mag ich am meisten. Es gibt dort viele Buchläden, die nur so überquellen von dicken Büchern und Papier. Keine Nation liest so dicke Bücher wie die Franzosen. Und natürlich die Cafés überall, nicht bloss die grossen touristischen, auch die kleinen mit der lokalen Kundschaft. Und der Jardin de Luxembourg! Wirklich grossartig. Ein kleines Eden. Man könnte sich gleich wieder verlieben. Oder das Musée de Cluny, so ähnlich heisst es, mit den mittelalterlichen Objekten auch in der Nähe der Sorbonne! Ich habe mich mal in eine wunderschöne alte Bibliothek eingeschlichen und ein paar Fotos gemacht. Ich glaube, sie liegt in nächster Nähe des Panthéon und heisst Ste Geniviève (wenn ich mich nicht irre). Sie hat auf mich einen sehr romantischen Eindruck gemacht. Man sollte in Paris eine Zweitwohnung haben. Und in Rom eine dritte, nicht wahr, und dann vielleicht in NY die vierte? Ich muss mal meinen Bruder fragen, ob sowas nicht möglich wäre.  ---

Ja, die Impressionisten sind jetzt im Musée d'Orsay ausgestellt. Fand ich zwar nicht so intim und bürgernah wie früher. Aber das Jeux de Paumes (schreibt sich das so?) war zu unsicher geworden. Das waren ja wirklich mehr oder weniger leichte skandinavische Ferienhäuschen, die die Unmenge an Besuchern kaum mehr schlucken konnten. Ich finde, der neue Ort ist ein bisschen schwer für diese leichten und sensitiven Impressionisten. Aber wenn man die Bilder sieht, vergisst man die Umgebung leicht. Und natürlich ist das neue Museum riesengross, und zeigt auch andere Maler der Moderne.
Ach, du hast es schön Malou. Reisepläne nach Paris. Was gibt es besseres? Ich gehe bloss nach Eden! Ja ich habe mir denselben Gedanken gemacht wie du. Organisatorisch war das nicht ganz auf der Höhe! ...

Ich muss gehen, Malou. Wünsche dir eine gute Zeit.  Und vergiss nicht: 

Vorfreude ist die beste Freude.

G+K

...

Nur so ...

  Lieber ...,

Sonntag, 20. Oktober 2024

Maman bozorg!

 

Subject: Maman bozorg !
Date: Thu, 17 Aug

Liebe Marlena
Du bist so hart realistisch. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dir Brasilien ausgeredet habe. Nun ja, es gibt darin zwei Momente. Einerseits fand ich es fein und verbindend, dass du manchmal auch von einem fernen Ort träumst, wo alles anders sein könnte. Es ist eine Art profanes Paradies, ein nicht in jeder Beziehung realistischer Wunsch, eine Art Utopie. Deine Vorstellung, die du einmal erwähnt hattest, war mir wirklich sehr willkommen. Sie gab mir doch das Gefühl, dass ich nicht der einzige Spinner sei auf dieser Welt.
Und andererseits sind es genau die Gründe, die du sagst. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ist man nicht mehr so flexibel, und man hängt an gewissen Dingen, die es dann dort eben nicht mehr gibt. Und man vermisst den Hausarzt und den guten Kaffee und die herbstlichen Bummel durch die Stadt und natürlich die Freunde. Ich glaube auch, dass keine Freundschaften mehr so tief gehen wie jene, die man in der Jugend gemacht hatte
*.
Es ist süss, was du über die Maman bozorg gesagt hast, dh. wie du das sagst. Du siehst das ziemlich exakt und scharfsinnig, wie ich denke. Ich habe gerade gestern mit den Sekretärinnen über solche Aspekte diskutiert. Und dabei ist mir aufgegangen, warum die Tatsache, dass Eltern für den Sohn eine Frau suchen, dort irgendwie fast nahtlos ins kulturelle Schema passt. Wenn man sich vorstellt, dass die Tochter ihre eigene Familie verlassen muss und in jene ihres Mannes zieht, dann ist klar: sie kommt direkt unter die Fuchtel eben dieser maman bozorg. Wir waren in Sidjan, in jenem Dorf im Elburz, wo Howeisy wohnt. Es war Freitagnachmittag und die Leute hatten ihre spärliche Freizeit. Unten an der Strasse standen die Männer beisammen, einzelne in Gruppen, ein paar Alte eher isoliert, einzelne ganz allein, irgend auf einem Steinhaufen oder so. Und oben im Dorf sassen die Frauen, junge und alte. Das bedeutet, dass auch in der freien Zeit die Banden innerhalb der Geschlechter fast stärker sind als diejenigen zwischen Mann und Frau.
Das heisst eigentlich, die maman bozorg (also eigentlich die Schwiegermutter) ist für die junge Frau die wichtigste Bezugsperson, wichtiger als ihre Ehe und ihr Mann. Sie muss sich der Schwiegermutter unterordnen, muss sich mit ihr arrangieren, muss ihr den Tee servieren und ihr beim Essen den Vortritt lassen. Darum sucht sich eine konservative persische Mutter in erster Linie eine Schwiegertochter für den eigenen Haushalt, und dann auch noch eine Frau für ihren Sohn. So kann man es doch verstehen, diese merkwürdige Institution der vermittelten Heirat. Und das ist natürlich alles weit entfernt von der romantischen Liebe, die wir hier in Europa hochhalten.
In meiner kleinen Arbeit über die moderne Familie habe ich herusgefunden, dass sich die Kleinfamilie tendentiell im Nordwesten Europas herausentwickelt hat. Bedingungen dazu waren relativ späteres Heiratsalter der Frau, was dann konsequenterweise zur geringeren Kinderzahl führt (das Heiratsalter der Frau ist geschichtlich die Geburtenkontrolle, nach Epidemien und grosser Sterbilichkeit ist das Heiratsalter jeweils gesunken), relativ geringer Altersunterschied der Ehepartner, Gründung eines eigenen Hausstandes zusammen mit ökonomisch relativ gesicherter Stellung des neuverheirateten Paares. Das sind Bedingungen der Individualisierung, der Kleinfamilie und in gewissem Sinne auch schon der Emanzipation der Frau. Im Osten Europas gab es in der Neuzeit immer die Grossfamilie, der Familienclan, den grossen Altersunterschied der Ehepartner, und die Integration des neuvermählten Paares in den Clan. Das hing zusammen mit der oekonomischen Situation. In den feudalistischen Verhältnissen musste der Grossgrundbesitzer die Ehe bewilligen. Und er war daran interessiert, dass die Familien gross waren, denn sie erhöhten die Produktivität seines Arbeitspotentiales.

Es berührt mich, meine liebste Marlena, wie du dich mit diesen persischen Verhältnissen beschäftigt hast. Du hast auch ein Buch erwähnt, das ich auch im Sinn habe, einmal zu lesen. Ich möchte auch nicht so naiv sein zu behaupten, die persische Lebensart sei besser als die europäische oder die schweizerische oder was immer. Das nun überhaupt nicht. Ich möchte einfach irgendwie verstehen oder sehen, wie es dort läuft. Und es ist faszinierend, wie es so läuft. Aber ich weiss schon, dass es tausend Dinge gibt in Persien, ob derer wir uns tödlich aufregen könnten. Ich kann Dir ein Müsterchen erzählen, das absolut haarsträubend ist.
Wir waren in Isfahan. Und dort haben wir wieder die Familie Sp besucht, jenen sympatischen älteren Teppichhändler, der ein Freund der Familie von S ist. Er ist wirklich köstlich, wie er spricht, hat viel Humor (und trägt lange Unterhosen auch sommers, wie ich nebenbei und zufällig sehen konnte;--)). Sein Sohn möchte gerne einmal Europa besuchen. Nun hat er von seinem Cousin, der in Frankreich wohnt, eine Einladung erhalten. Doch die Behörden haben ihm ein Visum verweigert, weil er nicht vrheiratet sei. Offenbar haben die Franzosen Angst, dass er nicht nach dem Iran zurückkehren würde). S und ich konnten dies nicht glauben und sagten, dass es doch eine Möglichkeit geben sollte. Er entschloss sich in der Folge, 8 Stunden mit der Bahn nach Teheran zu fahren um in der französischen Botschaft vorzusprechen. Er nahm den Nachtzug, kam um etwa 5 Uhr in Teheran an, nahm ein Taxi zur Botschaft und stellte sich dort in die Warteschlange. Die Botschaft öffnete erst um 0900h. Und er war an 37. Stelle, dh. er konnte damit rechnen, 6 bis 8 Stunden zu warten, bis er vorgelassen würde. S erklärte sich bereit, ihn zu begleiten. Ich glaube, sie fuhr etwa 2 mal dorthin, bis es endlich soweit war. Und dann schliesslich kam sie mit Tränen in den Augen zurück und erzählte, dass man sie nicht mal vorgelassen hätte. Man sagte, das Gesuch sei abgelehnt und es werde darüber nicht diskutiert. Man gab auch keine Gründe für die Ablehnung an. S war ausser sich. Sie hatte verlangt, direkt mit dem Botschafter zu sprechen. Ich bin sicher, sie hat alle ihre Waffen eigesetzt. Und sie hat etliche. Sie war wirklich aufgebracht und der Meinung, man könne doch Menschen nicht wie Tiere behandeln. So fuhr Ahmed (oder wie er heisst, ich weiss es nicht mehr) unverrichteter Dinge wieder zurück nach Isfahan.
Nun kann man sagen, das seien eigentlich die Franzosen, und nicht die Perser gewesen. Aber ich bin überzeugt, die Franzosen können sich sowas nur im persischen Milieu erlauben. In Europa wäre es unmöglich (obwohl man sich ja über die Franzosen und ihren harten Zentralismus schon ab und zu wundern kann). Der Umgang mit Behörden in Persien ist zeitraubend und frustrierend. Ach, es gibt viele Dinge, die für uns Europäer absolut ärgerlich sind. Du hast sicherlich noch einige in Mahmoodys Buch kennengelernt.
Weißt du Marlena, meine Fantasie ist auch eher wolkig ungenau. Aber irgendwie könnte ich mir bloss ein Pendeln zwischen Basel und Teheran vorstellen. Dann würde ich von beiden Kulturen jeweils das Positive herauspicken. Es ist wirklich wie Du sagst, eine süsse Fantasie, die den harten Granit des schweizerischen Alltags ein bisschen vergessen lässt.
*
Deine Geschichte mit dem Musiker aus der Gegend von Sorennt finde ich absolut romantisch. Und ich wusste gar nicht, dass du mal geträumt hast, Sängerin zu werden. Warum bist du es nicht geworden? Hast du Versuche zu einer solchen Laufbahn unternommen? Bereust du es, es nicht geworden zu sein? Ich weiss wohl, dass du eine Stimme hast wie unsere Tessinerin (wie hiess sie schon, mein Vater erwähnt sie immer; sie war wohl ein Star zu seiner Zeit; ach ja Lis Assia). Und ich würde dich fürs Leben gerne singen hören. Aber dass du wirklich davon geträumt hast, das wusste ich nicht. Wenn wir uns mal telefonieren, singst du mir ein paar Takte, nicht wahr?
Das finde ich schön, dass Du diesem alten Brieffreund nachgegangen bist. Vielleicht hat schon die Wahl eures Ferienortes einen Zusammenhang damit?? Sowas hätte ich auch getan. Es ist wirklich aufregend und kitzelig, jenen Menschen nachzugehen, die mal wichtig waren im eigenen Leben. Und es ist auch sehr rücksichtsvoll von Dir, mir zu sagen, dass du nie verliebt gewesen bist. ;---). Du bist ein Schatz.
*
Ach mein Liebes, du hast schon wiederholt Kopfweh angedeutet. Hast du das oft? Und bei dieser Gelegenheit kommt mir in den Sinn, dass vor den Ferien noch ein Arztbericht ausstehend war. Findest du es sehr indiskret, wenn ich dich frage, wie es dir geht? Als dein Mausfreund sollte ich es doch wissen dürfen! Es gäbe natürlich etliche gute Gründe, nicht darüber zu reden. Aber ich, mit meinen psychologischen Doktrien, bin der Meinung, reden sei besser. Es entlastet ein bisschen die Seele. Es verteilt die Sorgen ein wenig. Man kann sich etwas von den Sorgen distanzieren, indem man sie formuliert. Ich habe so ein vages Gefühl, dass du im Moment Sorgen hast.
Ich weiss, mein Schatz, dass du für mich nur positiv sein möchtest. Das bist du ja auch. Die Dinge, die mich gelegentlich etwas traurig machen, sind jene, die du auch nicht beeinflussen kannst. Das wollte ich damit sagen. Du musst nicht denken, es liege in deiner Hand, oder es sei gar deine Schuld. So sehe ich das ganz und gar nicht an.
*
Es hat mich sehr gefreut zu hören, dass du in deiner Ferienlektüre auch Rom hattest. Bei mir ist es so, dass ich im Moment noch ein bisschen persische Erlebnisse verarbeiten muss. Und dann werde ich mich auf Rom stürzen, wie ich es dir gesagt hatte. Ich habe zwar etwas Hemmungen, mit dir darüber zu sprechen. Aber ich hoffe immer noch sehr, du weißt schon was und wie. Und ich bereite S schon heute darauf vor.
Weißt du, es ist nicht so, dass ich gar keine Schuldgefühle hätte ihr gegenüber. Aber ich brauche wirklich eine Distanz. Wenn ich Dich jetzt einladen müsste und dir alles bezahlte, dann hätte ich Schuldgefühle. Aber so sage ich mir: ich möchte wirklich Rom intensiv erforschen. Es interessiert mich im Moment mehr als NY oder Peking oder weiss was. Und wenn ich das mit einer lieben Person tun kann, die sich auch für Rom interessiert, was gäbe es Schöneres und Inspirierendes? Es ist für mich mehr ein Romabenteuer als ein Liebesabenteuer. Vielleicht bin ich etwas naiv, aber so schaue ich es im Moment an.
Und Hemmungen habe ich, mit dir darüber zu reden, weil du sagst, es sei dir unmöglich. Ich glaube es Dir eben nicht ganz, aber vielleicht tue ich Dir unrecht. Und ich möchte Dich nicht quälen. That's it!
Roma locuta causa finita oder so ähnlich heisst es doch.
*
Ich wünsch dir, dass sich dein Kopfweh in Wohlgefallen aufgelöst hat und dass du bester Dinge bist. Vielleicht war es der Vollmond, wie mir gerade auffällt. Schreib mir, meine Liebe, soviel du kannst. Ich bin immer noch wie ein kamelartiges Wüstentier. Und dazu umarme ich Dich innig.
KKSS
...




Donnerstag, 17. Oktober 2024

Re: Bücherlesen

Datum: den 28 maj

Lieber ...,

Danke für deine Lektion über Bücherlesen. :-) Ist interessant zu sehen, wie du darüber denkst. Nun, wir lesen mit verschiedenen Absichten. Wenn ich ein Buch professionell beurteilen müsste, würde ich natürlich auch nicht beim Lesen vergessen, was ich vorhabe.

Selbstvergessenheit.. und auch Neugier auf alles menschliche.. Ja, du hast recht. Ich suche ein anderes Leben neben meinem eigenen. Und vielleicht versucht man sich selbst wiederzufinden. Aber auch wie andere Menschen leben und denken interessiert mich. Ein gut geschriebenes Buch lässt mich andere Milieus "erleben". Auch dein Leben ist ein "zweites Leben" für mich geworden.

>Europafragen. Dann kamen Kuriositäten dazu wie: Schweden, Nachtigallen, Islam und weiss Gott was. Da sieht man, wie sich das Leben voll packt, und wie die Jugendfreiheiten und die Mussezeiten bachab fliessen.

Es ist fast als ob du bedauerst, dass du keine Mussezeiten mehr hast. Was würdest du damit tun, wenn du sie hättest? Mit Kuriositäten füllen? ;-) Welche Jugendfreiheiten vermisst du? Ich liebe meine Kuriositäten. Ich lasse sie mein monotones Leben bereichern. Und nichts hat mein Leben so sehr bereichert wie dein Leben.

>Deine ornithologischen Studien sind wirklich bemerkenswert. Und die Fotos sind aufregend. Ich habe das nie so genau beobachtet, hatte

Ich habe das früher auch nicht so genau beobachtet, wie dieses Jahr. Und auch heute sitzt das kleine Vögelchen wieder in der Öffnung und schaut neugierig in die Welt hinaus. K meint da gibt es noch mehrere, denn auch wenn er nicht den Schnabel öffnet piepst es im Nistkasten. Wie dem auch sei, so finde ich es lustig, dass dieses Vögelchen nicht rausfliegt. Sitzt in der Öffnung und schreit laut nach Futter.. :-)

>guter Blumenkenner. Aber zu den Pfingstrosen habe ich ein kameradschaftliches Verhältnis gefunden. Und ich frage mich, weshalb wir in unserem Garten keine Pfingstrosen haben.

Ich musste erst nachsehen, was Pfingstrosen auf schwedisch ist. Und es hat mich sehr gefreut zu sehen, denn das sind auch meine grossen Favoriten unter den Blumen und ich frage mich schon seit vielen Jahren, warum wir noch keine im Garten haben. Immer wieder denke ich daran, dass ich eine pflanzen muss. Aber vielleicht verlangen sie ein Milieu, das ich nicht so gut arrangieren kann. Ich glaube, so etwas hat mich bisher abgehalten. Aber nun, da ich höre, dass sie auch für dich etwas Besonderes sind, werde ich eine pflanzen. Vielleicht schon heute.

Ich muss mich beeilen. Wenn möglich komme ich nochmals vorbei. 
Auch ich wünsche dir schöne Pfingsttage. Wirst du etwas besonderes tun, oder bist du voll beschäftigt mit den 40 Büchern???

Mit lieben Grüssen und Ks,
Malou

Mittwoch, 16. Oktober 2024

Lesen und Rezensieren ..


Datum: den 28 maj 07:33

Liebe Malou
Nein, ich meine Iranistin, nicht Islamistin. Danke für den Artikel über Ebadi. Ich glaube, ich habe ihn schon. Ich sammle ja doch etliche Artikel, vor allem aus der NZZ. Manchmal erscheint es sogar mir lächerlich. Aber ich stehe in einem Dilemma. Einerseits finde ich diese ganzseitigen Artikel in der Beilage ausgezeichnet. Sie sind von einem Kenner des Gebietes geschrieben, sie sind aktuell und sie beschränken sich auf eine Seite. Es ist wirklich das, was man sich in heutiger Zeit in einem fremden Gebiet zu lesen leisten kann. Aber dann habe ich in letzter Zeit kaum die Zeit (oder Energie), sie zu lesen. So lege ich sie zur Seite und registriere diejenigen, die mir besonders gut erscheinen, im File Maker und lege sie in eine einfache Dokumentation. Ich habe schon etliche Schachteln voller Artikel. Und weil natürlich Zeitungspapier innert 5 Jahren vergilbt, kopiere ich sie vorher auf ein Papier guter Qualität. So werden sie für die Ewigkeit halten ;--)
Es ist ein typisches Beispiel, wie man sich beschäftigen kann und dann seinen Pflichten, seinen selbsternannten Pflichten notabene, immer hinten nachrennt.

Man erlebt dabei auch die Dynamik solch hobbyartiger Dinge. Am Anfang waren es wenige Artikel aus wenigen speziellen Gebieten, die mich interessierten: Literatur, Philosophie, Kulturen vielleicht. Mit der Zeit kamen Randgebiete dazu: Politik, Ökonomie, Europafragen. Dann kamen Kuriositäten dazu wie: Schweden, Nachtigallen, Islam und weiss Gott was. Da sieht man, wie sich das Leben voll packt, und wie die Jugendfreiheiten und die Mussezeiten bachab fliessen.

Deine ornithologischen Studien sind wirklich bemerkenswert. Und die Fotos sind aufregend. Ich habe das nie so genau beobachtet, hatte auch nicht die Gelegenheit. Und welche Funktion dieses zögerliche Füttern und Weglocken vom Nest hat! Das ist wirklich interessant und man fragt sich, wie die Evolution so was zustande bringt. Wir sollten das mit unseren pubertären Kindern auch so tun. Na ja, sie tun es so, und kaufen sich ihren Mac ausser Haus. Ich hatte einen Studienkameraden. Sie waren zwei Brüder zuhause, und der Vater war Arzt. Aber er hatte seine Kinder sehr knapp gehalten, hatte ihnen kaum genug Geld fürs Studium bezahlt. Und dieser Kamerad ist sehr tüchtig geworden, war es schon damals, besitzt heute viele Häuser und Wohnblöcke und ist ein tüchtiger Anwalt. Ich glaube, wer die Kinder etwas knapp hält, macht sie tüchtiger fürs Leben. Aber die Perser können das natürlich absolut nicht. Sie verwöhnen ihre Kinder nach Strich und Faden. Aber im Iran werden sie dennoch sehr tüchtig, weil es eine grosse Solidarität in den Familien gibt. Die Jungen ruhen sich nicht auf den Lorbeeren der Eltern aus, sondern tun alles, um im Leben noch höher zu steigen. Nun ja, ich selbst bin auch nicht knapp gehalten worden, und darum wohl ist mein Ehrgeiz eher begrenzt.

Könnte man das nicht als pädagogisches Prinzip bezeichnen: „Förderung durch Verknappung“. Das ist doch in ökonomisch knappen Zeiten ein nützliches Prinzip.

Ja klar, einen Roman zu beurteilen ist eigentlich anspruchsvoll. Aber diese Geschichten hier sind auch nicht so anspruchsvoll. Und wenn einer gut ist und mich packt, dann lese ich ihn sehr wohl von Anfang bis Ende. Oder zumindest beinahe. Ich musste auch lernen, in einem Buch Kapitel zu überspringen. Das konnte ich früher nicht. Ich hatte immer den Eindruck, dass man in einem Buch jedes Wort gelesen haben müsse, um es zu kennen. Aber das trifft bei weitem nicht zu. Man kann auch bloss eine Ahnung gewinnen. Und was Stil und Schreibweise betrifft, so wird der Autor bestimmt nicht gerade in jenem Kapitel eine völlig andere Art gewählt haben. Bücher sind ja doch irgendwie handwerkliche Kunstprodukte. Und wenn ich mir - sagen wir - eine hölzerne Puppenstube anschaue und sie prüfe, so kontrolliere ich nicht jeden Nagel, jede Konstruktion, jede Puppe. Ich nehme mir exemplarisch ein paar wichtige Teile vor und schliesse darauf auf das Ganze. Und das - so habe ich herausgefunden - kann man auch beim Buch machen. Das grösste Problem sind dabei die langweiligen Bücher, die Romane, die dich nicht packen, die Geschichten, die durchhängen. Da besteht die Gefahr, dass man ungerecht ist.

Im Moment lese ich die Biographie von Walter Benjamin. Ich hatte früher einiges von ihm gehört, ab und zu Zitate gesehen. Aber so als ganze Figur ist er mir neu. Offenbar hat Benjamin einen Artikel über ‚Kritik’ geschrieben und hat sich dabei auf die Romantik bezogen. Nach der Romantik ist das Ziel der Kritik, das Kunstwerk zur Vollendung zu bringen, durch innere Beleuchtung zum Strahlen zu bringen. Ist ein schöner Aspekt des Kritisierens, nicht wahr. Und Rezensieren ist ja doch auch kritisieren. Ich habe mich auch schwer getan mit dem Begriff Kritik und habe mir immer vorgenommen, den Leuten zu sagen versuchen, wozu das Buch taugt. Es gibt ja nicht einfach gute oder schlechte Bücher an sich. Es gibt ein gutes Buch, wenn Du vor dem Gotthardtunnel stundenlang in einer Autoschlange stehst und die ganze Familie fängt an zu quengeln. Es gibt gute Bücher, wenn Du für die Schule eine Arbeit scheiben sollst. Es gibt feine Kinderbücher, woraus man so etwas wie Lebenslust und Neugier lernen kann. Aber manchmal gibt es auch Bücher, die daneben gehen.

Das Problem bei den Jugendbüchern liegt darin, dass sich auch hier einige grosse Verlage entwickelt haben. Sie haben Know How, sie haben ihre Fachleute und ihre Standards. Sie produzieren Bücher mit Illustrationen, die sich sehen lassen. Und unsere Augen und Ohren gewöhnen sich daran. Und dann kommt ein kleiner Verlag und macht ein Büchlein mit seinen beschränkten Mitteln für eine kleine Auflage vielleicht. Das weicht oft in vielen Dingen von diesen homogenisierten, qualitativ guten Produkten der Grossen ab. Und erscheint leicht als minderwertig. Vor allem die Illustrationen sind oft etwas mager. Und ich selbst reagiere schnell auf Illustrationen. Ich wähle sogar viele Bücher bloss nach ihren Illustrationen, weil man in 5 Minuten ja doch nicht den Text, aber immerhin die Zeichnungen bewerten kann. Und ich glaube, ich habe ein Auge und kann beurteilen, ob eine Illustration von einem Profi oder einem Amateur stammt. Na ja, es gibt auch profihafte Amateure, wie mich zum Beispiel !!! ;--)))

Du sagst, das Kriterium eines guten Buches liege darin, ob Du vergisst, dass Du liest. Das weiss ich nicht, ob die Selbstvergessenheit wirklich ein Kriterium darstellt. Na ja, Du meinst wohl nicht Selbstvergessenheit, sondern totale Hingabe. Ich glaube, dass ich früher auch so geurteilt hätte. Aber heute bemühe ich mich, beim Lesen immerzu auch zu beobachten, wie der Autor das macht. Es ist ja doch alles erfunden. Weshalb erfindet er so und nicht anders? Wie kombiniert er seine Ideen? Warum sagt er dies, und nicht jenes. Sogar bei Büchern, die die Realität beschreiben, kann man so urteilen. Es ist alles gemacht, es ist alles arrangiert. Sogar die Realität ist arrangiert, entweder durch die Absichten des Autors oder durch meine eigenen Vorstellungen und Konzepte. Es gibt wohl nichts an sich. Und wer einfach so von ‚Natur’ spricht, macht sich verdächtig. Na ja, das ist meine etwas radikale medienkritische Position.

Vielleicht mache ich das Gegenteil von dem, was Du suchst. Ich suche Distanz, ich will niemals vergessen, dass ich ein Buch in der Hand halte. Und dann will ich dazu noch wissen, ob es ein gutes oder ein mittelmässiges Buch sei. Und da kommt mir meine gewisse Oberflächlichkeit ganz gut entgegen. Wenn ich nämlich anfinge, mich bei jedem Buch zu hintersinnen, käme ich zu keinem Ende und würde mich in den Aspekten und Details verlieren. Und schliesslich darf ich ja über jedes Büchlein nur um die 10 Zeilen schreiben. Das ist ein Nichts. Wenn man den Inhalt zusammenfasst, sind schon 8 Zeilen besetzt.

---

Siehst Du, wie die Pfingstrosen blühen? Es sind von allen Blumen die ersten, die ich in meiner Jugend irgendwie bemerkt habe. Vielleicht mal von den Hortensien abgesehen, die ich seit der Beerdigung meiner Mutter irgendwie kannte. Pfingstrosen haben Ameisen, deshalb vielleicht habe ich sie mir gemerkt. Und ich erinnere mich an ein Bild Manets mit schönen Pfingstrosen. Sie sind schön, wenn sie blosse Knospen bilden und sie sind schön, wenn sie in barocker Fülle sich offen den warmen Pfingsttemperaturen hingeben. Siehst Du Malou, ich bin ja wirklich nicht gerade ein guter Blumenkenner. Aber zu den Pfingstrosen habe ich ein kameradschaftliches Verhältnis gefunden. Und ich frage mich, weshalb wir in unserem Garten keine Pfingstrosen haben.


Ich wünsche Dir schöne Pfingsten.
MlGuK

...

Montag, 14. Oktober 2024

Kolibri?

 



Subject: Kolibri?
Date: Thu, 27 May 14:28


Lieber ...,
Ich bin in der Lunchpause nach Hause gefahren. Teils, weil schwarze Gewitterwolken in Richtung zu Hause am Himmel standen.. ich wollte Dinge. die ich hinausgestellt hatte retten... und dann war ich auch neugierig, ob das kleine Vögelchen nun ausgeflogen ist. Aber keineswegs. Und es macht mir Spass, die Bemühungen der Eltern zu sehen. Habe mir nie vorstellen können, wie viele pädagogische Kniffe sie verwenden, um dem Kleinen zu zeigen, was er tun soll (warum eigentlich ER?) und dass es nicht gefährlich ist. Ich habe versucht, ein Bild zu machen. Du siehst, wie der Vogel wie ein Kolibri in der Luft steht und mit Futter lockt. Manchmal setzt er sich aufs Dach und zeigt dann, dass man von dort aus fliegen kann... Ach, es ist rührend zuzusehen.


Und wieder hast du so viele Bücher mitgenommen? Das finde ich eigentlich schrecklich. Gewiss, manchmal kann man in einem kleinen Stück sehen, ob es gut ist oder nicht. Aber in einem Roman gelten auch andere Regeln. Z.B. die Story am Ende hinzukriegen.. eine gute Auflösung eines Dramas zu finden.. u.s.w. Mein Kriterium für ein gutes Buch ist, dass ich beim Lesen vergesse, dass ich lese. Und wenn es schlecht geschrieben ist, dann merke ich das und frage mich, ob ich damit Zeit vergeuden soll.
Manchmal versuche ich meine Mails nicht zu lang zu machen, weil du sie dann wahrscheinlich nur "überfliegst". Das mag ich nicht, denn jeder Satz ist, wenn nicht gerade interessant und formal gut, so doch für dich geschrieben.

Meinst du die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi? Sie wohnt doch immer noch im Iran, oder?
Oder gibt es mehrere mit demselben Namen? Sie ist Iranierin und Islamistin. Vielleicht ist Iranistin ironisch gemeint. ;-)

Ich muss nun wieder an die Arbeit gehen. Schreibst du mir noch ein paar Zeilen? Ich meine, weil du es heute nicht so streng hast, findest du vielleicht Zeit dazu.

Mit viel S und einem lieben UK,
Malou



Sonntag, 13. Oktober 2024

Domoineile

27 maj 08:16

Lieber ...,
Während ich dein mail lese halte ich ein Auge auf den Nistkasten. Dort ist es nun dramatisch. Ein kleines (ich glaube es muss das letzte sein) hat noch nicht den Sprung in die Welt getraut. Die Eltern tun ihr bestes indem sie sich zurückbeugen und das Futter weit von ihm halten. Manchmal ist sein kleines Körperchen mehr draussen als drinnen - und dann kommt er mir wieder vor, wie ein Kind, das auf dem Sprungbrett steht und nicht den Sprung ins kalte Wasser wagt.
Ich war gerade eine Weile draussen, um zu sehen, ob da eine Elster im Gebüsch lauert. Und dabei habe ich entdeckt, dass es ein himmlisch schöner Morgen ist. Ganz windstill und laue Luft. Auch herrlich barfuss über das taufrische Gras zu gehen.

So ich muss mich leider beeilen. Um 10.00 Uhr muss ich am Arbeitsplatz sein. Einige Klassen haben nun schon ihre letzte Stunde gehabt in diesem Schuljahr, aber manche habe ich noch so 2 Wochen.

Ich komme später nochmals vorbei.

Wünsche dir einen herrlichen Tag,
Mit lieben Gs und Ks,
Malou



Domosolala

 

Ämne: Domosolala (klingt wie Domodossola, schöner Name, nicht?)
Datum: den 27 maj 


Liebe Malou

(---)

Heute ist es regnerisch. Nachdem ich gestern Abend noch rasch ein Protokoll geschrieben habe, bin ich heute ein bisschen freier. Aber es gibt noch Vieles auf dem Programm. Ich bin ein Weltmeister darin, diese kleinen Dinge zu vergessen. Manchmal kann es passieren, dass - wenn mich einer nach 3 oder 4 Tagen auf etwas aufmerksam macht - ich keine Ahnung mehr habe, was ich da oder dort mal machen wollte. Nun, es sind auch 1000 kleine Dinge, die mich im Grunde nicht interessieren, die zu tun wären. Das ist die monotone Spannung.

Ich habe letzte Woche 40 (vierzig) Bücher geholt, die ich rezensieren will. Das sind meine kleinen Eskapaden. Im Moment ist es eine kleine Biographie von Walter Benjamin, die ich lese. Oder muss ich sagen ‚überfliege’. Ich lese die meisten Bücher nicht durchgehend, sondern verschaffe mir einen Eindruck von Inhalt, Stil, Machart, graphische Darstellung etc. Dazu muss man nicht alles lesen, obwohl natürlich gewisse Romane ihren Reiz erst gewinnen, wenn man sie durchgehend und zu Ende liest. Aber vor allem auch Lexika, Sachbücher, Anthologien kann man sehr gut nach dem Prinzip ‚PARS PRO TOTO’ lesen. Ich habe eine zweite Biographie gefunden, jene über Schirin Ebadi. Allerdings hatte ich sie mir früher schon gekauft und habe sie auch gelesen. Aber ich werde sie nochmals anschauen. Die Autorin ist eine offenbar in Deutschland lebende Perserin, ‚Iranistin’, wie es heisst. Was ist eine Iranistin? Gibt es auch Schweizisten? Bist Du eine Schwedistin?

Nein, wir wollen uns das Leben nicht mit schwierigen Fragen versauern!

Ich wünsche Dir einen feinen Tag
Mit lG+hK


.

Dienstag, 8. Oktober 2024

Wetter und Liebe in Juan-les-Pins

 Ämne: Re: Wieder da..

Lieber ... ,
Was immer das Thema auch sei, so verstehst du es ein kleines Kunststück daraus zu machen. Deine Gedanken über die Wettervorhersagen sind köstlich. Und da wir ja nun gerade wieder bei dem Thema gelandet sind muss ich dir sagen, dass auch wir im grossen Teil vom Lande sehr trockenes Wetter gehabt haben. Das staatliche "Vattenfall" droht schon jetzt damit ihre bereits riesigen Elektrizitätspreise nochmals zu erhöhen. Auch von Waldbränden sind wir nicht verschont geblieben. Aber hast du von Südfrankreich gehört? Ich habe gerade einen meiner Schüler in Antibes -Juan les Pins und er wird sicher viel zu erzählen haben.

In Antibes war ich mal bei einem Kurs für Französischlehrer und die Nachmittage haben wir meist am Strand in Juan les Pins verbracht. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Hotel und den schönen Park mit Palmen und wo Zitronen und Orangen an den Bäumen leuchteten. In der Nacht, wenn man durch die stillen dunklen Gassen nach Hause ging, hörte man Laute, die ich sonst nur in einem afrikanischen Djungel erwartet hätte. Und die Nächte waren lau und die Sterne leuchteten über dem Meer. Und einer der französischen Assitenten war etwas verliebt in mich und um mit mir ausgehen zu können musste er auch die anderen Frauen in meiner Gesellschaft akzeptieren. Er war gesprächig und auch sprituell und man sah, dass sich die Damen freuten über diese männliche Eskorte.
Es war eine schöne Zeit.
...

Samstag, 5. Oktober 2024

Kafka's Soup

 

Lieber Mausfreund,
...
Heute habe ich auch von einem neuen Buch gehört:


Kafka's Soup:
A Complete History of World Literature in 14 Recipes 
,
das auch in schwedischer Übersetzung erschienen ist.

Publisher Comments:
I needed a table at Maxim's, a hundred bucks, and a gorgeous blonde; what I had was a leg of lamb and no clues. I took hold of the joint. It felt cold and damp, like a coroner's handshake. I took out a knife and cut the lamb into pieces. Feeling the blade in my hand I sliced an onion, and before I knew what I was doing a carrot lay in pieces on the slab. None of them moved.

—from
"LAMB WITH DILL SAUCE À LA RAYMOND CHANDLER"
Na, du siehst so ungefähr den Stil... und dazu ganz wunderbare Fotos. Denn der Autor ist ein Londoner Fotograf.

Ich glaube ich muss mir dieses Buch besorgen, denn ich bin neugierig geworden, wie man Kafkas Lieblingsspeise beschreiben wird. ;-)







Freitag, 4. Oktober 2024

Erich Kästner

 


das junge Paar


Liebe Marlena
Ach, das war eine Geschichte von Erich Kästner! An ihn hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht. Kästner war nun ja in der Tat einer, der viele heimliche und unheimliche Geliebten hatte. Zu Kästner, respektive zu seinem Sohn, kann ich dir eine kleine Anekdote erzählen.
Wir waren vor etlichen Jahren zur Hochzeit von Stefan Kästner eingeladen. Seine Braut war die Tochter einer Freundin meiner Frau, und weil die Hochzeitsfeier in der Nähe von Zürich stattfand, luden sie uns dazu ein. Kästner selbst war ja nun schon lange tot. Aber seine Frau, respektive Freundin, also die Mutter des Bräutigams war natürlich zugegen. Wir haben dem jungen Paar damals ein Bild geschenkt, das ich selbst gemalt hatte. Ich glaube zwar nicht, dass sie dieses Bild heute noch in ihrer Wohnung hängen haben. Aber immerhin haben sie damals gute Miene zu diesem etwas subjektiven Geschenk gemacht. Nun hat S's Freundin, also die Brautmutter uns erzählt, wie die ganze Familie vor dem Hochzeitstag auf Nägeln gesessen ist und in Angst und Spannung der Dinge harrten, die da kommen sollten. Denn alle fürchteten, dass Stefan Kästner im letzten Moment einen Rückzug machen würde, weil er sich vor einer wirklichen Bindung fürchtete. Er hat es dann offensichtlich nicht getan und das Paar bezog dann eine gemeinsame Wohnung in München. Der junge Käster arbeitete dort damals als Pianist. Seine Frau war eine hübsche Jüdin mit schwarzen Haaren, dunkeln Augen und einem Teint. Der Bräutigam glich überigens seinem Vater ziemlich stark. Vor allem die starken Augenbrauen, wie ich fand, waren wie die seines berühmten Vaters. Und er war scheu und war auch etwas klein, wohl wie es sein Vater gewesen sein musste.
Erich Kästner, den ich im Übrigen sehr schätze, hatte nun bestimmt seine Probleme mit den Frauen. Es ist bekannt - und sicherlich weißt du das auch Marlena - dass er einen echten Mutterkomplex hatte. Man kann das ja in seinen Kinderbüchern nachlesen, wie der Mustersohn sich um seine tüchtige und sich aufopfernde Mutter bemüht. Kästners Mutter, das muss seine unheimliche Geliebte gewesen sein. Noch in fortgeschrittenem Alter hat er ihr täglich geschrieben, täglich, meine Liebe, und hat ihr seine schmutzige Wäsche geschickt und über all seine Liebschaften offenherzig erzählt. Er konnte wunderhübsche, charmante Briefe schreiben, unser Erich Kästner. Und so hat er sein Leben lang nicht geheiratet. Ich habe mal ein Büchlein rezensiert, in welchem seine Freundin Kästners Briefe an sie und ihren Sohn aus dem Tessin veröffentlicht hat. Kästner hatte Alkoholprobleme und war im Tessin zur Kur. Allerdings hat er sich dort regelmässig den Whisky im Teeglas servieren lassen.
Diese Briefe, so kann ich mich erinnern, waren sympathisch und lebendig, wie man sich Kästner nun mal vorstellt. Aber eines hat mich gestört. Er hat seiner Freundin und Mutter seines Sohnes immer wieder Geld geschickt in kleinsten Portionen und hat immer wieder von diesem Geld gesprochen. Das fand ich echt kleinbürgerlich und irgendwie knauserig. Er war doch damals kein armer Mann mehr! Aber sonst ist er schon ok, unser Kästner, ein grosser Humanist und ein guter Pädagoge.
Es gibt eine eindrückliche Stelle in seinem biographischen Buch "Als ich ein kleiner Junge war", wo er beschreibt, wie für ihn das Weihnachtsfest stets eine Marter war. Die Mutter hatte Geschenke für ihn und der Vater hatte Geschenke für ihn. Und er als sensibles Kind hatte den Hochseilakt zu bestehen, seine Dankbarkeit und seine Aufmerksamkeit auf beide Elternteile gleichmässig zu verteile, um nicht den einen vor dem anderen zu vernachlässigen. Er muss das gewesen sein, was wir in der Familientherapie ein drianguliertes Kind nennen, also ein Kind im Dreieck mit seinen Eltern, parentifiziert und schwer mit Erwachsenenproblemen belastet. Es gibt ja heute noch die Hypothese, dass er vielleicht ein unehelicher Sohn, das Kind mit dem Hausarzt der Familie, gewesen sein könnte, dass also sein Vater, ein einfacher Handwerker, nicht wirklich sein Vater gewesen wäre. Aber, das wollen wir diesem guten Erich Kästner lassen, er hat das beste daraus gemacht. Seine Jugendbücher sind heute noch wundervoll zu lesen. Kürzlich gab es eine Fernsehsendung, in der einige ehemalige Geliebte Kästners zu Wort kamen. Sie sind heute alle Damen in hohem Alter und sehen nicht mehr allzu blühend aus. Aber alle haben über ihn mit viel Respekt und Begeisterung gesprochen, keine schien mir irgendwie enttäuscht oder beleidigt gewesen zu sein. Er muss sie wirklich verwöhnt haben und muss ein charmanter Liebhaber gewesen sein. Er wäre darin wirklich ein gutes Vorbild für mich.
Dass sich also Kästner in seiner Geschichte als Künstler mit einer deutlich jüngeren Frau beschäftigt, ist durch sein Leben gut motiviert. Ich denke, die Frauen waren ihm insgesamt etwas unheimlich und überwältigend. Und so ein junges hübsches Fräulein war leichter zu "apprivoiser", zu einem Teil seiner selbst zu machen. Er gibt seinem schweigsamen Fräulein zum Schluss der Geschichte unendlich viel Macht. Je weniger sie sagt, desto mehr ist er ihr ausgeliefert und mit ihr verstrickt.
Was sagen denn deine Schüler zu dieser Geschichte? Was sagen die emanzipierten jungen Schwedinnen und jungen Schweden zu einer solch ungleichen Paarung? Man kann die "Szenen einer Ehe"(das ist der deutsche Titel von Bergmans Film) schon im voraus riechen, die aus dieser Paarung entstehen werden, nicht wahr?
Und die Moral der Geschichte? Soll ich mich hüten, mich in Zukunft zu sehr in Texten, Gedanken und Erzählungen zu verausgaben? Vielleicht muss ich mich mehr zurückhalten, mich mehr auf die Zeichnung konzentrieren, und die grossen Worte beiseite lassen. Doch irgend einmal wird die Zeichnung zu Ende sein. Und dann werden wir sie über dem Sofa aufhängen. Über welchem Sofa, das wird dann die grosse Frage sein!

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Nichts Persönliches - oder doch?

 

Subject: Nichts Persönliches - oder doch?

Lieber ... !
Ein bisschen Literatur für den Abend. Es ist ein Text den ich manchmal in der Schule verwende. Vielleicht gefällt er dir auch.
À bientôt
Marlena

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Das schweigsame Fräulein

Sie war sehr jung, sehr unerfahren und sehr wissbegierig. Er war genau so wissbegierig, nicht eben unerfahren und fast zwanzig Jahre älter. Trotzdem hätte er von ihr manches lernen können; denn sie war, wenn auch ein Mädchen, eine Frau, und er, wenn auch ein Mann, ein Kind. Aber sie kamen nicht auf diesen naheliegenden Gedanken. Oder scheuten sie sich darauf zu kommen?
In den Tagen, da sie ihn heimlich besuchte, damit er ihr schönes Gesicht wieder und wieder zeichne, um den Zauber ihrer Züge aufzuspüren, sagte er gelegentlich: "Sie dürfen getrost sprechen, während ich arbeite. Ich will sie ja nicht photographieren. Reden Sie getrost, mein Kind."
"Ich bin kein Kind", antwortete sie dann ruhig. Und so redete er statt ihrer, indes sein Blick gespannt zwischen dem Gesicht und dem Block hin- und herwanderte. Sie schwieg, schaute ihn unverwandt an und sagte nur manchmal: "Aha." Oder: "Ja, ja." Oder: "So, so."
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"Lesen Sie zuweilen Liebesromane?" fragte er eines Tages. Und als sie, wie gewöhnlich, schwieg, fuhr er fort: "Lassen Sie's sein. Man kann nichts daraus lernen, mein Kind."
"Ich bin kein Kind", sagte sie ruhig.

"Nirgendwo", sagte er, "wird so viel niederträchtig geheuchelt, nirgends werden Wirklichkeit und Wahrheit so kaltblütig unterschlagen wie in den Liebesromanen. Wenn ein Schriftsteller beschreiben will, wie jemand jemanden umbringt, oder in kleine Stücke schneidet, oder sich selbst aufhängt, oder eine Stadt anzündet, oder ein Tier quält, sind seiner Genauigkeit keine Grenzen gesteckt. Niemand käme auf die Idee, ihm seine Gründlichkeit zu verübeln. Keine Behörde würde versuchen, sie ihm zu verbieten. Manche Romane sind wahre Handbücher für angehende Räuber und Mörder. Unterfängt sich aber ein Dichter, Dinge der Liebe zu schildern, die ja doch das grösste, wenn nicht das einzige Glück für uns Menschen bedeutet, ist er so gut wie verloren. Er täte besser, sich umzubringen, bevor es die anderen tun. Das Scheusslichste darf er entschleiern. Das Schönste mit Worten auch nur anzudeuten, ist ihm verwehrt. Es dennoch zu versuchen, wäre Todsünde. Die Grundlagen des Staates, der Kirche und der Gesellschaft würden sonst wanken. Und die Gebäude, die darauf errichtet worden sind, müssten einstürzen wie Kartenhäuser. Die Hüter der Konventionen zittern Tag und Nacht vor der elementaren Gewalt des Glücks und der Liebe."
Sie sah ihn unverwandt an und murmelte: "Aha."
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"Im Grunde", sagte er ein andermal, "ist es zwei Menschen, die sich lieben oder sich doch zu lieben glauben, völlig unmöglich, einander wahrhaft nahezukommen. Vermutlich werden Sie diese Behauptung bezweifeln, mein Kind."
"Ich bin kein Kind", erwiderte sie sanft.

"Ein französischer Dichter unserer Tage", fuhr er fort, "hat die Unmöglichkeit, einander vollkommen zu begegnen, in einer recht düsteren Allegorie zu anschaulichen versucht. Jeder der beiden Liebenden, meint er, sei wie in einem groben Leinensack eingenäht, so dass er nichts sehen und sich kaum bewegen könne. In dieser betrüblichen Verfassung stünden sie sich nun gegenüber, spürten die beglückende Nähe des anderen, fühlten die Welle der ans schmerzliche grenzenden Zuneigung, sähen Dunkelheit, Leinwand rühre täppisch an Leinwand, unbeholfen und unzulänglich, und keiner der beiden wisse eigentlich, wer denn nun und wie in Wahrheit der andere sei.

- Der Vergleich klingt nicht sehr poetisch und nicht gerade tröstlich, aber ich befürchte, dass er zutrifft. Es heisst in der Bibel, dass schon Adam und Eva den Apfel vom Baume gepflückt und verzehrt hätten. Ich halte das für eine Falschmeldung. Man hat nur vergessen, sie zu dementieren. Er hängt noch immer hoch oben im Baum, der geheimnisvolle Apfel, und ist den Menschen ewig unerreichbar."
Sie schaute ihn unverwandt an und sagte leise: "So, so."

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"Man verfällt nur allzu leicht - was man doch längst weiss, vergessend - der Meinung", sagte er eines schönen Nachmittags, "die hierzulande offizielle Ächtung der Liebe sei alt wie die Welt. Wie aber verhält es sich denn wirklich? Wurde die Liebe immer und wird sie etwa überall versteckt, als sei sie eine Sünde und Schande? Als gehöre sie ins Gefängnis, und man täte recht, von ihr zu schweigen wie von einer Verwandten, die silberne Löffel zu stehlen pflegt? Es war nicht immer so, das weiss jedes Kind."

"Ich bin kein Kind", antwortete sie ruhig.

"Es war nicht immer so", wiederholte er. "Denken Sie nur an die alten Griechen, die der leiblichen Schönheit in den Tempeln anbetend huldigten. Es war und ist nicht überall so. Denken Sie nur an die indischen Lehrbücher der Liebe. Und vergessen Sie nicht die natürliche, offenherzige Auffassung des Japaners, die er von Dingen und Vorgängen hat, die man im heutigen Abendlande in geradezu kindischer Manier totschweigt oder unappetitlich bekichert. Wie aber, frage ich, kann man denn aufrichtig vom seelischen, vom himmlischen Anteil der Liebe sprechen, wenn man die irdische Liebe verachtet, ächtet, und sich ihrer schämt? So wird nicht nur ein Teil, so wird das ganze zur Lüge."
Sie blickte ihn unverwandt an und sagte: "Ja, ja."

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So und ähnlich redete er, während er sie immer und immer wieder zeichnete. Und so und ähnlich schwieg sie dazu. Bis dann jener Nachmittag nahte, da er, den Kopf schief haltend, die letzte Zeichnung prüfte, dem Blatt ein wenig zunickte und sagte:
"Besser kann ich's nicht, mein Kind."
Sie schwieg.

"Es wäre leichtfertig", fuhr er fort, "Sie weiterhin um Ihre Besuche zu bitten. Die Zeichnung ist, an meinem Talent gemessen, nicht übel. Wollen Sie sich das Blatt ansehen, mein Kind?"

Sie stand schweigend auf und trat hinter ihn.

Er räusperte sich. Dann fragte er: "Darf ich's Ihnen schenken - mein Kind?"

"Nein", sagte sie. "Wir hängen es dort drüben übers Sofa."


Er drehte sich erstaunt zu ihr um. Sie lächelte ein wenig, blickte sinnend von einem Fenster zum andern und meinte: "Neue Vorhänge sollten wir besorgen.

Wenn es - dir recht ist."

Er sah sie unverwandt an und murmelte, nach ihrer Hand greifend:

"Oh, ich Kind."



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